Schwiegeroma im Heim

  • Hallo und Guten Tag,


    meine Schwiegeroma ist vor einer Woche ins Heim gekommen. Sie ist 88 Jahre alt und dement. 1,5 Jahre hat meine Schwiegermutter sie bei sich gepflegt, aber es ging einfach nicht mehr. Meine Schwiegermutter hat extrem abgebaut. Und die Oma hat ebenfalls extrem abgebaut, konnte oder wollte nicht mehr laufen, abends ist sie regelmässig "durchgedreht" und die letzte Woche vor dem Umzug ins Heim war sie jede Nacht unterwegs bis 5 Uhr früh, am Tag entsprechend geschlaucht und müde. Da sie in der Zeit davor immer gesagt hatte, dass sie doch besser ins Heim gehört und keinem zur Last fallen möchte, fiel es einigermassen leicht den Schritt zu gehen. Aber es ist natürlich nicht leicht über einen Menschen zu entscheiden.
    Im Heim ist es - den Umständen entsprechend - wirklich modern und schön. alles ist leichter und es lief auch ganz gut an. leider haben die 5 Kinder aber eine Notlüge angewendet. die haben gesagt, dass meine Schwiegermutter Urlaub macht und sie daher dorthin muss. Zeitangabe war nicht genannt, damit ist sie auch überfordert. aber sie denkt natürlich, sie kann wieder raus.
    Wie kommt man nun aus dieser Notlüge heraus ?
    Ich besucht sie täglich, meist mit meinem Hund, weil der mit ins Heim darf und sie ihn sehr liebt. aber heute war ich mit dem Auto dort und sie ist heraus gerannt und wollte ins Auto und mit mir wegfahren.
    sie fühlt sich von allen verlassen und abgestempelt, ihr konto hätten wir auch leer geräumt.
    eigentlich habe ich das Gefühl, dass es ihr dort gut geht. sie isst wieder besser, sie kann wieder gut laufen, sie läßt sich dort sogar waschen und macht bei der Ergo mit. aber sobald eines ihrer 5 kinder dort auftaucht (oder jetzt auch ich) will sie nach Hause. meine Schwiegermutter war bislang nicht dort (sie ist ja "im Urlaub"), aber sie ist extrem gefährdet. weil sie sehr weich ist, lange selber altenpflegerin war und ihrer mutter jahrelang leibeigen war (selber schuld, muss man sagen, aber nun großes problem).
    ich denke, ein Austausch mit anderen demenzangehörigen tut immer gut.
    wie finde ich da gruppen ?
    wie kann ich helfen ?
    wo finde ich gute Information im Umgang.
    ich arbeite voll und habe Kinder, Mann und Hund und bin auch schon ganz schön am ende. und das nach einer woche....und nur besuch....


    danke fürs Lesen und gute Ratschläge

  • Meine Mutter ist Anfang März in ein sehr schönes Pflegeheim gekommen. In einigermassen klaren Momenten gefällt es ihr gut und seit Jahren lag sie mir in den Ohren dass ich sie in einem guten Pflegeheim unterbringen sollte. Nun habe ich das getan und sie sagt jeden Tag, dass sie nach Hause will. Und jetzt kommt der Witz: das sagte sie seit einem halbem Jahr auch in ihrer Wohnung in der sie seit 25 Jahren lebt. Sie möchte in das Waisenhaus in dem sie gelebt hat, dieses liegt in ihrer Vorstellung in ihrer alten Postbankfiliale. Beide liegen in der Realität ca 2000 km voneinander entfernt.
    Diesen Wunsch kann ich ihr also beim besten Willen nicht erfüllen. Manchmal bittet sie mich auch sie in einem guten Pflegeheim unterzubringen. Es ist sinnlos ihr etwas zu erklären, sie kann es nicht erfassen, und vergisst es nach 1 min ohnehin.


    Deshalb sage ich jetzt auch grundsätzlich dass sie vier Wochen auf Kur ist. Das ist für sie die angenehmste Variante, Kur ist ja erstmal was Gutes und ja, manchmal fühlt sie sich etwas flau. Und nach vier Wochen bringe ich sie nach Hause. Dann ist sie zufrieden. Es geht nicht darum die Wahrheit zu sagen, sondern die Variante zu wählen die am wenigsten angsteinflössend ist, finde ich. Merken tut sich meine Mutter eh nichts, zeitlich ist sie nicht orientiert.


    Ist das Gedächtnis Deiner Oma denn noch intakt?

  • Danke für die Antwort !
    Manchmal erscheint die Oma total klar, dann wieder überhaupt nicht.
    Ich denke, sie bringt gegenwart und vergangenheit auch durcheinander. aber sie kann sich durchaus an vieles noch sehr gut erinnern.


    Die ersten Tage hat sie gefragt, wann ihre Tochter aus dem Urlaub kommt. aber die letzten 2 Tage war das weg. da hat sie auch anrufen lassen und meine Schwiegermutter ist auch noch rangegangen. das hat sie so nicht verinnerlicht, dass sie ja gar nicht hätte da sein dürfen.


    ich habe mich hier mal belesen auf den Seiten. das hilft ganz gut. aber schwierig bleibt es.


    Meine Schwiegermutter möchte sie besuchen. meint aber, dass sie weinen müssen wird. aber ich denke, dass das okay ist. sie kann ja dann sagen, dass sie traurig ist, aber dass sie sie hierlassen muss, weil es nicht anders geht. nach allem was ich hier gelesen habe, wäre das okay. auch wenn sich die oma dann sicher sorgen um die tochter machen wird.
    es ist ehrlich.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo makay,


    Hut ab, dass Sie sich so intensiv um die Oma kümmern! Ich hoffe, das Stöbern in den Forumsbeiträgen hat Ihnen bereits Ideen gegeben, wie Sie sich weiter verhalten können.
    Grundsätzlich ist die Notlüge mit dem Urlaub der Hauptbezugsperson bei Einzug in ein Heim wenig hilfreich: Urlaub impliziert nur eine kurze Abwesenheit. Das bewirkt, dass sich der Erkrankte im schlimmsten Fall gar nicht auf die neue Umgebung einlässt und nur dem Tag der Heimkehr entgegen fiebert. Da Sie aber sagen, dass es ihr dort eigentlich ganz gut zu gehen scheint und sie sich auch auf Angebote einlässt, wäre es vielleicht eine Idee, sie zwar weiterhin regelmäßig, aber in größeren bzw. größer werdenden Abständen zu besuchen? Ob und wie gut das Ihre Oma wegsteckt, muss man einfach beobachten, das ist sehr individuell. Auch würde ich bei den Besuchen kleine Spaziergänge mit ihr durch das Haus und über die Gänge machen und möglichst viele Dinge (glaubhaft!) als schön, attraktiv herausstreichen, damit vielleicht die Botschaft ankommt, es dort doch ganz gut getroffen zu haben. Es kann auch hilfreich sein, Kontakte mit Mitbewohnern anzubahnen...
    Geben Sie besser keine Zeitangaben, wann Sie wiederkommen, aber bekräftigen Sie immer: "Oma, ich muss jetzt gehen, aber ich komme bestimmt schon sehr bald wieder!"


    Alles Gute wünscht Ihnen
    S. Sachweh

  • Ich beherzige das schon.
    Erzähle ihr auch, dass ihre Kinder arbeiten (was größtenteils stimmt), sage immer wieder was für ein helles, schönes Zimmer sie hat und das alles so ebenerdig und praktisch ist (es ist in der Tag ein Fortschritt, denn zu Hause war es suboptimal), usw.
    Wenn ein Tag gar kein Besuch da war und ich spät komme, dann ist sie schon sehr außer sich darüber. Besuch ist wichtig. Und sie geht dem Personal dann auf den Wecker, dass sie überall anrufen sollen. das machen die dann einmal, aber das Telefonieren verwirrt sie total, weil sie leider sehr schwerhörig ist.
    Ich denke, der Abstand wäre gut, damit sich besser einlebt, aber man kommt sich dann sehr herzlos vor. Und dem Personal mag ich nicht zumuten, dass sie sich irgendwie mehr um sie kümmert oder beoabchtet . das können die ja gar nicht.
    Gut wäre es vielleicht, wenn meine Kinder mal hingehen würden. da käme sie nicht auf die idee mit nach Hause zu gehen, aber sie würde sich freuen. Meine Kinder haben aber Angst davor, was ich auch verstehen kann.
    Letztendlich ist es nicht meine Oma, nur meine Schwiegeroma, aber wenn ich nicht aufpasse, komme ich in die Tochterrolle.
    Gerne würde ich sie in der Zeit, in der ich mit ihr "Kämpfe", so wie gestern, spazieren fahren, ihr die schönen Osterglocken zeigen, die überall blühen oder rüber an den Strand (das Heim ist direkt an der Ostsee).
    davon hätten wir beide mehr.
    vielleicht ist es eines Tages machbar.


    Die Seite hier gefällt mir gut, aber es ist eben auch zeitaufwendig sich durch alles zu lesen.

  • Heute war nun mein Mann da und das gleiche Spiel fand statt. Sie wollte unbedingt mit ihm mit.
    Und nannte ihn dann Schlappschwanz und Weichei, weil er sie nicht mitnehmen würde. dann könne er auch gehen.
    was er dann auch getan hat.
    das ist nun aktuell ganz schön schlimm.
    Meine Tochter fuhr vorhin mit Rollschuhen vorbei uns sah sie druaßen herumirren. sie hat dann dem Pfleger Bescheid gegeben. ich weiß gar nicht wie das ist, wenn sie abhaut und ob das so schnell immer jemand merkt ?

    • Offizieller Beitrag

    Hallo makay,


    über das Weglaufen und das, was das Heim hier an Aufsicht und Kontrolle leisten kann, sollten Sie sich dringend mit einer Leitungskraft (Heimleiter, sozialer Dienst, Wohnbereichsleitung) aus dem Haus besprechen. Es gibt immerhin die Möglichkeit, die Erkrankten mit GPS-Peilsendern für Notfälle auszustatten. Und sollte es wahrscheinlich sein, dass die Schwiegeroma sich unbemerkt aus dem Staub macht, ist es auch gut, dem Haus und der Polizei ein aktuelles Porträt-Bild zur Verfügung zu stellen für etwaige Suchaktionen...


    Dass Sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie die Besuche vorübergehend aussetzen, damit die alte Dame sich besser einleben kann, ist mehr als verständlich. Die Praxis zeigt aber, dass das meistens der bessere Weg ist. Zumal, und das gebe ich auch zu bedenken, Menschen mit Demenz sehr wohl und sehr heftig über die Körpersprache-Ebene mitbekommen, wenn wir uns in ihrer Nähe nicht wohlfühlen, aufregen, gestresst sind, fassungslos wegen der Wesens- und Verhaltensveränderung sind... davon hat sie dann letztlich auch nichts, oder?


    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie eine Balance zwischen sozialem Engagement und Schutz für sich selber und Ihre Familie finden werden...
    S. Sachweh

  • Liebe Frau Sachweh,
    danke für Ihre Worte.
    Es ist laut Heimbetreuung alles überhaupt kein Problem mit der Oma.
    Nur wenn einer von uns kommt, scheint wie ein Schalter umzukippen und der Gedanke, dass sie abgeholt wird, ist da und sehr mächtig.
    Die 5 Kinder müssen ihr nun den Zahn ziehen und die Notlüge begradigen. das haben sie zum Ende der Woche vor.
    Ich gehe seltener und versuche meine Schwiegermutter in eine Selbsthilfegruppe einzubringen.
    Danke.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Makay,


    wenn ich richtig mitgelesen habe, ist Ihre Schwiegeroma seit Anfang April in der Einrichtung.
    Ich finde es beeindruckend, wie sehr Sie sich kümmern, die Familie da ist. Aus eigener, langer Erfahrung im Pflegeheim kann ich Ihnen sagen: die Betreuer/innen im Heim schildern vermutlich wirklich ehrlich ihr Erleben, und dass all das kein Problem ist. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen mit Demenz nach dem Heimeinzug so und ähnlich reagieren, wie Sie es hier beschreiben. Vier Wochen bis drei Monate bedarf so eine Um- und Eingewöhnung schon mal, dann sollte langsam Beruhigung / Normalität eintreten bzw. eingetreten sein. Bis dahin heißt es - für alle Beteiligten - auch viele Dinge auszuhalten. Das habe ich oftmals als schwierig erlebt. Aushalten, ohne in "Aktion" zu treten, Entscheidungen wieder zu ändern, Veränderungen zu erzwingen. Dabei ist genau auch das eine Stärke, die Menschen mit Demenz von uns Nichtdementen auch einmal brauchen und erwarten dürfen: dass wir "nur" mit ihnen aushalten.


    Viel Kraft dabei.


    Es grüßt Sie
    Jochen Gust

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