Wie geht es Euch? Thread IV

  • Liebe schwarzerkater -


    beim nächsten Anruf hatte sich meine Mutter dann fast schon wieder alles vergessen. Abends hatte sie dann alles wieder vergessen. Aber das Thema, dass ich einfach abhaue, kommt häufiger auf. Ich habe auch schon gesagt, dass mich das verletzt, aber das übergeht sie. Ich weiß meistens nicht, ob sie es überhaupt hört oder überhören will. Aber wenigstens schreit sie mich momentan dazu nicht an, das ist schonmal ein Fortschritt.

    Liebe Grüße

    TanjaS

  • Danke an Hr.Hamborg noch für die guten Wünsche! Meine Mutter scheint momentan wieder ruhiger und hat relativ leichte Symptome, so dass sie noch auf dem Gang rumlaufen kann, was sie natürlich eigentlich nicht darf. Sie vergisst es immer wieder und meint, sie habe ja nichts ansteckendes, "das bisschen Schnupfen"... Mir tut es auf jeden Fall gut, nicht hinzumüssen, so blöd sich das anhören mag. Diese 1-2 Stunden pro Woche kosten mich sonst soviel Überwindung, weil ich mit jedem Besuch an alte belastende und trotz vieler Therapie nicht gänzlich zu vergessene Situationen erinnert werde.


    Liebe Grüße

  • Liebe TanjaS, man wird die zwischenmenschlichen Themen leider nie mehr endgültig auf einer sachlichen Ebene verbessern können, denn diese Ebene wird mehr und mehr verschüttet. Es hilft nur zu experimentieren, wie man das selbst am besten aushalten/ausgleichen kann. Das ist ein Prozess. Zu Hilfe kommt einem da das Vergessen (obwohl es ja eigentlich schlimm ist). Vermutlich kann deine Mutter aber auch schon gar nicht mehr erfassen, welche emotionale Wirkung sie erzeugt. Bei meiner Mutter war es so, dass sie zunehmend gar nicht mehr verstanden hat, wenn ich einmal von eigenen Schmerzen und Leid erzählte. Es brach sich mehr und mehr bei ihr ein großer Egoismus Bahn. Das fühlte sich an, als hätte man ihr einen Eissplitter ins Herz gerammt. Es war ein großer Schmerz für mich und es dauert, bis man das als Teil der Krankheit akzeptiert hat. Aber man MUSS es annehmen, denn es gibt gar keine andere Lösung.


    Liebe Rose60, danke für deine Ehrlichkeit. Ich habe leider genau dieselben Gedanken. Vor jedem Besuch bete ich inständig um Weisheit und gutes Gelingen. Die Demenz höhlt die ehemals vertraute Person nach und nach aus. Es bleiben Fragmente stehen, mit denen man erst mal umgehen lernen muss. Das ist eine große Herausforderung. Wir alle haben zudem "Punkte", die uns triggern, obwohl ich denke, dass meine Mutter und ich eine sehr normale Beziehung hatten, die durch die räumliche Nähe halt nah war. (Sonst sind wir recht verschieden.) Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich mir die Erfahrung mit ihrer Demenz sofort weg wünschen. Aber wir sind nun mal im realen Leben ...

  • Liebe schwarzerkater -


    ich sehe in Deiner Schilderung sehr viele Parallelen bei zum Verhalten meiner Mutter. Momentan bin ich wieder bei ihr, es gibt Höhen und Tiefen. Mittlerweile lerne ich, dass ich Dinge, die sie am späteren Abend sagt, nicht so ernst nehmen soll - am nächsten Morgen erinnert sie sich daran nicht. Das ist halt ein Lernprozess. Meine Mutter will eigentlich von mir gar nicht mehr hören, was ich mache, welche neuen Erfahrungen es gibt, etc., sondern will ihre Erfahrungen mitteilen (auch aus der Vergangenheit).

    Allerdings ist sie momentan nicht mehr so bösartig wie noch vor einigen Wochen. Und das erlaubt mir auch, mal durchzuatmen.

    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag

    Tanja

    • Offizieller Beitrag

    Hallo TanjaS, hoffentlich wird die Aussage "Dann bist Du einfach abgehauen" nicht zu einem Trigger, der alles in Frage stellt, was Sie für Ihre Mutter erreicht haben!

    ich bin beeindruckt, Sie haben ein "Mini-Netzwerk" von 6-8 Personen organisiert, sie haben die Kirchengemeinde aktiviert und Ihre Bekannte kennt sich mit Demenz aus. Sie haben den Eindruck, dass Ihre Mutter gern mit den Bekannten telefoniert und ihr das so wichtig ist, dass Sie manchmal den Eindruck haben, der Kontakt zur eigenen Tochter sei nicht so wichtig.

    Sogar mit diesem Gedanken gehen Sie gelassen um und lassen sich "nur" noch von einem "neuen Schub" irritieren, wenn die Stimmung Ihrer Mutter umschlägt.

    Sie können gut damit umgehen, dass Ihre Mutter nun seltener anruft, weil sie Ihre Nummer vergessen hat.

    Sie halten den Kontakt zu Ihrer Mutter und können sich entspannen, wenn Sie feststellen, dass alles gut scheint und sich Ihre Mutter mit der alten Fassade schützten kann.

    Wenn daraus dann der Vorwurf kommt, sie wären einfach abgehauen wünsche ich Ihnen auch dabei Gelassenheit Was halten Sie von meiner "Verstehenshypothese" aus dem was ich aus Ihren Beiträgen herauslese: Ihre Mutter hat in sich die tiefe Überzeugung, dass ihre Tochter da ist. Sie vermisst Sie und da sie aus Selbstschutz vergessen hat, dass Sie arbeiten oder sich verabschiedet haben - gibt es nur eine stimmige Erklärung: Meine Tochter ist einfach abgehauen!


    Wenn meine Hypthese in die richtige Richtung geht, könnten Sie mit folgenden Aussagen Ihre Mutter validieren: "... du vermisst mich gerade, ... hast Du schon überall nach mir gesucht ... gut dass Du mir das sagst, ich denke auch ganz oft an Dich ..."

    Wenn das nicht ankommt, finden Sie bestimmt eine passendere Erklärung.

    Ihnen allen eine gute Woche, Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo SchwarzerKater, Ihren Gedanken der fehlenden Empathiefähigkeit möchte ich gern noch einmal aufgreifen. Ich habe dieses "Symptom" in unterschiedlichen Zusammenhängen kennengelernt. Es war zum Glück viel seltener als das gegenteilige Phänomen: Menschen die mit Ihrer Demenz weicher und empathischer wurden.


    Wenn die Empathie verloren ging, habe ich folgende Erklärungen gefunden, ...

    • Die Folge einer Konflikt-Eskalation durch eingespielte Verhaltensmuster und Trigger mit Angehörigen. Als Außenstehender konnte ich durchaus Empathie erleben,
    • der Ausdruck einer vorabbestehenden Persönlichkeitsstruktur, die sich mit der Demenz negativ in die Richtung Persönlichkeitsstörung veränderte,
    • das Symptom einer Depression, in einem negativen Teufelskreis abwertender Eigendrehung,
    • starke innere Reize, wie unbehandelte Schmerzen oder in Folge eines Delirs,
    • der Einfluss anderer Erkrankungen. (Durch einen Parkinson kann die Mimik so stark eingeschränkt sein, dass ein Mensch rigide und egoistisch wirkt - weil fehlendes Dopamin das Gesicht versteinert)
    • not-wendiger Selbstschutz, als eine vorübergehende Phase in der Bewältigung der Demenz
    • als vorübergehende Phase der Demenz, in sich die Person gerade in der subjektiven Welt des Kleinkindes erlebt, in der das "egozentrische Weltbild" noch vor dem nächsten Entwicklungsschritt erforderlich ist,
    • als vorübergehende Phase der Demenz, in der die Person in ihrer subjektiven Welt gerade die tiefe Geborgenheit des Kleinkindes oder die Verbundenheit des Babys wahrnimmt, weil gerade alle Bedürfnisse gestillt sind
    • und manchmal schien der offensichtliche Egoismus eher ein Ausdruck einer tiefen inneren Angst und Verletzbarkeit infolge der wahrgenommenen Veränderungen der Demenz zu sein...

    Auf der anderen Seite hat dieses Phänomen auch manchmal mit unserer eigenen Wahrnehmung zu tun, die von vielen Faktoren und Erwartungen beeinflusst wird. Es ist also wieder ein Thema, bei dem es sich lohnt, genau hinzusehen...

    Ihnen allen eine gute Woche, Ihr Martin Hamborg

  • Ihren Gedanken der fehlenden Empathiefähigkeit möchte ich gern noch einmal aufgreifen. Ich habe dieses "Symptom" in unterschiedlichen Zusammenhängen kennengelernt. Es war zum Glück viel seltener als das gegenteilige Phänomen: Menschen die mit Ihrer Demenz weicher und empathischer wurden.

    Hallo, Herr Hamborg. Ich habe die von Ihnen aufgeschriebenen Möglichkeiten gelesen ... und ich habe leider keine Ahnung, was davon auf unseren Fall (meine Mutter) zutrifft. Vielleicht ist es eine Mischung? Vielleicht nehme ich es auch falsch wahr?

    Andererseits wundert es mich, dass Empathieverlust so selten vorzukommen scheint. Ich hatte in diesem Forum eher den Eindruck, dass es vielen ähnlich geht. Ich lese von vielen dementen Angehörigen, die alles andere als empathisch (sogar eher aggressiv) reagieren und agieren. Da wird so oft Hilfe abgelehnt (wie bei uns), da wird mehr Zuwendung eingefordert, Unzufriedenheit geäußert ...

    Ich habe mir das immer so erklärt, dass meine Mutter die Zusammenhänge nicht mehr erkennt, sich somit auch nicht in andere hineinversetzen kann, z.B. nicht mehr weiß, welche Operationen ich hinter mir habe und welche Wirkung sie erzeug(t)en. Auch schien mir mangelnde Impulskontrolle eine Ursache zu sein: So sagte sie ganz ungeniert, was ihr nicht schmeckte (von meinem Essen), kippte die Getränke aus, kam gar nicht zum Tisch, wo wir warteten, sondern machte sich anderswo seelenruhig zu schaffen ....

    Aber am Ende ist es auch müßig, sich darüber zu grämen. Ich habe meinen Frieden damit gemacht. Es ist mir nicht egal, sondern es ist schade. Aber es ist kein vordergründiges Problem mehr. Solange es ihr (trotzdem) einigermaßen gut geht und sie selbst nicht leidet, kann ich mich da gut zurücknehmen.

  • Hallo OiOcha, es wäre bestimmt sehr hilfreich, wenn Ihre Mutter das Kursprogramm nach Frau Prof. Engel mitmachen würde. Das Kursprogramm habe ich mir mal angesehen und es werden die wichtigsten Inhalte behandelt. Die Kursleiter*innen werden sicher den Erfahrungsaustausch untereinander anregen und es wird ihnen hoffentlich gelingen, Ihre Mutter neugierig zu machen.

    Hallo Herr Hamborg! Ich wollte mich nochmal für Ihren Rat von Mitte Februar bedanken! Der Kurs hat letzte Woche begonnen, meine Mutter ist hingegangen -- und hat es ganz toll gefunden. Es sind einige Angehörige in ihrem Alter dabei (nicht nur Mitte 80 aufwärts, wie das bei den Angehörigengruppen, die vormittags stattfinden, so war). Es war bis jetzt nur eine Einführung (verschiedene Arten von Demenzen usw), aber sie fand es interessant und will diese Woche wieder hin.


    Meinem Vater hat sie erzählt, sie ginge zu Pilates. Er hat sich dann irgendwie selbst beschäftigt und sich dann gefreut, als sie um 19 Uhr zum Abendessen wieder da war. Ich hoffe mal, dass es die nächsten Wochen auch gut läuft, es ist jetzt ja länger hell, da kann er irgendwie im Garten rumwurschteln.


    Ansonsten eigentlich eher schlechte Nachrichten. Man muss schon sagen, mein Vater hat in den letzten Wochen merklich abgebaut. Letzte Woche rief er seine Schwester an und fragte, ob sein (in den 1980er Jahren verstorbener) Onkel noch regelmäßig zum Essen vorbeikommt. Dann verirrte er sich auf dem Weg zum Friseur, wo er seit 30 Jahren hingeht, bzw. lief zu einem anderen Friseur, wo er noch nie war, und kam dann nach Hause und sagte, die hätten ja gar keinen Termin für ihn gehabt. Man wird ihn bald nicht mehr auf kleine Spaziergänge schicken können, das wird für meine Mutter schon nochmal ein deutlicher Rückschritt.


    Diese Woche steht die Beerdigung seiner Schwägerin an, 300km entfernt. Ich denke, wir werden uns das nicht mehr antun; zuerst Streit, warum darf ich nicht fahren, dann Verwirrung, wo gehen wir hin, was feiern wir hier, zu viele Eindrücke, die ganzen Verwandten, dann wieder Übernachtung im Hotel (was ja schon vor einem dreiviertel Jahr schlimm war, wo es ihm noch viel besser ging). Und nach wenigen Minuten ist es wieder vergessen.

  • Die letzten Tage ist bei mir wieder alles mögliche los. Sorry wenn ich hier schon wieder schimpfe. Ich hatte letzte Woche Geburtstag, Coronabedingt (weil um mich rum fast alle in Quarantäne sind) war ich mit Papa allein. Geburtstage nimmt man ja auch gerne her um sein Leben zu betrachten, da ging es mir dann gleich noch schlechter.
    Alles in allem kein sehr schöner Tag, Papa ging es körperlich nicht sehr gut und er war gerade gegen abend sehr orientierungslos und verwirrt.

    Echt Auftrieb gab mir bereits die letzten Wochen die Gewissheit das ich bald mal ein "freies" Wochenende haben würde. Ein baliges freies Wochenende war der einzige Wunsch den ich zum Geburtstag hatte und das habe ich auch so gegenüber meiner Schwester geäußert das die sich einmal ein Wochenende um Papa kümmern müsste. Von der Reaktion her war ich mir sicher das das klappen würde und habe bereits fleissig Hotels ausgesucht.
    Auch das letzte Wochenende war nicht einfach. Gerade im Garten merkt man stark das ich letztes Jahr fast nichts gemacht habe, jetzt holt mich hier die arbeit an allen Ecken und Enden ein. Das er bei Sonnenschein mit im Garten sitzen konnte und bei ganz leichten arbeiten von mir eingespannt wurde hat ihm aber sehr gut getan.


    Montag war dann für mich wieder so ein Tag.... Meine Schwester kam aus der Quarantäne und Nachmittags vorbei.

    Ich habe mich gefreut bis mir dann als sie wieder los musste um meinen Neffen aus der Schule zu holen, zwischen Tür und Angel eröffnet wurde das das mit meinem freien Wochenende nichts werden würde. Sie trauen sich das nicht zu weil Papa ja so auf mich fixiert ist.
    Ich habe nicht viel darauf gesagt aber ganz ehrlich ich bin verbittert und verletzt wie noch nie in meinem Leben. Ich bin da wirklich innerlich in ein bodenloses Loch gefallen. Eigentlich blöd weil es ja nur um ein Wochenende geht aber für mich hat das einfach so viel mehr bedeutet.

    Später am Tag hatten wir noch einen Arztermin, Papas Nierenwerte sind nochmals deutlich besser geworden. Ich habe dabei so ziemlich alles gefühlt nur keine Freude. Wie ich halt bin hat mich dieser Umstand dann noch mehr aufgewühlt.


    Im Moment warte ich darauf das sich meine Gedanken wieder etwas sortiern, das hier aufzuschreiben hilft mir ungemein. Bei euch möchte ich mich dennoch für mein ständiges jammern entschuldigen.

  • Hallo Sohn, Du brauchst Dich nicht entschuldigen. Irgendwo muss dieser Frust ja hin und auch dafür ist dieses Forum da.

    Du trägst da eine sehr große Last ziemlich alleine, hattest Hoffnung, für kurze Zeit ein wenig Durchschnaufen zu können und dann wurde die auch noch in einem Moment zerstört. Wer kommt da nicht an seine Grenzen der Belastbarkeit!


    Dennoch halte ich es für richtig, wenn Deine Schwester erkennt, dass sie sich das nicht zutraut (wenn es wirklich so ist) und sich dann nicht in eine Situation bringt, in der sie alles auch für Dich danach noch schwerer macht.

    Hilfreich fände ich es, wenn sie bereit wäre, hin und wieder mit Dir zusammen sich um den Vater zu kümmern, dann könnte sie vielleicht auch erleben, dass es lernbar ist. Aber das ist natürlich die Frage, wie weit sie dazu bereit ist.


    Schreib Dir weiterhin hier alles von der Seele, was drückt, das kann auch entlasten und Du schreibst ja auch immer wieder die positiven Erlebnisse, brauchst Dich also auch nicht selbst als "Jammerlappen" fühlen.

    Hier sind alle dankbar, dass sie auch dann verstanden werden, wenn für sie gefühlt nur noch Klagen von ihnen hier ankommen.


    Ich wünsche Dir weiterhin gute Nerven und Kraft.

  • Hallo sohn83,

    Ich wundere mich gerade, da ich deine Beiträge kaum wirklich als jammern wahrgenommen habe. Du leistest in meinen Augen megaviel für deinen Vater und nun wirst du hinsichtlich des wochenendes so enttäuscht. In meinen Augen sollte es da perspektivisch deutlich mehr Unterstützung geben und wenn deine Schwester sich das nicht zutraut, was man irgendwie auch akzeptieren muss, muss eine andere Lösung gefunden werden.

    Warst du schon mal an einer "Pflegeberatungsstelle"? Auf Dauer schafft das niemand und wir wissen ja nicht, wie lange unsere Elternteile noch leben, an demenz stirbt man nicht so schnell. Nicht dass ich das nun jemand wünsche, aber man wünscht sich eben irgendwann deutliche Entlastung.

    Schreib dir hier jederzeit etwas von der Seele! Auch wenn ich nun keine konkreten Ideen habe...

    Liebe Grüße :)

  • Guten Abend, Sohn83, auch meine (wie die anderen auch), dass du eher zu den sehr Mutigen gehörst und aus deinen Berichten spricht so viel Liebe zu deinem Vater, der sicher glücklich sein kann, einen solchen Sohn zu haben ... Von Jammerei ist da keine Spur. Ich kann voll und ganz nachvollziehen, wie allein und beinahe ohnmächtig man sich fühlt, wenn auf der ganzen weiten Welt keine Hilfe in Sicht zu sein scheint. Das war/ist bei uns genauso.


    Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass sich die Situation in irgendeiner Form entspannt. ich möchte mich da den Worten von Rose60 anschließen. Ich glaube, alleine kann und muss man es auf Dauer nicht schaffen. Es ist wichtig, das realistisch einzuschätzen, genau hinzusehen ..., was sich verändert, wann man eventuell mehr loslassen muss. Irgendwann sagte die eine Pflegerin zu mir: "Sie opfern sich für Ihre Mutter auf ohne nennenswerten Erfolg." Danach folgten ein paar ähnliche Aussagen. Da wusste ich, dass ich einen anderen Weg finden muss.


    Aber da geht jeder seinen individuellen Weg. Meine Worte sollen nur ein ganz kleiner Impuls sein.

    Es hilft mir übrigens auch, wenn ich lese, wie es bei anderen aussieht .... Alles Gute!

  • Ja, ich finde auch wichtig zu bedenken, dass man nicht wirklich absehen kann, wielange und wohin der Prozess noch geht. Man kann ja immer nur für die allernächste Zeit entscheiden.

    Meine Mutter hat vor vier Jahren schon gesagt, sie spürt deutlich, dass es mit ihr bald zuende geht. Nun ist sie 91 J.und kann in diesem Zustand locker noch einige Jahre leben, was ich bei dem pflegebedarf und unserer schwierigen Vorgeschichte, meiner eigenen gesundheitlichen Lage etc.never ever leisten könnte/und wollte.

    Natürlich könnte sie auch jeden Moment tot umfallen, doch das könnte ich ja auch..

    Also wir können und dürfen aufgrund unserer individuellen Situation und Geschichte alles erdenkliche in Betracht ziehen.

    Wenn ich nun meine Mutter besuche oder mal zu mir zum Kaffee hole o.ä.kann ich mich ihr ganz zuwenden, sie in den Arm nehmen, was sie sehr genießt und das Beste aus dem Moment machen.

    Im Heim ist wieder bessere Stimmung, da das Damoklesschwert "Corona" nahezu (erstmal) "abgehakt" ist. Damit war die Stimmung meiner Mutter auch wieder besser, sie kann wieder mit einigen Bewohner reden , endlich in die gewohnte Küche zum Essen- vermutlich hat sie spätestens nächste Woche vergessen, welche Einschränkungen sie hatte, ich für 2 Wochen nicht kommen durfte etc. Da hat das Vergessen etwas Gutes :)

    Liebe Grüße

  • Lieber Herr Hamborg -


    danke für Ihre netten Worte. Ich war in den letzten Tagen bei meiner Mutter und es lief eigentlich ganz gut bis Mittwoch. Seitdem hat sie wieder ihre "Verschwörungsphase", soll heißen: Sie ist wieder davon überzeugt, dass alle sie fertigmachen wollen / mobben. Die Nachbarinnen lästern die ganze Zeit über sie, weil sie sich nicht zu ihnen auf die Wiese setzen will. Gerade trifft es eine ihrer Bekannten aus der Kirche ganz heftig (in Telefonaten mit mir), die sie angeblich fertigmachen will, weil sie sie nicht mehr leiden kann. Wenigstens scheint sie es der Bekannten nicht so zu sagen, weil ich von der Dame nichts höre - wir haben ausgemacht, dass sie sich bei mir meldet, wenn etwas vorfällt.

    So langsam kann ich wenigstens unterscheiden, was wirklich stimmt und was meine Mutter sich zusammenreimt oder fabuliert. Das ist auch schonmal viel wert.

    Liebe Grüße & ein schönes Wochenende,

    TanjaS

  • Liebe Rose60 -


    ich drücke Dir die Daumen, dass Corona für Deine Mutter bald komplett vergessen ist und sie die vertraute Umgebung wieder schätzt. Meine Mutter meint auch häufig, dass sie nicht mehr leben will, aber sie ist körperlich noch fit und daher kann sie noch Jahre leben - man weiß es nicht. Ich lerne gerade, alles bei ihr so zu nehmen, wie es kommt. Mehr können wir alle nicht machen.


    Liebe Grüße & ein sonniges Wochenende,

    TanjaS

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sohn83, eine solche Enttäuschung kann die stärksten Männer und Frauen umhauen und ich will allen Mut machen, Ärger, Verzweiflung und Verletzung hier mitzu-teilen und damit einbisschen loszulassen.

    Natürlich hätte ich Ihnen gewünscht, dass Ihre Schwester sagt: "Das Wochenende traue ich mir gerade nicht zu, aber ich möchte Dir diesen Wunsch erfüllen und dies erstmal einige Nachmittage ausprobieren, damit Du Dich entspannen kannst..."


    Ihr Wunsch nach einer Auszeit zeigt, dass Sie diese brauchen und zulassen können, "verdient" haben Sie es allemal!

    Vielleicht war Ihr Geburtstag - herzlichen Glückwunsch - ein not-wendender Wendepunkt. Ich wünsche Ihnen jedenfalls, dass Sie eine gute Möglichkeit für Ihre Auszeit finden und "schenke" Ihnen folgende Tipps:


    1. Ihr Vater hat schon längst ein Recht auf Kurzzeitpflege. Kennen Sie schon die Einrichtungen in der Nähe, gibt es eine, wo Sie ihn für eine "Kur" sehen? Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Schwester dann den Kontakt hält, aufbaut und verantwortlich ist - zumindest einige Tage...


    2. Jetzt wo wir absehbar einen anderen Umgang in der Pandemie finden, kann ich mir vorstellen, dass es wieder Urlaubsfahrten für Menschen mit Demenz und ihren Anfgehörigen gibt. Die regionale Alzheimergesellschaft sollte das wissen. Gerade kam mir das Bild, wie es wäre, wenn sich zu einem solchen Termin andere aus diesem Forum anmelden und kennenlernen würden...


    3. Wir haben in Deutschland auch einige passende "Kurangebote". Dr. Barbara Romero hat in Bad Aibling Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige und Menschen mit Demenz aufgebaut. In Ratzeburg gibt es dafür in der

    Röpersbergklinik die "Reha mit Begleitung". Weitere Möglichkeiten kann Ihnen sicher die Deutsche Alzheimer Gesellschaft oder Demenzsupport Stuttgart sagen.


    Ihnen einen guten Start im neuen Lebensjahr und prima, dass wir nun alle wieder etwas Entspannung in Garten und Natur finden können. Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo TanjaS, haben Sie eine Erklärung für diese "Verschwörungsphase" bei Ihrer Mutter?


    Manchmal steht das Prinzip der "Projektion" dahinter, die eigenen Gefühle des Versagens oder der "Einsicht" in die schwierige Lage werden auf andere übertragen. Dies ist wieder so ein Selbstschutz in der Demenz. Es kann auch in ein wahnhaftes Erleben abgeleiten, nach dem Motto: "Die anderen machen oder sprechen das aus, was ich eigentlich tief im Inneren mit mir selbst gerade mache.."


    Ich versuche dann kleine goldene Brücken zu bauen, bedanke mich für das Vertrauen und frage, ob sie manchmal selbst schon den Gedanken haben könnte, dass es nicht mehr so geht wie früher und Hilfe nötig würde...


    Für Ihr Hilfenetz wäre dann vielleicht eine Erkenntnis: Je größer das Misstrauen und Gerede über andere, umso größer ist - paradoxerweise - das Bedürfnis nach Vertrauen und Geborgenheit. Das ist nicht logisch sondern psychologisch...

    Früher gab es übrigens auch im Rahmen der beginnenden Demenz den Begriff "Kontaktmangelparanoid" und oft habe ich erlebt, wie die Vereinsamung dazu führte, dass genau die Menschen aus dem helfenden Umfeld negativ in ein Wahngebäude platziert wurden.

    Ihnen viel Erfolg in den eigenen Auszeiten und beim Netzwerken für Ihre Mutter, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg -


    ich habe leider keine Erklärung für diese "Verschwörungsideen". Sie sind auch nicht immer gleich. Momentan fokussieren sie darauf, dass ihre Bekannten, die sie mit zum Gottesdienst nehmen, sie mobben. Bei den beiden Nachbarinnen sagt sie dies schon seit längerer Zeit, aber es kommt immer nur hoch, wenn beide auf der Wiese vor dem Haus sitzen. Dann halte ich auch immer zu "den anderen". Sie hat aber auch schonmal gesagt, dass Jugendliche aus ihrer Kirchengemeinde vor ihrem Haus waren und sie nicht haben rausgehen lassen. Die Geschichten werden immer wilder, je öfter sie sie mir erzählt. Mittlerweile haben die Jugendlichen Steine auf die Hauswand geworfen. Es dauert auch immer länger, bis ich sie dann beruhigen kann. Anfangs klappte es mit einem einzigen Telefonat, mittlerweile habe ich seit gestern Mittag mehrere Telefonate gebraucht, bis sie jetzt wieder einigermaßen okay ist. Heute wollte noch einer ihrer Bekannten anrufen, ich hoffe, der Kontakt zeigt ihr, dass sie es gut mit meiner Mutter meint.

    Ein schönes Wochenende,

    TanjaS

  • Ich möchte mich für die vielen unterstützenden Worte bedanken. Mir ist da letzte Woche etwas der Boden weggebrochen. Diese Woche habe ich nochmals das Gespräch mit meiner Schwester gesucht und weiß nun woran ich bin. Defacto kann ich keine größere Unterstützung erwarten weil sich meine Schwester voll und ganz ihren Kindern widmet.

    Dagegen kann und möchte ich nichts sagen. Ich kann viele ihrer Argumente nur zu gut nachvollziehen, da spielt auch viel mit rein das unsere Mutter früh und qualvoll gestorben ist (Schwester 20, ich 12) und sie selbst bereits mehrfach sehr schwer erkrankt ist.
    Bei so mancher Aussage musste ich trotzdem stark schlucken, z.b. das ihre Kinder (13 u 18) ihren Opa so in Erinnerung behalten sollen wie er war und nicht wie er jetzt ist. Das Gefühl das Demente nicht mehr als vollwertige und auch wertvolle Personen angesehen werden habe ich oft. Das durch die Blume aus der engsten Familie zu hören das schmerzt, aber machen kann ich halt nichts dageben. Durchscheinende Vorwürfe das ich ja selbst an der Situation schuld bin weil ich keine eigene Familie habe die mich entlastet, haben mich aber doch tief getroffen.
    Das ich in der Geschichte der böse bin, damit muss ich leben und mich mit der Situation endlich mal abfinden.

    Ich mache aktuell viele (leider erfolglose) Achtsamkeitsübungen um das Thema innerlich loslassen zu können auch weil mein (nicht gerade überentwickeltes) Selbtwertgefühl doch einen ziemlichen Knacks abbekommen hat.

    Ich hoffe das das Corona Thema wieder etwas verschwindet und es wieder leichter wird externe Angebote zur Entlastung warzunehmen. Ich habe bereits Flyer hier und werde auch noch eine weitere Pflegeberatung aufsuchen. Leider sind Wochenendangebote hier im ländlichen Raum sehr sehr dünn gesäht.

    Einmal editiert, zuletzt von Sohn83 ()

  • ich habe leider keine Erklärung für diese "Verschwörungsideen".

    Hallo TanjaS,


    diese Verschwörungsideen gehören einfach zur Krankheit und sind normal. Wenn du im Forum ließt wirst du das in der einen oder anderen Form bei sehr vielen Berichten finden. Bestohlen werden ist da auch ein gängiges "Motiv".
    Ich wünsche dir da viel Kraft.

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