Demenz und Alkohol

  • Hallo zusammen,


    ich bin neu in diesem Forum und möchte kurz meine Situation schildern. Ich fürchte ich muss etwas weiter ausholen..


    Meine Mutter 84 ist dement. Der Verlauf war zu Anfang sehr schleichend, seit ca.2019 habe ich das Gefühl dass etwas nicht stimmt. Hinzu kommt dass meine Mutter dazu neigt sich die Welt mit 2-4 Piccolos am Tag schön zu trinken.

    An Weihnachten letztes Jahr ist sie dann gestürzt und hat sich den Daumen gebrochen. Wir haben das gar nicht mitbekommen, wohl aber der Nachbar. Ich muss dazu sagen, dass es nicht das erste Mal ist, dass meine Mutter stürzt und sich dabei wehtut. Bisher hat sie sich vehement geweigert zum Arzt zu gehen.

    Der Nachbar sprach meinen Vater 87 an und sagte ihm dass meine Mutter gestürzt sei. Er kam daraufhin zu mir. Ich bin mit nach meiner Mutter schauen, sie hat natürlich alles abgestritten. An Heiligabend war die Hand dann richtig dick und blau (auch da wollte sie uns weissmachen dass nichts ist) und ich bin mit ihr am 1. Weihnachtstag ins KH.

    Damit kam der Stein dann ins Rollen.

    Anfang diesen Jahres waren wir beim Hausarzt, Überweisung zum Schädel MRT welches nicht sonderlich auffällig war und Überweisung zum Psychologen der einen Uhrentest (keine Uhrzeit eingezeichnet) und einen MMST Test (10 Punkte) mit ihr machte. Seit da geht es eigentlich nur noch bergab.

    Meine Mutter bekommt Antidepressiva und hatte transdermale Pflaster gegen das Vergessen. Mein Vater meinte seit den Pflastern nässt sie sich ein, also wurde sie auf Tabletten umgestellt aber auch da passiert es. Und immer wieder Alkohol.

    Meine Mutter macht ihren Haushalt selbständig und geht einkaufen, wobei sich dieser Radius stetig verringert. Zum essen gehen die beiden.

    Jetzt am Freitag kam dann eine Eskalation. Ich brachte meiner Mutter eine neue Krankenversicherungskarte. Diese wollte sie zuerst bezahlen und am Ende war sie nicht in der Lage diese korrekt zu unterschreiben. Ich habe dann bei der Krankenkasse angerufen und wollte eine neue Karte bestellen. In der Zeit ist meine Mutter zur Wohnung raus und die Treppe runtergefallen. Meine Eltern wohnen im 2.Stock zur Miete. Ich habe das gehört, hab aufgelegt und bin zur Treppe. Meine Mutter kniete am Boden und hat aua, aua gejammert. Als sie mich sah ist sie aufgestanden und wollte mir erklären dass ich spinne und sie nicht gefallen sei. Sie hatte auch wieder getrunken. (Ich muss dazu sagen, ich bin gegen die Trinkerei sehr allergisch, ich hab meinen Mann an den Alkohol verloren).

    Ich habe sie daraufhin angesprochen dass sie wohl wieder getrunken habe und das doch bitte sein lassen soll. Meine Mutter ist völlig ausgerastet, hat mir ins Gesicht gespuckt und ich hab ihr reflexartig eine Ohrfeige gegeben. Das belastet mich sehr. Sie hat dann weiter getobt, mein Vater kam nicht zu Wort, und in Folge hat sie mir dann noch weitere 2-3 Mal ins Gesicht gespuckt. Sie hat ihre Kittelschürze hochgezogen und mir ihren Hintern (in Unterwäsche) gezeigt

    Ich bin dann gegangen. Seit Freitag geht's mir nun nicht wirklich gut, die Situation belastet mich und ich weiß nicht wie damit umgehen. Meine Schwester kümmert sich um gar nichts, ich versuche meinen Vater zwischendurch rauszunehmen indem ich mit ihm wandern gehe. Im Moment habe ich das Gefühl ganz allein zu sein und alles wächst mir über den Kopf.

    Am Montag kommt die Sozialstation zum Kennenlernen und für Mittwoch hat sich der medizinische Dienst angekündigt wegen Einstufung Pflegegrad. Meine Mutter will das alles nicht und ich habe Angst dass die Situation wieder eskaliert.

    Vielleicht hat mir der eine oder andere hier einen guten Rat. Danke fürs lesen

  • Einen wirklichen Rat kann ich nicht geben, aber dennoch ein Zeichen geben, dass hier Menschen zusammenkommen, die auch für entgleiste Situationen Verständnis haben, mit solchen auch Erfahrung haben und durchaus auch Tipps und Ideen, wie Du die Entgleisung von Deiner Seite für die Zukunft vermeiden kannst.

    Demenz eines Angehörigen ist immer eine extreme Herausforderung; die Demenz eines Elternteils eine ganz besondere, denn waren die Eltern früher diejenigen, die uns (mehr oder weniger gut) ins Leben geführt haben, uns den Weg zeigten, so kehren sich diese Rollen oft auf brutale Art und Weise um.

    Alkoholismus eines Angehörigen ist auch eine extreme Herausforderung, Alkoholismus eines Elternteils, der zu entgleisenden Aktionen führt eine ganz besondere.

    Wenn beides kombiniert und dazu noch relativ frisch auf das "Kind" trifft, sind das so neue Erfahrungen und Erlebnisse, die einfach zutiefst verunsichern und der Umgang damit muss ja quasi völlig neu gelernt werden.

    Deswegen kann ich Dir v.a. den Rat geben: verzeih´ Dir die Reaktionen, mit denen Du selbst nicht zufrieden bist - sei milde mit Dir selbst. Du musst erst in die neue Entwicklung hineinwachsen, wobei Dir Deine Mutter da wohl nicht allzu viel Zeit lässt und schnell den nächsten "Hammer" nachliefert.


    Auch Deine Schwester muss vielleicht erst erfassen, was da wirklich los ist - oder sie ist gleich so überfordert, dass sie noch gar keinen Weg für sich sieht, mit der Lage umzugehen.

    Sicher wirst Du von den Erfahreneren hier noch mehr und bessere Tipps bekommen, aber ich wollte Dich nicht ohne Reaktion hier warten lassen, bis andere Zeit haben zu schreiben, da ich grade kann.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Barfuss,

    Sie haben ja bereits wichtige Dinge eingeleitet, indem Sie einen ambulanten Pflegedienst und den MDK eingeschaltet haben.

    Sie beschreiben, dass es seit dem Besuch beim Psychologen (Psychiater?) "bergab" geht. Ich kann aus der Ferne nicht beurteilen, ob die Verschreibungen von Antidepressiva und Antidementiva angemessen sind, aber der Hinweis, dass sich seitdem der Zustand der Mutter verschlechtert hat, könnte eine Zweitmeinung vielleicht angeraten sein lassen.

    Ich verstehe gut, dass Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen mit Alkohol allergisch auf den Konsum Ihrer Mutter reagieren. Ich halte den Konsum von 2 Piccolos am Tag für nicht gravierend, wenn Ihre Mutter daran gewöhnt ist. Darauf mit Maßregelungen und "Schimpfen" zu reagieren, ist nach meiner Erfahrung eher kontraproduktiv und führt zu Abwehr und Spannungen.

    Ihre Mutter ist sehr wahrscheinlich gerade mit einer intensiven Erfahrung von Verlusten konfrontiert (Gedächtnisverlust, Kontrollverlust). Sie sollten Sie erst einmal nicht noch mit einem drohenden Verlust ihrer "Alkohol-Ration" beängstigen. Sie sollten mit dem Psychiater/Neurologen allerdings besprechen, ob und welche Wechselwirkungen es mit den Medikamenten und Alkohol geben könnte.

    Ihnen möchte ich mehr Gelassenheit wünschen, die Sie vielleicht in einer Angehörigen-Gruppe erlangen können - vorausgesetzt, so ein Angebot existiert in Ihrer Nähe. Gerade weil Sie von Ihrer Familie offensichtlich im Stich gelassen werden, kann so eine Möglichkeit zum Austausch sehr hilfreich sein.

    Alles Gute wünscht Ihnen

    Klaus Pawletko

  • Liebe/r Barfuss -


    ich bin auch noch nicht lange in diesem Forum dabei, muss aber sagen, dass alleine das "von der Seele schreiben" und die Reaktionen und Ratschläge der Forums-Mitglieder helfen sehr weiter - und wenn es nur ist, dass man merkt, das andere in der gleichen oder einer ähnlichen Situation sind.

    ecia25 hat vollkommen recht, wenn sie schreibt, dass man in diese Situation erst reinwachsen muss. Und das dauert - bei mir geht es schon fast ein Jahr so. Ich musste erst einmal lernen, dass ich mich nicht dauernd schuldig fühle. Und dass, obwohl meine Mutter Dinge zu mir sagt, die ich mir von niemand anderem sagen lassen würde. Leider wird es zumindest bei meiner Mutter momentan immer schlimmer. Ich hoffe, das dies bei Deiner Mutter nicht der Fall sein wird.

    Viele Grüße

    TanjaS

  • Hallo Barfuss, ich las die Zeilen von Herrn Pawletko und möchte sie aus eigener Erfahrung bekräftigen: Meine Mutter mochte lebenslang Alkohol nicht besonders und meinte, sie vertrüge ihn nicht. Mit bei ihr fortschreitender Demenz fiel uns auf, dass sie plötzlich keinen Widerstand mehr leistete, wenn wir ihr beim gelegentlichen fröhlichen Beisammensein Bier oder Wein einschenkten. Ebenso liebte sie plötzlich Eierlikör (wie überhaupt Süßes) und ich brachte ihr regelmäßig kleine Fläschchen mit. Meine Meinung: Sie wird 89, ist fortgeschritten dement ... da schadet ihr ein bisschen Likör ö.ä. nicht besonders. Im Pflegeheim sieht man es ähnlich, teilt ihr allerdings alles mehr oder weniger zu.


    Ich verstehe auch, dass Sie aus eigener Erfahrung allergisch auf Alkohol reagieren. Piccolo in den beschriebenen Mengen würde ich aber völlig unkommentiert lassen.


    Auf der anderen Seite ist jede unserer menschlichen Reaktionen (seien sie noch so ungerecht) mehr als verständlich, ebenso die Schuldgefühle danach (ecia25 hat das ja bereits gut beschrieben).

    Auch meine Mutter hatte aggressive Phasen, die über einen langen Zeitraum gingen. Nur brachte ich sie damals nicht mit Demenz in Zusammenhang. Sie wurde mir gegenüber richtig bösartig ... ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Das hat eine tiefe Wunde auf meiner Seele hinterlassen, die nur langsam verheilt, wenn überhaupt ...

    Unser schlechtes Gewissen und die sonstigen Gefühle haben ganz sicher verschiedene Ursachen. Ich plage mich auch damit herum und suche nach Strategien, damit umzugehen. Unter anderem hilft dieses Forum dabei. Alles Liebe und viel Kraft!

    Einmal editiert, zuletzt von schwarzerkater () aus folgendem Grund: Fehler korrigiert.

  • Danke für eure Antworten, es hilft mir tatsächlich weiter. Erstmal tut es gut sich alles von der Seele zu schreiben und wenn man dann anhand der Reaktionen merkt man ist nicht allein... dann geht's auch irgendwie weiter.

    Ich hab mir gestern beim Pflegestützpunkt eine 2 stündige Beratung abgeholt und seit da geht es mir besser. Morgen kommt der medizinische Dienst, ich war gerade bei meinen Eltern um meiner Mutter zu sagen was morgen passieren wird. Sie war sehr entspannt und hat sich nicht dagegen gesträubt. Ich hoffe das ist morgen auch noch so.

    Was den Alkoholkonsum meiner Mutter anbelangt, es stimmt mit 2 Piccolos am Abend hätte ich null Probleme. Vorallem nicht wenn sie danach ins Bett geht.

    Fakt ist, meine Mutter wiegt 65kg, isst kaum was und schenkt sich das erste Glas oft schon vor dem Mittagessen ein. Danach geht sie einkaufen etc. Dabei ist sie schon mehrfach gestürzt , oft auf den Kopf. Das macht mir Sorgen. Und es sind eben auch nicht 2 Piccolos sondern gerne auch mehr. Und nach dem Genuss von Alkohol verstärkt sich die Vergesslichkeit, die Verhaltensauffälligkeiten, eben alles was zu dieser Krankheit dazu gehört enorm.

    Ich für meinen Teil habe beschlossen wachsam zu sein, erstmal aber nichts mehr zu sagen. Da zu sein, zu unterstützen, Hilfe anzubieten und gut. Wichtig ist mir, den Zugang zu ihr zu behalten, wie auch immer sich das alles entwickelt.

    Hier am Ort gibt es eine Angehörigengruppe dort werde ich auch mal vorbeischauen.

    Ich denke mehr kann ich im Moment nicht tun.

    Danke.

    Ganz liebe Grüße

    Carola

  • Hallo Carola! Herzlich Willkommen im Forum!


    Mein Vater hat auch Probleme mit Alkohol. Er hat immer schon viel getrunken (halbe Flasche Wein mittags und abends), aber es wird immer mehr. Jetzt fängt er so gegen 10:30 Uhr alle Paar Minuten an, meine Mutter zu fragen, was gibt es zum Mittagessen, wann gibt es Mittagessen, ich decke schon mal auf, ich schenke schon mal Wein ein. Oftmals ist schon zu Beginn des Essens eine Flasche leer, und wenn man ihm sagt, wieviel er schon getrunken hat, dann wird er aggressiv. Abends ist es noch schlimmer, auch eine Flasche Wein oder mehr, und danach trinkt er gläserweise Cognac (falls vorhanden). Abends ist es mir eigentlich egal, weil er sich dann um 19 Uhr ins Bett legt und Fernsehen schaut bzw. einschläft. Leider ist meine Mutter auch prinzipiell dagegen, was regelmäßig zu Streit und (in den letzten Wochen) manchmal Gewalt führt. Ich habe schon mit der Angehörigenberatung und einer Neurologin gesprochen -- es scheint da keine gute Lösung zu geben. Er weiss ja nicht, wieviel er schon getrunken hat.

  • Hallo Barfuss,

    Mal ganz aus dem Bauch heraus meine Meinung zu Ihrer Geschichte: solche Reaktionen von Ihrer Mutter mit Anspucken etc.iat grenzüberschreitend und für Sie demütigend. Daher mein Appell: passen Sie gut auf sich auf und überlegen Sie, wieviel Sie investieren. Ich würde mir soviel Unterstützung wie möglich gönnen, gut dass Sie schon einiges eingestielt haben. Ich würde auch versuchen auf Abstand soweit wie möglich zu bleiben, kümmern bedeutet nicht , dass man alles selbst machen muss.

    Das mit Ihrer Erfahrung bzgl. Alkohol kann ich sehr gut nachvollziehen, damit käme ich bei meiner Mutter auch nicht klar.

    Gut dass Sie sich hier einiges von der Seele schreiben können!

    Alles Liebe

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Barfuss, auch ich möchte Sie bestärken, möglichst gelassen mit der Problematik umzugehen. Für Angehörige eines nicht-dementen Alkoholikers ist es schon ungeheuer schwer, die richtigen Worte zu finden, Druck, aufregen, wegschütten ... - all dies sind oft hilflose Reaktionen eines Partners, der oder die leicht in die Rolle des Co-Alkoholikers gerät. Deshalb ist der Besuch einer Suchtberatungsstelle für die Angehörigen unverzichtbar. Mit zunehmender Vergesslichkeit kann das Problem zunehmen, so wie bei Ihrem Vater, OiOcha.


    Der Rest an Selbstkontrolle funktioniert bei einem Gewohnheitstrinker oft nicht mehr und damit kann das Handlungsmuster immer häufiger angetriggert werden.

    Einen Entzug im Alter sollten Sie in einer ethischen Konferenz von allen Seiten beleuchten. Ein Entzugsdelir kann stärker schädigen als ein kontrollierter Alkoholkonsum in Verbindung mit Medikamenten. Mit der Zunahme der Demenz wird manchmal der Wunsch vergessen, insbesondere in einer anderen Umgebung - einem Krankenhaus, Kurzzeitpflege oder Heim. Ein Neustart Zuhause mit neuen Mustern kann dann das Problem lösen.


    Der Eierlikör hat sich in vielen Heimen durchgesetzt - nie werde ich vergessen, wie wir mit einer Fachgruppe eine gerontopsychiatrische Station in Dänemark besucht haben und uns über die Hefeweizen auf dem Getränkewagen am Vormittag wunderten. Die Ärzte nahmen es gelassen, denn ausreichend trinken ist wichtig und der Alkohol wirkt beruhigend und hat weniger Nebenwirkungen als Neuroleptika. Das setzt kontrollierten Konsum voraus. Im Heim ist dies recht gut möglich - zuhause nur, wenn die Familie den Suchtstoff einteilen kann.


    Haben Sie, Oiocha mal alkoholfreien Wein probiert oder die Verdünnung mit Wasser/Traubensaft?


    Bei Ihrer Mutter, Barfuss ist es vielleicht auch möglich, das Muster zu unterbrechen, indem Sie Ihrer Mutter die Pikolos rausstellen - und die leeren Flaschen entsorgen. Zumindest verhindern Sie das Spiel: (falscher) Druck erzeugt Gegendruck, Bagatellisierung oder Verleugnung. Ich weiß, dass sich die Suchtberatungsstellen auch auf das große Thema Sucht im Alter spezialisiert haben, gemeinsam können Sie herausfinden, welche Worte die höchste Wahrscheinlichkeit einer Veränderung haben.

    Wenn Sie sich dort beraten lassen, würden mich Ihre Erfahrungen sehr interessieren.

    Ihr Martin Hamborg

  • Der Eierlikör hat sich in vielen Heimen durchgesetzt - nie werde ich vergessen, wie wir mit einer Fachgruppe eine gerontopsychiatrische Station in Dänemark besucht haben und uns über die Hefeweizen auf dem Getränkewagen am Vormittag wunderten. Die Ärzte nahmen es gelassen, denn ausreichend trinken ist wichtig und der Alkohol wirkt beruhigend und hat weniger Nebenwirkungen als Neuroleptika. Das setzt kontrollierten Konsum voraus. Im Heim ist dies recht gut möglich - zuhause nur, wenn die Familie den Suchtstoff einteilen kann.


    Haben Sie, Oiocha mal alkoholfreien Wein probiert oder die Verdünnung mit Wasser/Traubensaft?

    Hallo Herr Hamborg,


    Ich habe vor Jahren als Doktorand in den USA auch in einigen Altenheimen Interviews durchgeführt, und war immer mal wieder überrascht, wie mit Alkohol umgegangen wurde. In einem Heim haben die Bewohner ihre Drinks vom Heimarzt "verschrieben" bekommen, bei einem z.B. "2 Martinis with dinner" (stand auch in der Akte). Angeblich gab es da selten Streitigkeiten, wer wieviel bekommt, oder ob es noch Nachschub gibt.


    Bei meinem Vater ist es so, dass er sich den Wein noch selbst kauft, aus dem Keller holt, und einschenkt, insofern ist Verdünnen o.ä. noch schwierig. Wenn er noch weiter abbaut, dann werden wir's mal mit alkoholfreiem Wein probieren, vielen Dank für die Empfehlung! Wir haben ihn letzte Woche mal unter großem Widerstand zum Arzt geschafft; ausser Demenz fehlt ihm nichts, auch die Leberwerte sind perfekt. Insofern sehe ich es weniger dramatisch als meine Mutter.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Oiocha, das freut mich zu lesen, jetzt brauchen Sie nur noch Ihre Mutter zu überzeugen, abwarten und die ein oder andere Gefahrenquelle in der Wohnung beseitigen, dass es bei einem Sturz nicht zu Verletzungen kommt. Wenn es doch so einfach wäre...

    Wie ist es bei Ihnen, Barfuss weitergegangen? Hat das Antidepressiva etwas Druck genommen? Haben Sie eine Art gefunden, wie Sie sich selbst gut schützend mit den Provokationen umgehen können?

    Viel Kraft, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Oiocha, das freut mich zu lesen, jetzt brauchen Sie nur noch Ihre Mutter zu überzeugen, abwarten und die ein oder andere Gefahrenquelle in der Wohnung beseitigen, dass es bei einem Sturz nicht zu Verletzungen kommt. Wenn es doch so einfach wäre...

    Leider ist das mit dem Gefahrenquellen beseitigen nicht einfach; meine Eltern wohnen in einem viel zu großen und überhaupt nicht altersgerechten Haus. Meine Mutter wollte schon vor Jahren umziehen, aber mein Vater wollte nicht. Und jetzt ist an Umziehen sowieso nicht mehr zu denken.


    Vor einigen Tagen kam mein Vater zum Frühstück in einen dicken Mantel eingehüllt, und meinte, er hätte Schmerzen, er werde sich gleich wieder hinlegen. (Er schläft im Keller, meine Mutter im 2. Stock, sie hat also keine Ahnung, was er nachts macht). Sie hat sich das Problem dann zeigen lassen, er hatte einen riesiegen blauen Fleck und einige eingetrocknete Blutungen. Sind dann zum Arzt, einige Rippen angebrochen. Da ist er wohl abends im Suff gestürzt. Er hatte wohl zusätzlich zur Flasche+ Wein beim Abendessen danach vor dem Fernseher (allein!) noch eine halbe Flasche Cognac geleert, die er sich nachmittags besorgt hatte.


    Glück im Unglück gehabt, aber ich muss ehrlich sagen, ich weiss nicht, wie man ihn da schützen kann. Er lehnt jede Hilfe ab, will nicht umziehen, man kann das Trinken nicht abstellen oder begrenzen (weil er wie in einem anderen Thread beschrieben dann aggressiv wird -- hat meine Mutter schon mehrmals gewürgt). Insofern gehe ich jetzt davon aus, die Sache wird ihren Lauf nehmen, es wird weitere Stürze geben, irgendwann läuft er im Suff mal weg, und wenn man ihn davor "beschützen" will, dann wird man ihn wohl irgendwann in ein Heim einweisen lassen müssen.

  • Hallo Oiochia,

    Sie schreiben, Ihre Mutter wurde schon mehrmals von Ihrem Vater gewürgt - das heißt sie ist wirklich existenziell gefährdet und schutzbedürftig!! Das geht in meinen Augen deutlich zu weit. Haben Sie den sozialpsychiatrischen Dienst schon mal befragt/eingeschaltet?

    Ich habe aus diesem Grund vor einigen Jahren rechtliche Betreuung beim Vormundschaftsgericht beantragt, mein Vater wurde im weiteren Verlauf psychiatrisch begutachtet(Zuhause aufgesucht) und irgendwann auf richterliche Anordnung in ein Pflegeheim eingewiesen. Dann war für meine Mutter Ruhe..

    Schlimm alles, aber nicht unabwendbar.

    Liebe Grüße

  • Hallo Rose60! Ich habe es an anderer Stelle schon mal beschrieben, mein Vater ist eigentlich von der Grundstimmung her friedlich, nur dann nicht, wenn sich meine Mutter mit ihm "anlegt," also ihm z.B. den Alkohol verbieten will.


    Mit Ärzten und Hilfsorganisationen ist es so, dass mein Vater sie um den kleinen Finger wickelt:


    Einer Geriatrerin mit 30 Jahren Berufserfahrung hat er so imponiert, sie hat ihm geglaubt, dass er jeden Tag mit Geschäftspartnern telefoniert, Millionengeschäfte anbahnt, usw. Und das war obwohl er ihr Wochentag, Jahr, Jahreszeit, und Ort nicht sagen konnte! Ich hatte ihr vorher ein Email geschickt und die Situation geschildert. Nach dem Termin hat sie mich angerufen und mir mit bewunderndem Tonfall gesagt, "Ihr Vater ist ja ein netter Mann!"


    Das gleiche vor ein Paar Wochen bei einer Neurologin. Vorab email geschickt und 20 Minuten mit ihr telefoniert, danach steht im Befundbericht folgendes:

    "In der heutigen klinischen Erstuntersuchung präsentierte sich der Patient freundlich zugewandt und sehr kooperativ. Die orientierende kognitive Testung zeigte leichtgradige Defizite in mehreren Domänen. Unter Berücksichtigung der ausführlichen glaubwürdigen fremdanamnestischen Angaben besteht in Zusammenschau jedoch der Verdacht einer beginnenden dementiellen Entwicklung, möglicherweise vom Alzheimer-Typ." Obwohl er bei diesem Termin auf 20 (von 30) Punkten beim MOCA Test kam, meinte die Neurologin dann, Pflegestufe beantragen bräuchte man nicht, er bekäme höchstens Pflegestufe 1 wenn man Glück hätte.


    Das gleiche Spiel mit den Damen von der Hilfsorganisation. Da ist es nur so, die reden länger mit ihm und bemerken die ständigen Wiederholungen. Aber auch die sagen, der ist doch noch viel zu fit fürs Heim.


    Man muss einfach eiskalt sagen, er hat eine narzisstische Persönlichkeit, war immer ein großer Blender, hat(te) einen IQ von 143 -- da hätte man auch beim Vormundschaftsgericht keine Chance, besonders nicht mit den lächerlichen Befunden, die die Situation in keinster Weise abbilden.

  • Liebe OiOcha,

    das ist wirklich eine sehr schwierige Situation und ich kann mir das alles sehr gut vorstellen.

    Mein Vater war auch eine narz. Persönlichkeit, lange nicht so klug wie deiner sicher, aber trotzdem Blender . Als in "der" sehr kritischen Nacht die Polizei gerufen wurde von Nachbarn, meine Mutter mit frisch operierter Hüfte nach um halb 2 geflüchtet war, kam die Polizei und meinte, er habe sich ja nun wieder beruhigt,er konnte dann trotz Alzheimer noch sehr freundlich tun, bis die Herren weg waren...Er war ja nicht vorbestraft o.ä.


    Den weiteren Verlauf will ich gar nicht wiederholen hier. Jedenfalls als er danach in der Psychiatrie stationär war, hieß es auch die ersten Wochen, er zeige das Verhalten nicht so, erst nach mehreren Wochen sprachen sie von multipler Persönlichkeit und hatten eine Bescheinigung meiner Psychoth.vorliegen, was sehr hilfreich war.

    Soll nur heißen, ich verstehe das alles wirklich gut.

    Und die Aussage der Neurologin bzgl. Pflegestufe kann gut stimmen, höhere Pflegestufe gibts wohl erst bei motorischen Problemen, von Stufe 1 hat man nicht viel.

    Trotzdem eine Zumutung eigentlich. Muss denn wirklich erst wer weiß was passieren???

    Herzliche Grüße

  • So, da bin ich wieder. Vielen Dank für die vielen Ratschläge und lieben Worte, mir geht's im Moment ganz gut und ich habe derzeit auch eine gewisse Gelassenheit die vieles einfacher macht.


    Der MD war da, Pflegestufe 1, der erste Schritt ist getan. Nach mehrfachem Verschieben kommt am Montag die Sozialstation. Meine Hoffnung ist, dass meine Mutter in der dortigen Demenzgruppe ab und an einen Nachmittag verbringt/ verbringen will. Das würde meinen Vater entlasten.


    Das Thema Alkohol spreche ich inzwischen ganz offen und entspannt an, ich habe versucht meine Mutter dahingehend zu überzeugen dass sie abends ihre 2 Piccolos trinken kann und dann ins Bett geht. Danke Herr Homburg und Oiocha für den Rat und auch den Einwand, dass sie u.U.vergisst wieviel sie schon getrunken hat. Leider ist mein Vorschlag (bisher) verpufft aber kommt Zeit, kommt Rat.


    Im Moment ist meine Mutter umgänglich, zumindest wenn ich zugegen bin. Eskalationen mir gegenüber gab es die letzten Wochen keine. Ich denke mein Vater hat das größere Päckchen zu tragen. Der war vorgestern doch etwas verzweifelt, meine Mutter muss wohl schon vorm mittag Piccolo getrunken haben, hat ständig mit Selbstmord gedroht (ich geh in den Wald) und war wohl völlig durcheinander. Als ich am späten Nachmittag kam war sie eigentlich zugänglich. Gestern war sie wohl völlig "normal". Da hatte sie aber auch nicht oder nur sehr wenig getrunken.

    Ich versuche gelassen und entspannt zu bleiben, für beide da zu sein wenn nötig, und die Dinge nicht zu dicht an mich ran zu lassen, sofern das möglich ist.


    Viele liebe Grüße und danke dass ihr da seid, Carola

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Barfuss, schön, dass Sie so viel Abstand gefunden haben und so etwas gelassener an den kleinen Lösungswegen weitermachen können. Hoffentlich können Sie Ihren Vater so unterstützen, dass er die schwierigen Situationen übersteht, ohne dass es weiter eskaliert.


    Wenn Ihre Mutter in der Verwirrtheit Suzidgedanken äußert, können Sie auch den sozialpsychiatrischen Dienst einschalten. Eine Klinikeinweisung ist wahrscheinlich und damit würde der Hilferuf dort ankommen, wo auch Hilfe möglich ist.


    Ähnlich wie bei Ihnen, Oiocha, ist ein offizielles ärztliches Handeln leider nur in schweren Krisen möglich - der Versuch Ihre Mutter zu würgen, würde auch als häusliche Gewalt infolge des Alkoholkonsums in Verbindung mit der dementiellen Entwicklung auf eine Einweisung hinauslaufen. Sie könnten auf jeden Fall vorab auf die Gefahr hinweisen, auch wenn Ihr Vater vermutlich auch diese Fachleute "um den Finger wickeln wird", wenn er nicht gerade in einer akuten Verwirrtheitssituation ist...


    Leider sind unsere Handlungsspielräume bei Alkoholikern sehr gering, umso wichtiger ist es einen potenziellen Ernstfall vorzubereiten, Ihr Martin Hamborg

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