Selbstverletzendes Verhalten

  • Vielleicht hat jemand einen Rat für mich ... Meine Mutter (wohnt mit fortgeschrittener Demenz noch im eigenen Haus, wird von uns - nebenan wohnend - derzeit noch mit betreut) fügte sich nun bereits zum zweiten Mal selbst deutliche Verletzungen zu. Aktuell hat sie sich vor mehreren Wochen mit dem Fingernagel aus dem Nasenrücken tief in die Haut geschüft. Es war ein richtiges Loch zu sehen. Mit allen möglichen Hilfsmitteln (Pflaster, Wundspray, flüssiges Pflaster, Salbe) bekam ich die Verletzung i.d.R. soweit in den Griff, dass sich ein Grind bildete. Den reißt sie sich regelmäßig sofort wieder ab und die Wunde ist wieder da. Und schlimmer als vorher. Bis gestern haben wir es geschafft, dass die Wunde richtig zugeheilt war. Gestern fand ich sie wiederum mit einem "Loch" auf dem Nasenrücken vor. Heute ertappte ich sie, wie sie sich den Grind abpulen wollte. Ich bin echt hilflos. Kommt so etwas häufiger bei fortgeschrittener Demenz vor? Und was könnte man da noch tun? Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter wegen starker Arthrose im ganzen Körper Tilidin nimmt. Vielleicht hat sie dadurch kein Schmerzempfinden mehr ... Natürlich können wir sie nicht rund um die Uhr bewachen, aber das geht ja in einem Pflegeheim auch nicht. Hat vielleicht jemand eine Idee, was man tun könnte ... Vielen Dank im Voraus und herzliche Grüße an das Forum - ich bin froh, es gefunden zu haben. Ich sehe, dass ich nicht alleine bin mit meiner "Tragödie".. und allein das hilft!!! Danke!

  • Hallo schwarzerkater,


    ja das kenne ich auch. Wenn vorher kein selbstverletzendes Verhalten dagewesen ist und es sich um Wunden handelt, die immer wieder vorzeitig aufgekratzt werden, dann haben wir das auch erlebt.


    Es sah manchmal schon gefährlich aus, aber ich denke mir halt, dass die Wunden irgendwie von dem Betroffenen vergessen werden. Dann juckt vielleicht die Wunde oder sie wird als etwas Fremdes ertastet und dann wird die Wunde mit den Fingernägeln bearbeitet, bis sie dann wieder blutet.


    Ich finde, du hast schon alles Mögliche getan, was ich auch getan hätte. Ansonsten würde ich die Mutter auf die Wundstelle aufmerksam machen und darauf, dass sich hier etwas entzünden kann. Vielleicht würde ich das bei Bedarf auch öfters besorgt/humorvoll erwähnen.


    Zudem würde ich versuchen, die Fingernägel der Mutter kurz zu halten. Vielleicht einleitend mit einem schönen Handbad, einer Handmassage (mögen einige Demenzkranke gerne) und dann würde ich die Fingernägel schneiden und feilen. Vielleicht noch eine kleine Ablenkung nebenbei, wie ein Katzenvideo, wenn sie Katzen mag.


    Mehr kann man da leider nicht tun. Ich habe bei Demenzkranken schon einiges gesehen. Zum Beispiel juckende Pusteln durch trockene Haut. Und da man sich nicht immer eincremen lassen wollte, hat man diese aufgekratzt. Das sah manchmal aus wie ausgepeitscht. Mit einer anständigen, pflegenden Creme war eine Woche später alles verschwunden.


    Ich wünsche ein gutes Gelingen und auch die Gelassenheit, dass man hier leider nicht immer etwas verhindern kann. Aber versuchen kann man es, den Demenzkranken zu etwas zu bewegen. Manches bleibt auch bei häufiger Wiederholung dann doch hängen.


    Ich wünsche Dir und deiner Mama alles Gute

  • Hallo Teuteburger, veielen Dank. Der Tipp mit den kurzen Fingernägeln ist gut. Das werde ich ausprobieren. Es ist übrigens genauso wie Sie schreiben. Auch die Haut war eine Katastrophe und wurde aufgekratzt. Da half aber der Pflegedienst, der sich zum Glück trotz aggressivster Abweisung nicht in die Flucht schlagen ließ. Und das mit der häufigen Wiederholung haben wir auch festgestellt: Irgendwas bleibt hängen. Leider schimpft man manchmal reflexhaft mit der dementen Pertson... , aber das NÜTZT EINFACH NICHTS, es macht die demente Person nur abweisend oder verzweifelt. Ich übe mich also weiter in Gelassenheit. Liebe Grüße.

  • Danke, Sonnenblümchen. Ich habe nun Bestätigung für meine Vermutung ... Es ist ein im Rahmen der Demenz "normales" Verhalten. Somit höre ich erst mal komplett damit auf, das vor ihr zu problematisieren. (Es machte sie leider nur verzweifelt.) Ich creme, salbe und pflege also weiter ... und hoffe, dass die Wunden irgendwann aus Versehen zuheilen. Pflaster bringen übrigens auch nix ... die werden abgerissen. Wie in allen anderen Angelegenheiten, lasse ich meine Mutter zufrieden in ihrer Welt und tue von außen, was möglich ist. Manchmal habe ICH einen schlechten Tag und kriege dann Panik. Es bringt nix, wenn diese sich auf sie überträgt - das macht das Problem nicht kleiner. Liebe Grüße.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, die Einschätzungen, Erklärungen und Tipps aus der Runde sind super und immer der erste Schritt für dieses Symptom. Es taucht bei einer Demenz zum Glück nicht zu oft auf. Der erste Schritt ist immer, dass Risiko zu begrenzen, die kurzen Fingernägel, keine "Werkzeuge" in Griffweite und manchmal helfen auch Baumwollhandschuhe - wenn sie wie Pflaster respektiert werden. Auf der anderen Seite sind die Ursachen zu behandeln.

    • Gegen den störenden Grind auf der Nase ist kaum etwas zu machen, er stört einfach, so wie ein Pflaster oder ein Katheter
    • Ist es Langeweile oder Unruhe in den Händen, können die "Nesteldecken" helfen, so wie Hanne63 eine individuell für Ihre Mutter hergestellt hat. Manchmal helfen ritualisierte Bewegung wie das Aufwickeln von Binden oder polieren von Wassergläsern. In jedem Fall gilt es, einen Tick oder einen Automatismus zu verhindern. Deshalb ist gut, dass Sie so schnell reagieren, Schwarzerkater, und das Muster unterbrechen. Da lohnt sich, das volle Programm der Ablenkung zu beginnen
    • Selbstverletzungen können aus den genannten Gründen stärker werden, wenn der Körper durch Schmerzmittel (&Demenz) der Fähigkeit beraubt wird, Schmerz in seiner Warnfunktion wahrzunehmen.
    • Selten beobachten wir auch das Gegenteil: unbehandelter Schmerz wird durch Selbstverletzung überdeckt. Dies kann auch ein seelischer Schmerz sein, z.B. wenn vorher ein "Borderline-Störung" bestand
    • Ich kläre immer auch ab, ob sich die Pflegenden provoziert fühlen und woran sie dies erkennen. Manchmal gelingt es dann ein weniger blutiges "Spiel um Beachtung oder Kontaktaufnahme" zu finden
    • Ein häufiger Auslöser sind auch unangenehme Phänomene wie Sensibilitätsstörungen, Jucken, Pilzbefall, Ekzeme oder Trockenekzeme. Um dies auszuschließen verordnen Hautärzte manchmal Cortisonhaltige Salben
    • Eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit oder eine Fixierung der Hände entsprechen schon lange nicht dem fachlichen Standard und unterliegen im stationären Bereich z.B. bei einer bedrohlichen akuten Selbstschädigung stärkster Kontrolle. In der Häuslichkeit ist dies leider noch nicht geregelt und es gibt zu wenig professionelle Hilfe. Auf jeden Fall muss sich der Pflegedienst um Alternativen kümmern - dies wird vom nächsten Jahr an auch vom MDK geprüft.
    • Wie schon oft geschrieben, Drohungen oder Schimpfen helfen fast nie, führen meist in eine Eskalationsspirale und belasten die Beziehung - egal wie nachvollziebar die starken Gefühle der Pflegenden sind.

    So wie Sie in der Runde versuche ich immer eine Erklärung zu finden und dann kommen manchmal neue Ideen.

    Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg

  • Vielen Dank, Herr Hamborg, ich glaube bei meiner Mutter liegt es v.a. an der Langeweile. Sie schneidet ansonsten rund um die Uhr Papier (wir sorgen für Vorrat). An Kontaktpersonen will sie aber entweder nur uns oder niemanden. Wir können ihr 4x am Tag unsere Gesellschaft anbieten (inklusive Mahlzeiten), einmal (nachmittags) wird kurz eine Pflegekraft toleriert ... manchmal. Wir werden das Problem also gelassen nehmen. Handschuhe würden nicht funktionieren.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!