Immer wieder dramatische Situationen

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  • Ich bin neu hier und gerade mal wieder in einer Ausnahmesituation. Bei meinem Vater wurde vergangenes Jahr eine Demenz vom Alzheimer Typ diagnostiziert. Er ist 81 und wird von meiner Mama (76) zuhause versorgt. Ich lebe 500 km entfernt mit meinem Mann in München. Die Zunehmende Vergesslichkeit ist anstrengend für meine Mutter. Aber viel schlimmer sind die Aggressionen, Vorwürfe und das unendliche Misstrauen meines Vaters. Die Ehe meiner Eltern war nie gut, aber mit der Erkrankung spitzt sich die Situation immer wieder dramatisch zu. Und das Problem ist beidseitig. Nach all den vergangenen Konflikten ist meine Mama nicht mehr in der Lage, mit meinem Papa wie bei einer Demenz notwendig umzugehen. Statt ihm das Gefühl zu geben, dass er wertvoll ist, macht sie genau das Gegenteil „das kannst Du nicht mehr“. Er fühlt sich dann entmündigt und verfolgt. Hat Angst, dass er ins Heim soll. Und das führt dann immer wieder zu Aggression. Er ist in Sekunden auf 180, macht unhaltbare Vorwürfe, wird sehr verletzend und auch tätlich. Meine Mama ist nervlich am Ende. Ich bin immer wieder für einige Tage dort. So haben wir uns im Seniorenbüro beraten lassen, einen Pflegegrad beantragt (Grad 2 wurde ermittelt) und mir ambulante Pflegedienste angeschaut. Aber diese Hilfe lehnt mein Vater komplett ab. Eine fremde Person kommt ihm nicht ins Haus. Davon ab kann er doch noch alles und benötigt keine Hilfe...
    Nach einer erneuten Eskalation ist meine Mama abgehauen (über Nacht) und er hat die ganze Nacht Nachbarn, Verwandte und Bekannte tyrannisiert. Alle würden wissen wo sie ist und es ihm nicht sagen. Meine Mama war psychisch am Ende. Ich habe den Hausarzt über die Situation informiert und er schlug eine Zwangseinweisung für meinen Vater vor. Um ihn gegen die Wahnvorstellungen und die unkalkulierbaren Aggressionen medikamentös einstellen zu lassen. Eine schwierige Situation für mich als Tochter. Ich möchte ja beide schützen und es war uns klar, dass, wenn er aus der Psychiatrie kommt, es für meine Mutter nur noch schlimmer wird. Also haben wir uns entschieden, meine Mutter wegen der großen psychischen Belastung einweisen zu lassen. Sie war einverstanden, wollte nur weg, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und parallel habe ich einen Pflegedienst beauftragt. Das war für meinen Papa dann auch OK, weil Mutti sich ja nicht kümmern kann. Das mit der Einweisung hat nicht funktioniert und so ist sie wieder nach Hause. Einige Tage war es OK, dann alles von vorn. Schlussendlich habe ich dann einen Termin bei seinem Hausarzt und hatte plötzlich eine Einweisung für meinen Vater in der Tasche. 24 Stunden Zeit ihn zu überzeugen. Dann würde der Arzt eine Zwangseinweisung veranlassen. Und ich habe es geschafft, meinen Vater vier mal zu überzeugen, dass er Medikamente benötigt und das in der Psychiatrie gut eingestellt werden kann. Er hat es ja immer wieder vergessen. Beim Psychiater dann war mein Vater lammfromm. Und der Herr Dr. sa keine Indikation für eine Einweisung. Es ist sagenhaft, wie sehr ein Demenzkranker sich verstellen kann. Also wieder nach Hause. Und heute erneut ein Ausbruch.Meine Mama hat in den letzten 3 Monaten 15 Kilo abgenommen. Sie ist am Ende und ehrlich gesagt ich auch. Tägliche stundenlange Telefonate und jedes Wochenende 1000 km Autofahrt. Wo kann ich Hilfe finden?

  • Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich das Einfachste und Naheliegendste tun: die damit nach Ihrer Schilderung einverstandene Mutter aus der Situation herausholen. Relativ egal, wohin. Ob zu Ihnen oder anderen Angehörigen, zu Bekannten, in Kur oder in Urlaub schicken, in einem Hotel oder einer Pension einquartieren .....


    Dann kann der alte Herr mal schauen, wen er zum Tyrannisieren findet und derweil kommt Ihre Mutter zu Kräften. Entweder geht danach alles gesitteter zu oder ..... . Das sehen und entscheiden Sie DANN, aber nicht jetzt.

  • Vielen Dank Hanne63
    Das ist natürlich richtig. Aber genau das ist natürlich die größte Angst meines Vaters: dass man ihn entmündigen will. Eigentlich möchte ich das so lange wie möglich nicht tun. Klingt absurd, aber er ist mein Papa. Und es fällt mir unendlich schwer das umzusetzen. Deshalb war ich ja soh froh, dass ich ihn von der Psychiatrie überzeugen konnte.
    Er ist halt zwischendurch noch ganz klar. Ein Betreuer wäre eine Katastrophe für ihn.
    Aber natürlich weiß ich, dass es darauf hinaus läuft. Leider.
    Vielen Dank nochmals

  • Vielen Dank Sohn
    Das ist leider Teil des Problems. Meine Mutter war in der akuten Ausnahmesituation dazu bereit sich einweisen zu lassen. Und zu diesem Zeitpunkt sogar Willens mal eine Woche zu uns zu kommen. ABER: Krankenhaus wäre ohne Schuldgefühle gewesen. Das hat ja der Arzt entschieden. Zu uns war nur direkt nach der Abweisung in der Klinik eine Option. Als ich sie einen Tag später abholen wollte kam: Das kann ich doch nicht machen. Er kommt alleine doch nicht zurecht. Ich kann jetzt nicht einfach eine Woche verschwinden... zusätzlich: wenn ich dann wieder zurück komme, habe ich die Hölle auf Erden... Also eine Mischung aus Schuldgefühlen und Angst... ich konnte sie nicht einfach gegen ihren Willen ins Auto packen.
    Und tatsächlich bin ich nicht sicher was er anstellt, wenn sie einfach eine Woche zu uns kommt. Sie haben ihr Leben lang alles gemeinsam gemacht.

  • Hallo Weit-weg,


    aus der Ferne kann ich nicht beurteilen, ob Ihre Mutter partout nicht bei Ihnen ins Auto gestiegen und mit Ihnen weggefahren wäre oder ob ihre Äußerung "Ich kann ihn doch nicht alleine lassen ...." nur ein Appell an SIE gewesen ist, ihr ihr schlechtes Gewissen zu nehmen. Da ist wohl viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl gefragt.


    Sie erwähnen, eine Betreuung sei unumgänglich. Warum?! Haben Sie sich mit der Thematik auseinandergesetzt? Wenn nein, tun Sie es unbedingt, bevor Sie etwas veranlassen, was Sie vermutlich nie rückgängig machen können, was sich einmischt und Sie bevormundet, und was vermutlich auch erhebliche finanzielle Probleme (Entzug der finanziellen Handlungsfreiheit) nach sich ziehen kann.


    Selber habe ich mit Betreuung keine Erfahrung, aber reichlich mit Behörden und daher kann ich nur alle warnen, sich auf so etwas einzulassen. Egal, wo die einem reinpfuschen, es wird alles nur schlimmer dadurch, nichts besser.

  • Hallo Sonnenbluemchen,


    ich danke Ihnen sehr für Ihre freundliche Rückfrage, es war tröstlich, in dem WirrWarr meiner Gefühle von Ihnen zu hören. Meine Antwort landet zwar hier unter "dramatischen Situationen", aber unter den Gegebenheiten hielt ich dies für angebracht.


    Der Besuch dieses Forums erweist sich für mich mehr und mehr als hilfreich. Die Antworten und Empfehlungen haben mir in den letzten Tagen die Kraft gegeben, die für mich inzwischen unerträglichen und unhaltbare Umstände in unserer Familie anzusprechen und die erforderlichen Schritte zu gehen.


    Hallo Hanne,
    Ihr Satz: "Ich habe gewartet....bis ich es nicht mehr vertreten konnte.... ." trifft den Nagel auf den Kopf. Unabhängig davon, dass Sie damit das Thema Betreuung aufgreifen, ist es auf JEDE andere Situation anwendbar. Ich bin vollkommen bei Ihnen, was eine gesetzliche Betreuung betrifft. Die Vorstellung, dass alles unverändert weiterläuft, wenn ich die Betreuung übernähme, ist grauenvoll und indiskutabel.


    Hallo Sohn,
    als ich mich zum ersten Mal mit dem Problem "Kaufsucht Versandhäuser" hilfesuchend an das Forum wandte, erhielt ich im Laufe der Beiträge u. A. diese Antwort von Ihnen: "Ihre geäußerte Vorstellung, die Konten der Mutter schließen zu lassen, deutet noch auf viel Naivität hin." Wie recht Sie hatten!


    Mittlerweile ist meine Mutter bei allen betroffenen Versandhäusern gesperrt. Meine Bitte, nichts mehr zu bestellen, um diese Sperre noch verhindern zu können, hat sie jedesmal unmittelbar nach unserem Gespräch einfach ignoriert. Oft vergingen nur Minuten bis zur nächsten Order. Nach einer sehr heftigen Auseinandersetzung bei der es mir nicht mehr gelungen ist, auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen, habe ich ihr wortlos einen vollen DINA4-Ordner mit allen Bestellungen/Rechnungen/Mahnungen und Ratenzahlungsplänen in die Hand gedrückt. Sicher war das nicht sehr diplomatisch, aber menschlich nachvollziehbar. Aktuell entzieht sie sich jeder unangenehmen Situation, in dem sie schläft, stundenlang, auch am Tag. Ob ihre geschilderte Übelkeit immer der Auslöser ist, vermag ich nicht zu sagen. Da sie sich bisher erfolgreich jedem vorgeschlagenem Arztbesuch entzogen hat, habe ich unseren Hausarzt heute kontaktiert, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen. Parallel habe ich auch den neuen Pflegedienst ins Boot geholt. Auch hier war immer der Tenor: "Wir brauchen niemanden, wir schaffen das auch alleine." Stimmt, solange ich meine Unterstützung jeden Tag eingebracht habe. Aber damit ist nun Schluss!


    Es wird mir nicht gelingen, mit Samthandschuhen die "Kuh vom Eis" zu bringen. Hier sind klare Ansagen und Konsequenz erforderlich. Meine Schuldgefühle sind aufgrund meiner grenzenlosen Erschöpfung und Wut auf ein Minimum geschrumpt. Das nennt man wohl gesunden Selbsterhaltungstrieb.


    Ihnen allen ein großes Dankeschön!


    P.S. Meine Mutter würde an dieser Stelle sagen: "Du bist ganz schön hart!" Ja, woher das wohl kommen mag.

  • Elisabetha,


    mir gefällt Ihre Einstellung am Schluß der Nachricht :-). Der "gesunde Selbsterhaltungstrieb" möge sich bei Ihnen manifestieren und Ihnen helfen, für sich und die Eltern das Richtige zu tun!

  • Hallo Weit-Weg,
    mein Vater ist mittlerweile 84 Jahre alt und hat ebenfalls den Pflegegrad 2, Dement. Ich habe mit ihm auch diverse unterschiedliche mentale Verstimmungen erlebt. Misstrauen, kindliches Benehmen, sich aufplustern bis hin zu mir ist alles egal und Schwindeln machen. Was ich aber Ihnen gern mitgeben möchte. Der Zustand wird sich immer wieder ändern und wird sich auch wiederholen. Jeder Tag ist gleich und doch anders. Deshalb, Ihre Mutter braucht Hilfe. Sie ist sicherlich auch in etwa im gleichen Alter wie Ihr Vater. Aber sie ist doch geistig noch voll da, oder? Wer mehr Hilfe benötigt ist Ihr Vater, Er muss aus den vier Wänden raus und zwar nicht mit einer Einweisung, sondern zu Ihnen, um geistig gefordert zu werden. Es wird nicht besser, wenn die Partnerschaft zwischen Ihren Eltern nicht funktioniert. Beide brauchen Abwechslung. Mal Mutti aber Vati auch. Mehr Leben, der Alttag ist anstrengend. Highlights müssen her. Glauben Sie mir, mein Vater lässt keinen guten Faden an meiner Mutter mit der er 50 Jahre verheiratet war und nun schon beinahe 14 Jahre lang nicht mehr ist. Ich war oft enttäuscht von meinem Vater, wenn er so ekelhaft von ihr sprach. Aber es ist mein Vater und er wäre aufgeschmissen, wenn ich mich nicht mehrfach am Tag um ihn kümmern würde. Das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Zwangseinweisung und Medikamente sind keine erste, auch keine zweite Lösung! Nähe, Gespräche, Miteinander... das Gefühl und die Bestädigung gebraucht zu werden... enorm wichtig! Das heißt nicht, dass man ihm immer zusprechen muss, nicht seiner Meinung sein muss. Ich gehe auch kritisch mit meinem Vater um....ich fordere ihn!!!!

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