Schwerhörig, demenzkrank, früherer Chorsänger...Tipps???

  • Guten Abend,

    hat jemand eine Idee ?


    Mein Vater (87) hat demnächst Geburtstag und ich möchte ihm eine Freude machen.

    Er ist mittel-schwer demenzkrank und sehr sehr schwerhörig. Lebt inzwischen im Heim. Ich verständige mich mit ihm schriftlich (kurze Sätze auf Zettel etc)...manche Pflegerinnen im Heim versteht er aber auch oder tut so...

    In seiner Kindheit und Jugend war mein Vater lange Zeit in einem Kirchenchor ( sogenannte Sängerknaben) wo relativ anspruchsvolle Stücke von Mozart und Händel gesungen wurden...Später als Erwachsener hat er dann in dem dazugehörigen Kirchenchor etliche Jahre mitgesungen...Seiner Musikliebe habe ich letztlich meine eigene zu verdanken und ich durfte auch ein Instrument als Kind lernen, was damals nicht selbstverständlich war.


    Er hatte eine wunderbare Baßstimme und wenn ich dann zuhören konnte, wie er im Chor sang, ..das habe ich immer noch in Erinnerung..und kann es direkt hören, obwohl es über 50 Jahre her ist..also muß es gut gewesen sein..und ihm auch selbst gefallen haben...


    Jetzt meine Frage: wie kann ich ihm denn die Musik irgendwie zurückbringen? Könnte ich ihm die Notenblätter hinlegen?...obwohl ich gar nicht weiß, ob er damals nur nach Gehör oder nach Noten gesungen hat...oder soll ich eine Aufnahme von den Stücken mitbringen und selber singen (könnte ich)...es geht um das Halleluja von Händel und das Kyrie und Gloria von Mozart....das sind ja sehr bewegende Stücke...könnte er die Schwingungen evtl vom Körper her erfahren?


    Also wenn Musiker oder sonstige Ideengeber unter Euch/Ihnen sind...ich wäre richtig froh und dankbar...weil mir diese Idee schon lange im Kopf herumschwirrt.


    Oder soll ich es einfach sein lassen?? Auch weil es ihn vielleicht nur traurig macht, weil er ja eben fast nichts mehr hören kann.


    Bitte ehrliche Antworten.


    viele Grüße

    Hanne

  • Hallo hanne63,

    ich würde es auf jeden Fall ausprobieren, ihm die Stücke vorzuspielen oder besser noch vorzusingen! Mein Schwager wurde quasi taub geboren - er nimmt (lautere) Musik tatsächlich über die Schwingungen war (und hat Freude daran). Grundsätzlich sagen Musikwissenschaftler zudem, dass Menschen mit fortgeschrittenerer Demenz oft besser auf a cappella Musik reagieren, weil das geschädigte Gehirn (mal ganz unabhängig von dem Problem Alterssschwerhörigkeit) nur noch das dominanteste Instrument (beispielsweise ein Bass oder Schlagzeug) verarbeitet, wenn eine Begleitung mit Instrumenten zu hören ist - im schlimmsten Fall "hören" sie von einem flotten Schlager oder Volkslied nur den Beat, und der kann sie im dümmsten Fall ähnlich stressen wie ein Presslufthammer. Von daher würde ich vermuten, dass Ihr Vater von einem reinen Gesangsvortrag am meisten hätte. Ob ihm die Noten als Stütze helfen, müsste man ausprobieren... die Krankheit nimmt den Betroffenen ja leider früher oder später auch die Fähigkeit, mit Verstand zu lesen, und das trifft vermutlich nicht nur auf Schrift, sondern auch auf Notensysteme zu.

    Musik ist die Schnellstraße zum Herzen von Menschen mit Demenz, denn die Bereiche des Gehirns, die für die Wahrnehmung von Musik zuständig sind, sind auch eng mit den Emotionen und emotionalen Erinnerungen verknüpft. Deshalb vermute ich, dass Ihr Vater positiv angerührt reagieren wird, ihre gute Absicht erkennt - selbst, wenn es akustisch kein Genuss mehr für ihn ist.


    Ich drücke Ihnen fest die Daumen, dass es gelingt...


    S. Sachweh

  • Hallo Hanne,


    das ist ja toll, dass du so etwas singen kannst. Ich würde es dann auch lieber Aufnehmen, wegen der jetzigen Zeit.

    Ansonsten hat Frau Sachweh alles Wesentliche schon gut erklärt.

    Man kann aber nie wissen, wie jemand darauf reagiert. Meine Erfahrung ist die, dass sich je nach Gemütszustand jetzt manches richtig anfühlen kann und ein andermal dann wiederum gar nicht.

    Deshalb würde ich es auch einfach mal versuchen und hören, was er dazu sagt.


    Liebe Grüße an Dich

  • Hallo an alle,

    stimmt.....Singen ist derzeit verboten (hatte ich auch vergessen)...aber der Geburtstag ist erst im Sommer.....und da würde ich dann draußen mit ihm im Garten sein....und mein Vater ist ja bereits schon lange geimpft und ich bin bis dorthin auch 2 x geimpft.....also denke ich, dass wenn ich weit von anderen weg bin.....singen könnte....Maske hätte ich ja vermutlich dennoch auf....mal abwarten.....wie sich alles in Sachen Corona weiterentwickelt.....


    ich werde jedenfalls schon mal die Noten und Aufnahmen besorgen....die hätte ich dann für alle Fälle :-)


    liebe Grüße

  • Hallo Hanne


    Für meine Mum war es das Highlight, als ich ihr kurz vor dem Einzug ins Heim Kinderlieder vorgesungen hab, sie hat auch sofort mitgesungen. Das ist natürlich viel zugewandter und lebendiger als unflexible Konservenmusik. Ich glaube, selbst wenn das Singen oder Spielen manche an verlorene Fähigkeiten erinnert, überwiegt meistens die Freude am echten Musikhören und -machen.


    Ich bin kein Experte, aber ein bisschen erfahren im Musizieren mit behinderten und traumatisierten Menschen. Nicht zu viel wollen, offen für die Reaktionen sein, also z. B. öfter innehalten, neu anzusetzen, Tempo oder Melodie wechseln usw. – mehr braucht es nicht (meine wackelige Stimme hab ich mit einer kleinen Zupffiedel unterstützt). Ich würde es mit und ohne Noten probieren, manche Musikveteranen finden es einfach schön, wieder mal wie gewohnt Noten in der Hand zu haben.


    Nun die Einwände in deiner jetzigen Situation: Vielleicht geht es einfach im Garten des Pflegeheimes, à deux ganz nah unterm Sonnenschirm oder auf einer Parkbank? Das könnte für deinen Vater schon sehr viel sein. Oder allein im Zimmer, in Absprache mit dem Heim? Ich würde dich gern ermutigen, selbst wenn fast nichts mehr im Gehör ankommt. Teile der Tonschwingungen und rhythmischen Impulse fühlt der Körper auf vielen Wegen, und oft sind gerade bei langjährigen Chor- oder Ensemblemusikern auch Gesichter und Bewegungen, Erinnerungen und das eigene Mitschwingen stark am inneren Musikerleben beteiligt. Vielleicht hilft's, wenn ihr Hand in Hand singt.


    Was ich noch nicht probiert habe, aber man hört manchmal davon bei Schwerhörigen: Vertraute Melodien z. B. auf dem Klavier spielen (wenn es im Heim eines gibt) und einen direkten Körperkontakt zum schwingenden Holz herstellen, Kopf vorsichtig anlehnen oder so.


    Ich wünsche euch von Herzen einen schönen Geburtstag, und wenn du dich zu dem Versuch entschließt, viel Glück dabei!

  • Musik ist die Schnellstraße zum Herzen von Menschen mit Demenz, denn die Bereiche des Gehirns, die für die Wahrnehmung von Musik zuständig sind, sind auch eng mit den Emotionen und emotionalen Erinnerungen verknüpft. Deshalb vermute ich, dass Ihr Vater positiv angerührt reagieren wird, ihre gute Absicht erkennt - selbst, wenn es akustisch kein Genuss mehr für ihn ist.

    Das empfinde ich auch so!

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