Mutter allein zu Hause

  • Hallo, ich bin neu hier, lese seit einigen Wochen mit und konnte dadurch schon einige Situationen mit meiner Mutter besser verarbeiten.

    Zuerst möchte ich ein bisschen über unsere Situation schreiben:

    Meine Mutter wird im August 96 Jahre alt, leidet seit mindestens 25 Jahren an Makuladegeneration und ist seit vielen Jahren zu 98% sehgeschädigt, also blind mit nur kleiner Restsehfähigkeit.

    Diese Situation überdeckte vermutlich auch lange Zeit diverse Frühsymptome ihrer Demenz, die uns inzwischen aber doch mit ziemlicher Wucht getroffen hat.


    Wir, das sind meine Schwester, die in Wien lebt und ich in Oberbayern.

    Unsere Mutter lebt in Mittelfranken, wo sie sich vor 37 Jahren nach dem Tod meines Vaters ein Haus ins Abseits von aller Familie gebaut hat. Sie war damals schon 60 Jahre alt und ignorierte alle Hinweise drauf, dass sie so alleine weitab von allen doch gewisse Risiken für ihr Alter eingehe.

    Aber sie wollte alleine leben, wollte das Haus (das damals auch noch weit vom Ort entfernt stand) für sich alleine haben, um da ungestört musizieren und so leben zu können, wie es ihr gefällt, ohne viele Rücksichten nehmen zu müssen.


    SIE WOLLTE ES SO, in einem Alter, in dem man ihr uneingeschränkt ihren freien Willen mitsamt nötiger Weitsicht zugestehen musste.

    Sie engagierte sich in ihrem neuen Umfeld, in dem sie niemanden kannte, brachte sich ein, wo sie Not und einen Sinn sah (allerdings weniger, um zu helfen, als um immer betonen zu können, wie sehr sie hilft, wer ihr dankbar sein muss etc.) und so schaffte sie sich damit auch Menschen, die dann, als ihre Erblindung begann, bereit waren, ihr zu helfen.


    Auf diese Weise hat sie nun schon seit vielen Jahren einen Stab von Helfenden, von denen mindestens eines pro Tag bei ihr ist, eine Putzhilfe hat sie auch schon seit vielen Jahren, einen Mann, der ihr im Garten und bei Papierkram hilft, eine Physiotherapeutin (auf privater, freundschaftlicher Basis), verschiedene Freund*innen.

    Lediglich eine Schwester von der Sozialstation, die seit der Einstufung auf Pflegegrad 1 im November einmal wöchentlich kommt, ist neu.


    Diese Pflegegradeinstufung war eine lächerliche Sache, bei der eine unserer Freundinnen persönlich anwesend war, meine Schwester per Videoschaltung und der Rest ging per Telefonbegutachtung. Was da alles unter den Tisch fiel, weil sich unsere Mutter (wie wohl fast alle zu Begutachtenden) natürlich von ihrer fähigsten Seite zeigen wollte und selbst überhaupt nicht einsah, dass sie überhaupt eine Pflegestufe bräuchte, war haarsträubend.

    Da aber der Widerspruch nur auf Grundlage der schriftlich vorliegenden ersten Begutachtung beurteilt wurde, brachte er auch keinen Erfolg. Klagen wollen und können wir nicht, der Aufwand ist zu groß.


    Meine Schwester fährt mehrmals im Jahr für ein paar Wochen zur Mutter, ich kann aus familiären Gründen nur ab und zu einen Nachmittag kommen, in Corona-Zeiten auch das nicht mehr.

    Das hängt damit zusammen, dass ich zwar lauter erwachsene Kinder habe, aber eines davon schwer traumatisiert --> an Depressionen erkrankt, alleinerziehen und sehr begleitungsbedürftig,

    eines seit über 20 Jahren dialysepflichtig mit inzwischen vielen dramatischen Folgeerkrankungen und sehr begleitungsbedürftig,

    eines selbst zwar fit, aber wegen Probleme der Ehefrau sind die Kinder auch sehr unterstützungsbedürftig.

    Die beiden anderen Geschwister (auch meine Kinder) sind ohne schwere Probleme, eines lebt auch nahe Wien und kümmert sich telefonisch und mit seltenen Besuchen um die Großmutter, das andere hat junge Familie und ist im Aufbau einer beruflichen Existenz, auch da müssen seltene Telefonate und sehr seltene Besuche derzeit ausreichen.

    Und ich darf nie vergessen: sie wollte selbst so weit weg von allen.


    Das nur als Erläuterung, weshalb ich selbst nicht vor Ort viel ausrichten kann. Allerdings habe ich nun seit vielen Jahren alltäglich ein rund einstündiges Telefonat mit ihr.


    In diesem Rahmen fielen mir seit einem knappen Jahr auch immer deutlicher Veränderungen auf, die in Richtung Alzheimer deuteten. Zuvor konnte man fast alles noch mit ihrer Blindheit erklären, denn die macht auch unsicher, schwächt Orientierung etc.

    Aber nun ist es sehr krass.


    Als Beispiel nehme ich nun die Geschichte mit der Gitarre her, die uns lange besonders belastete: vor nunmehr 12 Jahren schenkte meine Mutter ihrer ältesten Enkelin ihre neue Gitarre (ihre ältere behielt sie selbst), damit das Mädchen Gitarrenunterricht nehmen konnte.

    Bei Konzerten, die auch meiner Mutter sehr wichtig waren, spielte die Enkelin auf dieser Gitarre und meine Mutter bekam regelmäßig Informationen über Fortschritte und natürlich auch Dank ab (der war ihr immer am wichtigsten). Seit September macht nun diese inzwischen junge Frau eine Ausbildung, in der sie, überraschend für uns, auch Gitarrenunterricht nehmen muss. Das erzählten wir natürlich meiner Mutter auch und sie freute sich.

    Aber seit wenigen Monaten wurde daraus: M´s Mutter hat im vergangenen September einen Abend telefonisch nach der Gitarre gefragt und sie am nächsten Abend unangemeldet abgeholt und meine Mutter will natürlich die Gitarre jetzt endlich wieder zurück, wo doch die Aufnahmeprüfung, für die sie sie gebraucht haben soll, längst vorbei ist.

    Zunächst schoben wir immer wieder, dass das wegen Corona unmöglich ist, denn M. lebt zur Ausbildung auch wieder mehrere 100km von uns entfernt und da kann jetzt niemand hinfahren etc.

    Als meine Schwester bei der Mutter war, versuchte sie ihr auch noch, mit Fakten zu kommen, aber das war aussichtslos.

    Da M. aber auch psychisch schwer angeschlagen ist, können wir ihr die Gitarre nicht einfach nehmen. Nun haben wir eine identische angeschafft, die meine Tochter aus Österreich (sie ist Musiktherapeutin) nun einspielt, damit sie nicht mehr neu ist und meiner Mutter beim baldigen Besuch mitbringen wird.

    Alles andere ist aussichtslos und wir hätten sonst doch immer wieder nur Telefonate oder Begegnungen mit unschönen Auftritten ihrerseits.


    Eigentlich habe ich im Moment gar keine direkte Frage, ich musste einfach mal die Spezialität unserer Lage loswerden, leider ist es nun sehr lang geworden, und hoffe aber, auf Dauer auch mit weniger langen Beiträgen in Austausch gehen zu können.

    Dass wir unsere Mutter nicht mehr in ein Heim verpflanzen können, ist uns bei ihrem hartnäckigen Drang zur Selbstständigkeit klar, zumal sie oft eher genervt ist, von "den vielen Leuten, die ständig bei ihr im Haus rumhupfen".


    Diesen Faden habe ich erst heute entdeckt und er kam mir sehr ansprechend vor, deshalb nahm ich diesen als Einstieg.

    Danke mal vorerst nur fürs Lesen

  • Hallo Hanne,

    danke für die schnelle Antwort.

    Ja, meine Mutter konnte lange Zeit nicht ihren Drang zur Eigenständigkeit ausleben, da zunächst mein Vater das absolute Sagen in ihrem Leben hatte (mit ihrer Mutter ging es ihr nicht anders) und dann durch eine lange, qualvolle Leidenszeit bis zu seinem Sterben ihre ganzen Kräfte und Energien forderte.


    Nach seinem Tod war sie das erste Mal frei.

    Das will sie bis jetzt nicht mehr hergeben - und ich glaube auch, es wäre eine wirkliche Qual für sie, die sie ihren Lebenswillen kosten würde, müsste sie jetzt noch in ein Heim.

    Wenn irgendwie möglich denken wir da auch eher an eine 24Stunden-Betreuung, falls sich ihr Zustand so sehr verschlechtern sollte, dass sie nicht mehr länger allein bleiben kann.


    Mir tut einfach gut, in diesem Forum zu lesen und vieles verstehen zu lernen - auf dieser Basis mit meiner Mutter sprechen zu können - weil ich mit vielen Krankheiten Erfahrungen und Wissen drüber habe, aber auf dem Gebiet von Alzheimer absoluter Neuling bin.

    In meiner Ahnengalerie gibt es, obwohl alle weiblichen sehr alt geworden sind, einzig eine Großtante, die kurz vor ihrem Tod mit 103 Jahren daran erkrankte und mein Großvater väterlicherseits soll auch dement gewesen sein, er starb aber, als ich 5 Jahre alt war und ich bekam mehr seine vollständige Erblindung so richtig bewusst mit.

  • Hallo Ecia,


    ich habe mit Interesse Ihren Beitrag gelesen.

    In der Mama habe ich ein Stück weit mich selbst gesehen, da auch ich Selbstständigkeit schätze und auch auch gut alleine sein kann, um meine eigenen Interessen zu verfolgen.

    Ich sehe da auch Parallelen zu einer Frau, deren Dokumentation ich im Fernsehen (Youtube) gesehen habe. Diese lautet: Wie ich hundertacht Jahre alt geworden bin.

    Allerdings hat diese Frau keine Demenz entwickelt und sie hat fast bis zum Schluss ihren ganzen Haushalt alleine geführt. Das ist natürlich die absolute Ausnahme. Trotzdem ist die Geschichte sehr inspirierend. Und es gibt auch einige Übereinstimmungen in der Biographie.

    Ihre Mama, so denke ich mir, ist nicht umsonst so alt geworden. Bei vielen ist nach dem Tod des Mannes, das Leben teilweise vorbei, bei anderen, die dann aufblühen, wie bei ihrer Mama, fängt es dann erst richtig an. Und wenn man dann noch eigene Interessen hat, dann kann einen das länger selbstständig leben lassen, als man das normalerweise glauben würde. Aber irgendwann kann es einen, aus irgendwelchen Gründen, doch treffen.


    Ich wollte in dem Zusammenhang aber noch anmerken, dass auch verschiedene Vitamin-Mineralstoffmängel, wie B12, Vitamin-D-Mangel und damit einhergehender Calcium- und Magnesiummangel eine Demenz begünstigen können. Auch ein erhöhter Altershirndruck kann eine Demenz auslösen, die bei entsprechender Behandlung, wieder rückgängig gemacht werden kann. Es stellt sich trotzdem die Frage, was will man sich in dem Alter noch zumuten und was nicht.


    Wenn die Mama ein kleines Netzwerk um sie herum hat, dann sehe ich da im Moment auch keinen Handlungsbedarf, es sei denn, sie will das ein oder andere doch testen lassen. Bei den Vitaminen, Mineralstoffen ist das kein großes Problem, bei einem vernünftigen Arzt, der sich hier ein bisschen auskennt. Bei dem Altershirndruck kann man sich vielleicht erkundigen, ob hier noch etwas Sinn macht oder eher nicht.


    Alles Liebe für Sie und Ihre Mama

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