Nach Hause

  • Guten Tag,


    unser Opa (Vater) ist seit ein paar Wochen im Heim. Leider fühlt er sich nicht wohl - jeder Besuch beim ihm wird zur Tortur mit Vorwürfen, dass wir ihn abgeschoben haben. Aber es ging zuhause nicht mehr, Oma ist auch pflegebedürftig, er braucht rund um die Uhr jemanden der sich kümmert. Es tut allerdings sehr weh, ihn so zu sehen. Wir überlegen, ob wir ihn wieder nach Hause holen sollen. Oder ob wir seltener zu besuch gehen sollen. Wir hätten nicht gedacht, dass der Umzug ins Heim so schwierig werden würde. Oftmals hat er sein eigenes Zuhause sowieso nicht mehr erkannt.
    Wie sind hier die Erfahrungen damit? Dauert eine Eingewöhnung so lange? Vielleicht falsches Heim gewählt? Oder doch wieder alles zurückdrehen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass wir gar nicht wüßten wie wir das organisieren sollen....er kann nicht mehr unbeaufsichtigt bleiben. Er verirrt sich, räumt alles umher, fällt hin und vor allem ist er sehr ruppig mit Oma, weil er nicht versteht, dass sie selbst krank ist und nicht mehr so kann wie früher. Was tun?


    Weberin

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Werbera,

    die Eingewöhnung in die neue Lebenssituation Heim kann leider Monate dauern! In manchen Heimen wird deshalb tatsächlich empfohlen, anfangs seltener zu kommen, damit der/die Betroffene nicht ständig auf gepackten Koffern sitzt und seine Rückübersiedlung in das alte Zuhause erwartet. Denn nur, wer begreift, dass Vorwürfe und Beschwerden und emotionale Erpressung (den Angehörigen ein schlechtes Gewissen machen) nicht fruchten, lässt sich Stück für Stück auf die neue Umgebung ein.

    Menschen mit Demenz haben zwar meist nicht mehr die Fähigkeit, bewusst und gezielt Pläne zu schmieden (nach dem Motto: Wenn ich Ihnen nur lange und intensiv genug meine Verzweiflung und meinen Ärger kommuniziere, werden Sie sich irgendwann erweichen lassen), aber sie können durchaus gut darin sein, emotionale Hebel zu drücken, Ihnen ein seeeehhhr schlechtes Gewissen zu machen. Krankheitsbedingt erleben sie die Welt, und unser Verhalten, egozentrisch - sie beziehen alles auf sich, haben oft keine Krankheitseinsicht, und können die Perspektive anderer (etwa zum Thema selbstständig leben) nicht mehr wahrnehmen. Sie sind also immer die unschuldigen Opfer, und der Rest der Welt ist ungerecht und gemein zu ihnen; das Leiden, die Überforderung und Erschöpfung Ihrer Oma kann er also nicht mehr erfassen.

    Sie selber nennen alle guten Argumente, die gegen eine Rückkehr nach Hause sprechen. Deshalb müssen Sie als Familie jetzt an einem Strang ziehen und für eine Weile die Klagen und Vorwürfe aushalten. Sagen Sie Ihrem Opa, dass sie seine Traurigkeit und das Heimweh verstehen, aber dass das nichts an der Situation ändern wird, und sowohl er als auch seine Frau beide Schutz und Hilfe benötigen. Besuchen Sie ihn, und vermitteln Sie ihm, dass Sie ihn weiterhin besuchen werden und nicht abschieben wollen, aber gehen Sie, wenn Sie es nicht mehr aushalten können und er sich nur in seine Wut hineinsteigert! Je mehr er Ihnen das schlechte Gewissen und "Miesfühlen" ansieht, desto weniger wird er sich vermutlich beruhigen können... und desto länger kann die Erinnerung an eine unglücklich verlaufene emotionale Begegnung bei Menschen mit Demenz erhalten bleiben. Anders als das Faktenwissen können die Betroffenen sich nämlich durchaus lange merken, mit wem sie zusammen gelacht, und über wen sie sich sehr geärgert haben. AUßerdem spiegeln viele Demenz-Betroffene gewissermaßen die emotionalen Verfassungen ihrer Mitmenschen: Wenn Sie schon mit unguten Erwartungen und "Bauschmerzen" das Heimbetreten, sieht er Ihnen das an - und reagiert entsprechend. Wenn es Ihnen selber gut geht, ebenfalls. Also ist weder Ihnen noch ihm damit geholfen, wenn Sie Ihre und seine schlechten Gefühle länger aushalten, im Gegenteil.

    Gut ist oft, zur Ablenkung gemeinsam Dinge zu unternehmen, die ihm früher Freude bereitet haben, je nach Interesse eine Sportzeitung, das Kirchenblatt oder ein Stück Lieblingskuchen mitzubringen... also Zeichen von Aufmerksamkeit und Zuwendung zu senden. Manche Angehörige haben halbwegs gute Erfahrungen damit gemacht, gemeinsam mit dem Menschen mit Demenz das Heim, die Menschen dort und die neue Umbwegung zu erkunden.

    Fragen Sie auch das Pflegepersonal einmal, wie er sich verhält, wenn kein Besuch da ist - beteiligt er sich an Aktivitäten? Wirkt er immer kreuzunglücklich und wütend, oder gibt es auch ruhige, entspannte Momente? Lässt er sich auf etwa oder jemanden im Heim ein? Vielleicht relativieren die Antworten Ihren Eindruck, und Sie bekommen noch eine Idee, wie man ihm dazu verhelfen könnte, sich einzuleben.


    Alles Gute für Sie,

    S. Sachweh

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Weberin,


    ich kann mich den Ausführungen von Frau Sachweh nur anschließen.
    Auch meiner Erfahrung nach ist die Eingewöhnungsphase höchst unterschiedlich ausgeprägt und von ebenso unterschiedlicher Dauer.

    Ergänzend vielleicht noch: wie ist das Zimmer Ihres Opas ausgestattet?
    Ggfs. können Sie ein Zuhause-Gefühl weiter unterstützen, in dem Sie ihm zusätzliche liebgewordene, bekannte, altvertraute Gegenstände / Mobiliar mitbringen. Das kann auch zur Klarheit verhelfen, dass nun hier (am neuen Ort) sein Platz ist.

    Es grüßt Sie

    Jochen Gust

  • Hallo Weberin,

    Ich kann Ihren Konflikt sehr gut nachvollziehen. Meine Mutter konnte sich auch nicht damit abfinden und einsehen, dass es keine bessere Alternative gab. Wir sind/mussten bei dem heimaufenthalt bleiben. Es hat mich oft traurig gemacht, doch irgendwann verändern sich eben leider die Rollen bei Demenz so, dass die demenzkranken nicht mehr entsprechend die weitreichenden Entscheidungen einsehen und treffen können, sondern die erwachsenen Kinder danach entscheiden müssen, wo der alte Mensch am besten versorgt werden kann UND die Kinder bzw.in Ihrem Fall Enkel nicht an der dauerhaften Belastung zugrunde gehen und krank werden. Eine Demenz kann sich über etliche Jahre hinziehen.

    Lassen Sie sich nicht erweichen, vor allem wenn Sie ein gutes Gefühl bei dem Heim haben.

    Ich habe tatsächlich irgendwann die Erfahrung gemacht, dass ich gut drauf sein muss bei einem Besuch, sonst wurde ich von meiner Mutter angefeindet und bekam Vorwürfe.

    Die Demenz wird ja fortschreiten und die Bedürfnisse Ihres Angehörigen werden nicht weniger. Das muss man leider dann eine Zeit lang aushalten und standhaft bleiben.

    Dadurch dass ich meine Mutter nicht öfter als 1mal pro Woche besucht habe, war sie gezwungen, sich auf die Angebote und Bewohner des Heimes einzulassen, es hat funktioniert;)


    Liebe Grüße

  • Guten Tag Werbera,


    auch ich möchte mich all den vorher gemachten Aussagen anschließen. Ich kann für meinen Teil sagen, dass ich es für eine der schwersten Aufgaben/Entscheidungen in meinem Leben halte, meine Mutter in ein Pflegeheim geben zu müssen (obwohl sämtliche Institutionen von außen dies längst dringend fanden und auch ich es einfach nicht mehr weiter bewältigen konnte). Man muss sich immer wieder sagen, dass die betroffene Person schwer krank ist und (teilweise wie ein Kleinkind) nicht mehr selbst ermessen kann, wie es um sie steht und was sie braucht.


    Trotz all der rational zu erfassenden Erklärungen bleibt uns aber die harte Aufgabe, die Trauer um den Verlust und auch die scheinbar ungerechtfertigten Beschuldigungen der dementen Person zu ertragen und auszuhalten. Es führt leider kein Weg daran vorbei.


    In unserem Fall haben wir meiner Mutter nicht gesagt, dass es nun für immer ist. Wir sind etwas vage in unseren Ansagen geblieben. Sie hat schon daheim immer Taschen und Koffer gepackt (erkannte ihr Zuhause nicht mehr) und sie tut das wohl im Pflegeheim auch weiterhin. Wir sagen dann immer: Na mal sehen, wie es jetzt weitergeht ...., was die Ärztin sagt ... etc.


    Für eine Gnade halte ich es, dass die demente Person ja auch das alles schnell wieder vergisst. Ich weiß nicht, wie es bei Ihrem Opa ist? Aber mit fortschreitender Demenz wird das Vergessen immer stärker, so dass selbst geäußerte Nach-Hause-Wünsche immer mehr zur Floskel werden.


    Es gilt immer abzuwägen, ob man die Alternative (Pflege zu Hause) überhaupt schaffen kann und ob man der dementen Person einen Gefallen damit tut, wenn man sie zurückholt. Wenn man das mit Nein. beantworten muss, gibt es leider keinen Weg zurück. Dann muss man den Schmerz als Angehörige aushalten lernen.


    Wir haben meine Mutter einmal aus der Kurzzeitpflege wieder nach Hause geholt, weil sie das wollte. Zu Hause haben wir dann die Hölle erlebt, weil meine Mutter natürlich überhaupt nicht kooperierte. Im damaligen Heim sagte man uns, dass sich meine Mutter gut eingelebt hatte - uns gegenüber war sie aber sehr deutlich hinsichtlich des Nach-Hause-Wunsches.


    Ich wünsche Ihnen, dass Sie die richtige Entscheidung treffen können und diesen Weg gut meistern (so wie wir alle das hier einfach leider tun müssen).

  • Guten Morgen,


    kurz bevor ich zum Kinderarzttermin muss:

    Danke für Eure Antworten hier.

    Das mit der Zimmerausstattung ist wirklich nochmal ein Thema, vor allem aber: offenbar geht es vielen Angehörigen ähnlich und das tat gut zu lesen. Oder es ging mal so. Wir werden es jetzt so machen, dass ich erstmal weniger zu Besuch gehe. Ich kann das schlecht aushalten. Mein Bruder ist da härter im Nehmen und kümmert sich erstmal mehr.


    Zu uns oder zu sich geht nicht. Und rund um Oma gibt es auch genug zu tun.

    Es bleibt schwer, aber ich hoffe einfach, dass er sich beruhigt und das Heim irgendwann echt akzeptiert.
    Danke an alle.


    Weberin

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!