Erfahrung gesetzliche Betreeung

  • Hallo zusammen,

    vielleicht kann hier jemand von seiner eigenen Erfahrung zum Thema gesetzliche Betreuung berichten.

    Mein Schwiegervater leidet vermutlich unter Demenz. Er hat Wahnvorstellungen (Gas kommt aus der Steckdose, der Vermieter will ihn töten u.a.) wird oft aggressiv und ausfallend und dabei immer verwirrter, fabuliert.. Es ist schrecklich, mitanzusehen. Leider verweigert er jegliche medizinische Abklärung. Einen Termin in einer speziellen Gedächtnisambulanz sagte er einfach wieder ab.

    Nun haben sich meine Schwiegermutter und er entschieden, in betreutes Wohnen umzuziehen. Das Pflegeheim, in dem das betreute Wohnen ist, verlangt nun aber eine gesetzliche Betreuung für den Schwiegervater.

    Mein Mann möchte die Betreuung eigentlich übernehmen aber ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Er ist emotional so sehr involviert und hat viele unbearbeitete Konflikte mit ihm. Außerdem fürchte ich, dass er damit den Zorn seines Vaters noch ungebremster abbekommt.

    Hat jemand (gute) Erfahrungen mit einem gesetzlichen Betreuer gemacht, der vom Amtsgericht gestellt wurde? Oder ist das Risiko zu groß, an eine unseriöse Person zu geraten?


    Ich würde mich sehr über Erfahrungsberichte oder Ratschläge freuen!

  • Hallo MaKaCa,

    familienfremde rechtliche Betreuer werden vom Amtsgericht erst dann bestellt, wenn kein Familienangehöriger die Betreuung übernehmen möchte/kann und wenn keine Vorsorgevollmacht/Generalvollmacht da ist.....es wäre also zu überlegen, ob evtl Sie oder Ihre Schwiegermutter oder auch Ihr Mann die rechtliche Betreuung übernehmen könnten/wollen.


    Ich habe für meine beiden Eltern schließlich die rechtliche Betreuung beim Amtsgericht durch einen familienfremden Berufsbetreuer beantragt und selbst alle vorhandenen Vollmachten niedergelegt, weil ich nicht mehr weiterkam als die Demenz der Eltern fortschritt und auch weil es "unbearbeitete Konflikte" gab.

    Außerdem war ich nicht vor Ort wohnhaft.

    Ich hatte sehr große Bedenken, aber mir blieb gar keine andere Wahl mehr.

    Letztlich war es so, dass der Berufsbetreuer dann viel mehr für meine Eltern erreichen und organisieren konnte und später auch für beide einen Heimplatz fand, was mir alles so sicher nicht gelungen wäre.

    Allerdings kostet so ein Betreuer natürlich auch relativ viel Geld, vor allen Dingen in den ersten beiden Jahren.Das muß aus dem Vermögen des Betreuten gezahlt werden...falls nichts da ist...zahlt der Staat.


    Sie könnten die Betreuung durch den Berufsbetreuer auch auf nur einige Aufgabenbereiche begrenzen lassen und selbst die anderen Bereiche übernehmen (z.B. Vermögenssorge). Die Gebühren bleiben aber gleich hoch.

    Es fallen außerdem Gerichtsgebühren jährlich zusätzlich an....die jeweilige Höhe kann Ihnen der Rechtspfleger beim Amtsgericht genau sagen...


    Wen man letztlich erhält als Berufsbetreuer wählt ja das Gericht aus und in ganz seltenen Fällen gibt es sicher auch unseriöse Personen. Das Risiko ist allerdings gering, weil die Betreuer ja rechenschaftspflichtig dem Gericht gegenüber sind. Allerdings sind die Gerichte und Rechtspfleger arbeitsmäßig überlastet und können wohl auch nicht alles überprüfen.

    Der Berufsbetreuer muß nicht mit den Angehörigen zusammenarbeiten und sie auch über nichts informieren.....in meinem Fall tat er es meist, insb. wenn es die Arbeit für ihn selbst vereinfachte....er muß es aber nicht und dann haben Sie als Angehörige gar keine Einflußmöglichkeit mehr und zwar auf nichts!


    Es war für mich sehr entlastend, bei den ganzen Familienkonflikten, dass da endlich eine außenstehende Person, die Dinge in die Hand nahm. Allerdings hat so ein Berufsbetreuer mal leicht 40-60 Betreutete...da kann sich jeder ausmalen, wieviel Zeit für eine Person bleibt......ich habe sehr oft gedacht, dass viel zu wenig unternommen wird und mich oft auf emotional sehr aufgeregt darüber....und letztlich über die Ohnmacht, die dann wieder auf meiner Seite deutlich wurde.


    Nachdem meine Eltern beide im Heim untergebracht waren und so nicht mehr ständig Gefahren drohten, wo schnelles Eingreifen vor Ort erforderlich war, beantragte ich bei Gericht, dass ich die rechtliche Betreuung übertragen bekomme.....dazu hatte ich mich aber sicherheitshalber auch mit dem bisherigen Berufsbetreuer abgesprochen...das Gericht hat mir dann die Betreuung übertragen.....

    Auch das ist also möglich.


    Es wundert mich, dass das Pflegeheim eine rechtliche Betreuung haben möchte. Letztlich möchten die doch nur sicher gehen, dass das Geld fließt und dass ein Ansprechpartner existiert für alles sonstigen Belange. Ist das bei den anderen Bewohnern auch so der Fall? Evtl würde ich versuchen nochmals dort nachzufragen, weshalb.


    Viele Grüße

  • Hallo Hanne, vielen herzlichen Dank für die schnelle und sehr informative Antwort! Ähnliche Gedanken hatte ich auch schon, aber es fehlt uns eben einfach an Praxiserfahrung.

    Meine besondere Befürchtung betrifft eventuelle Arztbesuche und Untersuchungen meines Schwiegervaters. Wie kann das, oder auch die Einnahme von seinen Medikamenten, gegen seinen Willen durchgesetzt werden? Kann man da den Pflegeheim einmal eine Vollmacht erteilen, dass sie die Medis verabreichen bzw Arzttermine vereinbaren oder müsste man dann für jeden einzelnen Fall erneut die Zustimmung geben? Und kann man das überhaupt gegen den Willen des Betreuten durchsetzen?

    Ich befürchte ohnehin, dass das betreute Wohnen nur eine Übergangslösung ist und er relativ bald ins Pflegeheim umziehen müsste. Das Heim möchte die Betreuung wohl vor allem deshalb, weil sie befürchten, dass er im Betreuten Wohnen im schlimmsten Fall Konflikte mit den Nachbarn anzetteln könnte und dann müsste man eben schnell verfügen können, dass er in einen anderen Bereich des Heims umzieht.

    Ach ja, es ist alles ziemlich kompliziert. Aber am Ende müssen wir eben schauen, dass der Schwiegervater gut versorgt ist.


    Ganz herzliche Grüße!

  • Hallo nochmals :-)


    mir wurde anfangs auch sehr von anderen geholfen durch Infos und Rat und Erfahrungen...ohne das alles wäre ich untergegangen. Jetzt geb ich halt etwas zurück und mache das gerne.


    gegen den Willen des Betreuten geht idR ohne richterliche Genehmigung gar nichts.....die bräuchte auch ein Berufsbetreuer.....


    bei meinen Eltern vereinbart das Heim erforderliche Arzttermine und gibt Medikamente in Absprache mit dem Hausarzt...da werde ich nicht jedesmal um Zustimmung gebeten...ich habe dort gesagt, es soll genauso weiterlaufen, wie sie es bisher gemacht haben, wo noch der Berufsbetreuer eingesetzt war....manche Angehörige verlangen aber genau das, dass jedes einzelne Geschehen erst mit ihnen abgesprochen wird...das ist viel Mehrarbeit für die Pflegekräfte und verzögert letztlich alles für den zu Pflegenden.


    bei Fortschreiten der Demenz ist betreutes Wohnen oft nicht mehr ausreichend...das wird oft berichtet. Wäre evtl besser, gleich eine Heimunterbringung anzustreben? Weil jeder Umzug für einen Demenzkranken einen Schub verursachen kann...


    liebe Grüße

  • Hallo Hanne,

    jede einzelne pflegerische Handlung erneut genehmigen zu müssen finde ich ehrlich gesagt auch nicht so sinnvoll.

    Es wäre wahrscheinlich tatsächlich besser, wenn der Schwiegervater gleich ins Pflegeheim umziehen würde. Ich befürchte nur, dass meine Schwiegermutter das noch nicht so akzeptieren kann und auch er auf keinen Fall einwilligen würde. Das betreute Wohnen wäre aber zumindest einmal eine Zwischenlösung, vor allem für die Schwiegermama, die dann nicht mehr so alleine mit ihm ist. Heim intern wäre dann ein Wechsel ins Pflegeheim bestimmt relativ einfach umsetzbar. Das Haus ist außerdem sehr viel näher an unserem Wohnort gelegen, sodass wir im Alltag besser zu Hilfe kommen könnten. momentan wohnen die beiden sehr abgelegen mitten im Odenwald...

    Es gibt viel zu bedenken und zu organisieren. Ein paar erste Hinweise habe ich nun, dafür vielen Dank!

    Herzliche Grüße

  • Hallo MaCaKa,

    nachdem ich 1,5 Jahre versucht habe meine Mutter zu unterstützen, die jedoch jede Hilfe - und auch mich - ablehnte, habe ich in Absprache mit dem Sozialpsych. Dienst des Kreises entschieden die Betreuung für meine Mutter anzuregen. Die Betreuung selbst zu übernehmen habe ich abgelehnt - da ich ja absolut nichts erreicht habe, außer mich selbst in eine Überlastungssituation hineinzumanövrieren. Bei der Auswahl der Berufsbetreuerin hat die Betreuungsstelle die individuelle Situation berücksichtigt und die Betreuerin sehr gut gewählt. Da sie sehr erfahren ist, konnte in der darauf folgende Krisensituation (meine Mutter ist in nicht adäquater Kleidung im Winter orientierungslos von der Polizei gefunden worden) schnell und professionell reagiert werden. Inzwischen wohnt meine Mutter - unfreiwillig - in einer Hausgemeinschaft und wird gut versorgt. Die Betreuerin spricht zwar nicht alles mit mir ab - ich habe mich aber im Rahmen der Selbstfürsorge entschieden auch mal loszulassen. Natürlich kostet das Geld, aber das Geld meiner Mutter wird ja immer noch für sie und ihr Wohlergehen ausgegeben, damit ist es für mich vollkommen o.k.

  • Hallo MaCaKa,

    Sie haben ja bereits viele wertvolle Tipps bekommen.

    Ich wollte Ihnen noch den Hinweis geben, dass Sie auch mit einem Betreuungsverein Kontakt aufnehmen können, wenn es denn einen in Ihrer Gegend gibt. Dort ist die Chance auf einen seriösen Betreuer zu treffen wahrscheinlich höher. Sie haben zudem die Möglichkeit, dem Gericht einen Betreuer vorzuschlagen. Ob das Gericht Ihrer Empfehlung folgt, kann allerdings nicht garantiert werden.

    Sie können mit dem Betreuungsverein auch diskutieren, ob es vielleicht sinnvoll ist, einzelne Betreuungsbereiche (z.B. Heilbehandlungen) bei Ihnen zu belassen - falls Sie eine entsprechende Vollmacht haben.

    Ich teile Ihre Ansicht, dass das Heim wahrscheinlich Sorge hat, dass Ihr Schwiegervater im Betreuten Wohnen Probleme macht und man sich absichern will, ihn im Fall des Falles unkompliziert in den Heimbereich zu "verlegen". Haben Sie denn angedacht, einen ambulanten Pflegedienst in die Versorgung mit einzuschalten? Hat das Heim ein entsprechendes Angebot? Das kann im Hinblick auf die Belastung der Mutter hilfreich sein.

    Alles Gute wünscht

    Klaus Pawletko

  • Hallo Makaca,

    Mein mittlerweile verstorbener Vater hatte einen rechtlichen Betreuer, da wir Schwestern aufgrund entsprechender Vorfälle selbst die Betreuung nicht mehr übernehmen konnten und wollten. Die Betreuung wurde vom Gericht an eine sehr nette, seriöse Betreuerin übergeben, die ein liebevoll geführtes Heim für ihn fand. In schwierigen Phasen der Demenz ist manchmal einiges auf den Weg zu bringen, womit man als Laie überfordert sein kann.

    Nach einer Zeit, als einiges auf den Weg gebacht war, hat meine Schwester wieder ein paar Bereiche übernommen.

    Die Betreuerin musste ja bei Gericht über alles und jedes Belege einreichen. Also nur gute Erfahrung in unserem Fall. Ohne meinen Antrag damals wäre es für meine Mutter regelrecht gefährlich geworden.

    Alles Gute

    Rose60

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