Medikation bei Lewy-Körper-Demenz

  • Vor ca. 6 Jahren wurde bei meinem jetzt 82-jährigen Vater vom Neurologen nach mehreren Sturzereignissen eine Altersepilepsie diagnostiziert, die mit Keppra behandelt wird. In der Folgezeit hat der behandelnde Neurologe die Diagnose einer Demenzerkrankung gestellt, und eine Zeitlang erhielt mein Vater Aricept, worunter sein Zustand sich deutlich besserte. Dann wurde das Medikament aber abgesetzt, weil es "ausgereizt" sei. Seither nehmen die Probleme wieder deutlich zu. Derzeit erhält mein Vater außer Keppra noch Seroquel prolong und Citalopram. M.E. sprechen die Symptome bei meinem Vater (fluktuierender Verlauf mit Wechsel zwischen weitgehend unauffälligem Verhalten und deutlichen Verwirrtheitszuständen, häufige Stürze bzw. motorische Unsicherheit) visuelle Halluzinationen sowie die deutliche Verschlechterung der Symptomatik unter dem Neuroleptikum Risperdal, das er wegen der Halluzinationen zwischenzeitlich erhielt) für das Vorliegen einer Demenz mit Lewy-Körperchen.
    Ist es auch bei dieser Demenzform so, dass Cholinesterasehemmer nur über einen begrenzten Zeitraum wirken oder könnte man einen erneuten Versuch mit einem Cholinesterasehemmer machen?

    • Offizieller Beitrag

    Sehr geehrter Fragensteller,


    der von Ihnen geschilderte Verlauf der Erkrankung Ihres Vaters ist ebenso wie die bereits erfolgte Behandlung recht komplex. Um Ihre Frage nach der erneuten Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung mit Acetylcholinesterasehemmern im Falle einer vermuteten Lewy-Körperchen-Demenz sinnvoll beantworten zu können, sollte zunächst die genaue Diagnose Ihres Vaters geklärt werden.


    Wie Sie schreiben, wurde die Diagnose einer Altersepilepsie und dann erst die Diagnose eines dementiellen Syndroms gestellt. Worauf basierte diese diagnostische Einschätzung? Wurde ein MRT des Schädels zur Beurteilung der Hirnstrukturen und möglicher Sturzfolgen (z.B. eines Subduralhämatoms) durchgeführt? Wurde ein EEG veranlaßt, in dem sich epilepsietypische Potentiale zeigten, die die Dauermedikation eines Antikonvulsivums wie Levetiracetam (Keppra) rechtfertigten? Falls sich im MRT des Schädels eine generalisierte Hirnvolumenminderung gezeigt hat, ist damit noch nicht notwendigerweise vom Vorliegen einer Demenz vom Lewy-Körpchen-Typ auszugehen, da bei dieser Demenzform auch die sogenannten Basalganglien mitbetroffen sind und es zudem klinische Überschneidungen zum Parkinson-Demenz-Komplex gibt. Wurde vielleicht bereits die Diagnose eines Parkinson-Syndroms erwogen?


    Weiterhin wäre zu prüfen, ob nicht die Medikation von Levetiracetam (Keppra) zu einer Zunahme von Unruhe und Agitation bzw. Verwirrtheit geführt hat, da in der Literatur gerade bei älteren Menschen durchaus derartige Nebenwirkungen einer(Hoch)dosisbehandlung mit diesem Antikonvulsivum beschrieben sind. Hier kann der Levetiracetamspiegel 12 Stunden nach der letzten Einnahme bestimmt werden. Ebenso sollte der Spiegel des Medikamentes Seroquel (Quetiapin) kontrolliert werden. Weiterhin kann sich unter Citalopram gelegentlich eine Hyponatriämie entwickeln, die ihrerseits mit klinischen Symptomen wie zunehmender Verwirrtheit, weiterer Verschlechterung der neurokognitiven Leistungsfähigkeit und unter Umständen psychotischem Erleben einhergeht. Auch hier sind regelmässige Laborkontrollen des Natriumspiegels ratsam.

    Was in der Krankengeschichte Ihres Vaters ungewöhnlich scheint ist die Diagnose einer Altersepilepsie, ohne dass hier ein erkennbarer Auslöser angegeben wird. Möglicherweise sind die Sturzereignisse auch durch andere Ursachen bedingt (z.b. kardovaskuläre Synkopen). Falls es sich tatsächlich um ein epileptisches Geschehen handelt, wäre zu fragen, ob evtl. erst durch einen Sturz eine Hirnschädigung erfolgte (z.B. im Bereich des Temporallappens), durch die dann eine hirnorganische Grundlage für eine Epilepsie entstand. Hier sind aus meiner Sicht noch einige Fragen offen.


    Die Diagnose einer Lewy-Körperchen-Demenz würde zwar durchaus zu Teilaspekten passen, die Sie geschildert haben (fluktuierender Verlauf, Verschlechterung unter Medikation von Risperidon (Risperdal), Halluzinationen), ist aber angesichts der komplexen Anamnese anhand Ihrer Angaben und ohne weitere Untersuchungsbefunde nicht ohne Weiteres zu bestätigen. Außerdem stellt auch die Behandlung mit Seroquel prolong bereits eine antipsychotische medikamentöse Behandlung dar, die bei einer Lewy-Körperchen-Demenz üblicherweise (nur relativ niedrig dosiert) erfolgt. Hier bietet sich eine Spezialuntersuchung an, mit deren Hilfe zumindest neurobiologische Veränderungen eingegrenzt werden könnten, die für das Vorliegen einer Lewy-Körperchen-Demenz sprechen, nämlich ein DAT-Spect oder - falls nicht verfügbar - mindestens eine PET-CT-Diagnostik des Gehirns.
    Falls die Befunde letztlich in Richtung einer Lewy-Körperchen-Demenz weisen sollten, kann ein erneuter Versuch mit einem Acetylcholinesterasehemmer erwogen werden. Hier empfiehlt sich nach Datenlage bspw. Rivastigmin (Exelon), da es in dieser Indikation besser als andere Präparate dieser Substanzgruppe untersucht ist. Allerdings dürften die Hoffnungen bei diesem Präparat begrenzt sein, falls zusätzlich eine epileptische Erkrankung sowie ggfs. ein weiterer neurodegenerativer Prozess vorliegen.


    In jedem Fall sollten Sie die obigen Anmerkungen einmal mit dem Neurologen Ihres Vaters besprechen und gemeinsam überlegen, ob eine Erweiterung der Diagnostik und ein erneuter medikamentöser Behandlungsversuch mit einem Acetylcholinesterasehemmer wirklich Sinn machen. Falls Sie sich unsicher sind, können Sie die vorhandenen ärztlichen Unterlagen im Sinne der Einholung einer "zweiten Meinung" auch mit einem Arzt einer universitären Gedächtnisambulanz persönlich besprechen.


    Mit freundlichen Grüßen,


    Dr. E. Kaiser

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