Positiv denken über Demenz?

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  • Hallo zusammen, ich bin froh dieses Forum gefunden zu haben. Ich selbst leide sehr unter der Demenz meiner Mutter. Es nimmt mich mit, sie so unglücklich zu sehen. Ich habe Schuldgefühle, weil ich immer denke, ich werde der Situation nicht gerecht, habe sie zu frühzeitig in ein Heim verpflanzt, etc. Es tut gut zu sehen, dass es andere in ähnlicher Situation gibt.


    Auf der anderen Seite merke ich aber auch, wie oft ich über dieses Thema rede. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, muss ich mich beherrschen, nicht gleich wieder anzufangen, über die Situation meiner Mutter zu jammern. Ich jammere zu viel, anstatt positiv zu denken.


    Positiv zu denken bedeutet für mich unter anderem, mir zu überlegen, was ich heute tun kann, um für den Fall vorzusorgen, dass ich selber dement werde. Ist ja nun mal erblich bedingt. Allerdings gibt es auch medizinische Erkenntnisse, dass man durch positive Gedanken Krankheiten vermeiden oder sogar heilen kann. Das scheint auch für Demenz zu gelten. Vielleicht erhöhe ich durch mein Gejammer mein Risiko, selbst an Demenz zu erkranken.


    Ich halte das Leben mit Demenz, so schwer es auch ist, für mich immer noch für lebenswert. Ich möchte meinen Angehörigen Leid und schlechtes Gewissen ersparen. Daher möchte ich mit ihnen rechtzeitig in den Dialog gehen. Und zwar nicht darüber, wie schrecklich alles jetzt mit meiner Mutter ist, sondern, wie es anders sein könnte. Was sind aus heutiger Sicht meine Wünsche? Ich möchte auf keinen Fall von meinen Kindern gepflegt werden. Ich möchte in ein Heim, das sich mit der Versorgung von Demenzkranken auskennt. Möglichst soll das Heim so liegen, dass meine Kinder mich häufig besuchen können. Ich möchte sofort von meiner Diagnose erfahren, man soll mich nicht aus falscher Rücksicht schonen. Ich möchte die Chance haben, mich mit meiner Krankheit auseinanderzusetzen. Ich habe solche grundsätzlichen Gedanken bereits in einem Schriftstück festgehalten, das ich im Zusammenhang mit meiner Patientenverfügung verfasst habe.


    Sollte es nicht so etwas wie eine Demenz-Verfügung geben?


    Gern würde ich auch ein Projekt für Demenz-Kranke unterstützen, wie z.B. dieses wunderbare Chorprojekt von Annette Frier, "Unvergesslich".


    Ich bin sehr gespannt, ob meine Gedanken in diesem Forum auf Resonanz stoßen.

  • Guten Tag,


    danke für Ihren Beitrag. Ich kann Ihre Vorwürfe nachvollziehen, habe ich doch meinen Mann (90) nach einem dreijährigen Aufenthalt im Seniorenheim vor kurzem »allein versterben lassen«.


    Ich möchte so eine Zeit in Demenz nicht mitmachen. Ich bin daher Mitglied in Organisationen in der Schweiz und in Österreich, die sich für ein würdevolles Sterben einsetzen. Dort diskutiert man, wie weit man vorsorgen kann und welche gesetzlichen Bedingungen erfüllt sein müssen. Es ist vieles im Wandel - Corana wirft neue Fragen bei der Intensivbehandlung auf. Vielleicht gibt es demnächst ein Forum für solche Situationen analog zum Wegweiser-Demenz.


    Hier zwei aktuelle Beiträge zum Thema. Ich hoffe, dass die Links funktionieren.
    In Verbundenheit,
    Chrisly


    https://www.bundestag.de/resou…af98eaYx0gKvlknPzefF-IZaE

    https://www.deutschlandfunk.de…gknszxU3KIGB_TJOjfFiS3RCs

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Blumenkind,
    es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich Gedanken um die Art der Versorgung zu machen. Es ist auch eine gute Idee, diese Gedanken mit den Kindern bzw. denen zu teilen, die im Fall einer Geschäftsunfähigkeit die
    Betreuung übernehmen sollen.
    Bei alledem sollten Sie aber nicht das hier und jetzt vergessen, denn eine genetische Disposition bedeutet überhaupt nicht, dass Sie zwangsläufig auch an einer Demenz erkranken werden.
    Vielleicht können Sie das positive Denken auch auf die Situation Ihrer Mutter übertragen? Damit wäre schon heute Ihnen Beiden geholfen.
    Beste Grüße von Klaus Pawletko

  • Liebes blumenkind,


    Deine Gedanken sind bei mir auf folgenden Boden gestoßen: Vielleicht geht es weniger um "positiv denken" als darum, sich grundsätzlich zu öffnen: für sich selbst und das Zunkünftige. Dieses im Kontext, was für einen selbst Gesundheit und Krankheit sind bzw. wie diese entstehen. Für mich persönlich ist Krankheit (auch die seelische, mentale, psychische) immer auch ein Lösungsweg. Oft der letzte, wenn vorher eine Bewusstwerdung nicht gelungen ist oder möglich war. Meine Mutter hat sich ihre Kränkungen, ihre Traumata nicht bewusst machen und damit auch nicht verarbeiten können. Sie geht im Groben den gleichen Weg wie ihre Mutter: "Endstation Pflegeheim", wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich kenne im engsten Umfeld zwei Freundinnen, da hat die Diagnose Krebs im wahrsten Sinne zu einer Transformation geführt. Beide haben sich vorher einem offenen Hinschauen in die schmerzvollen Gefühle (Ängste, Verletzungen, Wut etc.) immer wieder entzogen. Dann "regelt es der Körper", sage ich mal etwas provokativ. Die Demenz meiner Mutter ist ihr Lösungsweg, um u.a. mit ihren Schuldgefühlen (mir gegenüber) klar zu kommen und friedlich zu werden. Ich brauche so einen Weg nicht, sage ich mal. Das bedeutet aber auch konkret, dass ich mehr oder weniger täglich alles verarbeite, fühle, was in meinem Leben passiert und versuche, Zusammenhänge zu erkennen. Das nimmt viel Zeit und Raum. Ist echte Arbeit. Führt aber eben auch gesundheitlich zu greifbaren Resultaten. Meine Mutter hatte eine Freundin, die aufgrund erblicher Disposition befürchtete, an Brustkrebs zu erkranken. Ihr Umgang mit dieser -nachvollziehbaren- Angst war, dass sie ihre Freizeit mehr oder weniger komplett damit verbrachte, alles aufzusaugen, was es zu der Erkrankung gab und sich über Therapien und Krankenhäuser zu informieren; für den Fall X. Was soll ich sagen? Fall X ist "natürlich" eingetreten. Mag jede/r für sich selbst entscheiden, was dazu geführt hat. Abschließend zu diesem Themenfeld zwei Buchtipss: Krankheit als Weg von Rüdiger Dahlke und Gesundheit für Körper und Seele von Luise Hay.
    Leider sind wir in der "westlichen Welt" in diesem Kontext sehr schnell bei Schuld anstelle von Verantwortung und einer ganzheitlichen Sicht auf uns Menschen, die anerkennt, dass Geist, Seele/Gefühle und Körper eine Einheit sind. Dieses Verständnis liegt übrigens noch mal jenseits von der Idee von "psychosomatischen Erkrankungen". Denn diese Bezeichnung geht ja davon aus, dass die "Psyche" und "das Somatische" getrennt wären. Ich bin gespannt, ob oder inwieweit ich mich verstehbar machen konnte. Alles Liebe für Dich/Euch, Mirabai

  • Hallo in die Runde,


    das, was Mirabai schreibt, sehe ich ähnlich.


    Was die Buchempfehlungen angeht, so hat jeder wohl seinen eigenen Zugang.


    Bei Dahlke bin ich zwiegespalten, was die negativen gut ausgebauten und durchdachten Kundenrezessionen auch zum Ausdruck bringen. Ein erster Ansatz und eine erste Hilfestellung kann er sein. Aber er ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss und mir zu dominant in Bereichen, wo eher noch Zurückhaltung und noch mehr Forschungsarbeit nötig wäre.


    Luise Hay ist da anders und in einem bestimmten Rahmen mir näher.


    Liebe Grüße an alle

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, nun möchte ich auch noch etwas zum Gedanken von Blumenkind beisteuern. Meine persönliche Meinung ist, dass es sehr hilfreich sein kann, ein positives Bild der Krankheit zu finden.


    Zum einen ist das „Jammern“ über die Situation – so wie es Blumenkind beschreibt – tatsächlich gefährlich, denn dahinter steht oft die eigene Hilflosigkeit , die sich zwanghaft bis in eine Depression verstärken kann. Diese erhöht das Risiko an einer Demenz zu erkranken. Insofern ist es sehr sinnvoll, der Negativschleife keine weitere Aufmerksamkeit zu geben.


    In diesem Zusammenhang können auch die Gedanken von Rüdiger Dahlke schaden, wenn sie als Wahrheit missverstanden werden, nach dem Motto: Ich fühle und verhalte mich genauso, wie die Krankheit beschrieben wird, deshalb bekomme ich sie und achte noch mehr auf die Zeichen, die dafür sprechen und ich habe dann auch noch selbst schuld…


    Wenn ich diese Thesen aber als Bild für die Selbsterkenntnis und als Motor für das Erleben von Selbstwirksamkeit nehme, dann können sie wertvoll sein. Helfen können dabei die Theorie der „Salutonese“ die mittlerweile eine wichtige theoretische Grundlage von Gesundheitsförderungsprogrammen geworden sind. Gerald Hüther hat diese in seinem Buch „Raus aus der Demenzfalle“ auf die Erkenntnisse der „Nonnenstudie“ übertragen und Argumente gesammelt, warum so viele Nonnen im Gehirn eindeutige Demenzsymptome hatten und keiner hat es gemerkt. Ob und wann seine Thesen aus der Hirnforschung wissenschaftlich zur Prävention von Demenz anerkannt werden, ist schwer einzuschätzen.


    Die neue WHO-Leitlinie zur Prävention von Demenz hat zwei „starke“ Empfehlungen: Bewegung und Aufhören mit dem Rauchen. Alles was sonst gerade wissenschaftlich erforscht wird geht in die allgemeinen Empfehlungen ein: gesunde Ernährung, Denksport, Musizieren usw.


    Meine „Vorsorge“ gegen Demenz geht also in diese Richtung und nicht darum, in welchem Heim ich später versorgt werde will. Ihr Martin Hamborg

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