Bettlägerigkeit

  • Hallo liebe Forums-Teilnehmer,

    ich möchte gerne Euren Rat einholen, da ich mich in der Situation unsicher fühle wie ich mich verhalten soll:


    Meine Mutter liegt seit dem Juli vergangenen Jahres des Tages und der Nachts im Bett. Die Gründe sind vielfältig. Auf der einen Seite neigt Sie im Sitzen zu Ohnmachten. Auf der anderen Seite kann Sie selbst kurze Zeiträume nicht in den Rollstuhl gesetzt werden, da die Personalkapazitäten nach Aussage des Personals dafür nicht ausreichen. Sie müsste ja auch in der Zeit des Sitzens durch Personal überwacht werden, das Sie nicht in Ohnmacht fällt. In diesem Fall müsste der Pflegerollstuhl in eine möglichst waagerrechte Stellung gebracht werden, im besten Fall die Beine etwas hochgelagert werden. Dadurch kommt meine Mutter schnell wieder zu Bewußtsein.


    Aus medizinischer Sicht gibt es leider keine Erklärung für diese Ohnmachtsanfälle. Sowohl seitens Ihrer Hausäztin, als auch diverser Ärzte in Krankenhäusern, in denen Sie aufgrung von diversen Stürzen und anderen Diagnosen behandelt wurde.


    Jetzt zu meiner Frage:


    Mich würde die Sicht der Pflegeprofession auf das Thema Bettlägerigkeit interessieren. Im konkreten Fall bei meiner Mutter bedeutet das im Grunde eine aus personalgründen gezwungene Bettlägerigkeit, wie Sie in Deutschland wahrscheinlich vielfach stattfindet. Durch die Covid-19 Pandemie habe ich leider nur eine Stunde gemeinsame Zeit pro Tag bei Ihr. Häufig sieht es dann so aus, das Sie den Drang zur Toilette verspürt, die Beine schon halb über das Bettgitter bewegt und ich Ihr dann beim Toilettengang behilflich bin. Das klappt im Grunde recht gut. Auch da kann es natürlich passieren, das Sie ohnmächtig wird, was auch schon immer Mal wieder vorkam, allerdings gibt es dafür leider kein erklärbares Regelmuster oder vorbeugende Maßnahmen um Risiken für eine Ohnmacht zu minimieren. Ich habe schon einiges ausprobiert. Wenn Sie auf der Toilette ohnmächtig wird müssen zwei Personen Sie wieder in den Pflegerollstuhl heben, anders geht es nicht. Aus diesem Grund erübrigt sich aus Sicht der Pflegekräfte bereits das Thema Toilettengang. Ich bin mir bewußt darüber, das die Arbeit von Pflegekräften überaus vielseitig und auch anstrengend ist.


    Auf der einen Seite ist das Risiko für Stürze und Ohnmachten durch das Liegen im Bett minimiert, auf der anderen Seite ergeben sich durch die Bettlägerigkeit neue Risiken, die wahrscheinlich eher schleichend auftreten aber dadurch nicht weniger Konsequenzen haben werden wie verminderte Muskelaktivität, Abnahme von Muskulatur, Auswirkungen auf Herz und lunge, Thrombosen, Darmtätigkeit und auch auf die Psyche und Wahrnehmung. Meine Mutter ist bereits im mittleren bis schweren Stadium einer Demenzerkrankung. Zweimal in der Woche kommt eine Physiotherapeutin, immerhin.

    Ich habe Sie Jahre lang noch zu Hause gepflegt und betreut. Sie war eine sehr aufgeschlossene, aktive und lebensfreudige Person. Das Sie jetzt monatelang ortsfixiert im Bett nicht mehr als die eigenen Wände sehen kann ist schwer zu ertragen, wo Sie bei ausreichend Personal und Aufsicht im Pflegerollstuhl sitzen und Mal etwas anderes als Ihr Zimmer sehen könnte. Was nützt Ihr da eine Betreuung im Haus durch Betreuungspersonal, wenn Sie davon nicht profitieren kann. Das Betreuungspersonal wird zudem noch für das Einhalten der Pandemieregeln eingesetzt.


    Wer hat vielleicht änliche Situationen erlebt und gute Erfahrungen gemacht, die er teilen würde.


    Gibt es beim Thema Bettlägerigkeit bindende Regeln, an die sich ein Pflegeheim halten muss? Sicher gibt es die aber die Frage ist wahrscheinlich eine Auslegung im Eizelfall. Ich habe nach der Aussage seitens der Pflegekräfte es sei zu wenig Personal für die Aufsicht meiner Mutter vorhanden nicht mehr aktiv das Gespräch mit der PDL oder einer anderen Person des Hauses gesucht. Sicher geht es auch um juristische Absicherung im Unglücksfall oder Unfallszenario, die rechtliche Seite darf ja nie unterschätzt werden.


    Die Zeit in der ich da bin reicht nicht aus um mit Ihr das Zimmer zu verlassen, da viel Zeit für Toilette, Anziehen, Ausziehen etc. entsteht, dabei gäbe es einen schönen großen Garten.

  • Hallo Machame


    Das, was Sie hier schreiben, sehe ich, als Skandal an, ehrlich. Ich verstehe zwar die Argumentation vom Personal, aber es gibt doch auch andere Möglichkeiten.


    Es gibt breite Gurte und auch ein fest installiertes Tischchen vor dem Rollstuhl, dass bei einer Ohnmacht helfen könnte.


    Es gibt kuriose individuelle Reaktionen bei Menschen. Im Falle von Stoffwechselproblemen, wozu auch eine Ohnmacht gehören kann, ect. frage ich mich immer, ob der Vitamin-, Mineralstoffhaushalt in einem guten Bereich liegt. So gibt es Personen, die können unter Mängeln noch einigermaßen gut funktionieren und bei anderen brechen einige Systeme fast weg. Deshalb würde ich einen Vitamin-/Mineralstoffstatus erstellen lassen. Zink, Selen, Mangan, Ferretin, Folsäure, B12, Vit. D, evt. Kuper, Calcium, Magnesium. Und es sollten genügend Eiweiße vorhanden sein. Die Nährstoffdichte ist beim Heimessen auch nicht immer so gut, genauso wie der Appetit der Personen. Ein Dekubitus kann durch eine schlechte Ernährungslage wesentlich schneller entstehen und eine Heilung kann oftmals nicht mehr möglich sein, wegen einer mangelhaften Versorgung.

    Es gibt Hochkaloriennahrung und es gibt gute Präparate, wenn die Werte unter dem Mittelwert liegen. Besser wäre ein Wert, der etwas über dem Mittelwert liegt.

    Ich weiß nicht, wie bei Ihnen die finanzielle Lage aussieht. Wäre eine Seniorenbetreuerin eine Option für Sie, die zwei-, dreimal die Woche zu ihrer Mama kommen kann.

    Ich würde mich auch nach ehrenamtlicher Hilfe erkundigen. Ich würde da in einem Hospiz/Demenzzentrum nachfragen und mich beraten lassen.

    Ist die Ursache einer Atlaswirbelverschiebung bei der Mama bereits ausgeschlossen worden? Ängste können auch zu einem starken Schwindel und zu einer Ohnmacht führen.

    Bei meiner Mama hat ein gut gelagerter Halswirbel für das Ende der Ohnmachten gesorgt. Sie war deshalb im Krankenhaus gewesen. Auch hier hat man nichts finden können. Letztendlich hat sie durch ein anderes Kissen ect. hier Hilfe gefunden.


    Das wäre das, was mir dazu einfallen würde.


    Liebe Grüße an Sie

  • Hallo Teuteburger und herzlichen Dank für Ihre klaren Erfahrungswerte!


    Es sind so einige Punkte, die Sie ansprechen. Ich kann mich meistens eher schlecht kurz fassen. Ich probiers Mal.


    Sie haben mit Ihrer Mutter bestimmt auch einige Erfahrungen sammeln dürfen, das spüre ich. Das der Atlaswirbel als Grund gefunden wurde und mit einem Kissen die Situation verbessert werden konnte ist wirklich ein Segen. Habe ich Sie richtig verstanden, ein Kissen hat am Ende eher zufällig dafür gesaorgt, das die Ohnmachten ihrer Mutter verschwunden sind oder wurde die Atlasverschiebung doch im Krankenhaus entdeckt?


    Das ist ein gutes Beispiel dafür, das man im Grunde nicht aufhören sollte nach einer Ursache zu suchen. Allein ich habe die Suche im Grunde bereits aufgegeben, da einfach die Kraft auf meiner Seite fehlt und leider muss ich auch sagen auch die Hausärztin meiner Mama die Meinung vertritt möglichst Transportfahrten oder Untersuchungen zu vermeiden, gerade wegen der doch labilen Gesamtsituation auch durch die Ohnmachten eben. Ich habe da eher mehr praktische Erfahung und bin der Meinung wenn jemand als Aufsicht bei Ihr ist und sofort den Pflegerollstuhl waagerecht einstellt ist ein Transport oder generell der aufrechte Sitz möglich. Über die Anschaffung eines Tisches oder Gurtes haben wir auch bereits nachgedacht, jedoch verhindern die nicht die Ohnmachten, eher das "Aufstehen Wollen" und die Sturzgefahr und zudem müsste dasa wiederum vom BEtreuungsgericht genehmigt werden, was bei Eigengefährdung wahrscheinlich möglich wäre.


    In Punkto Mineralstoffhaushalt kann ich Ihnen auch in jedem Fall beipflichten. Meine Mutter hat bereits einen substituierten Mineralhaushalt durch Medikamente. Ob die Werte schuld daran sind konnte ich nie in gänze klarstellen, jedenfalls überwacht Ihre Hausärztin Ihre Werte regelmäßig und zumindest mit der Substitution fällt Sie leider weiterhin in Ohnmacht. Sie ist nach einer Ohnmacht, jenachdem wielange Sie ohnmächtig ist bzw. wie schnell Sie in die waagerechte Position gebracht werden kann und dadurch wieder aufwacht, (Beine hochlagern hilft m.E. dabei auch) entweder nahezu so "klar" im Kopf und allg. wach und konzentriert oder Sie bleibt für Stunden bis gar mehrere Tage in einem schlappen Geistes- und Körperzustand, vielleicht eher in Richtung somnolent, genauer kann ich es gerade nicht beschreiben. Es wäre ein eigenes Thema, so komplex ist allein dieses Feld, also Mineral- und vitaminhaushalt und dann kommen bei meiner Mutter noch mehrere Krankheiten dazu u.a. Schilddrüsenunterfunktion aufgrund eines gutartigen aber entfernungsbedürftigen Hypophysenadenoms (Bestrahlung und Chemotherapie), dadurch benötigt Sie Zeit ihres Lebens das Hormon Cortison und das wäre eine weitere Stellschraube bzw. Grund für Ohnmachten, also bei einem Cortisonmangel, leider ist es nicht einfach den Cortisonspiegel in kurzen Abständen zu messen, dafür braucht man wohl umfangreichere Labortechnik, jedenfalls wird ihr Hormonstatus daraufhin alle 6 Monate überprüft und Sie ist was diese Werte betrifft im grünen bereich. Leider wissen auch manche Ärzte wenig über die erkrankung (Morbus Addison). Zudem wurde ihr Magen entfernt nach einem bösartigen Tumor und das hat wiederum einen großen Einfluss auch den Stoffwechseln, auch wieder Drüsensekrete usw. Astronautennahrung erhält Sie ab und an bereits.


    Ich möchte nicht das Feld der Krankheiten öffnen, das wäre wirklich ein eigenes Feld und ich merke, das trotz der vielen möglichen Ursachen die Unkenntnis darüber ein schlechtes Gefühl bereitet, ich denke wir suchen eben nach klaren Ursachen um möglichst sagen zu können, wir hätten alles mögliche versucht...


    Die Idee ehrenamtliche Personen zu finden war auch bereits ein möglicher nächster Schritt bei uns und wie Sie sagen auch im besten Fall geschult im Bereicht der Demenzen.


    Mich würde auch die Meinung von Experten interessieren, vielleicht sind ja auch hier im Forum Experten im Bereich stationärer Versorgung oder der Rechte von Betroffenen Menschen mit Demenz oder Behinderungen. Was zum Beispiel sollte oder gar müsste aus Sicht des Heimes getan werden um Personen wie meiner Mutter in diesem Fall aber es geht ja bestimmt um viele Personen Deutschlandweit, Bewegungsmöglichkeiten oder Lagerungsänderungen wie das Sitzen für Minuten oder stundeweise zu ermöglichen wie z.B. durch den "aktiven"/"aktiveren" Toilettengang, auch wenn dazu zwei Personen nötig wären oder eben durch Teilnahme an anderen Aktivitäten?

  • Hallo Lulu,


    danke für Ihre Antwort. Das Thema Dumping-Syndrom haben wir auch bereits durchgenommen. Meiner Mutter wurde mit Anfang 50 der Magen entfernt und Sie lebt damit jetzt seit 25 Jahren. Die Aufnahme von Nahrung durch den Darm hat sich im Verlauf dieser Zeit verbessert und Ihre Beschwerden wie Bauchschmerzen und eine Art Reflux von Speichel im Verlauf auch. Doch die Ohnmachten sind eher mehr geworden. Die Zeit der Nahrungsaufnahme und die Portionsgrößen scheinen nicht der einzige Auslöser für Ihre Ohnmachten zu sein, das konnte ich mit der Zeit ausschließen. Das schließt Auswirkungen durch Dumping wiederum nicht ganz aus. Die allg. Empfehlungen wie kleine Mahlzeiten, besser verträgliche Lebensmitteln den weniger vorziehen oder im Langsitz Essen haben dabei geholfen. Falls Sie mit dem Dumping-Syndrom Erfahrung haben würde ich mich gerne mit Ihnen austauschen.

    VG

  • Hallo Machame, zweimal haben Sie nach der Meinung der Experten gefragt und ich möchte mich einer Antwort nicht entziehen.


    Der fachliche Standard ist eindeutig: Nach dem Expertenstandard Mobilitätsförderung sind Pflegefachkräfte verpflichtet, alles zu tun, um die Mobilität zu erhalten und eine andauernde Immobilität zu vermeiden. Die Menschen sollen auch bei schwerster Pflegebedürftigkeit zeitweise das Bett verlassen und an Aktivitäten teilnehmen. Die Anzahl der Menschen im Heim, die nicht mehr mobilisiert werden zählt schon seit Jahren als wichtiger Indikator für eine schlechte Pflege.


    Die Gründe sind aus den Beiträgen deutlich geworden: Dekubitus, Sturz, Pneumonie, Intertrigo, Kontrakturen, Schmerz, Ernährungsprobleme, Delir usw. als körperliche Folgen und seelisch die Depression, das Kontaktmangelparanoid oder der Hospitalismus, der sich z.B. im ständigen Rufen äußern kann. Diese Lebenssituation ist für den Pflegebedürftigen voller Risiken, qualvoll, furchtbar und unwürdig. Auch für Angehörige und Pflegekräfte ist es kaum zu ertragen. Es ist wertvoll, dass Sie dies in Ihren Beiträgen so deutlich zum Ausdruck bringen!

    Corona und Quarantänen haben das alles sehr viel schlimmer gemacht.


    Dies ist die eine Seite – fachlich eindeutig und ein Auftrag zur Mobilisierung und Teilhabe. Dies findet sich im neuen Pflegebegriff, in den Leitlinien und in der Pflegecharta wieder.


    Zudem ist es ein Trugschluss, dass immobile Menschen weniger Zeit benötigen. Die Pflegeplanung und Dokumentation ist viel aufwendiger, die Prüfungen von Heimaufsicht und MDK sehr streng und die Abwertung in der neuen Prüflogik vorprogrammiert. Es ist ausgesprochen schwierig, alle fachlichen Anforderungen (in der aufwändigen Dokumentation und in der direkten Pflege) zu erfüllen. Aber wie oft die Pflege der Papiere eine höhere Priorität bekommt als die persönliche Zuwendung erleben wir alle leider immer wieder und kurzfristig spart Vernachlässigung Zeit.


    Die Pflegekräfte stecken in einem Dilemma. Auf der einen Seite Mitgefühl, Standards, ethische Haltungen, Prüfanforderungen usw. auf der anderen Seite der Zeitdruck, der Fachkräftemangel und die Pflegenot.


    Hinzu kommt eine dritte ethisches Zwickmühle und das wird aus Ihrem Beispiel sehr deutlich:


    In einzelnen Fällen kann es fachlich geboten sein, nur sehr kurzfristig das Bett zu verlassen. Dies betrifft die palliative Pflege und das Risiko, dass ein Mensch durch den Transfer kollabiert und vielleicht in den Armen der Pflegekräfte verstirbt. Für Pflegende ist eine solche Erfahrung extrem belastend und manchmal traumatisierend. Dabei wiegen die persönlichen Schuldgefühle meist schwerer, als die Angst vor polizeilichen Ermittlungen und die Verantwortung gegenüber den Angehörigen und der Leitung.


    Diese existenzielle Zwickmühle lässt sich durch eine ethische Konferenz mit dem Hausarzt, Leitung, Angehörigen, dem Bewohner und Mitarbeitenden bearbeiten und verantwortbare Handlungsoptionen festlegen, wenn es Menschen gibt, die dies einfordern.


    Aber die Gewissensfragen und die Belastung des Einzelnen sind damit nicht ausgeräumt. Supervision oder die Unterstützung durch einen Psychotherapeuten wie mich sind die absolute Ausnahme, politisch nicht gewollt, nicht vorgesehen und nicht finanziert.


    Aber Sie kennen meinen Optimismus: Entwicklung entsteht in den extremsten Spannungsfeldern, wenn Dinge bewusst gemacht werden und in das Licht der Öffentlichkeit kommen. Insofern danke ich Ihnen, Machame für den Beitrag und bin gespannt auf Ihr weiteres Vorgehen im Heim, hier im Forum und wo auch immer das Thema hingehört!


    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg,


    danke für Ihre ebenfalls klaren Worte! Ich bin bestärkt worden das Thema im Heim anzusprechen. In welcher Form kann ich gerade noch nicht definieren.


    Eine ethische Fallbesprechung mit genannten Personen, also meiner Mutter, Hausärztin, Pflegekräften wäre natürlich Ideal. Ich halte dieses Instrument für sehr effektiv, wenn es denn zur Anwendung kommt und es gab in der Vergangenheit bereits ein Thema, bei dem ich zumindest Hausärztin und verantwortliche Pflegekräfte an einen Tisch bringen wollte, wusste aber nicht wie ich es ansprechen sollte und habe es dann leider sein gelassen.


    Es hat ebenfalls Bezug zu den Ohnmachtsanfällen meiner Mutter, denn ihr Cortisonspiegel wird wie bereits oben in einem Beitrag erwähnt substituiert und ein Mangel an Cortison kann ebenfalls zu Ohnmachten führen und ich kann mich noch gut daran erinnern, das bei Einzug in das Pflegeheim die Tüte mit Notfallmedikamenten für eine Cortisonmangelkrise mit Anleitung für Laien von einem exam. Pfleger mit der Begründung Sie haben keine Verabreichungsverordnung durch die Hausärztin im Schrank meiner Mutter landete und kein Interesse bestand zu erfahren wofür denn dieses Notfallkid sei und ob es relevant sei. Damals habe ich das Thema innerlich begraben und den Kontakt bzgl. dieses Themas mit den Pflegekräften oder der PDL nicht mehr aufgenommen, da ich bereits Jahrelang die Hausärztin belagere ob Sie nicht auch der Meinung sei das neben dem Messen des Cortisonspiegels eine Extragabe von Cortison in Form von Tabletten sinnvoll sei z.B. wenn meine Mutter sich körperlich mehr anstrenge oder bei einer Erkältung, was auch so als Empfehlung seitens Ihres Endokrinologen ausgesprochen wurde und auch in der Anleitung des notfallkids steht, bis dahin, das meine Mutter in der tagespflege kollabierte und eine Ärztin ihr eine Cortisonspitze verabreichen musste, also evtl. spielt das eine große Rolle bei Ihr aber leider hat Ihre Hausärztin keine Initiative ergriffen und ich konnte Ihr nur das Notfallkid und die empfehlungen des Endokrinologen geben mit der Bitte, ob Sie ein stellungnahme für die Pflegekräfte der Tagespflege zu dem Thema schreiben könne und Sie dadurch rechtlich befugt wären meiner Mutter im Falle einer Mangelkrise Cortisontabletten, Zäpfchen oder gar Spritzen zu verabreichen, leider hat Sie es aus Gründen die ich nicht verstehe nicht getan.


    Auch später habe ich die Hausärztin darauf angesprochen, ob Sie dem Personal im Heim das Krankheitsbild Morbus Addison aufklären und handlungsempfehlungen im falle einer Addisonkrise geben könne doch leider ist nicht passiert und die Tüte steht weiterhin im Schrank. Sie ist menschlich an und für sich sehr offen und zugeneigt. Das wäre jetzt im Grunde auch mit Blick auf das thema Ortsfixation meiner Mutter eine Gelegenheit, da es ja direkten Bezug zu den Ohnmachten haben könnte. Im Grunde möchte ich weg von den Krankehiten und hin zur Mobilisation und Teilhabe meiner Mutter, doch ich erlebe immer wieder, das es unmöglich ist und im Grunde auch nicht ohne das eine geht.


    Eines ist mir noch wichtig zu sagen und zwar den Punkt der Schuldgefühle im falle eines Unfalls oder gar eine Todes, den Sie angesprochen haben und ich kann das nur bestätigen und habe das auch als mögliche Barrieren seitens des Pflegeheimes gesehen meine Mutter weiter dem Risiko auszusetzten zu Stürzen oder kollabieren. Aus dem Blick der Pflege können diese Ohnmachtsanfälle und Sie haben es ja auch genannt zum Tode führen. Im Verlauf der vielen jahre habe ich soviele Stürze und Ohnmachten meiner Mutter miterlebt, das ich da evtl. etwas lockerer damit umgehe, auch wenn jeder einzelne immer tragisch ist und ich kann gut verstehen, wenn es dazu andere Standpunkte gibt, die gab es auch innerhalb unserer Familie dazu und deshalb ist es eben wie Sie sagen ein Dilemma.


    Nichtsdestotrotz könnte durch eine Fallbesprechung die Wünsche meiner Mutter besprochen werden und vielleicht ergeben sich ja tatsächlich handlungsspielräume. Ich werde gerne falls es dazu kommt ein Ergebnis rückmelden, falls es für den einen* oder anderen* interessant sein könnte.

  • Hallo Machame, danke für die Rückmeldung. Vielleicht ist es eine Möglichkeit, wenn Sie eine "neutrale" Person für die ethische Konferenz hinzuziehen. Ich kann mir vorstellen, dass jemand vom örtlichen Seniorenbeirat, ein Mitarbeiter der Heimaufsicht oder der städtischen Gremien Interesse haben könnte. Wenn die Einrichtung Auszubildende hat, hat vielleicht auch eine Lehrkraft Interesse, denn eigentlich müssen es die Auszubildenden jetzt lernen und an ethischen Konferenzen teilnehmen!


    Die Probleme mit dem Notfallmedikament in der Tagespflege und im Heim kann ich nicht nachvollziehen: Für viele kritische Situationen gibt es klare Regel, wann eine Bedarfsmedikation greifen muss. In der Dokumentation wird festgelegt, bei welchen BZ-Werten wie viel zugespritzt wird, bei welchen Trinkmengen eine Infusion gelegt wird, bei welchen Schmerzen die Bedarfsmedikation (incl. Tageshöchstdosis) greift usw.

    Dieses Prinzip gilt genauso bei der Ohnmacht Ihrer Mutter - die wie gesagt sehr viel Angst macht. Insofern erwarte ich einige interessante Ergebnisse aus dem Gespräch.


    Ein Gedanke kam mir noch beim Lesen, bitte nehmen Sie mir es nicht übel: Sie geben ganz viele Informationen und dann kann es sein, dass beim Lesen das Wichtigste auf der Strecke bleibt: Ohnmacht - Ursache bekannt - Bedarfsmedikation und Indikation eindeutig vom Artz angeordnet und von der Pflegekraft verantwortlich durchgeführt.

    Eine ethische Konferenz ist notwendig, zur Entlastung, weil Mitarbeitende nicht die Gelassenheit haben, dass alles schon gut geht, sondern bei einer Ohnmacht eher an Reanimation, RTW und Sterben denken.

    Viel Erfolg und berichten Sie gern davon, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg,


    Sie haben nochmal zwei Dinge unterstrichen, die dadurch für mich nochmal deutlich wurden und bei der Anwenung einer Ethikkonferenz nur konstruktiv sein könnten, dafür Danke ich Ihnen erneut und auch das Sie dadurch im Grunde mein Bauchgefühl unterstützen, also einen erneuten Versuch in dieser Situation anzugehen.


    Das ist einmal die Annahme, die Cortisonmangelkrise meiner Mutter könnte ähnlich wie bei einem Diabetes durch Medikamente behandelt werden, also im Fall meiner Mutter einmal je nach Lage/Position wie in sitzender Position zuvor eine Cortisongabe oder bei einer Ohnmacht einer Notfallmedikation, das Ziel wäre am besten natürlich eine Ohnmacht zu verhindern und

    zum zweiten einmal die Erleichterung für das Pflegepersonal in einer klareren Strategie in Form von der Hausärztin angeleiteten und verordneten Notfallbehandlung im Falle einer Ohnmacht bei Addisonkrise und eben durch die Beschäftigung und einer Art Konsensusfindung mit dem Dilemma der "Bettlägerigkeit versus der Gefahr eines Sturzes/einer Ohnmacht mit möglicher Todesfolge"?


    Ich kann mir vorstellen, es sollte eher vorsichtig mit der Initiierung einer eth. Fallbesprechung umgegangen werden, oder? Gerade wenn das Haus oder die Mitarbeiter in dem Heim mit ethischen Fallkonferenzen oder grundlegend mit Themen möglicherweise ausserhalb deren normalem "Fahrwasser" nicht vertraut sind, aus meiner Perspektive möchte ich zudem das Heim bzw. die Personen nicht irritieren oder kritisieren, es soll ja nicht um Schuld oder Nichtschuld oder dergleichen gehen sondern um das gemeinsam Auseinandersetzen mit einem Dilemma und möglichen positiven Handlungsspielräumen für meine Mutter, doch ich kann mir Vorstellen, das das Ergebnis oder der Prozess einer Fallbesprechung wie in den meisten Fällen auch positive und negative Folgen haben kann für die unterschiedlichen Beteiligten, also es geht am Ende auch um viel mehr, mein Gespür ist, das es in der Beziehung zu PDL und Pflegehelfern differenzen oder zumindest Beziehungsbarrieren (welcher Art auch immer) geben könnte aber das ist eher eine Vermutung gegründet aus Aussagen von unterschiedlichen Beteiligten des Heimpersonals. Sie Sehen, ich muss darüber noch etwas mehr nachdenken.


    vielleicht hat auch jemand Erfahrung mit dem "Einladen" in Fallkonferenzen oder zumindest der Einberufung einer ähnlichen form des Problemlösens mit mehreren Beteiligten unterschiedlicher Fachkreise?


    VG

  • Liebe Machame,

    ich habe zwar selbst keine direkte perönliche Erfahrung mit der Einberufung einer solchen ethischen Konferenz, aber ich teile Ihre Vorsicht.


    Der frühere rechtliche Betreuer meiner Eltern hat mir einmal aus seiner Berufserfahrung heraus erzählt, dass er einmal (!) eine solche Konferenz erlebt hat, die allerdings von den Ärzten selbst einberufen worden war, und wo der konkrete Sterbeprozess schon begonnen hatte und zur Debatte stand, ob man eingreifen solle oder nicht.....offenbar wollte man sich dafür die Verantwortung "teilen"....


    Daraus schließe ich, dass wirklich nur in ganz besonderen Situationen eine solche Konferenz einberufen wird und wenn, dann höchstwahrscheinlich nur von den Ärzten bzw. Pflegepersonal selbst.


    Auch hier steht wieder mal Realität gegen Hoch-Glanz-Versprechen.

    Ich hoffe, meine klaren Worte, frustrieren Sie nicht allzusehr. Aber ich finde, es ist manchmal besser, wenn man weiß, was Sache ist.


    Liebe Grüße

    Hanne

  • Hallo lieber Hanne,


    danke für Ihre Mitteilung in der Sache! Ich lese aus Ihrer Mitteilung etwas resignierendes raus, ich weiß nicht ob ich damit eine Beschreibung gefunden habe...(?). Es kann auch frustrierend sein, wenn die rahmenbedingungen einfach nicht mit den Wünschen oder gar der Würde eines jeden Menschen übereinstimmen. Das die Gründe für die Ohnmachten meiner Mutter noch gefunden werden glaube ich nicht mehr, in dem Punkt bin ich wirklich resigniert, obwohl ich zugeben muss, daas ich am Ende doch immer wieder Hoffnung habe es gäbe noch etwas, was ihr helfen könne.


    Ich vermute einmal, das es einfach in vielen Pflegeeinrichtungen an Fallkonferenzen fehlt, da das Instrument einfach nicht gesetzlich vorausgesetzt wird, Zeitmangel, Personalmangel undandere Erklärungen... obwohl im Grunde ja Pflegefachkräfte und -Helfer und andere Fachrichtungen regelmäßig die Pflegeübergaben durchführen und zumindest eine Routine in dieser Art besteht und auch das Thema Bettlägerigkeit, komplexe(re) Krankheitsbilder wie bei meiner Mutter bestehen, in Kliniken sind Fallkonferenzen häufiger schätze ich, vielleicht aus dem Grund, den Sie genannt haben, das dort mehr ärztliches Personal und weitere Fachgruppen beheimatet sind. Selber habe ich noch keine beiwohnen dürfen und das Thema Sterbebegleitung bzw. die Grenzen und Chancen der Medizin am Lebensende individuell für jeden einzelnen auszuloten gebührt viel Aufmerksamkeit, möglichst max. rechtliche Sicherheit und am Ende auch zumindest eines Austausches der verantwortlichen Personen, ob es immer eine eth. Fallkonferenz sein muss kann ich nicht sagen, vielleicht ist der Name oder das Instrument auch nicht zu engstirnig zu betrachten und am Ende steht eine Konsensfindung des möglichen im Mittelpunkt und der Name der Verpackung ist dann nebensächlich. Verantwortliche Ärzte, die über Eingriffe oder Nichteingriffe entscheiden müssen sind ja zwangsweise bestimmt in den ein oder anderen Fällen in einem Dilemma und insofern machen Fallbesprechungen dort bestimmt sehr viel Sinn. Sowieso ist das Thema Sterben nachwievor zu wenig beleuchtet und Sie sprechen es somit berechtigterweise an und dafür Danke ich Ihnen, denn obwohl ich mich immer mal wieder damit beschäftigt habe, will das Thema wohl freiwillig oder eben unfreiwillig bei mir nicht auf der Tagesordnung bleiben, obwohl ja die Konfrontation damit dann sehr schnell erfolgen muss... Erstmal VG


    Machame

  • Hallo Herr Hamborg,


    mir it aufgefallen, das ich nicht erwähnt habe, das bei meiner Mutter Extragaben von Cortison wie der Endokrinologe empfiehlt und es auch auf dem Notfallkid steht nicht zum Erfolg geführt hat bzw. es kaum zu Werten war ob dadurch Ohnmachten vorgebeugt oder verhindert werden konnten. Selbst durch diese Extragaben hatte meine Mutter Ohnmachtsanfälle in den unterschiedlichsten Situationen, damals habe ich Sie noch in Ihrer Häuslichkeit gepfleget und unterstützt bis es leider zu Hause dann nicht mehr ging, auch aufgrund von Stürzen und der Demenzerkrankung.

    Das schreibe ich Ihnen noch einmal, denn Sie haben, so habe ich es verstanden, die Addisonkrankheit oder-Krise und die Maßnahmen in etwa wie Diabetes und den Blutzuckerspiegel verglichen und somit ja für die Pflege ein klar verständlicher Handlungsrahmen. Leider glaube ich, das es diesen so nicht gibt, das ist vielleicht auch der Kern des Problems, also das die Ohnmachten womöglich nicht durch die Addisonregeln unter Kontrolle gebracht oder zumindest auf ein Level, so das meine Mutter wieder stundenweise aus dem Bett in die sitzenden Position käme aber auf der anderen Seite sehe ich wie Sie auch, die Pflicht der Hausärztin, zumindest das Pflegepersonal über das Krankheitsbild Addison aufzuklären inkl. möglicher Notfallmaßnahmen, also auch rechtlich klar zu verordnen, das die Pflege überhaupt in einem Notfall entsprechend Medikamente substituieren kann und ja ggf. ein erneuter Versuch in dieser Richtung gegangen werden kann.


    VG

  • Hallo Machame, gut dass Sie das noch herausarbeiten, der Vergleich mit dem Diabetes sollte zu etwas mehr zum richtigen Handeln aktivieren. Wenn es nicht gleich alles gut wird, ist dies zumindest eine Hilfe zur Bewältigung.


    Ich möchte Ihnen auf jeden Fall Mut machen, die ethische Konferenz mit der Leitung zu planen. Nach meiner Erfahrung ist es für alle Beteiligten eine wertvolle Erfahrung und wird leider viel zu wenig umgesetzt.


    Immerhin ein kleiner Trost: in der nun ein Jahr neuen Pflegeausbildung gehört die ethische Fallbesprechung zu dem, was alle neuen Pflegefachmänner und -frauen lernen sollen!

    Ich freu mich zu lesen, wie es weitergeht, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg,


    trotz Ihrer Ermutigung, haben Sie eine Art Handlungsleitfaden Fallbesprechung?


    Ich als Angehöriger fühle mich wie Sie mitbekommen haben unsicher wie ich dem Personal mit diesem Instrument der Fallbesprechung entgegentreten soll.


    Und das die Fallbesprechung seit 1 Jahr im Lehrplan der Ausbildung steht ist sicherlich ein gutes Zeichen. Ich glaube das Heim bildet selber nicht aus.


    Danke und VGrüße

    Jonas

  • Hallo machame, es gibt mehrere zum Teil aufwändige Empfehlungen, die dadurch eher Angst und Abwehr auslösen. Ich kann nächste Woche mal in das aktuelle Pflege-Lehrbuch schauen, was dort empfohlen wird.

    Einige Beispiele finden Sie im "Ärzteblatt": https://www.aerzteblatt.de/dae-plus/serie/57/Ethikberatung


    Ich mache es je nach Bedarf und habe festgestellt, dass allein das Wort Türen öffnet und zu der notwendigen Ernsthaftigkeit führt.


    Gern können wir uns hier abstimmen, der erste Schritt ist die Bereitschaft der Heimleitung und die der Hausärztin und die Frage, ob Sie eine neutrale Person hinzuziehen möchten. Wie viel Zeit können die Beteiligten einplanen?

    Aus Ihren Beiträgen hier könnten Sie ein einleitendes Statement zusammenstellen. Sie haben ja eine kompetente Einschätzung und wissen, was Sie nötig ist. Wenn Sie mögen, können Sie den Beitrag hier zusammenfassen und es gibt dann bestimmt noch gute Rückmeldungen aus der Runde, natürlich auch von mir, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg,


    danke für Ihre Antwort. Ich habe auch mit Hilfe der Vorstellung des Sachverhalts hier im Forum eine E-Mail geschrieben, die ich der PDL schicken würde. Ich würde mich über ein Feedback und ggf. Änderungsempfehlungen sehr freuen:


    RE: "Dilemma der Bettlägerigkeit versus der Gefahr eines Sturzes/einer Ohnmacht mit möglicher Todesfolge"


    Sehr geehrte Frau (XYZ= PDL),


    bitte teilen Sie mir Ihre Einschätzung zu folgendem Sachverhalt mit:


    Meine Mutter liegt seit Mitte 2020 tags und nachts ortsfixiert im Bett mit Ausnahmen während 1-2x Physiotherapie in der Woche. Die Gründe sind vielfältig. Auf der einen Seite neigt Sie im Sitzen zu Ohnmachten. Auf der anderen Seite kann Sie selbst kurze Zeiträume nicht in den Rollstuhl gesetzt werden, da die Personalkapazitäten dafür nicht ausreichen. Sie müsste ja auch in der Zeit des Sitzens durch Personal überwacht werden, das Sie nicht in Ohnmacht fällt. In diesem Fall müsste der Pflegerollstuhl in eine möglichst waagerechte Stellung gebracht werden, im besten Fall die Beine etwas hochgelagert werden. Dadurch kommt meine Mutter schnell wieder zu Bewusstsein.


    Aus medizinischer Sicht gibt es leider keine Erklärung für diese Ohnmachtsanfälle. Sowohl seitens Ihrer Hausärztin, als auch diverser Ärzte in Krankenhäusern, in denen Sie aufgrund von diversen Stürzen und anderen Diagnosen behandelt wurde.


    Im konkreten Fall bei meiner Mutter bedeutet das im Grunde eine aus personalgründen gezwungene Bettlägerigkeit. Durch die Covid-19 Pandemie habe ich leider nur eine Stunde gemeinsame Zeit pro Tag bei Ihr. Häufig sieht es dann so aus, das Sie den Drang zur Toilette verspürt, die Beine schon halb über das Bettgitter bewegt und ich Ihr dann beim Toilettengang behilflich bin. Das klappt im Grunde recht gut. Auch da kann es natürlich passieren, das Sie ohnmächtig wird, was auch schon immer Mal wieder vorkam, allerdings gibt es dafür leider kein erklärbares Regelmuster oder vorbeugende Maßnahmen um Risiken für eine Ohnmacht zu minimieren. Ich habe schon einiges ausprobiert. Wenn Sie auf der Toilette ohnmächtig wird müssen zwei Personen Sie wieder in den Pflegerollstuhl heben, anders geht es nicht. Aus diesem Grund erübrigt sich aus Sicht der Pflegekräfte bereits das Thema Toilettengang. Ich bin mir sehr bewusst darüber, das die Arbeit von Pflegekräften überaus vielseitig und auch anstrengend ist. Die 1 Stunde Zeit in der ich bei Ihr vor Ort da sein darf reicht nicht aus, um mit Ihr das Zimmer zu verlassen, da viel Zeit für den Toilettengang, An-, Ausziehen etc. entsteht.


    Die Hausärztin meiner Mama vertritt die Meinung möglichst Transportfahrten oder Untersuchungen zu vermeiden, gerade wegen der doch labilen Gesamtsituation auch durch die Ohnmachten. Ich habe da eher mehr praktische Erfahrungen machen dürfen und bin der Meinung wenn jemand als Aufsicht bei Ihr ist und sofort den Pflegerollstuhl waagerecht einstellt ist ein Transport oder generell der aufrechte Sitz möglich, trotz möglicher Ohnmacht. Über die Anschaffung eines Pflegerollstuhltisches oder -Gurtes haben wir auch bereits nachgedacht, jedoch verhindern diese nicht die Ohnmachten, eher das "Aufstehen Wollen" und die Sturzgefahr und zudem müsste das wiederum vom Betreuungsgericht genehmigt werden, was bei Eigengefährdung aber wahrscheinlich wäre.


    Ein weiterer Bezug zu den Ohnmachtsanfällen meiner Mutter ist ihr Cortisonspiegel. Er wird substituiert und ein Mangel an Cortison kann ebenfalls zu Ohnmachten führen und ich kann mich noch gut daran erinnern, das beim Heimeinzug die Tüte mit Notfallmedikamenten für eine Cortisonmangelkrise mit Anleitung für Laien von einem exam. Pfleger mit der Begründung Sie haben keine Verabreichungsverordnung durch die Hausärztin im Schrank meiner Mutter landete und kein Interesse bestand zu erfahren wofür denn dieses Notfallkid sei und ob es relevant sei. Damals habe ich das Thema innerlich begraben und den Kontakt bzgl. dieses Themas mit den Pflegekräften oder mit Ihnen nicht mehr aufgenommen, da ich bereits Jahrelang die Hausärzten belagere ob Sie nicht auch der Meinung sei das neben dem Messen des Cortisonspiegels eine Extragabe von Cortison in Form von Tabletten sinnvoll sei z.B. wenn meine Mutter sich körperlich mehr anstrenge oder bei einer Erkältung, was auch so als Empfehlung seitens Ihres Endokrinologen ausgesprochen wurde und auch in der Anleitung des Notfallkids steht, bis dahin, das meine Mutter in der Tagespflege kollabierte und eine Notärztin ihr eine Cortisonspitze verabreichen musste, also evtl. spielt das eine große Rolle bei Ihr aber leider hat Ihre Hausärztin keine Initiative ergriffen und ich konnte Ihr nur das Notfallkid und die Empfehlungen des Endokrinologen geben mit der Bitte, ob Sie ein Stellungnahme für die Pflegekräfte der Tagespflege zu dem Thema schreiben könne und Sie dadurch rechtlich befugt wären meiner Mutter im Falle einer Mangelkrise Cortisontabletten, Zäpfchen oder gar Spritzen zu verabreichen, leider hat es die Hausärztin aus Gründen die ich nicht verstehe nicht getan.


    Auch später habe ich die Hausärztin darauf angesprochen, ob Sie dem Personal im Heim das Krankheitsbild Morbus Addison aufklären und Handlungsempfehlungen im Falle einer Addisonkrise geben könne doch leider ist nicht passiert und die Tüte steht weiterhin im Schrank in Ihrem Zimmer. Die Hausärztin ist menschlich sehr offen und zugeneigt und ich kann Ihre Entscheidung bis heute nicht nachvollziehen. Das wäre jetzt im Grunde auch mit Blick auf das Thema Ortsfixation meiner Mutter vielleicht wichtig, da es ja direkten Bezug zu den Ohnmachten haben könnte.


    Auf der einen Seite ist das Risiko für Stürze und Ohnmachten durch das Liegen im Bett minimiert, auf der anderen Seite ergeben sich durch die Bettlägerigkeit neue Risiken, die wahrscheinlich eher schleichend auftreten aber dadurch nicht weniger Konsequenzen haben werden wie verminderte Muskelaktivität, Abnahme von Muskulatur, Auswirkungen auf Herz und Lunge, Blutdruckveränderungen, Thrombosen, Darmtätigkeit und auch auf die Psyche und Wahrnehmung. Meine Mutter ist bereits im mittleren bis schweren Stadium einer Demenzerkrankung. Ich habe Sie Jahre lang noch zu Hause gepflegt und betreut. Sie war eine sehr aufgeschlossene, aktive und lebensfreudige Person. Das Sie jetzt monatelang ortsfixiert im Bett nicht mehr als die eigenen Wände sehen kann ist schwer zu ertragen, wo Sie bei ausreichend Personal und Aufsicht im Pflegerollstuhl sitzen und Mal etwas anderes als Ihr Zimmer sehen könnte. Bewegungsmöglichkeiten oder Lagerungsänderungen wie das Sitzen für Minuten oder stundeweise zu ermöglichen wie z.B. durch den "aktiven"/"aktiveren" Toilettengang, auch wenn dazu zwei Personen nötig wären oder eben durch Teilnahme an anderen Aktivitäten könnte für meine Mutter in der jetzigen Situation einen großen Unterschied bedeuten.


    Pflegekräfte stecken in einem Dilemma. Auf der einen Seite Mitgefühl, Standards, ethische Haltungen, Prüfanforderungen usw. auf der anderen Seite der Zeitdruck, der Fachkräftemangel und die Pflegenot.


    Eine ethische Fallbesprechung könnte für alle Beteiligte zur Entlastung führen und eine wertvolle Erfahrung sein, weil Mitarbeitende vielleicht nicht die Gelassenheit haben, dass alles schon gut geht, sondern bei einer Ohnmacht eher an Reanimation, RTW und Sterben denken.


    Mit freundlichen Grüßen


    2 Mal editiert, zuletzt von machame ()

  • Hallo machame,

    in Ihrem Text haben Sie den Namen in der Anrede weggelassen, vllt. machen Sie das mit dem Namen Ihrer Mutter besser auch.

    Liebe Grüße vom Hühnchen

  • Hallo Sonnenblümchen,

    vielen Dank für Deine Anteilnahme und Rückmeldung!

    Den Blutdruck habe ich nun mitaufgenomen.


    Für mich ist es auch schwer zu ertragen, das wir als Gesellschaft kein besseres Versorgungsangebot für ältere Menschen realisieren können. Für mich bedeutet das auch eine Art Spiegel der Gesellschaft auf die Situation, also das sich einfach nicht genug Menschen dafür einsetzten, wirklich sehr sehr traurig...


    VG

  • Für mich ist es auch schwer zu ertragen, das wir als Gesellschaft kein besseres Versorgungsangebot für ältere Menschen realisieren können. Für mich bedeutet das auch eine Art Spiegel der Gesellschaft auf die Situation, also das sich einfach nicht genug Menschen dafür einsetzten, wirklich sehr sehr traurig...

    Hallo machame


    Das beschäftigt mich auch sehr. Da wirken in der Gesellschaft natürlich starke Verdrängungskräfte, die dazu beitragen. Oder zumindest bei mir bisher …


    Viele Grüße

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