Besuche im Pflegeheim

  • Lieber Herr Hamborg ... sowie alle anderen in der Runde. Es gibt Tage, Stunden, Momente ..., da gelingt es mir, genauso zu denken, wie Sie es schildern. Dies wird dann durch die Hoffnung ausgelöst, dass meine demente Mutter tatsächlich zufrieden ist in ihrer Welt, den ganzen Ballast und die Bürden als Powerfrau ablegen kann, sich nicht mehr um Heute und Morgen und die Welt sorgt. Darum alleine geht es mir. Wenn ich das gewährleistet sähe, kann ich alles andere problemlos annehmen und wirklich loslassen. Ich will, dass es meiner Mutter gut geht!

    Leider habe ich mich beim vorletzten Besuch dazu hinreißen lassen, das Wort "Krieg" zu verwenden. Und da war es zu meinem Entsetzen so, dass meine Mutter auf einmal für Momente völlig klar schien und sehr traurig wurde. Und so absurd es klingt - ich war auf einmal sehr dankbar für ihre Demenz, die ihr ermöglicht, auch das schnell wieder zu vergessen. Nach wie vor aber nutzt sie all ihre verbleibende Energie, um uns wieder wegzuschicken. Nicht unfreundlich, aber sehr bestimmt und sie passt auf, dass wir auch wirklich gehen. So langsam gewöhnen wir uns daran ...

    Vielleicht ist es wirklich so, dass bei der Demenz langsam und Schicht für Schicht die erworbene Persönlichkeit abgeschält wird (weil sie ihren Nutzen verloren hat), so dass am Ende der Wesenskern (oder wie man das auch nennen mag) freigelegt wird?

    Auf jeden Fall denke ich, dass die beziehung zwischen mir und meiner Mutter im herkömmlichen Sinne vorbei ist, weil sie ihre "Aufgabe" erfüllt hat. Ich tauche ab und zu in ihrer Welt auf, aber ich bin wahrscheinlich wie einer ihrer flüchtigen Gedanken. Mir macht es - wie gesagt - nichts aus, diese Rolle zu spielen.

    Nach wie vor habe ich den Eindruck, dass die Pflegeeinrichtung genau das ist, was meine Mutter braucht. Man schaut sehr darauf, was sie mag und besorgt es. Ansonsten läuft sie einfach überall herum, sortiert die Post, packt Taschen ein und aus ... und man lässt sie gewähren. Sollte ich es einmal benötigen, würde ich mir genau so ein (unspektakuläres) Pflegeheim aussuchen. ....

    • Offizieller Beitrag

    Nach wie vor habe ich den Eindruck, dass die Pflegeeinrichtung genau das ist, was meine Mutter braucht. Man schaut sehr darauf, was sie mag und besorgt es. Ansonsten läuft sie einfach überall herum, sortiert die Post, packt Taschen ein und aus ... und man lässt sie gewähren. Sollte ich es einmal benötigen, würde ich mir genau so ein (unspektakuläres) Pflegeheim aussuchen. ....

    Hallo schwarzerkater,

    vielen Dank für Ihre Schilderung. Ich glaube, oder mein Erleben ist öfter, dass "gute" Einrichtungen, "gute" Stationen im Sinne dessen was sie beschreiben häufig Stationen des "Zulassenkönnens" sind. Es geht irgendwann durchaus nicht mehr darum, möglichst oft kleine und große "Events" anzubieten - ohne deren Bedeutung schmälern zu wollen. Aber nicht ständig beeinflussen, zugreifen, lenkenwollen - Menschen sein zu lassen wie sie gerade sind - das kann für entspannte, zufriedene Atmosphäre und Situationen so unglaublich wichtig sein und entstresst in meinen Augen alle - auch die Mitarbeitenden.
    Alles Gute.

    Jochen Gust

  • Lieber Herr Gust, ich selbst komme aus dem Bildungsbereich und weiß, dass es immer mal wieder neue aus Erkenntnissen entstandene Methoden gibt. Diese bewirken oftmals eine Verbesserung. Allerdings münden sie nach einer gewissen Zeit in eine gewisse Starrheit, wenn sie nicht flexibel gehandhabt werden. Ähnlich sehe ich das bei den Angeboten für Demenzkranke. Sicher ist es gut, Menschen durch besondere Angebote positiv zu stimmen und den Geist solang als möglich fit zu erhalten. Aber manchmal muss man auch da loslassen. Ein dementer Mensch hat auch das Recht, sich mit (für uns scheinbar) nutzlosen Dingen zu befassen oder einfach nichts zu machen. Manchmal ist das Internevieren von außen eher schmerzhaft. Was bringt z.B. Biografiearbeit noch, wenn meine Mutter ihre Vergangenheit komplett vergessen hat ... Insofern fand ich den in "unserem" Pflegeheim vertretenen Ansatz (Jeder darf sein, wie er will.) sehr passend. Es leben da ganz ungezwungen demente und auch nicht demente Menschen miteinander. Meine Mutter sitzt auch mit in der Frühstücksrunde der Pflegerinnen und Pfleger, wenn sie das mag. Es wird geschaut, was sie grad für Vorlieben und Bedürfnisse hat. Es wirkt dadurch irgendwie gar nicht wie ein Pflegeheim. Das macht es auch uns einfacher, dort hinzugehen.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo SchwarzerKater, schön, wie Sie das unspektakuläre Zusammenleben im Heim beschreiben. Damit wird das Normalitätsprinzip deutlich, in dem nicht künstliche Scheinwelten konstruiert werden, sondern "Seinswelten", wenn es diesen Begriff gibt.


    Mich beschäftigten noch Ihre Beschreibungen Ihrer neuen Rolle, es klingt so defensiv. Wenn es Ihnen in dieser kurzen Zeit gelingt, zu dem Wesenskern hindurchzukommen, ist das doch sehr wertvoll im Sinne einer echten ICH-DU-Begegnung oder? Haben Sie schon ein Bild, ein Symbol oder einen Satz für den Wesenskern gefunden?


    Mir ist das Eintauchen in das fluide Erleben in dieser Phase der Demenz wichtig, um darauch zu achten, ob es einen Leidensdruck oder einen Bedarf an Unterstützung gibt. Das sind Fragen, in denen ich mich fachlich gefordert sehe, danach bin ich nur noch dankbar, dass mich ein Mensch Anteil nehmen lässt an einer teifen Zufriedenheit. Wie viele Menschen üben die Zen-Meditation und erreichen diesen Zustand nicht?

    Ihr Martin Hamborg

  • Guten Morgen, Herr Hamborg, ich habe gerade noch einmal geschaut ..., ob meine Schilderung wirklich defensiv wirkt ... Gemeint war es jedenfalls nicht so. Andererseits ist es auch kein Wunder, wenn sich da bei mir Emotionen einschleichen, die ich selbst nicht 100%ig kontrollieren und erkennen kann. Ich finde es schon besonders, dass es mir "gegeben" scheint, mit der dementiellen Veränderung meiner Mutter ziemlich analytisch umzugehen. Das bringt vielleicht meine berufliche Orientierung mit sich. Andererseits bin ich eben auch eine ganz durchschnittliche Tochter: Ich habe auf dieser Welt nur eine Mutter, mit der ich (m)ein Leben teilte und ich erlebe genau mit ihr zum ersten Mal, wie sie sich von mir und der Welt verabschiedet. Da kann ich noch so klug-analytisch herangehen ... es reißt mir ab und zu den Boden unter den Füßen weg. Ich durchlebe alle Höhen und Tiefen mit geballter Wucht. Und genau das kommt mir sehr normal vor ... Es tröstet mich natürlich, wenn meine Mutter (auf welche Weise auch immer) ihren Weg gehen kann, ohne besonders zu leiden. Wenn ihr der teilweise Verlust ihrer ursprünglichen Persönlichkeit dabei hilft, weniger schmerzvoll loszulassen, dann ist das ohne Wenn und Aber gut. Für mich ist es - wie auch immer - eine Herausforderung, denn es war/ist meine einzige Mutter in meinem Leben. Und mit "Mutter" meine ich das ganze Spektrum an Beziehung und Bedeutung, die sich damit verbinden. Aber ich stelle mich natürlich dieser schwierigen Aufgabe und hoffe, dass ich das Richtige tue. Liebe Grüße!

  • Nachtrag: Ich möchte noch etwas hinzufügen ... , ohne mich jetzt zu sehr ins "Geistige" zu versteigen ... Natürlich ist es für manche von uns etwas Erstrebenswertes, zu einem inneren (höheren?) Selbst und Sein und zu einem inneren Wesenskern zu finden (Herr Hamborg, kennen Sie Ouspensky, Gurdijeff und Bennett, die sich diesen Fragen widmen?). Ich wünschte von Herzen, meine Mutter könnte ihren Zustand in diesem Sinne als glücklich und als "Angekommen im höheren Selbst " empfinden .... wenigstens empfinden, nicht mehr bewerten. Ich weiß aber leider nicht, ob das so ist. Ich weiß eigentlich nicht einmal, ob unsere Beziehung für sie noch eine Bedeutung hat. Ich kann mich nur darin üben, all das anzunehmen und manchmal überwiegt dabei leider die Trauer. Da geht es mir wie allen hier. Vielleicht entwickelt sich da noch etwas in meiner Sichtweise, vielleicht werde ich (falls möglich) im Rückblick die Zusammenhänge besser sehen. Momentan fühlt es sich an, wie ein nicht enden wollender Abschied ... Aber Schmerz ist auch ein Teil des lebens ...

  • Liebe schwarzerkater -


    ich weiß, was sie mit "analytischem Umgehen" meinen. An manchen Tagen gelingt es mir, an manchen weniger (zumindest in der letzten Woche). Dafür sind wir Menschen: An manchen Tagen tut es uns weh, wenn die Mutter leidet oder wenn man sieht, dass es ihr nicht gutgeht. An anderen Tage kann man besser damit umgehen. Ich sehe es genauso wie Sie: Wenn sich ihre Persönlichkeit so verändert, dass sie (wieder) positiver gestimmt ist, dann ist das gut. Denn dann geht es auch Ihnen wieder besser.

    Liebe Grüße

    TanjaS

  • Liebe Tanja, das haben Sie sehr schön geschrieben. Genauso ist es. Wir sind alle nur Menschen. Und es ist ungleich schwieriger, mit dem Verlust einer engen Bezugsperson umzugehen als als "Außenstehende(r)" darüber zu urteilen. Wobei es sehr hilfreich sein kann, wenn uns Außenstehende als Experten aus dem Abstand heraus Rat geben. Insofern lese ich sehr gern, was Herr Hamborg schreibt.

    Ich bin über den Verlust meiner Mutter auch sehr traurig, habe Ähnliches durchgemacht wie Sie. Ich denke, es könnte durchaus sein, dass Sie noch sehr lange auch gute Zeiten mit Ihrer Mutter haben werden. Bei uns lief der dementielle Prozess lange, lange. Es war für uns nicht immer nur einfach und toll, sie z.B. in jeden Urlaub mitzunehmen ... immer mit Sorge, ob das funktioniert. Im Nachhinein erinnern sich meine Tochter (ihne Enkeltochter) und ich sehr dankbar an all die gemeinsamen Reisen. Es gab so viele schöne Momente. Wir sind froh, dass wir das auf uns genommen haben. Ich denke, Sie können sicher auch viel Schönes noch mit Ihrer Mutter machen. Vielleicht gelingt es, dass Sie mit viel Phantasie und Gelassenheit einfach ihre etwas wirren Ausfälle kompensieren. Wir sind da auch reingewachsen. Wenn meine Mutter - wie heute beim Besuch im Pflegeheim - beinahe klar davon spricht, wieder nach Hause zu kommen, bricht es mir das Herz. Aber ich reagiere dann mit "Ja, das dauert vielleicht noch etwas, aber mal sehen, was die Ärztin sagt." Das kann sie akzeptieren .... und allein das ist wichtig.

    Alles Gute für Sie, und übrigens duzen sich hier alle. Wir können auch gern zum Du übergehen.

  • Liebe schwarzerkater -


    das "Du" nehme ich sehr gerne an. Was mir in den letzten Tagen geholfen hat, sind die lieben Beiträge in diesem Forum. Ich bin momentan bei meiner Mutter und wie Du schreibst: Es sind die kleinen schönen Dinge, die man im Gedächtnis behalten sollte. Ich lerne das gerade. Meine Mutter und ich planen einen Shopping-Bummel in zwei Wochen, sie möchte mal wieder "etwas Neues" haben. Das wird sicherlich / hoffentlich auch eine kleine schöne Erinnerung.

    Dir ebenfalls alles Gute, viel Stärke und schöne Erinnerungen an die guten Zeiten.

    Liebe Grüße

    Tanja

    • Offizieller Beitrag

    Hallo TanjaS, es ist schön zu lesen, wie Sie trotz Schmerz und Trauer die kleinen schönen Dinge in der Begegnung mit Ihrer Mutter wahrnehmen und gemeinsam genießen können.


    Wenn ich hier immer wieder den Blick auf diesen Aspekt lege, ignoriere ich nicht das Leiden, dass Sie bei Ihrer Mutter beobachten. Im Gegenteil:


    Weil wir wissen, dass eine tiefe Zufriedenheit in der Demenz möglich ist, suchen wir nach allem was dem Wohlbefinden im erlebten Moment im Wege steht und wir tun alles, dieses Wohlbefinden zu erreichen.


    In meiner Arbeit suche ich zuerst nach körperlichen Faktoren, oft haben wir uns hier über ein Delir oder Schmerzen ausgetauscht.


    Die seelische Not ist eine weitere Ursache, wenn schmerzhafte Erinnerungen hochkommen, wenn der Mensch in seiner subjektiven Welt all dies wieder neu erlebt, wenn Bedürfnisse und Bedürftigkeiten nicht erkannt werden, wenn sich neue Kränkungen mit alten Mustern verstärken...


    Hier ist ganz viel Fachwissen, Erfahrung, Menschkenntnis und Empathie nötig und dieser Chat ist ein Beispiel dafür, wie wichtig das Expertenwissen in eigener Sache ist und ich freue mich, wenn ich den ein- oder anderen Blickwinkel , Einschätzung oder fachliche Anregungen hinzufügen kann.


    Deshalb meine Bitte: Wenn Sie das Leiden Ihrer Mutter wahrnehmen, nehmen Sie es bitte nicht als den Appell an das schlechte Gewissen, sondern als Aufforderung, nach Gründen, Ursachen und Verstärkern für das Leiden zu suchen. Damit können Sie neugierig das Geheimnis dahinter entschlüsseln, oft sind es die die tiefen menschlichen Bedürfnisse.


    Und die Lösungen sind (eigentlich) ganz "einfach" und gelten (leider) nur für den Moment, den der Mensch mit Demenz noch in seiner Aufmerksamkeit behalten kann. Deshalb sage ich immer wieder:

    Trost geht immer! Selbst bei körperlichen Schmerzen ist dies dies kurzfristig eine wirksame Medizin, trotzdem sind die Ärzte in der Verantwortung!

    Ihnen und Ihrer Mutter alles Gute in der nächsten Woche, Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo SchwarzerKater, über Ihre Texte habe ich lange nachgedacht. Analytische Fähigkeiten sind ein wichtiger Aspekt und wir können sie immer wieder mit der Realität abgleichen und uns weiterentwickeln.


    Der Expertenstandard zur "Beziehungsgestaltung für Menschen mit Demenz" fordert deshalb die Pflege auf, kontinuierlich eine aktuelle "Verstehenshypothese" zu entwickeln und so die Erklärungen immer wieder mit der sich ändernden Realität abzustimmen.


    Ich kann mir vorstellen, dass Sie diesen fast philosophischen DNQP-Standard für Heime und Kliniken interessiert lesen werden, vielleicht mit der Erkenntnis, wie weit weg dieser gültige Standard von der Realität ist. Vielleicht folgen Sie auch meiner Sichtweise, dass es immer wieder Einrichtungen und Situationen in der Pflege gibt, in denen Einzelaspekte umgesetzt werden...

    Das prozesshafte Denken in der Pflege steht unter diesem hohen Ideal.


    Aber genau wie Sie zu Ihrem beruflichen Hintergrund schreiben - auch wir Profis in der Altenpflege kommen an diese Grenzen, besonders wenn es um unsere Familie geht. Eine Dauerkrise, in der wir persönlich verstrickt sind, stellt unsere professionelle Fähigkeit in Frage. Das macht bescheiden oder sogar demütig, es kann in ein cool-out oder burn-out führen oder in existenzielle, philosophische oder spirituelle Sinnfragen. Da unterscheiden sich Außenexperte nicht von den Experten in eigener Sache.


    Kurz zu Ihrer Frage: Das was ich hier schreibe kommt aus meiner subjektiven Erfahrung nach 35 Jahren psychologischer Arbeit an den Grenzbereichen des menschlichen Lebens und nicht von einer philosophischen oder spirituellen Schule. Aber es baut mich auf, wenn ich aus diesen Zusammenhängen Erkenntnisse höre oder lese, die mich bestärken oder inspirieren, auch hier in diesem Forum.


    Als Sie schrieben, wie Sie wieder die Gewissheit Ihrer Mutter doch nun bald nach Hause zu kommen verunsichert hat, wird deutlich, wie schnell uns kleine Fragen in unserem Inneren erschüttern können.


    Ich habe diesen Satz auch schon sehr oft gehört. Wenn ich validierend nachfrage, ist es oft das Zuhause der Kindheit, der Wunsch nach tiefer Geborgenheit und manchmal nach "ewiger Ruhe". Mehr alte Menschen als wir denken, berichten davon, dass Eltern oder verstorbene Partner oder Kinder sie erwarten würden.


    Dieses Bild des ersehnten "Zuhause" macht uns erstmal traurig, aber wenn wir über die Todessehnsucht sprechen, kommt oft noch der Wunsch, etwas zu erleben und die Zeit bis dahin gemeinsam zu genießen. Diese Gedanken wird Ihre Mutter vermutlich nicht mehr äußern können, dafür hat die Demenz zu sehr den ehemals starken Geist und Körper beeinträchtigt. Aber was können Sie von ihrer starken Seele hören?

    Ihr Martin Hamborg

  • Guten Tag, Herr Hamborg, diese DNQP-Standards werde ich mir gern mal durchlesen. Ich glaube mit sogen. "aktuellen Verstehenshypothesen" haben wir alle ständig zu tun, ohne dass es uns bewusst ist. Da ich mit Menschen verschiedener "Kulturen" zu tun habe, ist es auch dabei wichtigste Voraussetzung fürs gegenseitige Verstehen. Zudem scheint es mir oft recht leicht zu fallen, derart hypothetisch und praxisbezogen in positive Kontakte zu gehen. Da gibt es durchaus individuelle Unterschiede, was aber ja ganz normal ist, da wir Menschen nicht alle für gleiche Dinge begabt sind. Die/der Eine braucht hier etwas Nachhilfe und die/der Andere nicht. Da bin ich keine Ausnahme - ich brauche wahrscheinlich anderswo Unterstützung..


    Ich merke aber, dass der Umgang mit meiner dementen Mutter um 10.000% schwieriger für mich ist. Es wird auch daran liegen, dass mir halt die Erfahrung fehlt ... und das Wissen. Ich möchte so gern verstehen und einen guten Beitrag leisten, aber ich kann es nur eingeschränkt. Viele andere Aspekte (ich sage nur "Mutter") spielen ebenfalls eine Rolle. Zudem verläuft der Prozess ja nicht geradlinig nach unten. Es schimmert immer mal wieder die bekannte/alte "Mutter" durch - mal in Echt, mal nur in meiner Phantasie und dann reißen die Trigger mich wieder zu Boden.


    Mein sehnlichster Wunsch ist, dass sie nicht allzu viel leiden muss, sich nicht allzusehr nach ferner Geborgenheit sehnt .... dann leide ich auch nicht. Was früher war (vor der Demenz) an Positivem oder Negativem spielt eigentlich inzwischen nur eine ganz kleine Rolle. Ich wünsche mir sehr, dass sie loslassen und vielleicht ein bisschen noch den Augenblick genießen kann ... und wenn es das Stück Schokolade oder das Gläschen Eierlikör ist oder der Scherz der Pflegerin ......


    Übrigens folge ich ebenfalls nicht wissentlich einer der genannten Schulen, aber wenn wir beginnen, tiefer/existenzieller zu denken, kommen wir ungefähr alle am gleichen Punkt an - früher oder später und auf unterschiedlichen Wegen. Aber manchmal kann man den einen oder anderen Gedanken mitnehmen ...

    Am Schluss bedanke ich mich für Ihre wichtigen Ausführungen. Herzliche Grüße.

  • Hallo in die Runde,

    ich wollte mich mal wieder melden, um zu berichten, was Ratschläge und Empfehlungen gebracht haben.

    So schwer es fällt, Nichts. Meine Mutter kann nichts erzählen oder berichten. Also führen wir unsere Unterhaltung fort, wie gehabt. Ich war am 8.3. im Heim und es gab eine Frauentagsfeier. Die Pflegekräfte machten ein bisschen Programm und die Bewohnerinnen saßen unbeteiligt an Tisch, bei Kuchen und Kaffee. Ich bewundere die Pflegekräfte immer für ihre Arbeit, man merkt den meisten wirklich an, dass es für sie eine Lebensaufgabe ist. Ich könnte es nicht. Meine Mutter ist in einem geronto-psychiatrischen Heim. Ich bin nach dem Besuch immer völlig fertig, auch vom Anblick der Bewohner. Ich finde es grausam, was Krankheit aus Menschen machen kann und ich kann jeden verstehen, der sich vor Besuchen „drückt“.


    Normalerweise wäre heute mein Besuchstag, aber ich bin in Quarantäne. Meine Gedanken sind da nicht, oh wie schade, dass ich die Mutti heute nicht besuchen kann. Und da ist es wieder das böse, einen ständig verfolgende schlechte Gewissen. Darf man sowas denken? Darf ich mich fragen, wieviele Jahre ich meiner Mutti noch dabei zusehen muss. Es schmerzt, neben den ganzen Begleitumständen einer Demenzerkrankung, zu sehen, wie ein Mensch sich in seiner Persönlichkeit auflöst. Man denkt an früher und das sich den Lebensabend Alle irgendwie anders vorgestellt haben.


    Für die meisten hat sich ja die Situation mit dem Umzug ins Pflegeheim verbessert. Ich habe weniger Sorgen und die alltägliche Belastung ist weg. Warum geht es mir dann nicht besser? Ich hinterfrage gar nicht meine Entscheidung mit dem Pflegeheim, weil es die richtige Entscheidung, vor allem für die Pflegesituation gewesen ist. Ich fühle mich seit 5 Jahren in Trauer. Erst stirbt mein Vater und dann stellen wir fest, dass mit meiner Mutter irgendwas nicht stimmt. Es hat sich über mein Leben ein grauer Schleier gelegt, den ich nicht abstreifen kann. Es ist jetzt nicht so, dass mich diese Gedanken täglich bedrücken, aber es ist viel Lebensfreude und Leichtigkeit verloren gegangen.


    Liebe Grüße Gobis

  • Und da ist es wieder das böse, einen ständig verfolgende schlechte Gewissen. Darf man sowas denken? Darf ich mich fragen, wieviele Jahre ich meiner Mutti noch dabei zusehen muss. Es schmerzt, neben den ganzen Begleitumständen einer Demenzerkrankung, zu sehen, wie ein Mensch sich in seiner Persönlichkeit auflöst. Man denkt an früher und das sich den Lebensabend Alle irgendwie anders vorgestellt haben.

    Hallo Gobis, Deine Gefühle dürfen ohne schlechtes Gewissen sein.

    Auch sie zeigen Deine Trauer über den Verlust der Mutter, die sie vorher war, sie drücken die früheren positiven Gefühle für sie aus und sind letztlich auch ein Ausdruck von Trauer - auch wenn es eher Erleichterung ist, Dir heute diesen Besuch nicht zumuten zu müssen.

    Es ist einfach unglaublich schwer, unfassbar, zu sehen, wie ein Mensch geistig stirbt und körperlich doch noch lebt. Manchmal glaube ich, der vollständige Tod ist leichter zu ertragen. Aber nahestehende Menschen nur noch als Überreste ihrer selbst erleben zu müssen, keine gemeinsame Basis aus Vertrautheit mehr haben können, obwohl man so viel Leben geteilt, gemeinsam erlebt hat, das kann durchaus den Boden unter den Füßen wegziehen und dann tut die Konfrontation in der Begegnung einfach mehr weh, als wenn man ausweichen kann. Und die Frage, wie lange muss ich das noch mitansehen, mit erleiden, die ist so natürlich (die stelle ich mir sogar bei meinem kranken Sohn immer wieder, bei dem ich auch sehe, wie er leidet. Die (meine) Mutter leidet hingegen anscheinend nicht unter ihrem Zustand), so menschlich - wie sollen wir nicht hoffen, etwas Unterträgliches nicht mehr ertragen zu müssen.

    Fühle Dich verstanden und sag Deinem Gewissen, dass es hier schweigen darf.

    Denn es drückt durchaus Positives aus, wenn Du Deine Mutter nicht verfallen, evtl. auch leiden sehen willst, weil Du es eben mitleidest.

    Liebe Grüße ecia

  • Liebe Gobis (und all die anderen) ...., als ich deinen Beitrag las, meinte ich sofort, meine Gedanken zu lesen. Aber bevor ich antworten konnte, hatte es ecia25 schon mit so treffenden Worten getan. Ich empfinde ebenfalls diesen grauen Schleier und den Verlust jeglicher Leichtigkeit, wobei an diesem grauen Schleier noch andere schreckliche Umstände meines Lebens mitweben. Doch das ist bei vielen der Fall, weil es außer der Demenz oft noch andere furchtbare Einschnitte geben kann...., für die einem die Worte fehlen.


    Aber hinsichtlich meiner Mutter denke auch ich schon seit Jahren, dass ich ihrem Sterben in Zeitlupe nur unter Schmerzen zusehen und mich mit Anstrengung motivieren muss, mich damit überhaupt konfrontieren zu können.

    Es sind definitiv keine Gespräche mit ihr mehr möglich. Meine Mutter hat auch die Fähigkeit verloren, ihre inneren Zustände zu reflektieren und nach außen verbal (sowie anderweitig) deutlich zu äußern. Auch ihr Lachen und Lächeln versiegt.


    Der langsame Verfall eines Menschen ist und bleibt eine menschliche Katastrophe/Tragödie, selbst wenn man sie analytisch einzuordnen vermag .... ins "große Weltengeschehen".

    Daher habe ich für solche Gedanken, wie sie auch Gobis und ecia25 äußern, größtes inneres Verständnis. An dieser Stelle habe ich kein schlechtes Gewissen mehr. Dieses meldet sich nur immer dann, wenn ich glaube, nicht genug getan zu haben oder zu tun. Aber während ich dies niederschreibe wird mir klar, dass sich niemand mit noch so großer Anstrengung gegen diese Krankheit stemmen könnte und dass es vielleicht der einzig mögliche Liebesdienst war, unsere Mütter - so gut es unter diesen Umständen geht - zu versorgen und versorgen zu lassen.

  • Ich will mich gerne hier anschließen,


    Jedes Eurer Worte ist auch für mich wahr und ich empfinde es genauso.

    Ich kann zwar mit vielem umgehen, schätze auch gewisse Highlights, die auch mit einer Demenz manchmal noch möglich sind, aber es tut mir trotzdem weh, Menschen in dieser Verfassung zu sehen.


    Bei meiner Mama bemerke ich, neben den seltenen kompletten Gedächtnisstörungen eine zunehmend fortschreitende Demenz. Auch ihre Bewegungsfreiheit ist, wegen Oberschenkelschmerzen eingeschränkt. Da haben wir einen Termin zum Röntgen demnächst.


    Gestern habe ich zum ersten Mal festgestellt, dass ich fürsorgliche Gefühle und Gedanken für sie habe, die mich an eine Mutter-Kindbeziehung erinnern, nur dass ich in die Mutterrolle schlüpfe. Wir stehen so ziemlich am Anfang der fortschreitenden Demenz und ich weiß nicht, wohin es gehen wird.


    So viele Sorgen, die mich zusätzlich drücken, sowohl privat meine Arbeiten, dann der Fachkräftemangel in der Pflege. Wieder muss ich versuchen, etwas Passendes zu finden. Meine Mama möchte so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben. Und ich hoffe, es gelingt ohne Pflegeheim, bis zum Schluss. Bei manchen funktioniert das mit einer Seniorenbetreuerin bis zum Tode. Das wäre ein großer Wunsch von mir. Trotzdem werde ich mich im kommenden Jahr umschauen, um eine Perle unter den Pflegeheimen zu finden, so wie Schwarzer Kater das beschreibt.


    Und dann der Krieg, die Wirtschaft. Alles wird immer unberechenbarer, genauso wie in der Demenz.


    Liebe Grüße an alle

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Gobis, hoffentlich konnten Sie sich ein wenig mit der Anteilnahme hier im Forum trösten. Es ist so deutlich, wie sehr viele hier mit Ihrem Thema kämpfen!


    Das langsame Sterben und der lange Abschied bei der Demenz unserer Eltern ist sehr schwer zu verarbeiten. Das "böse, ständig verfolgende schlechte Gewissen" hat eine starke Macht und besiegt das, was wir noch positiv wahrnehmen können. Es kann eine Eigendynamik entfalten, die so sehr unsere Lebensfreude einschränkt und sogar unsere Wahrnehmung verändert, sodass wir nur noch alles negativ betrachten können. Jeder gutgemeinte Tipp kann dann zu einem schmerzhaften Rat-schlag werden.


    Der negative Sog kann sich wie in einer Abwärtsspirale immer weiter nach unten drehen, im wahrsten Sinne des Wortes als Teufelskreis bis hin zur totalen Erschöpfung und dem Burnout. Die lange, schmerzhafte, aber letztlich sinnstiftende Trauer kann so aus dem Ruder laufen.


    Für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz ist die Gefahr für diesen Teufelskreis besonders groß. Anders als bei dem Tod eines geliebten Menschen ist bei einem langsamen Sterben erst der Persönlichkeit und dann der Person die Trauerarbeit ungleich schwerer - und damit die Kraft in einen Sog zu kommen, aus dem ohne fremde Hilfe ein Ausweg schier unmöglich scheint.

    Auch bei der Trauer nach einem Todesfall erleben viele Menschen das, was wir hier im Forum lesen: Freunde und Angehörige ziehen sich zurück, wollen die Probleme nicht mehr hören und ignorieren das Leid oder können es überhaupt nicht ertragen.


    Wir haben uns hier immer wieder über den steinigen Weg in dieser schier endlosen Trauerphase ausgetauscht und ich habe versucht, Hoffnung zu machen. Da ist der kleine Trost, dass diese lange Trauerzeit nicht umsonst ist und ganz oft die Trauer nach dem Tod vorwegnimmt. Dies ist ein kleiner Schutz, nach dem Tod des geliebten Menschen nicht in einer schweren Depression zu versinken. Es war für mich ein Aha-Erlebnis, als ein Klinikchef in einem Vortrag berichtete, dass fast alle Patienten mit schweren Depressionen in seiner Klinik unter einem schweren Todesfall litten, der zwei Jahre oder länger zurück lag.


    Dieser Gedanke wird dann vielleicht hilfreich, wenn wir erkennen, dass die Dauerbelastung mit allem Recht der Welt professionelle Hilfe zulassen darf und diese erfordert.


    Liebe Gobis, ich weiß, wie viel Sie über so lange Zeit mit Ihrer Mutter durchgemacht haben und wünsche Ihnen sehr, dass Sie rechtzeitig Hilfe finden, wenn die Zeichen eines Burnouts zunehmen.

    Der große Vorteil ist, je früher wir die Gefahr der Negativspirale entdecken und die möglichen Hilfen annehmen, umso leichter können wir uns aus ihr befreien und vermeiden den Punkt, an es erstmal nicht mehr zurückgeht - jedenfalls nicht ohne eine lange Behandlung.

    Ihr Martin Hamborg

  • Vielen Dank für Eure Anteilnahme und die Schilderungen der eigenen Gedanken. Es tröstet einen schon, dass Menschen, die in der gleichen Situation sind, dass nachvollziehen können oder sogar ähnlich denken.

    Wie Herr Hamborg schrieb, ist es oft ein Problem, dass Freunde und Bekannte, es einfach nicht mehr hören können. Ich habe mir schon vor langer Zeit abgewöhnt, dass mit Menschen, die nicht in der Situation sind zu besprechen. Man darf aber gegenüber Anderen auch keinen Groll hegen, weil es glaube ich sehr menschlich ist, sich nicht mit negativen Dingen auseinanderzusetzen zu wollen.

    Burnout oder Depri Gefahr sehe ich bei mir nicht, auch wenn es diese Trauerphasen gibt. Ich habe mehrere Bekannte, die an Depressionen leiden. Diese haben aus meiner Sicht ein schönes Sorgenfreies Leben. Ich bin selber mit mehreren Erkrankungen gestraft und dann die Erkrankung meiner Mutter und bin stark. Seit letzten August, habe ich Haus und Hof entrümpelt. Jetzt läuft der Umbau und ohne Architekt ist es mir gelungen, dass Haus, welches ich immer als düster und schwer empfunden habe, in eine Quelle des Lichts zu verwandeln. Das gibt mir Kraft.

    Wir versuchen auch immer raus zu kommen, ein schöner Spaziergang oder letzte Woche Ostsee geben Kraft und wir verbieten uns dann auch die Probleme mitzunehmen.


    Vielen Dank für die vielen lieben Worte und Gedanken.


    Schönen Sonntag wünscht Euch Gobis

  • Hallo Gobis -


    ich weiß genau, was Du meinst. Ich bin gerade auch dabei, den Keller meiner Eltern zu entrümpeln und stelle fest, dass es kein Werkzeug gibt, dass er nicht mindestens doppelt hatte. Beschäftigung hilft mir oftmals auch - und in 40 Jahren in einer Wohnung hat sich bei meinen Eltern einiges angesammelt. Ich wünsche ganz viel Kraft.

    Liebe Grüße

    TanjaS

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Gobis, so wie Sie schreiben sind Sie trotz allem vor einem Burnout gut geschützt. Dabei hilft es die Mechanismen zu erkennen - bei sich und anderen.


    Eine Bild hat mir sehr gut gefallen: Sie entrümpeln und verwandeln das Alte in eine "Quelle es Lichts". Besser lässt sich eine gelingende Trauerarbeit kaum beschreiben! Es klingt so schön, wie Sie die Spaziergänge und andere wunderbare Auszeiten genießen, in denen Sie alle Sorgen draußen lassen, trotz oder gerade der extremen Situation! Ihr Martin Hamborg

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