Wie bringt man den Erkrankten dazu, sich vor Dritten nicht zu verstellen?

  • Heute glaube ich, zum Thema "sich bei dritten verstellen" einen Beitrag leisten zu können, allerdings fast schon unterhaltsam.


    Wir waren zu Besuch bei meiner Mutter anlässlich ihres 97. Geburtstags. Außer meinem Mann und mir war meine Schwester da, die auch schon ein paar Tage länger dort war und sich um Muttern kümmerte, und die Schwester meiner Mutter (88J,). Meine Mutter hatte mich seit ich nach Ostern bei uns mal Erdbeerroulade gebacken hatte und wir das am Telefon besprachen, drum gebeten, ihr zum Geburtstag eine mitzubringen, weil sie die so gerne mag.

    Aber wenn wir bei den folgenden (fast täglichen) Anrufen auf das Thema kamen, war sie regelmäßig sehr erstaunt, dass ich ihr eine Erdbeerroulade bringen wollte. Es kam, wie es kommen musste: eine Bekannte, die auch unsere Mutter täglich versorgt, hatte zwei Kuchen gebacken und meine Schwester nochmal zwei aus dem Tiefkühler geholt, damit genügend Angebot da ist und niemand wusste etwas von der angekündigten Roulade. Die hatte ich natürlich für die Fahrt über 300km gut verpackt (vorher eingefroren, damit sie stabiler bleibt) und meine Schwester war zuerst etwas fassungslos, was sie denn damit nun auch noch anfangen sollte. Nur meine Zusage, dass ich den Rest wieder mitnehmen kann, half ihr weiter.

    Dann gings an Kaffee und Kuchen: Mutter, die ja fast blind ist, fragte, welche Kuchen es gibt und wer sie gemacht hat. Brav zählte meine Schwester alle fünf Sorten auf mitsamt deren Herkunft. Kaum war sie fertig, fragte unsere Mutter: was haben wir eigentlich für Kuchen? - Dieses Spiel wiederholte sich sicherlich 10 Mal, dazwischen aß auch Mutter zwei Stücke, eines davon die Erdbeerroulade, um nach einer Weile zu fragen, welche Kuchen es gibt, welchen sie denn essen soll, dann sehr erstaunt, dass sie schon Erdbeerroulade gegessen hat, wo die denn herkommt ... Und dann bekam sie einen Anruf: Am Telefon war sie plötzlich eine hellwache Plauderin, die ihrem Gegenüber sinnvolle, interessierte Fragen stellte, vermutlich passende Antwort gab und sie konnte sich recht spritzig mit guter Stimme rund 20 Minuten unterhalten.

    Dann fragte sie wieder nach den Kuchen, es folgten mehrere Runden davon, dann der nächste Anruf: und wieder war eine sehr interessierte, hellwache Frau dran, der man eher den 80. Geburtstag zugetraut hätte und jede Demenz als bösen Verdacht weit weggewiesen hätte. Auch dieses Telefonat dauerte knapp eine halbe Stunde, danach kamen wieder die Fragen nach dem Kuchen.

    Wenn wir uns unterhielten, saß sie zwar da und schien zuzuhören (da mein Mann und meine Tante inzwischen auch auf Hörgeräte angewiesen sind, war es auch keine zu leise Unterhaltung) aber sie schien letztlich den unkomplizierten Gesprächsinhalten nicht mehr folgen zu können.

    Wir mussten dann wegen der weiten Strecke wieder zum Heimweg aufbrechen, sie erinnerte sich schon nicht mehr, wer angerufen hatte und am folgenden Tag wusste sie nicht mehr, dass überhaupt jemand angerufen hatte.

    Aber die Anrufenden selbst werden sie sicher als "noch total fit in dem Alter" wahrgenommen haben.

  • Liebe ecia25 -


    das geht mir mit meiner Mutter 100% genauso. Ich muss Dinge gefühlte Dutzend Male wiederholen, es gibt Telefonate, da sprechen wir 20 Minuten über nichts anderes als den nächsten Friseurtermin und ich könnte nicht mit Gewissheit sagen, ob sie ihn sich wirklich aufgeschrieben hat oder wirklich jetzt den Termin weiß. Kaum ruft eine Bekannte an, ist sie komplett klar, ist die netteste Person auf dem Planeten usw. Kaum hat sie aufgelegt, geht alles von vorne los. Ich habe dafür keine wirkliche Erklärung. Vielleicht ist es, weil solche Telefonate max. 15 Minuten dauern und sie sich (vielleicht sogar unbewusst) "zusammenreißt". Und bei mir das nicht macht. Ich wünscht mir manchmal, meine Mutter wäre zu mir nur halb so nett wie zu ihren Bekannten. Bei der eigenen Familie und über einen längeren Zeitraum (Stunden statt Minuten) muss oder kann man sich nicht zu zusammenreißen. Aber leider entsteht genau dadurch das falsche Bild, dass dann viele haben.

    Liebe Grüße

    TanjaS

  • Bei der eigenen Familie und über einen längeren Zeitraum (Stunden statt Minuten) muss oder kann man sich nicht zu zusammenreißen. Aber leider entsteht genau dadurch das falsche Bild, dass dann viele haben.

    Genauso ist es, außerdem können doch viele sich drauf verlassen, von der Familie trotz aller Mängel angenommen, sogar geliebt zu werden, während sie draußen ja ein "gutes Bild" von sich abgeben müssen.

    Für uns Angehörige ist da m.E. tatsächlich die Hauptschwierigkeit, dass es dann "draußen" niemand versteht, wenn wir auch mal von den Vergesslichkeiten, Bösartigkeiten etc. erzählen und ganz schwierig wird es natürlich bei Beurteilungen für Pflegestufe etc.

    Aber auch dafür, damit besser umgehen zu können, ist eben der Austausch hier hilfreich.

  • Vielen Dank für die Geschichten aus eurem Alltag -- es ist gut zu hören, dass Andere das Problem mit dem Schauspielern auch haben!


    Bei uns ist es mittlerweile soweit, dass es einige Verwandte auch mitgekriegt haben. Z.B. ruft mein Vater gelegentlich meine Tante an, zwar nie ein Dutzend mal in kurzer Abfolge wie bei mir, aber doch wiederholt und mit völlig verwirrten Fragen, käme denn sein seit 30 Jahren verstorbener Onkel noch regelmäßig zum Essen usw. Oder mit meiner Cousine, mit der wir vor kurzem spazieren und beim Essen waren. Da kann er sich noch sehr gut verstellen, aber Fragen wie "haben wir schon gezahlt," "wo laufen wir denn jetzt hin" usw kommen dann doch ein halbes Dutzend Mal, und die Leute kriegen es dann doch irgendwie mit. Sachen wie "dass die schon 25 Jahre verheiratet ist," "dass die geheiratet hat, ohne mir was zu sagen," "wie heißt er" kommen dann (ständig wiederholt) im Auto, wenn man wieder allein ist -- da hat er offenbar wenn man mit den Leuten zusammen ist, genug Selbstkontrolle, es nicht zu machen.


    Aber die Anrufenden selbst werden sie sicher als "noch total fit in dem Alter" wahrgenommen haben.

    97 ist natürlich auch ein tolles Alter! Da hast Du gute Gene! Wie ist es denn bei euch nach so einer Veranstaltung, ist deine Mutter dann völlig fertig? Ich merke mit meinem Vater immer häufiger, dass man ihm mehr als 3 Stunden "hellwach sein" nicht mehr zumuten kann, danach ist er müde und wird z.T. aggressiv.


    Bei der eigenen Familie und über einen längeren Zeitraum (Stunden statt Minuten) muss oder kann man sich nicht zu zusammenreißen. Aber leider entsteht genau dadurch das falsche Bild, dass dann viele haben.

    Bei uns war es so, dass meine Mutter lange niemandem etwas sagen wollte. Vielleicht hat sie sich geschämt, ich weiss es nicht. Ich habe dann aber doch Familie und Freunde angesprochen. Eine Zeit lang wollten viele es gar nicht glauben, aber mittlerweile höre ich immer mal wieder von Freunden (die jetzt mehr auf Merkwürdigkeiten achten?) und es dann eben doch merken. Einer seiner alten Jagdfreunde hat mir z.B. am Wochenende erzählt, dass er bei unserem Haus vorbeispaziert ist, mein Vater war im Vorgarten, und hätte ihn nicht erkannt. Bei dir ist es ja wahrscheinlich leider aufgrund der Entfernung so, dass du vieles was Freunde/Nachbarn angeht gar nicht so mitkriegst oder beeinflussen kannst, sondern deine Nachrichten hauptsächlich durch diese schlimmen Telefonate mit deiner Mutter bekommst.

  • 97 ist natürlich auch ein tolles Alter! Da hast Du gute Gene! Wie ist es denn bei euch nach so einer Veranstaltung, ist deine Mutter dann völlig fertig?

    Meine Mutter ist dann eher noch aufgekratzt, während sie sonst meist müde und matt den lieben langen Tag (oft noch im Nachthemd) auf dem Sofa sitzt oder liegt und in kurzen Abständen einschläft, keine Anrufe mitbekommt und natürlich dann auch jegliche Orientierung verliert.


    Tja, die Gene: von mütterlicher Seite ist meine Mutter momentan die Älteste, die mir bekannt ist, aber auch die anderen weiblichen Ahnen wurden mindestens 93 Jahre alt.

    Auf väterlicher Seite starben die "jüngsten" schon mit 89 Jahren, die meisten aber auch deutlich über 90 und eine Großtante wurde 103 Jahre alt.

    Da ich keinen Einfluss drauf habe, wie das bei mir wird, schiebe ich auch die Frage, ob ich das überhaupt für mich so will, einfach auf die Seite.

  • Liebe ecia25, liebe OiOcha -


    meine Mutter ist ja immer noch der Meinung, dass sie nichts vergisst, nichts überhört usw. Alle anderen sind das Problem. Ich habe mittlerweile von einigen Bekannten (primär aus ihrer Kirche) gehört, dass ihnen Dinge auffallen. Der Polizeieinsatz vor knapp 2 Wochen hat der Bekannten, die dabei war, die Augen geöffnet, wie meine Mutter wohl häufig mit mir umgeht. Meine Mutter hatte der Polizei ja ohne zu zögern gesagt, dass ich das Geld genommen habe - ihre Bekannt konnte sich das nicht vorstellen, hat das wohl gesagt und wurde angeschnauzt. Sie hat zunächst gedacht, meine Mutter wäre nur sehr aufgeregt. Wir hatten später telefoniert und da hat sie mich direkt gefragt, ob meine Mutter Richtung Demenz geht. Sie nehmen sie momentan immer sonntags mit zur Kirche und wollen ein bisschen ein Auge auf sie haben (sie wohnen ca. 10 Min entfernt). Das finde ich ganz reizend von ihnen. Aber durch solche Aktionen kann das Bild gegenüber Dritten natürlich "verrutschen". Und Bekannte werden dann generell etwas aufmerksamer - so habe ich das zumindest in den letzten 2 Wochen festgestellt.

    Genauso ist es, außerdem können doch viele sich drauf verlassen, von der Familie trotz aller Mängel angenommen, sogar geliebt zu werden, während sie draußen ja ein "gutes Bild" von sich abgeben müssen.

    Genauso ist es. Ich bin einerseits froh, dass die Bekannte sie mal so erlebt hat. Andererseits tut es mir leid, dass sie sich anschimpfen lassen musste. Sie meinte allerdings, sie kann das jetzt einordnen und weiß dann Bescheid. Das beruhigt und erleichtert ein wenig.

  • Genauso ist es. Ich bin einerseits froh, dass die Bekannte sie mal so erlebt hat. Andererseits tut es mir leid, dass sie sich anschimpfen lassen musste. Sie meinte allerdings, sie kann das jetzt einordnen und weiß dann Bescheid. Das beruhigt und erleichtert ein wenig.

    Ich halte es für positiv, wenn es Dritte gibt, die solche Dinge mitbekommen. Die Leute können es dann besser einordnen, was ja auch für ihren eigenen Schutz gut ist (z.B. holen sich Nachbarn bei meinem Vater Steuer-Rat und er erzählt ihnen völligen Mist, oder Deine Mutter könnte anfangen, Andere zu beschuldigen, Geld zu stehlen). Zudem merke ich, dass es für meine Mutter psychologisch wichtig ist, zu denken, wenn wir dann vor Gericht müssen, um ihn einweisen/entmündigen/sonstwas zu lassen, dan haben wir wenigstens Zeugen.

  • Ihr Lieben, vieles von dem hier Geschriebenen kommt mir bekannt vor. Zum Glück war meine Mutter nur noch als Privatperson unterwegs und nicht in verantwortungsvollen beruflichen Funktionen (wie ja manche hier). Ich muss aber zugeben, dass selbst ich/wir als engste Familie es über wahrscheinlich Jahre nicht wirklich begriffen haben, dass meine Mutter dement wird. Sie wurde einfach immer ruhiger und desinteressierter. Dann ging es los, dass sie sich schrecklich aufgeregt hat, weil sie angeblich keine Weihnachtsgeschenke für die Enkel eingekauft hatte (waren von uns besorgt worden und lagen deutlich sichtbar bei ihr) und warum wir ihr nicht richtig sagen, wo wir alle zu Weihnachten etc. hinfahren (wir haben ja meine Mutter immer mitgenommen). Selbst das haben wir versucht, zu kompensieren.


    Jedoch hat uns eine unserer Bekannten (wir sahen sie in größeren Abständen, weil wir oft in ihrem Hotel sind) und jetzt erst gesagt, dass ihr sehr wohl die Veränderungen bei meiner Mutter aufgefallen sind.


    Dass meine Mutter mich damals so böse behandelt hat, konnte ich überhaupt nicht einordnen, denn irgendwie passte es schon zu meiner Mutter, war jedoch unbegreiflich für mich und alle (zu den anderen war sie ja auch normal freundlich). Das hat in mir tiefe Spuren hinterlassen - und ich glaube nicht, dass es insgesamt an einer schlechten Kindheit etc. lag. Das war einfach die Krankheit und mein Unwissen darüber ... Man versucht dann, die Dinge auf einer "normalen" Ebene zu verstehen, obwohl die Ebene sich schon weit verschoben hat. Und alle anderen haben mich noch bekräftigt und fanden völlig andere Erklärungsmuster für das von mir geschilderte Verhalten. Selbst psychologischer Rat half mir nicht damals. Erst viel später gingen mir die Augen auf.


    Ich bin übrigens dafür, klar und deutlich nach außen zu kommunizieren, welche Krankheit meine Mutter hat. Es ist schlussendlich eine Krankheit, für die niemand etwas kann.


    Ich denke, dass sich die meisten eurer Angehörigen noch auf einer früheren Stufe der Demenz befinden und bei jedem wird die nächste Stufe mehr oder weniger schnell erreicht.


    Mit dem Alter deiner Mutter von 98 (ecia) besteht die große Hoffnung, dass diese Demenz nicht so schlimm noch wird. Im Pflegeheim meiner Mutter ist auch eine 98jährige, die soweit klar ist, jedoch nicht mehr spricht/sprechen will. Mein Schwiegervater ist 98 und so langsam stellen sich auch Ausfälle ein, jedoch bei Weitem nicht so wie bei meiner Mutter.


    Alles Liebe

    • Offizieller Beitrag

    Hallo ecia25, danke für die eindrucksvolle Geschichte, bei der ein wichtiger Aspekt der Demenz deutlich wird.


    Aus meiner Erfahrung ist es nicht das "Zusammenreißen" am Telefon, die Demenz wird auch nicht überspielt und das eigentliche Ziel ist vermutlich auch nicht, einen guten Eindruck vorzuspielen.

    Das Telefonat - beginnend mit einem herzlichen Glückwunsch - ist m.E. die aktuell beste Form der Kommunikation, um bestehende Ressourcen zu aktivieren. Vielleicht lässt es sich am besten mit dem Begriff "flow" vergleichen, ein positiv freudiger Gesprächsfluss mit viel Humor. Wir erleben diese besondere Wachheit des Gehirns auch oft beim Singen.


    Der entscheidende Unterschied zu der gemütlichen, familiären und (eigentlich) so vertrauten Geburtstagsrunde liegt in der Möglichkeit, die Aufmerksamkeit ganz auf einen Ausschnitt konzentrieren zu können. Bei Ihrer Mutter ist dies durch die Seheinschränkung noch mal effektiver - sie versinkt im Telefonat, so lange wie es ohne Überforderung geht.

    Das Problem der mittelschweren Demenz ist es, die vielen Reize zu verarbeiten und so liegt der Fokus auf ganz basalen Grundbedürfnissen (welchen Kuchen es gebe), in sicheren Floskeln oder im inneren oder äußeren Rückzug. Nach dem Erlebnis liegt es nahe, Ihre Mutter häufiger anzurufen und auszuprobieren, wie Sie das Gespräch führen müssen, damit es so wirkt, wie die Geburtstagsanrufe...


    Ein weiteres Prinzip ist die "Aufmerksamkeitszentrierung", die dem einfachen psychologischen Wissen folgt, dass im "Flaschenhalsmodell der Wahrnehmung" in Millisekundentakten immer nur eine Informationseinheit durchkommt - die "Richtige" können wir nur ausprobieren.


    Bei Ihrem Vater, OiOcha ist die nachfolgenden Wahrnehmungsverarbeitung durch viele psychische Prozesse beeinflusst - vielleicht Urängste, die suchtypische Verleugnung und ein sich ausbildendes Wahnsystem. Trotzdem könnte ein Handeln aus diesem Gedanken heraus (zeitweise) Erfolg haben, immerhin hat sich in der Raucherentwöhnung die Hypnose auch bewährt, die u.a. auf diesen Prinzipien beruht.

    Vielleicht beobachten Sie einmal, wann Ihnen eine zufriedenstellende selbstwertstabilisierende fließende Kommunikation gelungen ist - und ob das das mit meiner Einschätzung zu erklären wäre...

    Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg

  • Wir haben interessante drei Tage hinter uns. Mein Vater hatte Geburstag, und meine Mutter wollte unbedingt mal wieder zu ca. 300km entfernt lebenden Verwandten fahren. Wir hatten das letztes Jahr schon gemacht, und es lief damals eigentlich schon nicht sonderlich gut, weil mein Vater völlig verwirrt war, und sich ständig beklagt hat (allerdings nur wenn er mit uns zweien alleine war, wenn die Verwandtschaft dabei war, hat er sich von seiner Sonnenseite gezeigt).


    Diesmal haben es alle aber deutlich gemerkt, dass was mit ihm nicht stimmt.


    Es ging eigentlich ganz gut los, mit einem Mittagessen, bei dem er sich wie immer benahm und das Wort geführt hat, allerdings auch hier schon viel Blödsinn erzählt hat, und zwar diesmal auch zu Sachen, die eigentlich jeder weiß ("ach OiOcha, das stimmt doch nicht, die würden sich nie trauen, das Benzin über Nacht 35 Cent teurer werden zu lassen"). Aber auch das noch untermauert mit ständigem "da habe ich einen Artikel dazu gelesen," da dachten vielleicht die anwesenden 80+ Jährigenn, der versteht's halt besser als wir.


    Bemerkt hat man beim Essen schon die innere Unruhe, er hat ständig nach der Rechnung gefragt, als alle noch gegessen haben. Dazu kamen dann doch einige Wiederholungen, er fragte den Enkel meiner Tante X-fach, was er jetzt studiere usw.


    Richtig interessant wurde es bei einem kleinen Spaziergang am Nachmittag. Da fragte er ständig, wer ist denn dieser junge Mann (der Enkel), von dem hat mir ja noch niemand was erzählt. Dann ging es um den 1985 verstorbenen Mann meiner Tante, wo der denn sei, der sei doch gerade noch dabei gewesen. Dann dachte er plötzlich, die Töchter meiner Tante seien tot, und als meine Tante das dann berichtigen wollte, wurde er recht aggressiv.


    Als wir dann wieder zu Dritt waren, war's natürlich noch schlimmer, ständig das Gleiche gefragt und irgendwelchen Scheiß erzählt. Er war dann einfach k.o. und wir wollten ihn ins Hotel bringen. Davon wollte er aber nichts wissen, meine Mutter und ich könnten uns ja ausruhen, er würde lieber noch ein Stündchen spazieren gehen. Er hat sich natürlich überhaupt nicht zurechtgefunden in dem Hotel, und man musste ihn ständig begleiten, ich habe immer nur eine halbe Portion essen können, weil ich aufspringen musste, wenn er fertig war. Obwohl wir ihn so gut bewacht haben, ist er um 3 Uhr nachts aufgestanden (meine Mutter lag neben ihm, aber wachte nicht auf) und in der Unterhose auf den Flur gegangen. Zum Glück war die Rezeption besetzt, und man hat ihn irgendwie (mit vollgepinkelter Hose) zurückgebracht. Er hat dann irgendwelche wilden Geschichten zusammenphantasiert, es seien Elektriker auf dem Gang gewesen, denen er helfen musste. Und wenige Minuten später wusste er nichts mehr von seinem nächtlichen Ausflug. Überhaupt ist alles weg, die ganze Reise vergessen.


    Insgesamt wie ich es erwartet hatte, aber eigentlich positiv, dass es die Verwandtschaft jetzt mitgekriegt hat, und auch, dass meine Mutter das Thema Reisen hoffentlich auch beerdigen wird. Ansonsten schauen wir mal, wie's weiter geht, habe nächste Woche endlich einen Termin bei einer Psychiaterin, die ihm hoffentlich endlich was verschreiben wird.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo OiOcha, Ihr gemeinsames Erlebnis macht sehr deutlich, wie sehr Ihr Vater von den vielen Eindrücken überfordert ist und es wahrscheinlich das letzte große Fest war. Positiv ist sicher, dass nun für die ganze Familie deutlich ist, wie weit die Demenz und das psychotische Erleben mit dieser starken psychomotorischen Unruhe fortgeschritten ist. Ich wünsche Ihnen sehr, dass die Psychiaterin etwas zur Entlastung dieses Leidensdrucks findet und Ihr Vater das dann auch einnimmt...

    Alles Gute Ihr Martin Hamborg

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