Mutter allein zu Hause

  • Ergänzung 4. Satz:


    Vor dem Besuchstermin nach der 2. Quarantäne (ich hatte "Schiss", ihr geht es schlecht, wir sind - wieder - in dem Musterverhalten Schuld usw.) habe ich eine enge Freundin angerufen und um einen "Tipp" gebeten. Ich fragte sie: "Was ist meine Aufgabe morgen?" Ihre Antwort: "Immer wieder Trennung herstellen. Deine Mutter ist umgezogen, nicht du. Es ist ihr Leid, nicht dein's."
    War total hilfreich. Habe es sofort an meinem warmen Bauchgefühl gemerkt. Die Richtigkeit dieser Sätze. Der Kopf mit seiner einseitigen "rationalen" Herangehensweise mag etwas anderes dazu denken.
    Also, das ist mein 4. Satz: Immer wieder Trennung herstellen. "Paradoxerweise" gelangen wir nur darüber in ein Bewusst-Sein der Liebe. Davon bin ich überzeugt. Nur über Trennung = immer wieder Rückkher in das eigene Sein - ist wahre Verbundenheit möglich...

  • Hallo zusammen,


    ich lese nun schon seit ein paar Tagen mit, ohne mich bis jetzt zu beteiligen. Die Situation in der meine Geschwister und ich gerade sind, ist genau die, die ihr erlebt oder erlebt habt. Daher möchte ich zunächst nur einmal danke sagen, für eure Offenheit und die Bereitschaft eure Gefühle und Ängste mitzuteilen. Auch die, die wir ich nur lesen, profitieren davon.


    Ich jedenfalls finde mich wieder mit allen Ängsten, Schuldgefühlen und offenen Fragen. Morgen haben wir einen Beratungstermin, vielleicht finden sich dann schon ein paar Eckpunkte zur Orientierung. Aber die Beiträge hier sind auch Orientierung. Infos aus erster Hand. Das hilft.


    Unser Vater hat sich bis vor kurzem um unsere demente Mutter gekümmert und fast alles allein getragen. Pfingsten kam er nach einem Sturz ins Krankenhaus und ist vor 2 Wochen verstorben. Mutter nun allein zu Haus. Sie ist im fortgeschrittenen Stadium, schafft ihren Tag nur noch mit deutlichen Einschränkungen, lehnt aber auch jede Hilfe ab: Putz- und Haushaltshilfe, Pflegedienst (hat Pflegegrad 3, heute haben wir mit der Autorität der Hausärztin einen neuen Versuch gestartet), wehrt sich gegen die Medis, hat Angst vor Bevormundung, will Autofahren um einzukaufen, was wir natürlich nicht zulassen, hat sehr unregelmäßig Hunger, viel abgenommen, kann natürlich für Sauberkeit und Kochen im Haus nicht mehr sorgen. Lehnt aber auch alles an Hilfe (außer wir machen es nebenbei, sodass sie es nicht bemerkt) ab.


    Sie ist trotzdem noch relativ selbständig und pflegt ihre Kontakte, geht in die Kirche zu Fuß (12 Min), schafft ihre Körperpflege einigermaßen und füttert die Katze. Sie räumt die Spülmaschine ein und aus, ab und zu saugt sie Staub und beschneidet die Rosen. Sie sagt zwar 10 mal am Tag, dass sie das Telefon nicht bedienen kann, ruft mich aber dennoch selbständig an. Das Körpergedächtnis funktioniert also, trotzdem hat sie große Angst nicht telefonieren zu können und lässt sich seit Wochen täglich mehrmals das Telefon erklären, dass sie seit 20 Jahren nutzt. Wir kaufen ein, essen mit ihr, fahren sie zu allen Terminen, kümmern uns um alles Nötige, seit dem Krankenhausaufenthalt unseres Vaters und der Beerdigung sehr intensiv.


    Wir sind alle drei berufstätig, haben aber aktuell etwas mehr Zeit. Der eine hat Urlaub, ich habe Kurzarbeit, meine Schwester kann wie eine Selbständige ihre Zeit einteilen. Das wird sich aber nicht längere Zeit durchhalten lassen. Nun denken wir an ein Netzwerk aus Pflegedienst, Hilfen im Alltag (Sauberkeit, Essen), Nachbarn, die sich liebevoll kümmern, Enkelkindern (die auch berufstätig sind) - die uns dabei unterstützen können, damit unsere Mutter solange zu Hause bleiben kann, wie es "geht". Dabei stellen sich natürlich viele Fragen: Wann setzt die Selbst-Gefährdung und auch die Fahrlässigkeit gegenüber anderen ein. Wenn z.B. mal (wieder) ein Topf auf dem Herd verbrennt. Es gibt zwar überall Rauchmelder, aber wer hört die schon in einem Reihenhaus? Tagespflege mit Fahrdienst wäre eine weitere Möglichkeit, vorausgesetzt sie lässt sich darauf ein.


    Und dennoch stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Bei Alzheimer gibt es keinen Weg zurück. Wir fragen uns also, wann ist der richtige Zeitpunkt, sie in einem Heim betreuen zu lassen? Eher so früh wie möglich, damit sie sich noch bewusst einleben kann (mit krassem Widerstand ist zu rechnen) oder so spät wie möglich (damit sie davon nicht mehr viel mitbekommt)? Wir versuchen das Emotionale vom Sachlichen zu trennen und darauf zu schauen, was für unsere Mutter das beste ist. Und das ist schwer genug.


    Soviel für den Moment. Und nochmal Danke.

  • Hallo Markus,


    herzlich Willkommen hier. Was du geschrieben hast berührt und bestärkt mich gleichermaßen. Bestärken auch dahingehend, dass andere davon profitieren, wenn sie hier (nur) mitlesen. Toll, dass Du nun auch von Dir berichtet hast, was bei mir folgende Resonanz ausgelöst hat:
    Umzug in ein Heim: so spät wie möglich. Ich erlebe ja gerade die Eingewöhnungszeit bei meiner Mutter (übrigens auch PG 3, nachdem ich die Einstufung vorher online im Test gemacht und dann weitergeleitet habe), und die Eingewöhnung ist eine harte Zeit. Da sollte man sich als Tochter/Sohn Zeit und Raum nehmen, um einerseits vor Ort sein zu können und andererseits alles zu verdauen/verarbeiten. Wie aber auch schon jemand schrieb, ist der wesentlichste Gradmesser für den Zeitpunkt die Belastbarkeitsgrenze der sich Kümmernden, also Du und Deine Geschwister. Ich habe ja z.B. sehr kurzfristig nach einem der letzten Besuche bei meiner Mutter in ihrem alten Zuhause entschieden, dass JETZT was passieren muss. Ist eine Gefühlssache. Ich habe gemerkt, dass sie jetzt anfängt zu leiden UND dass ich es jetzt nicht mehr aushalte, sie "allein zu Hause" zu wissen. Dann Thema Heimplatz: Ich hatte innerhalb von nicht einmal 48 Stunden einen Heimplatz. Ohne Warteliste. Ein Freund und "Branchenkenner" sagte mir, einen Heimplatz zu finden ist Fleißarbeit. Ab ans Telefon. So war's auch. Gleichzeitig kann es natürlich nicht schaden, die Mutter schon mal auf Wartelisten setzen zu lassen. Allerdings stelle ich mir die rein rationale Entscheidung, welches Heim denn jetzt präventiv auswählen, sehr schwierig vor. Mein Weg war da ein anderer. Abschließend (für heute): Was pro Heim spricht: Unsere Mütter kommen wieder unter Leute. Die Auswirkungen von Isolation sind gewaltig. Aber auch das hört sich, nachdem was Du von Deiner Mutter berichtet hast, ja noch alles ziemlich gut an. Alles Gute für Dich/Euch und bis denne, Mirabai (auch noch mein Mitgefühl zum Tod Deines Vaters...)

  • Ergänzung:
    1. "Heim so spät wie möglich" mit der Einschränkung, dass dies nur im Kontext von Widerstand des Betreffenden gilt...
    2. Dann möchte ich eine "Lanze brechen" für "die Heime": Heim ist oft nicht (mehr) das, was wir im Kopf haben. Nach meinem Empfinden ist meine Mutter in dem besten Heim, das es geben kann (ist keine "Residenz" oder so, sondern "ganz normal" von der Caritas, allerdings Neubau, letztes Jahr eröffnet und kleines Haus, insgesamt nur 45 Bewohner); alles in Wohngruppenform, total schön = wohnlich eingerichtet, nur (recht große!) Einzelzimmer!!!, Garten, Konzept zur aktiven Beteiligung der Menschen, Projekte mit Kindergärten und Schulen, fast jeden Tag Aktivitäten durch Alltagsbegleiter als Angebot (nicht Zwang)!, keiner wird dort um 6.00 "aus dem Bett geschmissen", es wird geschaut, wer zu wem passt (und auch nicht), man kann ganz viel individuell absprechen usw. Das ist vielleicht alles ein Glücksfall. Fakt ist, dass die Leitung dort top ist. Danach würde ich schauen. Ist wie in allen Unternehmen: Der Fisch stinkt vom Kopf zuerst (oder eben auch nicht!). Und: die Kosten sind relativ hoch, aber das genau finde ich auch stimmig bei der hochwertigen Leistung (Spitzen-Essen kommt da z.B. auch noch hinzu...). Heißt: Geld sollte gedanklich keinerlei Rolle bei der Auswahl eines Heimes spielen (hat es bei mir auch null; ich würde dieses Heim jeder "privat geführten Residenz" vorziehen!!!).

  • Danke, Mirabai,


    für diesen informativen und positiven Bericht.


    Darf man eingrenzend fragen, wo dieses Heim ist. Vielleicht in Rheinland-Pfalz? "smile".


    So etwas stelle ich mir auch für meine Schwiegermutter und eventuell Mutter vor, die heute noch sagt, sie will auch irgendwann in ein Heim. Ob es dann nachher stimmt, das wird sich zeigen.


    Ich sage auch immer, solange wie möglich kann man es Zuhause versuchen und wenn der ältere Mensch bereit ist mitzuarbeiten, was bei einer Demenz meist nicht mehr der Fall ist, dann kann das sogar bis zum Schluss funktionieren.


    Liebe Grüße an Dich und an alle anderen, die hier mitlesen

  • Hallo allerseits und vielen Dank für euer Feedback.


    Über technische Dinge wie Herdabschaltungen und Rauchmelder, die direkt mit der Feuerwehr gekoppelt sind, denken wir jetzt nach. Das war auch neben vielen anderen Anregungen ein Ergebnis des Beratungstermins heute bei der gerontopsychiatrischen Beratungsstelle in Wuppertal.


    Danke auch für eure Einschätzungen zum Thema WANN ins Heim. Solange wie möglich daheim, das ist der Tenor. Es ist ein schweres Thema. Auch die Beraterin heute Mittag konnte da keinen entscheidenden Hinweis geben, ich denke es ist wie Mirabai es geschildert hat, eine Gefühlssache. Und da unterscheiden wir uns, meine Geschwister und ich. Ich wünsche mir, dass sie noch länger zu Hause leben kann. Habe aber auch im Hinterkopf, dass sie vielleicht "aufblüht", wenn sie in einem guten Heim an vielfältigen Aktivitäten teilnehmen und neue Kontakte knüpfen kann. Aber noch ist sie nicht bereit, wehrt sich.


    Daher haben wir nun diesen Weg eingeschlagen (der natürlich immer wieder auf den Prüfstand kommt, sowohl, wenn wir den Eindruck bekommen, dass es nicht für sie passt, aber auch, wenn wir überfordert sind): Sie bleibt zunächst zu Haus und wir intensivieren langsam und gefühlvoll das Netz um sie herum. Mit dem PFlegedienst ist schon seit gestern ein Anfang gemacht. Sie spielt mit, wer hätte das gedacht. Der nächste Schritt ist die Putzhilfe, die sie zuletzt immer wieder abgeleht hat, die aber eine wichtige Masche im Netz ist, wenn sie ein paar mal die Woche kommt. Diese nette und einfühlsame Frau kann sie dann hoffentlich auch ein wenig anleiten zu essen und zu trinken. Dazu planen wir wieder nach einer Eingewöhnungszeit eine Tagespflege, erst nur einmal die Woche, was sich ja steigern lässt. Jahrzehntelange Nachbarn schauen immer mal nach ihr und halten ein Schwätzchen. Kinder und Enkelkinder bilden dann die letzte Schicht, die sich je nach Schichtplan, Feierabend, Urlaub, Wochenende usw. um sie kümmert und alles koordiniert.


    Kein Mensch weiß, ob das funktioniert und ob sie alles annehmen kann. Es ist ein Versuch, der scheitern kann. Spätestens wenn - wie ihr hier schon mehrmals geschildert habt - etwas Einschneidendes passiert, sodass JETZT etwas passieren muss, bleibt uns keine Wahl mehr. Daher bleibt auch die Frage WANN ein Platz auf der Warteliste sinnvoll ist. Keiner weiß wie lange es dauert, es kann schnell gehen, wie bei Mirabai, aber auch sehr lange dauern, wie bei sonnenblümchen ...


    Schaun wir mal (sagt meine Mutter immer). Es wird sich zeigen, welches der richtige Weg ist.


    Liebe Grüße - Markus

  • Hallo Teuteburger, Markus und alle anderen,
    das Heim, in dem meine Mutter ist, liegt in Baden-Württemberg, allerdings im unmittelbaren Dreiländereck mit Rheinland-Pfalz und Hessen. Ich selbst wohne in Südhessen; knapp 50 km vom Heim entfernt. Auch das ist für mich "perfekt"; genau die für mich stimmige Entfernung, näher wollte ich meine Mutter nicht bei mir haben (lieber fahre ich öfter), und weiter wäre auch nix, dann wird's anstrengend. So bin ich dank der guten Anbindung in ner guten halben Stunde vor Ort.
    Markus, toi toi toi, hört sich für mich stimmig an. Und schau, dass Du bei Dir bleibst. Umgang mit Geschwistern ist - bei "aller Liebe" - smile - die weitere Herausforderung.

  • Hallo Mirabai,


    ja, alle drei mit ihren eigenen Lebenssituationen und Emotionen unter einen Hut zu bekommen ist nicht immer einfach, im Moment scheint es aber zu klappen, wir ziehen an einem Strang. Es wird sich herausstellen, wie das auf Dauer ist. Oder wenn sich die Situation verschärft. Aber darüber muss ich jetzt nicht nachdenken.


    Sonniges Wochenende und viele Grüße
    Markus

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Markus, es freut mich zu lesen, wie gut es gelingt, die Familie und das soziale Netz als Sicherheit zu spannen. Wie Mirabai würde ich auch als PlanB die Warteliste für ein passendes Heim empfehlen, am besten eines mit Tagespflege. Auch die könnte irgendwann hilfreich sein.
    Beide Wege können richtig sein; das volle Programm im häuslichen Netz oder ein gutes Heim.
    Bei Ihrem ersten Beitrag dachte ich, die Ablehnung sei ein typisches Zeichen für eine Trauerphase. Da kann manchmal der schnelle Einzug in ein Heim helfen oder eben die kompakte Hilfe im Netzwerk.


    Hallo Mirabai, Ihre Offenheit und Ihre Erfahrungen sind bestimmt für viele Leserinnen und Leser eine wertvolle Hilfe und ich möchte Sie auch darin stärken, falls es noch nötig ist: Sie haben das Liebesparadoxon beschrieben, eine Liebe, die gerade durch das Herstellen von Trennung erblüht . Mit der tiefen Krise nach der Isolation ist tatsächlich eine Änderung der Persönlichkeit möglich. Oft habe ich miterleben dürfen, wie sich durch die Demenz schwierige Persönlichkeiten veränderten.


    Grenzen, Klarheit und Konfrontation haben eine therapeutische Wirkung für Ihre Mutter und sind gleichzeitig ein guter Selbstschutz. Hinzu kommt, dass Sie sagen können: "Oma hat es auch geschafft, im Alter freundlich zu werden. Du kannst das..."
    Verbittertes und aggressiv abwertendes Verhalten ist manchmal ein Kompensationsversuch bei schweren Depressionen. Eine Krise oder ein "Zauberwort" kann tatsächlich die Teufelskreise brechen und die unheilvollen Spielregeln lösen.
    Auf Ihrem Weg wünsche ich viele weitere Erfolge, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo zusammen,


    ich habe gerade in der Mediathek eine Doku über einen Chor für Menschen mit Demenz angeschaut. Unbedingt sehenswert https://www.zdf.de/dokumentati…ch-106.html#autoplay=true


    Es hat mich zutiefst gerührt, diese Fröhlichkeit bei den Betroffenen und Angehörigen zu sehen. Sie haben so viel Spaß gehabt beim Singen. Im Heim meiner Mutter schauen die alten Menschen in die Luft und tun nichts. So ein Chor wäre jetzt, zu Corona-Zeiten, wahrscheinlich gar nicht möglich. Ich singe selbst in einem Chor, und wir brauchen extrem große Räume um die Abstandsregeln einzuhalten. Beeindruckt bei der Doku hat mich auch die liebevolle Art, wie die Angehörigen auf die Kranken eingegangen sind. Die Kranken waren sich offensichtlich ihrer Diagnose bewusst und haben sich damit irgendwie, erstaunlich reflektiert, auseinandergesetzt.


    Bei meiner Mutter ist das anders. Sie will nach wie vor nach Hause. Wenn ich ihr sage, dass sie nicht mehr allein leben kann, weil sie eine Krankheit namens Demenz hat, ignoriert sie das total. Es ist auf der einen Seite sicher gnädig, sich dieser Krankheit nicht bewusst zu sein, hindert einen aber auch daran, "das Beste daraus zu machen."


    Das Verhalten meiner Mutter ist sehr tagesformabhängig. Manchmal ist sie bockig, oft sehr müde, manchmal lässt sie sich motivieren zum Spazierengehen, oder auf einen Kaffee in das sehr nette Cafe im Heim mitzugehen. Ab und zu lächelt sie sogar oder macht einen kleinen Scherz. Ich bin im Moment sehr entlastet, weil meine beiden Söhne sich unter der Woche um die Besuche kümmern, während ich den "Wochenenddienst" übernehme. Ich war 9 Tage am Stück nicht im Heim! Das hat mir gutgetan. Das hat nun bald ein Ende, weil die beiden nur noch bis August da sind und dann wieder in die große weite Welt hinaus ziehen. Das letzte Mal, als ich da war, war die erste Stunde recht nett. Danach ging dann die "Ich-will-nach-Hause"-Leier wieder los, und ich habe mich dann einfach verabschiedet.


    Die Zimmergenossin meiner Mutter berichtet immer, was sie anstellt. Das ist zum Teil ganz nett und witzig. Zum Beispiel schiebt sie sie im Rollstuhl zum Essen und gießt ihr Kaffee ein. So hat sie zumindest eine kleine Aufgabe. Meine Mutter benutzt allerdings auch regelmäßig die Haarbürste (auch die Zahnbürste???) der Zimmernachbarin, was diese weniger witzig findet ;-).


    Ich bin froh, dass meine Mutter so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben konnte. Da gibt es immer irgendeine Beschäftigung, die jetzt im Heim einfach fehlt. Blumen gießen, Spülmaschine ausräumen... das was mir manchmal lästig ist, kann auch ein Lebenselixier sein. Ich habe mit meinen Söhnen oft darüber gesprochen, wann der richtige Zeitpunkt für einen Umzug sein könnte. Ich war der Meinung, dass ich es "spüren" würde, dass es so nicht mehr weitergeht, und so war es dann auch. Ich bin froh, dass ich zu dem Zeitpunkt einen Platz in dem Heim bei mir am Ort bekommen habe, bei dem ich seit einem Jahr auf der Warteliste stehe (für ein Zweibettzimmer, auf das Einbettzimmer müssten wir ein weiteres Jahr warten). Ob dieses Heim nun gut ist oder nicht, kann ich nicht wirklich beurteilen, weil mir der Vergleich fehlt. Die Menschen sind freundlich, es scheint aber wenig Beschäftigungsmöglichkeiten zu geben. Ich denke, dass das aber im Fall meiner Mutter gar nicht so wichtig ist, da sie eh nach Hause will. Und für mich ist es sooo praktisch, 15 min zu Fuß.


    Ihr merkt vielleicht, dass ich einen gewissen Abstand gewonnen habe. Vielleicht gönne ich mir eine Woche Urlaub und fahre weg.


    Liebe Grüße an euch alle!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Blumenkind, ich wünsche Ihnen einen sehr schönen Urlaub! Es ist so wertvoll, wenn Sie sich Abstand nehmen, gerade weil jetzt alles so gut ist, wie es nun mal eingeschränkt sein kann.
    Wenn Ihre Mutter erst nach einer Stunde die "Ichwillnachhause-Leier" beginnt, ist das ein gutes Zeichen für das Einleben und wohl auch, dass es genug ist, weil ihr nichts mehr einfällt.


    Es ist wirklich schlimm, dass in Heimen nicht mehr gesungen werden darf. In unserer Einrichtung haben wir schon viele Jahre einen "inklusiven Chor" in dem alle dement werden dürfen. Jetzt übt er im Sinnesgarten mit Abstand und vielen weiteren Sängern auf den Balkonen oder offenen Fenstern. Aber wehe es regnet...
    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo zusammen,


    das Thema "Beschäftigung" hat mich bei meiner Mutter, die im letzten Jahr verstorben ist, auch immer sehr umgetrieben. In ihrem Heim hatten sie das Wohnküchenkonzept. Es war eine gemischte Station, aber die Demenzkranken haben sich meistens in der Wohnküche aufgehalten. Dort wurde nicht nur zusammen gegessen, sondern sich auch beschäftigt. Dazu gab es die Alltagsbegleiterinnen, die verschiedene Aktivitäten anboten: Singen, Basteln, Backen, Rätselspiele,... Die Menschen nahmen unterschiedlich daran teil, manche haben sich gefreut und waren zu begeistern, lachten oder erzählten sich was. Andere wieder waren gar nicht zu aktivieren und "dumpften" vor sich hin.
    Meine Mutter war dagegen sehr speziell: Obwohl ich oft mit ihr gesungen habe; sie kannte noch viele Liedstrophen, als ihr die Sprache schon längst abhanden gekommen war; riefen die gemeinschaftlichen Aktivitäten bei ihr Aggressionen hervor. Es kam 1x in der Woche eine Dame mit einer Gitarre zum Singen, meine Mutter konnte leider daran nicht mehr teilnehmen, da sie schlechte Stimmung machte, so dass sich die anderen Teilnehmer beschwerten. Auch in der Wohnküche fing sie an, ihre Nachbarinnen erst zu beleidigen, dann zu knuffen und zu zwicken. Sie wurde dann allein an einen Katzentisch gesetzt, leider. Ich habe das als Fortsetzung ihres vormals gesunden Lebens betrachtet. Auch früher war sie schon "stutenbissig".
    Auch meine Schwiemu, die mittlerweile ebenfalls im Heim lebt, kann sich mit den abgebotenen Aktivitäten nicht recht anfreunden. Sie hat ihr ganzes Leben immer als Arbeit, Arbeit, Arbeit definiert. Alles andere war Unsinn und Zeitverschwendung. Warum sollte es jetzt also anders sein? Ich finde es nur so schade für sie, dass sie nicht einmal jetzt ein wenig Freude gönnen kann.
    Mit dem Chor ist es natürlich eine tolle Idee, aber sicherlich werden im Fernsehen nur die gezeigt, die man noch erreichen und aktivieren kann.

  • Hallo blumenkind - und alle anderen,


    wieder eine Parallele... du warst 9 Tage nicht bei Deiner Mutter und überlegst, in Urlaub zu fahren - ich war exakt 9 Tage im "Kurzurlaub" und insgesamt jetzt fast 14 Tage nicht bei meiner Mutter. Ich hätte mir in keinster Weise ausgemalt, wie immens die Wirkung ist! Für meine Regeneration, mein wieder zu mir selbst kommen. Das, was mich am meisten stresst(e), ist das mehr oder weniger ständige Anrufen meiner Mutter. Mein Mann und ich gehen zwar nicht ans Telefon, aber wir fühl(t)en uns durch das teilweise Dauerschellen wie unter Psychoterror. Nach dem Urlaub zeigte die Anruferliste nur 2x meine Mutter. Ich war begeistert. Zu früh gefreut. Die genaue (technische) Überprüfung ergab, dass meine Mutter bis auf 2 Tag jeden Tag, meistens mehrmals, angerufen hat. Kurz bevor wir weggefahren sind, waren Freunde von uns zu Besuch. Auch an dem Abend Sturmläuten. Ich fragte meinen Freund, ob ich rangehen soll/muss (ohne eine "ernsthafte" Antwort zu erwarten). Heute haben mein Mann und ich entschieden, ihre Nummer sperren zu lassen. Sie hört jetzt ein Besetzzeichen, wenn sie unsere Nr. wählt. Weshalb schreibe ich das? Um mitzuteilen, wie sehr sich die Dimensionen verschieben können. Heute ging es nicht (mehr) um die Frage, ob es "ok." ist, nicht ans Telefon zu gehen. Heute weiß ich = ich FÜHLE, dass ich frei bin, das Telefon als Kommunikationskanal zuzulassen oder auch nicht. Übrigens egal für wen. Ich bestimme die Art und Häufigkeit der Kommunikation. Was für unterschiedliche (innere) Wirklichkeitswelten. Und wieder sind die Antworten nur im Inneren zu finden. Sind sie (noch) nicht da, suchen wir sie oft im Außen (und werden dann immer unruhiger und "ver-rückter" , da alles, was wir dort bekommen, nicht stimmig ist, das "Ja, aber-Spiel" beginnt, da die rein "kognitive Richtigkeit" für das Handeln unerheblich ist). Nun kann ich z.B. hier sitzen und schreiben, in "Sicherheit und (Selbst-) Schutz". Meine Mutter (auch wenn sie "nichts dafür kann") kann nun nicht mehr in mein Leben eindringen. So ist es mir möglich, ihr gegenüber (weiter und wieder) den Weg der Entspannung, Freude und Liebe zu gehen und riskiere nicht, ihr mit Vorwürfen und Wut zu begegnen.
    Und noch was anderes: In der aktuellen Zeitschrift "happinez" gibt es "Orakel-Karten". Wunderschöne künstlerische (archetypische) Bilder. Eines davon heißt "Blumenkind". Vielleicht holst Du Dir ja ein Exemplar - für Deinen Urlaub... :)


    Herzliche Grüße
    Mirabai

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Mirabai, Ihre Entscheidung - das Sperren der Nummer - möchte ich fachlich unterstützen. Oft entwickelt sich neben der Vergesslichkeit ein zwanghaftes Verhalten - verstärkt (egal) von einer freundlichen oder anders menschlichen Reaktion. So wie ich Ihren Text lese, machen Sie genau das was ich Angehörigen in dieser Situation immer rate: Wenn Sie ihr das Problem wegnehmen wollen, was bekommt sie dafür? Einige rufen dann zu festen Zeiten an, andere immer mal zwischendurch, wenn sie dafür ein richtig gutes Gefühl haben. Habe ich Sie richtig verstanden, dass Ihrer Mutter erinnern konnte, dass Sie im Urlaub nicht erreichbar sind?
    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Mirabai,
    habe Deinen Bericht mit dem Sperren der Telefonnummer gelesen-erst etwas erschrocken und dann habe ich immer mehr Verständnis dafür gehabt.
    Auch ich trage mich seit heute mit dem Gedanken ,dies auch mit der Rufnummer meiner Eltern zu tun.
    Wenn meine Mutter anruft,dann nur,weil sie wieder zur Todesspritze oder zum Erschiessen gefahren werden will und dann die Welt nicht mehr versteht,wenn ich davon nichts weiß und ihr klar mache,daß es so etwas nicht gibt und ich sie zu so etwas niemals fahren würde.
    Wenn mein Vater anruft,dann nur,weil meine Mutter ihm Sachen unterstellt ,ihn aussperrt und den Schlüssel von innen stecken lässt und er mich dann mit Worten wie:ich halte das nicht mehr aus und ziehe aus oder ich bringe mich um.
    Schöne Gespräche finden nicht mehr statt.
    Brauche ich dann so etwas noch?
    Ist es nicht mein gutes Recht,genau wie Du,hier eine Entscheidung zu treffen und mich zu schützen?
    Oder gehe ich hier zu weit?
    LG
    Barbara66

  • Hallo zusammen und Barbara,
    mich hat auch zunächst erschreckt, dass ich in mir das Bedürfnis gefunden habe, dass ich die Nr. meiner Mutter vielleicht sperren lassen will. Erschrocken sein über sich selbst basiert oft auf gesellschaftlichen Normen und Tabus. Der (für mich) höhere Wert ist Aufrichtigkeit und Mut. Und vielleicht die Erkenntnis plus Erfahrung, dass darüber Liebe fließt, die einen konkreten Ausdruck im Außen hat. Dass ich die Telefon Nr. meiner Mutter (punktuell) gesperrt habe und vielleicht oder wahrscheinlich wieder mal sperren werde, hat doch gar keine Aussage über die eigentliche Verbundenheit und praktische Fürsorge. Als erwachsene Kinder sollten wir den Kontakt zu unseren Eltern steuern und auch die Form, meine ich.


    Lieber Martin Hamborg,


    vielen Dank für Ihre Antwort auf meinen letzten Eintrag. Meine Mutter konnte eher nicht erinnern, dass ich im Urlaub war. Den Aspekt, "ein Problem wegnehmen" und "was bekommt der andere statt dessen"; kenne ich und finde ich gut. Privat gehe ich da zwar nicht so bewusst ran, sondern eher komplett von innen heraus und finde mich dann in einem Prozess, der immer wieder durch Öffnung in verändertem Verhalten mündet. So habe ich z.B. die Sperrung der Nr. jetzt wieder gelöscht, um zu schauen, was passiert und wie es mir damit geht.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Mirabai und Barbara66, mir klingt noch der Satz nach "Nur durch Trennung ist Verbundenheit möglich". So können Sie, Mirabai, mit der "Nummern-Sperrung" situativ entspannt umgehen!


    Für Ihre Mutter, Barbara66 kann es tatsächlich hilfreich sein, wenn der Wahn nicht durch ein Telefongespräch verstärkt wird. Wenn Sie mit Ihrer Mutter in einer Phase telefonieren, wo der Wahndruck nicht so stark ist, kann das beiden Seiten gut tun!
    Es ist eine schwierige Entscheidung, weil Ihr Vater Sie ja vielleicht mal dringend braucht... Aber hier gilt, was ich eben auch schon geschrieben habe: Wenn Sie eine Weg finden, entspannt mit Ihren Eltern zu telefonieren, ist das mehr wert, als immer nur an dem "Wahnsinn teilzunehmen" und nichts ausrichten zu können - so wie Sie so eindrucksvoll beschrieben haben.
    Mich würde interessieren: Wie oft in der Woche oder am Tag müssten Sie anrufen, dass es Ihnen mit einer solchen Entscheidung gut gehen würde?
    Sie wissen ja, bei der unbehandelten Lewy-Body-Demenz ist es ein kleines Wunder, wenn es Ihnen gelingt, etwas "richtig" zu machen!
    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo zusammen, ich bin zurück aus dem Urlaub! Das Problem mit dem Telefonterror habe ich zum Glück nicht. Das regelmäßige Telefonieren von meiner Mutter und mir war "schon immer" so geregelt, dass ich sie angerufen habe und nicht umgekehrt, weil sie immer das Gefühl hatte, ich kann den Zeitpunkt besser bestimmen (als die Kinder klein waren und so). Ich habe ein paarmal aus dem Urlaub angerufen, aber immer nur kurz (sie hat wohl noch in Erinnerung, dass Telefonate aus dem Ausland teuer sind ;-)). Der Urlaub war toll, die Distanz hat sehr gut getan. Wenn ich rechtzeitig den Tipp mit der Zeitschrift "happinez" gelesen hätte, wäre es bestimmt noch besser gewesen ;-). Am letzten Tag rief ein Pfleger an. Ich war natürlich in heller Aufregung. Es ging aber "nur" um das Thema, dass meine Mutter sich nicht waschen lässt und ihre Kleidung nicht wechselt, auch in ihrer Kleidung schläft. Gut, daran konnte ich dann in einem Cafe in Bordeaux sitzend, auch nichts ändern.


    Meine Mutter wirkt auf mich sehr depressiv. Das ist eine Veränderung, die drastisch mit dem Umzug ins Heim eingetreten ist. Die Pfleger schlagen nun vor, ihr "Stimmungsaufheller" von einem Psychiater verschreiben zu lassen, der ab September wieder ins Heim kommt. Ich finde die Idee gut. Hat jemand Erfahrung damit? Ich finde diese traurige Stimmung schlimmer zu ertragen als die Demenz als solches. Ich lese hier von anderen Erkrankten, die mit Männern rumflirten. Ich kann mir vorstellen, dass das peinlich ist, aber sie haben doch anscheinend noch etwas Spaß am Leben, oder?


    Meine Mutter flirtet zwar nicht mit Pflegern, lässt sich aber anscheinend von ihnen leichter "lenken". Am Freitag war eine Fußpflegerin da. Ich wurde gebeten, zugegen zu sein, weil man wohl noch immer glaubt, dass ich Einfluss auf meine Mutter habe. Wir haben mit Engelszungen geredet, zwecklos. Sie saß wie ein bockiges Kleinkind auf dem Bett und hat gezetert "nein, ich ziehe meine Strümpfe nicht aus". Die nette Fußpflegerin hat nach 20 min aufgegeben. Der Pfleger hat es dann einige Zeit später tatsächlich geschafft, sie zu der Fußpflege zu bewegen. Wie er das hinbekommen habe, wollte ich von ihm wissen. "Einfach machen", war seine Antwort.


    Im Heim gibt es eine Betreuerin, die sich 1h/Woche (!!!) um meine Mutter bemüht. Da sie den ganzen Tag auf dem Bett liegt und nichts tut, habe ich die Idee, eine "Gesellschafterin" über betreut.de zu suchen, die mit ihr Mensch-ärgere-dich-nicht spielt oder eine Runde ums Heim spaziert (die einzigen Tätigkeiten, zu denen sie sich motivieren lässt). Das hat in ihrer letzten Zeit zu Hause sehr gut geklappt, und die Besuche von "Petra" waren ein echtes Highlight für sie. Aber damit warte ich glaube ich noch, bis der Psychiater sie gesehen hat. Ich glaube, dass sie meine Versuche, sie zu irgendwas zu animieren, eher lästig und anstrengend findet. Aus ihrer Sicht bin ich wohl ein echter Stressfaktor.


    Ich hatte heute die Idee, sie am Sonntag Nachmittag zu mir nach Hause zu holen. Es gibt ein Streichorchester, das sie früher häufig in Konzerten gesehen hat und das jetzt (Corona) Konzerte im Internet zeigt. Ich dachte, die Aufnahme im Internet ist vielleicht ein kleiner Ersatz, und wollte sie mit ihr bei mir daheim ansehen (kein WLAN in den zugänglichen Bereichen des Heims). Das Pflegepersonal fand die Idee gut. Gesagt, getan. Ich habe sie mit dem Auto (das mal ihres war) abgeholt. Sie hat tatsächlich mein Haus wiedererkannt und sich auf die Terrasse in die Sonne setzen und mit einem Kaffee bewirten lassen. Nach 15 Minuten sagte sie, sie wolle früh zu Bett gehen. Ich konnte sie überreden, sich das Konzert (8 min) mit mir anzusehen, was sie nicht vom Hocker und auch nicht von der Couch gerissen hat. Sie meinte, dieses Konzert habe sie sich erst gestern angesehen, und es lohne sich nicht für sie. Und außerdem wollte sie jetzt (es war 14 Uhr) schlafen gehen. Nun denn. Ich hatte wegen ihrer mürrischen Verfassung auch keine Lust mehr. Während ich meinen Autoschlüssel gesucht habe, machte sich meine Mutter daran, die Treppe hinaufzusteigen. Sie war der Meinung, dass ihr Bett dort sei! (Tatsächlich hat sie bei früheren Besuchen dort geschlafen). Ich (entsetzt): "Mama, du hast hier kein Bett, du kannst hier nicht schlafen! Ich bringe dich zurück in dein Zimmer." Sie (zornig): "Lass mich in Ruhe, ich wohne seit Jahren in diesem Haus! Ich will in mein Bett!" Wow! Meine Mutter, die seit Wochen jammert, sie wolle nach Hause, kann ihre Wohnung nicht mehr von meinem Haus unterscheiden! Diese Demenz versetzt mich immer wieder in Erstaunen! Zum Glück habe ich es geschafft, sie ins Auto zu verfrachten. Im Heim angekommen, ist sie willig ausgestiegen und war offensichtlich froh, sich endlich in "ihr" Bett legen zu können. Der ganze Ausflug hat ca. 1 Stunde gedauert, und sie war total gerädert! Ich auch.


    Ich glaube, ich lasse solche Experimente lieber sein.


    Eine Frage bewegt mich, und mich interessiert eure Meinung dazu. Was wünsche ich mir für mich selber, wenn ich diese Krankheit auch bekommen sollte? Wie kann ich Vorsorge dafür treffen, dass ich meinen Kindern nicht das antue, was meine Mutter mir antut? Ich bin im Nachhinein echt sauer auf sie, dass sie das Thema "was soll werden, wenn du nicht mehr in deiner Wohnung wohnen kannst" nie mit mir besprochen hat, obwohl ich das Gespräch immer wieder gesucht habe. Sie hat zwar allerlei Vollmachten und Patientenverfügungen unterschrieben, der Fall Demenz kommt darin aber nicht vor.


    Manche denken daran, sich das Leben zu nehmen bei einer Demenz-Diagnose. Ich kann das gut nachvollziehen, denn das, was ich von dem Heim bisher mitbekommen habe, ist wirklich kein attraktiver Lebensabend. Ich würde auf keinen Fall womöglich bei meinen Kindern wohnen wollen, und das wissen meine Kinder auch. Ich hoffe, dass das ihr Gewissen entlasten wird. Wenn die Räumlichkeiten es hergeben, lieber mit einer 24h-Kraft, oder meinetwegen im Heim. Meine naive Hoffnung ist, dass es "bis dahin" weitere, bessere Angebote für Demenzkranke gibt (ja, ich weiß, es wird auch noch mehr Demenzkranke geben). Ich habe in einem Zeitungsartikel von 12 Risikofaktoren gelesen. Also: gesundes Leben führen, Bewegung, soziale Kontakte... :-).

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Blumenkind, es ist gut zu lesen, wie sehr sich Ihre Mutter eingelebt hat und Sie ihre Grenzen erkennen und sie nicht überfordern. Manch ein Besuch ist so gut gemeint und dann passiert genau das, was Sie beschreiben. Zu Ihren zwei Fragen möchte ich einige Gedanken beitragen:
    Stimmungsaufheller oder Antidepressiva sind eine gute Alternative, denn durch die Demenz nehmen oft auch die Botenstoffe wie Serotonin im Gehirn ab. Mit der Wirkung nach etwas 2 Wochen kann sich auch das Problem mit der Ablehnung lösen. Natürlich ist ein Medikament nur eine Krücke und ergänzt (nur) die Beziehungsgestaltung im Heim. Die neuen Antidepressiva haben auch deutlich weniger Nebenwirkungen, eine gute Alternative ist auch Lichttherapie, wenn Ihre Mutter das akzeptiert.
    Bei Ihrer Mutter haben Sie nicht alles in Vollmachten klären können und niemand weiß, wie sich in einer späteren Demenz auch die Bedürfnisse ändern. Oft beobachten wir, wie alte Frauen so flirten, als wären sie gerade in der Pubertät, ganz intensiv und authentisch. Auch wenn uns das heute peinlich scheint, ist es so schön mitzuerleben. Darf ein letzter Frühling in einer Verfügung ausgeschlossen werden?
    Oder ein „Klassiker“: Mit der Demenz können sich biografisch wichtige Gewohnheiten ändern. Menschen die nie Leberwurst mochten, genießen sie sichtlich und sind ärgerlich, wenn sie verweigert wird, nur weil es in der Biografie steht. Beides erkläre ich mir mit dem geänderten Bezugsrahmen der Wahrnehmung, durch den unangenehme Erfahrungen (z.B. mit Leberwurst) auch wieder vergessen werden.
    Aber ich bin mir ganz sicher – Forschung gibt es dazu nicht – wenn wir in der Familie offen über die möglichen Probleme einer Demenz sprechen und uns über die Ängste austauschen, wird diese Offenheit und Beziehungstiefe auch bei einer Demenz nachwirken und es wird weniger ablehnendes Verhalten und weniger Probleme geben, die sich oft aus der Scham über die eigenen Grenzen entwickeln.
    Vielleicht gibt es hier Erfahrungen, wo sich ein Elternteil kompetent und reflektiert auf die Demenz vorbereitet hat und dann gegen aller Erwartungen große Schwierigkeiten auftreten – ich habe noch erlebt …
    Ihr Martin Hamborg

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