Neue Situation - Fühle mich überfordert

  • Hallo,


    ich bin neu in diesem Forum und möchte kurz meine Situation schildern. Achtung etwas längerer Text.

    Mein Vater (81) war bereits die letzten Jahre leicht dement, wir hatten das aber gut im Griff. Wir wohnen im gleichen Haus, die Wohnungen sind über ein in den Wohnungen liegendes Treppenhaus miteinander verbunden.

    Mein Vater hatte zwar Einschränkungen fand sich aber in seinem Umfeld, dörflichen Umgebung, immer sehr gut zurecht. Neben der Demenz ist er auch Diabetiker (Tabletten, keine Spritze) und hat eine Niereninsuffienz

    In den letzten Wochen hatte er zwar etwas abgebaut aber regelmäßige Artzbesuche ergaben kein Probem. Ich habe für ihn das essen Gemacht, Medikamente zusammengestellt, geputzt. Persönliche Hygiene, anziehen etc machte er selbstständig.


    Vor etwa 5 Wochen hatte er dann praktisch aus dem nichts Samstag abens starke Herzrythmusstörungen. Ist im Wohnzimmer umgekippt, komplett durchgeschwitzt als käme er frisch aus der Dusche. Also Rettungswagen gerufen und da begann das Martyrium.

    Wegen Corona-Beschränkungen durfte niemand zu ihm ins Krankenhaus. Ich saß am gleichen Abend noch 4 Stunden in der Notaufnahme bis ich wenigstens die Information bekam das er lebt und jetzt auf Station liegt. Der Kontakt mit der Station war leider sehr unerfreulich und hat uns jedes mal aus der Bahn geworfen, mein Vater fällt im Krankenhaus sehr schnell in ein Delir und aus einem eigentlich sehr freundlichen, ruhigen und ausgeglichenem Mann der nie jemanden etwas zu leide tun würde wird urplötzlich ein sehr agressiver und auch gewalttätiger Mensch.


    Am Wochenende werden in unserer Klinik hier Patienten nur beobachtet aber nicht wirklich behandelt, die Auskunft war immer am Montag geht es weiter. Sonntag Vormittag bekam ich bereits wieder einen Anruf aus der Klinik ist muss ihn abholen. Sie können ihn in diesem Zustand nicht behalten. Er verweigert Nahrung, Wasser, reißt sich Infusionen raus und ist aggressiv. Nachts wäre er bereits (ohne Einwilligung) festgebunden worden.


    Also bin ich ins Krankenhaus und durfe mit Sondererlaubnis der Stationsärztin (die dafür richtig Ärger bekommen hat) auf Station. Dort habe ich die Entlassungspapiere unterzeichnet und wollte ihn mitnehmen. Nach wenigen Schritten kam der nächste Herzanfall und er brach zusammen. Also Kommando zurück, zurück ins Stationszimmer ist musste sofort gehen und mich dabei noch von den Stationsschwestern anschnautzen lassen weil mein so schwieriger Vater jetzt doch bleibt.


    Der Tag und die darauf folgende Nacht war natürlich für uns alle der Horror, wenn ich mich nach seinem Zustand erkundigt habe wurden wir angeschrieen und einfach aufgelegt. Die zustänidge Krankenpflegerin schrie dann irgendwann nur noch der Typ gehört in die Psychatrie und legte auf. Am nächsten Tag Mittag kam schon wieder ein Anruf von einem anderen Arzt, er könne in diesem Zustand nicht bleiben ich muss ihn holen. Aber nicht sofort sondern erst um 15 Uhr dann sind alle Papiere fertig gemacht. Ich dürfte nicht auf Station kommen - Corona ....


    Mit meiner Schwester bin ich dann frühzeitig losgefahren um ihm heimzuholen. Kaum im Auto kommt der Anruf vom Doktor, sie hätten ihn schon früher zum Ausgang gebracht und er wäre jetzt abgehauen. Die Polizei wäre informiert. Die Polizei hatten meinen Vater als wir am Krankenhaus ankamen (10 Minuten später) bereits gefunden. Im Schlafanzug, ungeschwaschen ohne Socken bei 4 Grad Außentemperatur ist er mit schwachen Herzen noch etwas 800meter einen sehr steilen Berg mit Straße raufgegangen und wollte sich am Ende seiner Kräfte (nach eigener Aussage) zum sterben nur noch ins Straßengebüsch legen.


    Wir haben ihn dann nach Hause mitgenommen wo er auch recht schnell wieder zu sich gefunden hat. Allerdings sind uns bereits da enorme Erinnungslücken und das komplette Fehlen der Orientierung aufgefallen.

    Über den Hausarzt haben wir dann zwei Tage später ein Langszeit EKG von einem Kardiologen bekommen. In den Tagen als er zu Hause war hatte er immer wieder kleinere Anfälle mit verdrehten Augen und kurzfristigen aussetzern. Als wir dann am Freitag einen Termin beim Kardiologen hatten und dieser das Langzeit EKG auswertete kam in der Praxis schon der nächste Anfall. Auf dem Langzeit EKG zeigten sich Herzaussetzer von bis zu 35 Sekunden (im Schlaf). Also sofort mit dem Rettungswagen vom Kardiologen zurück ins das gleiche Krankenhaus, das nächste geeignete Krankenhaus wäre von uns über 70km entfernt gewesen und das konnte der Kardiologe nicht veranworten.


    So kam er wieder ins Krankenhaus, Notoperation Herzschrittmacher, das war gegen 13 Uhr. Gegen 16 Uhr kam schon wieder der Anruf ich muss ihn aus dem Krankenhaus holen, er könnte in diesem Zustand nicht bleiben. Er war rasent vor Wut, lies niemanden an sich ran und drohte sich und andere umzubringen.


    Also habe ich Ihn frisch operiert wieder heim gehohlt. Auch dort hat er sich relativ schnell wieder beruhigt. Hinzu kommt das er seit dem Krankenhaus nicht mehr richtig laufen kann (nur wenige Schritte) weil eine beidseitige Hüftathrose probleme macht (aktivierte Athrose). Das alles ist jetzt 5 Wochen her, meinem Vater geht es soweit gut aber das ganze hat einen enormen Schub bei der Demenz gebracht.


    Die Orientierung in der eigenen Wohnung (seit 50 Jahren) ist tagsüber phasenweise vorhanden abends aber grundsätzlich nicht. Die letzten 20 Jahre sind Erinnerungsmäßig würde ich schätzen zu 70-80% weg, auch bei älteren Sachen klaffen Lücken. Das Kurzzeitgedächtnis ist ein Sieb, anders kann ich es nicht beschreiben. Mich erkennt er meist recht gut, verwechselt mich aber manchmal mit anderen Personen. Bei meiner Schwester (wohnt etwas entfernt und ist nicht täglich hier) ist es ähnlich.


    Ich habe an dieser neuen Situation wirklich schwer zu knappern. Ich bin alleinstehend, 38 Jahre, selbstständig und um ehrlich zu sein psychisch schon vorher nicht das blühende Leben. Meinen Betrieb habe ich direkt neben dem Wohnhaus und werde dort eigentlich auch dringend gebraucht. Unter der Woche nehme ich meinen Vater mit rüber in den Betrieb (das war auch vorher schon so) wo er ganz einfache Sachen mitarbeitet. Das ist Routine die ihm eine Aufgabe gibt und auch gut tut. Aber für mich ist es ein ganz schöner Drahtseilakt bei dem mein Vater, meine Arbeit und auch ich zu kurz kommen. Mein eigenes Leben ist eigentlich nicht mehr existent.


    Die Hüften machen immernoch Probleme, so fallen aktivitäten wie Spazierengehen(machte er früher täglich) komplett aus. Nach einem CT wissen wir er bräuchte eigentlich zwei neue Hüften, bei seinem Zustand im Krankenhaus ein Ding der Unmöglichkeit.


    Mein größtes Problem ist das aber das er nicht mehr gut allein bleiben kann. Er sucht dauernt Leute oder meint es würden noch weitere Personen im Haus wohnen (nicht der Fall). Mein Zeithorizont in dem ich ihn allein lassen kann liegt bei etwa 40 Minuten spätestens dann muss man sich mit ihm beschäftigen. Das fordert er auch aktiv ein. Schlimm sind die Wochenenden hier dürfte ich den ganzen Tag Entertainer spielen.

    Allerding wird es auch immer deutlicher das ich ihm nicht genug bin, etwas das sich auch wegen Corona nicht so leicht ändern lässt. Meine Schwester tut ihr mögliches wohnt aber nicht im Haus sondern 20km entfernt und hat selbst zwei Kinder und gesundheitlich schon einiges durch. Sprich es bleibt einfach das meiste an mir hängen.


    Ich habe auch ein schlechtes Gewissen wenn ich ihn allein lasse.


    Facharzt Termine zu bekommen ist eine Kathastrophe nach Anruf bei allen Orthopäden in der Nähe habe ich dort einen Termin in 5 Wochen. Neurologe 7 Wochen.


    Mein bisschen privatleben spielt sich da zwischenn 22 und 23 Uhr ab. Gegen 22 Uhr will er schlafen gehen (mit täglich gleicher Diskussion wo er denn schlafen soll weil er sich abends nicht erinnert ein Schlafzimmer zu haben) Gegen 23 Uhr falle ich dann selber todmüde ins Bett weil das ganze Spiel unter umständen bereits am Nächsten Tag um 6 Uhr von vorne los geht.


    Ich bin im Moment wirklich mit meinen Kräften am Ende und habe keinen blassen Schimmer wie ich das auf unbestimmte Zeit weiter aushalten soll. Ich komme mir selbst vor wie im Gefängnis. Dazu kommen natürlich auch immer wieder unschöne Gedanken (wäre er gestorben) die kaum tauchen sie im Kopf sofort Schuldgefühle verursachen.

  • Hallo Sohn83,

    erst einmal willkommen hier im Forum.

    Ich fange gleich bei Ihrem/Deinem letzten Satz an.....den kenne ich auch gut und wohl viele hier....und auch die Schuldgefühle, die man dann hat.....aber einerseits wünscht man sich eine Erlösung (für den Erkrankten und für sich selbst) und andererseits ist es wohl auch ein Zeichen von Überforderung....


    Die Krankenhausgeschichte liest sich sehr schlimm....bei meinen Eltern habe ich da ähnliche Stories erlebt.....also: man kann sich weigern, den Erkrankten aus dem Krankenhaus mit nach Hause zu nehmen, mit der Begründung, dass die Versorgung zu Hause nicht gesichert ist und dass man das nicht selbst leisten kann.....dabei unbedingt hart bleiben....dann ist nämlich das Krankenhaus wieder in der Verpflichtung.....und kann entweder in eine Kurzzeitpflege oder was besser wäre in eine Geropsychiatrie weiterschicken......es gibt auch einen sog. Sozialdienst oder Entlassungsmanagement.....die "müssen" ebenfalls helfen...dann einen Platz zu suchen....Krankenhäuser sind auf Demenzkranke überhaupt nicht eingerichtet.....und dass es hinterher oft zum Delir kommt ist auch häufig.... Aber: Wenn so starker Druck auf die Angehörigen ausgeübt wird...das ist schon krass.....aber man muß hart bleiben......die schieben ansonsten die Verantwortung einfach ab!....und sind den lästigen Patienten los!


    Bei eigener totaler Überlastung wäre auch daran zu denken....den sozialpsychiatrischen Dienst (Gesundheitsamt, Landratsamt)....zu informieren und um Rat zu bitten.....das könnte auch später hilfreich sein, wenn die schon mal über den Fall informiert sind...außerdem geben die auch ab und zu tatsächlich Hilfestellungen...


    Und auch wäre zu überlegen....ob beim Betreuungsgericht eine rechtliche Betreuung durch einen Berufsbetreuer beantragt werden soll...damit man sich selbst entlastet.....kostet halt Geld...und wenn man selbst im gleichen Haus wohnt...könnte es schwierig werden....andererseits...wenn man selbst einfach nicht mehr kann und überlastet ist?.....


    Pflegegrad beantragen.....bei der Krankenkasse....dann schrittschenweise...einen Pflegedienst einschalten.....sich dort vorab beraten lassen....evtl schon mal mit Medikamenteinnahme durch Pflegedienst (kann der Hausarzt verordnen).....dann hat man einen Fuß in der Türe und ist selbst etwas entlastet....


    Dann sehen, ob es Unterstützung von außerhalb gibt....als Besuchsdienste oder ähnliches....


    Ich hab das alles durch, Eltern sind jetzt im Heim..., es ist auf Dauer nur sehr schwer oder gar nicht zu schaffen, selbst die ganze Pflege zu leisten....


    Schlechtes Gewissen......ja....das ist hartnäckig....am besten immer wieder neu ertränken :)


    Sinnvoll ist insbesonder am Anfang sich beraten zu lassen als Angehöriger von Demenzerkrankten.....es gibt auch solche Kurse, die die eigene Krankenkasse oder auch die Krankenkasse des Erkrankten zahlt.....das sind dann 10 x 2 Stunden.....oder es gibt auch Angehörigengruppen manchmal vor Ort...Ansprechpartner sind meist Diakonie etc.....so ein Kurs ist sehr hilfreich..es gibt inzwischen auch Online-Kurse......aber man kann sich sogar auch telefonisch beraten lassen bei Diakonie etc.....was halt vor Ort ist....am Anfang hat mir das sehr geholfen überhaupt noch durchzublicken und eine Marschrichtung zu finden und einzuhalten.


    Viele Grüße


    und hoffentlich schreiben andere auch bald ....

    Einmal editiert, zuletzt von hanne63 ()

  • Lieber Sohn83,


    als ich Ihrem Beitrag gelesen habe musste ich mehrfach schlucken, auch ich habe ähnliches durchlebt und knabbere noch heute physisch und psychisch daran (meine Mutter ist vor vier Monaten verstorben)

    Es ist sehr wichtig in ihrer jetzigen Situation, dass sie Erleichterung bekommen, damit ihre Gesundheit keinen Schaden nimmt und Ihnen in ihren jungen Jahren noch etwas Freiraum bleibt.

    Leider ist das mit den angebotenen Hilfeleistungen für demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen so eine Sache und ehrlich gesagt oft nicht sehr erfolgversprechend (meine eigene subjektive Erfahrung)

    Daher ein zusätzlicher Vorschlag, den ich ursprünglich für mich in der Planung hatte, aber leider nicht mehr ausführen konnte.

    Wie sieht es bei ihrem Vater mit dem Pflegegrad aus? Ihren Schilderungen nach zu urteilen müsste er mind. in Pflegegrad 3 einzuordnen sein.

    Sie könnten evtl. privat eine nette Dame/Herrn als Betreuer(in) und Haushaltshilfe für einige Stunden am Tag einstellen.

    *Neben* Pflegediensten etc. denke ich hier an eine Beschäftigung gem. geringfügiger Basis , einschl. KV 5% könnten 545 Euro für einige Stunden in der Woche ausreichen.

    Wichtig ist, dass ihr Vater neben Ihnen eine weitere feste Bezugsperson hat, das baut Vertrauen auf und schafft sowohl für sie als auch für ihren Vater Erleichterung.


    Liebe Grüße


    Merle

  • Vielen Dank für eure Antworten.


    Es tut wirklich gut einfach mal zu hören das man nicht als einziger in einer Solchen Situation ist.


    Was da vor ein paar Wochen im Krankenhaus eigentlich abgelaufen ist wird mir auch erst langsam bewusst. Man ist in so einer Ausnahmesituation dermaßen überfordert und will halt nur noch helfen. Im Krankenhaus ging es ihm furchtbar, er wollte Heim, also habe ich zugestimmt. Allein die Tatsache das er in den zwei Tagen im Krankenhaus nicht behandelt wurde und er mir in den 5 Tagen zu Hause bevor er den Herzschrittmacher bekam praktisch jede Minute sterben hätte können .....



    Zum Pflegegrad habe ich am Samstag eine Einstufung (3) erhalten. Werde da diese Woche mal tätig werden um wenigstens etwas Unterstützung zu erhalten. Das mit der Betreuerin ist eine gute Idee, werde ich im Auge behalten.


    Das finanzielle stellt zum Glück bei uns aktuell kein Problem dar. Das mit der Pflegeberatung werde ich ebenfalls versuchen, habe mich schon schlau gemacht das bietet hier das BRK (Bayrisches Rotes Kreuz) an. Auch Pflegekurse werden dort angeboten, die Coronabedingt natürlich nicht mehr stattfinden.


    Eine Angehörigen/Selbsthilfegruppe wäre toll, wir sind hier nur leider sehr ländlich da sind alle Angebote rar gesäht. Etwa 30km entfernt gibt es so eine Gruppe (die natürlich Coronabedingt Pause macht) die trifft sich aber 1x mtl Montag Vormittag zum Frühstück, das fällt für mich arbeitsbedingt schon wieder aus.


    Gestern abend/heute nacht war wieder extrem schwierig und Kräfteraubend. Ich will nicht näher ins Detail gehen aber ich habe gestern Abend 3 Stunden mit ihm im Badezimmer verbracht inkl. zwei mal Duschen und dürfte dann Nachts von 0 -2 Uhr nochmal ran weil er seine Notdurft inkl einen Haufen Toilettenpapier im Bidet verrichtet hat was natürlich komplett verstopfte und das ganze Bad überschmemmt hat. Nicht sehr apetitlich. Um 6 Uhr morgens war er dann schon wieder wach was auch meine kurze Nacht beendet hat.


    Mir tut wirklich das Herz weh wenn ich ihn so hilflos sehe, so kenne ich meinen Vater einfach nicht. Ich musste ihm immer versprechen das ich ihn auf gar keinen Fall in ein Heim gebe, allein der Gedanke daran das das vielleicht notwendig ist und ich ihn aus seiner gewohnten Umgebung reißen muss, dreht mir den Magen um.

  • Hallo Sohn83,

    ab einem gewissen Punkt kann man vermutlich die Pflege und Verantwortung nicht mehr selbst leisten und es könnte tatsächlich eine Heimunterbringung, auch gegen den Willen des Betroffenen und trotz des ursprünglichen eigenen Versprechens es niemals zu tun......also es könnte trotzdem für beide Seiten dann die bessere Lösung sein.......so war es jedenfalls in beiden Fällen bei meinen Eltern.....wurden mit richterlicher Genehmigung im Heim untergebracht und nach einer gewissen Eingewöhnungszeit dort....geht es jetzt.....


    (bzgl. "gewohnter Umgebung".....bei meiner Mutter kam der Punkt, dass sie ihre Wohnung und Umgebung gar nicht mehr erkannte und auch nicht als gewohnt empfand.....sie hatte überhaupt keine örtliche Orientierung mehr.....das ist auch jetzt im Heim manchmal so...).


    Ich kann daher nur den Rat geben, rechtzeitig, diese Möglichkeit immer wieder mal zu durchdenken ;)


    Liebe Grüße

  • Hallo Sohn83


    Ich glaube, viele stehen in einer ähnlichen Situation wie du, aber ich bewundere, was du bisher geschafft hast, um es deinem Vater möglich zu machen, sein vertrautes Leben weiterzuleben! Es ist jetzt die Frage, ab wann das gar nicht mehr geht, ohne dass du Schaden nimmst, und er auch immer weniger davon hat. Bei unserer Mutter haben wir es in der Serie von Ausnahmesituationen gar nicht richtig gemerkt, aber wenn fortschreitende Demenz und schwere körperliche Ausfälle und vielleicht Widerstände gegen fremde Hilfe zusammenkommen, kann es Angehörige und ambulante Helfer sehr schnell und plötzlich an die Grenzen des Machbaren bringen. Bei uns gab es einige Wochen mit Einbrüchen dramatischen Krankenhausepisoden, und dann wurde deutlich, dass eine ständige fachliche Versorgung im Schichtdienst nun wichtiger ist als die vertraute Umgebung und das alte Leben. Das ging nur im Pflegeheim. Da geht leider auch vieles nicht oder nicht gut, was man sich besser vorstellen könnte und das Leben ist leider einfach nicht mehr dasselbe wie vorher. Aber wir mussten das akzeptieren lernen.


    Ich kenne natürlich nur unseren eigenen Fall richtig und bin deswegen unsicher mit Empfehlungen, aber mein Tipp wäre, dass du dir schonmal vor Augen hältst, dass dieser Einschnitt kommen kann, und dir vielleicht, wenn noch ein bisschen Zeit ist, geeignete Heime ansiehst, soweit Corona das zulässt (dazu gab es hier vor wenigen Wochen einen eigenen Thread).

    Wie gesagt mit aller Vorsicht, aber so wie du eure aktuelle Situation und die inzwischen eingetretene Unselbständigkeit deines Vaters schilderst, wäre ich leider skeptisch, ob eine ambulante Hilfe oder selbst eine einzelne 24/7 Betreuungskraft im Haus genügend bewirken kann.


    Alles Gute für dich und deinen Vater

  • Hallo Sohn,


    hier hast du schon viele gute Tipps bekommen.


    Ich möchte aber dein Gewissen etwas entlasten. Niemals in ein Heim zu kommen, das ist ein natürlicher Wunsch, den ich auch jederzeit verfolgen würde.

    Aber bei einer Demenz wird ein solches Versprechen irgendwann hinfällig, weil es einfach nicht zu schaffen ist. Ab Pflegestufe drei ist das dann meist der Fall.

    Was aber ganz wichtig ist, ist eine weitere Bezugsperson für deinen Vater. Man kann hier auch eine Zeitungsannonce aufgeben, dass man eine fürsorgliche, liebevolle Person mit Humor sucht, die Erfahrung mit Demenzkranken hat oder man wendet sich an einen Seniorenservice ect.


    Ich wünsche ganz viel Kraft.


    In unserem "Wie geht es Euch"- Thread kannst du auch über alles schreiben, was dich bedrückt. Wir haben uns hier lange gut unterstützt, wenn man mal nicht mehr ein und aus gewusst hat.


    Solche Umstände, wie du sie im Krankenhaus erlebt hast, dass ist der beste Spiegel für die Hilflosigkeit unserer Gesellschaft, wegen Personalmangel und maßloser Überforderung.

    Deshalb ist es auch wichtig, sich rechtzeitig Heime anzusehen und zu schauen, wo der Vater gut versorgt wird. Abstriche muss man hier zwar machen, vor allem in Coronazeiten. Umso wichtiger ist es, dass die Grundbedürfnisse des Vaters berücksichtigt werden und dass auch für eine gewisse Unterhaltung gesorgt wird.


    Sorry, ich bin hier einfach ins Du hineingerutscht, weil wir uns in dem "Wie geht es Euch"-Thread alle duzen. Ich hoffe, das ist dir recht. Wenn nicht einfach Bescheid sagen.


    Liebe Grüße

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sohn83,

    ich kann den anderen nur zustimmen: Die vorwurfsvollen und unprofessionellen Reaktionen der Krankenhaus-Mitarbeiter machen einen fassungslos - als hätten die noch nie im Leben einen verwirrten Patienten versorgt, und als gebe es nicht einen Notfallplan, Delir-Patienten notfalls in eine Gerontopsychiatrie zu verlegen! Tragischerweise wäre Ihr Vater vielleicht halbwegs friedlich geblieben, hätten wir nicht die Corona-Problematik, und könnten Sie oder Ihre Schwester oder eine andere vertraute Person ihn im Krankenhaus begleiten. Viele Kliniken bieten in "normalen" Zeiten für demenziell erkrankte Patienten mittlerweile ein Konzept wie "Rooming-in" an, bei dem Angehörige zur Beruhigung des Erkrankten mitaufgenommen werden und auch dort übernachten - vergleichbar dem Umgang mit kranken Kindern.


    Um sich selber zu entlasten und die Betreuung noch eine Weile stemmen zu können, sollten Sie sich dringend erkundigen, welche Hilfen Ihnen zustehen, und wo/wie man wenigstens eine stundenweise 1:1 Betreuung organisieren kann - damit Sie arbeiten, und sich auch einmal erholen können.

    Grundsätzlich ist es super, dass Sie ihn zur Arbeit mitnehmen und ihm kleine Aufgaben geben - das ist in der Regel die beste Methode, um Menschen mit Demenz zufrieden zu stimmen und ihnen das Gefühl zu geben, dass ihr Leben noch einen Sinn hat. Ich drücke Ihne sehr die Daumen, dass das noch eine Weile gut funktioniert. Es ist aber wahrscheinlich, dass er dabei immer mehr Aufsicht und Betreuung braucht. Deshalb wäre die Frage, ob es auch in Ihrem ländlichen Raum eine Tagespflege gibt, in die Ihr Vater ein- oder mehrmals in der Woche gehen könnte?

    Zudem würde ich mich an Ihrer Stelle über Angebote zur Kurzzeit- oder Verhinderungspflege informieren lassen, damit Sie für zukünftige schwierige Situationen gleich einen Ansatz haben, wie man die abfedern kann.


    Und schließlich kann ich den anderen Beitragenden nur zustimmen: Ja, Sie haben Ihrem Vater versprochen, dass er nicht ins Heim muss, aber das kann und darf nicht bedeuten, dass Sie selber bis zum körperlichen oder seelischen Zusammenbruch versuchen, es bis zum Ende alleine zu schaffen - erstens haben auch Sie ein Recht auf Ihr eigenes Leben, und zweitens "färbt" Ihre zunehmende Erschöpfung und Verzweiflung auf Ihren Vater ab: Menschen mit Demenz haben unglaublich feine Antennen dafür, wenn wir genervt, ärgerlich, überfordert, ungeduldig sind - und sie spiegeln diese Gefühle und Befindlichkeiten dann, bzw. werden davon angesteckt. Unsere Angst, unsere Wut überträgt sich auf sie, und ihr Verhalten wird oft noch problematischer und unaushaltbarer für uns - sie laufen weg, reagieren aggressiv, etc. Will sagen: Wir helfen den Betroffenen manchmal mehr dadurch, dass wir uns selber schützen und Hilfe von außen annehmen. Und ein Rettungsanker ist irgendwann eben leider auch ein Heim, oder eine Demenz-WG. Schauen Sie sich also rechtzeitig um, was für Angebote es in Ihrer Region so gibt... Und trösten Sie sich mit der Feststellung, dass Ihr Vater wie nahezu alle Erkrankten ja auch in seiner eigenen Wohnung irgendwann durch die Krankheit kein Zuhause-Gefühl mehr haben wird und vielleicht durch die Kontakte und Anregungen sowie die im besten Fall professionelle Betreuung in einer Pflegeeinrichtung wieder aufblüht.


    ... und zuletzt ein ganz praktischer Tipp, mit Blick auf das Bidet-Malheur: Für Ihren Vater sieht das praktisch genauso aus wie eine Toilette. Um eine nochmalige Verwechslung auszuschließen: Könnten Sie das Ding "unsichtbar" machen oder gleich ganz abbauen? Zudem hilft vielen Erkrankten, das richtige "Örtchen" zu finden, wenn die Klobrille farblich deutlich abgesetzt ist von der weißen Sanitärkeramik.


    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie bald Wege zur Entlastung finden!

    Herzliche Grüße,

    S. Sachweh

  • Hallo Sohn und alle anderen,


    ich habe mit meiner Schwiegermama ja auch mehrere Krankenhausaufenthalte erlebt.


    Einmal hatten wir richtig viel Glück gehabt. Sie musste auf die Privatstation, weil ansonsten kein Platz mehr gewesen ist. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Erst einmal gibt es nur Zweibettzimmer. Sie bekam aber alsbald ein Einbettzimmer.

    Die andere Sache ist aber die, dass man zwei Handynummern bekommen hat, über die ein Pfleger immer zu erreichen gewesen ist. Man durfte anrufen und man bekam immer eine freundliche und kompetente Antwort.

    Zudem war das im Herbst gewesen. Da durfte man noch ins Krankenhaus gehen und so lange bleiben, wie es nötig gewesen ist. Es wurde auch öfters mal ein Auge zugedrückt. Das hat die Pfleger entlastet und meiner Schwiegermama hat es enorm viel geholfen.

    Auch sie hatte ein Delir gehabt. Und in meinem Beisein hat sie es Stück für Stück dort rausgeschafft nach der Operation.

    Natürlich können Demenzkranke aggressiv werden, wenn sie nicht wissen, was mit ihnen geschieht und warum. Das dann Schläuche gezogen werden und das die Ärzte und die Kinder dann angegangen werden, das habe ich schon öfters gehört inzwischen.

    Demenzkranke brauchen eine wohnzimmerliche Wohlfühlatmosphäre, sie brauchen Zuwendung, Geduld, Zeit, ein auf sie eingehen. usw. Und ehrlich gesagt, wünschte ich mir das für jeden, der in ein Krankenhaus muss.

    Ich finde Zweibettzimmer schon eine Gradwanderung, genauso, dass man in Coronazeiten noch nicht einmal mit Test auf Station darf.

    Es kann auch anders gehen.

    Und wenn das Krankenhaus keine Geriatrie hat, dann sollten die behandelten Ärzte sich um ein anderes Krankenhaus bemühen, dass eine solche Station hat.


    Liebe Grüße

  • Ich möchte mich für die vielen Antworten bedanken. Das ist alles für mich sehr hilfreich.


    Das (lange) Wochenende war extremst schwierig, ein Hoffnungsschimmer ist das sich das Bein etwas gebessert hat (Daumen drücken). Wenn mal wieder ein 10 minütiger Spaziergang möglich wäre würde ihm das wohl sicherlich etwas bringen.


    Sachen wie eine Tolettenbrille in Signalfarbe habe ich heute bereits bestellt. Vielen Dank für den Tipp.


    Ich habe jetzt nächste Woche einen Termin (Hausbesuch) mit dem BRK für die Pflegeberatung, das BRK hat bei uns zu dem Thema ein sehr breites Angebot inkl. Pflegedienst, Tagespflege und selbst betriebenen Heimen.


    Wichtig ist wohl langsam den Einstieg ins Thema zu finden um auch ihn nicht zu überfordern. Er hat immer vereinzelte Tage wo es ihm mental deutlich besser geht ich muss immer aufpassen das ich ihn mit in Boot hole um Abwehrreaktionen zu vermeiden.


    Das mit der Besserstellung von Privatpatienten kenne ich auch so. Ich bin selbst Privat versichert mein Vater gesetzlich. Vor zwei Wochen musste ich mit ihm zu einem CT (Becken, Leiste), die "gesetzliche" Praxis ist ausgerechnet in unserem Horrorkrankenhaus gelegen und für ihre "ausbaufähige" Leistung berüchtigt. Beim letzten CT vor 6 Monaten in jener Praxis haben wir den "Arzt" nie gesehen, auf den Termin sowie Arztbefund Wochen gewartet.

    Jetzt bin ich mit ihm als Selbstzahler (Beckten CT, 298 EUR) in eine Private Radiologie. Termin innerhalb 5 Tagen, dort war es schon mal kein Problem das ich dabei war und beim an und auskleiden helfe und beim Arztgespräch begleite. (In der Kassenpraxis nicht erlaubt! -> Corona). Alles in allem dauerte CT mit sehr ausführlicher Besprechung ca 1 Stunde. Noch am gleichen Abend war der Befund beim Hausarzt bei dem wir am nächsten Tag einen Termin hatten. So konnten wir diverse Verdachtsfälle (Leistenbruch, Krebs) ausschließen.


    Sofern möglich versuche ich immer als Selbstzahler Privatleistungen für ihn zu bekommen. In unserem Krankenhaus ist das leider fast nicht möglich, weil es keine extra Privatzimmer/Stationen gibt. Im Notfall kommt man immer zuerst in dieses Krankenhaus (4km entfernt), weitere Krankenhäuser in der Umgebung sind nicht selbstständig und gehören zur gleichen Gruppe/Krankenhaus (Sana Kliniken, die die jetzt 1000 Pflegehelfer raus geschmissen haben) .


    Die nächsten größeren Kliniken (bei uns Regensburg) sind knapp 70km entfernt, bei planbaren Krankenhausaufenthalten wäre das immer meine Anlaufstelle. Corona hat das alles halt viel schwieriger gemacht

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sohn,

    auch ich ziehe den Hut vor Ihrer Leistung. Aber damit verhält es sich wie beim Applaudieren für die professionellen Pflegekräfte - Entlastung bringt das nicht.

    Sie haben erwähnt, dass Sie Ihrem Vater als Sozialkontakt nicht (mehr) genügen. Das scheint mir ein wichtiger Hinweis zu sein. Menschen mit Demenz brauchen auch Kontakt zu Ihresgleichen; das reduziert ihren Stress. Insofern wäre der Umzug in ein geeignetes Heim oder eine Demenz-WG sogar ein Schritt, der ihm gut tun könnte - und Ihnen erst recht. Sie müssen ja die Verantwortung nicht komplett abgeben; bei vielen Demenz-WGs ist sogar das Engagement von Angehörigen erwünscht. Schwierig wird es vielleicht angesichts Ihrer ländlichen Lage, weil die Angebote dort wohl eher dünn gesät sind. Eine gute Beratung bekommen Sie hier: https://www.bayern-pflege-wohnen.de/

    Ich wünsche Ihnen viel Kraft und alles Gute!

    Klaus Pawletko

  • Hallo Sohn,

    ich finde es wirklich auch enorm was du beschreibst und leistest. Kann gut nachfühlen, was du und dein Vater mit den Krankenhäusern durchmachen müsst, weil ich ebenfalls aus dem ländlichen Nordostbayern komme. Vor allem das absolut wurschtige und unmögliche Verhalten mancher Pflegekräfte ist mir in dieser Art auch schon begegnet. Ist zwar Blödsinn, dann das ländliche Bayern zu verteufeln. Aber wenn man halt schon mal großstädtische Pflege- und Rehaeinrichtungen gesehen hat, ist es einfach wirklich ein Riesenunterschied. Wenn ich hier im Forum von den Angeboten und Vorschlägen lese (Pflege-WG, Gerontopsychiatrie und und und..) möchte ich manchmal verzweifeln. Es ist so gut gemeint, und schön, was es das andernorts alles gibt. Aber es bei uns gibt es im Vergleich zu städtisch geprägten Regionen wirklich sehr wenig - außer Pflegediensten und Altenheimen. Bei uns im Landkreis wurde vor kurzem sogar ein Pflegestützpunkt vom Landratsamt als "nicht notwendig" erachtet, obwohl das Land die Einrichtung gefördert hätte. So ist man wirklich ständig damit beschäftigt, sich an allen Ecken und Enden Hilfen zusammenzusuchen. Ich habe als Selbstständige mit Pflegeerfahrung und einer sehr guten Beziehung zu meiner Mutter beschlossen, so lange wie möglich meine Mutter zuhause zu unterstützen (sie wohnt mit meinem Vater zusammen, ist vor allem körperlich stark beeinträchtigt, die dementen Phasen nehmen aber in letzter Zeit zu). Und die größte Hilfe waren - neben dem Pflegedienst- eigentlich Leute, die ich privat gefunden habe, die Verhinderungspflege und Entlastungsplege leisten. Das sind bei uns zwei Frauen, die auch viel (private) Erfahrung in dem Bereich haben, und total einfühlsam sind. Somit ist wirklich ein kleines Netzwerk entstanden, das einem hilft, über die Runden zu kommen, so dass man stundenweise oder sogar länger abschalten kann. Eine der Helferinnen haben wir auch über eine Zeitungsanzeige gefunden. Wenn man sich durch den Papierkram gekämpft hat, stellt man fest, dass einem echt viele Stunden zustehen im Jahr. Im Prinzip würde ich einfach dazu raten, alles was irgendwie in Richtung Pflege und Beratung geht auszuschöpfen - z.B. Lebensberatung von der Caritas, Selbsthilfegruppen, ... . Wo dann eine kompetente Person sitzt, die einem wirklich weiterhilft, ist total vom Zufall abhängig. Und klar, ich würde auch den anderen hier zustimmen, wenn man nicht mehr kann, dann sollte man einfach ein Heim überlegen. Schließlich unterstützt man sein Elternteil dort ja genauso. Wenn die Pflege Fachkräfte übernehmen und man nicht mit Toilettenschüsseln usw konfrontiert ist, kann man viel unbeschwerter miteinander umgehen und da haben dann am Ende alle was davon. Für uns kann ich es mir gerade noch nicht vorstellen, aber ich bin auch nicht vor Ort, sondern mein Vater ist noch da. Wäre ich so wie du die einzige Hauptperson, die das alles stemmen muss, würde ich vielleicht anders entscheiden.

    Was da auch total wichtig ist, sich zu fragen, ob es denn auch noch Momente gibt, wo du sagen kannst, dass dir die Pflege Kraft gibt oder eben irgendetwas Positives auch dabei ist. Ich versuche das immer abzuwägen, und es hält sich noch die Waage. Es sollte einfach nicht kippen, weil man sonst echt in einen Strudel der Überforderung gerät. Es klingt so, als wärst du gerade voll drin in einem solchen Strudel, aber nach deinen Gesprächen mit dem BRK und nachdem du alles auf mehr Schultern verteilt hast, kann es sich auch wieder verbessern. Ok, jetzt rede ich so, als wäre ich voll ok und entspannt mit meiner Situation... So ist es nicht, und ich glaube auch niemand der mit Angehörigen mit dementen Phasen beschäftigt ist, kann das behaupten. Das wäre auch vollkommen seltsam. Es ist hart, und ich wünsche dir einfach alles Gute und viel Kraft.

  • Guten Abend,

    nur zur Information möchte ich mitteilen:

    meine Eltern wohnten auch relativ ländlich. Die nächste Gerontopsychiatrische Klinik war ca 60 km entfernt gelegen. Trotzdem ist dann nach einem Krankenhausaufenthalt meine Mutter dorthin eingewiesen und mit Krankentransport hingefahren worden.....Das hätte auch bereits direkt vom Krankenhaus aus schon erfolgen können.....sie blieb dann ein paar Wochen in der Gerontopsychiatrie und bekam endlich die erforderlichen Medikamente.....(Weglaufen, Verirren, Wahnzustände)....das Problem ist natürlich, dass in der Gerontopsychiatrie freie Plätze Mangelware sind....aber wenn ein Notfall vorliegt...dann geht es plötzlich doch...oder an wen man halt grad dann gerät...


    Es ist oft viel auch vom Zufall abhängig und an welche Person man als Ansprechpartner dann gerät...leider...


    Ehrlicherweise muß ich sagen, dass ich selbst allein das alles nicht hätte durchsetzen oder stemmen können....zu der Zeit war dann schon ein Berufsbetreuer zuständig, der sich allerdings auch jeweils mit mir abgesprochen hat und der vor allen Dingen eine enorme Erfahrung in solchen Dingen und in die Abläufe hatte.


    Die "Normalmenschen" kennen sich ja normalerweise damit überhaupt nicht oder viel zu wenig aus.....


    viele Grüße

  • Ich möchte mich nochmals für die vielen hilfreichen Antworten bedanken. Mir hat das bereits sehr viel geholfen auch im Bezug auf meine ständigen Schuldgefühle. Die letzten Tage waren wieder ein gutes Stück besser. Wir hatten sogar keine kurze etwa 3 stündige Phase in der mein Vater zwar nicht orientiert aber geistig sehr klar war und sich seiner eigenen Situation sehr bewusst wurde.


    Wir haben in dieser Zeit sehr viel besprochen wovon er das meiste auch noch heute zwei Tage später gut im Gedächtnis hat (was eigentlich verwunderlich ist). Er hat mir für den Ernstfall das eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich ist seine Erlaubnis zur Heimunterbringung gegeben. Ich gehe zwar nicht davon aus das er sich in so einem Fall daran erinnern könnte, mir gibt das aber natürlich innerlich ein gutes Stück Seelenfrieden.


    Ihm war auch sehr wichtig seine Angelegenheiten (z.b. Geldzuwendungen an Enkelkinder, Tochter) zu regeln und fragte auch die letzten zwei Tage aktiv danach ob ich das bereits in die Wege geleitet habe (Seine Finanzen regle ich mit Vollmacht und Rücksprache mit ihm bereits seit 10 Jahren)


    Mein Vater ist eigentlich ein sehr vernünftiger, in sich ruhender und intelligenter Mensch, wohl auch ein Grund das wir trotz Demenz Einschränkungen so lange so gut klarkommen konnten weil er selbst viele Defizite kompensiert hat.


    Ich habe ihm auch erklärt das nächste Woche jemand zur Pflegeberatung (BRK) vorbeikommt, was nicht negativ aufgenommen wurde. Ihm 2km entfernten Nachbardorf gibt es eine ambulant betreute Senioren-Wohngemeinschaft mit angegliederter Tagespflege (BRK). Sein Hausarzt eröffnet seine neue Praxis im Sommer direkt gegenüber der Tagespflege. Das Haus kennt er bereits weil dort seine medz. Fußpflege untergebracht ist.


    Gegenüber angeboten wie Tagespflege zeigte er sich aufgeschlossen. Natürlich muss das alles erst einmal ausprobiert werden ob es sich für ihn eignet. Aber ich könnte mir vorstellen das ihm das tatsächlich liegen und gut tun könnte(er war immer ein sehr geselliger und kommunikativer Mensch)


    Alles in allem bin ich aktuell wieder etwas froheren Mutes das wir das alles hinbekommen (wobei natürlich auch immer wieder Phasen der Verzweiflung folgen die viele hier sicherlich auch kennen). Das hat natürlich auch damit zu tun das ich mich auch langsam in der neuen Situation einlebe und die letzten zwei Tage nachts einigermaßen Schlafen konnte (das ich ab kurz vor 5 wach liege dafür kann er nichts)

  • Das freut mich sehr, Sohn, dass für dich eine Entspannung stattgefunden hat.

    Das klingt auch richtig gut, was zukünftige Pflegehilfen angeht, wie die Tagespflege, der Hausarzt ect.


    Was das Behalten angeht, so habe ich die Erfahrung gemacht, das einige demenzkranke Menschen, sich sehr wohl das behalten können, was ihnen früher auch wichtig gewesen ist im Leben. Ich habe da auch oftmals gestaunt, wenn Sachen erkannt und benannt werden konnten, die man vor Wochen gekauft oder besprochen hat. Demenz ist noch viel zu wenig erforscht und ich bilde mir, durch meine eigenen Beobachtungen meine eigene subjektive Meinung, was solche Phänomene angeht.


    Es freut mich auch sehr für deinen Vater, dass er bereit ist, mitzuhelfen. Das kann auch in einer Demenz, bei einigen Personen gut gelingen. Meine Erfahrung ist ohnehin die, dass man denjenigen immer mit einbeziehen sollte, denn die Gefühle und Kernstrukturen bleiben erhalten. Das kann sogar bis ganz zum Ende des Lebens funktionieren. Und wenn es nicht mehr funktioniert und man muss selbst entscheiden, wie bei einer Heimunterbringung, weil derjenige gar nicht mehr alleine zurecht kommt, auch nicht mit der Hilfe von einem selbst, dann kann man auch im Heim dabei mithelfen, dass es demjenigen einigermaßen gut geht und dass seine Wünsche vertreten werden.


    Liebe Grüße

  • Nachdem die letzten Tage und vor allem das Wochenende wieder sehr schwierig waren hatten wir heute unsere Pflegeberatung. Diese war sehr ausführlich und hilfreich. Wir versuchen es jetzt mit der Tagespflege, die Einrichtung ist Luftline keine 1,5km entfernt, Mittwochs hat er einen Schnuppertag.

    Erst ist einer möglichen Tagespflege gegenüber weiterhin sehr aufgeschlossen und freut sich sogar auf Mittwoch. Ich hoffe sehr das dass etwas für ihn ist.


    Alles in allem hat sich sein geistiger Zustand meines Gefühls nach in den letzten zwei Wochen aber eher verschlechert. Mein "Zeitfenster" indem ich ihn allein lassen kann hat sich im Schnitt auf etwa 20-25 Minuten halbiert. Danach fängt er an massiv abzubauen und wird zusehens verwirrt. Er fängt dann auch an ihm Haus rum zu laufen wo denn alle Leute hin sind. So ein Wochenende ist wirklich lange und anstrengend wenn man jemanden von 5:30 Uhr morgens bis abends 22:00 ohne Pause ständig unterhalten soll.


    Die Orientierung im eigenen Haus ist jetzt fast immer komplett weg, während er aber z.b. bei einer gestrigen kleinen Spazierfahrt problemlos die Ortsteile, Häuser in denen Bekannte wohnen, die Autowerkstatt in die wir gehen etc. benennen konnte. Auch mich erkennt er als seine primäre Bezugsperson, nennt mich auch beim Namen und weiß das wir verwandt sind. Das ich ich sein Sohn bin weiß er aber nicht mehr, mal bin ich sein Bruder, Onkel, Schwiegersohn, Neffe etc. Dieses weitere abbauen beunruhigt mich doch sehr, bis zum Neurologie Termin sind es aber noch 4 Wochen.


    Medikamentös bekommt er jetzt Schmerzmittel (verschrieben vom Hausarzt) gegen seine Hüftathrose, dadurch haben sich die Schmerzen etwas gelegt und er kann wieder ein wenig besser laufen. Ich bin hier wirklich sehr zwiegespalten. Diabetes, Bluthochdruck, Athrose, Demenz fast alle Medikamente belasten zusätzlich die Nieren. Aber auch diese arbeiten bereits schlecht. Ich habe aber den starken Eindruck das es je schlechter es ihm körperlich geht (Schmerzen) desto ausgesprägter ist die Demenz. Also zusätzliche Schäden in Kauf nehmen um die Schmerzen zu lindern? Eigentlich bräuchte er zwei neue Hüften aber das ist im Bezug auf Krankenhausaufenthalt und Reha illusorisch wenn er bereits nach 1-2 Stunden ins ein hyperaktives und gewalttätiges Delir verfällt

  • Heute war unser Schnuppertag in der Tagespflege. Meinen Vater hat es wohl gefallen. Auch wenn die 'Äußerungen gegenüber mir und anderen Personen doch etwas variieren. Mir Gegenüber ist es okay gewesen als meine Schwester fragte war es ganz toll. Jedenfalls wird er jetzt 3x die Woche die Tagespflege besuchen. Mehr wollte er nicht. Es gab auch keine Probleme was mich sehr beruhigt.



    Es hat ihm offensichtlich sehr gut getan. Er war als ich ihn abgeholt habe sehr aktiv und agil. Ich hätte da kaum einen Unterschied zu früher feststellen können Er wurde auch von den pflegerinnen als angenehmer und problemloser Gast gelobt. Als mir dann gesagt wurde er konnte sich auch problemlos merken wo die Toilette ist musste ich echt schmunzeln. Demenz ist schon komisch zuhause wo er seit fast 50 Jahren wohnt geht das meist nicht und er muss suchen oder braucht wegweiser




    Erst auf der Heimfahrt wurde er wieder etwas passiver. Auch jetzt zu Hause merke ich Unterschiede z.B ist er selbstständig in den Garten gegangen, das gab es jetzt bestimmt 4 Wochen nicht mehr. Jetzt wird er langsam geistig träger und fängt an rumzunesteln , das kann aber auch an der Müdigkeit liegen, die Nacht war wieder relativ kurz.


    Wir haben morgen einen Feiertag und natürlich keine Tagespflege, ich bin gespannt wie lange der Effekt anhält. Für mich war der Tag anstrengend weil ich den ganzen Tag damit gerechnet habe das Ich ihn abholen muss weil es nicht funktioniert. Trotzdem konnte ich endlich mal wieder meiner Arbeit nachgehen und sogar noch eine halbe Stunde für mich abzwacken. Für mich ist das jetzt der langsame Einstieg in die fremdpflege

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sohn,

    ich freue mich für Sie und Ihren Herrn Vater, dass der Einstieg so gut geklappt hat. Diesen Unterschied in der Aktivität und Wachheit beobachte ich auch manchmal - und erklärt auch die verschiedenen Eindrücke die es gelegentlich gibt. Während Angehörige eine Beschreibung liefern, schildern Pflege- / Betreuungskräfte dann ein anderes Erleben.

    Für mich war der Tag anstrengend weil ich den ganzen Tag damit gerechnet habe das Ich ihn abholen muss weil es nicht funktioniert.

    Ich hoffe die Teilnahme an der Tagespflege führt alsbald dazu, dass Sie wieder mehr Zeit für sich gewinnen und dabei auch "entspannt" den Dingen nachgehen können, die für Sie wichtig sind.
    Klingt doch jedenfalls erstmal gut.

    Es grüßt Sie

    Jochen Gust

  • Hallo, Sohn,


    ich kann mich hier nur anschließen. Es liest sich gut, was Du hier schreibst.

    Eine Bekannte von mir hat eine Seniorenbetreuung gehabt. Bei ihr gab es auch Demenzkranke, die seit Jahren bei sie gegangen sind. Und es hat ihnen gefallen, wohingegen andere nur seltener da gewesen sind. Jeder ist hier anders.


    Ich drücke Dir weiter die Daumen und hoffe, dass noch mehr Hilfe möglich sein wird.


    Liebe Grüße an Dich

  • Hallo


    vielen Dank für eure Antworten. In erster Linie bringt mir die Tagespflege jetzt dann etwas mehr Zeit mich meinem ebenfalls stressigen Beruf zu widmen. Ich bin ja selbstständig und habe 4 Mitarbeiter das Unternehmen haben mein Vater und ich die letzten 20 Jahre so aufgebaut . Es ist leider nicht möglich mich da großteils komplett auszuklinken.


    In Bayern haben wir heute einen Feiertag, da merke ich es wieder ganz aktut. Er bräuchte eigentlich von früh bis spät mehrere Leute um sich rum, dann geht es ihm besser. Für ein Animationsprogramm von früh bis spät reichen aber meine Kräfte nicht mehr / auf Dauer.


    Wir lassen das mit der Tagespflege jetzt einfach mal einige Zeit laufen und schauen was passiert. Bemerkenswert ist er weis seit gestern wieder das ich sein Sohn bin, die letzten Wochen war ich nur ein Verwandter (Onkel, Bruder, Neffe etc). Vielleicht sind das normale Schwankungen oder es sind noch immer Nachwirkungen des Delirs die reinspielen. Möglich das hier die Tagespflege hilft.



    Ich konnte heute ein sehr gutes Gespräch mit ihm führen in dem er auch sagte, aktuell sei genau das eingetreten vordem er sich immer gefürchtet hat, auf andere angewiesen und abhängig / eine Last zu sein. Mein Vater war immer ein sehr selbstständiger Mann, nach dem Tod meiner Mutter hat er auch nicht mehr geheiratet und mich (damals 12) und meine Schwester (damals 20) allein groß gezogen. Ich bilde mir ein recht gut zu verstehen was da manchmal in ihm vorgeht, weil wir uns vom Typ doch sehr ähneln.


    Ich habe in diesem Zusammenhang auch das Thema Seniorenwohnheim angeschnitten. Wir sind so verblieben das wir einfach die nächsten Wochen schauen was passiert und sofern sich nichts signifikant verbessert den Betriebsurlaub im August nutzen um uns gemeinsam Einrichtungen hier in der Gegend anzuschauen

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