Wie geht es Euch? Thread IV

  • Hallo Rhoenkind76,


    ich wünsche dir viel Kraft in dieser Situation.


    Mögliche Anlaufstellen wären z.b. (je nachdem wie es bei euch vor Ort aufgebaut ist)
    - Pflegestützpunkt
    - Gerontopsychiatrischer Dienst

    - Caritas / Malteser / Rotes Kreuz

    - Hausarzt


    Wenn das alles ganz akut, ohne sichtbaren Auslöser, gekommen ist steckt vielleicht auch etwas organisches dahinter. Hier wäre mein erster Anlaufpunkt der Hausarzt, Blutabnahme und Blutbild.

    Einmal editiert, zuletzt von Sohn83 ()

  • Hallo - ich bin zum ersten Mal hier. Ich habe mir einige Beiträge durchgelesen und gesehen, dass es einer Reihe von euch zumindest ähnlich geht wie mir. Meine Mutter hat zumindest aus meiner Sicht beginnende Demenz (sie weigert sich, zum Arzt zu gehen, aus ihrer Sicht fehlt ihr nichts). Sie verändert sich momentan rapide. Erste Anzeichen traten ein paar Monate nach dem Tod meines Vaters auf (er verstarb vor fast einem Jahr). Dass sie in ihrer Trauer Dinge vergaß, fand ich recht normal. Auch, dass sie sich deswegen um Beerdigung und Papierkram nicht kümmern wollte. Aber seitdem wird es täglich schlimmer. Ich wohne 700 km entfernt, besuche sie alle 1,5 oder 2 Wochen für 5-7 Tage. Wenn ich bislang da war, war sie ganz in Ordnung. Sobald ich weg bin, ruft sie mich bis zu 60x am Tag an. Das können kurze Anrufe von 5 Min sein, aber auch von 1 Stunde. Ich arbeite durch die Pandemie im Home Office, habe aber einen Job, bei dem ich viel telefonieren muss. Seit 2 Tagen stelle ich mein Handy bei längeren Telefonkonferenzen auf Flugmodus - und habe nach 1 Stunde dann 20 Nachrichten auf der Mailbox. Mittlerweile beeinträchtigen die ständigen Anrufe meine Arbeit. Sie hat jedes Zeitgefühl verloren, ich habe im Forum gelesen, dass das wohl häufiger vorkommt. Sie ruft mich jederzeit zwischen 3 Uhr morgens und 22 Uhr abends an. Sie erinnert sich zumindest an die sehr frühen Anrufe nie. Tenor ist immer derselbe: Ich war sie besuchen und bin einfach abgehauen, mitten in der Nacht, am Tag, wenn sie sich umgedreht hat etc. Ich kann ich noch so oft sagen, dass ich nicht bei ihr war - sie sagt, ich lüge sie an. Sie schreit mich an, dass ich sie wie ein Stück Dreck behandle, sie ist mir egal, usw. Ich liebe meine Mutter, ich würde die Dinge, die sie mir vorwirft niemals tun. Je nach Tagesform droht sie mit Selbstmord.

    Heute ist alles eskaliert: Ich hatte ihr versucht zu erklären, dass ich während der Arbeitszeit nicht immer ans Telefon gehen kann, wenn sie anruft. Aus ihrer Sicht hat sie maximal 2x angerufen. Ich hatte seit mittags 23x mit ihr telefoniert - und habe ihr das gesagt. Sie ist hat mich sofort angeschrien, dass sie mich nie wieder sehen will, ich mir mein "Zeug" abholen soll, sie nichts mehr mit ihr zu tun haben will usw. Später hat sie mir dann vorgeworfen, dass ich sie aus ihrer Wohnung ekeln will, um selbst dort einzuziehen. Durch die ständigen Anrufe und Angeschrien werden bin ich vollkommen übermüdet und mit den Nerven fertig. Diese Eskalation war nur eine Frage der Zeit. Aber sie selbst realisiert nicht, dass sie viele Dinge vergisst oder verlegt (das war dann auch ich). Ich bin nur noch dafür gut, sie an Termine zu erinnern und mich anpflaumen zu lassen. Ein richtiges Gespräch hatten wir seit Tagen nicht mehr. Ihre heutige Drohung, mich nicht mehr anzurufen, hat bei mir zunächst Erleichterung hervorgerufen - aber sie ist meine Mutter und ich sollte sowas nicht einmal denken. Ich weiß momentan nicht, wie es weitergehen wird.

  • Hallo Tanja,

    Doch, Sie dürfen so etwas denken, denn auch eine Mutter darf nicht dermaßen übergriffig sein und Sie haben ein Recht auf eigene Gesundheit, die draufgeht, wenn es so weitergeht!! Das erstmal aus dem Bauch heraus. Ich kenne solche schlimmen Phasen von meinen Elternteilen und da ist Handlungsbedarf für Sie beide.

    Zunächst meine Idee, dass es evtl auch eine "Pseudodemenz", ausgelöst durch eine Depression infolge der Trauersituation, sein könnte, die man mit Antidepressiva behandeln kann. In meiner Umgebung hier könnte man über den Hausarzt eine Einweisung in die Gerontopsychiatrie zur Diagnostik und Behandlung erwirken, hier ist das eine wirklich sehr empfehlenswerte Einrichtung. Doch ich weiß natürlich nicht, wie es in der Umgebung Ihrer Mutter aussieht. Haben Sie schon mit dem Hausarzt Ihrer Mutter Kontakt aufgenommen? Das würde ich als erstes tun, gleichzeitig überlegen, wie Sie die Anrufe blockieren können. Es führt ja zu nichts, wenn Sie sich diesen Angriffen aussetzen. Das wird nicht von allein besser .

    Sobald man einen Ansprechpartner hat und einen gewissen Plan, sollte es für Ihr Gefühl besser werden.

    So können und müssen Sie es definitiv nicht weiterlaufen lassen.

    Der Verlust des Partners ist keinesfalls eine Entschuldigung dafür, ich habe auch schon meinen Mann verloren und meine Kinder in keinster Weise belästigt, sondern anderweitig Hilfen gesucht.

    Also da läuft etwas nicht auf gesunde Weise, das haben Sie ganz richtig erkannt.

    Außer dem Hausarzt können Sie sich an den sozialpsychiatrischen Dienst des zuständigen Wohnortes Ihrer Mutter wenden, mir wurden dort gute Tipps gegeben .

    Für Sie selbst würde ich mich auch professionell beraten lassen, bei einer Beratungsstelle z.B., damit Sie Tipps bekommen, wie man sich sinnvoll abgrenzen lernt und wie weit man sich wirklich vereinnahmen lassen darf/muss.

    Ich wünsche Ihnen die notwendige Unterstützung, habe selbst dieses Mosaik an Hilfen genutzt um nicht dabei drauf zu gehen.

    Das Ziel ist Hilfe für Sie beide!!

    Liebe Grüße

    Rose60

  • Liebe Rose60 - ganz herzlichen Dank für die lieben Worte. Sie haben mir wirklich geholfen - wie auch Ihre Tipps. Ich wusste beispielsweise nicht, dass ein so etwas wie einen sozialpsychiatrischen Dienst gibt. Das werde ich sofort recherchieren. Da Thema Hausarzt könnte etwas schwierig sein: Meine Mutter war in den letzten 2 Jahren gerade mal 5 Minuten zur Booster-Impfung bei ihrer Hausärztin. Ich weiß also nicht, in wie weit sie den Zustand meiner Mutter beurteilen könnte. Ich habe heute früh zart das Thema Unterstützung für meine Mutter am Telefon angedeutet und sie ist direkt wieder in den "Schreimodus" übergegangen. Eine Bekannte, die sie regelmäßig mit zum Gottesdienst nimmt, hatte mich zuvor angerufen. Auch bei ihr war meine Mutter gestern eskaliert. Die Bekannte wollte mir dazu Bescheid geben und bot auch auch, ein Auge auf sie zu haben, wenn die beiden in der Kirche sind.

    Momentan will meine Mutter nicht mit mir sprechen und hat auch gesagt / gedroht, dass wenn ich mich "nicht benehme" (was heißt, dass ich ihr widerspreche), mich nicht mehr sehen möchte. Ich habe den nächsten Besuch bei ihr ab Sonntag (für eine komplette Woche) geplant. Mal schauen, wie der wird.

    Liebe Grüße

    TanjaS

  • Hallo Tanja, als ich Ihre Schilderung las, fühlte ich mich um Jahre zurückversetzt, als bei meiner Mutter die Demenz begann ... ebenfalls nach dem Tod meines Vaters (mit dem sie fast 60 Jahre ein Leben geteilt hat). Die damals einsetzende Aggressivität meiner Mutter mir gegenüber war mir unbegreiflich. Wir taten alles für sie, aber es reichte ihr nie. Da die Demenz oft schleichend beginnt, können wir von außen nicht ausreichend beurteilen, auf welcher Stufe die betroffene Person gerade ist. Aus dem Rückblick heraus würde ich sagen, dass jeder Widerspruch, jedes Erklären/sich Verteidigen ab einem gewissen Punkt zwecklos ist. So wie Sie es beschreiben, wähnt sich Ihre Mutter ja im Recht, weil sie sich sicher ist, dass in ihrer Realität sie ja wirklich nur wenige Male angerufen hat ... Wie man beschwichtigend reagieren kann, weiß ich leider auch nicht. Ich weiß nur, dass Widerspruch relativ wenig nützt. Das bringt einen zur Verweiflung - ich weiß. Aber vielleicht ist es ein Trost, dass mit fortschreitender Demenz sich die Wogen auch wieder glätten können. Erstens lernt man als Angehörige immer mehr, das Verhalten als Teil der Krankheit zu sehen ... man lässt los. Und andererseits umfasst das allgemeine Vergessen beim Dementen eben auch das, was sie einst aggressiv gemacht hat. Meine Mutter ist jetzt in einem guten Pflegeheim (ein Ort, der für sie als kluge, lebenspraktische Powerfrau nie in Frage gekommen wäre, so lange sie selbst entscheiden konnte) und wird von den Pflegenden jetzt als sehr zufrieden und ausgeglichen beschrieben. Ich habe praktisch keinen großen Platz mehr bei ihr mehr, wofür ich ehrlich gesagt dankbar bin, weil es mich sehr entlastet. Ich möchte damit sagen, dass Sie auch zuversichtlich sein können, dass nun alles zwar nicht wieder ganz perfekt, aber doch viel, viel besser werden kann. Und ansonsten schließe ich mich Rose60 an: Schauen Sie auf sich und suchen Sie sich Hilfe. Rose60 hat Möglichkeiten genannt.

  • Lieber schwarzerkater -

    Ihre Nachricht macht mir Hoffnung. Meine Eltern waren fast 61 Jahre verheiratet, da versteht man, wenn der Partner schmerzlich vermisst wird. Mir geht es genauso: Ich tue aus meiner Sicht wirklich alles, was möglich ist - bei 700 km Entfernung hat das sicherlich Einschränkungen. Ich bin Einzelkind, deswegen prallt alles bei mir mit voller Wucht auf. Aber ich werde versuchen, den Tipp, sich nicht zu verteidigen oder zu widersprechen, in die Tat umzusetzen, vielleicht hilft es.

    Ich hoffe, dass meine Mutter mit fortschreitenden Demenz wieder milder wird. In ihrer Nähe gibt es ein sehr gutes Pflegeheim, das ich bereits seit der Kurzzeitpflege meines Vaters kenne. Er hat sich dort sehr wohlgefühlt. Wenn bei meiner Mutter der Fall eintritt, ist es auf jeden Fall eine sehr gute Option. Allerdings reagiert sie auf das Thema "Unterstützung" momentan sehr allergisch.

    Ich danke Ihnen sehr, Ihre Nachricht ist wirklich ein Hoffnungsschimmer für mich.

    Viele Grüße

    TanjaS

  • Liebe Tanja,

    Es freut mich zunächst mal, dass Sie mit unseren Erfahrungen etwas anfangen können.

    Ganz wichtig finde ich, dass Sie keinerlei Schuld bei sich suchen für die Aggressivität Ihrer Mutter. Es ist die Krankheit, bei meiner Mutter wurde im Pflegeheim ein Antidepressivum angesetzt, trotzdem habe ich für lange Zeit bei meinen Besuchen alles abbekommen an Unzufriedenheit und bin oft unter Tränen dort weg gegangen. Ich habe mich beraten lassen, wie ich in schwierigen Situationen bei mir etwas ändern kann und Ärger umschiffen.

    Dafür gibt es zum Beispiel schon die Möglichkeit einer telef. Beratung bei der Dt. Alzheimergesellschaft ( kann man googeln). Das hat mir mehrmals sehr geholfen. Die übrigen Tipps haben Sie ja bereits.

    Ich könnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, 1 Woche mit meiner Mutter zu verbringen, überlegen Sie wirklich, ob es noch machbar ist oder Sie vllt woanders als Rückzugsort unterkommen können, von wo aus Sie Ihre Mutter besuchen.

    Die Hausärztin könnten Sie sicher um ein Telefonat bitten, eigentlich haben Hausärzte ja Erfahrung mit solche Situationen. Vllt könnte Ihre Mutter unter einem Vorwand dort einbestellt werden und ggf. Medikamente.

    Das Problem bei Demenz ist, dass keine Einsicht auf Unterstützungsbedarf möglich ist, es fehlen nach und nach die Verknüpfungen im Gehirn und ich vermute, es ist auch viel unbewusste Angst bei den alten Menschen im Spiel. Das kann man aber nicht diskutieren und Einsicht erwarten. Allein kommen Sie da nicht raus und man muss das auch nicht alles allein schaffen.

    Oft gibt ein Sturz o.ä.den Auslöser für Veränderung, so war es bei uns auch, dann wegen armbruch kurzzeitpflege und weitere Verletzung stationäre Dauerpflege. Meine Mutter meint immer noch, sie komme zuhause prima allein zurecht, macht aber absolut nichts in Eigeninitiative, jede Blume vertrocknet, die mitgebrachten Äpfel, die sie unbedingt brauchte, verschimmeln etc.

    Wie schwarzer Kater schrieb, die Akzeptanz macht es irgendwann leichter, von dem gewohnten Menschen muss man sich innerlich verabschieden.

    Liebe Grüße;)

  • Die letzten Beiträge von Tanja und Rose rühren mich sehr an. Ich erkenne an ihnen, dass ich manche schwierigen Stufen schon gegangen bin. Liebe TanjaS, ich bin auch Einzelkind, habe allerdings bis zum Pflegeheim genau neben meiner Mutter gewohnt und somit jahrelang (gemeinsam mit meinem Mann) ihr Leben aufrecht erhalten, sie in jeden Urlaub mitgenommen ... Ohne meinen Mann hätte ich es nicht geschafft ... Ganz ehrlich! Ich habe auf den Knien gebetet, dass "der Himmel" mir einen Ausweg zeigt. Und wie Rose60 schon schreibt, muss man es ein bisschen auch darauf ankommen lassen. Früher oder später passiert ein Sturz oder Ähnliches und das sind dann die Gelegenheiten, dass sich alles in eine richtige Richtung entwickelt. Wichtig ist trotzdem, hausärztliche Unterstützung zu bekommen (die hatten wir) und dann den Schmerz auszuhalten, dass man "über den Kopf der kranken Person hinweg" zu ihrem Wohl entscheiden muss, welche Lösung für sie gut ist. Das ist ein Weg, den jeder hier gehen muss. Wir müssen alle unseren Weg bis zum Ende gehen. Liebe Tanja, es ist der Weg Ihrer Mutter. Sie begleiten ihn "nur" ein Stück. Man kann das schaffen, ich wünsche Ihnen alles Gute.

  • Liebe Rose60 -


    mittlerweile bin ich mit meinen Recherchen etwas weiter, was den sozialpsychiatrischen Dienst in der Stadt meiner Mutter angeht - es gibt tatsächlich einen. Ich hatte dies in der Kleinstadt meiner Mutter nicht vermutet, umso erfreulicher, als ich dies gesehen habe. Der Dienst und ein Telefonat mit der Hausärztin stehen bereits auf meiner To Do Liste.

    In den täglichen Arbeiten wie Kochen, einkaufen oder Wäsche waschen erledigt sie prima - ab und an kommt der Kommentar, dass niemand hilft.

    Ich schaue jetzt mal, wie es ist, wenn ich bei ihr bin, meistens ist sie dann weniger krawallig. Sollte die Situation eskalieren, kann ich in der Nähe unterkommen, das ist kein Problem. Ich hatte schon nach entsprechenden Alternativen gesucht.

    Ich muss aber sagen, dass sie heute recht umgänglich ist und wir erst 1x telefoniert haben, sie scheint momentan eher gefestigt zu sein bzw. eine gute Phase zu haben. Das ist auch eine Erholung für mich.

    Ich denke tatsächlich, dass eine Untersuchung bei ihr und entsprechende Empfehlungen eines Arztes erst möglich sein werden, wenn sie stürzt oder sich verletzt, auch wenn ich ihr das nicht wünsche.

    Lieben Dank nochmal für die Tipps, die Anteilnahme und die guten Wünsche. Mir hilft das wirklich sehr.

    Liebe Grüße, Tanja

  • Liebe schwarzerkater -

    Auch Ihnen vielen Dank für die lieben Worte. Vielleicht muss ich es wirklich ein bisschen mehr drauf ankommen lassen, wie Sie schreiben. Man sorgt sich dann doch, vor allem, wenn man nicht in der Nähe wohnt. Ich fahre so oft wie möglich zu ihr - mittlerweile bin ich mindestens 10 Tage im Monat bei ihr. Öfter schaffe ich es dann nicht. Da geht dann meistens auch alles einigermaßen gut, auch wenn es für mich anstrengend ist (merke ich, wenn ich wieder zuhause bin). Es ist schon eine wirkliche Unterstützung hier zu lesen, dass man nicht alleine ist. Und dass man es schaffen kann. Das gibt mir Hoffnung und Kraft. Und dafür danke ich Ihnen.

    Liebe Grüße

    Tanja

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Hanne63, Ihre Verzweifelung kann ich so gut nachvollziehen. Auch ich erlebe immer wieder, dass es trotz aller booster-Impfungen zu Infektionen kommt. Ich sehe noch keine Strategie, zudem passt es überhaupt nicht zu der Diskussion um die Impfpflicht und die aktuellen Lockerungen. Eben sehe ich, dass das RKI vor zwei Wochen eine neue Empfehlung für Heime herausgegeben hat, genau so streng und konsequent wie vor den Impfungen. Die resignierte Haltung nach dem Motto "wir werden sowieso alle krank", die Sie aus dem Heim melden steht dort nicht. Aber es gibt leider auch keine Entwarnung:


    "Das Ausmaß von Besuchsrestriktionen orientiert sich am Umfang des Ausbruchsgeschehens (Zahl der Fälle und betroffenen Bereiche), den räumlichen Gegebenheiten (z.B. Möglichkeit der Kohortierung), der Möglichkeit der Isolierung und des Einsatzes der erforderlichen Infektionsschutz-maßnahmen. So können Besuchsrestriktionen je nach Situation in abgestufter Form umgesetzt werden. Sie können sich beispielsweise auf einzelne infizierte Bewohnerinnen und Bewohner bzw. betroffene Wohnbereiche beschränken..." (RKI 14.2.22)


    Immerhin spricht das RKI von "stufenweisen Anpassungen" z.B. bei einer mehr als 90%tigen Durchimpfung und von Ausnahmen in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt für Geboosterte. Ich teile also Ihre Sorgen und hoffe sehr, dass wir pragmatische Wege finden - in einer Zeit in der niemand mehr über Corona im Heim reden will.

    Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Rhoenkind, eine so plötzliche und extreme Verwirrtheit mit wahnhaften Symtomen hat nach meiner Erfahrung zumeist eine oranische Ursache, die als "Delir" oder "organische Psychose" bezeichnet wird.


    Deshalt ist die gründliche ärztliche Untersuchung oder eine stationäre Diagnostik der zweite Schritt. Der erste Schritt ist: Vermeiden Sie Diskussionen und jede Form der Eskalation und strahlen Sie so gut es geht Ruhe und Zuversicht aus. Dies klingt bei so extremen Situationen fast wie Hohn, aber es hilft vielleicht, dass die akuten Symptome ein Hilfeschrei sind, um eine schnelle Behandlung einer schweren organischen Erkrankung zu bekommen! Der sozialpychiatrische Dienst sollte Ihnen da helfen.

    Ihnen und Ihrer Freundin viel Kraft! Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo TanjaS, zunächst möchte ich mich für die sehr kompetenten Antworten bedanken. Ich weiß dass die Tipps und das Mitgefühl derer, die das alles schon durchgemacht haben, wertvoller sind als der professionelle Rat.


    Wenn Sie bei Ihrer Mutter sind, können Sie üben, auf jede Form der Eskalation und Diskussion zu verzichten und es ist doppelt gut, dass Sie sich rausziehen können. Sie können Kraft tanken, Ihre Mutter kann sich aus einem fatalen Muster befreien und Sie bekommen einen Eindruck, wann sie wieder in das stereotype oder zwanghafte Muster fällt. Das alles ist schwieriger, wenn der Kontakt nur über das Telefon möglich ist.


    Sind Sie eigentlich auch wütend auf Ihre Mutter? Für mich wäre das ein Zeichen, noch einmal in Richtung Depression zu blicken. (Wir übernehmen in engen Bindungen manchmal den "aggressiven" Anteil der Depression). Bei Männern erleben wir übrigens häufiger, dass sich Depressionen und so ungebändigter Wut zeigen, wie bei Iher Mutter. Auch wenn Sie die Anrufe eher zwanghaft wahrnehmen, würde dies dafür sprechen. Aber wie gesagt, dann müssten Sie eigentlich ärgerlicher sein.


    Wenn Sie jetzt bei Ihrer Mutter sind, können Sie hoffentlich eine gründliche Untersuchung bei der Hausärztin veranlassen, - eine sorgende Tochter erhöht manchmal die Bereitschaft für einen Hausbesuch. Der erste Schritt bei diesen demenzbedingten Veränderungen ist die diagnostische Abklärung anderer Ursachen!


    Da Sie so weit weg wohnen, braucht Ihre Mutter vor Ort ein stabiles und robustes Netz und ich hoffe sehr, dass sich die Bekannte nicht von den Veränderungen abschrecken lässt.


    Bei demenzbedingtem "Telefonterror" empfehle ich oft das, was Sie schon machen: Konsequent Abschalten, mit guter Laune zurückrufen und Gelassenheit üben. Damit unterbrechen Sie das Muster - langfristig, denn es ist ja schon fest in das Gehirn eingebrannt.


    Sie können sich auch um einen Pflegegrad kümmern, so wie Sie Ihre Mutter beschreiben, wird es oft nur der Pflegegrad 1, der immerhin mit den 125€ Entlastungsleistungen und vielleicht den Besuch einer Betreuungsgruppe möglich macht.


    Ihnen wünsche ich viel Kraft und inneren Schutz! Als Prellbock für die Vergesslichkeit und Wut Ihrer Mutter können Sie "eigentlich nur alles falsch machen" - deshalb ist es richtig, dass Sie sich schützen und auf jede Form eines schlechten Gewissens verzichten. Es freut mich, dass Sie von und mit so viel Liebe zu Ihrer Mutter schreiben, dass dieser Weg möglich scheint.


    Uns allen wünsche ich viel Kraft in einer schrecklichen Zeit mit so ungewissem Ausgang. Da unser Handeln sehr eingeschränkt ist, brauchen wir die positiven Nischen und tatsächlich können uns alte Menschen mit Demenz dabei etwas trösten. Ihr Martin Hamborg

  • Hallo, Hanne,


    das ist totaler Mist. Ich erlebe auch in meinem Umfeld, dass das Virus keinen Halt vor den Geimpften macht. Diejenigen, die ich kenne, testen sich regelmäßig. Aber bei Omikron zeigt der Test erst dann ein positives Ergebnis, wenn bereits Symptome vorhanden sind, vorher immer negativ.


    Wenn man Kinder hat, dann ist da tatsächlich ein Durchlauf zu verzeichnen. Das Personal kann sich hier anstecken, mit Impfung und ohne Impfung. Eine Bekannte von mir, die im Gesundheitswesen arbeitet, hat nach dem Booster jetzt schon zum zweiten Mal Corona gehabt. Auch hier das Problem mit den Tests.


    Die Impfung hilft bei Omikron meist vor schweren Verläufen, aber die Ansteckungsrate ist leider hoch in ganz Deutschland. Überall, wo viele Menschen zusammenkommen, wie in Schulen, Krankenhäusern, Heimen usw. da hat man tatsächlich kaum eine Chance, die Ansteckungen ganz zu verhindern.

    Ich erlebe es auch, dass manche es etwas lockerer nehmen mit den eigenen Hygienemaßnahmen. Das sollte im Heim zwar nicht der Fall sein, aber die Hektik kann hier schon mal einen Strich durch gute Vorsätze machen.


    Leider habe ich auch keinen Gescheiten Trost, liebe Hanne


    Ich hoffe, dass Deine Eltern es trotzdem gut überstehen


    Liebe Grüße an Dich

  • Ja, Corona macht auch vor zweimal Geboosterten keinen Halt. Das ging auch meinem ohnehin schwerstkranken Sohn so, der sich bei seinem, ebenso geboosterten, im Rettungsdienst tätigen Bruder, angesteckt hatte: vor zwei Wochen fand die Infektion statt, es ist nicht klar, ob er Symptome hat oder ob es Auswirkungen seiner übrigen Erkrankungen sind, jedenfalls ist er immer noch positiv. Aber: wir sind sehr dankbar, dass er alle diese Impfungen hat, denn wenn sich die Infektion trotzdem noch so sehr in seinem kranken Körper halten kann, wollten wir nicht wissen, wie schwer er ohne Impfung oder mit nur ein oder zwei Impfungen erkrankt wäre.

    Ja, gerade Omikron lässt sich durch fast nichts aufhalten - aber wir haben eben Einfluss drauf, wie schwer die Krankheit verlaufen kann.

  • Hallo Hanne u.a.,

    Ich finde, im derzeitigen Verlauf der Pandemie bringt es nichts nach Verantwortlichen zu suchen. Meine Kinder sind mittlerweile trotz aller Vorsicht von omikron betroffen, bei einer hat es das Kita Kind angeschleppt, ausgerechnet nach der Geburt von Geschwistern, ich hatte viel Sorge. So verbreitet es sich einfach über die jungen Familien bis zu den Großeltern etc. Einige haben überhaupt keine Symptome oder nur leichte Erkältungssymptome. Und meist sind die ersten Schnelltests bei Omicron negativ.

    Wen soll man dafür beschuldigen nach zwei Jahren mit sehr viel Einschränkungen.

    Wir müssen damit leben, dass wir nicht alles in der Hand haben. Sterben können wir auch an jeder Menge anderer Krankheiten. Mehrere Familien Mitglieder bei mir sind in dieser Zeit an Krebs erkrankt, ich selbst hatte einen ganz blöden Sturz, der ganz schlimm hätte ausgehen können, so wurde es "nur" Arm- und Beinbruch. Mein Schwager mit Vorerkrankungen hatte gerade Corona ganz ohne Symptome.

    Ich denke, ein bisschen hofft man nun auf Aufbau von natürlichen Antikörpern, eine gewisse Durchseuchung und aufgrund der meist geringen Symptomatik kann man wahrscheinlich die vielen Einschränkungen nicht mehr begründen.

    Also ich persönlich fürchte nicht so um meine Mutter. Was soll denn mit 91 Jahren und fortgeschrittener Demenz noch aufgehalten werden. Mit Wegsperren ins Zimmer und Vermeidung von geselligen Aktivitäten ist ihr für ihre verbleibende Lebenszeit definitiv nicht geholfen. Das ist meine Einstellung dazu.

    Nach nun zwei Jahren ist erstmals das Virus im Heim meiner Mutter angekommen und das halte ich für nahezu unvermeidlich, da so viele junge Eltern dort beschäftigt sind und wo es mit Sicherheit nicht immer rechtzeitig erkennbar ist, wenn die Tests oft nicht anschlagen und keine Symptome oft auftreten.

    Allerdings ist das Heim nicht geschlossen und ich darf zu Besuch kommen, also vermutlich nur Einzelfall..

    Liebe Grüße an alle

  • Ihr Lieben, ich sehe es wie Rose60. Momentan ist bei uns fast die komplette Familie an einem schweren grippalen Infekt erkrankt, merkwürdigerweise keinerlei Covid, aber wahrscheinlich rächt sich das über Jahre abgeschottete Immunsystem. Leider können wir deshalb nicht ins Pflegeheim gehen - dort ist man vorsichtig, aber nicht übervorsichtig. Meiner Mutter wünsche ich in ihrem Zustand ein menschenwüdiges Leben, das ihr (noch) guttut. Gegen das Virus haben wir alle menschenmöglichen Vorkehrungen nach bestem Wissen und Gewissen bei uns und ihr getroffen (3 Impfungen!) und nun warten wir vertrauensvoll ab. Es ist ja immer ein Abwägen ..., aber ich mache mir diesbezüglich auch nicht so viele Sorgen. Für meine Mutter ist jetzt (!) noch ein guter Augenblick am wichtigsten, denn mehr bleibt ihr ja nicht ..., wofür soll sie sich aufsparen? Und wer weiß, wie alles für uns alle ausgeht .... Bei uns ist auch viel Krankheit in der Familie, große weitere Sorgen ... Inzwischen haben wir auch Krieg vor der Haustür ... Ich versuche, gelassener zu werden.

  • Herzlich Wilkommen auf dieser Seite, TanjaS! Ich bin auch relativ neu hier und habe den Austausch als sehr hilfreich empfunden! Oft hilft es, sich Sachen von der Seele schreiben zu können.


    Zum Telefonterror Ihrer Mutter muss ich sagen, dass ich ähnliches auch schon erlebt habe. Bei mir hat der Vater Demenz, und es gab Phasen, da bekam ich dutzende Anrufe am Tag, und viele Vorwürfe, meist irgendwelcher eingebildeter Mist. Ich empfand das psychisch als sehr belastend. Mir wurde empfohlen, einfach nicht ranzugehen, und lieber selbst, am Besten immer zur gleichen Zeit, anzurufen. Ich glaube, es ist in dieser Stufe wichtig, sich selbst zu schützen, das hat man als erwachsenes Kind am Anfang aber nicht so auf dem Schirm, weil man vom Wirbelwind des Wahnsinns einfach erstmal mitgerissen wird.


    In Ihre Lage mit der großen Entfernung kann ich mich gut reinversetzen; ich habe fast 20 Jahre lang in Amerika gewohnt, und es war immer schlimm, wenn Anrufe kamen mit irgendwelchen (oft eingebildeten) Notfällen und Agressionen (zumal das ja eine Zeit war, wo ich noch gar nichts von der Demenz wusste). Bei mir war es so, dass ich zu Beginn von Corona dann nach Deutschland gekommen bin und erst mal 6 Wochen bei meinen Eltern gewohnt habe, wo mir eigentlich erst klar wurde, wie es um meinen Vater bestellt ist. In der Folge habe ich mich dann entschlossen, dazubleiben und mir eine Wohnung in der Nähe gesucht. Wenn Sie alle 2 Wochen zu Ihrer Mutter fahren und 5-7 Tage bleiben, dann ist das schon eine extrem starke Unterstützungsleistung. Da würde ich Ihnen empfehlen, gut zu überlegen, wie es weitergehen soll, wieder Stichwort: sich selbst schützen. Mit den Anschuldigungen Ihrer Mutter ("kümmerst Dich nicht, bringe mich um, usw") liegt ja vielleicht nahe, dass man sagt, dann ziehe ich hin, aber da sollte man sich schon bewusst machen, dass man extrem viel aufgibt.


    Zum Abschluss noch eine Bemerkung zu Ihrer Erleichterung auf die Drohung Ihrer Mutter, Sie nicht mehr anzurufen: Da fühlt man sich natürlich schuldig, sollte es aber eigentlich nicht. Ich muss gestehen, dass ich hier gelegentlich Berichte von Teilnehmern lese, deren demenzkranke Eltern im Heim sind und eigentlich ganz zufrieden, viellleicht von den Kindern gar nichts mehr wissen wollen. Ich denke mir dann oft, ach, wenn's nur bei uns schon soweit wäre! Danach kommt man sich ganz schäbig vor, aber es ist irgendwie die Wahrheit; ich möchte mein normales Leben zurück, und möchte nicht alles hinter die Bedürfnisse eines Demenzlers zurückstellen müssen.

  • manchmal denke ich direkt: gut..wenn die alten, Kranken sterben...dann ist ja wieder Platz in den Heimen..und dann entstehen ja auch weniger Kosten für die Krankenkassen etc...also eine ganz einfache Rechnung...ich traue mich..das jetzt einfach mal so zu sagen...

    Das kann ich gut nachvollziehen. Irgendwie hat man sich auch mehr erhofft nach den ganzen Einschränkungen und der Impfung.


    Aber ich glaube, die Realität sieht anders aus. Ich gehe ohnehin davon aus, dass im Herbst wieder neue Varianten auftauchen. Das kann man laut Virologen nicht verhindern. Es gibt bald Impfungen, gegen die Omikronvariante. Zudem rechnet man damit, dass, je öfter sich jeder Einzelne ansteckt, dass dann der Virus wie eine normale Erkältung sein wird. Wir befinden uns wohl jetzt in der Mitte der Pandemie, mit der Tendenz zur Endemie.


    Es kann im Alter auch sein, das keine Impfung mehr wirklich hilft. Auch vor Corona sind doch viele an Lungentzündung ect. gestorben.


    Die Vorsicht in Heimen ist nur möglich bei kompletter Abschottung. Das hast du leider so stark mitbekommen, am Anfang der Pandemie, dass es schon eine Art Körperverletzung deinen Eltern gegenüber ist.


    Und jetzt, wo man wieder Besuche zulässt, da bleibt das Restrisiko leider bestehen, auch völlig schuldlos. Ich gebe auch die Wunschvorstellung auf, dass das Virus vollkommen beherrschbar ist oder das weitere Lösungen mehr bringen können, als es bisher gebracht hat.


    Liebe Grüße

  • Liebe OiOcha -


    ich habe auch erst ein paar Beiträge gelesen - das tat mir ebenfalls sehr gut. Man sieht, dass man nicht alleine ist und das eine viele Leidensgenossen gibt. Das hat mir tatsächlich schon ein wenig geholfen. Die Tipps und das Mitgefühl der Foren-Teilnehmer war für mich ebenfalls sehr wertvoll - und hat mir ein wenig das schlechte Gewissen genommen.

    Besuchen kann ich sie, aber in die Nähe ziehen kann ich nicht. Zwar habe ich einen Job, in dem ich im Home Office arbeiten kann, der aber vor der Pandemie auch eine Reihe von Reisen jeden Monat verlangte und natürlich auch die Arbeit im Büro. Ich leite unseren Münchner Standort, daher ist ein Umzug recht ausgeschlossen oder würde bedeuten, dass ich den Job wechseln müsste. Das ist etwas, was ich nicht möchte - ich mag meinen Job sehr. Wenn ich in der Nähe meiner Mutter wohnen würde, würde sie auch erwarten, dass ich täglich bei ihr bin. Ich müsste also nicht nur viel, sondern alles aufgeben - die meisten Möglichkeiten für einen ähnlichen Job wie meinen sind nur in größeren Städten vorhanden.

    Und ja: Ich kann sehr, sehr gut nachvollziehen, dass man ein schlechtes Gewissen hat, wenn man sich sein normales Leben zurückwünscht - mir geht es genauso. An manchen Tagen "überkommt" es mich, dass ich kein wirkliches Leben mehr habe. Wenn ich jetzt auch noch in die Nähe meine Mutter ziehen würde, gebe ich den kleinen Rest, den ich mir ab und an neben meiner Arbeit noch abzwacke auch noch auf.

    Sollte es in einer späteren Phase so sein, dass sie ohne mich glücklich ist oder sich ihr Wesen zum positiven verändert - wie ich dies bei einigen Teilnehmern gelesen habe - dann würde mich das sehr froh machen. Es würde weniger emotionalen Stress für meine Mutter bedeuten (und auch für mich)-

    Liebe Grüße

    TanjaS

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