Korsakow-Syndrom, wie geht man im Gesundheitssystem nicht unter?

  • Hallo liebe Menschen hier im Forum,


    zunächst einmal Danke für die vielen Ratschläge, die Ermutigungen und das tolle Miteinander hier. Ich habe selber bisher nur mit gelesen und mich noch nicht an die Community gewendet.


    In dem Fall, den ich hier schildere, geht es nicht „direkt“ um mich, sondern um die Mutter meiner Freundin, bei der das Korsakow-Syndrom diagnostiziert wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein guter/richtiger Weg ist, dass ich mich hier an euch wende. Meine Freundin hat durch die momentane Situation so viel Stress, dass sie selber keinen Kopf dafür hat, die folgenden Zeilen zu schreiben.


    Ich möchte einmal ganz kurz umreißen, wie die letzten vier Wochen abliefen, was der Status Quo ist und warum ich hier schreibe. Ich nenne die Mutter meiner Freundin zur Vereinfachung im weiteren Text „M“.


    M lebt seit mehr als 15 Jahren alleine in einem recht großen 1-Familien-Haus. Zu ihren vier Kindern hat sie regelmäßig Kontakt, sie besuchen sie häufig gegenseitig und telefonieren meist wöchentlich. Ansonsten ist sie sehr viel alleine zuhause und einsam; sie hat kaum Motivation, mit anderen Menschen zu unternehmen, andere Menschen sind eher „nervig/stressen sie“. In den letzten Wochen und Monaten war sie extrem viel zuhause, ist kaum mehr raus gegangen, etc. In dem Kontext ist dann bei einem Besuch bei ihr zuhause aufgefallen, dass sie extrem viele Äußerungen wiederholt und ständig die gleichen Fragen stellt. In Kombination mit der schlechten körperlichen Verfassung kam es zu einem Krankenhausaufenthalt. Nachdem im Krankenhaus im Trüben gefischt wurde, wurde von einem befreundeten Arzt vermutet, dass es das Korsakow-Syndrom sein könnte. Beim Neurologe wurde es dann durch seine Diagnose bestätigt. Er hat dementsprechend eine Überweisung für eine ambulante oder stationäre Behandlung ausgestellt und sie zur LWL-Klinik geschickt. Im Aufnahmegespräch dort sollte geklärt werden, wie weiter vorzugehen sei.


    Hier wird es nun irgendwie einfach hoffnungslos. Die Zeit bis zum jetzigen Zeitpunkt war für die vier Kinder Ms, die sich gemeinsam abwechselnd um sie kümmern, unglaublich kräftezehrend und sehr deprimierend. Die Vorstellung, das ihre Mutter mit hoher Wahrscheinlichkeit seit sehr langer Zeit alkoholabhängig ist und die hervorgerufenen Hirnschäden irreparabel sind, belasten sie extrem (hinzu kommen die Vorwürfe: „warum habe ich/haben wir nicht früher gemerkt, dass es unserer Mutter so schlecht geht?“). Viel Hoffnung wird in den nächsten Termin in der Klinik gelegt, doch hier läuft es ab, wie in einem schlechten Sketch. Die der gerontologischen Station, bei welcher sie M melden sollte, wird gesagt, was sie denn hier wolle. Sie müsse zur Suchtambulanz (im selben Haus). In der Suchambulanz: sie sind aber hier falsch, sie müssen in die gerontologische Station. Mit der Überweisung, mit dem Befund Korsakow, kann dort angeblich niemand helfen. Der Arzt in der Suchtambulanz fragt M, ob sie Alkohol trinkt, sie verneint; meine Freundin sitzt daneben und macht dem Arzt klar, dass sie natürlich trinkt. Am Ende gibt er ihr eine Telefonnummer eines Pflegedienstes, gibt M den Tipp „keinen Alkohol zu trinken“ (sehr professionell, vielen Dank!) und macht einen neuen Termin in vier Wochen aus, bei dem dann ein Demenztest gemacht werden soll. Meine Freundin war so konsterniert, dass sie nicht hartnäckiger gewesen ist, sondern dann gegangen ist.


    Danach war sie völlig desillusioniert. Meine Freundin fühlt sich vom Gesundheitssystem einfach total im Stich gelassen. Heute war ihr Bruder dann beim Hausarzt, um ihn auf den neusten Stand zu bringen (war einige Wochen im Urlaub). Und der Hausarzt sagt tatsächlich, dass die entsprechenden Kliniken „sehr ungern bzw garnicht“ PatientInnen mit Korsakow-Syndrom aufnehmen, da hoffnungslos. Ich bin wirklich sehr vorsichtig damit, diese Aussage so zu glauben bzw hinzunehmen. Hat vielleicht jemand da ähnliche Erfahrungen gemacht?


    Und jetzt ganz konkret: Was für Möglichkeiten kann es denn jetzt überhaupt noch geben? Ist die einzige Option eine Pflegeeinrichtung? Man fühlt sich so unglaublich alleine gelassen (und ich bin quasi ja nur passiv involviert). Niemand kann gewährleisten, dass M zuhause keinen Alkohol trinkt. Niemand kann den Aufwand stemmen, jeden Tag - den ganzen Tag - auf M „aufzupassen“.


    Haben wir vielleicht einfach nur Pech mit dieser einen Klink gehabt?


    Wie können Menschen mit dem Korsakow-Syndrom ein würdiges Leben führen? Werden Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit von vornerein abgeschrieben?


    Der Konsum des Alkohols ist natürlich nur ein Symptom einer viel tieferliegenden Problematik. Ist es die Mühe nicht wert, den Konsum des Alkohols in einem medzinischen Rahmen einzuschränken/zu beenden, um dann eine weiterführenden Therapie beginnen zu können?


    Zur Einordnung, M ist 63, konnte nie arbeiten (da Hausfrau und Mutter). Sie hat kein erfülltes Leben gehabt bisher; sie hat wahrscheinlich nie für sich selbst gelebt.


    Ich freue mich über jeden Ratschlag! Danke euch allen!


    PS: Ich glaube, dass wir in Deutschland eigentlich ein sehr gutes Gesundheitssystem haben und dass es super viele empathische Ärztinnen und Ärzte gibt. Vielleicht braucht man in Fällen wie diesem einfach Glück, an die richtigen zu geraten?

  • Hallo,
    100 x mal Ja!! aber ich kann Ihnen auch nichts raten...
    meine Mutter ist vermutlich viele Jahre (Jahrzehtne) alkoholabhängig ...und schließlich in der Demenz gelandet...
    jetzt lebt sie seit 1,5 Jahren in einem Pflegeheim..
    zuvor...bekam meine Familie wenig bis keine Hilfe..auch nicht von Ärzten...
    letztlich habe ich beim Betreuungsgericht eine Betreuung durch einen Berufsbetreuer beantragt..weil ich selbst als Tochter auch nicht mehr weiterkam...


    liebe Grüße

  • Hey hanne63,


    danke für die Antwort! Irgendwann kommt man ja nicht mehr weiter und schadet sich selbst wahrschienlich mehr, als man jemandem helfen kann.


    Ich finde es so merkwürdig und völlig verantwortungslos, dass es anscheinend doch viele ÄrzteInnen gibt, die unprofessionell agieren? Vllt ist es auch nur eine subjektive Wahrnehmung.


    Ich habe das Gefühl, dass durch Stigmatisierung bestimmter Menschen und durch die Privatisierung des Gesundheitssystems am Ende natürlich die Schwachen auf der Strecke bleiben. Also eigentlich die Menschen, die am dringendsten Hilfe benötigen.


    Vielleicht haben hier ja noch mehr Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht und können ein stückweit Hoffnung mitgeben?

  • Hey Ziegenbock,
    ich fände es auch schön und hilfreich für mich, wenn andere ähnlich Betroffene sich zu dem Thema äußern würden...


    Bzgl. Ärzte: Ärzte sind halt Ärzte ;-)....es gibt auch ein paar wenige, die sich wirklich für ihre Patienten einsetzen....wohl dem, der einen solchen gefunden hat.


    Meine Mutter hat inzwischen übrigens vergessen Alkohol zu trinken...am Anfang hat sie im Pflegeheim öfters mal nach Wein gefragt und ich habe ihr auch welchen bringen lassen, der ihr ab und zu von den Pflegekräften auch gegeben wurde...aber dann hat sie nicht mehr danach gefragt...es verträgt sich ja auch schlecht mit den vielen Medikamenten dann...sie hat selbst gemerkt, dass sie dann noch unsicherer gehen kann etc...und hatte Angst zu stürzen......jetzt sitzt sie im Rollstuhl...aber denkt gar nicht mehr an Alkohol....von anderen Angehörigen habe ich gehört, dass ihre demenzerkrankten Verwandten irgendwann vergessen haben, dass sie eigentlich Kettenraucher sind.....


    liebe Grüße

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