Wie bekomme ich eine Diagnose, wenn der Patient nicht zum Arzt will?

  • Hallo,
    mein Vater (81) hat seit ca. 4-5 Jahren erst leichte, mittlerweile starke Demenzsymptome.


    Anfänglich waren es Wiederholungen innerhalb eines Gesprächs, dann kamen Irritationen und Verwechslungen was Orte und Zeiten angeht dazu, mittlerweile ist das Kurzzeitgedächtnis fast komplett weg und er erkennt sein eigenes Haus, seine Familie und Bekannten nicht wieder. Er hält sich selber für einen jungen Mann und spricht meist über Themen aus seiner Ausbildung oder ersten Arbeit.


    Er wird von meiner Mutter daheim sehr gut betreut und es klappt im Alltag soweit alles ganz gut. Dennoch hätten wir (die Frau und die 3 Kinder) gerne eine qualifizierte Diagnose und auch aus rechtlicher bzw. medizinischer Sicht (Pflegestufe, etc.) wäre sowas erforderlich.


    Der Hausarzt hat schon mehrfach einfache Standard-Tests gemacht und die waren recht eindeutig. Er hat auch eine Überweisung an einen Facharzt wegen einer qualifizierten Diagnose gestellt, aber da beginnt das Problem:


    Mein Vater hat schon immer Ärzte so weit es ging vermieden. Er hatte immer eine recht robuste Gesundheit aber wenn er doch mal was hatte, hat er monatelang mit Hausmitteln rumgedoktert, bevor er doch mal zum Arzt ist. Entsprechend "hatte er auch nie was" und hat jedes Leiden so lang wie möglich verschleiert.


    Wie bekommt man so jemand, der nach eigener Aussage "nie was hat", zum Arzt?


    Wir haben versucht, das Thema seiner Vergesslichkeit vorsichtig mit ihm anzusprechen - aber er weist es weit von sich. Er hat nichts, sein Gedächtnis ist super, ihm geht es gut. Übrigens: 10 Minuten später weiß er von dem Gespräch nichts mehr.


    Wir haben uns schon überlegt, ihn unter einem Vorwand zum Neurologen zu locken. Er klagt gelegentlich über Schwindel und Kopfweh - das könnte man ja als Vorwand nehmen und wenn er dann beim Arzt sitzt, macht er die Tests und Untersuchungen zur Demenz hoffentlich mit.


    Aber was gäbe es sonst noch für Möglichkeiten?
    Gibt es Neurologen/Psychologen, die Hausbesuche machen? Wenn einer auf einmal vor der Haustüre steht, dann wirkt hoffentlich der "Gott in weiß"-Effekt und er lässt sich untersuchen. Aber viel kann der Arzt, ohne Gerätschaften, vor Ort ja auch nicht machen. Es würde sich auf einfache Tests und das Fachgespräch beschränken - falls das überhaupt für eine Demenz-Diagnose ausreicht.


    Hat jemand andere Ideen oder Erfahrungen mit einem ähnlichen Fall? Wir sind für jeden Rat dankbar!

  • Hallo Schwabe,


    meine erste Frage an Sie wäre, hat Ihr Vater einen Pflegegrad?


    Wir haben keine Probleme bei der Pflegeeinstufung gehabt, weil hier Anhand der eindeutigen Symptome eine Begutachtung stattgefunden hat.


    Und wenn der Hausarzt das bestätigt, dann reicht das meiner Erfahrung nach aus. Aber auch im Demenzzentrum wurde mir das bestätigt. Wenn Sie ein solches Zentrum in der Nähe haben oder einen Sozialpsychiatrischen Dienst, dann würde ich mich hier beraten lassen.


    Ich habe auch selbst immer einen Bericht für die Begutachtung mit dem MDK geschrieben. Dabei habe ich die Hauptdefizite und die täglichen Schwierigkeiten im Alltag genau geschildert. Das wird als sehr hilfreich angesehen.


    Meine Schwiegermutter hat auch einen winzigen Demenz-Test einmal im Krankenhaus gemacht bekommen. Aber sie hat sofort gemerkt, dass sie getestet worden ist und sie hat sich furchtbar darüber aufgeregt.


    Vielleicht können Experten mehr dazu sagen, ob eine neurologische Untersuchung dringend notwendig ist.


    Im Zusammenhang mit Gedächtnisproblemen können auch das Vitamin B12, Vit. D, der Calcium- und Magnesiumhaushalt ect. eine Rolle spielen. Das kann man, je nach Ernährungslage, unabhängig von der Diagnose vielleicht einmal testen lassen. Gerade im Alter sind Mängel hier keine Seltenheit und eine Demenz kann hierdurch verstärkt werden.


    Liebe Grüße an Sie

  • Vielen Dank für die hilfreiche Antwort.


    Nein, mein Vater hat keinen Pflegegrad.
    Mir wurde von einer Demenzberatung gesagt, dass zuerst einer Diagnose vom Facharzt gestellt werden muss, bevor eine Pflegestufe bzw. ein Pflegegrad bestimmt werden kann. der Hausarzt kann diese Diagnose nicht stellen.


    Das bringt einen auf die grundsätzlichere Frage: Braucht man überhaupt eine offizielle Diagnose? Was "bringt" einem die?


    Was wäre z.B. bei Geschäftsabschlüssen am Telefon oder irgendeiner anderen finanziellen Angelegenheit? Dement heißt doch nicht automatisch geschäftsuntüchtig oder unmündig.


    Unsere Sorge war ebe, falls irgendwas gesundheitliches mit unserer Mutter wäre und sie sich temporär oder dauerhaft nicht mehr um ihn kümmern könnte. Wir Kinder könnten kurzfristig für ein paar Wochen einspringen. Aber dauerhaft ist das keine Lösung. Und um dann Pflege (im Haus, Tagespflege oder auch ein Pflegeheim) zu bekommen, braucht man doch vermutlich eine offizielle Diagnose und eine Einstufung des Pflegegrades.


    Der Tipp mit dem sozialpsychiatrischen Dienst ist auf jeden Fall sehr gut. Danke!

  • Hallo Schwabe,
    Für die Aufnahme in ein Pflegeheim braucht man i.A.einen Pflegegrad, soweit mir bekannt ist, auch wenn mal Kurzzeitpflege anstehen sollte. Ist aber
    nicht immer so.
    Meine Mutter hatte diesen aufgrund körperlicher Beschwerden, nach Hüft-Op etc.
    Meinen Vater hat sie vor einigen Jahren erfolglos gedrängt, sich neurologisch untersuchen zu lassen, als Demenz bei ihm offensichtlich war. Nun wo sie selbst davon betroffen ist und zunächst zur Kurzzeitpflege im Heim war - mein Vater verstorben- hat sie den Neurologen , der ihr als Arzt des Hauses vorgestellt wurde, hinausbeordert, sie lasse sich doch nicht für verrückt erklären etc. Er konnte keinen richtigen Test durchführen.. Nun kann er sich einiges aus der Dokumentation der Pflege zusammenreimen. Doch jetzt ist die genaue Bezeichnung auch nicht so wichtig.
    Wirklich unmündig erklärt ist meine Mutter damit nicht, doch sie stellt dort nichts entsprechendes an.
    Mein Vater hatte vor einigen Jahren tatsächlich noch ein Auto gekauft und das war ein relativ teures Problem... eine Diagnose gabs bei ihm erst durch Aufenthalt in der Psychiatrie nach entsprechendem Vorfall.
    Also informieren vorab beim gen.Dienst wäre schlau, auch den Hausarzt einweihen, damit schon mal etwas schriftlich dokumentiert ist.


    Alles Gute
    Rose60

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