Aussicht auf einen Rest Lebensqualität?

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  • Gibt es für meinen Eltern irgendeine Aussicht auf einen Rest Lebensqualität und Ruhe?
    Die Krankengeschichte meines Vaters ist leider eine längere und eine Demenzdiagnose gibt es, auch aufgrund der schwierigen Situation, nicht. Meine Eltern leben in Mecklenburg und ich selbst seit 1996 bei Nürnberg. Ich war zwar jetzt öfter vor Ort, aber die Möglichkeiten dazu sind letztlich begrenzt, im Wesentlichen muss mir das weitgehend machtlos mit ansehen und bin ratlos.


    Mein Vater ist 83, Dialysepatient seit 1990 mit eine Pause wegen Transplantat 1994-1998, seitdem ununterbrochen. Prinzipiell war er schon immer etwas eigensinnig und stur, aber meine Mutter pflegt ihn seitdem in allen Situationen. 1998 bekam er auch 4 Bypässe, für die Rehabilitation hat er wenig getan, sie hat ihn wieder hochgepäppelt.
    Schon lange ist ihm kein spontaner Stuhlgang möglich, muss mit Gabe von Lactulose eingeleitet werden.
    Im August konnte er eines Tages nicht mehr sinnvoll auf Fragen antworten und kam dann, als sich auch noch Herz Kreislauf Probleme einstellten ins Krankenhaus.
    Das wurde als NSTEMI Infarkt bezeichnet, allerdings wären die Bypässe frei und man könne da nichts mehr machen.
    Dazu kam Lungenentzündung, die mit Antibiotika erfolgreich behandelt wurde.
    Es besteht eine dekompensierte chronische Herzinsuffizienz NYHA-Stadium III mit rezidivierenden Pleuraergüssen, die links nach 2 Monaten mit Pleurix Drainage aufgehört haben, rechts macht man nichts.
    Ende September bekam er Pflegegrad 4 (davor seit Jahren 2) und vom Krankenhaus zur Entlassung ambulante Palliativversorgung verordnet, die sich aber Anfang Dezember wieder zurückzog.
    Körperlich nicht leistungsfähig war er schon lange, aber seitdem muss er zur Dialyse getragen werden.
    Wäre ein anderer Arztbesuch notwendig, muss er mit Krankentransport aus der Wohnung getragen werden.
    Seit er im September aus dem Krankenhaus kam ist er stark verändert und zeigt meiner Meinung nach deutliche psychische Auffälligkeiten die für mich als Laien mindestens nach Demenz aussehen.
    Er hat überhaupt keine Einsicht für seinen Zustand und meint oft, er wäre überhaupt nicht krank, warum ginge es ihm bloss so.
    Er spricht seitdem oft pausenlos die Gedanken aus, die ihm durch den Kopf gehen, auch in Schleifen. Nimmt er im Fernseher einen Untertitel wahr, liest er ihn laut vor. Er fängt (wiederholt) Sätze an, ohne sie zu vollenden, und wenn man dann fragt, was ist, schimpft er, was man so blöde fragen würde.
    Schon im Krankenhaus hat er nicht mehr schlafen können. Dort wurde Tavor versucht, aber das war mindestens wirkungslos. Später hatte Pipamperon einige Erfolge, aber das lässt zunehmend nach.
    Ein Pflegebett wurde ins Wohnzimmer gestellt, im Schlafzimmer war das nicht möglich und aus dem Bett dort bekäme man ihn physisch auch nicht mehr heraus, geschweige dass der Weg vom Wohnzimmer nicht mehr bewältigt werden kann.
    Weihnachten wurde nun die Dexamethason Gabe verdoppelt und seitdem geht es rapide bergab. Das muss ja nicht zusammenhängen, fiel uns aber auf. Er fing an unmögliche unwahre Dinge zu behaupten und irrationale oder unmögliche Forderungen zu stellen. Nichterfüllung macht ihn dann zunehmend wütend. Er versteht überhaupt nicht, dass er sein Umfeld mitten in der Nacht wach hält. Will dann immer wieder das Licht eingeschaltet haben oder sonst irgendwas.
    Er hat über die letzten 2 Wochen die Kraft verloren, selbst aus dem Sitzen aufzustehen.
    Die 3 Schritte von der Couch zum Bett schafft er auch nicht mehr. Das Nichtverstehen des eigenen Unvermögens scheint ihn wütend zu machen.
    Er will auf die Couch gesetzt werden, kann dann nicht mehr Sitzen, will ins Bett, fängt aber die Hilfeversuche beim Aufstehen an abzuwehren, erst nur von meiner Mutter wegen Angst, dass sie ihn fallen ließe, nun auch vom Pflegedienst, weil er überzeugt ist, dass er es auch mit Hilfe nicht kann. Er versteift sich dann in diesem Gedanken und macht sich auch richtig schwer.
    Das Pflegebett lehnt er wohl aus tiefster Seele ab, ohne dass ihm irgendwie beizubringen ist, dass er es selbst mit Hilfe nicht mehr in sein Bett schafft. Der Weg durch den Flur ist nicht drin, der Pflegedienst hat da jetzt auch aufgegeben.
    Selbst auf den Toilettenstuhl neben dem Bett wird ihn nun wohl keiner mehr kriegen. Seine Aussprache hat sich verändert, außer er ist wütend.
    Auch das Geländer des Pflegebetts lehnt er vehement ab; Mutti würde es sich aber nicht verzeihen, wenn sie es unten ließe und er ihr stürzt, was im Krankenhaus eben passiert ist.
    Alle Versuche, pflegerische Notwendigkeiten oder ärztliche Anweisungen umzusetzen bezeichnet er als Schikane. Trinken darf er eigentlich nur sehr sehr wenig, sagte uns der Kardiologe, aber das ist nicht drin. Allein schon zum Essen benötigt er viel Wasser, obwohl alles püriert wird. Er kann praktisch nichts mehr schlucken, wenn er seine Prothese im Mund hat, und ohne eben nicht kauen.
    Seine Hörgeräte verweigert er, beschwert sich dann, dass er angeschriehen wird, wenn jede nicht verstandene Wiederholung lauter wird.
    Er hatte wegen ubiquitärer Schmerzen Palexia morgens und abends und bei Bedarf Novaminsulfon. Palexia morgens wurde aber im Dezember abgesetzt und prinzipiell ist es schwierig bis unmöglich, aus ihm herauszubekommen, ob oder wo er Schmerzen hat.
    Ich hatte versucht, ihn mental z.b. damit anzuregen, dass ich Dias aus seinen Urlauben und meiner Kindheit digitalisert und am Fernseher gezeigt habe, aber da ist kein Herankommen gewesen. Schwierig ist, dass er eigentlich nie wirklich echte Interessen oder Hobbies gehabt hat. Freunde oder Verwandte gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr, überhaupt hat er soziale Kontakte eigentlich immer vermieden.
    Zumindest bis Dezember hat er am Computer gespielt, was seit einigen Jahren seine einzige Freizeitbeschäftigung war, aber mittlerweile hat er jegliches Interesse an allem verloren. In einem vergleichsweise klaren Moment hat er mir schon gesagt, dass er Angst hat, und es furchtbar findet, ans Sterben zu denken.
    Nun soll noch mehr Dexamethason gegeben werden. Ansonsten schaut es mau aus. Die Lebensqualität ist für beide nahe 0. Pflegedienst kommt zur Unterstützung wenigstens morgens und Abends.
    Wir können mit Ihm ja nirgendwo hin. Pflegedienst meint, dass er in einer Gerontopsychiatrie mit seinem Pflegebedarf und medizinischen Problemen gar nicht aufgenommen würde. Ab davon dass er auch nicht ins Krankenhaus will.
    Gibt in so einer Lage noch irgendeine Aussicht auf irgendeine Hilfe? Man hat den Eindruck, niemand wolle sich da mehr mit beschäftigen. Der Hausarzt wollte die Woche mal einen Hausbesuch machen, kam aber dann z.B. auch nicht und hat nur angerufen.
    Schon die Pleuraergüsse hat man nur widerstrebend behandelt, aber uns mit den Symptomen vorher allein gelassen, es soll gegenüber meiner Mutter sogar die Aussage eines Arztes gegeben haben, das würde schon wieder, er müsse nur gepflegt werden.

  • Heute wie befürchtet.
    Er hat sich mehrfach auf den Toilettenstuhl und meine Mutter fast in den Nervenzusammenbruch terrorisiert weil er nicht einsieht, dass er das nicht schafft und die Hilfe ja auch nicht annimmt, sie es über ihre Kräfte dann aber auch nicht übers Herz bringt, ihm nicht nachzugeben. Die Versuche ihn wieder ins Bett zu kriegen sind eine Katastrophe, er schreit immer , dass er von dem Stuhl will, beim Versuch im herzunterzuhelfen, schreit er sofort dagegen aber auch an.
    Was soll man denn in so einer Situation machen?!
    Von mir erwartet sie dann Antworten, die ich auch nicht habe. Und ich kann nicht eben spontan hinfahren.

  • Guten Abend, Frankenfischkopp,


    das ist ja ein unhaltbarer Zustand. Ihre Familie benötigt dringend Hilfe. Evtl. könnten Sie unter folgendem Beitrag eine gewisse Parallele entdecken: demenz? und dann? Anbei eine kleiner Auszug aus der Antwort des Experztenteams:


    11.01.2020 | 11:28
    martinhamborg


    Hallo Eva88, eben sehe ich erst Ihren Beitrag im Forum, es ist merkwürdig. Ich hoffe meine Antwort kommt nicht zu spät.
    Sie sind in einer absolut schwierigen Lage und haben alle Register gezogen.


    !!! Den Rat des Polizisten, sofort im Falle einer drohenden Gewalt die Polizei zu rufen, möchte ich noch mal betonen. Besteht eine unmittelbare akute Selbst- oder Fremdgefährdung, kommt auf Veranlassung der Polizei der Sozialpsychiatrische Dienst und ein Amtsarzt und eine Zwangseinweisung ist umgehend möglich, wenn sie nötig ist. Bei akuter Bedrohung wird die Polizei so lange bleiben, bis alles geklärt ist. Ihrem Vater kann dann sofort geholfen werden!!!


    Ein Eilantrag beim Sozialpsychatrischen Dienst und ein Anruf bei der ortsansässigen Polizei erachte ich in Ihrem Fall als Mittel der ersten Wahl. Wie lange soll Ihre Mutter das noch ertragen? Spätestens wenn sie einen Zusammenbruch erfährt, eskaliert die Situation ohnehin und muss geordnet werden.


    Viel Kraft und Erfolg wünscht Ihnen


    Elisabetha

  • Den Beitrag hatte ich auch gelesen.
    Zu körperlicher Gewalt hat er keine Kraft mehr, wie gesagt, er kommt ja selbst mit Hilfe nicht mehr vom Toilettenstuhl hoch. Er ruft und schreit aber permanent, bis Mutti nachgibt, oder eben weiter, weil das was er will unmöglich ist.


    Ich werde hier echt zerrissen. Ich hatte schon Beratung gesucht, als der Pflegedienst noch nicht täglich mehrfach beauftragt war, und war auch an den sozialpsyhiatrischen Dienst verwiesen worden.
    Ich hatte da auch schon mit einem Mitarbeiter telefoniert, aber dann vertagt, weil die stäkrere Beauftragung des Pflegediensts abgebahnt war, was Mutti dann ja auch eingesehen hat, und eben der Hausarzt noch mal kommen sollte.
    Als ich ihr davon er zählt habe, hab ich sie kaum noch beruhigt bekommen. Ich kann ihr das nicht vermitteln und ich bringe es nicht über mich, etwas zu machen was sie mich hassen ließe.
    Ich habs versucht, auf dem Weg zu erklären, was denn wäre, wenn ich einen Psychiater zum Hausbesuch finden würde.
    Sie hat in Bezug auf so einen Besuch eine extrem starke Befürchtung, dass ihr wieder keiner glaubt, weil er dann vielleicht ruhig ist. Wenn er sich nicht gerade in eine akute Trotzphase reingesteigert hat, ist er zu den Pflegekräften oft ein anderer Mensch und total freundlich.


    Problem ist auch, es ist nicht viel Einkommen dar, und sie hat nur eine sehr sehr kleine Rente. Es ist ihr fester Wille, dass bis zum Zusammenbruch durchzuziehen, weil sie mit den Ersparnissen, die noch da sind, noch die Hoffnung auf eine Erholung danach hat. Alles und die Hoffnung zu verlieren und zum Sozialfall werden verkraftet sie glaube selbst nicht, und ich werde das vermutlich auch nicht abfedern können. Und vor allem, wenn ich das veranlasse, ich mags mir nicht vorstellen.
    Ab davon dass ich nach allem, was ich gelesen habe zwischenzeitlich zweifle, dass er so irgendwo aufgenommen wird.

  • Hallo Frankenfischkopp,


    unsere familiäre Situation hat sich ebenfalls soweit zugespitzt, dass es förmlich nach einer Betreuung für den Mann meiner Mutter schreit.


    Nach endlosen Telefonaten mit allen wichtigen Anlaufstellen weiß ich sachlich sehr wohl, was zu tun ist. Aber ich schaffe es nicht, die Unterlagen für eine Betreuung für ihn endlich zu unterschreiben und beim Betreuungsgericht abzugeben.


    Nachdem sich heute Vormittag der Pflegedienst mit großer Aufmerksamkeit mit ihm beschäftigt und unterhalten hat, durfte ich mir nach dessen Verabschiedung die übliche Liternei anhören. "Wozu kommt denn jemand zu uns ins Haus? Wir brauchen doch niemanden!"


    Was hindert mich also daran, mich zu entlasten und nicht mehr emotional und körperlich zu erschöpfen? Ein Theraupeut hätte wahrlich seine helle Freude an mir. Alles was ich brauche ist Hilfe, Abstand und Ruhe. Wird es noch ein Rest-Leben für mich geben, das nicht mit Pflege zu tun hat?


    Der Sozialpsychatrische Dienst empfahl mir heute dringend, eine "erwachsene Entscheidung" zu treffen. Wenn das mal so einfach wäre. Man kann mir sämtliche plausiblen Argumente präsentieren, ich schaffe es nicht!


    Grund: Ich habe Angst vor der Auseinandersetzung, die zu 100% auf mich zukommen wird. Zweifel ausgeschlossen! Der Mann meiner Mutter war zeit seines Lebens ein "sturer Hund", mit dem sich niemand auseinandersetzen wollte, seine Freunde haben kurzerhand den Kontakt zu ihm abgebrochen und sich nie mehr gemeldet.


    Also wird es darauf hinauslaufen, wie es Hanne63 so treffend beschrieben hat: die Situation wird sich zuspitzen ...


    Es widerstrebt mir zutiefst, sehenden Auges die sich auftürmende Katastrophe geschehen zu lassen. Aber in dieser Situation weiß ich mir keinen Rat mehr.


    Sollten Sie auch nur den Hauch einer Lösung für sich entdeckt haben, würde ich mich freuen, von Ihnen oder auch anderen Forumsteilnehmern zu hören.


    Herzliche Grüße


    Elisabetha

  • Wir haben die Suche nach einem Heim- oder gar Hospizplatz eingeleitet, wo er unterkommen könnte, heute wurde nun in der Medikation auch noch mal einiges geändert. Ich fahre dann auch wieder hoch .

  • Hallo Elisabetha,


    ich kann sehr gut nachempfinden, wie es Ihnen geht. Deshalb seien Sie herzlich gedrückt.
    Das Sie die Unterlagen nicht weiterreichen können, auch das verstehe ich. Ich selbst fürchte mich auch vor den Auseinandersetzungen, die irgendwann kommen werden. Ich habe aber beschlossen, meine Grenzen einzuhalten, damit ich einfach überleben kann. Meine Schwiegermutter ist der festen Überzeugung, dass es ihr gut gehen würde, wäre noch ihr Mann am Leben oder einer ihrer Söhne zu Hause. Das stimmt einerseits, andererseits aber auch wieder nicht. Das sieht man bei denjenigen, die Trotz Partner oder Kinder, weiter in die Demenz rutschen und am Leben anderer nicht mehr teilhaben können oder wollen.


    Meine größte Sorge gilt im Moment sowieso meinem Vater und meiner Mutter. Meine Schwiegermutter ist aber diejenige, für die ich am meisten Zeit aufwende, was wohl nicht mehr lange so bleiben wird, wenn das mit meinen Eltern so weitergeht.
    Es ist halt alles wage und ich muss zusehen, dass ich selbst irgendwie stabil bleibe.


    Liebe Grüße an alle

  • Guten Abend, Frankenfischkopp,


    ich ziehe meinen Hut vor Ihnen, Respekt vor Ihrer konsequenten Handlung!


    Ich wünsche Ihnen aufrichtig viel Glück bei der Suche nach einer geeigneten Unterbringung für Ihren Vater.


    Herzlichst


    Elisabeth




    Guten Abend, Teuteburger,


    ich danke Ihnen sehr für Ihr Verständnis.


    Während unseres gemeinsamen Abendessens erklärte ich meiner Mutter voller Überzeugung und aus tiefster Seele: "Ich hasse es, wenn Menschen für den Wunsch, frei und unabhängig leben zu wollen, mit Ausgrenzung, Herabwürdigung und Sanktionen rechnen müssen". Augenblicklich wurde mir klar, dass ich mir soeben die Antwort dafür gegeben hatte, weshalb ich die Betreuung nicht einleiten kann.


    Ich habe eine tiefsitzende Angst vor den Konsequenzen, die mich erwarten, würde ich diesen Schritt gehen. Immer wenn es mir in der Vergangenheit gelang, die Angst zu überwinden und zu meinen Überzeugungen zu stehen und entsprechend zu handelnm wurde ich dafür entsetzlich bestraft. Interessanterweise waren es immer die Menschen aus meinen eigenen Reihen (Familie, Partner), weniger Außenstehende. Sehr oft habe ich großen Mut bewiesen, und habe zu keiner Zeit meine Entscheidungen bereut.


    Dafür fehlt mir heute einfach die Kraft. Ich fühle mich hin und her gerissen zwischen meinen Wertvorstellungen, was ich in meinen Augen (alte Erziehungsmuster) zu tun habe und der Überzeugung, dass ich nun in erster Linie auf mich achten und mich schützen muss. Da ist ein so ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, dass mich ein seinen Klauen hält und nicht loslassen will.


    An besonders schlimmen Tagen hilft mir nur die Vorstellung, am Grab dieses Mannes zu stehen, um das Heute zu ertragen. Die Vorstellung in eine ferne Zukunft würde mir den Verstand rauben. Diese Worte mögen Sie entsetzen, dennoch erlauben Sie mir die Frage: "Wie viel kann ein Mensch ertragen, der von seinem Gegenüber jahrzehntelang gedemütigt wurde und durch ihn großen Schaden erlitten hat?" Und nun soll ich alles vergeben und verzeihen, weil er krank ist.


    In einem Gespräch mit der Telefonseelsorge erhielt ich folgende Antwort: "Sie zerren einen Mann vor Gericht, der Ihnen so viel angetan hat und vor Ihnen steht ... ein Kind! Ihre Zeit, das Geschehene auf Augenhöhe zu klären ist vorbei!" Ja, mein Kopf versteht das, meine Seele will nur noch schreien. Wieder zurückstehen, mal wieder. Wie so oft!


    Diese Umstände erklären vielleicht, warum es mir so schwer fällt, den Weg der Betreuung zu gehen. Ich habe nicht nur Angst vor der mit Sicherheit drohenden Auseinandersetzung, es ist auch die Angst vor mir selbst. Ist es wirklich eine rein sachliche Entscheidung, oder die letzte Möglichkeit, mich zu wehren? Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich es mir nie verzeihen könnte, etwas auszulösen, was nichts mit Ratio zu tun hat.


    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und einen schönen Abend.


    Herzliche Grüße


    Elisabetha

  • Hallo Elisabetha,


    ich habe Ihren Text aufmerksam gelesen und kann auch das gut nachempfinden.


    Ihr Vater war, so wie ich das lese, eher ein dominanter Mensch, der viel mit seinem Willen gemacht hat und dabei nicht immer die Bedürfnisse anderer berücksichtigt hat.
    Sich daraus zu befreien, braucht viel Zeit, Lebenserfahrung und Reflektion. Vor allem hat man durch Solches auch viele Ängste erlebt.


    Viele Menschen haben Probleme mit den eigenen Bedürfnissen, manche kennen sie noch nicht einmal wirklich. Da wird dann gerne mit Angst, Übergriffigkeit, Dominanz oder emotionaler Erpressung gearbeitet, um etwas zu erreichen. Solange genügend Ablenkung und einige Ressourcen vorhanden sind, geht es im Leben einigermaßen. Aber in den meisten Menschen schlummert so Einiges, was sie nicht kennen. Da entstehen dann leider Opfer- und Täterverhaltensweisen. Ganz besonders in Familien, wie Sie es für mich stimmig beschreiben.


    Was Ihre Mutter sagt, das stimmt auf der einen Seite, auf der anderen Seite, kann niemand, alles im Leben zu aller Zufriedenheit auffangen, wenn Menschen aus irgendwelchen Gründen, nicht mehr selbst etwas zum Gelingen beitragen können. Ihr Vater hat den Verstand nicht nur verloren, er hat auch einige seiner Verhaltensweisen beibehalten, seinen Willen, seine Durchsetzungskraft. Und genau an dem Punkt kann man keine wirklich befriedigende Lösung für alle mehr finden. Es muss leider eskalieren und das tut einfach nur weh, da verstehe ich Sie. Und die Telefonseelsorge hat recht, er ist hier mehr Kind, als erwachsen, ich würde vielleicht eher sagen, etwas dazwischen.
    Sie fragen, was man alles so ertragen kann. Ich weiß es manchmal auch nicht mehr. Ich sitze hier genauso zwischen so vielen Stühlen. Und was Menschen einem angetan haben, dass sind Verhaltensweisen, wo sie selbst mit ihrem Leben und ihren eigenen Bedürfnissen nicht zurechtkamen. Die einen übergriffig, die anderen ängstlich ect. Meine Vorgehensweise in diesen Punkten ist die, dass ich hier für mich selbst sorgen will und das in mir bereinige, denn ich weiß für mich inzwischen, das mir das am meisten hilft, innerlich bei mir zu bleiben und das Leben anderer bei denen zu belassen. Man hat zwar Begegnungen durch die Eltern-Kind-Beziehungen oder auf der Arbeit, aber letztendlich auch ein Eigenleben in sich, das man einfach nicht mit anderen teilen kann und wo Harmonie und Unversehrtheit als tiefes Bedürfnis eine Rolle spielen. Unsere Welt ist nicht perfekt und ich denke, wir haben noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss gefunden. Das hat keine Religion/Tradition oder die bisherige Wissenschaft geschafft. Von daher hat unser Leben Grenzen und ein jeder versucht es mit seinen Strategien zu meistern, oftmals nicht besonders glücklich, so auch Ihr Vater.


    Ihre Mutter wird es alleine mit Willenskraft nicht gelingen ihren Mann noch zu retten. Man kann ihm aber das Leben erleichtern nach der Eskalation, wenn gar nichts mehr vor und zurück geht. Ich denke, Sie wollen diesen Zeitpunkt noch abwarten, bis Sie die Betreuungsunterlagen wegschicken, was ich verstehe. Vielleicht warten Sie auch auf das OK Ihrer Mutter. Das hat auch nichts mit Ausgrenzung oder sonst etwas zu tun, wie ihre Mutter meint, sondern weil es einfach in dem jetzigen Rahmen, keinen anderen Ausweg mehr gibt. Und das ist hart für alle Beteiligten. Zudem sage ich mir, dass das nicht das wahre Leben ist, so wie es vielleicht einmal gedacht gewesen ist. So ähnlich wie sie denken, indem sie besser mit allem Zurechtkommen, wenn ihr Vater nicht mehr lebt. Und nein mich entsetzt diese Aussage nicht. Denn was man loswerden will, das sind die psychischen niederschmetternden Zustände, die eben nichts mit Harmonie und Unversehrtheit zu tun haben. Die Wahl zwischen Pest und Cholera, sage ich dazu.


    Ich glaube auch nicht, dass Sie die Unterlagen deshalb abgeben wollen, um sich zu wehren, sondern um für sich selbst sorgen zu können, damit Sie nicht untergehen. Aber ich glaube, sie haben da automatisch einen Zwiespalt, weil Ihnen das Verzeihen ect. noch nicht gelingen will. Das kann man auch nicht erzwingen, aber vielleicht gelingt es irgendwann (Zeitfaktor), wenn man mehr über sich selbst weiß. Oftmals aber nicht in den unmittelbaren und direkt auf einen einwirkenden Situationen. Ich wünsche Ihnen hier viel Kraft.


    Liebe Grüße an Sie

  • Hallo Hanne63, hallo Teuteburger,


    ich danke Ihnen herzlich für Ihre Antworten. Die letzte Nacht war ich nur damit beschäft Lösungen zu finden und fand mich heute Morgen durch Ihre Beiträge sehr unterstützt.


    Wie so oft gibt es auch in dieser Situation nicht die "eine Lösung". Ich habe mich dazu entschlossen, einen ganz anderen Weg zu gehen, als bisher gedacht. Eines unserer größten Probleme ist die finanzielle Situation. Meine Eltern haben sich im vergangenen Jahr durch einen desaströsen Kaufrausch hoffnungslos überschuldet. Durch die Vorsorgevollmacht meiner Mutter konnte ich bisher eine drohende Insolvenz abwenden - zumindest vorerst. Die entsprechende Aufklärung und Informationen hierzu erhielt ich von der AWO-Schuldnerberatung.


    Da ich eine Vollmacht für den Mann meiner Mutter von Anfang an strikt abgelehnt habe, gibt es für mich auch keine Möglichkeit, entsprechende Vereinbarungen mit den Gläubigern, bzw. jetzt Inkasso-Unternehmen auszuhandeln. Daher habe ich heute sämtliche Inkasso-Unternehmen die ihn betreffen, über den Sachverhalt und unsere familiäre Situation in Kenntnis gesetzt. Die Vorsorgevollmacht meiner Mutter für ihn dürfte kein Gewicht haben, da sie selbst nicht mehr in der Lage ist, ihre geschäftlichen Angelegenheiten zu regeln. Denn sie befindet sich ebenfalls auf dem fortgeschrittenen Weg einer dementiellen Erkrankung.


    So ist davon auszugehen, dass in naher Zukunft die Mahnbescheide bei uns eintreffen werden. Ein Besuch des Gerichtsvollziehers ist dann auch nicht mehr weit.


    Ich sehe darin die einzige Möglichkeit, dass meine Familie die Notwendigkeit für den Einsatz eines Betreuers erkennt. Es ist zwar zu befürchten, dass sich meine Hoffnung nicht erfüllt. Dennoch gehe ich davon aus, dass ein Gerichtsvollzieher die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen wird.


    Nochmals ganz lieben Dank für Ihre wertvolle Unterstützung.


    Herzlichst


    Elisabetha

    • Offizieller Beitrag

    Hallo an alle Beteiligten dieses Beitrags,
    es fällt mir schwer, angesichts der anrührenden und erschütternden Situationsbeschreibungen noch eine profane Anmerkung zu machen.
    Begleitumstand vieler familiärer Pflege-Dramen (vor allem bei involvierten Ehepartnern) ist die finanzielle Situation der Pflegeperson nach einer "Unterbringung" des erkrankten Ehepartners.
    Die leider berechtigte Angst selbst zum Sozialhilfeempfäner zu werden, eventuell die angestammte Wohnung verlassen zu müssen oder das gemeinsame Haus verkaufen oder zu beleihen zu müssen, verhindert leider häufig eine Lösung, die sowohl Pflegender als auch der Gepflegte nötig hätten.
    Hier ist der Gesetzgeber aufgerufen - ähnlich wie bei den leiblichen Kindern - angemesene Freibeträge zu beschliessen, die es dem pflegenden Partner erlauben, weiterhin (oder wieder) ein menschenwürdiges Leben zu leben.
    Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen allen, die so eine schier übermenschliche Kraft aufbringen, um Ihre Familienmitglieder gut zu versorgen.


    Klaus-W. Pawletko

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Frankenfischkopf, hallo an die Runde!
    Zunächst möchte ich endlich auf Ihre Situation eingehen, es sind ja schon einige Tage vergangen und vielleicht hat der Arzt schon persönlich reagiert. So wie Sie die Symptome beschreiben, klingt es weniger wie eine Demenz, sondern nach einem Delir oder einer organisch bedingten Wahnerkrankung. Dies müsste zunächst sorgfältig abgeklärt werden, denn ein Delir ist ein lebensbedrohlicher Zustand und wird oft zu spät erkannt.
    Erst dann können wir nach anderen Ursachen suchen und den Blick darauf richten, welchen Einfluss zum Beispiel eine beginnende Sterbephase auf das Verhalten hat. Dies könnte wieder eine Indikation für das SAPV-Team sein, das in der Sterbebegleitung beisteht. Sie haben ja schon gute Erfahrungen machen können.


    Die folgenden Beiträge haben mich sehr beeindruckt und ich bin dankbar an die Runde, dass Sie so offen schreiben und sich so persönlich beistehen!!
    All diese Erfahrungen und die offengelegten inneren Prozesse haben einen großen Wert für die Leserinnen und Leser - nicht nur die die zufällig "reinklicken" sondern auch für mich und vermutlich alle anderen, die sich intensiv und sehr persönlich beteiligen. Ich hätte nie gedacht, dass dies in einem "Chat" möglich ist.
    Auf die vielen Erfahrungen, Erkenntnisse und das Hin- und Hergerissen sein möchte ich jetzt nicht eingehen. Ich verstehe die Beträge als ein "von der Seele schreiben" und "mit anderen teilen". Das ist so wertvoll, dass ich jetzt nicht ungefragt einen psychologischen Beitrag hinzufügen möchte. Aber wenn Sie zu einigen Aspekten auch meinen Eindruck lesen möchten, schreiben Sie dies bitte, dann füge ich gern ergänzend meine Gedanken hinzu.


    Ihnen Elisabetha ganz viel Kraft auf diesem furchtbaren und hoffentlich irgendwann fruchtbaren Weg der Klärung. Aus Ihren Zeilen lese ich ganz viel persönliche Stärke, sonst hätten Sie den Teppichklopfer nicht mitnehmen können, sonst hätten Sie nicht - beinahe symbolisch gesehen so - so viel alten Dreck entsorgen können!
    Es klingt so, als würden Sie - dadurch dass Sie äußerlich aufräumen - auch innerlich ganz viel Ordnung und Platz für Neues schaffen!
    Ihr Martin Hamborg

  • Einen guten Morgen in diese Runde,


    ich komme soeben von der Post; endlich habe ich es geschafft, den Antrag auf Betreuung im Eilverfahren auf den Weg zu bringen.


    Ohne Sie , die Beiteiligten dieses Beitrages hätte ich es nicht geschafft.


    DANKE Ihnen allen!!!


    Ihre Elisabetha

  • Hallo,Hanne und natürlich auch Elisabeth,beim Lesen eurer Beiträge kommen mir die Tränen,wie muss es euch in eurer Kindheit schlecht gegangen sein,Hanne,du hast mir immer so viele gute Hinweise gegeben,dabei ging es dir viel schlechter als mir.Es tut mir unendlich leid.Im Gegensatz hatte ich wirklich immer liebe Eltern und eine gute Kindheit.Keine Tagebücher mit bösen Nachrichten, das kenne ich nicht,keine Schläge usw.Du warst so tapfer.Ich glaube,wenn mir jemand so weh getan hätte,könnte ich mich nicht so um ihn sorgen, wie du es trotz allem getan hast.Lass aĺles hinter dir u nd beginne ein neues Leben.Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Glück,vielleicht schreibst du mir trotzdem immer mal, es wird bestimmt jetzt besser für dich.Es grüßt Rosina

  • Hallo Sonnenblümchen,
    sie sprechen da einen sehr wichtigen Punkt an.
    Auch ich bin davon überzeugt, dass wir heute die Nachwirkungen der Nazizeit bei unseren Angehörigen aufarbeiten müssen.
    Meine Mutter musste während der gesamten Kriegszeit auf ihren geliebteb Vater verzichten. Meine Grossmutter war mit der Situation 3 Kinder alleine erziehen zu müssen total überfordert und hat schwere Fehler begangen, die bis heute bei meiner Mutter tief verwurzelt sind. Meine Mutter hat zu meinem Glück aus den Fehlern ihrer Mutter gelernt und meinen leider vor über 30 Jahren verstorbenen Bruder und mich zu einem vernünftigen Menschen erzogen. Ich hatte entgegen anderer Forumsmitglieder immer ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter, wodurch es mir leichter fällt mich um sie zu kümmern, obwohl sie sich durch die Krankheit total verändert hat. Ich kann sehr gut verstehen, dass es jedem schwer fallen muss sich um die Angehörigen zu kümmern, wenn das Verhätnis vorher schwierig war.
    Nichtsdestotrotz glaube ich aber auch, dass sich meine Trauer im Falle des Ablebens meiner Mutter einigermaßen in Grenzen halten wird, da ich glaube, dass es eine Erlösung für sie sein wird. Ich teile die Befürchtung, dass man nach dem Tod des Angehörigen in ein tiefes Loch fallen werde nur bedingt, da ich davon ausgehe, dass die eigentliche Trauerarbeit schon längst begonnen hat. Wir, die wir unsere Angehörigen zu Hause pflegen haben nunmehr die Gelegenheit jetzt schon Abschied zu nehmen und für sie da zu sein, auch wenn sie unsere Hilfe eigentlich garnicht annehmen wollen.
    Ich wünsche allen eine glückliche Hand, wenn es einmal dazu kommt die richtige Entscheidung zu treffen.
    Danke fürs Lesen.

  • Hallo zusammen,
    ich bin sehr beeindruckt über dieses Forum mit dem offenen Austausch. Ich gehöre auch zu den Betroffenen, die leider KEINE gute Kindheit hatten, hatte aber lange das Gefühl mich ständig kümmern zu müssen - "Du sollst Vater und Mutter ehren"... Mein Eindruck ist, dass dabei durch diese Negativ-Bindung die Abgrenzung zu den Anforderungen der alten und pflegebedürftigen Eltern noch schwerer fällt. Ich musste erst durch prof.Begleitung lernen, dass ich auch ein Anrecht auf eigene Zufriedenheit und Berücksichtigung meiner Bedürfnisse habe, bin lange ständig über meine (gesundheitl.) Grenzen gegangen.
    Bei meinem dementen Vater habe ich schon rechtl. Betreuung nach einem Polizeieinsatz durchbekommen, wodurch sich vieles entspannte, nun ist bei meiner Mutter Demenz im Gange, wie in einem anderen Thread beschrieben. Wieder mit vielen Gewissensbissen leider...
    Ich habe Verantwortung übernommen und sie zum Schutz meiner zuvor betreuenden und dann sehr angeschlagenen Schwester in Kurzzeitpflege in meiner Nähe unterbringen können. Nun ging es in Daueraufenthalt mit monatl. möglicher Kündigung über. Meine Mutter kann sich unsere Gespräche und Erklärungen dazu nicht mehr merken und erzählt nun Unwahrheiten über mich, sehr überzeugend, will unbedingt nachhause. Theoretisch könnte sie ihre Sachen packen und sich vom Taxi bringen lassen, das macht sie bislang zum Glück aber nicht.
    Für mich und besonders meine Schwester, die nun mehr als 10 Jahre total viel Aufregung mit unseren Eltern vor Ort hatte, ist es schwer auszuhalten.
    Da fragen wir uns auch oft, wieviel man aushalten muss und kann nach vielen frühen Gewalterlebnissen u.a. nun diese belastende Phase.
    Unser Vater verstarb vor 2 J. und wir hätten unserer Mutter sehr eine schöne Zeit ohne ihn gewünscht, nun verliert sie ebenfalls den Verstand, ist oft erschreckend aggressiv und hat totale Angst zu sterben, vllt ihren Mann im Jenseits wiederzutreffen?
    Es tut weh und ehrlich gesagt freue ich mich auf die Zeit, wenn auch dieses Kapitel beendet wird... Hoffe das klingt nicht verwerflich.
    Ich wünsche allen Lesern den Mut zu ihren Grenzen und Bedürfnissen zu stehen und die Zuversicht, dass manche Dinge auch durch Delegieren an Fachkräfte leichter werden können.
    Herzliche Grüße
    Rose

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, ich möchte den Aspekt der Pflege bei einer schweren Kindheit aufgreifen. Diese schlimmen Erfahrungen sind eine lebenslange Bürde und dann kommen noch weitere Verletzungen hinzu und alte Wunden können wieder aufbrechen. Da ist Trost, Unterstützung und Begleitung auf ganz vielen Ebenen wichtig und ich freue mich, wenn wir alle hier im Forum einen kleinen Beitrag dazu leisten. Aber ich möchte ganz deutlich sagen: es sind 1000 gute Gründe, auch eine Psychotherapie zu beantragen um alles zu ordnen und gute Rituale für das Loslassen und den Neuanfang zu finden.
    Die größte Schwierigkeit ist das Verzeihen und Vater und Mutter zu ehren, auch wenn sie große Schuld auf sich geladen haben. Für unsere Psyche ist dieser schwerste Weg sehr wertvoll und deshalb haben sich kraftvolle Rituale wie das Familienstellen bewährt, auch wenn einige Kollegen vielleicht über das Ziel hinausschießen.


    Aber jemandem die Ehre geben, heißt nicht, alles ungeschehen oder alles verdrängen zu müssen! Manchmal ist der Aspekt den wir wirklich ehren können nur ganz klein, vielleicht (nur?) weil sie uns dieses Leben geschenkt haben, an dem wir viel mehr als andere wachsen konnten... Aber Fehler bleiben Fehler und wir waren immer das Kind und die Eltern waren immer die Erwachsenen und tragen die Verantwortung, auch wenn Sie uns diese Antwort verweigern.
    Ich kenne viele Menschen, die radikal mit ihren Eltern gebrochen haben und nicht die große Stärke haben, für die Eltern in der Demenz da zu sein und vielleicht noch versöhnende Erfahrungen zu machen. Drei Dinge können dabei helfen:
    - Durch die Demenz lernen wir die Eltern nocheinmal neu kennen und verstehen,
    - wir können ganz wertvolle Erfahrungen machen und nachholen
    - und wir haben die Chance in einer ganz anderen erwachsenen Rolle auf böse Dinge zu reagieren. Wir sind nicht mehr hilflos oder können zumindest immer wieder neu üben, stark und erwachsen zu bleiben!
    Ich habe lange überlegt, ob ich diese Zeilen schreibe, denn die Gedanken kommen so groß daher und können für den einen richtig und den anderen falsch sein. Ihr Martin Hamborg

  • Sehr geehrter Herr Hamborg,


    seit Jahren suche ich nach einem Weg, mit dem Mann meiner Mutter noch zu dessen Lebzeiten, Frieden zu schließen. Das oft in dieser Situation benutzte Wort „Vergebung“ war mir immer zu gewaltig und allumfassend, und für mich nicht umsetzbar. Diverse Literatur, endlose Gespräche mit der Telefonseelsorge brachten mir nicht den erhofften auslösendem Moment – bis ich Ihren Beitrag las.


    Nun darf ich Sie zitieren:


    „Aber jemandem die Ehre geben, heißt nicht, alles ungeschehen oder alles verdrängen zu müssen! Manchmal ist der Aspekt den wir wirklich ehren können nur ganz klein, vielleicht (nur?) weil sie uns dieses Leben geschenkt haben, an dem wir viel mehr als andere wachsen konnten...“


    Genau das ist es! Ja, es gibt sehr wohl „einen“ Aspekt, den ich an ihm ehren kann, und dieser ist sehr entscheidend für mein Leben. Nun sehe ich mich nicht gezwungen, den ganzen Menschen mit allem Drum und Dran im Rahmen einer Vergebung anzunehmen. Es genügt, aus voller Überzeugung diesen besonderen Anteil zu ehren. Punkt!


    Sie ahnen nicht, wie befreiend Ihre Zeilen für mich sind. Exakter hätten Sie nicht ins Schwarze treffen können. Über weitere Anregungen und/oder evtl. Literaturvorschläge etc. würde ich mich aufrichtig freuen.


    P. S. Seit meiner Anregung einer gesetzlichen Betreuung für ihn, scheint mein ganzes Lebensgefüge in Bewegung zu geraten. Es ist kaum in Worte zu fassen, eine längste überfällige Entwicklung bricht sich Bahn.


    Es dankt Ihnen sehr herzlich



    Elisabetha

  • Guten Abend Hanne63, guten Abend Sonnenblümchen,


    die gesetzliche Betreuung anzuregen war ein seelischer Kraftakt für mich.


    Die Antwort von Herrn Hamborg, wie auch Ihre zeigen unvermindert ihre Wirkung und hallen in mir nach. Momentan sehne ich mich nur nach Stille, um die vielen Eindrücke und Berichte verarbeiten zu können. Trotz innerer Befreiung verspüre ich eine bleierne körperliche Schwere. Mein System steht Kopf und muss sich wohl erst langsam wieder einfinden.


    Hanne63, dass der Begriff "jemandem die Ehre zu geben" ebenso hilfreich war wie für mich, freut mich aufrichtig. Das nennt man wohl eine Punktlandung.


    Sonnenblümchen, Ihre Art sich in Metaphern auszudrücken gefällt mir sehr, ich gehöre zu den visuellen Typen und sehe bei Ihren Schilderungen sofort "Bilder laufen".


    Ich fühle mich wie in einem Zwischenleben, zurück kann und will ich nicht und angekommen bin ich auch noch nicht. Diesem Zustand bin ich bereits einige Male in meinem Leben begegnet, doch je älter ich werde, um so bewusster nehme ich ihn wahr und versuche nicht, die Entwicklung mit geschäftiger Hektik zu beschleunigen. Schauen wir mal ...


    Alles Liebe für Sie


    Elisabetha

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