Wie geht es Euch? Thread IV

  • Liebe Barbara66,

    ich verstehe Dich soo gut...

    Ich selbst habe mich ab einem gewissen Grad der Demenz meiner Eltern gar nicht mehr getraut...kontra zu geben oder etwas direkt ins Gesicht zu sagen...aus Mitleid vermutlich....und ich weiß auch nicht, ob das meine Eltern überhaupt noch erreicht hätte...also: ich hätte zwar loschreien mögen oftmals..aber habe es dann nicht mehr getan (in frühern Zeiten durchaus oft..aber auch ohne Erfolg..also warum sollte es jetzt Erfolg haben?)


    Die Krankheit ist so schrecklich..dass ich selbst nur noch Mitleid mit den Eltern empfinde....und mich selbst soweit möglich schütze und zurückziehe...ich konfrontiere auch nicht mehr...und bin nach jedem Besuch total erschöpft...(obwohl ja jetzt beide Eltern im Heim versorgt sind)...


    mittlerweile denke ich: diese Krankheit macht vor allen Dingen uns als Angehörige krank...aber niemand hört uns und niemand macht sich das bewußt..vor allen Dingen auch die Politik nicht.


    Liebe Grüße


    P.S. Wenn Du es wirklich nicht mehr ertragen kannst..was ich gut verstehe..dann wirf das Handtuch..geb die Verantwortung ab....sag..Du kannst nicht mehr...und gebe Deine Eltern ins Heim...bzw. vorher mit Hilfe von Berufsbetreuern..weil Du selbst die Verantwortung abgibst....oft geht es einfach nicht mehr anders...!!!

  • Liebe Barbara,

    du opferst dich total auf und machst dich kaputt, ohne dass sich für deine Eltern etwas grundlegend ändert und das nun über Jahre. Ich kann mich da Hanne guten Gewissens anschließen und würde ebenfalls zu einem Antrag auf rechtl. Betreuung raten, damit sich jemand mit mehr Möglichkeiten der Einflussnahme kümmert und du die Belastung durch alleinige Verantwortung los bist - die emotionale Belastung geht ja trotzdem nicht ganz weg.

    Und ich würde mich (aus Erfahrung) von dem Ziel verabschieden, dass du noch Einsicht oder Anerkennung von deinem lieblosen Vater erhältst. So ging es mir auch, narzistischer, zudem gewaltbereiter und sehr liebloser Vater, was in der Demenz noch schlimmer wurde.

    Du kannst nur selbst deine Grenzen aufzeigen, deine Eltern erkennen sie nicht mehr.

    Und irgendwann ist es wichtig (für einen selbst) mit den Eltern in inneren Frieden zu kommen, zu verzeihen, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht anders konnten - aufgrund ihrer charakterlichen Anlagen, ihrer Sozialisation oder whatever. Solange man noch um Einsicht und Anerkennung kämpft, immer noch mehr gibt und die eigenen Grenzen missachtet, gibt es für uns selbst keine wirkliche Entspannung. Es ist ein langer Prozess, selbst wenn diejenigen schon verstorben sind, geht es meist nicht ohne dieses Frieden-machen im Inneren.


    Alles Liebe für dich <3

    Rose60

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, einige Themen der letzten Woche möchte ich heute wieder aufgreifen und weiterdenken. Wie ein Aushalten und das Unvorhersehbare zulassen gelingen kann, hat Hanne63 z.B. mit dem Gedanken "Demenz als Selbstschutz" beschrieben. Je mehr wir diese chronisch degenerative, nicht heilbare und den Menschen tief verändernde Krankheit akzeptieren, desto eher wird uns das Aushalten gelingen.


    So werden wir offen für Überraschungen, eine erfreuliche Milde oder kurzfristige Einsicht. Vielleicht lernen wir den Menschen völlig neu kennen und uns auch – immerhin haben wir 50% seines oder ihres Erbguts und wir kennen uns ein ganzes Leben lang… Als ich vor über 30 Jahren mit der Arbeit anfing, habe ich „Demenztherapie als Schatzsuche“ bezeichnet und unser Konzept „Normalität als Modell“ genannt. Diese Begriffe haben sich nicht durchgesetzt, die Idee dahinter ist allerdings weiterhin der „aktuelle Stand des Wissens“, an dem sich Profis orientieren müssen, auch weil so die professionelle Distanz gelingen kann. Ein Rezept dafür ist der Wechsel der Perspektive also der Blickrichtung: Wir schauen aus der Richtung des Menschen mit Demenz und nicht aus der Richtung des vertrauten Menschen ohne die Krankheit!


    Wenn das gelingt, werden wir milder gestimmt, sind bereit für positive Überraschungen und werden diese eher erleben. Sie, Sohn83, haben trotz der Demenz alte Ressourcen erlebt. Aber es tut weh, dass dieser Moment nicht länger anhält.


    Wenn Sie, ecia25, Reizthemen wie die Gitarre bei Ihrer Mutter vermeiden können und Ablenkung hilft, zeigt es, dass das Thema nicht mehr so wichtig ist.

    Aber es kann wie ein explosiver Teufelskreis sofort und unmittelbar abgerufen werden. Dann wird plötzlich eine Kraft sichtbar, die eigentlich gar nicht mehr zum Abbauprozess passt. In solchen Fällen übe ich mit Pflegenden das gemeinsame Schimpfen über so eine schlimme Sache.


    Mit dieser Form der Validation treten wir aktiv, bewusst und direkt aus der Ich-Du-Beziehung und übernehmen die Rolle einer verständnisvollen Freundin, die das Gefühl bestätigt – auch wenn wir eigentlich persönlich angegriffen werden. Das ist für Pflegekräfte schon schwer genug, sich von dem unmittelbaren Gefühl zu distanzieren und aus einer anderen Rolle heraus zu handeln – für Angehörige ist es noch schwerer aber nicht unmöglich.


    Es lohnt sich, dies konsequent zu üben, denn es hilft auch für die eigene Trauerarbeit. Wenn wir konsequent die Blickrichtung ändern und nach dem Menschen mit seinen oder ihren verborgenen Schätzen suchen und nicht den Menschen mit den schwer erträglichen Symptomen einer Krankheit sehen.


    Ich sage immer wieder: Ablenkung ist gut und hilfreich, aber das Ansprechen von Gefühlen und der Wunsch nach echtem Verständnis führt weiter. Wenn wir jetzt in einer Gruppe wären, würde ich Ihnen ecia25 ein kleines Rollenspiel vorschlagen – so wie bei Mitarbeitenden: Eine weitere Teilnehmerin geht in die Rolle Ihrer Mutter und spricht mit dem Brustton der Enttäuschung die Sache mit der Gitarre an und greift sie direkt damit an. Sie treten direkt und symbolisch erstmal „einfach“ an die Seite Ihrer Mutter und sagen dann z.B. „das ist ja echt ein Ding, das kann einen absolut sauer machen…“. Je stärker die Demenz ist, desto schneller wirken solche Sätze. Wenn Ihre Mutter den „Trick“ durchschaut, können Sie immer noch mit einem Bein in der distanzierten Rolle bleiben und üben, ob folgende Aussage möglich ist: „Mutter ich sehe, wie sehr Dich das immer noch ärgert und Du mich sogar persönlich angreifst und verletzt. Willst Du das jetzt wirklich?“ Bestimmt finden Sie Ihre eigenen Worte, um Ihrer Mutter aus dem anderen Blickwinkel der Demenz zu antworten.


    Für Sie Barabara66 ist das leider nicht „so einfach“. Sie wissen, dass die Demenz Ihrer Mutter noch weitere Ansprüche stellt. Zwei zusätzliche Erschwernisfaktoren habe ich aus Ihrem Beitrag nun besser verstanden:


    Für ein gelingendes Therapiekonzept braucht es die konsequente Unterstützung Ihres Vaters. Doch er macht es Ihnen noch zusätzlich schwer und Sie müssen zusätzlich kämpfen und in Konfrontation gehen und es wäre so gerecht, wenn Ihr Vater zu Ihnen, die so viel tut, mindestens genau so großzügig ist, wie zu ihrem Bruder.


    In dieser Situation ist es noch viel schwerer in einer professionell distanzierten also erwachsene Rolle zu gehen und dort zu bleiben. Aus meiner Sicht ist die Konfrontation langfristig hilfreich, besonders wenn sich die Altersrigidität mit verletzenden Charaktereigenschaften und einem veralteten männlichen Rollenbild gegenseitig verstärkt.


    Zudem kommt noch der Teufelskreis der Kommunikation durch sehr effektive Reizthemen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Wenn Sie dann auch noch aus Ihrem Erwachsensein herausfallen, verstärkt das zusätzlich die Verzweiflung. In solchen Situationen gilt vielfach, was ich in meinem Buch ausgeführt habe: Komplexe Probleme brauchen einfache Lösungen. Vielleicht können Sie folgende einfache Sätze unterstützen:

    • Ich lasse mich nicht provozieren. Ich bin und bleibe die starke Person, die meine Eltern jetzt brauchen.
    • Ich lasse mich nicht verunsichern und darf Ungerechtigkeiten und Verletzungen ansprechen.
    • Wenn mein Vater nicht im therapeutischen Konzept mitmacht, kann ich für meine Mutter mit ihrer besonders schweren Krankheit nur einen kleinen Beitrag leisten. Das wichtigste ist dabei, dass ich meine Kraft und den inneren Abstand behalte.
    • Durch die Unterstützung meiner Eltern werde ich eine Meisterin im Aushalten und im Bei-sich-bleiben. Das hilft mir auch für andere Herausforderungen im Leben!

    Können Sie mit diesen Gedanken etwas anfangen?


    Viel Kraft für alle, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg und natürlich alle anderen,


    der letzte Gesichtspunkt in Ihrem obigen Beitrag ist für mich sehr wichtig und daran hatte ich bisher noch gar nicht gedacht.


    Also durch das lange Miterleben-Müssen und Unterstützen meiner Eltern bin ich tatsächlich auch selbst gereift und "weiser" geworden, auch in gewisser Hinsicht auf dem Weg zur Meisterin im Aushalten von schlimmen Situationen und im Bei-sich-Bleiben....ich meine sogar, dass ich die Widersprüchlichkeiten und Unberechenbarkeiten der sich ständig ändernden Regeln und Ansagen und Versprechungen während der Corona-Pandemie so etwas leichter aushalten konnte.


    In diesem Sinne ist sogar die Demenz zu etwas gut..obwohl ich sie und die Erfahrungen damit nicht wirklich brauchte.


    Liebe Grüße an alle

  • Hallo Herr Hamborg, der Sie mich direkt angesprochen haben. Hallo alle Mitlesenden!

    Danke! Der Tipp mit der Vorstellung des Rollenspiels gefällt mir, aber für mich ist die Situation noch etwas schwieriger (das kann ich mir aber mit dem Durchspielen des Rollenspiels vor meinem geistigen Auge noch ausarbeiten). Denn meine Mutter beschimpft nicht mich selbst, sondern auf meine (Borderline erkrankte) Schwiegertochter und meine dadurch enorm geschädigte Enkeltochter, die die Gitarre hat und durch ihre Folge-Schäden auch daran klammert.

    Meine Mutter spürt einfach, dass sie da Menschen als indirektes Gegenüber hat, die selbst durch seelische Erkrankungen angreifbar sind und ich glaube, sie ist äußerst eifersüchtig, dass ich mich um "die" auch kümmere und nicht sie selbst DER Mittelpunkt meines Lebens ist (obwohl sie ja auch den räumlichen Abstand einst unerschütterlich selbst gewählt hat).


    Es fiele mir so leicht, wenn ICH beschimpft würde, damit umzugehen, das nicht persönlich zu nehmen habe ich leider im Laufe der letzten 40 - 50 Jahre schon reichlich lernen können, auch im Umgang mit meiner ersten Schwiegermutter.

    Ich muss wohl jetzt für mich gedanklich darstellen lernen, wie ich mit meiner Mutter gemeinsam schimpfen kann, ohne Menschen zu beschimpfen, die selbst krank sind.

    Für diese Aufgabe habe ich aber hier wieder reichlich Angebote und Anregungen erhalten, das macht diese Forum so wertvoll - wohl nicht nur für mich.


    So grüße ich auch alle, die sich hier durchaus mit recht persönlichen Geschichten preisgeben und auf diesem Weg anderen helfen.

  • Da Hanne auch etwas dazu schreibt,


    möchte ich dann auch meine Sicht auf den letzten Punkt wiedergeben.

    Ich halte diesen Punkt für zweischneidig, aber er ist nachvollziehbar.


    Dieser Punkt, mit dem Aushalten, Standhalten von widrigen Situationen, hat für mich zwei Seiten. Er ist einerseits wichtig, um selbst überleben zu können, auf der anderen Seite erfordert er auch eine Art der Abstumpfung, weil man mit den "jetzigen" Ressourcen nicht mehr bewerkstelligen kann.


    Ich habe in der Pflege viele desillusionierte Menschen kennengelernt. Es geht zwar etwas, aber bei weitem ist es nicht "befriedigend". Und ich habe auch die Abstumpfung gesehen. Mir tut das weh.


    Ich kenne genügend Menschen, die sich einerseits über die meisten Widrigkeiten des Lebens nicht aufregen wollen, auf der anderen Seite sind sie aber sehr hart und sie verlangen, dass der Karren weiter gezogen wird, während die Pferde kurz vor dem Zusammenbrechen sind.


    Ich halte diese Art des Aushaltens trotzdem für wichtig, aber als eine Übergangslösung. Weigern werde ich mich aber, diese Zustände als normal anzusehen und sie für gut zu befinden. Und dabei ist es mir egal, was hier oberflächlich irgendwie funktioniert. Sobald man von mehreren Ressorcengebern abhängig ist, muss man in vielerlei Hinsicht die Füße still halten, weil vieles halt nicht machbar ist. Aber gut finde ich, wie gesagt, hier nicht viel.

    ________________________________


    Etwas anderes ist es, wenn in der Familie durch Demenzen, durch alte Verletzungen und durch festgefahrene Rollenbilder, man selbst an Grenzen stößt, so wie bei Barbara.

    Bei Eltern, die nicht mehr in der Lage sind, für sich etwas einigermaßen gut hinzubekommen, weil der Verstand sich abschaltet, da kann es einem gelingen, trotz der schlechten Lage, für sich selbst da zu sein. Ich habe das mit der Zeit so gesehen: Um wirklich etwas Bewerkstelligen zu können, ist man auf die Mitarbeit der gegenüberliegenden Person angewiesen. Wird die einem verweigert, dann hat man die Vernunft, zu sagen, ab hier kann ich keine Verantwortung mehr übernehmen. Das habe ich mit der Zeit immer mal wieder gut hinbekommen, bis zu einer Grenze, die dann wieder nach neuen Ideen verlangt hat.


    Und da wünsche ich dir Barbara, dass du das auch schaffst, dass du dir deinen inneren Freiraum bewahren kannst, weil du einfach nicht mehr für deine Eltern tun kannst, da hier die Annahme verweigert wird. Das ist wie eine E-Mail, die man an eine ungültige Adresse absendet. Es kann ab einem gewissen Punkt zu keinem Austausch mehr kommen. Und ab dem Punkt ist dann ein Raum für die eigene Freiheit da, den man dann auch aufsuchen kann. Dieser Raum gehört einem dann alleine. Es gelingt einem nicht immer, weil die gegenüberliegenden Personen leider eine Reaktion von einem einfordern, aber es kann zumindest hinterher ein Ort der Ruhe für einen werden.

    Und wenn es noch nicht möglich ist eine äußere Hilfe, Betreuung zu bekommen, dann kann nur der Supergau noch helfen.


    Liebe Grüße an Dich Barbara und an alle, die hier so gut geschrieben haben

  • Hallo Barbara66,

    ich denke in einer DemenzWG können nur leichtere bzw. Anfangs-Demenz-Fälle gut betreut werden....meist wird dann bei Fortschreiten der Demenz nocheinmal ein Umzug dann in eine Pflegeheim nötig....jedenfalls so meine Erfahrung im Bekanntenkreis etc.....auch Fachleute sagen das so...


    Bzgl. Liegen...Dekubitusprophylaxe....vom Hörensagen weiß ich, dass es dazu Beratungsmöglichkeiten gibt..bei Pflegestützpunkten etc......ich würde auch bei der Pflegekasse nachfragen.....


    Bei meiner Mutter ist mit Fortschreiten der Demenz auch eine Gehunfähigkeit eingetreten..Stehen kann sie auch fast nicht mehr....die Medikamente haben das vielleicht beschleunigt...aber es ist wohl bei Demenz so üblich vom Verlauf her.....Sitzen wird auch schwierig...weil sie dauernd hin und her rutscht und sich unwohl fühlt...das ist alles so ein tatsächlicher Verlauf...ich denke, auch bei Deiner Mutter wird das so sein.....Meine Mutter wird im Pflegeheim dann oft auch in einen sog. Pflegesessel gelegt....evtl kannst Du so etwas daheim bei Deiner Mutter aufstellen?...


    Liebe Grüße

    Hanne63

  • Hallo ihr Lieben,


    ich befürchte, dass die Demenz meiner Mutter doch langsam Fahrt aufnimmt. Ihr Zeitgedächtnis zeigt einige Lücken, Vergesslichkeiten, die mich in den letzten beiden Tagen doch geschockt haben.

    Es ist also alles eine Frage der Zeit. Ich werde einige Untersuchungen so nach und nach machen lassen.


    Im Grunde wäre ich froh, wenn ich noch so einiges an Zeit hätte, bis es ernster wird. Ich hätte mir so sehr gewünscht, solches nicht noch mal erleben zu müssen.


    Liebe Grüße an alle

  • Guten Abend liebe Teuteburger,

    das Schicksal nimmt offenbar so gar keine Rücksicht auf uns Angehörige..es tut mir leid für Dich.....


    Liebe Grüße

  • Ich danke Euch, für Eure lieben Worte. :)


    sonnenblümchen, den Tod meiner Schwiegermama habe ich gut verkraftet, auch dank der Geschichte mit meiner Schwester. Was sie mir gesagt hat nach dem Todestag, dass hat mir anscheinend wirklich sehr gut geholfen.


    Und wie ist das bei Dir und Deiner Mama?


    Hanne  sonnenblümchen


    Ich habe ja immer noch das gleiche Dilemma mit meinen anderen Verpflichtungen. Und ja, das Schicksal nimmt keine Rücksicht. Ich hätte wirklich eine längere Erholungsphase dringend gebraucht.

    Ich hoffe nur, dass es jetzt nicht allzu schnell geht, so dass ich noch ein wenig Zeit habe. Im Moment werden Anrufe mit wichtigen Terminen vergessen oder zu welchem Zeitpunkt jemand dagewesen ist, den sie nicht so regelmäßig sieht, wie mich. Ich bin ja zweimal die Woche bei ihr, rufe aber immer kurz vorher an.

    Der etwas tröstliche Aspekt ist der, dass sie zwei Heime in ihrer Nähe hat, die wohl recht gut sein sollen. Das eine hat richtig gute Rezessionen. Das andere ist noch relativ neu. Ich werde beide besichtigen gehen und schon mal nachschauen, wie die Demenzkranken hier versorgt werden.



    Liebe Grüße an Euch beide <3

  • Hallo zusammen,

    nachdem ich hier ja auch einige Male mich ausgejammert habe, als meine Mutter lange so aggressiv (verbal) und gereizt war, mal ein kurzer Zwischenstand:

    durch die zunehmende Demenz - wenn auch rel. langsam - verschwimmt nun mehr und mehr Gegenwart und Vergangenheit und sie ist nun stimmungsmäßig die letzten Male viel besser gelaunt. Mir scheint, ihre eigentliche humorvolle Art kommt nun wieder durch. Sie scheint nicht mehr richtig zu wissen, wo genau das Heim ist, wer wo wohnt, dass sie allein nicht wirklich dort wegkommt etc. Heute hat sie mir erzählt, dass sie bald mal meine Tochter besuchen will, von ihrem Heimatort (der Kindheit) aus, das sei recht nah, sie könne eine halbe Stunde mit dem Zug fahren. Ich sagte, das sei eine gute Idee.

    Eine neue Bewohnerin hat sie auch als frühere Nachbarin (auch aus Kindertagen) "wiedererkannt". Ich schaffe es nun mehr und mehr, mich auf ihre Ebene zu begeben, man muss da allerdings schon ziemlich flexibel sein, denn sie weiß schon noch, dass ich ihre Tochter bin und welche Kinder ich habe etc. Aber Hauptsache, die Stimmung steigt nun, auch die nächtliche Unruhe ist seit einiger Zeit nicht mehr und sie schläft nun sehr viel.

    Das nur mal nebenbei als positive Rückmeldung ;) Ich hoffe, es bleibt nun wenigstens stimmungsmäßig so. Dann sind die Besuche auch nicht so stressig. Wahrscheinlich weiß sie allerdings morgen schon nicht mehr, dass ich heute da war... Egal, ich habe nach dem Rechten gesehen und möchte weiterhin rückmelden, dass es auch wirklich gute Heime gibt, in dem alle Mitarbeiter sehr nett und aufgeschlossen sind, den Bewohnern nun wieder Beschäftigungsangebote gemacht werden etc.

    Also von "Abschieben" kann da wirklich keine Rede sein.


    Liebe Grüße an alle, die auch immer mal wieder "mitgelitten" haben und vor allem mich bestärkt haben, meine Mutter wirklich dort zu belassen. Es war genau richtig :)

    Rose

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, das Thema dieser Woche haben Sie Teuteburger auf den Punkt gebracht: Aushalten als Übergang


    Für mich sind dabei zentrale Fragen:

    • Was brauchen wir für einen gelingenden Übergang in einer schier ausweglosen Situation?
    • Wo liegt der Sinn für mich in diesem Schicksal?

    Dabei denke ich jetzt an Sie, Barbara66. Manche Beiträge haben Sie gelöscht, aber Ihre Not und die ganz besondere Herausforderung haben Sie ja schon oft beschrieben. Schon oft habe ich geschrieben, dass die frontotemporale Demenz Ihrer Mutter mit diesen fixen Gedanken und den massiven Wahnvorstellungen eine Herausforderung ist, die nur wenige Kinder so lange aushalten wie Sie! Es ist absolut verständlich, wenn Sie bei bestimmen Äußerungen Ihrer Mutter in alte Muster zurückfallen und Schlüssel-Schlossprinzip immer wieder mit aller Wucht zuschlägt. Sie wissen, dass Sie sich selbst pflegen“ dürfen. Sie wissen, dass die Demenz fortschreitet und irgendwann die fixen Themen in den Hintergrund treten. Die Frage ist nur, was brauchen Sie bis dahin, wie können Sie sich bis dahin schützen? Wie können Sie die Zeit auf das Notwendige und Nützliche begrenzen und eine schnelle, klare Grenzen setzen, wenn die Teufelskreise der Probleme wieder beginnen?


    Manchmal helfen Standardsätze wie: „Wir haben das 1000 mal geklärt … ich kann das wirklich nicht mehr ertragen… Ich will nicht ungerecht werden (gedacht, vielleicht nicht gesagt: weil Du sehr krank bist). Ich muss jetzt für mich sorgen, ich gehe eine Runde spazieren … oder komme morgen wieder…“


    Die zweite Frage nach dem Sinn ist noch schwieriger, Hanne63 hat es so schön auf den Punkt gebracht, wenn sie schreibt, dass der Weg zur Meisterschaft so oft durch die Widrigkeiten verhindert wird. Mein Gedanke ist: Je größer die Herausforderungen, desto größer wird die Meisterschaft.


    Früher war dies mit dem Archetyp des oder der Weisen verbunden und für die schwierige Zukunft werden wir immer mehr die „weisen Alten“ brauchen. Ihre Mutter wird diesen Sinn unserer Kulturgeschichte wohl nicht mehr schaffen, aber vielleicht Ihnen gelingt manchmal der Blick auf das, was Sie schon so stark gemacht hat, dass Sie eine Situation meistern, an der die meisten scheitern.


    Vielleicht fällt es Ihnen dann leichter, konsequent in die Richtung zu schauen und dann Willkommen im Club der Weisen Alten – ich will da jedenfalls auch mal hin. Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Ecia, ich möchte meine Antworten jetzt mit den unterschiedlichen Themen trennen, vielleicht lassen sie sich besser mitverfolgen.


    Wenn im plötzlichen Stimmungswechsel ein Reizthema wieder hochkommt, haben Sie wie so viele andere die gute Erfahrung durch die freundlich verstehende Ablenkung gemacht.


    In Ihrem Beitrag habe ich zwei gute Zeichen gelesen: Es braucht immer länger, bis das Reizthema plötzlich hochkommt, d.h. irgendwann werden Sie vorher schon mit guten Gefühl gegangen sein …

    ... und das emotional besetzte Gitarrenthema wird nur an Personen mit ganz großem Vertrauen angesprochen, irgendwann werden Sie denken oder sagen können, „danke für das Vertrauen, dass Du mich an der Trauer um den Verlust der Gitarre Anteil nehmen lässt… oder sogar: ich weiß wie sehr Dich das Thema schmerzt, mich freut, dass Deine Enkelin so viel Freude am Gitarrenspiel hat und es ihr in der persönlichen Not hilft, sie hat es ja wirklich nicht leicht gehabt … Du hättest ihr sicher Deine schöne Gitarre überlassen…“

    Diese Form der Validation ist vielleicht noch zu früh, aber Sie haben ja schon beste Erfahrung mit der Ablenkung.


    Früher haben wir übrigens diesen plötzlichen Stimmungswechsel als „Affektlabilität“ bezeichnet: Aus unerklärlichen Gründen kann die Stimmung in der Demenz plötzlich wechseln, es ist für mich manchmal so, als wenn eine Schallplatte nach vorne rutscht – darüber können wir uns ärgern, es persönlich nehmen oder eben (wie das Symptom der Demenz) annehmen, weil die Platte und die Technologie auch schon in die Tage gekommen sind … Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Rose60, mich freut immer sehr, wenn eine demenzkranke Frau im Heim oder in der Tagespflege eine Nachbarin aus Kindertagen wiedererkennt. Fast immer trifft dies auf Gegenseitigkeit und es können tiefe Freundschaften entstehen und Gespräche, deren Sinn Außenstehende oft nicht wahrnehmen können.


    Niemals würde ich ein so intensives Erleben von Geborgenheit oder von „zuhause angekommen sein“ mit der Realität konfrontieren – mit wenigen Ausnahmen, wenn z.B. das Gegenüber das Freundschaftsangebot ablehnt. Dann würde ich validieren und vielleicht sagen, „ja diese Frau hat so viel Ähnlichkeit mit XX, das war eine so schöne Zeit mit Euch, weißt Du noch wie … oder erzähl mal von …“

    Solche Verwechslungen sind in der Demenz zum Glück häufig und ein gutes Zeichen in einer Einrichtung. Es ist kein Hinweis darauf, dass Sie irgendwann auch als Tochter verkannt werden. Ihr Martin Hamborg

  • Rose, das freut mich zu lesen, dass es auch mal so gehen kann. Und es macht auch Mut. :)


    Ich habe mich heute mal bei den Heimen in der Nähe meiner Mama umgesehen. Trotz guten Rufes, wenn man den Rezessionen glauben schenken kann, sind pro Heim meist acht Stellen unbesetzt. Da könnte ich schon wieder . . .


    Liebe Grüße an alle

  • Hallo Herr Hamborg,

    danke für Ihre Stellungnahme.

    Darf ich Sie kurz verbessern:Meine Mutter leidet an LBD,nicht FTD.🙂

    Auch wenn ich nicht immer antworte,so nehme ich mir Ihre Tips sehr zu Herzen und versuche Sie umzusetzen.

    Ganz hilfreich fand ich die Aussage:Ich lasse mich nicht provozieren, sondern bleibe die starke Tochter,die meine Eltern jetzt brauchen.

    Das habe ich diese Woche ein paar mal im Umgang mit meinem Vater versucht.

    Er ruft mich am Abend an und bittet mich noch 10 Eier auf die Einkaufsliste zu setzen.

    Am nächsten Morgen jogge ich vorbei und erwähne noch einmal,daß ich die Eier aufgeschrieben habe.

    Da sagt meine "demenzkranke "Mutter:Wir haben doch hinten 10 Eier.

    Ich sage zu meinem Vater:Aber Du hast mich doch gestern Abend deshalb angerufen!

    Er:angerufen habe er,aber das mit den Eiern hätte ich wohl falsch verstanden.

    Daran merke ich dann,wie auch seine Demenz voranschreitet.

    Sie haben recht-was bringt es,auf sein Recht zu pochen,wenn es in einen kranken Kopf nicht mehr reingeht.

    Also habe ich ihn reden lassen.....

    Diese Woche hat das gut funktioniert und ich bin sehr entspannt-ob es so bleibt,weiß ich nicht.

    Im Umgang mit meiner Mutter wird mir immer klarer, daß ich mich in Ihre Wahnwelt begeben muss und mit "Trost geht immer" ganz gut fahre.

    Wenn Sie das nächste Mal Ihren Termin zum erschießen hat und Ihre Tasche mit Schlafanzügen,Zahnbürsten,Handtüchern usw.packt,dann versuche ich sie nicht umzustimmen,sondern frage sie,ob noch was fehlt und was sie noch gerne mitnehmen möchte.

    Wenn Sie dann merkt,daß niemand zum erschießen kommt oder Sie nicht zum "Erschiessungstermin "gefahren wird,löst sich dieser Wahnsinn dann ganz von selbst auf.

    Sie hat dann auch eine Erklärung dafür,warum dieser Termin nun wieder nicht zustande gekommen ist und packt ihre Tasche wieder aus.

    Ich tröste sie dann und sage ihr,daß das mit dem Sterben nicht so einfach ist und wir warten müssen,bis der liebe Gott sie holt.

    Nach so einem Vorfall können dann wieder 2 gute Tage kommen,an denen sie plötzlich die Betten mit ihrer Lieblingsbettwäsche bezieht und richtig Freude daran hat.

    Ich freue mich dann so sehr über das Lächeln in Ihrem Gesicht ,daß der vergangene "Wahnsinn" keinen Platz mehr bekommt.

    Man muß einfach mit den gravierenden Schwankungen der LBD im Tagesverlauf versuchen zurechtzukommen.

    Danke für Ihre Rückmeldung und Unterstützung.

    LG

    Barbara66

  • Hallo,an alle,die mich noch in Erinnerung haben. Ich lese immer noch hier im Forum alle Leidenswege und auch mein Leidensweg hat wieder begonnen.Meine Mutter war im Seniorenheim,jetzt schon ein Jahr.Sie hatte eine gute Nachbarin und so hatte sich das alles ein bisschen geklärt.Aber jetzt hat sich ihre Demenz sehr verschlimmert.Sie ruft kaum noch an,wenn ich sie Anrufe,erzählt sie ,sie wäre jetzt in ein Haus eingebrochen,sie hat etwas ganz Schlimmes gemacht.Die Leute wissen nicht,dass sie in ihrem Haus sei,die würden ihr bestimmt ein Auge blau schlagen oder sie rauswerfen .Heute war sie wieder in eine Wohnung eingebrochen.Die Leute waren nicht zu Hause,ich soll sie schnell dort abholen.Ich habe gesagt,ich hole sie dort ab.Nun wird sie warten.Ich weiß auch wieder einmal nicht,wie es weitergehen soll.Sie ist nun im Heim,doch der Terror geht weiter .Die Stationsschwester hat mir gesagt,dass sie einen großen Ruck gemacht hat.Keine Orientierung,spricht alle mit falschen Namen an,vergisst alles,weiß auch nicht,dass ich sie besucht habe.Die Freundinnen nehmen alle auch Abstand,weil sie meine Mutter kaum noch ertragen können.Ich habe alles verkehrt gemacht,sagt sie dann.Wie verhält man sich in solchen Situationen.

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