Meine Mutter, 87, möchte unbedingt wieder in ihre Wohnung und lehnt mich und meine Familie ab

    • Offizieller Beitrag

    Hallo UteSchnute, das Auf und Ab ist in dieser Phase ganz normal - man könnte es als Trauerphase des Verhandelns bezeichnet, aufgelöst mit emotionalen Phasen. Aus meiner SIcht ist es genau richtig, an die Absprachen zu erinnern: Besuch gerne, aber mit Voranmeldung. Vermutlich überträgt ihre Mutter den inneren Ärger auf Sie und in der Tochterrolle nehmen Sie ihn, obwohl er ihnen gar nicht gehört...

    Was meinen Sie zu meiner Interpretation?


    Hallo Rose60, irgendwann kommt diese Phase, in der eine demente Mutter auf ihre Mutter wartet. Vielleicht können Sie es als Kompliment nehmen: Sie bekommen jetzt zusätzlich auch die positiven Muttergefühle, mit denen Ihren Mutter den Wunsch nach Fürsorge beschreibt. Ihre Antwort war genau richtig - keine große Klarstellung sondern die Ablenkung der Aufmerksamkeit auf das was eine Mutter so vor dem Geburtstag macht - der wunderbare Kuchen.

    Alles Gute und schreiben Sie sich gern den Druck von der Seele, das hilft im Auf und Ab!Ihr Martin Hamborg

  • Vielen Dank, Herr Hamborg, auf diese Interpretation bzgl. Warten auf Mama war ich tatsächlich nicht gekommen. Heute morgen hat sie auch einer Gratulantin am Telefon erzählt, dass ihre Mama sie abholt und wir dann bei mir meinen Geburtstag feiern...

    Jedenfalls war ich den ganzen Morgen ziemlich angespannt und dann war es ein überraschend netter Nachmittag. Schon wieder eine Hürde geschafft. Meine Mutter tat allerdings alles um die Nachteile des Heims aufzuzählen .

    Liebe Grüße

  • Hallo UteSchnute, das Auf und Ab ist in dieser Phase ganz normal - man könnte es als Trauerphase des Verhandelns bezeichnet, aufgelöst mit emotionalen Phasen. Aus meiner SIcht ist es genau richtig, an die Absprachen zu erinnern: Besuch gerne, aber mit Voranmeldung. Vermutlich überträgt ihre Mutter den inneren Ärger auf Sie und in der Tochterrolle nehmen Sie ihn, obwohl er ihnen gar nicht gehört...

    Was meinen Sie zu meiner Interpretation?


    Hallo Rose60, irgendwann kommt diese Phase, in der eine demente Mutter auf ihre Mutter wartet. Vielleicht können Sie es als Kompliment nehmen: Sie bekommen jetzt zusätzlich auch die positiven Muttergefühle, mit denen Ihren Mutter den Wunsch nach Fürsorge beschreibt. Ihre Antwort war genau richtig - keine große Klarstellung sondern die Ablenkung der Aufmerksamkeit auf das was eine Mutter so vor dem Geburtstag macht - der wunderbare Kuchen.

    Alles Gute und schreiben Sie sich gern den Druck von der Seele, das hilft im Auf und Ab!Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg, aaaaah Dankeschön habe mir mal bei Google diese 5 Phasen der Trauer angeschaut.


    Das kann ich verstehen!


    Wie kann ich nur ihren inneren Ärger nicht annehmen, das finde ich so schwer.


    Ihr Dirigieren durch den Demenz-Dschungel hilft immer sehr, auch ihre Anmerkungen zu Rose waren interessant:

    Vor kürzerer Zeit sagte meine Mutter mal zu mir ihre Mutter hätte sie immer so schön angezogen und ich würde ihr keine schönen Sachen besorgen - jetzt verstehe ich das besser.

    (Ich muss auch noch daran arbeiten mich nicht immer so ange…nervt zu fühlen).


    Die Ärztin hat empfohlen, meine Mutter über den Wohnungsverkauf garnicht zu unterrichten, ich habe auch das Gefühl dass es besser ist immer weiter zu sagen die Wohnung steht leer. Ich lüge meine Mutter natürlich nicht gerne an, besonders weil meine Eltern so ein bisschen zu oft auch bei Kleinigkeiten geflunkert (oder hm…aufgeschnitten) haben und ich da den totalen Gegenentwurf praktiziere.

    Aber sie sagte mir noch letztes Mal sie hat noch ein Fünkchen Hoffnung in Ihre Wohnung zurückzukönnen. Es fühlt sich für mich so an als wenn sie sich so besser fühlt und ich befürchte sie könnte sonst in schlimmere Depression fallen?


    Alles Gute Ute 🌸

  • Hallo Ute,

    Ich handhabe es bei meiner Mutter mit diesen Flunkereien entgegen meiner sonstigen Gewohnheit zu Authentizität genauso wie du, sie nimmt die Wahrheit eh nicht an und kann psychisch besser damit leben, sich oft noch Mantra-artig vorzusagen, dass sie sich bald ein Taxi nachhause nimmt.. letzteres kriegt sie gar nicht mehr hin, ist auch örtlich nicht mehr angemessen orientiert.

    Schon vor der Demenz hat meine Mutter allerdings entsprechende Ziele nicht losgelassen, aber eben überhaupt nichts in die Hand genommen.

    Ich versuche es als ihren Umgang mit Realitäten anzunehmen, damit ich nicht so genervt bin.

    Und wenn sie mich angiftet, sage ich "also heute bist du aber schlecht gelaunt", dann stoppt sie tatsächlich die Vorwürfe und ich habe es aus meiner Verantwortung weggeschoben.

    So wie früher, wenn meine Kinder über das blöde, falsche Mittagessen gemeckert haben, obwohl sie eigentlich Ärger in der Schule hatten..

    Ich übe seit drei Jahren - ommm ;)

  • Hallo Rose,


    also hier wieder mein Listengerüst, erneut komplettiert:


    1. mir gestatten, meine Mutter als toxisches Geschöpf anzusehen (es ist leider fast das Einzige, was von ihr übriggebliebene ist)
    2. ich klopfe mir auf die Schulter, dass ich doch den richtigen steinigen Pfad eingeschlagen habe (aber ich habe ja u.a. das Forum als "Wanderschuhe + Wegzehrung")
    3. ich reite vorwärts und mache die Beine zu - so brechen Pferde nicht nach links/ Rechts/ oben/ unten aus. Wichtig ist das energische VORWÄRTS (ein Pferd könnte sonst zB steigen)
    4. ich habe eine funkelnde Krone auf dem Kopf. Den Kopf lasse ich nicht hängen, sonst muss ich die Krone wieder aufheben. Zu mühsam.
    5. EIS - nachsichtig sein bei Quengeleien - das 5. Eis bekommt auch einem Kind nicht
    6. Boshaftigkeiten von mir weglenken: Heute bist Du aber schlecht gelaunt

    Ich und meine Listen :saint:

    Alles Gute Ute

  • Hallo Ute, Rose, ecia, Nelly, der Weg ist einfach schwer, wie man es auch dreht und wendet ... Es ist völlig normal, dass es uns nicht jeden Tag gleich gut gelingt, allem gerecht zu werden.

    Die Demenz lässt die Betroffenen in die Vergangenheit zurückgleiten.


    Auch meine Mutter hat schon zu Hause lange von ihrer Mutter gesprochen und sich gefragt, wo sie wohl gerade hingegangen sind (die Eltern sind seit 50 Jahren tot). Gelöscht war dagegen ihr seit 10 Jahren verstorbener Mann, mit dem sie fast 60 Jahre sehr glücklich (!!!) verheiratet gewesen ist. Von einer Pflegekraft wurde sie vor mehr als 1,5 Jahren gefragt, was der glücklichste Tage und was der traurigste Tag in ihrem Leben gewesen sei. Die Antworten hingen jeweils mit ihrer Mutter/ihren Eltern zusammen. Die Pflegerin versuchte, irgendwie auf mich (als einzige Tochter) hinzulenken. Aber das hat meine Mutter irgendwie kategorisch verneint - ich spielte keine Rolle. Meine Mutter und ich hatten kein schlechtes Verhältnis, obwohl wir uns in vielen Punkten sehr unähnlich sind. Da blieben natürlich Konflikte nicht aus, in denen immer ich nachgab.

    Jetzt könnte ich über das Desinteresse meiner Mutter an mir traurig sein. Bin ich aber nicht!!!! Ich habe es als sehr große Erleichterung empfunden, hier nicht die wichtigste Rolle zu spielen. Da war mir die demonstrative Verbundenheit zu ihrer eigenen Mutter bzw. ihrem Vater (die ich beide als Großeltern übrigens selbst heiß und innig geliebt habe) tausendmal lieber. Ich habe dies deshalb eher bei meiner Mutter bestärkt als richtiggestellt und somit entsprechend reagiert: Die Eltern waren eben gerade mal nicht da. Ich grüße sie aber demnächst ... Das hat meiner Mutter immer sehr gut gefallen. Man muss ein bisschen erfinderisch sein - Hauptsache die Situation wird etwas erträglicher für alle. Es geht um nichts anderes, finde ich.

  • Liebe Schwarzerkater Du schreibst das immer alles sehr gut reflektiert.


    Am Wochenende fahre ich ins Bergische Land, die Wohnung meiner Mutter ist verkauft und ich räume zusammen. Mein Mann, einer meiner Söhne und mein Schwager sammeln dann 2 Wochen später das, was ich zusammengesucht habe, ein. Der Erwerber hat gesagt, er übernimmt alles, was ich zurücklasse. Prima.

    Es ist immer ein „Ritt“ von 450 km von der Lüneburger Heide bis ins Bergische.


    - also in der Welt meiner Mutter bin ich jedoch erst so weit dass ich ihr sagen werde die Wohnung steht leer. Hm oder auch noch nicht.


    Aber : mir geht es gut mit dem Verkauf: es war noch ein großer Kredit drauf (ich frage mich was meine Eltern in den 29 Jahren abbezahlt haben🤷‍♀️🍄). So muss ich mich nicht parallel um 2 „Baustellen“ kümmern.


    Alles Gute Ute

  • Guten Abend Ute, ... manchmal ist die Reflektiertheit eine feine Sache, aber es hat jedes Ding zwei Seiten und so zeigt einem die Reflektiertheit zuweilen Einzelheiten, die man besser nicht so klar gesehen hätte. (Nichterkennen ist manchmal eine Gnade.)


    Was das Ausräumen betrifft, so weiß ich, wie schwer das ist. Das Haus meiner Mutter sehe ich jeden Tag, wenn ich aus dem Fenster gucke. Es dauert noch Ewigkeiten, das leerzuräumen und jetzt nach einem Jahr kann ich immer noch nicht problemlos an die Sache herangehen. Zum Glück tut mein Mann das Nötigste und kümmert sich um das Grundstück. Leider bin ich dem Gericht rechenschaftspflichtig (hatte keine Vollmacht) und könnte über der auszufüllenden Formularflut verzweifeln. Da kommen schon bittere Gefühle in einem hoch ... Mal abwarten, wie lange Rente und Erspartes meiner Mutter ausreichen ... wie es jetzt so aussieht, werden wir das Haus nicht ewig leerstehen lassen können ...


    Meine Mutter war auch sehr dominant, aber mehr nach dem Motto: Mich kriegt so leicht keiner klein ..., nur ich weiß, wo es langgeht! Sie war zeitlebens voll berufstätig, hat ihr Haus mit meinem Vater zusammen ALLEIN und fast ohne Handwerker gebaut. Krankheit oder gar psychische Probleme wurden immer als Schwäche abgetan, bei sich uns anderen. (Nein, wir brauchen niemanden ... wir kriegen alles alleine viel besser hin). Und nun hat es sie also so schlimm erwischt.


    Wie durch ein Wunder haben die Leute es in dem Pflegeheim hingekriegt, sie genau da abzuholen und somit war ihre schlimme aggressive und unleidliche Phase (die sich über Jahre gezogen hat) irgendwann vorbei.

    Sie kann jetzt nicht mehr so ganz zusammenhängend sprechen .... vieles geht durcheinander. Aber man erkennt ihr Wesen noch immer und das wird von allen vorsichtig bestätigt, so dass kein Widerstand ihrerseits mehr nötig ist.


    Vielleicht könnt ihr versuchen, deiner Mutter immer mal Recht zu geben, wenn sie sich beklagt: "Ja das ist wirklich blöd, wenn da nur Leute mit Rollator rumlaufen ... Da muss man mal schauen, ob nicht irgendwo doch noch ein paar Leute sind, mit denen man richtig reden kann ..." Das darf man natürlich nicht zu auffällig machen ... Auf alle Fälle geht es jetzt nur noch darum, die Situation zu verbessern .... alte Probleme lassen sich ohnehin nicht mehr lösen. Ich wünsche dir jedenfalls, dass es bald besser wird und wünsche auch viel Kraft beim Ausräumen der Wohnung!!!!!

  • Liebe Schwarzekater,

    ich hätte bestimmt auch ohne jede Vollmacht und nur mit Sorgen dagestanden, wenn mein Mann mich nicht letztes Jahr auf die Vorsorgevollmacht + not. Generalvollmacht hingewiesen hätte.



    Kurzfassung meine Mutter: sie hat meinen Vater schon mit 16 kennengelernt, meine Oma hatte nach der Scheidung von meinem Opa kaum Geld, musste als Schneiderin die beiden Kinder ernähren.



    Mein Vater machte damals eine Schreinerlehre, nach der 8. Klasse, Gymnasium abgebrochen (Hausbau Grosseltern, er ältester Sohn). Und eigentlich hat meine Mutter ihn dann 65 Jahre lang angetrieben, er hätte keine abgeschlossene Schulausbildung, sie dagegen Hauptschulabschluss .

    Meine Eltern konnten die ersten 10 Jahre kostenlos im neu errichteten Mietshaus meines Opas wohnen - ab da hat sie dann immer erzählt, wie sehr alle ihre Wohnung bewundern usw.

    Papa ging dann zur Feuerwehr, wir zogen quer durch Deutschland, letztenendes war mein Papa Direktor in der Schadenforschung bei einem grossen Versicherungskonzern - meine Mutter hat immer max. 2x wöchentlich als Verkäuferin gejobbt: aaaber Du ahnst es: es wurde ihm immer vorgehalten, was sie für ein Leben ohne Kind (ich, Ute) hätte haben können, er hätte ja nicht mal einen Abschluss, etc..



    Nun mein Vater hat immer gesagt, ich darf nicht hinhören, was Mutti sagt. Das würde er auch nicht machen - sonst wäre er schon zerbrochen.

    Nun mein Vater hat sich jeden Abend Literweise Bier und Schnaps und Zigaretten genehmigt, dann hört man natürlich nix mehr.



    Ich bin mit 21 nach meiner Ausbildung und zum Studium weit weit weggezogen.



    So habe ich das 65-jahre alte Verhaltensvermächnis meines Vaters (er ist vor 4 Jahren gestorben) geerbt - und mache das beste daraus.



    Überflüssig zu sagen dass sie auf mir auch immer gleich wie bei meinem Vater rumhackte - und daaaaaann kam vor 23 Jahren mein Mann, mein Traummann - studiert, sportlich, gut aussehend, gut verdienend und das "schlimmste" für meine Mutter: er liebt mich wirklich und zeigt das auch und schwärmte auch bei ihr von mir.

    Salz in ihre Wunde ist harmlos dagegen.



    Also schon ein paar Dämone vorhanden.


    Aber ich habe meinen Lieblingsmann, unsere 3 Lieblingssöhne, viel zu viele Islandponys + 2 Hunde + 1 Katze + nun auch Euch im Forum hinter mir:



    wo ist das Problem ?



    Alles Gute Ute



    P.S.: So verstehst Du wie sie letzte Woche aufhorchte als ich ihr von dem netten Ingenieur in der Einrichtung erzählte, der immer vorne im Eingang sitzt und mit dem man sich (wirklich, er ist wie mein Papa, hab ich ihm auch gesagt) super unterhalten kann . Uuuuund er geht auch ohne Rollator

    Einmal editiert, zuletzt von Alfskjoni ()

  • Danke liebe Ute! Deine Geschichte veranschaulicht richtig, was für eine Vielfalt an Leben jedem von uns gegeben, auferlegt ist - Gottseidank auch mit schönen Seiten und nicht nur den schwierigen.

    Aber sie zeigt auch, dass es die Menschen (wie Deine Mutter zu sein scheint) gibt, die immer und bevorzugt das herausfiltern, an dem sie leiden, sich ärgern, unzufrieden sein können - ihren daraus resultierenden Frust auf ihr Umfeld übertragen und damit ihren Mitmenschen das Leben wenigstens erschweren können.

    Gut, dass Du die guten Seiten Deines Lebens auch sehen kannst - das Abschütteln der mütterlichen "Auflagen" (mir fällt grade kein besseres Wort ein), kannst Du aber auch noch vollends lernen, auch wenn es naturgegeben etwas schwieriger ist.

  • Heutiger Besuch: anklagend, klar, aber Grundstimmung wesentlich friedlicher: gestern war der Psychologe bei meiner Mutter in der Einrichtung und hat wohl neben guten Gesprächen auch das Medikament neu eingestellt. Lg Ute

  • Liebe schwarzerkater

    "manchmal ist die Reflektiertheit eine feine Sache, aber es hat jedes Ding zwei Seiten und so zeigt einem die Reflektiertheit zuweilen Einzelheiten, die man besser nicht so klar gesehen hätte. (Nichterkennen ist manchmal eine Gnade.)"

    Wie oft habe ich mir das schon gewünscht - weniger zu merken, nicht so gute Antennen zu haben, sie kommen mir immer vor wie die Ohren von Katzen ;)

    Zur Zeit blitzt bei meiner Mutter mir gegenüber immer wieder die altbekannte Garstigkeit hervor, die mit Demenz nix zu tun hat ... Ich habe neue Schlafanzüge für beide besorgt, sage ihr, ich muss die noch zum Kennzeichnen geben, sie: Die musst Du erst waschen und bügeln, so ziehe ich die nicht an ... Joah, okee ... Oder wie sie sich darüber mokiert, dass ich (wegen ihnen) ein Jahr früher aufgehört habe zu arbeiten und jetzt ein Ehrenamt ausübe. "Wo macht die immer rum? Hört auf zu schaffen um dann umsonst schaffen zu gehen?!?!"


    Wie man in deren Stimmungen immer hin und her geworfen wird, daran muss man sich auch erst noch gewöhnen. Aber ich bin ja auch noch - mit ihnen zusammen - am Anfang.

    Morgen ist nach einer Woche mein Besuch wieder dran - ich habe jetzt schon Bauchweh.


    Liebe Grüße

    Nelly

  • Guten Abend, Ute und Nelly und auch alle anderen ...

    @UteSchnute

    Ja scheinbar funktioniert es doch am besten, die dementen Eltern eher in ihren Ansichten zu bestärken, selbst wenn diese uns destruktiv erscheinen. Gutgemeinte und scheinbar notwendige Richtigstellungen von uns laufen ins Leere. Ich denke, dass das mehrere Gründe hat. Zum Einen funktioniert die Wahrnehmung der Realität nicht mehr richtig, dann ist das alles auch ein sich Auflehnen gegen den Verfall (mit den Strategien, die ihnen vertraut sind) und schließlich erfordert eine halbwegs sachliche Argumentation auch intellektuelle Ressourcen, die nicht mehr zur Verfügung stehen.

    Du hast mit deiner Mutter nicht nur gute Zeiten erlebt ... und jetzt ist leider die Zeit nicht mehr, dies irgendwie noch zu heilen. Wie schön, dass du eine so tolle Familie hast, die dir beisteht. Wir müssen jetzt als Angehörige sehr tapfer sein, um das alles durchzustehen. Die demente Mutter kann nichts mehr beitragen, im Gegenteil ...

    Ich hatte mit meiner Mutter trotz all ihrer Ecken und Kanten immer ein recht ordentliches Verhältnis - sie und ich, wir haben uns irgendwie arrangiert mit unseren unterschiedlichen Charakteren. Die schlimmen Zeiten begannen mit dem Anfang ihrer Demenz vor ca. 10 Jahren, als wir (mein Mann und ich) ihr Leben fast komplett in die Hand nahmen, weil sie nach dem Tod ihres Mannes / meines Vaters sich teilweise aufgabe, jedoch den kompletten Hass und die Wut über ihr Schicksal auf mir ablud, ohne dass ich entkommen konnte. Das hat mich wirklich gezeichnet, würde ich sagen. Andererseits half mir diese Zeit, Strategien zu finden, wie ich damit umgehen kann. Ich habe auch einen lieben Partner, ohne den ich das alles nicht leisten könnte. (Daneben allerdings weitere große Problembrocken, wie so viele hier ...). Ich denke, dass meine Mutter nun schon weiter dement ist als viele andere hier. Und mit ihrem Vergessen erreichte sie eine Zufriedenheit, die ich von meiner früheren Mutter überhaupt nicht (!!!!) kenne. Ich kann es immer noch nicht glauben und hoffe, das bleibt so. Zu gesunden Zeiten wäre sie angesichts der momentanen Entwicklung im Lande und in der Welt sowie angesichts ihres eigenen Schicksals Amok gelaufen ... es war früher oft nicht auszuhalten. Da wurde gewütet, geschimpft ...


    @ Nelly Ja, du sagst es, du bist mit deinen Eltern erst am Anfang, wobei diese sich wohl gegenseitig im Negativen verstärken. Die von dir beschriebene Garstigkeit hatte ich viele Jahre früher von meiner Mutter. Jetzt interessiert sie sich wenig für mich, eher noch für meinen Mann. Aber das ist total okay für mich - ich bin alt genug .... ;)

    Die wechselnden Stimmungen kenne ich allerdings auch heute noch. Meine Coaching-Freundin riet mir, in Bezug auf meine Mutter aus der Bewertung zu gehen und eben ihr Verhalten nicht mehr derart zu beobachten und in Bezug zu mir zu setzen. Das fällt mir - wie dir - schwer, weil ich eben auch diese feinen Antennen habe. Also muss ich auch damit umgehen und notfalls reflektieren und die Sache mit dem Verstand auflösen. So hat eben jeder seine besonderen Lernaufgaben.

    Zumindest bei deiner Mutter scheint es in eine gute Richtung zu gehen. Je mehr sie vergisst, um so eher kann sie loslassen und muss nicht mehr kämpfen. Ich denke immer: Wer weiß wie es uns einmal geht, wenn wir sehen, dass die letzten Stufen dieses Lebens (wie wir es kannten) vor uns sind ...

    Probiere doch, nicht so oft zu Besuch zu gehen oder eben nur ganz kurz zu bleiben. In unserem Fall reicht wirklich eine Viertelstunde, in der wir einfach immer die gleichen Sätze sagen. Am besten ist es immer, wenn jemand von den Pflegekräften dabei ist. Dann ist es oft lockerer und meine Mutter hat das Gefühl, dabei zu sein. Geht das bei euch vielleicht auch zu machen? Ich würde die Pflegerinnen danach fragen.


    Ich hoffe sehr, dass es für euch/für uns alle mit der Zeit erträglicher wird. Habt alle einen schönen Abend.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, zurück aus dem Urlaub möchte ich wieder einige Gedanken aus den Beiträgen aufgreifen.

    Wer über "feine Antennen" verfügt, hat eine besonders gute Fähigkeit mit Menschen mit Demenz umgehen zu können.


    Die erste Voraussetzung dafür ist, nicht alles persönlich zu nehmen, dazu haben wir uns schon viel ausgetauscht.


    Wie SchwarzerKater so treffend schrieb: Es wird besser, wenn wir die Eltern "in ihren Absichten erkennen und stärken" ... Wer feine Antennen hat, kann sie auf den Menschen richten, dessen Bedürfnisse, Gefühle oder (positiven) Absichten erkennen und benennen und "validieren" und damit den positiven Kern stärken. Oft blitzt dann das Wesen, die uns so vertraute Persönlichkeit wieder hervor.


    "Eigentlich" ist das viel leichter, als die feinen Antennen gegen sich zu richten, um sich mit einem schlechten Gewissen für etwas zur richten, was in der Realität oft gar nicht mehr existiert. Oder?

    Alles Gute Ihr Martin Hamborg

  • ""Eigentlich" ist das viel leichter, als die feinen Antennen gegen sich zu richten, um sich mit einem schlechten Gewissen für etwas zur richten, was in der Realität oft gar nicht mehr existiert. Oder?"


    Hallo alle zusammen, und besonders

    martinhamborg  schwarzerkater

    Ja, das oben trifft es genau, Ihr habt mir den Blick auf die "feinen Antennen" verändert - man muss sie viel positiver betrachten und nicht nur im Sinne von Empfindsam- und Empfindlichkeit, sondern viel weitgehender, und habt geholfen, mir bewußt zu machen, man erwartet etwas, was einfach nicht mehr geht. Mir gelingt es besser, z.B. die "Phantasieorte" meiner Mutter einzuordnen und ihr dort entgegenzugehen, meinen Vater mit seinen stärker werdenden Wortfindungsstörungen doch nach längerem Nachdenken zu verstehen, wenn er Postsparbuch sagt und Telefonbuch meint. Und wie ich, wenigstens wenn ich sie besuche, Streitereien vermeiden kann, indem ich das Gespräch abfange und umleite, der Mutter interpretiere, was der Vater gerade meint, bevor sie ihn korrigiert, anmeckert, bis er sie dann wütend beleidigt.

    Langsam verstehe ich die ständig wechselnden Stimmungen und Phasen der Beiden besser, noch dazu mit unterschiedlichen Demenz-Levels, verstehe bei ihren Anrufen, in welchem Tunnel sie oder er gerade sitzt - wenn ich zurückrufe, ist die Stimmung schon wieder eine ganz andere. Das ist ein heftiger Lernprozeß, aber irgendwie auch spannend. Zugegeben, habe ich am Samstag nach sich immer steigenderen Verzweiflungsanrufen beim Rückruf leider etwas die Fassung verloren. Mich aber dann vor dem Besuch wirklich ernsthaft eine halbe Stunde mit einer angeleitenden Mediation "bei Überforderung" hingelegt und einen ruhigen Besuch hingekriegt. Uff, es ist echt hart und anstrengend, doch so klitzekleine Schritte tun auch gut.


    Liebe Grüße in die Runde, wie gut dass es Euch gibt!

    Nelly

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