Verleugnung des Offensichtlichen

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  • Hallo, ich (23 Jahre) wende mich an dieses Forum, da ich und meine Familie hilflos sind. Ich entschuldige mich bereits im Voraus für die langen Schilderungen, jedoch halte ich es für wichtig um einen möglichst genauen Eindruck zu erhalten. Ich hoffe das ließt überhaupt jemand durch :).


    Meine Oma, um die es geht ist 86 Jahre alt und es geht ihr außer einigen kleineren Beschwerden körperlich verhältnismäßig sehr gut.

    Sie ist aber bereits seit einigen Jahren sehr vergesslich und war schon immer ein eher schwieriger Mensch.
    Damit haben wir uns größtenteils abgefunden, da es quasi unmöglich wäre sie zu einem Arzt zu bewegen - zumindest wenn es um "psychische Beschwerden" geht.
    Auch, da sie meiner Mutter (ihrer Tochter) und dem Rest der Familie teilweise sehr misstrauisch gegenüber ist. Sie hat quasi schon die ganze Familie (und mehrere Aussenstehende) des Diebstahls bezichtigt. Von Wurst, die zum Abhängen irgendwo gehangen haben soll bis hin zu mehreren tausend Euro Bargeld.


    Auch bringt sie oft Situationen durcheinander oder bildet sich solche ein. Gerade in zeitlicher Hinsicht hat sie völlig den Überblick verloren. Sie geht davon aus, dass sie erst seit "ein paar Monaten" nicht mehr alles im Griff hat. Tatsächlich aber seit mehreren Jahren. Zu solchen gerade zeitlichen Fehleinschätzungen kommt es sehr häufig.


    Schon vor Jahren hat sie damit angefangen Unmengen an Papier zu "sammeln". Zeitungen, Werbeprospekte und so weiter. Teilweise 10 Jahre alt. Wegschmeißen durfte man es noch nie. Da wird sie dann schon aggressiv, was eigentlich eher ungewöhnlich für sie ist.
    Gespräche was das soll führen zu nichts. Sie blockt völlig ab.
    Mittlerweile ist es jedoch soweit, dass sie auch Essensreste rumliegen lässt. Sie war schon immer sparsam (1933 in ärmlichen Verhältnissen geboren) und tat sich schwer, Lebensmittel wegzuschmeißen. Mittlerweile kann man ihre Küche kaum noch ohne Ekel betreten: benutztes Geschirr, teilweise vergammelte Lebensmittel soweit das Auge reicht. Wenn wir vorschlagen zusammen aufzuräumen und abzuspülen sagt sie nur, dass sie das später alleine macht (passiert natürlich nie) und fühlt sich auch persönlicher angegriffen, wenn man das Thema anspricht.


    Wir haben es schon mit verschiedenen Taktiken versucht. Einfach damit anzufangen und ihr Gezeter weitgehend zu ignorieren; Erklären wieso wir das jetzt tun und dass das doch normal ist, wenn sie in dem Alter nicht mehr alles hinbekommt. Funktioniert leider fast nie. Fast immer resultiert daraus aber ein ermüdender und ausufernder Streit.


    Es ist für uns zum Verzweifeln. Ich habe das Gefühl, dass sie teilweise das Gesagte nicht richtig verarbeiten kann. Denn oft redet man minutenlang auf sie ein, versucht ihr mit dem letzten Rest der Geduld zu erklären wieso das jetzt getan werden muss und sie antwortet darauf nur irgendetwas völlig anderes und redet ihr Standardprogramm runter ohne auf das Gesagte einzugehen.


    Falls sie dann doch mehr oder weniger darauf eingeht, dann sucht sie Ausreden, wieso die Unordnung überhaupt bei ihr herrscht, was überhaupt nicht das Problem ist. Das Problem ist viel mehr ihre Sturheit.


    Teilweise ignorieren wir die Unordnung einfach um dem Streit aus dem Weg zu gehen, da dieser nichts bringt und für uns alle - inclusive meiner Oma - sehr nervenaufreibend ist.


    Heute jedoch wollt sie einen offensichtlich gammligen Schinken essen. Meine Mutter wollte ihn ihr wegnehmen, woraufhin ein riesiger Streit entbrannt ist.


    Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Ich habe das Gefühl, dass wir den Zustand nicht einfach hinnehmen können. Aber diese wöchentlichen Streitigkeiten setzen insbesondere meiner Oma natürlich auch enorm zu, da sie gar nicht versteht, warum wir so reagieren und sich immer abgewertet und schlecht behandelt fühlt. Sie ist wie gesagt körperlich enorm fit und kann sich im Großen und Ganzen allein versorgen, was ihr aber trügerisch das Gefühl gibt, sie bräuchte überhaupt keine Hilfe.


    Ihre Wahrnehmung schwankt auch enorm. Wenn wir sie besuchen (mindestens 1 ein mal pro Woche), sagt sie jedes mal "ihr dürft euch nicht so genau umgucken, ich bin heute noch nicht zum Aufräumen gekommen". Andererseits leugnet sie teilweise aber die Realität auch völlig.


    Ich wäre sehr dankbar, wenn jemand Tipps hat, wie wir vorgehen können. Vielen Dank im Voraus!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo FMB,


    es immer wieder mit verschiedenen Taktiken zu versuchen ist schon die richtige Strategie, denke ich. Sie haben auch kaum weitere Möglichkeiten, solange sich Ihre Oma nicht tatsächlich selbst gefährdet.
    Gibt es denn eine Diagnose bzw. was sagt der behandelnde (Haus-)Arzt zum Zustand? Könnten Sie einen Hausbesuch veranlassen?
    Eine andere Möglichkeit wäre vielleicht zu versuchen, ihrer Oma eine "Zugehfrau" / Haushaltshilfe schmackhaft zu machen. Vielleicht weniger mit dem Tenor, dass sie Hilfe braucht, sondern, dass sie sich das jetzt gönnen darf in ihrem Alter... . Vielleicht funktioniert diese Schiene.


    Eine weitere Frage: ist die rechtliche Seite geregelt im Sinne von Vollmachten / Betreuung? Hat sie etwas verfügt?


    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

  • Hallo FMB,


    das, was Sie beschreiben, habe ich eins zu eins auch erlebt.
    Im Beisein meiner Schwiegermutter durfte man in der Küche oder sonst irgendwo im Hause nichts tun. Ich durfte nur kaufen gehen. Als ich aber die Lebensmittel einräumen wollte, sah ich dann immer die ein oder andere schimmelige Bescherung. Schlimm genug, weil man Partner Sonntags immer zu ihr ging und auch das Gekochte gegessen hat. Manchmal habe ich ihn begleitet.


    Was letztendlich geholfen hat:


    Meine Schwiegermutter konnte damals noch alleine in die Stadt gehen und ich habe die Zeiten gekannt. Ich habe dann in ihrer Abwesenheit geputzt und Sachen weggeworfen. Nie hat sie darüber gesprochen und ich auch nicht. Ich habe gedacht, sie muss das doch sehen . . . Natürlich ist das dann irgendwann doch aufgeflogen, als sie früher zurück kam. Ich habe dann wie ganz selbstverständlich mich schnell mit einer Tasse Tee ins Wohnzimmer gesetzt und gesagt, ich hätte hier und da ein bisschen gewischt, denn schließlich sei sie ja sehr ordentlich und sauber. Es seien nur Kleinigkeiten gewesen. Ich habe dann belangloses Zeugs mit ihr geredet oder mit ihr eine Runde Karten gespielt. Seit dem Zeitpunkt hat sie das Putzen dann einigermaßen akzeptiert.


    Man kann mit ihrer Oma auch einen Ausflug machen und ein anderer macht dann das Nötigste. Und auch wenn es erst einmal Zoff gibt. Wichtig ist die Wertschätzung ihrer Ordnung und Sauberkeit und dass man das Wenige, was man selbst tut, einfach gerne gemacht hat, denn in ihrem Alter hat man etwas Hilfe einfach verdient. Sie sei ja sonst extrem selbstständig.
    Und seit dieser mehr oder weniger erfolgten Zustimmung habe ich mich nicht mehr beirren lassen und sie akzeptiert das manchmal sogar ganz gut, es gibt aber auch Phasen so wie jetzt, da wird sie zunehmend fordernder, nachdem das jetzt zwei Jahre gut geklappt hat. Auch da knicke ich nicht ein, sonst verdreckt sie total. Meine Schwiegermutter hat inzwischen Pflegegrad zwei und deshalb habe ich an meinem Putztag immer eine Seniorenbetreuerin dabei, die ich als meine Freundin ausgebe und die sie dann unterhält.


    Wenn man nicht früh genug mit der Hilfe, auch von außen anfängt, dann wird das in der totalen Verwahrlosung der Person enden, wenn man nicht jeden Tag da ist oder wenn man nicht mit der Person zusammen wohnt. Es ist aber auch nicht gesagt, dass wenn man jeden Tag da ist, dass die Totalverweigerung von Hilfe, dann schwächer ist.
    An Ihrer Stelle würde ich mich in einem Demenzzentrum einmal beraten lassen. Das hat mir damals sehr geholfen. Ich musste das auch mehrmals machen, sonst wäre ich psychisch und geistig an der Aufgabe zerbrochen, denn meine Schwiegermutter ist ein Härtefall. Jede der Seniorenbetreuerinnen, die alle ausgebildete Pflegekräfte sind und die viel Umgang mit Demenzkranken gehabt haben und auch in der Kurzzeitpflege, hat man mir gesagt, dass sie zu den schwerst zugänglichen Personen gehört. Das stimmt leider, auch wenn sie hin und wieder ganz anders sein kann, freundlich, empathisch, zumindest in den vergangenen Jahren hin und wieder, jetzt zunehmend weniger. Und das tut weh.


    Liebe Grüße an Sie

  • Danke für Ihre Antwort Jochen Gust.


    Zum Arzt geht sie sehr selten und nur dann, wenn es wirklich nicht anders geht. Das Problem ist, dass sie ihre Schwierigkeiten vor Fremden recht gut verbergen kann. Diesen fällt meist lediglich auf, dass sie vergesslich (insbesondere durch ständiges Wiederholen des Gesagten) und eben etwas eigenartig ist. Diese können es dann oft auch kaum glauben, wenn man ihnen die Geschichten erzählt.


    Die Idee mit der Haushaltshilfe haben wir ihr bereits mehrfach vorgeschlagen. Das endet dann meist damit, dass sie sich abgewertet und nicht für voll genommen fühlt, weil sie ja noch alles so gut im Griff hätte.


    Ihr zu sagen, sie bräuchte es zwar nicht, aber sie hätte es sich verdient tun wir quasi immer. Das hört sie gar nicht. Was bei solchen Gesprächen hängen bleibt ist nur, dass man ihr nichts zutrauen würde - egal wie man das Thema anspricht.


    Verfügt hat sie meines Wissens in diesem Sinne nichts. Solche Themen überhaupt anzusprechen endet immer in Aufruhr. Sie hat ohnehin schon geäußert, dass wir sie für unzurechnungsfähig erklären wollen würden. Was wir natürlich wollen.

  • Danke Teuteburger für Ihre Antwort.


    Essen tun wir seit einiger Zeit bereits nichts mehr bei meiner Oma. Das wäre wohl gesundheitlich sehr unklug.


    Sie verlässt das Haus nur sehr selten und unregelmäßig. Eigentlich nur um einzukaufen, wobei wir auch das mittlerweile recht oft übernehmen.


    Ihre Idee mit dem Ausflug könnte jedoch funktionieren.
    Wir haben nur Angst, dass sie es bemerkt und dann das letzte Vertrauen auch noch verloren geht. Da sie ohnehin teilweise sehr misstrauisch ist, würde sie das vermutlich in ihrem Misstrauen bestätigen. Der Umgang würde dann noch deutlich schwerer.


    Meine Mutter war bereits vor einigen Jahren bei einer Demenzberatung. Die Tipps von dort konnten wir jedoch nicht umsetzen, da meine Oma alle Versuche ihr zu helfen abblockt, sich bei sachlichen Gesprächen angegriffen und abgewertet fühlt und sich auf nichts Einlassen kann.
    Es wäre wohl aber Zeit sich noch einmal ausführlich beraten zu lassen.


    Ich danke ihnen für ihren Erfahrungsbericht! Es ist immer hilfreich zu sehen, wie andere ähnliche Probleme behandelt haben.

  • Hallo FMB,


    ich denke auch, dass Sie sich noch einmal beraten lassen sollten.


    Es wird nicht besser werden mit der Oma, weil sie bei ihrer Verweigerung hartnäckig bleiben wird.


    Auch ich habe Jahre gebraucht, bis ich die Idee mit dem heimlichen Putzen umgesetzt habe. Hier hilft nur ein Versuch und man muss die jeweilige Eskalation in Kauf nehmen und wertschätzend loben und sagen, was sie noch alles kann und macht. Und dann konsequent dabei bleiben. Führt das aber zu Weinkrämpfen und zum völligen psychischen Zusammenbruch, dann bleibt irgendwann nur noch eine Heimunterbringung, in einer wirklich guten Einrichtung, die sich spezialisiert hat, oder man nimmt die Verwahrlosung in Kauf.


    Demenz ist oftmals eine Wahl zwischen Pest und Cholera, leider.


    Aber wie gesagt, eine Beratung ist wichtig, so dass man selbst auch abschätzen kann wohin das Ganze führt.


    Liebe Grüße an Sie

  • Hallo Teuteburger,


    da haben sie Recht.


    Unser Segen ist, dass sie körperlich noch fit ist. Denn ein Heim würde sie nach eigener Aussage nicht überleben.
    Sie selbst hat zwei Frauen - ihre Mutter und ihre Großtante - bis zum Tod selbst gepflegt, weil sie es nicht ertragen hätte sie in ein Heim zu geben. Ihre Abneigung gegen eben solche hat sie mehrfach deutlich ausgedrückt.
    Etwas anderes als Heim würde nicht gehen. Meine Mutter belastet die Situation mit wöchentlichen Besuchen schon enorm. Von zeitlichen Problemen ganz zu schweigen.

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