Sinnlose Einkäufe

  • Hallo Leidensgenossen,


    wir pflegen als Familie unseren dementen Vater. Bisher ging das leidlich gut, da alle sich kümmern und die Belastung (Zeit!!) auf mehrere Schultern verteilt ist.

    Jetzt diskutieren wir aber schon zu lange und kommen auf keinen Nenner und ich hoffe mir hier ein paar Tipps zu bekommen.

    Unser Vater kann zu Fuss eine Buchhandlung erreichen, bei der er seit Jahren Kunde ist. Dort kauft er sich regelmäßig Bücher. Querbeet alles mögliche. Die Bezahlung ist kein Problem, so viel Geld gibt er nicht aus, als dass das schwierig wäre.

    Aber er liest sie nicht mehr wirklich. Wenn man nach Inhalten oder Titel oder irgendwas fragt - er kann nichts wiedergeben. Das ist schon länger so. Ok. Demenz eben.

    Seit einigen Wochen jedoch reißt er Seiten heraus. Die Seiten "sortiert" er in seinem Hobbyraum. Wieviel Zeit er damit verbringt weiß ich nicht, aber es muss viel sein.

    Auch neue Bücher - gekauft, am selben Tag zerrissen.

    Ich würde ihn einfach machen lassen, er ist zufrieden damit. Ich spreche ihn auch nicht darauf an.

    Mein Bruder und meine Schwester finden das aber einerseits Geldverschwendung und andererseits auch schade um die Bücher und versuchen ihm das - bisher erfolglos - auszureden.

    Jetzt wurde überlegt, mit der Buchhandlung zu sprechen und so dafür zu sorgen, dass er keine Bücher mehr kaufen kann.

    Geht das überhaupt? Wir alle sind bevollmachtet.


    Fällt jemand was dazu ein?

    Natalie

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Natalie,


    willkommen im Forum.

    Meine Gedanken dazu:

    wenn es finanziell und auch sonst kein Problem für Ihren Herrn Vater ist, er im Gegenteil sogar eine Beschäftigung mit den Büchern hat - sollte man wirklich an der Situation rütteln?

    Vermutlich würde er eine Bevormung und den Eingriff in seine Tätigkeit sehr übelnehmen. Und er würde eine Alternative zur Beschäftigung benötigen. Was, wenn er sich die nächste "unerwünschte" Tätigkeit sucht?



    Ggfs. können Sie mit Ihren Geschwistern vorsichtig versuchen, ihm ein anderes "Hobby" zu verschaffen, so dass er von allein von den Büchern ablässt.

    Ich möchte an dieser Stelle und zum jetzigen Zeitpunkt nach Ihrer Beschreibung jedoch davon abraten, etwas zu erzwingen wie etwa eine Vereinbarung mit der Buchhandlung zu treffen ohne ihn entsprechend einzubeziehen. Auch wenn er bei Gesprächen dabei wäre, ist es wahrscheinlich, dass er sich an keine Vereinbarung mehr erinnern kann. Wie soll das dann praktisch ablaufen? Sollen Mitarbeitende der Buchhandlung ihm den Kauf der Bücher verweigern? Sie ihm abnehmen? Ihm sagen: "Das dürfen Sie nicht."?


    Vermutlich haben Sie die Szenarien gedanklich auch schon durchgespielt - mir fällt es schwer, da ein gutes Ergebnis hineinzudenken.


    Ich sehe das Ganze eher positiv. Er geht raus und hat Bewegung, zieht sich (noch) nicht von allem zurück, geht noch selbständig mit Geld um und seinen Interessen nach, kommt in Kontakt mit Menschen. Alles Dinge, die sich nach und nach durch Krankheitsfortschritt stark verändern werden. Keineswegs ist das sinnlos - wenn auch vielleicht schwer nachvollziehbar (das Seiten herausreissen).



    Ich finde es toll, dass Sie als Familie die Dinge gemeinsam schultern und wünsche Ihnen, dass Sie weiterhin gemeinsam zu guten Lösungen kommen.


    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

  • Hierzu - natik - kann ich etwas beisteuern und ebenso Herrn Gust beipflichten: Meine Mutter (88J., fortschreitend dement) hat ihre Liebe zu allen Formen von Zellstoff entdeckt: Küchenrollen, Toilettenpapierrollen usw. Diese werden in Massen akribisch in kleinere rechteckige Teile zerschnitten und säuberlich gefaltet sowie in Behältnissen verstaut. Gelegentlich werden sie sogar mehrfach benutzt (das ist der weniger appetitliche Teil). Da ich dies inzwischen von anderen Angehörigen mehrfach gehört habe, halte ich es für ein demenztypisches Verhalten (Durchführen einer scheinbar sinnlosen Aktion, in der sich vielleicht fragmentarisch frühere Handlungsvorgänge oder -impulse zu einem neuen Handlungsablauf zusammenfinden?). So komisch es klingt: Wir haben mit der Zeit diese Tätigkeiten meiner Mutter fast ein bisschen liebgewonnen, wenn man so sagen darf. Nachschub wird also ständig besogt. Ihr geht es damit gut und sie schadet niemandem. Bücher sind sicher teurer als Küchenrollen, aber ich würde es einfach verschmerzen. Es gibt so vieles, was einem vor Trauer und Mitleid mit der dementen Person die Kehle zuschnürt. Da gönnen wir ihr gern diese Beschäftigung. Wichtig ist uns immer, sie darin nicht zu bremsen und v.a. keine negativen Kommentare abzugeben. In ihrer Welt sind diese Aktivitäten nämlich höchst sinnvoll.

  • Hallo natik, als erstes würde ich sagen; schön wenn der Vater beschäftigt ist! Als zweites: schade um die Bücher! Und nach einiger Überlegung; wenn die Schwester und der Bruder ohnehin mit dem Buchhändler sprechen wollen, vielleicht kann der Bücher empfehlen, die bisher in irgendeinem Bücherschrank ihr Leben fristeten (ich hätte davon kistenweise). Oder wählt der Vater seine Bücher noch gezielt aus, dann wird es natürlich nicht funktionieren. Das Ganze vllt. mit einer kleinen Aufwandsentschädigung für den Händler. Das nur mal als Anregung.

    LG never20

  • Ja sonnenblümchen, ich vergaß zu erwähnen, dass meine Mutter auch all diese Dinge einpackt. Fragen dazu habe ich nur am Anfang gestellt ... es nützte aber nichts. Ich habe es fast als zwanghafte Handlung empfunden. Später hat sie mir dann manchmal die Taschen gezeigt und gefragt, wer die hingestellt hat und sie war verwundert. Aber wichtig ist natürlich, immer unauffällig für Ordnung zu sorgen. Meiner Mutter macht es z.B. nichts aus, wenn das zerschnittene Papier (es gibt Unmengen davon) immer mal wieder partiell verschwindet. Sie vergisst es ja, nicht aber die entsprechende Handlung. Der Impuls ist so zwanghaft, dass man nichts dagegen ausrichten kann.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Natik,

    setzen Sie sich doch einfach mal dazu, wenn Ihr Vater seine "Basteleien" macht und interessieren Sie sich dafür, was er macht. Vielleicht können Sie ja seinen Sinn in der Tätigkeit herausfinden. Es ist ja auf jeden Fall ein kreativer Akt, der für ihn eine Bedeutung haben wird.

    Vieleicht können Sie ihn dann auf anderes Material (z.B. alte Zeitungen/alte Bücher) bringen. Die Tätigkeit als solche würde ich auch nicht zu unterbinden versuchen; es ist doch positiv, dass er etwas gefunden hat, das ihn offensichtlich erfüllt.

    Viel Erfolg wünscht Ihnen

    Klaus Pawletko

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