Alte Eltern streiten nur noch

  • Hallo,


    meine Eltern (83 und 82) sind seit 60 Jahren verheiratet und wohnen noch in ihrer gemeinsamen Wohnung. Das Miteinander war noch nie einfach - mein Vater hat nichts anbrennen lassen und darum war meine Mutter ständig eifersüchtig. Mein Vater war immer irgendwie "der Herr im Haus", meine Mutter eher unterwürfig.


    Seit einiger Zeit nun erzählt mir mein Vater jede Woche, dass meine Mutter ihn ständig beschuldigt, fremd zu gehen. Ok, da könnte man meinen, hat er ja auch irgendwie selbst schuld. Aber nun ist er alt und ich glaube nicht, dass er das wirklich "tut".


    Hellhörig wurde ich, als er erzählte, sie würde die Frauen nun auch an ihrem Bett stehen sehen. Halluzinationen?!


    Oder sie würde ihn gegenüber bei einer jungen Frau in der Wohnung sehen... Das z.B. kann ich mir nicht vorstellen, da meine Mutter aufgrund einer Altersmakula schlecht sehen kann. Also: wie soll sie ihn sehen, wenn sie nicht sehen kann?!


    Desweiteren würde meine Mutter kontrollieren, ob mein Vater mit dem Auto weggefahren ist, indem sie die Garage "bewacht".


    Und jetzt stellt sich mir, als Tochter, die Frage, wer wird denn nun langsam "komisch"?! Meine Mutter, die sich derartige Dinge einbildet? Oder bildet sich mein Vater ein, dass sich meine Mutter das einbildet? (seine Mutter hatte schwere Demenz und hat sich auch einiges eingebildet!)


    Zum Arzt wollen sie nicht, denn sie wollen gar nicht wissen, ob sie dement sind!


    Allerdings habe ich Angst, dass sie sich irgendwann mal gegenseitig die Treppe hinunter schubsen o.ä., denn der Ton untereinander wird ständig aggressiver... Was kann ich bloß tun? Wie kann ich mich verhalten? Ich möchte denjenigen, der recht hat, ja auch nicht mit der Situation allein lassen...

  • Wenn du eine Zeit bei ihnen zu Besuch bist, bekommst du dann kein Gespür dafür, wer hier der komischere ist?
    Kannst du dich mit keinem der beiden über diese Problematik unterhalten.
    Sprich sie darauf an. Konfrontiere sie damit.
    Das muss doch herauszufinden sein...

  • Hallo,
    als ich diesen Bericht gelesen habe, dachte ich, es wird Situation mit meinen Eltern beschrieben (1:1).
    Die Beide streiten sich nur noch, jeden Tag.. und wir werden mit rein gezogen. Oft eskaliert es und es kommt zwischen beiden zu Prügelei.


    Ich weiß nicht mehr weiter. Eins steht fest, dass etwas gemacht werden soll.
    Aber was? Wo kann man sich die Hilfe holen? Gibt es Stellen oder Menschen, die für solche Situationen spezialisiert sind?
    Man hat viele Fragen und man weißt nicht, wo man anfangen soll.
    Mich würde wirklich interessieren, wie eure Situation mit den Eltern gelöst wurde? Es könnte vielleicht uns weiter helfen.


    Wir freuen uns über jeden Rat, denn dieser Horror soll aufhören.


    Danke im Voraus, Tina

  • Ich wärme einfach mal diese alte Diskussion auf, trotz der gelben Warnung, das Thema sei vielleicht veraltet. Ich denke, Ehestreitigkeiten sterben nie aus.


    Gestern Abend hat mich mein dementer Vater angerufen, ich müsse unbedingt vorbeikommen. Meine Mutter hätte ihn so angegriffen. Er wusste aber überhaupt nicht mehr, was vorgefallen war. Habe dann mit meiner Mutter telefoniert. Sie haben im Radio eine Sendung über die psychischen Folgen der Pandemie gehört, mein Vater hat irgendwas von einem Mädchen aus der Schulzeit erzählt, das psychische Probleme hatte und dem er geholfen hat. Meine Mutter meinte dann wohl, sie habe ja auch psychische Probleme und ihr hilft er nicht. Ich nehme mal an, es wird sich dann hochgeschaukelt haben, und sie wird ihm wahrscheinlich gesagt haben, er sei der Grund für ihre Probleme.


    Zum einen stimmt das natürlich. Es ist schwer für sie, er ist unheimlich anhänglich geworden und nervt sie ständig. Ab 10 Uhr früh geht es los, alle Paar Minuten, "wann essen wir denn Mittag," "was essen wir denn," "ich mach schon mal eine Flasche Wein auf" usw.


    Ich sehe beide 2-3x pro Woche, aber wir machen meist Ausflüge, da ist er nicht so nervig, auch wenn man den ganzen Tag mit ihm zusammen ist. Aber daheim, wenn er sich langweilt, da ist es schlimm.


    Er weiss natürlich nicht, wie sehr er meine Mutter nervt, und eigentlich will er hilfsbereit sein. Insofern ist sie der "Aggressor" -- man könnte diese Streitigkeiten vermeiden, indem man ihn einfach reden lässt, viel lobt, usw. Doch das kann sie offenbar nicht, 50 Jahre Ehehölle und jetzt noch psychische Pobleme, vielleicht sogar auch bei ihr beginnende Demenz.


    Leider ist es dann wenn es zum Streit kommt so, dass er sehr aggressiv wird. Er hat meine Mutter schon einige Male gewürgt. Man kann da natürlich im Nachhinein nicht schlichten, weil er es abstreitet (sich nicht erinnert), und man kann ihm ja auch nicht dazu bringen, sein künftiges Verhalten zu ändern.


    Er will sich nach sowas natürlich dann immer trennen, am Besten mit mir zusammenziehen (weil wir uns ja verstehen = ich widerspreche und korrigiere nicht). Meine Mutter wäre gottfroh, ihn los zu sein, aber weiss natürlich, dass es nicht geht.


    Jetzt meine Frage, wie kann man das so ein bisschen verbessern? Theoretisch wäre natürlich eine 24-Stunden Kraft bei sowas zugegen, aber würde die dazwischen gehen? Bei einer Demenz-Beratung in unserer Gegend gibt es einen Kurs für Angehörige (glaube 12 Wochen), und ich denke, das wäre für meine Mutter sicherlich hilfreich in Sachen Umgang und Kommunikation (ob sie das Gelernte dann anwendet weiss man natürlich nicht). Wichtig wäre natürlich auch, dass sie mal Ruhe hat, aber Tagespflege o.ä. würde mein Vater nie machen, Freunde hat er keine, und einen (freiwilligen/bezahlten) Fremden, der mal mit ihm spazieren geht haben wir nicht (und würde er wahrscheinlich nicht akzeptieren). Gut täte ihr bestimmt auch, wenn wir mal alleine was unternehmen könnten; wir können uns ja kaum alleine austauschen, weil er immer an ihr dran hängt.

  • Hallo OiOcha,

    Also ganz spontan finde ich es nicht haltbar für Ihre Mutter, wenn sie sogar von Ihrem Vater schon mehrfach gewürgt wurde und er sich nicht dran erinnert. Dann ist Ihr Vater nicht mehr zurechnungsfähig und es stimmt nicht, dass sie ihn "nicht loswerden " kann.

    Wir hatten eine zunehmend eskalierende Situation bei unseren Eltern, ich hatte keine ruhige Minute mehr und es kam immer wieder zur Bedrohung meiner Mutter. Ich habe daraufhin eine rechtliche Betreuung für meinen Vater beim Betreuungsgericht beantragt , was dann endgültig zum Ausrasten geführt hat und mein Vater wurde zur Untersuchung etc.in die gerontopsychiatrie eingewiesen, er war nie bereit beruhigende Medikamente zu nehmen.

    Dort kann dann überlegt werden, ob Ihre Eltern noch zusammen leben können, es zumutbar ist oder Ihr Vater in einem Pflegeheim untergebracht werden kann. So ging es bei uns auf richterliche Anordnung.

    Sie können sich z.B.beim sozialpsychiatrischen Dienst Ihrer Stadt erkundigen oder Hausarzt evtl.fragen.

    Es ist definitiv nicht so, dass man dies Ihrer Mutter zumuten muss!

    Sie hat doch auch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute!

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    • Offizieller Beitrag

    Hallo OiOcha, zunächst danke, dass Sie das alte Thema ausgegraben und haben und Entschuldigung, dass es von uns keine Antwort gab. Streit, Eskalation und Gewalt in häuslichen Beziehungen mit einem Menschen mit Demenz sind und bleiben hochproblematisch. Dies hat auch eine neue Studie und ein Schulungskonzept für die Polizei gezeigt.


    Natürlich können wir nicht darauf warten, bis alle Polizisten geschult sind und dann besser reagieren können. Aber mit Glück kommt jemand, der dies schon kann. Angehörige oder deren Kinder können auch direkt die Dienststelle vor Ort ansprechen, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten sollen. Das würde sicher helfen, dass die Ergebnisse von Prof. Görgen und Carina Schiller (Projekt des LKA Berlin /Deutsche Hochschule der Polizei "Paris") an der Basis ankommen. Vor einem Jahr wurde ich von Frau Schiller interviewt und habe berichtet, wie hilfreich der Besuch der uniformierten Polizei bei häuslicher Gewalt oder Diebstahlvorwürfen sein kann. Manchmal macht es nachhaltigen Eindruck auf den Menschen mit Demenz, aber viel wichtiger ist die Wirkung auf die Streitkultur:


    Der /die orientierte Partner*in wird gestärkt, es länger "richtig" zu machen, also eine Eskalation zu vermeiden. Das ist das nonplusultra, dazu Abstand halten, wenn es kritisch wird und seitlich miteinander sprechen und nicht Front zu Front, Ärger ansprechen und ruhig bleiben, alles abperlen lassen ... es geht ja um Demenz und nicht um die Wahrheit.

    Die Aussage, ich möchte nicht, dass "wieder die Polizei kommt" kann kann helfen oder schaden. Aber das Gefühl wird gestärkt: es gibt Hilfe und die ist berechtigt.


    Den Vorschlag von Rose, den sozialpsychiatrischen Dienst zu kontaktieren, möchte ich bestätigen! Dort können wir eine echte fachliche Unterstützung erwarten, sowie Hilfestellungen für den "PlanB" - die kurzfristige Entlastung durch eine psychiatrische Behandlung, Klinik oder Kurzzeitpflege.


    Die Pflegekurse haben Sie ja auch schon recherchiert, auch dort sollte ausreichend Raum sein, die Problematik zu besprechen und die Kursleitung ist vermutlich gut über das Hilfesystem vor Ort informiert.

    Ihnen viel Kraft in der Unterstützung Ihrer Mutter, Ihr Martin Hamborg

  • Rose60 und Herr Hamborg, vielen Dank für die Antworten!


    Ich denke, Polizei holen wäre eher kontraproduktiv. Mein Vater hat ja (zur Zeit, klopf auf Holz, dass es so bleibt) eine positive Grundstimmung, ist freundlich und hilfsbereit. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass er sich geschützt und verstanden fühlt. Wenn die Polizei käme wäre es sicher ein riesiger Vertrauensbruch für ihn, und ich nehme an, das würde die Dinge eher schwieriger machen. ER sieht sich ja als Opfer meiner aggressiven Mutter (die ja die Streitigkeiten immer anzettelt). Und was sollte man der Polizei überhaupt sagen, selbst wenn geschulte (und vielleicht sogar vorher eingeweihte) Beamte kämen? Wir streiten uns (was? ICH hab mich nicht gestritten, DIE schreit mich an). Mein Mann hat Demenz (was? Stimmt doch gar nicht!). Er wird immer so aggressiv (ich sass nur hier am Tisch, die erfindet das -- er weiss es ja wirklich nach wenigen Minuten nicht mehr). Kann ich mir alles nicht gut vorstellen.


    Ich denke, der Weg geht eher über Pflegekurs. Wir haben nächsten Mittwoch mal einen Termin zur Beratung; ich hoffe, dass da was gutes dabei rauskommt.

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    • Offizieller Beitrag

    Hallo Oicha, die zu erwartende Kommunikation haben Sie mir sehr nachvollziehbar beschrieben. Vielleicht besprechen Sie das Thema im Pflegekurs. Der größte Gewinn im Gespräch mit der Polizei liegt mehr in der Stärkung Ihrer Position und in der Sensibilisierung für die Polizei. Das Hauptziel haben Sie ja noch mal geschrieben: Wie gelingt es, dass ich meine Mutter deeskalierend verhält!

    Wenn der Pflegekurs Erkenntnisse bringt, lassen Sie uns bitte Anteil nehmen. Viel Kraft, Ihr Martin Hamborg

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