Mutter allein zu Hause

  • Hallo Mirabai,
    habe Deinen Bericht mit dem Sperren der Telefonnummer gelesen-erst etwas erschrocken und dann habe ich immer mehr Verständnis dafür gehabt.
    Auch ich trage mich seit heute mit dem Gedanken ,dies auch mit der Rufnummer meiner Eltern zu tun.
    Wenn meine Mutter anruft,dann nur,weil sie wieder zur Todesspritze oder zum Erschiessen gefahren werden will und dann die Welt nicht mehr versteht,wenn ich davon nichts weiß und ihr klar mache,daß es so etwas nicht gibt und ich sie zu so etwas niemals fahren würde.
    Wenn mein Vater anruft,dann nur,weil meine Mutter ihm Sachen unterstellt ,ihn aussperrt und den Schlüssel von innen stecken lässt und er mich dann mit Worten wie:ich halte das nicht mehr aus und ziehe aus oder ich bringe mich um.
    Schöne Gespräche finden nicht mehr statt.
    Brauche ich dann so etwas noch?
    Ist es nicht mein gutes Recht,genau wie Du,hier eine Entscheidung zu treffen und mich zu schützen?
    Oder gehe ich hier zu weit?
    LG
    Barbara66

  • Hallo zusammen und Barbara,
    mich hat auch zunächst erschreckt, dass ich in mir das Bedürfnis gefunden habe, dass ich die Nr. meiner Mutter vielleicht sperren lassen will. Erschrocken sein über sich selbst basiert oft auf gesellschaftlichen Normen und Tabus. Der (für mich) höhere Wert ist Aufrichtigkeit und Mut. Und vielleicht die Erkenntnis plus Erfahrung, dass darüber Liebe fließt, die einen konkreten Ausdruck im Außen hat. Dass ich die Telefon Nr. meiner Mutter (punktuell) gesperrt habe und vielleicht oder wahrscheinlich wieder mal sperren werde, hat doch gar keine Aussage über die eigentliche Verbundenheit und praktische Fürsorge. Als erwachsene Kinder sollten wir den Kontakt zu unseren Eltern steuern und auch die Form, meine ich.


    Lieber Martin Hamborg,


    vielen Dank für Ihre Antwort auf meinen letzten Eintrag. Meine Mutter konnte eher nicht erinnern, dass ich im Urlaub war. Den Aspekt, "ein Problem wegnehmen" und "was bekommt der andere statt dessen"; kenne ich und finde ich gut. Privat gehe ich da zwar nicht so bewusst ran, sondern eher komplett von innen heraus und finde mich dann in einem Prozess, der immer wieder durch Öffnung in verändertem Verhalten mündet. So habe ich z.B. die Sperrung der Nr. jetzt wieder gelöscht, um zu schauen, was passiert und wie es mir damit geht.

  • Hallo Mirabai und Barbara66, mir klingt noch der Satz nach "Nur durch Trennung ist Verbundenheit möglich". So können Sie, Mirabai, mit der "Nummern-Sperrung" situativ entspannt umgehen!


    Für Ihre Mutter, Barbara66 kann es tatsächlich hilfreich sein, wenn der Wahn nicht durch ein Telefongespräch verstärkt wird. Wenn Sie mit Ihrer Mutter in einer Phase telefonieren, wo der Wahndruck nicht so stark ist, kann das beiden Seiten gut tun!
    Es ist eine schwierige Entscheidung, weil Ihr Vater Sie ja vielleicht mal dringend braucht... Aber hier gilt, was ich eben auch schon geschrieben habe: Wenn Sie eine Weg finden, entspannt mit Ihren Eltern zu telefonieren, ist das mehr wert, als immer nur an dem "Wahnsinn teilzunehmen" und nichts ausrichten zu können - so wie Sie so eindrucksvoll beschrieben haben.
    Mich würde interessieren: Wie oft in der Woche oder am Tag müssten Sie anrufen, dass es Ihnen mit einer solchen Entscheidung gut gehen würde?
    Sie wissen ja, bei der unbehandelten Lewy-Body-Demenz ist es ein kleines Wunder, wenn es Ihnen gelingt, etwas "richtig" zu machen!
    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo zusammen, ich bin zurück aus dem Urlaub! Das Problem mit dem Telefonterror habe ich zum Glück nicht. Das regelmäßige Telefonieren von meiner Mutter und mir war "schon immer" so geregelt, dass ich sie angerufen habe und nicht umgekehrt, weil sie immer das Gefühl hatte, ich kann den Zeitpunkt besser bestimmen (als die Kinder klein waren und so). Ich habe ein paarmal aus dem Urlaub angerufen, aber immer nur kurz (sie hat wohl noch in Erinnerung, dass Telefonate aus dem Ausland teuer sind ;-)). Der Urlaub war toll, die Distanz hat sehr gut getan. Wenn ich rechtzeitig den Tipp mit der Zeitschrift "happinez" gelesen hätte, wäre es bestimmt noch besser gewesen ;-). Am letzten Tag rief ein Pfleger an. Ich war natürlich in heller Aufregung. Es ging aber "nur" um das Thema, dass meine Mutter sich nicht waschen lässt und ihre Kleidung nicht wechselt, auch in ihrer Kleidung schläft. Gut, daran konnte ich dann in einem Cafe in Bordeaux sitzend, auch nichts ändern.


    Meine Mutter wirkt auf mich sehr depressiv. Das ist eine Veränderung, die drastisch mit dem Umzug ins Heim eingetreten ist. Die Pfleger schlagen nun vor, ihr "Stimmungsaufheller" von einem Psychiater verschreiben zu lassen, der ab September wieder ins Heim kommt. Ich finde die Idee gut. Hat jemand Erfahrung damit? Ich finde diese traurige Stimmung schlimmer zu ertragen als die Demenz als solches. Ich lese hier von anderen Erkrankten, die mit Männern rumflirten. Ich kann mir vorstellen, dass das peinlich ist, aber sie haben doch anscheinend noch etwas Spaß am Leben, oder?


    Meine Mutter flirtet zwar nicht mit Pflegern, lässt sich aber anscheinend von ihnen leichter "lenken". Am Freitag war eine Fußpflegerin da. Ich wurde gebeten, zugegen zu sein, weil man wohl noch immer glaubt, dass ich Einfluss auf meine Mutter habe. Wir haben mit Engelszungen geredet, zwecklos. Sie saß wie ein bockiges Kleinkind auf dem Bett und hat gezetert "nein, ich ziehe meine Strümpfe nicht aus". Die nette Fußpflegerin hat nach 20 min aufgegeben. Der Pfleger hat es dann einige Zeit später tatsächlich geschafft, sie zu der Fußpflege zu bewegen. Wie er das hinbekommen habe, wollte ich von ihm wissen. "Einfach machen", war seine Antwort.


    Im Heim gibt es eine Betreuerin, die sich 1h/Woche (!!!) um meine Mutter bemüht. Da sie den ganzen Tag auf dem Bett liegt und nichts tut, habe ich die Idee, eine "Gesellschafterin" über betreut.de zu suchen, die mit ihr Mensch-ärgere-dich-nicht spielt oder eine Runde ums Heim spaziert (die einzigen Tätigkeiten, zu denen sie sich motivieren lässt). Das hat in ihrer letzten Zeit zu Hause sehr gut geklappt, und die Besuche von "Petra" waren ein echtes Highlight für sie. Aber damit warte ich glaube ich noch, bis der Psychiater sie gesehen hat. Ich glaube, dass sie meine Versuche, sie zu irgendwas zu animieren, eher lästig und anstrengend findet. Aus ihrer Sicht bin ich wohl ein echter Stressfaktor.


    Ich hatte heute die Idee, sie am Sonntag Nachmittag zu mir nach Hause zu holen. Es gibt ein Streichorchester, das sie früher häufig in Konzerten gesehen hat und das jetzt (Corona) Konzerte im Internet zeigt. Ich dachte, die Aufnahme im Internet ist vielleicht ein kleiner Ersatz, und wollte sie mit ihr bei mir daheim ansehen (kein WLAN in den zugänglichen Bereichen des Heims). Das Pflegepersonal fand die Idee gut. Gesagt, getan. Ich habe sie mit dem Auto (das mal ihres war) abgeholt. Sie hat tatsächlich mein Haus wiedererkannt und sich auf die Terrasse in die Sonne setzen und mit einem Kaffee bewirten lassen. Nach 15 Minuten sagte sie, sie wolle früh zu Bett gehen. Ich konnte sie überreden, sich das Konzert (8 min) mit mir anzusehen, was sie nicht vom Hocker und auch nicht von der Couch gerissen hat. Sie meinte, dieses Konzert habe sie sich erst gestern angesehen, und es lohne sich nicht für sie. Und außerdem wollte sie jetzt (es war 14 Uhr) schlafen gehen. Nun denn. Ich hatte wegen ihrer mürrischen Verfassung auch keine Lust mehr. Während ich meinen Autoschlüssel gesucht habe, machte sich meine Mutter daran, die Treppe hinaufzusteigen. Sie war der Meinung, dass ihr Bett dort sei! (Tatsächlich hat sie bei früheren Besuchen dort geschlafen). Ich (entsetzt): "Mama, du hast hier kein Bett, du kannst hier nicht schlafen! Ich bringe dich zurück in dein Zimmer." Sie (zornig): "Lass mich in Ruhe, ich wohne seit Jahren in diesem Haus! Ich will in mein Bett!" Wow! Meine Mutter, die seit Wochen jammert, sie wolle nach Hause, kann ihre Wohnung nicht mehr von meinem Haus unterscheiden! Diese Demenz versetzt mich immer wieder in Erstaunen! Zum Glück habe ich es geschafft, sie ins Auto zu verfrachten. Im Heim angekommen, ist sie willig ausgestiegen und war offensichtlich froh, sich endlich in "ihr" Bett legen zu können. Der ganze Ausflug hat ca. 1 Stunde gedauert, und sie war total gerädert! Ich auch.


    Ich glaube, ich lasse solche Experimente lieber sein.


    Eine Frage bewegt mich, und mich interessiert eure Meinung dazu. Was wünsche ich mir für mich selber, wenn ich diese Krankheit auch bekommen sollte? Wie kann ich Vorsorge dafür treffen, dass ich meinen Kindern nicht das antue, was meine Mutter mir antut? Ich bin im Nachhinein echt sauer auf sie, dass sie das Thema "was soll werden, wenn du nicht mehr in deiner Wohnung wohnen kannst" nie mit mir besprochen hat, obwohl ich das Gespräch immer wieder gesucht habe. Sie hat zwar allerlei Vollmachten und Patientenverfügungen unterschrieben, der Fall Demenz kommt darin aber nicht vor.


    Manche denken daran, sich das Leben zu nehmen bei einer Demenz-Diagnose. Ich kann das gut nachvollziehen, denn das, was ich von dem Heim bisher mitbekommen habe, ist wirklich kein attraktiver Lebensabend. Ich würde auf keinen Fall womöglich bei meinen Kindern wohnen wollen, und das wissen meine Kinder auch. Ich hoffe, dass das ihr Gewissen entlasten wird. Wenn die Räumlichkeiten es hergeben, lieber mit einer 24h-Kraft, oder meinetwegen im Heim. Meine naive Hoffnung ist, dass es "bis dahin" weitere, bessere Angebote für Demenzkranke gibt (ja, ich weiß, es wird auch noch mehr Demenzkranke geben). Ich habe in einem Zeitungsartikel von 12 Risikofaktoren gelesen. Also: gesundes Leben führen, Bewegung, soziale Kontakte... :-).

  • Hallo Blumenkind, es ist gut zu lesen, wie sehr sich Ihre Mutter eingelebt hat und Sie ihre Grenzen erkennen und sie nicht überfordern. Manch ein Besuch ist so gut gemeint und dann passiert genau das, was Sie beschreiben. Zu Ihren zwei Fragen möchte ich einige Gedanken beitragen:
    Stimmungsaufheller oder Antidepressiva sind eine gute Alternative, denn durch die Demenz nehmen oft auch die Botenstoffe wie Serotonin im Gehirn ab. Mit der Wirkung nach etwas 2 Wochen kann sich auch das Problem mit der Ablehnung lösen. Natürlich ist ein Medikament nur eine Krücke und ergänzt (nur) die Beziehungsgestaltung im Heim. Die neuen Antidepressiva haben auch deutlich weniger Nebenwirkungen, eine gute Alternative ist auch Lichttherapie, wenn Ihre Mutter das akzeptiert.
    Bei Ihrer Mutter haben Sie nicht alles in Vollmachten klären können und niemand weiß, wie sich in einer späteren Demenz auch die Bedürfnisse ändern. Oft beobachten wir, wie alte Frauen so flirten, als wären sie gerade in der Pubertät, ganz intensiv und authentisch. Auch wenn uns das heute peinlich scheint, ist es so schön mitzuerleben. Darf ein letzter Frühling in einer Verfügung ausgeschlossen werden?
    Oder ein „Klassiker“: Mit der Demenz können sich biografisch wichtige Gewohnheiten ändern. Menschen die nie Leberwurst mochten, genießen sie sichtlich und sind ärgerlich, wenn sie verweigert wird, nur weil es in der Biografie steht. Beides erkläre ich mir mit dem geänderten Bezugsrahmen der Wahrnehmung, durch den unangenehme Erfahrungen (z.B. mit Leberwurst) auch wieder vergessen werden.
    Aber ich bin mir ganz sicher – Forschung gibt es dazu nicht – wenn wir in der Familie offen über die möglichen Probleme einer Demenz sprechen und uns über die Ängste austauschen, wird diese Offenheit und Beziehungstiefe auch bei einer Demenz nachwirken und es wird weniger ablehnendes Verhalten und weniger Probleme geben, die sich oft aus der Scham über die eigenen Grenzen entwickeln.
    Vielleicht gibt es hier Erfahrungen, wo sich ein Elternteil kompetent und reflektiert auf die Demenz vorbereitet hat und dann gegen aller Erwartungen große Schwierigkeiten auftreten – ich habe noch erlebt …
    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo, ich bin neu hier, lese seit einigen Wochen mit und konnte dadurch schon einige Situationen mit meiner Mutter besser verarbeiten.

    Zuerst möchte ich ein bisschen über unsere Situation schreiben:

    Meine Mutter wird im August 96 Jahre alt, leidet seit mindestens 25 Jahren an Makuladegeneration und ist seit vielen Jahren zu 98% sehgeschädigt, also blind mit nur kleiner Restsehfähigkeit.

    Diese Situation überdeckte vermutlich auch lange Zeit diverse Frühsymptome ihrer Demenz, die uns inzwischen aber doch mit ziemlicher Wucht getroffen hat.


    Wir, das sind meine Schwester, die in Wien lebt und ich in Oberbayern.

    Unsere Mutter lebt in Mittelfranken, wo sie sich vor 37 Jahren nach dem Tod meines Vaters ein Haus ins Abseits von aller Familie gebaut hat. Sie war damals schon 60 Jahre alt und ignorierte alle Hinweise drauf, dass sie so alleine weitab von allen doch gewisse Risiken für ihr Alter eingehe.

    Aber sie wollte alleine leben, wollte das Haus (das damals auch noch weit vom Ort entfernt stand) für sich alleine haben, um da ungestört musizieren und so leben zu können, wie es ihr gefällt, ohne viele Rücksichten nehmen zu müssen.


    SIE WOLLTE ES SO, in einem Alter, in dem man ihr uneingeschränkt ihren freien Willen mitsamt nötiger Weitsicht zugestehen musste.

    Sie engagierte sich in ihrem neuen Umfeld, in dem sie niemanden kannte, brachte sich ein, wo sie Not und einen Sinn sah (allerdings weniger, um zu helfen, als um immer betonen zu können, wie sehr sie hilft, wer ihr dankbar sein muss etc.) und so schaffte sie sich damit auch Menschen, die dann, als ihre Erblindung begann, bereit waren, ihr zu helfen.


    Auf diese Weise hat sie nun schon seit vielen Jahren einen Stab von Helfenden, von denen mindestens eines pro Tag bei ihr ist, eine Putzhilfe hat sie auch schon seit vielen Jahren, einen Mann, der ihr im Garten und bei Papierkram hilft, eine Physiotherapeutin (auf privater, freundschaftlicher Basis), verschiedene Freund*innen.

    Lediglich eine Schwester von der Sozialstation, die seit der Einstufung auf Pflegegrad 1 im November einmal wöchentlich kommt, ist neu.


    Diese Pflegegradeinstufung war eine lächerliche Sache, bei der eine unserer Freundinnen persönlich anwesend war, meine Schwester per Videoschaltung und der Rest ging per Telefonbegutachtung. Was da alles unter den Tisch fiel, weil sich unsere Mutter (wie wohl fast alle zu Begutachtenden) natürlich von ihrer fähigsten Seite zeigen wollte und selbst überhaupt nicht einsah, dass sie überhaupt eine Pflegestufe bräuchte, war haarsträubend.

    Da aber der Widerspruch nur auf Grundlage der schriftlich vorliegenden ersten Begutachtung beurteilt wurde, brachte er auch keinen Erfolg. Klagen wollen und können wir nicht, der Aufwand ist zu groß.


    Meine Schwester fährt mehrmals im Jahr für ein paar Wochen zur Mutter, ich kann aus familiären Gründen nur ab und zu einen Nachmittag kommen, in Corona-Zeiten auch das nicht mehr.

    Das hängt damit zusammen, dass ich zwar lauter erwachsene Kinder habe, aber eines davon schwer traumatisiert --> an Depressionen erkrankt, alleinerziehen und sehr begleitungsbedürftig,

    eines seit über 20 Jahren dialysepflichtig mit inzwischen vielen dramatischen Folgeerkrankungen und sehr begleitungsbedürftig,

    eines selbst zwar fit, aber wegen Probleme der Ehefrau sind die Kinder auch sehr unterstützungsbedürftig.

    Die beiden anderen Geschwister (auch meine Kinder) sind ohne schwere Probleme, eines lebt auch nahe Wien und kümmert sich telefonisch und mit seltenen Besuchen um die Großmutter, das andere hat junge Familie und ist im Aufbau einer beruflichen Existenz, auch da müssen seltene Telefonate und sehr seltene Besuche derzeit ausreichen.

    Und ich darf nie vergessen: sie wollte selbst so weit weg von allen.


    Das nur als Erläuterung, weshalb ich selbst nicht vor Ort viel ausrichten kann. Allerdings habe ich nun seit vielen Jahren alltäglich ein rund einstündiges Telefonat mit ihr.


    In diesem Rahmen fielen mir seit einem knappen Jahr auch immer deutlicher Veränderungen auf, die in Richtung Alzheimer deuteten. Zuvor konnte man fast alles noch mit ihrer Blindheit erklären, denn die macht auch unsicher, schwächt Orientierung etc.

    Aber nun ist es sehr krass.


    Als Beispiel nehme ich nun die Geschichte mit der Gitarre her, die uns lange besonders belastete: vor nunmehr 12 Jahren schenkte meine Mutter ihrer ältesten Enkelin ihre neue Gitarre (ihre ältere behielt sie selbst), damit das Mädchen Gitarrenunterricht nehmen konnte.

    Bei Konzerten, die auch meiner Mutter sehr wichtig waren, spielte die Enkelin auf dieser Gitarre und meine Mutter bekam regelmäßig Informationen über Fortschritte und natürlich auch Dank ab (der war ihr immer am wichtigsten). Seit September macht nun diese inzwischen junge Frau eine Ausbildung, in der sie, überraschend für uns, auch Gitarrenunterricht nehmen muss. Das erzählten wir natürlich meiner Mutter auch und sie freute sich.

    Aber seit wenigen Monaten wurde daraus: M´s Mutter hat im vergangenen September einen Abend telefonisch nach der Gitarre gefragt und sie am nächsten Abend unangemeldet abgeholt und meine Mutter will natürlich die Gitarre jetzt endlich wieder zurück, wo doch die Aufnahmeprüfung, für die sie sie gebraucht haben soll, längst vorbei ist.

    Zunächst schoben wir immer wieder, dass das wegen Corona unmöglich ist, denn M. lebt zur Ausbildung auch wieder mehrere 100km von uns entfernt und da kann jetzt niemand hinfahren etc.

    Als meine Schwester bei der Mutter war, versuchte sie ihr auch noch, mit Fakten zu kommen, aber das war aussichtslos.

    Da M. aber auch psychisch schwer angeschlagen ist, können wir ihr die Gitarre nicht einfach nehmen. Nun haben wir eine identische angeschafft, die meine Tochter aus Österreich (sie ist Musiktherapeutin) nun einspielt, damit sie nicht mehr neu ist und meiner Mutter beim baldigen Besuch mitbringen wird.

    Alles andere ist aussichtslos und wir hätten sonst doch immer wieder nur Telefonate oder Begegnungen mit unschönen Auftritten ihrerseits.


    Eigentlich habe ich im Moment gar keine direkte Frage, ich musste einfach mal die Spezialität unserer Lage loswerden, leider ist es nun sehr lang geworden, und hoffe aber, auf Dauer auch mit weniger langen Beiträgen in Austausch gehen zu können.

    Dass wir unsere Mutter nicht mehr in ein Heim verpflanzen können, ist uns bei ihrem hartnäckigen Drang zur Selbstständigkeit klar, zumal sie oft eher genervt ist, von "den vielen Leuten, die ständig bei ihr im Haus rumhupfen".


    Diesen Faden habe ich erst heute entdeckt und er kam mir sehr ansprechend vor, deshalb nahm ich diesen als Einstieg.

    Danke mal vorerst nur fürs Lesen

  • Hallo Ecia25,

    Ihre Schilderung um die Lebensumstände Ihrer Mutter hat mich sehr berührt....vor allem wohl deshalb, weil ich selbst ebenso einen hartnäckigen Drang zur Selbstständigkeit habe und das sehr gut alles nachvollziehen kann.

    Und Ihre Mutter hat jetzt so viele Jahre in ihrem Wunsch-Haus leben können.


    Es sind offenbar vor Ort mehrere Personen, die ein Auge auf Ihre Mutter haben und das ist gut so. Alles in allem gesehen, scheint mir die Situation derzeit noch nicht sehr zugespitzt und ich hoffe, dass es gelingen kann, dass Ihre Mutter bis zu letzt daheim wohnen bleiben kann.


    Viele Grüße

  • Hallo Hanne,

    danke für die schnelle Antwort.

    Ja, meine Mutter konnte lange Zeit nicht ihren Drang zur Eigenständigkeit ausleben, da zunächst mein Vater das absolute Sagen in ihrem Leben hatte (mit ihrer Mutter ging es ihr nicht anders) und dann durch eine lange, qualvolle Leidenszeit bis zu seinem Sterben ihre ganzen Kräfte und Energien forderte.


    Nach seinem Tod war sie das erste Mal frei.

    Das will sie bis jetzt nicht mehr hergeben - und ich glaube auch, es wäre eine wirkliche Qual für sie, die sie ihren Lebenswillen kosten würde, müsste sie jetzt noch in ein Heim.

    Wenn irgendwie möglich denken wir da auch eher an eine 24Stunden-Betreuung, falls sich ihr Zustand so sehr verschlechtern sollte, dass sie nicht mehr länger allein bleiben kann.


    Mir tut einfach gut, in diesem Forum zu lesen und vieles verstehen zu lernen - auf dieser Basis mit meiner Mutter sprechen zu können - weil ich mit vielen Krankheiten Erfahrungen und Wissen drüber habe, aber auf dem Gebiet von Alzheimer absoluter Neuling bin.

    In meiner Ahnengalerie gibt es, obwohl alle weiblichen sehr alt geworden sind, einzig eine Großtante, die kurz vor ihrem Tod mit 103 Jahren daran erkrankte und mein Großvater väterlicherseits soll auch dement gewesen sein, er starb aber, als ich 5 Jahre alt war und ich bekam mehr seine vollständige Erblindung so richtig bewusst mit.

  • Hallo Ecia,


    ich habe mit Interesse Ihren Beitrag gelesen.

    In der Mama habe ich ein Stück weit mich selbst gesehen, da auch ich Selbstständigkeit schätze und auch auch gut alleine sein kann, um meine eigenen Interessen zu verfolgen.

    Ich sehe da auch Parallelen zu einer Frau, deren Dokumentation ich im Fernsehen (Youtube) gesehen habe. Diese lautet: Wie ich hundertacht Jahre alt geworden bin.

    Allerdings hat diese Frau keine Demenz entwickelt und sie hat fast bis zum Schluss ihren ganzen Haushalt alleine geführt. Das ist natürlich die absolute Ausnahme. Trotzdem ist die Geschichte sehr inspirierend. Und es gibt auch einige Übereinstimmungen in der Biographie.

    Ihre Mama, so denke ich mir, ist nicht umsonst so alt geworden. Bei vielen ist nach dem Tod des Mannes, das Leben teilweise vorbei, bei anderen, die dann aufblühen, wie bei ihrer Mama, fängt es dann erst richtig an. Und wenn man dann noch eigene Interessen hat, dann kann einen das länger selbstständig leben lassen, als man das normalerweise glauben würde. Aber irgendwann kann es einen, aus irgendwelchen Gründen, doch treffen.


    Ich wollte in dem Zusammenhang aber noch anmerken, dass auch verschiedene Vitamin-Mineralstoffmängel, wie B12, Vitamin-D-Mangel und damit einhergehender Calcium- und Magnesiummangel eine Demenz begünstigen können. Auch ein erhöhter Altershirndruck kann eine Demenz auslösen, die bei entsprechender Behandlung, wieder rückgängig gemacht werden kann. Es stellt sich trotzdem die Frage, was will man sich in dem Alter noch zumuten und was nicht.


    Wenn die Mama ein kleines Netzwerk um sie herum hat, dann sehe ich da im Moment auch keinen Handlungsbedarf, es sei denn, sie will das ein oder andere doch testen lassen. Bei den Vitaminen, Mineralstoffen ist das kein großes Problem, bei einem vernünftigen Arzt, der sich hier ein bisschen auskennt. Bei dem Altershirndruck kann man sich vielleicht erkundigen, ob hier noch etwas Sinn macht oder eher nicht.


    Alles Liebe für Sie und Ihre Mama

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