Verlauf der "letzten Zeit"

  • Hallo zusammen

    ich bin neu und auf Website und Forum gestoßen auf der Suche nach Rat und Information zum Umgang mit einer älteren Dame. Diese ist selt mindestens 5 Jahren an "Demenz" erkrankt und wir haben das Gefühl, die letzte Zeit bricht an. Sie will nicht mehr laufen (außer man animiert sie), scheint nicht mehr selbst zu wissen was essen und trinken ist (in Gemeinschaft, wir haben sie Mittag bei uns und meine Frau ist morgens und abends bei ihr, isst sie dann schon nach Lust und Laune) scheinbar aus ihrer aktiven Wahrnehmung heraus. Die Geschichten, tja, ich denke die kennt jede und jeder von Euch wer im Umgang mit dementen Personen ist die in einem weit fortgeschrittenen Stadium sind, verworren und ziemlicher Quark. Wie geht es weiter? Wir wollen ihr eine menschliche und würdige letzte Zeit geben und die externe Pflege bzw. ein Heim noch hinausschieben. Wobei wir schon angemeldet sind, man weiss ja nie... Wie sind Eure Erfahrungen ab diesem Zeitpunkt, ab dem das Essen und Trinken aus dem Fokus kommt, das Laufen nicht mehr geht (sie könnte noch etwas, aber will nicht) und die Sprache langsam kompliziert wird? Was wird uns die nächste Zeit erwarten und - auch wenn diese Frage vielleicht pietätlos klingt, da hier auch sicher Personen lesen, denen es auch nach der Zeit nicht leicht fällt damit umzugehen - welche Lebenserwartung besteht? Sie ist fast 86. Verkürzt der Zustand das Leben oder geht es - halt basal - seinen normalen Weg bis zum letzten Moment?

    Vielen Dank für Eure Antworten und auch ggf. Hinweise, sofern dieses Thema schon einmal behandelt wurde. Ich habe es nicht gefunden

    • Offizieller Beitrag

    Hallo FrankR,

    Sie haben leider nicht erwähnt in welchem Verwandtschaftsverhältnis Sie zu der Dame stehen und ob es bereits irgendwelche Vollmachten oder ähnliches gibt. So wie Sie den Zustand der Dame beschreiben, bleibt wohl nur der Weg über das Vormundschaftsgericht, denn eine Vollmacht würde nicht mehr anerkannt.

    Zu den anderen Fragen: Wie verhält die Dame sich, wenn Sie nicht bei Ihnen ist? Besteht die Gefahr der Selbst- oder Fremdgefährdung, z.B. durch einen nicht abgeschalteten Herd?

    Gesellschaft scheint der Dame ja gut zu bekommen; insofern stellt sich auch die Frage, ob Sie ihr wirklich einen Gefallen tun, wenn Sie in Ihrer derzeitigen Wohnsituation verbleibt.

    Zur Lebenserwartung: alles ist möglich. Die Dame kann gut und gerne noch 10 Jahre leben, wenn die Versorgung angemessen ist.

    Sie sollten professionelle Beratung vor Ort suchen, z.B. bei einer regionalen Alzheimer-gesellschaft oder einem Pflegestützpunkt. Den gibt es bestimmt auch in Ihrer Nähe.

    Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen Klaus Pawletko

  • Hallo Klauspawletko und Sonnenblümchen

    danke für Eure Antworten. Das Verwandschaftsverhältnis ist: es geht um meine Schwiegermutter. Wir haben die Pflege und auch alle Vollmachten, soweit ist alles organisiert und geregelt. Wir sind auch in Beratung mit Pflegeinsitutionen, um den Krankheitsverlauf besser kennenzulernen. Nur haben wir das Gefühl, hier wird viel um den heissen Brei herumgeredet, die Wahrheit vermieden. Was ich in diesem Forum anders erlebe, was mich freut. Danke, Sonnenblümchen, für die Schilderung des selbst erlebten. Tja, klingt nicht einfach... Es ist erstaunlich, wie wenig alte Leute wohl benötigen an "Energiezufuhr". Dies haben wir erst lernen müssen, das keine großen Essensmengen notwendig sind und trinken sich im Maß hält. Meine Schwiegermutter ist "normalgewichtig", nicht dick, nicht dünn. Seitens des Gewichtes hält sie sich seit Jahren in etwa gleich. Weitere Erkrankungen hat sie nicht, auch keinen hohen Blutdruck, Zucker etc.. Eigentlich - bis auf die fortschreitende Demenz und eine leichte Klappenrandverkalkung - erstaunlich gesund. Wir hatten uns halt gefragt, ob die fortschreitende Demenz starken Einfluss nimmt auf die Lebenserwartung, was ja vermutlich nicht so sehr sein dürfte. Wir hoffen, es geht seinen natürlichen Weg bevor es einen für sie und auch sekundär uns schwer zu ertragenden Zustand erreicht. Heim (Gespräche laufen, eine Kurzzeitpflege versuchen wir in diesem Jahr, sofern ein Platz frei wird) wäre nur dann eine Alternative, wenn man würdevoll mit den Bewohnern umgeht. Einfach nur abschieben, wie es wohl bei vielen Einrichtungen ist, das würden wir nicht wollen. Außer der Zustand würde sich so weit verschlechtern, das es nur noch um die "Lebenserhaltung" geht. Keine leichte Zeit, wenn man für jemanden anders mitentscheidet über den Fortgang des Lebens...

    • Offizieller Beitrag

    Hallo FrankR,

    wenn Sie Ihre Schwiegermutter so lange wie möglich vor einer Unterbringung in einem Heim oder einer Demenz-WG bewahren wollen, müssen Sie sich sicher darauf einstellen, dass Sie und Ihre Frau immer mehr zu Animateuren und "Motivationstrainern" werden müssen, sowie zu Vorbildern oder Rollenmodellen, von denen sie abschauen kann, wie z.B. Nahrungsaufnahme geht: Menschen mit Demenz vergessen früher oder später das Essen und Trinken. Sie verlieren oft den eigenen Antrieb, sich zu bewegen, oder sich selber zu beschäftigen. Je weniger sie sich allerdings bewegen, desto schlechter funktioniert die Durchblutung (also letztlich auch das geschädigte Gehirn), desto schlechter wird die Lunge belüftet, Muskulatur und Gleichgewichtssinn bauen ab - was die Sturzgefahr erheblich erhöht. Deshalb ist es wichtig, beispielsweise das Laufen für Ihre Schwiegermutter attraktiv zu machen: Sie also nicht nur zum Spazieren aufzufordern, sondern (je nach ihren individuellen Vorlieben oder Interessen) einen Spaziergang zum nächsten Spielplatz oder Wildgehege, wo man Kinder/Tiere beobachten kann, oder als Endziel der Mühe ein Eiscafé oder ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte in Aussicht zu stellen. Überdies weckt mehr Bewegung auch den Appetit und erinnert die Erkrankte vielleicht auch ans Essen.

    Je öfter sie mangels Nahrung und Flüssigkeit unterzuckert und dehydriert ist, desto öfter können völlig verwirrte Phasen vorkommen, und desto schneller scheint, von außen betrachtet, der Abbau vonstatten zu gehen. Von daher wäre es gut, wenn Sie möglichst oft mit ihr essen würden und sie auch, etwa mittels Trinkritualen (Sprüche, Anstoßen, etc.), mehrmals am Tag zum Trinken animieren könnten. Oft ist der Widerstand viel geringer, wenn wir den Betroffenen nicht nur mahnend, besorgt oder gewissermaßen mit dem Zeigefinger drohend nahelegen, wie wichtig Flüssigkeit ist, sondern eben mit ihnen zusammen trinken und dies "feiern", ritualartig gestalten... und im Laufe der Zeit versuchen, herauszufinden, ob auch diese Person besser auf süße und bunte Getränke reagiert, wie viel Menschen mit Demenz.

    Und was die Geschichten Ihrer Schwiegermutter angeht, die Sie als verworren und "Quark" empfinden: In sehr vielen Fällen steckt hinter dem, was uns "gaga" erscheint, ein sinnvoller und sogar wahrer Beitrag zu einem Gesprächsthema - wir Gesunden merken es nur nicht sofort, weil die Erkrankten oft sprachliche Probleme haben und Wörter verwechseln oder Begriffe selber erfinden, wenn ihnen die passenden, "richtigen" Worte nicht einfallen. Mit etwas detektivischem Spürsinn kann man oft herausfinden, worüber der- oder diejenige spricht! Ich würde Ihnen sehr raten, sich einmal mit dem Thema Kommunikation mit Menschen mit Demenz zu befassen (Dazu gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern und Infomaterialien, auch auf dem Wegweiser Demenz unter der Rubrik Alltagssituationen), wenn Sie ihr gerecht werden und den Kontakt nicht abbrechen lassen wollen.

    Wichtig und für Menschen mit Demenz entlastend ist auch, wenn wir die Verantwortung über ein Misslingen der Verständigung auf unsere Kappe nehmen (obwohl natürlich in vielen Fällen die Demenz verantwortlich dafür ist, dass man Äußerungen der Betroffenen nicht mehr inhaltlich verstehen kann) - also sagt, dass man heute leider eine lange Leitung hat, schwer von Kapee ist, ihn/sie leider nicht versteht, und entweder das Thema wechselt, oder tröstend auf einen späteren Zeitpunkt verweist. Versuchen Sie, neben all' dem, was Ihnen als unverständlich und fehlerhaft auffällt, auch die Anteile der Äußerungen Ihrer Schwiegermutter wahrzunehmen, die angemessen, richtig sind... und sich immer wieder vor Augen zu führen, dass die Erkrankten eigentlich mit bewundernswerter Tapferkeit und Kreativität trotz allem, was die Demenz ihnen nimmt, mit uns in Kontakt zu bleiben.

    Manchmal führt die Demenz auch dazu, dass sie Erlebnisse aus Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr voneinander unterscheiden können, weil ihnen das Zeitgefühl abhanden kommt. Sie erzählen dann von Erlebnissen, die entweder nie, oder vor vielen Jahren passiert sind (oder passiert sein könnten), als wären sie gerade eben geschehen. Oder dass sie Personen verwechseln, oder von lang Verstorbenen sprechen, als hätten sie sie gerade eben noch auf der Straße getroffen. Sie schreiben ja, dass Ihnen ein würdervoller Umgang wichtig ist: Bitte korrigieren Sie Ihre Schwiegermutter in solchen Situationen nicht, sondern gehen Sie auf den emotionalen Gehalt des Erzählten ein: Lachen Sie mit, wenn das Gesagte offenbar lustig ist, trösten Sie, wenn Sie frustriert oder ärgerlich erscheint, und schimpfen Sie mit, wenn sie sich offenbar ärgert - auch, wenn Sie nicht so genau wissen, worüber sie inhaltlich redet.

    Und da Menschen mit Demenz Körpersprache erstaunlich sensibel wahrnehmen, ist es auch sinnvoll, sich ein Augenrollen oder Kopfschütteln in Situationen zu verkneifen, in denen Ihnen Gesagtes oder Getanes völlig verrückt vorkommt - das kriegen sie nämlich leider mit. ;)


    Freundliche Grüße

    S. Sachweh

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