Wie geht es Euch? Thread IV

  • Diese tiefe Verunsicherung und die Angst vor der kommenden Nacht, habe ich entkräftet, indem ich gesagt habe, du hast schon seit Wochen hier ein Appartement gemietet und hier ist immer jemand, der nach dir schaut. Dann war da eine Erleichterung.


    Und bei anderen Sachen habe ich dann einfach zugestimmt und versucht einen positiven Aspekt hinzuzufügen, so dass das Hier und Jetzt leichter für sie wird.

    Hallo in die Runde


    So wie Teuteburger es hier beschreibt, läuft es bei uns auch, manchmal hilft aber auch nur Ablenkung durch eine Pflegekraft, die unsere Mutter dann zum Kaffeetisch bugsiert. Sie scheint eingetretene Verunsicherungen dann schnell zu vergessen. Weiß nicht wirklich, wie es ihr dann geht, es ist ein anderes Leben als mit uns :-/ Nicht der tollste Trost, aber viel mehr geht wohl nicht.


    Ich drücke Rose, Ecia, Hanne und allen die Daumen, dass sich das in erträglicher Weise einspielt, und allen viel Kraft für die Menge Probleme drumherum

  • Hallo Sonnenblümchen, hallo Hanne,


    ich kann hier nur teilweise mitreden. Ich kann hier nur über das Gefühl gehen, welches ich aber gut nachvollziehen kann.


    Das Haus meiner Schwiegermama bleibt ja in der Familie. Das macht den Söhnen ect. sicher nicht zu schaffen.


    Meine Eltern haben immer in Miete gewohnt, bis auf die letzte Wohnung, die sie nach einigen Jahrzehnten des Bewohnens, dann auch gekauft haben.


    Ich kann aber von mir sagen, dass ich in einer Wohnung, die meine Eltern in meiner Jugendzeit bewohnt haben, glücklich gewesen bin. Sie war groß, zentral, doch etwas abseits gelegen und etwas begrünt usw. Aber viel wichtiger waren die Erlebnisse, die ich hier gehabt habe. Es gab für mich viele schöne Momente, wobei ich heute weiß, was meine Eltern hier geleistet haben mit vier Kindern, einer demenzkranken Oma, die irgendwann bei uns eingezogen ist, usw.


    Wenn man dann aber umziehen muss, dann sind Rückblicke nicht so häufig. Ich musste dann auch eigene Wege gehen, weil in der neuen Wohnung meiner Eltern kein Platz mehr für mich vorhanden gewesen ist. Trotzdem ist die ehemalige Wohnung, ein Teil meines Lebens. Letztendlich sind es aber die Menschen und meine Handlungen und mein Erleben, was die Wohnung für mich lebendig gemacht hat.


    Wenn ich heute daran vorbeifahre, dann denke ich gerne an die Zeit zurück. Und das Interessante ist, dass ich immer wieder in längeren Abständen von dieser Wohnung geträumt habe. Ich bin dann durch die Zimmer gegangen und habe hier einiges erlebt, manchmal auch Skurriles, habe mich aber immer wohl hier gefühlt.


    Aber je mehr ich dann über mich selbst nachgedacht und erfahren habe, desto mehr wuchs auch der Abstand zu der Wohnung. Heute denke ich, wie gesagt, gerne daran zurück, aber ohne Wehmut.


    Und wenn ich an die jetzige Wohnung meiner Mutter denke, dann ist es speziell das eine Zimmer, das wie in einem gutgestellten Gutshaus aussieht, weil sie das durch ihre Putzarbeit einmal geschenkt bekommen hat. Dieses Zimmer hat einen, wie ich finde, eigenen Charakter. Es ist, als würde man in eine andere Zeit, in einen Film eintreten. Auch die Wände sind entsprechend tapeziert usw. Dieses Zimmer mag ich sehr.


    Ich finde es in solchen Fällen immer gut Bilder zu haben. Ich schaue mir gerne Bilder an von den Dingen an, die mir gefallen haben. Und im Grunde reicht mir das aus. Ich bin dann nicht wehmütig, aber ich denke gerne an entsprechende Entwicklungszeiten in meinem Leben zurück und schaue, wie ich heute dazu stehe.

    Was verbindet dich denn mit deinem Elternhaus, mehr als du bisher gedacht hast, Sonnenblümchen?


    Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man sich die Gefühle ansehen kann, die einen mit einer Person oder einer bestimmten Umgebung verbinden und wenn man diese reflektieren und verstehen kann, dann wird es irgendwie leichter, so als würde man sich einen Teil des Lebens wieder zurückholen.


    Naja, alles in allem etwas dürftig. Aber vielleicht auch etwas tröstlich.


    Liebe Grüße an Euch beide und an alle, die hier mitlesen

  • Das mit dem Strauch ist eine gute Idee.


    Meine Mutter ist bereits vor 26 Jahren verstorben und in einer Blumenschale die nach der Beerdigung auf dem Grab stand war ein kleiner Buchsbaum. Dieser stand dann gut 10 Jahre eingepflanzt im Grab und als wir eine Grabplatte darauf machen ließen ist er in unseren Garten umgezogen. Mittlerweile gibt es ganz viele Buchsbäume die aus Ablegern dieses Buchsbaums gezogen wurden und auch der "Original" Buchs wächst und gedeiht. Für mich ist dieser Baum auch nach den vielen Jahren noch ein schönes Erinnerungsstück und da meine Mutter ihre Blumen sehr mochte hätte ihr das bestimmt gut gefallen.


    Selbst wenn ich mal umziehen sollte, ein Ableger dieses Bäumchens würde auf jeden fall mit umziehen.

  • Hallo alle,


    auf unsere Familie kommt das Thema "die alte Wohnung aufgeben" jetzt zu, die ungewisse Vorstellung macht uns zu schaffen. Wieder ein Abschied, den wir lernen müssen. Ich bin leider von Natur aus nicht sehr weise in der Hinsicht und wünsche mir erstmal immer, alles festzuhalten. Eure Erfahrungen und Ideen mitzulesen, hilft mir, das Thema realistisch zu sehen – danke dafür.

  • Hallo Sonnenblümchen,

    ich kann Dich gut verstehen.

    Für mich ist es auch kaum vorstellbar,irgendwann nicht mehr in "mein Zuhause" zu können.

    Mein Mann und ich haben im Moment 2 Häuser und Grundstücke zu pflegen-unser eigenes und das meiner Eltern.

    Die Vorstellung, dort irgendwann andere Menschen wohnen zu sehen,fällt mir sehr schwer.

    Als wir 2013 das Haus meiner Schwiegereltern verkauft haben,wollte mein Mann immer mal schauen,was beim Umbau daraus geworden ist.

    Aber er ist NIE mehr dort gewesen.

    Aber wir haben auch einen Pfingstrosenstrauch ausgebuddelt ,mitgenommen und bei uns eingepflanzt.

    Und jedesmal,wenn er so wunderschön blüht,sprechen wir darüber,daß das eine Erinnerung an sein Elternhaus ist.

    Alles Gute

    Barbara66

  • Eigentlich ist alles wie immer.

    Eine demente Mutter mit skurillen Wahnvorstellungen, die immer da sind.

    Ein Vater,der auch zunehmend dementer wird und kräftemässig nicht mehr in der Lage ist,draußen Ordnung zu halten.(ist mit 81 Jahren ja auch verständlich).

    Somit müssen mein Mann und ich 2 Grundstücke in Ordnung halten(mähen.....).

    Lewy Body Demenz ist wohl mit das Schlimmste,was einem passieren kann(auch für den Betroffenen).

    Sie kommt vermehrt zum Liegen.

    Draussen fühlt sie sich immer unsicherer und fährt dort höchstens ein paar Runden mit Rollator auf dem Hof.

    Sie igelt sich immer mehr ein,ihre Welt wird immer kleiner.

    Vielleicht vernimmt sie draußen ja auch Bedrohungen -Stimmen hören usw. und traut sich deshalb immer weniger raus.

    Der Umgang mit dieser wahnhaften Demenz ist sehr,sehr schwer.

    Ganz selten erlebe ich Tage mit ihr,an denen sie fast wie früher ist.

    Man weiß, daß es morgen schon wieder ganz anders sein kann,und trotzdem hofft und betet man,noch einen weiteren guten Tag zu erleben.

    Vergebens!!

    LG Barbara66

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, gern möchte ich wieder einige Themen der letzten Woche aufgreifen.


    Danke für die Beiträge zum Abschied vom Elternhaus! Viele Vorschläge helfen für die gelingende Trauerarbeit. Besonders deutlich wird dies bei dem Buchsbaum von Ihnen, Sohn83, und der Pfingstrose von Ihnen, Barbara66. Es ist ein Symbol für das Weiterleben in der Erinnerung. Dafür helfen uns Fotos und besondere Erinnerungsstücke, die den Neubeginn begleiten und das Elternhaus als Ganzes loslassen helfen. Aus meiner Sicht geht es wie bei der Trauerarbeit um kleine Helfer zur Verinnerlichung des geliebten Ortes und des geliebten Menschen, die uns mit dem Abschied reicher machen für den weiteren Weg.


    Viel schwieriger ist es mit dem langsamen Loslassen bei der Wesensveränderung bei unseren Angehörigen mit einer zunehmenden Demenz. An Teuteburgers Beschreibung wird deutlich, wie die Realität mit der Erinnerung verwischt und wir oft nur erahnen können, was im Inneren wirklich vorgeht. Wenn es mit Ablenkung klappt, können wir es so oft machen, wie es geht - und es dabei so wenig wie möglich persönlich nehmen.

    Je mehr Realitätsbezug möglich ist – so wie in Teuteburgers Beispielen – um so besser und leichter. Diskussionen um die subjektive Wahrheit sind schädlich und verstärken eher die Wahnbildung. Das Vergessen infolge der Demenz ist dabei für mich oft eine Art Selbstheilung oder besser Selbstregulation durch das Krankheitssymptom. Dadurch verliert die chaotische und überfordernde subjektive Wirklichkeit im persönlichen Erleben an Raum.


    Fachlich üben wir bei belastenden Wesensveränderungen die Bewältigung durch Verstehen oder Verständnis. Wir entwickeln im Team eine „Verstehenshypothese“, wie wir das Verhalten erklären können und ordnen neue Erfahrungen ein, um diese ggf. zu verändern. Das fordert jedenfalls der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege für Menschen mit Demenz“.


    Dies fördert in inneren Abstand durch „professionelle coolness“ und schafft Raum für neue Handlungsalternativen – ich nehme mal die Beschreibung Ihrer Schwester, ecia25, auf. Ganz wichtig ist dabei das Wissen über die Lebensgeschichte und Biografie, besonders die Fragen: Wovor hatte dieser Mensch Angst, worauf war er/sie stolz und was war in der Zeit vielleicht das schlimmste Erlebnis?


    Hilfreich ist das Wissen, über die Dynamik des Vergessens bei einer Demenz. Wir vergessen (leider) alle häufig das, was wir zuletzt gelernt haben. Bei der typischen Demenz geschieht dies unwiderruflich und der Mensch lebt innerlich sozusagen in dem Bezugsrahmen dieses Abbaus – z.B. im Kampf des Kleinkindes um das Spielzeug der anderen oder um „Futterneid“. In meinem Buch habe ich es in einem Praxistipp mit dem Erleben in dem früheren Zuhause deutlich gemacht – wie mit einem Fahrstuhl in einem Hochhaus geht es durch die Demenz hinab in die alten Wohnungen mit ihrem früheren Lebensbezug.


    Bei der Verstehenshypothese ist mir es dabei egal, ob der Mensch mit der Demenz mit der Wesensveränderung sein eigentliches Wesen zeigt und ob er/sie die im späteren Leben gelernten Kompensationsstrategien vergessen hat und nun das auslebt, was damals verboten war oder das nachholt, was andere damals durften. Die zweite Erklärung ist für mich immer „besser“, weil sie mehr Handlungsoptionen ermöglicht. Der Erfolg unserer Handlung bestätigt den „Wahrheitsgehalt“ unserer Verstehenshypothese.

    Ich hoffe, Sie können diesem Gedanken folgen – für viele Pflegekräfte ist es schwer, das Denken des Expertenstandards zu üben, immerhin haben sie sich ja zur Altenpflege und nicht zum Philosophiestudium entschieden.


    Die Wahnbildung bei der typischen Demenz ist oft wechselhaft und lässt sich durch Ablenkung auf weitere Informationen und Erinnerungen zur Realität oder durch Ablenkung auf ganz andere Themen oft kurzfristig auflösen. Alles was sich einmal bewährt hat, kann ich immer und immer wieder als selbstwertstabilisierendes Ritual wiederholen und wenn es nicht klappt – ich habe es schon sehr oft geschrieben: Trost geht immer. Da muss ich mich nicht verbiegen, nicht „lügen oder mitspielen“ und behalte meine (für den Menschen so wichtige) innere Stärke und kann alles vielleicht etwas besser aushalten.


    Bei Menschen mit „seltenen Demenzen“ wie die Lewy Body Demenz ist dies leider nicht so einfach – Barbara66, wir haben uns darüber schon so lange ausgetauscht. Ablenkung und Trost sind trotzdem sehr wichtig, aber oft nicht stärker als das stabile Wahnsystem. Aber denken Sie an die alte Weisheit aus der Psychiatrie: Wahn bindet Angst – deshalb gilt auch hier: Trost geht immer! Für Angehörige und den Betroffenen bleibt noch die Hoffnung auf das Vergessen durch die zunehmende Demenz. Ich habe oft miterleben dürfen, wie in einer geborgenen Atmosphäre der Wahndruck immer besser abgelenkt werden konnte, weil alles nicht mehr so persönlich bedrohlich erlebt wurde.


    Für Ihre Mutter, Rose60, wünsche ich sehr, dass das Misstrauen nicht durch Ausgrenzung („die lügt immer“) verstärkt wird und eine andere Person noch einmal diese tiefe Geborgenheit vermitteln kann. Aus meiner Sicht ist es ein „Volltreffer“ in einer gelingenden Validation, wenn Ihre Mutter die Worte und Erkenntnisse, die Sie gesagt haben, als eigene wiederholt. Bei unseren Chefs akzeptieren wir dies ja auch.


    Wie gesagt, Sie können die Sätze Ihrer Mutter so oft wie möglich und als Ritual verwenden, wenn Sie gemerkt haben, dass sich Ihre Mutter selbst damit tröstet.


    Ihnen allen eine schöne Woche, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo, Herr Hamborg,


    danke, für die ausführliche Erklärung, die ich wieder als hilfreich empfinde.

    Meine Erfahrung ist inzwischen ja die, dass bei einer Depression, auch Trost nicht hilft und dass so mancher Erklärungsversuch, wie der mit dem Appartement, dass der in gewissen Phasen auch nicht hilft.

    Aber irgendwann hilft es vielleicht dann doch.


    Es gibt auch Phasen, da hilft fast gar nichts mehr. Da hilft dann oftmals nur rausgehen und fünf bis zehn Minuten später wiederzukommen oder vielleicht sogar erst am nächsten Tag.


    Gut finde ich es ebenfalls, wenn Demenzkranke ein Zimmer haben, wo dann auch wirklich etwas zu sehen ist draußen auf der Straße, damit sie abgelenkt werden. Aber auch das dürfte bei jedem anders sein.


    Manche Demenzkranke merken es auch, wenn man sie ablenken will. Da habe ich dann zu demjenigen gesagt, dass ich das nur mache, damit es demjenigen besser geht. Aber auch das wird oftmals nicht angenommen.


    Man muss bei dieser Krankheit mit allem rechnen.


    Liebe Grüße an Sie und an alle anderen, die hier mitlesen

    Einmal editiert, zuletzt von Teuteburger () aus folgendem Grund: Fehlerteufel

  • Man muss bei dieser Krankheit mit allem rechnen.

    Danke für diesen Satz, denn er ist so wahr und doch ist es sehr schwer, das zu lernen und anzunehmen.

    Aber es ist leichter, wenn man nicht nur selbst zu dieser Erkenntnis gelangt, sondern erleben darf, dass andere sie auch hatten und sie teilen.


    Auf jeden Fall erlebe ich dieser Forum fast immer, wenn ich reinschaue, auch wieder als hilfreich.


    Danke allen Mitschreibenden.

  • Hallo ecia25,

    Du hast es so treffend ausgedrückt und ich finde mich in Deinen Worten wieder.

    Auch an einem "guten Tag" kann einem schon der nächste Satz den Boden unter den Füßen wegziehen.

    Heute morgen begrüßte ich sie mit einem Kuss und ging mit ihr in die Küche.

    Sie bereitete das Mittagessen vor und schien recht klar und sortiert.

    Plötzlich haut sie die Frage-ist das Geld wieder da?-raus.

    Ich fragte was für Geld?

    Sie:Das Geld ,was wir gewonnen haben????!!!!!!

    Was dann in mir passiert ist einfach schrecklich.

    Mir wird schlecht,mein Herz rast,ich könnte weinen und schreien zugleich und möchte am liebsten weglaufen.

    So etwas verfolgt mich den ganzen Tag bis in die Nacht.

    Es ist der Krankheit geschuldet-natürlich weiß ich das!!

    Aber ich verliere meine Mutter immer mehr und kann mich nicht mehr mit ihr austauschen-daran zerbreche ich.

    LG Barbara66

  • Ich kann das ebenfalls nur unterschreiben. Diese Unberechenbarkeit ist für mich einer der erschöpfendsten Punkte bei Demenz


    Man muss immer auf alles gefasst sein und kann sich nie auf Dauer auf eine Situation einstellen.


    Heute Mittag war er ihm Wohnzimmer ich drei Meter und eine Tür weiter in der Küche und habe gekocht. Er hat mir sogar anfänglich noch geholfen. Da war er eigentlich sehr klar und fröhlich und einigermaßen orientiert. 10 Minuten später irrt er völlig desorientiert und aufgelöst in die Küche weil ich nicht da war und er mich suchte.

  • Liebe Hanne,


    meine Erfahrung ist inzwischen auch die, dass in einer Demenz weiterhin Reflektionen stattfinden können und das finde ich sehr berührend. Ich empfand das als bereichernd, weil ich wusste, von dem Menschen selbst, ist doch noch recht viel vorhanden. Leider schlägt die Krankheit dann doch wieder zu, aber ich habe im Hinterkopf immer auch das Positive gehabt.

    Aber ich kenne das Gefühl auch, warum manches so viel Zeit gebraucht hat. Es hätte früher halt besser laufen können und so mancher innere und äußere Kampf hätte nicht sein müssen.

    Aber ich stehe inzwischen auch auf dem Standpunkt, dass ein jeder Mensch sein eigenes Leben und seine eigene Entwicklung hat, trotz der Verbindung, die man mit demjenigen hat. Und hier liegt in meinen Augen auch eine Grenze, wo man dann wirklich nicht mehr weiterhelfen kann, weil der andere noch nicht so weit ist usw.


    Meine liebe Schwiegermama hat das einmal sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Als sie nach Kriegsende von Polen aus mit dem Zug in ihre Heimat zurück gefahren ist, da war eine weitere junge Frau mit im Zug, die sich regelrecht an sie geklammert hat. Sie hat sich hier wohl mehr erhofft, halt Stärke und Hilfe auf ihrem Weg. Meine Schwiegermama war eine recht starke Person, einerseits. Sie hat aber gemerkt, die Frau zieht sie runter und wenn sie mit ihr geht, dann wird auch sie untergehen. Das war ein ganz deutliches Gefühl. Jedenfalls hat sie das dann beendet und sie hat sich von der Frau distanziert, um selbst überleben zu können.


    Ich weiß inzwischen auch, dass man manches gerne ganz anders hätte, aber die Umstände des Lebens geben nicht mehr her. Ich habe mir das auch im Heim oft vor Augen geführt, aber es hinterlässt doch Einschnitte im eigenen Leben.

    Mir ist es dann darum gegangen, trotz dieser Einschnitte, immer weiter gehen zu können. Aber ich habe auch gemerkt, es ist ein auf und ein ab.

    Ich glaube ja an eine bessere Welt, als die die wir jetzt haben.

    Aber bis es so weit ist . . .


    Liebe Grüße an Dich und an all die anderen

  • Ich glaube ja an eine bessere Welt, als die die wir jetzt haben.

    Aber bis es so weit ist . . .

    ... ist es ein unglaublicher Weg mit vielen Höhen und Tiefen - egal ob dement oder nicht.

    Ich glaube nur, dass wir sie beim dementen Menschen noch deutlicher wahrnehmen, vielleicht weil oft die Schwankungen so krass und in so kurzen Zeitspannen stattfinden, manchmal gar keine Verweildauer, keine Gewöhnungszeit mehr bleibt, weil ja gleich schon wieder eine andere Stimmung aufkommt.


    Wenn ich nur an meine Mutter und die Gitarre denke: da kommt ganz hart die Forderung auf Rückgabe, jetzt sofort, egal, ob das überhaupt machbar ist. Eine Situation, in der ich mir nur noch zu helfen weiß, indem ich ohne Verzug ein anderes Thema anspreche (viel dazu habe ich hier gelernt) oder das Gespräch beende. Und schon eine Stunde später kann sich niemand mehr vorstellen, dass sie jemals von der Gitarre geredet hat, da kamen dann auch schon bei anderen die Gedanken auf, ob sie sie nicht schon vergessen hat.

    Beim nächsten Telefonat dann wieder die möglichst sofort zu erfüllende Forderung...

    Interessant finde ich auch, dass sie damit überwiegend mich anspricht, zu einigen anderen durchaus Mitbeteiligten kein Sterbenswörtchen über das Thema. Nur inzwischen ist bei ihr der Damm so weit gebrochen, dass sie auch meine Schwester öfter damit konfrontiert, die aber nur sauer reagieren kann.


    Jedenfalls empfinde ich es als sehr hart, vor jedem Kontakt, in jedem Gespräch mit einem absoluten Stimmungsumschwung rechnen zu müssen.

    Da reden wir 30 Minuten entspannt und fröhlich miteinander, plötzlich fällt ihr ein kritisches Thema oder eine Person ein und es ist schwierig, überhaupt noch anständig zu kommunizieren. (Zumal da inzwischen Schimpfworte fallen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie sie kennt und die ich selbst noch nie angewendet habe). Ein bisschen macht mir das immer wieder mal Angst vor den Gesprächen - das spürt sie dann aber auch und es kippt viel schneller, als wenn ich selbst stabil bin und eine fröhliche Gesprächsführung durchziehen kann.

    Mir kommt immer vor, sie sucht auch den Halt in meiner Stabilität (die ich leider in schwierigen familiären Konstellationen derzeit vielen geben muss).


    Nun bin ich einfach in meine Gedanken und Erfahrungen abgeschweift und schicke liebe Grüße an alle hier Mitlesenden - und schreibenden

  • Hallo liebe Ecia,


    ich kann Deinen Gedanken gut folgen und vor allem auch dem inneren Konflikt, der durch die Stimmungsschwankungen entstehen kann.


    Meine Beobachtung ist auch die, dass die Stimmungen recht schnell kippen können, vor allem wenn alte Verletzungen plötzlich getriggert werden, die man nie wirklich reflektieren konnte.


    Und auch das etwas direkt in Ordnung gebracht werden muss, egal, was die äußeren Ressourcen hergeben, auch das kenne ich.


    Manches kann man dann auffangen, bei anderem denkt man wiederum: Das Frustrierendste ist, dass von einem selbst dann eine Antwort erwartet wird. Man kann regelrecht in die Enge getrieben werden. Das habe ich bei einigen Demenzkranken schon erlebt.


    Man braucht da viel Gespür. Manchmal kann man bei total überzogenen Forderungen sagen, dass man selbst nicht mehr kann. Nan macht soviel für denjenigen und man ist selbst fast am Ende. Wenn es hart auf hart kommt, dann kann das tatsächlich gut wirken.


    Ein andermal verlässt man dann besser das Zimmer oder es hilft eine Ablenkung.


    Ich glaube man wird irgendwann ein Gespür dafür entwickeln, was jetzt helfen kann und was nicht. Und manchmal hilft dann auch wirklich nichts mehr. Dann wird einem zum Aushalten geraten und es bleibt einem auch nichts anderes übrig. Im Aushalten sind wir Menschen wohl richtig gut. - Denn wenn man es nicht tut, dann wird es für einen selbst leider noch unangenehmer. Auch wenn man das dann irgendwie hinbekommt, es tut trotzdem immer etwas weh. So kenne ich das.


    Liebe Grüße an Dich

  • Hanne:

    Auch in mir kommen durch die Demenz meiner Mutter ganz viele ungesagte(jahrelang geschluckte)schlechte Gefühle hoch.

    Aber ich behalte nichts mehr für mich,sondern sage meinem Vater,was ich von ihm halte.

    Er ist ganz rabiat mit meiner Mutter umgegangen und das will er bei mir auch.

    Er hat Frauen gegenüber keinen Respekt.

    Meinen Bruder hat er früher auf Händen getragen.

    Wenn mein Bruder das Auto haben wollte-selbstverständlich kein Problem.

    Mir gibt er den Wagen heute noch nur sehr zögerlich.

    Wenn mein Mann 3 Tage a 12h Tagschicht hat,stehe ich ohne Auto da.

    Er würde niemals auf die Idee kommen,mir den Wagen für 1-2 Tage zu geben(er steht sowieso nur in de Garage).

    Das zeigt mir wieder,was er für ein schlechter und liebloser Vater ist.

    Und genau das sage ich ihm jetzt ohne zu zögern mitten ins Gesicht.

    Ich habe keine Kinder-aber wenn ich mir vorstelle,ich hätte Kinder und diese würden mir sagen,was ich für eine grässliche, lieblose Mutter war,würde mich das schon sehr treffen.

    Es trifft ihn nicht-vielleicht weil er auch schon den Verstand verloren hat.

    Ich habe alles so satt und kann diesen täglichen Wahnsinn bald nicht mehr ertragen.

    Diese Woche wieder Vergiftungswahn und Sterbewoche bei meiner Mutter.

    Es sei alles geplant und wir müssten nur noch den Bürgermeister informieren,da sie ja nicht auf normalem Wege sterben würde.!!????

    Wahrscheinlich wieder Todesspritze oder Erschießen!!

    Ich will das nicht mehr!!!!!

    Ich bin müde und völlig erschöpft.

    LG an Alle

    Barbara66

  • Liebe Barbara,

    du opferst dich total auf und machst dich kaputt, ohne dass sich für deine Eltern etwas grundlegend ändert und das nun über Jahre. Ich kann mich da Hanne guten Gewissens anschließen und würde ebenfalls zu einem Antrag auf rechtl. Betreuung raten, damit sich jemand mit mehr Möglichkeiten der Einflussnahme kümmert und du die Belastung durch alleinige Verantwortung los bist - die emotionale Belastung geht ja trotzdem nicht ganz weg.

    Und ich würde mich (aus Erfahrung) von dem Ziel verabschieden, dass du noch Einsicht oder Anerkennung von deinem lieblosen Vater erhältst. So ging es mir auch, narzistischer, zudem gewaltbereiter und sehr liebloser Vater, was in der Demenz noch schlimmer wurde.

    Du kannst nur selbst deine Grenzen aufzeigen, deine Eltern erkennen sie nicht mehr.

    Und irgendwann ist es wichtig (für einen selbst) mit den Eltern in inneren Frieden zu kommen, zu verzeihen, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht anders konnten - aufgrund ihrer charakterlichen Anlagen, ihrer Sozialisation oder whatever. Solange man noch um Einsicht und Anerkennung kämpft, immer noch mehr gibt und die eigenen Grenzen missachtet, gibt es für uns selbst keine wirkliche Entspannung. Es ist ein langer Prozess, selbst wenn diejenigen schon verstorben sind, geht es meist nicht ohne dieses Frieden-machen im Inneren.


    Alles Liebe für dich <3

    Rose60

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, einige Themen der letzten Woche möchte ich heute wieder aufgreifen und weiterdenken. Wie ein Aushalten und das Unvorhersehbare zulassen gelingen kann, hat Hanne63 z.B. mit dem Gedanken "Demenz als Selbstschutz" beschrieben. Je mehr wir diese chronisch degenerative, nicht heilbare und den Menschen tief verändernde Krankheit akzeptieren, desto eher wird uns das Aushalten gelingen.


    So werden wir offen für Überraschungen, eine erfreuliche Milde oder kurzfristige Einsicht. Vielleicht lernen wir den Menschen völlig neu kennen und uns auch – immerhin haben wir 50% seines oder ihres Erbguts und wir kennen uns ein ganzes Leben lang… Als ich vor über 30 Jahren mit der Arbeit anfing, habe ich „Demenztherapie als Schatzsuche“ bezeichnet und unser Konzept „Normalität als Modell“ genannt. Diese Begriffe haben sich nicht durchgesetzt, die Idee dahinter ist allerdings weiterhin der „aktuelle Stand des Wissens“, an dem sich Profis orientieren müssen, auch weil so die professionelle Distanz gelingen kann. Ein Rezept dafür ist der Wechsel der Perspektive also der Blickrichtung: Wir schauen aus der Richtung des Menschen mit Demenz und nicht aus der Richtung des vertrauten Menschen ohne die Krankheit!


    Wenn das gelingt, werden wir milder gestimmt, sind bereit für positive Überraschungen und werden diese eher erleben. Sie, Sohn83, haben trotz der Demenz alte Ressourcen erlebt. Aber es tut weh, dass dieser Moment nicht länger anhält.


    Wenn Sie, ecia25, Reizthemen wie die Gitarre bei Ihrer Mutter vermeiden können und Ablenkung hilft, zeigt es, dass das Thema nicht mehr so wichtig ist.

    Aber es kann wie ein explosiver Teufelskreis sofort und unmittelbar abgerufen werden. Dann wird plötzlich eine Kraft sichtbar, die eigentlich gar nicht mehr zum Abbauprozess passt. In solchen Fällen übe ich mit Pflegenden das gemeinsame Schimpfen über so eine schlimme Sache.


    Mit dieser Form der Validation treten wir aktiv, bewusst und direkt aus der Ich-Du-Beziehung und übernehmen die Rolle einer verständnisvollen Freundin, die das Gefühl bestätigt – auch wenn wir eigentlich persönlich angegriffen werden. Das ist für Pflegekräfte schon schwer genug, sich von dem unmittelbaren Gefühl zu distanzieren und aus einer anderen Rolle heraus zu handeln – für Angehörige ist es noch schwerer aber nicht unmöglich.


    Es lohnt sich, dies konsequent zu üben, denn es hilft auch für die eigene Trauerarbeit. Wenn wir konsequent die Blickrichtung ändern und nach dem Menschen mit seinen oder ihren verborgenen Schätzen suchen und nicht den Menschen mit den schwer erträglichen Symptomen einer Krankheit sehen.


    Ich sage immer wieder: Ablenkung ist gut und hilfreich, aber das Ansprechen von Gefühlen und der Wunsch nach echtem Verständnis führt weiter. Wenn wir jetzt in einer Gruppe wären, würde ich Ihnen ecia25 ein kleines Rollenspiel vorschlagen – so wie bei Mitarbeitenden: Eine weitere Teilnehmerin geht in die Rolle Ihrer Mutter und spricht mit dem Brustton der Enttäuschung die Sache mit der Gitarre an und greift sie direkt damit an. Sie treten direkt und symbolisch erstmal „einfach“ an die Seite Ihrer Mutter und sagen dann z.B. „das ist ja echt ein Ding, das kann einen absolut sauer machen…“. Je stärker die Demenz ist, desto schneller wirken solche Sätze. Wenn Ihre Mutter den „Trick“ durchschaut, können Sie immer noch mit einem Bein in der distanzierten Rolle bleiben und üben, ob folgende Aussage möglich ist: „Mutter ich sehe, wie sehr Dich das immer noch ärgert und Du mich sogar persönlich angreifst und verletzt. Willst Du das jetzt wirklich?“ Bestimmt finden Sie Ihre eigenen Worte, um Ihrer Mutter aus dem anderen Blickwinkel der Demenz zu antworten.


    Für Sie Barabara66 ist das leider nicht „so einfach“. Sie wissen, dass die Demenz Ihrer Mutter noch weitere Ansprüche stellt. Zwei zusätzliche Erschwernisfaktoren habe ich aus Ihrem Beitrag nun besser verstanden:


    Für ein gelingendes Therapiekonzept braucht es die konsequente Unterstützung Ihres Vaters. Doch er macht es Ihnen noch zusätzlich schwer und Sie müssen zusätzlich kämpfen und in Konfrontation gehen und es wäre so gerecht, wenn Ihr Vater zu Ihnen, die so viel tut, mindestens genau so großzügig ist, wie zu ihrem Bruder.


    In dieser Situation ist es noch viel schwerer in einer professionell distanzierten also erwachsene Rolle zu gehen und dort zu bleiben. Aus meiner Sicht ist die Konfrontation langfristig hilfreich, besonders wenn sich die Altersrigidität mit verletzenden Charaktereigenschaften und einem veralteten männlichen Rollenbild gegenseitig verstärkt.


    Zudem kommt noch der Teufelskreis der Kommunikation durch sehr effektive Reizthemen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Wenn Sie dann auch noch aus Ihrem Erwachsensein herausfallen, verstärkt das zusätzlich die Verzweiflung. In solchen Situationen gilt vielfach, was ich in meinem Buch ausgeführt habe: Komplexe Probleme brauchen einfache Lösungen. Vielleicht können Sie folgende einfache Sätze unterstützen:

    • Ich lasse mich nicht provozieren. Ich bin und bleibe die starke Person, die meine Eltern jetzt brauchen.
    • Ich lasse mich nicht verunsichern und darf Ungerechtigkeiten und Verletzungen ansprechen.
    • Wenn mein Vater nicht im therapeutischen Konzept mitmacht, kann ich für meine Mutter mit ihrer besonders schweren Krankheit nur einen kleinen Beitrag leisten. Das wichtigste ist dabei, dass ich meine Kraft und den inneren Abstand behalte.
    • Durch die Unterstützung meiner Eltern werde ich eine Meisterin im Aushalten und im Bei-sich-bleiben. Das hilft mir auch für andere Herausforderungen im Leben!

    Können Sie mit diesen Gedanken etwas anfangen?


    Viel Kraft für alle, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg, der Sie mich direkt angesprochen haben. Hallo alle Mitlesenden!

    Danke! Der Tipp mit der Vorstellung des Rollenspiels gefällt mir, aber für mich ist die Situation noch etwas schwieriger (das kann ich mir aber mit dem Durchspielen des Rollenspiels vor meinem geistigen Auge noch ausarbeiten). Denn meine Mutter beschimpft nicht mich selbst, sondern auf meine (Borderline erkrankte) Schwiegertochter und meine dadurch enorm geschädigte Enkeltochter, die die Gitarre hat und durch ihre Folge-Schäden auch daran klammert.

    Meine Mutter spürt einfach, dass sie da Menschen als indirektes Gegenüber hat, die selbst durch seelische Erkrankungen angreifbar sind und ich glaube, sie ist äußerst eifersüchtig, dass ich mich um "die" auch kümmere und nicht sie selbst DER Mittelpunkt meines Lebens ist (obwohl sie ja auch den räumlichen Abstand einst unerschütterlich selbst gewählt hat).


    Es fiele mir so leicht, wenn ICH beschimpft würde, damit umzugehen, das nicht persönlich zu nehmen habe ich leider im Laufe der letzten 40 - 50 Jahre schon reichlich lernen können, auch im Umgang mit meiner ersten Schwiegermutter.

    Ich muss wohl jetzt für mich gedanklich darstellen lernen, wie ich mit meiner Mutter gemeinsam schimpfen kann, ohne Menschen zu beschimpfen, die selbst krank sind.

    Für diese Aufgabe habe ich aber hier wieder reichlich Angebote und Anregungen erhalten, das macht diese Forum so wertvoll - wohl nicht nur für mich.


    So grüße ich auch alle, die sich hier durchaus mit recht persönlichen Geschichten preisgeben und auf diesem Weg anderen helfen.

  • Da Hanne auch etwas dazu schreibt,


    möchte ich dann auch meine Sicht auf den letzten Punkt wiedergeben.

    Ich halte diesen Punkt für zweischneidig, aber er ist nachvollziehbar.


    Dieser Punkt, mit dem Aushalten, Standhalten von widrigen Situationen, hat für mich zwei Seiten. Er ist einerseits wichtig, um selbst überleben zu können, auf der anderen Seite erfordert er auch eine Art der Abstumpfung, weil man mit den "jetzigen" Ressourcen nicht mehr bewerkstelligen kann.


    Ich habe in der Pflege viele desillusionierte Menschen kennengelernt. Es geht zwar etwas, aber bei weitem ist es nicht "befriedigend". Und ich habe auch die Abstumpfung gesehen. Mir tut das weh.


    Ich kenne genügend Menschen, die sich einerseits über die meisten Widrigkeiten des Lebens nicht aufregen wollen, auf der anderen Seite sind sie aber sehr hart und sie verlangen, dass der Karren weiter gezogen wird, während die Pferde kurz vor dem Zusammenbrechen sind.


    Ich halte diese Art des Aushaltens trotzdem für wichtig, aber als eine Übergangslösung. Weigern werde ich mich aber, diese Zustände als normal anzusehen und sie für gut zu befinden. Und dabei ist es mir egal, was hier oberflächlich irgendwie funktioniert. Sobald man von mehreren Ressorcengebern abhängig ist, muss man in vielerlei Hinsicht die Füße still halten, weil vieles halt nicht machbar ist. Aber gut finde ich, wie gesagt, hier nicht viel.

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    Etwas anderes ist es, wenn in der Familie durch Demenzen, durch alte Verletzungen und durch festgefahrene Rollenbilder, man selbst an Grenzen stößt, so wie bei Barbara.

    Bei Eltern, die nicht mehr in der Lage sind, für sich etwas einigermaßen gut hinzubekommen, weil der Verstand sich abschaltet, da kann es einem gelingen, trotz der schlechten Lage, für sich selbst da zu sein. Ich habe das mit der Zeit so gesehen: Um wirklich etwas Bewerkstelligen zu können, ist man auf die Mitarbeit der gegenüberliegenden Person angewiesen. Wird die einem verweigert, dann hat man die Vernunft, zu sagen, ab hier kann ich keine Verantwortung mehr übernehmen. Das habe ich mit der Zeit immer mal wieder gut hinbekommen, bis zu einer Grenze, die dann wieder nach neuen Ideen verlangt hat.


    Und da wünsche ich dir Barbara, dass du das auch schaffst, dass du dir deinen inneren Freiraum bewahren kannst, weil du einfach nicht mehr für deine Eltern tun kannst, da hier die Annahme verweigert wird. Das ist wie eine E-Mail, die man an eine ungültige Adresse absendet. Es kann ab einem gewissen Punkt zu keinem Austausch mehr kommen. Und ab dem Punkt ist dann ein Raum für die eigene Freiheit da, den man dann auch aufsuchen kann. Dieser Raum gehört einem dann alleine. Es gelingt einem nicht immer, weil die gegenüberliegenden Personen leider eine Reaktion von einem einfordern, aber es kann zumindest hinterher ein Ort der Ruhe für einen werden.

    Und wenn es noch nicht möglich ist eine äußere Hilfe, Betreuung zu bekommen, dann kann nur der Supergau noch helfen.


    Liebe Grüße an Dich Barbara und an alle, die hier so gut geschrieben haben

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