Das Ignorieren der Tatsachen

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  • Guten Tag,


    ich habe dieses Forum neu gefunden, ich hoffe, ich übergehe nicht eine Regel, in dem ich sofort einen Beitrag öffne, weil mich eine ganz konkrete Frage beschäftigt.


    Unsere Mutter hat präsenile Alzheimer-Demenz. Sie ist 69 Jahre alt und wir beobachten die Auffälligkeiten bereits sei 4/5 Jahren.


    Nun hat sie im vergangenen Jahr einer ausführlichen Diagnostik zugestimmt, so dass das Ergebnis jetzt offiziell ist. Wir waren zunächst sehr erleichtert, da wir dachten, dass nach der langen Phase der Leugnung nun eine bessere Kommunikation möglich ist. Das war auch kurzzeitig so. Da sie allein lebt, äußerte sie sogar selbst den Wunsch, in ein Heim umzuziehen, weil das Alleinsein im Haus in ihr Ängste weckte.
    Nach einer Kurzzeitpflege in einem sehr gehobenen Seniorenheim wollte sie wieder weg, sie litt sehr unter der eingeschränkten Privatsphäre. Und natürlich passt sie aufgrund ihres Alters leider auch nicht wirklich in ein Altenheim, sondern fällt sehr auf.


    Leider hat ihr getrennt lebender Ehemann, trotz unserer Bedenken, dann alles in die Wege geleitet, um ihr eine eigene Wohnung zu besorgen. Sie wohnt wieder alleine, kommt soweit auch ganz gut zurecht, dank eines sehr ausgefeilten Zettelsystems und der Verwendung von WhatsApp hilft sie sich selbst, Dinge zu erinnern. (Was nicht aufgeschrieben wird, wird vergessen. )
    Also, noch geht es alleine zu wohnen. Aber wir empfinden ein extremes Ausweichen beim Thema Alzheimer. Sie gibt einfach keine Schwierigkeiten zu, vermutlich aus Angst, dass sie dann in ein Heim "gesteckt" wird.


    Ich habe ihr gesagt, dass ich ihr verspreche, dass wir nichts gegen ihren Willen tun, aber im Gegenzug muss sie auch ehrlich sein und uns Probleme im Alltag mitteilen, damit wir helfen können. Außerdem muss sie sich Gedanken darüber machen, wo sie mit fortschreitender Krankheit wohnen möchte, damit sie eben nicht plötzlich "irgendwohin" muss.


    Sie sagt dann immer, jaja, aber das hat ja noch Zeit, soweit bin ich ja noch nicht. Thema erledigt.


    Nun meine Frage: Ich stelle fest, dass sie anfängt, Dinge zu verdrehen und dann auf einmal wir die "Schuldigen" sind. Beispiel Haus: Ganz oft fällt neuerdings der Vorwurf, es wäre holter die polter aufgelöst worden und alles weg geschmissen, was sie noch behalten wollte. Das behauptet sie auch von Dingen, die z.B. in ihrem Abstellraum stehen, sie aber nicht finden kann.
    (Tatsache ist, dass sie nicht mehr dort wohnen wollte, sich in die Auflösung so gut wie gar nicht eingebracht hat, aber die Miet-Einnahmen braucht, um ihre Wohnung zu bezahlen.)


    Ich will mich nicht in Details verlieren. Meine Frage: Ist das "normal", dass trotz akzeptierter Krankheitsdiagnose, das Thema so verdrängt wird? Anstatt zu wissen, ok, meine kognitiven Fähigkeiten lassen mich im Stich, vielleicht hab ich was verwechselt, sind irgendwie ständig die anderen Schuld. Sämtliche Alltagssituationen werden als hektisch wahrgenommen, aber nur, weil die anderen sich falsch verhalten, nicht vielleicht, weil ihre Nerven nachlassen.
    Zudem verrennt sie sich immer stärke in Zwangsneurosen, die schon vorher da waren,. (Sie isst kaum noch gängige Lebensmittel, keine Kuhmilch (ungesund), kaum Fleisch (ungesund), kein Fisch (wg Schadstoffen), keine rohes Gemüse (wg Pestiziden), kein Obst (zu sauer) usw., sie wiegt auch nur noch 45 kg und klagt über Durchfall. Aber Schuld daran sind ihrer Meinung nach "nur" psychische Probleme wegen ihrer schwierigen Ehen (neuerdings auch wegen der Hausauflösung.)


    Wie reagiert man da am besten? Ich (und meine Schwester) versuchen natürlich so geduldig wie möglich zu sein. Sie tut mir natürlich auch wahnsinnig leid,. Trotzdem müsste doch aber klar sein, dass die Krankheit Schuld ist an ihrem unglücklichen Zustand und nicht die anderen? Oder ist das zu simpel gedacht?


    Ich würde mich über Erfahrungen freuen, gerade was diese früh einsetzende Alzheimer betrifft.


    VG
    Anita

  • Guten Tag Miss Lemon.


    Ich habe Ihren Text mit Interesse gelesen und stelle wieder einmal fest, dass die Ausgangssituationen sich doch oftmals sehr ähneln.


    All das, was sie beschreiben, kenne ich auch. Es hat einmal jemand sehr treffend beschrieben, dass bei einer Demenz immer die anderen schuld sind. Und ohne Demenz findet eine Reflektion der äußeren Umstände statt und man schaut, warum man so und so gehandelt hat.


    Ich erlebe die Demenzen in meinem Umfeld als totale Ich-Projektionen. Man lebt von und über andere, ist quasi ein passiver oder dominanter Mitläufer im Leben, aber ein eigenes Lebensinteresse fehlt gänzlich, auch lange vor der Demenz. Das wäre die eine Seite und eine mögliche Ursache für die Erkrankung, wenn man dem Buch von Dr. Hüther und der Nonnenstudie etwas abgewinnen kann.


    Daneben gibt es auch Mangelzustände, wie B12 und Vitamin D Mangel. Beides kann Demenzen auslösen oder begünstigen. Und wenn Sie schreiben, Ihre Mutter isst so einiges nicht, aus gesundheitlichen Gründen, was ich durchaus nachvollziehen kann, dann stellt sich mir die Frage, welche Alternative hat sie sich denn erschlossen. Keine, wie ich das so rauslese. Man kann sich ohne Fleisch gut ernähren, wenn man genügend pflanzliche Proteine in der richtigen Zusammensetzung zu sich nimmt. Und zu Kuhmilch gibt auch die Alternativen wie Schaf- oder Ziegenkäse. Wenn der Proteingehalt in den Lebensmitteln zu niedrig ist, dann funktioniert der ganze Stoffwechsel immer schlechter, auch die körpereigene Verdauung und Entgiftung.


    Es stellt sich mir bei Ihrer Mutter die Frage, was zuerst da war, das Ei oder die Henne? Ist die Erinnerung schlechter, wegen einiger Mängel oder ist es umgekehrt ect.


    Ihre Mutter sollte in jedem Fall wegen der Mängel ausgiebig untersucht werden. Es können auch nicht wenige Intoleranzen wegen unzureichender Aufschlüsselung der Nahrung entstehen. Sicher hat ihre Mutter auch Eisen-, Magnesium- und Calciummangel.


    Haben Sie schon an eine Pflegestufe gedacht? Wenn man in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben will, dann ist das mit Hilfe von einem Seniorendienst ect. durchaus lange Zeit machbar. Leider fehlt hier oftmals die Einsicht.


    An Ihrer Stelle würde ich mich einmal in einem Demenzzentrum ausgiebig beraten lassen.


    Liebe Grüße an Sie

  • Hallo Teuteburger,


    vielen Dank für Ihre Einschätzung. Das Buch von Dr. Hüther kenne ich nicht, aber werde ich mal nach schauen. Nonnenstudie sagt mir was.


    Ich denke auch, dass ihre Ernährung den Zustand ungünstig beeinflussen könnte. Wobei ich bei vielen ihrer "Ernährungsregeln" sogar zustimme (ich denke auch, dass das der menschliche Körper besser pfanzliche als tierische Proteine zu sich nehmen sollte.) Am Anfang fand ich ihre Einstellung sogar ganz positiv und glaubte auch, sie will per Ernährung die Demenz-Symptome lindern. Sie ist allerdings dermaßen unlogisch in ihrer eigenen Logik (Kuhmilch nein, Sahnetorte kein Problem usw.), dass ich hier aufgegeben habe, einen Sinn drin zu sehen. Sie sucht förmlich Gründe, nicht zu essen.


    Sie ist komplett durchgecheckt worden in einer auf Demenz spezialisierten Klinik, bekam eine Zeitlang ich glaube Vitamin D, setzt allerdings alle Medikamente eigenmächtig wieder ab. Fadenscheinige Gründe.


    Zudem haben wir eine extreme familiäre Vorbelastung (ihre Mutter und ältere Schwester schwer dement), so dass ich denke, dass die Alzheimer-Symptome auch bei einer anderen Ernährung da wären.


    Ich höre raus, dass das Verhalten typisch ist. Schade. Ich dachte, gerade WEIL sie sich selbst bei ihrer Mutter und Schwester intensiv mit Alzheimer auseinander gesetzt hatte und sogar immer davon sprach "wenn ich so werde, müsst ihr mir das sagen", sei das Reflektionsvermögen vielleicht größer. Leider ist das nicht wirklich der Fall. Oder nur in sehr sehr guten Momenten.


    Sie hat eine Pflegestufe und will auch Zuhause bleiben, so lange wie möglich. Eine Hilfe akzeptiert sie allerdings nicht. Alles "noch" nicht nötig... in ihren Augen.


    viele Grüße

  • noch eine Ergänzung... Zitat von Ihnen:


    "Man lebt von und über andere, ist quasi ein passiver oder dominanter Mitläufer im Leben, aber ein eigenes Lebensinteresse fehlt gänzlich, auch lange vor der Demenz."


    Das ist wirklich sehr treffend beschrieben. Das Leben unserer Mutter war auch geprägt von Abhängigkeiten anderen gegenüber und gleichzeitig die Unfähigkeit, sich daraus zu befreien. (Das von meiner Oma und Tante - beide dement- übrigens auch...)


    Auch die Frage Huhn oder Ei stellen wir uns sehr oft bezüglich ihrer zwanghaften Persönlichkeit - Ist sie so kompliziert wegen der Demenz oder hat ihre "Kompliziertheit" die Demenz befördert? (Die Lebensmittel sind nur eine Komponente. Gleichzeitig hat sie angeblich eine Duftallergie, Nickel-Allergie, Kälte-Allergie - sie saugt förmlich alles auf, was als Grund herhalten könnte für ihr Unwohlsein.)


    Ihre Nahrung besteht aus Essen auf Rädern, das sie selbst auswählt - immerhin! Allerdings wissen wir nicht, wie viel sie davon wirklich isst. Ansonsten stehen bei ihr im Schrank: Ziegenkäse, Hafermilch, Dinkelbrot, saure Gurken, Nüsse und Unmengen an Schokolade und Marmelade.


    Den Grund für ihr Untergewicht sieht sie immer wieder in einem Schilddrüsenproblem, das aber kein Arzt ihr bestätigen kann, weswegen sie auch schon versucht hat, Bekannten eine Packung L-Thyroxin abzuschwatzen und sich selbst zu therapieren. Ich hab schon überlegt, ob man an Placebos kommen kann und L-Thyroxin drauf schreiben...


    Wenn man einmal anfängt zu erzählen.. ich höre jetzt auf. Ich denke, das Bild ist klar.


    Falls Sie einen Literaturtipp für mich haben, immer gerne.

  • Was sie im Kühlschrank hat, klingt oberflächlich mal nicht verkehrt, bis auf die Unmengen an Schokolade und Marmelade. Was sie davon aber tatsächlich ist, das kann das schon abenteuerlich sein.


    Die Sache mit der Schilddrüse, kann durchaus eine Möglichkeit sein, wenn ein Jod und ein Selenmangel besteht. Hat sie einmal einen Endokrinologen aufgesucht? Nicht selten werden nur wenige Werte getestet und auch nicht immer richtig interpretiert.


    Die Allergien können auch da sein. Es ist die Frage, wie diese entstanden sind. Das jemand auf Parfüme ect. mehr oder weniger reagiert, ist nicht so selten. Nickel wird ein Arzt leicht feststellen können. Kälteallergie sagt mir jetzt nicht so viel.


    Ich würde zusätzlich aber auch an einen zu hohen Altershirndruck denken. Das kann auch eine Demenz/Alzheimer auslösen. Daran müsste man aber in der Klinik gedacht haben.


    Ansonsten, ist das, was sie beschreiben, tatsächlich häufig der Fall.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo MissLemon,
    ja, das Verdrängen der Diagnose ist absolut krankheitstypisch, ob nun bei präsenilem oder sonstigem Alzheimer... die Diagnose wird erstens verdrängt, weil sie so viele Angst machende Konsequenzen beinhaltet und es nicht auszuhalten ist, dass es keinerlei Heilung gibt, und zweitens tatsächlich vergessen - und so ist leider der häufigste Lauf der Dinge, dass immer öfter andere "Schuld an allem sind", also die Verantwortung für die eigenen Probleme und den erlebten Stress zugesprochen bekommen.
    Die Fähigkeit, konsequent logisch und schlussfolgernd zu denken, oder sachlichen Argumenten gegenüber aufgeschlossen zu sein, wird durch die Krankheit zerstört - auch, wenn der Betroffene noch so hoch gebildet ist. Vielleicht hilft Ihnen der Vergleich mit offensichtlicheren Behinderungen: ein Querschnittsgelähmter kann gar nicht mehr, ein Beinamputierter nur noch mit Stützen oder Prothese laufen. Von beiden würde man keinen Marathon oder Wettlauf erwarten. Einem Menschen mit Demenz raubt die Demenz, wenn Sie so wollen, die Einsichtsfähigkeit - nur, dass man es ihm von außen leider nicht ansieht. Deshalb geht man als Angehöriger natürlich davon aus, dass er sich auch immer noch so vernünftig und rational verhält wie früher (Motto: Damals hatte er/sie es doch eingesehen....). Das kann er aber nicht! Wenn wir also von ihm erwarten, sich angemessen mit der Krankheit auseinanderzusetzen und einzusehen, dass bestimmte Dinge nicht mehr gehen, und beispielsweise Veränderungen bei der Wohnsituation irgendwann unumgänglich sein werden, dann ist das so, als würden wir den Gelähmten und den Amputierten zu einem Wettlauf auffordern.
    Dass Zwänge und die Vorliebe für süße Nahrungsmittel überhand nehmen, ist leider auch typisch für jede Form von Demenz.


    Was die Wohnsituation angeht: Wenn Ihre Mutter körperlich noch fit ist und das Pflegeheim nachvollziehbarerweise keine lockende Alternative zu einer eigenen Wohnung ist, könnten Sie ihr vielleicht eine Demenz-WG schmackhaft machen? Vielleicht gibt es solche Wohnprojekte auch in Ihrer Stadt. In der kleineren Gruppe in einer Wohnung mitten im Quartier, in der jede/r Bewohner/in je nach Lust und Fähigkeit noch an Haushalt und Alltagsgestaltung beteiligt wird, also Aufgaben und Pflichten hat, statt (aus finanziellen und zeitlichen Erwägungen) rund um die Uhr überversorgt und passiv gemacht zu werden (leider der Normalzustand in vielen Heimen), blühen viele Erkrankte nach einer Eingewöhnungsphase richtig auf. Zudem ist in der Regel der Betreuungsschlüssel besser als in großen Institutionen. Und nach einem kleinen Studienprojekt in solchen WGs bin ich auch davon überzeugt, dass das Leben in einer Hausgemeinschaft den kognitiven und kommunikativen Abbau deutlich verlangsamt, bzw. Ängste und Aggressionen erheblich milder vorkommen als in Heimen.


    Alles Gute für Sie,
    S. Sachweh

  • Hallo Frau Sachweh,


    vielen Dank, alle Erläuterungen hier helfen mir sehr weiter. Tatsächlich war mir nicht klar, dass Bildungsstand oder Reflektionsvermögen im Verlaufe der Krankheit unwichtig werden. Ich weiß nicht, ob Ihnen der Film "Still Alice" etwas sagt? Da wird das Beispiel früh einsetzendes Alzheimer anhand einer intellektuellen Linguistikprofessorin "durchgespielt". Ich mag diesen Film sehr, weil ich ihn fernab des Klischees empfinde und sehr sensibel inszeniert, gleichzeitig hat er mich wohl aber auch ein wenig in die Irre geleitet, in der Überschätzung der Fähigkeiten von Alzheimerpatienten mit Fortschreiten der Krankheit.


    In der Tat haben wir hier um die Ecke eine ganz tolle Senioren-WG in einem wunderschönen Bauernhaus, nicht auf Demenz spezialisiert, aber durchaus offen für solche Patienten (sofern sie keine nächtliche Weglauftendenzen zeigen). Ich hab es sogar geschafft, meine Mutter diese WG zu zeigen. Auch sie fand es interessant, aber wieder mal mit dem Kommentar "soweit bin ich ja noch nicht" und "irgendwann vielleicht". Dabei möchten diese Einrichtungen natürlich, dass die Menschen kommen, so lange sie noch fit genug sind, sich einzubringen und dann langsam reinwachsen können.


    Aber Sie haben mich erinnert, da dran zu bleiben.


    Teuteburger: "Kälte-Allergie" gibt es wirklich (kannte ich vorher auch nicht). Mein Vater hat eine. Bei starken Temperaturschwankungen reagiert die Haut mit einem starken Juckreiz, ähnlich wie Nesselsucht. Meine Mutter hat aber "nur" empfindliche Haut im Winter. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr sie sich jede neue "Krankheit" aneignet auf der Suche nach Antworten. Ich danke Ihnen aber für ihre aufmerksame Beurteilung und hoffe, dass ich mich auch nie dazu hinreißen lasse, alle Symptome mit Quatsch abzutun, nur weil ein Alzheimer-Patient generell schwierig ist.

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