Mutter zu Hause pflegen?

  • Hallo,


    meine Mutter ist seit zwei Jahren in einem Heim. Sie ist schwerhörig und dement und fühlt sich dort einsam und findet keinen Anschluss. Aufgrund Corona arbeite ich seit Monaten zu Hause. Ich kann mir nun vorstellen, meine Mutter bei mir zu pflegen. Ich bin männlich, 48 Jahre, gesund, lebe alleine, habe vier Kinder, aber die leben bei ihrer Mutter.
    Sie kann laufen, auf Toilette gehen und ist sehr lieb und ruhig.
    Ich bin mir unsicher, ob ich es leisten kann und ob ich sie aus dem Heim holen soll. Falls es nicht klappt, belaste ich sie womöglich noch mehr, wenn sie wieder zurück muss oder in ein anderes Heim, wo es ihr vielleicht noch schlechter geht. Meine Geschwister halten es für eine schlechte Idee, sie selber würden es sich nicht zutrauen und meinen, auch ich würde mich überfordern.
    Ich würde mich freuen, ein paar Anreungen und Fragen zu bekommen, damit ich weiter darüber nachdenken kann.


    Mit freundlichen Grüße
    Ingo Bonn

  • Hallo Ingo,


    das ist ein schöner Gedanke von dir, dass du deine Mutter zu Hause pflegen willst.


    So, wie du sie beschreibst, könnte das vielleicht funktionieren, einerseits. Aber es spielen da auch noch andere Faktoren eine Rolle.


    In welchem Stadium der Demenz ist sie denn?


    Kann sie auch noch Fernsehen oder einer anderen Tätigkeit alleine beschäftigen?
    Wird sie trotz ihrer lieben und leisen Art in manchen Bereichen wehrhaft, wie bei der Körperpflege, beim Essen? Oftmals wird einiges abgelehnt, weil man glaubt, dies schon gemacht zu haben. Eine Ablehnung an sich ist nicht schlimm, denn man kann ja immer wieder mal nachfragen ect. Aber das kann irgendwann trotzdem ein schwieriger Punkt werden.


    Man kann sich auch in einer Demenz verändern. Auch das habe ich schon gelesen. Von lieb bis wehrhaft und streitbar.


    Zudem kann das Verhalten dem Sohn gegenüber irgendwann anders sein, wenn man zusammen wohnt, als wenn man sich früher nur zu bestimmten Zeiten gesehen hat.


    Es ist nicht leicht hier vorauszuschauen. Manche Charaktereigenschaften sind latent vorhanden und äußern sich immer stärker, je weiter die Krankheit voranschreitet.


    Und wie ist das nachts? Kann sie schlafen? Die meisten Demenzkranken können das irgendwann nur noch schlecht und sie sind dann auch nachtaktiv.
    Zudem wollen so gut wie alle, dass man sie beschäftigt. "Was mache ich denn jetzt", ist eine häufig gestellte Frage und das auch schon mal nachts oder wenn man gerade andere Sachen erledigen muss, die man nicht aufschieben kann ect. Kann sie es ertragen, wenn man sagt: "Du, ich muss das hier jetzt zu Ende machen, dann habe ich Zeit?"


    Ich habe aber auch schon gehört, dass Demenzkranke bis zum Schluss umgänglich gewesen sind, aber eher mit einigen Personen zusammen, die gemeinsam hier Aufgaben übernommen haben.


    Auch bei einer Pflege zu Hause ist es besser, man nimmt sich sofort Hilfe von außerhalb dazu. Eine Seniorenbetreuerin, einen Pflegedienst ect. Alleine sollte man das besser nicht machen, denn die Krankheit bleibt nicht so, wie sie jetzt ist.


    Ich hoffe andere schreiben hier auch noch.


    Liebe Grüße an Sie

  • Hallo Ingo,
    Ich kann Sonnenblümchen und teuteburger nur zustimmen!! Lass deine Mutter lieber, wo sie ist! Soviele hier wären sicher froh um einen Heimplatz. Ich erlebe gerade selbst, wie meine Mutter sich verändert durch die Demenz, keinerlei Krankheitseinsicht, öfter nun (verbal) ungewohnt heftig aggressiv , kann sich nicht mehr allein beschäftigen und schläft nachts schlecht, hatte schon einige Stürze, teils mit Bruch.
    Also das kann schnell zur 24std. Pflege werden und das hält keiner auf Dauer allein durch.
    Es ist sicher lieb von dir gemeint und ich habe auch oft Probleme auszuhalten, wenn meine Mutter sich einsam fühlt, doch das gehört wohl auch zu Demenz dazu.
    Liebe Grüße
    Rose60

  • Hallo Ingo,
    ich schließe mich meinen Vorrednerinnen an.
    Die Entscheidung können nur Sie selbst treffen und egal wie Sie sich entscheiden, müssen Sie dann mit den Folgen leben und diese verkraften. Beide Möglichkeiten sind schwer auszuhalten.


    Bedenken Sie aber wirklich, dass Demenz viele Gesichter hat, auch schreckliche....und vor allem, dass sie viele Jahre dauern kann.....und dass es fortlaufend schlechter werden wird.


    Es gibt bei Facebook eine Gruppe: Demenz für Angehörige und Betroffene.......dort sind viele, die selbst zu Hause pflegen.......falls Sie dort mal schauen möchten. Vermutlich finden Sie dort den Rat, lieber zu Hause zu pflegen......


    Aber: können Sie das? Wollen Sie das? und wie lange können und wollen Sie das durchhalten?


    Liebe Grüße

  • Hallo IngoBonn, zunächst danke an die Runde für die vielen Anregungen und Nachfragen! Es sind genau die Aspekte, die ich auch als erstes geschrieben hätte. So kann ich jetzt mal in die andere Richtung fragen:
    Haben Sie Ihre Mutter schon mal für einige Tage "zum Urlaub" zu sich geholt? Besteht diese Möglichkeit? Ein Großteil der Heimkosten würde natürlich weiterlaufen, aber Sie könnten so besser absehen, was alles auf Sie zukommt.
    Würde Ihre Mutter "verstehen", wenn Sie einen gemeinsamen Lebensabschnitt zeitlich begrenzen und so die Möglichkeit haben, neu zu entscheiden?
    Was sagen die Mitarbeitenden im Heim zu Ihren Gedanken?
    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Ingo,
    da ich jahrelang in einer ähnlichen Situation war und meine Mutter alleine zu Hause gepflegt habe vielleicht einige Anmerkungen. Aus meiner Erfahrung gibt es für den pflegenden Angehörigen 3 Phasen, die durchgestanden werden müssen. Als erstes unterstützt man nur den dementen Angehörigen und lässt ihn so viel wie möglich selber machen. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird aus der Unterstützung eine Betreuung. Der Zeitaufwand und auch die zu übernehmenden Aufgaben erhöhen sich sehr schnell, da die Betroffene immer weniger selber leisten kann. Die letzte Phase ist dann die eigentliche Pflege, die unter anderem auch mit sehr unangenehmen Aufgaben begleitet wird. Das Hauptthema dieser Phase ist dann zum einen die mit ziemlicher Sicherheit auftretende Inkontinenz, aber auch die zunehmende Verwirrtheit macht einem sehr zu schaffen.
    Ich habe meine Mutter bis 2 Monate vor ihrem Tod alleine bei mir gehabt. Dann musste ich sie in ein Heim abgeben, weil sie Essen und Trinken verweigerte und ich die Verantwortung für ihren Tod nicht übernehmen wollte und konnte. Im Heim ist sie dann vor ca. 4 Wochen gestorben. Offensichtlich entspannt eingeschlafen.
    Wenn sie also diesen Weg gehen wollen müssen sie sich im klaren sein was da auf sie zukommen wird. Ich musste ohne Hilfe auskommen, weil meine Mutter jegliche Unterstützung abgelehnt hat.
    Leider habe ich auch keine weiteren Verwandten mehr, was die Sache sehr erschwerte.
    Sie haben ja wohl noch weitere Angehörige, die sie unterstützen könnten. Außerdem beschreiben Sie Ihre Mutter als ruhig und zugänglich, was ggf. die Installation eines Pflegedienstes und ev. Seniorenbegleiters ermöglichen könnte, was eine große Hilfe wäre.
    Vergewissern Sie sich, ob Ihre Familie mitziehen würde und Sie bei der Pflege unterstützen würde.
    Ich habe die Gegebenheiten im Pflegeheim als unangenehm empfunden und bin heute froh, dass sie erst ganz m Schluss dorthin musste.
    Entscheidend dürft aus meiner Sicht auch die weitere Entwicklung Ihrer Mutter sein,.
    Meine Mutter hatte eine stark ausgeprägte Hinlauftendenz entwickelt und das hat zu vielen Konflikten und Problemen geführt.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter nur das Beste und dass Sie die richtige Entscheidung treffen.


    Alles Gute

  • Hallo Ingo,
    die wesentlichen Aspekte so einer Entscheidung sind ja bereits angesprochen worden.
    Mein ergänzender Vorschlag wäre noch, Zeit und Energie dafür aufzuwenden, die Lebenssituation Ihrer Mutter im Heim zu verbessern.
    Sie könnten sie z.B. bei der Kontaktaufnehame zu anderen Bewohnern unterstützen (z.B. in dem Sie Ihre Mutter und noch ein/ zwei Mitbewohner zum Kaffee einladen).
    Vielleicht können Sie auch mit dem Pflegepersonal gemeinsam Strategien entwickeln, wie der Kontakt verbessert werden kann. Ein optimiertes Hörgerät wäre auch eine Möglichkeit.
    Wenn Sie mit der Situation im Heim überhaupt nicht zufrieden sind, könnten Sie sich auch einmal die eine oder andere Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz anschauen.
    Auch dort gibt es mittlerweile viele "schwarze Schafe", aber auch immer wieder sehr reizende WGs, die die Kontaktaufnahme untereinander fördern.
    Entsprechende Adressen finden Sie Datenbank des Wegweisers oder auf der Webseite: http://www.wg-qualitaet.de


    Alles Gute für eine gute Entscheidung wünscht Ihnen


    Klaus-W. Pawletko

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