Vater denkt er ist woanders, was sagen?

  • Hallo, mein Vater kann mich zum Glück anrufen (weil es nur ein Tastendruck ist), also auch dann, wenn er nicht mehr weiß, dass er im Pflegeheim ist, sondern denkt, er sei zum Beispiel auf einem Schiff (von dem er runter will) oder in einem Zug. Was sage ich ihm denn bloß???

  • Hallo Schiwi,


    was sagen Sie denn bisher zu ihm?
    Und wie reagiert er auf Ihre Antworten?


    Und äußert er oft auf einem Schiff zu sein? Diese Aussage kann manchmal auch bedingt durch Schwindel entstehen (der als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten kann), wenn dem Betroffenen ohnehin nicht klar ist wo er sich befindet bzw. er dies nicht anders ausdrücken kann.


    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

  • Vielen Dank für Ihre Antwort, Herr Gust.


    Das mit dem Schwindel ist eine Möglichkeit. Mein Vater wähnt sich mindestens einmal pro Woche an einem anderen Ort, zumindest bekomme ich das durch seinen Anruf mit. Meistens sagt er, er sei irgendwo unterwegs und finde nicht zurück, auf einem Schiff wähnt er sich vielleicht alle drei Wochen und im Zug gestern zum ersten Mal.


    Einmal (beim Thema Schiff) konnte ich ihn dadurch beruhigen, dass ich gesagt habe, jemand komme regelmäßig in sein Zimmer und könne ihm dann helfen. Denn ich hatte gelesen, man solle Demente in ihrer Wirklichkeit belassen und nicht gegenan reden.
    Aber meistens weiß ich keinen anderen Rat als ihm zu sagen, dass er in seinem Zimmer im Heim ist und ihm nichts passieren kann. Das hat gestern nicht geholfen, auch nicht dass ich sagte, er solle sich ablenken und den Fernseher einschalten. Er sagte, er wolle eine Spritze, damit das aufhört.


    Deshalb hoffe ich auf die passenden Sätze...
    Danke!

  • Hallo Schiwi,


    das wird nur nach dem Prinzip von "Versuch und Irrtum" funktionieren. Also sich herantasten, herausfinden, was funktioniert und hilft.


    Wie lange ist Ihr Herr Vater schon im Pflegeheim? Gelegentlich kommt es während der Umzugsphase und einige Zeit danach zu Unruhezuständen. Ortswechsel sind für Menschen mit Demenz häufig schwer zu nehmen und zu verarbeiten, da die Orientierungsfähigkeit durch die Erkrankung eingeschränkt wird.


    Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass Ihrem Herrn Vater keine Lügen aufgetischt werden wie "Du bist da nur zur Kur." oder "Ich hole Dich Sonntag wieder ab.". Diese Lügen zerstören Vertrauen und auch Menschen mit Demenz fühlen das und wissen, dass auch die längste Kur irgendwann zu Ende ist.
    Auch wichtig: sprechen Sie die Antwort mit den Heimmitarbeitern ab. Es ist gut, wenn sie gleichartig antworten, nicht die einen so, die anderen so. Das kann Misstrauen und Verwirrung fördern, auch wenn es situativ einfacher erscheint.


    All das ist natürlich abhängig vom Krankenheitsstadium - und wird immer wieder Veränderungen unterworfen sein.


    Sie können auch folgendes Versuchen: wenn Ihr Herr Vater nicht weiß wo er ist, sagen Sie es ihm einmal offen. Weiter (im gleichen Telefonat) bleiben Sie aber bei seinem Gefühl bzw. bei den Gefühlen die Sie wahrnehmen, die Ihr Herr Vater ggfs. äußert. Also im Sinne von "Du bist dort sicher.", oder "Es wird sich um Dich gekümmert., darauf kannst Du Dich verlassen". "Du bist nicht allein.".


    Also sich weg vom Umstand, vom Fakt des tatsächlichen Aufenthaltsortes drehen, hin zu den gefühlen (der Unsicherheit / Unruhe), die Ihr Herr Vater womöglich hat.


    Ein bzw. mehrere Versuche sind es wert.
    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

  • Danke für Ihre ausführliche Antwort, Herr Gust.
    Mein Vater ist seit 19 Monaten im Pflegeheim, hat sich sehr schwergetan mit dem Umzug und leidet (mittlerweile vielleicht unterbewusst) womöglich immer noch darunter, dass er seine geliebte Wohnung aufgeben musste. Damals war er übrigens noch nicht merkbar dement, das zeigt sich erst seit etwa 8 Monaten deutlich. Dass er nur vorübergehend im Heim sei, habe ich ihm nie gesagt.
    Vielen Dank auch für Ihren sehr konkreten Tipp: einmal sagen wo er ist und dann beruhigen, indem ich auf seine Ängste eingehe. Vermutlich soll ihn das davon ablenken, darüber nachzudenken, dass er irgendwo ist wo er nicht sein will und einfach merken, dass alles so in Ordnung ist wie es ist.
    Eine Frage habe ich noch: Ist es eigentlich ratsam, in einem guten Moment, in dem er geistig richtig anwesend ist (und ich auch persönlich bei ihm bin), das Thema anzusprechen - oder erinnert er sich nicht an diese fiesen Momente, in denen er sich woanders wähnt und schlecht fühlt? Und wenn ja, wie gehe ich das Thema an? Bislang habe ich nur immer mal gesagt, dass er etwas tüdelig wird.
    Herzlichen Dank!

  • Hallo Schiwi,


    <<ine Frage habe ich noch: Ist es eigentlich ratsam, in einem guten Moment, in dem er geistig richtig anwesend ist (und ich auch persönlich bei ihm bin), das Thema anzusprechen>>


    Sie meinen, mit ihm darüber zu sprechen, dass er eine Demenz entwickelt (hat)? Wurde das denn diagnostisch abgeklärt? Wenn ja, hat ihn vermutlich sein Arzt über das Ergebnis der Untersuchungen aufgeklärt - wenn er es denn wissen wollte. Man darf auch nicht-wissen wollen.
    Sie können sich dem Thema durchaus behutsam nähern. und ggfs. mit ihm darüber sprechen. Vermutlich nimmt er die Defizite ja selbst wahr - wenn er diese Probleme anspricht, können Sie darauf eingehen. Ich neige dazu aber im Vorhinein immer die Frage zu stellen: wozu? Also, was wäre der Nutzen, ihn darüber aufzuklären, wenn er die Themen nicht von sich aus anspricht?
    Hier finden Sie etwas darüber: https://www.wegweiser-demenz.d…izinische-behandlung.html und
    https://www.deutsche-alzheimer…_diagnose_aufklaerung.pdf .


    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

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