Kommunikationsprobleme

  • Hallo, liebe Runde,


    ich wende mich einmal wieder mit einer Frage/Problem an Euch: ich habe immer mehr den Eindruck, daß meine Mutter nichts mehr versteht. Ich meine nicht akustisch (sie hört wie ein Luchs), sondern kognitiv. Wenn ich ihr etwas schildere oder erkläre, könnte ich auch Chinesisch sprechen, es käme ebenso wenig an. Ich könnte unzählige Beispiele anführen. Ich habe ihr z.B. eine Creme gekauft, weil sie gestürzt war und sich die Lippe aufgerissen hat. Ich erkläre ihr, das das für die Lippe ist. Im selben Moment nimmt sie sie und reibt sich das ganze Gesicht damit ein. Ich wieder, nein, das ist KEINE Gesichtscreme, nur für die Lippe. Kurz darauf ihre Gegenfrage: Und mit der Creme soll ich mir dann das Gesicht einreiben? Usw. usf.


    Ich muß zugeben, daß ich dann irgendwann die Geduld verliere. Ich weiß aber nicht, wie ich noch irgendetwas bei ihr anbringen soll, wenn sie selbst einfachste Sachverhalte nicht mehr begreift. Es ist, als wäre ihre Festplatte samt Arbeitsspeicher komplett voll und könne keine neuen Informationen mehr verarbeiten.


    Das können wir natürlich nicht mehr ändern, aber kennt hier jemand Ähnliches und hat zumindest einen "Trick"?


    LG Zimt

  • Guten Morgen Zimt, das Problem hatten wir bei meiner Mutter auch. Einen wirklichen Trick gibt es nicht - die Demenz macht, dass Zusammenhänge nicht mehr begriffen werden können, selbst wenn es den Anschein hat.


    Geholfen hat nur, dass WIR uns schon im Vorfeld klar gemacht haben, dass sie nichts mehr versteht. Das heißt: Man muss Vorkehrungen treffen, die unerwünschte Handlungen unmöglich machen. Ein Beispiel: Wenn ich meiner Mutter das Abendbrot und eine Schachtel Pralinen + ein Glas Marmelade hingestellt habe und wieder gegangen bin (ich habs anfangs versucht), stand am nächsten Morgen das halbe Abendbrot bei Glück im Kühlschrank oder irgendwo, die Pralinen + Marmelade waren komplett aufgegessen. Und meine Mutter saß mit Bauchschmerzen da. Im Heim teilt man nun meiner Mutter die Süßigkeiten zu - alles gut.

    Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter so früher niemals war ...


    Liebe Zimt, ich würde die Creme für die Lippen also nicht dort lassen, sondern immer selbst dabei haben (wenn das geht). Ich selbst bin (als meine Mutter noch zu Hause war) immer mit einem Körbchen mit den notwendigen Utensilien hingegangen. Aus ihrer Reichweite haben wir so gut es ging alles entfernt, was Schaden anrichten konnte. Hat uns oft an die Grenzen gebracht. Aber verlassen konnten wir uns auf meine Mutter leider nicht mehr. (Sie hat sich z.B. immerzu die Nase aufgekratzt und war keiner Überzeugungsarbeit zugänglich ..., was jetzt im Heim nicht mehr passiert ... ich weiß nicht, wie man es dort hinkriegt ...).

    Alles Liebe!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Zimt,

    ja, es kommt leider tatsächlich vor, dass das Gehirn der Erkrankten das Gehörte nicht mehr zuverlässig der richtigen Bedeutung zuordnen kann: Selbst die Muttersprache wird quasi zur Fremdsprache für sie. So hat vermutlich Ihre Mutter die Creme deswegen als Gesichtscreme gedeutet, weil sie in ihrem Leben öfter Pflegeprodukte aus Tuben ins Gesicht, als auf eine Lippe geschmiert hat. Sie hat also möglicherweise den Sinn des Produkts von seinem Äußeren und auf dem Hintergrund ihrer Lebenserfahrung geschlossen. Entsprechend könnte es ihr und Ihnen eine kleine Hilfe sein, wenn Sie sich angewöhnen, Botschaften nonverbal, also gestisch und pantomimisch zu untermalen. Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihrer Mutter die Situation auch vereindeutigen würde, wenn Sie ihr den Zweck der Creme vor einem Spiegel erklären - wenn sie nämlich die eigene Verletzung sieht (an die sie sich vielleicht schon nicht mehr erinnern kann), und Sie ihr das Tupfen auf die Lippe andeuten...

    Vielleicht könnten Sie auf diesem Wege eine wenigstens eine grundlegende inhaltliche Verständigung erzielen? Das braucht allerdings auch Übung, und klappt oft nicht auf Anhieb, weil wir es einfach nicht gewohnt sind, gezielt mit Händen und Füßen zu sprechen: Man muss sich erst einmal abgewöhnen, sich dabei total bescheuert vorzukommen, und dann muss man unbedingt auch herausfinden, wie sehr man die Botschaft visuell überzeichnen muss, damit das Gegenüber sie versteht. Trotz ihrer Verstehensprobleme kann es nämlich einerseits sein, dass die Erkrankten uns einen Vogel zeigen und für "plemplem" halten... ;) Andererseits kann es aber auch entwaffnend und erheiternd für sie wirken, wenn wir es slapstick-artig übertreiben und uns selber bei unseren Bemühungen ein wenig zum Affen machen.

    Welchen Weg auch immer Sie wählen - ich drücke Ihnen die Daumen, dass es klappt!


    Freundliche Grüße

    S. Sachweh

  • Hallo Zimt,


    das Problem kenne ich leider auch. Es kommt da viel auf das Krankheitsstadium an. Bei meinem Vater geht es manchmal besser zu bestimmt Zeitpunkten. z.b. direkt wenn er von der Tagespflege nach Hause kommt. Da ist er viel aufnahmefähiger als z.b. früh morgens nach dem aufstehen. Die Chance das was nachhaltig "hängen" bleibt ist aber trotzdem gering. Kann deine Mutter noch lesen bzw. das gelesene verstehen?


    Du könntest dann versuchen die Creme großzügig (und möglichst kurz) zu beschriften. LIPPE Vieleicht noch mit einem Bild einer Lippe dazu.
    Am besten alle anderen Beschriftungen überkleben um nicht von der "Botschaft" abzulenken.


    Evtl. auch in einen anderen Tiegel umfüllen vielleicht sogar einen farbigen. Vielleicht bleibt irgendwann eine Verknüpfung hängen z.b. grüner Tiegel = Lippe. Roter Tiegel = Gesicht ...

  • Hallo Zimt -


    auch ich kann das nachvollziehen. Die Demenz meiner Mutter verschlimmert sich gerade und manche Sätze, die sie sagt, machen überhaupt keinen Sinn. Teilweise kann ich mir zusammenreimen, was sie wohl meint, aber manchmal hat auch nicht. Wenn ich nachfrage kommt ein "wie begriffsstutzig / dämlich bist Du eigentlich?". Wenn ich mit ihr spreche, versteht sie max. die Hälfte. Was bei ihr allerdings auch etwas daran liegt, dass sie auf einem Ohr nicht mehr gut hören kann und zu eitel ist, ein Hörgerät zu tragen. Generell kenne ich Dein Problem (auch ich werde dann manchmal ungeduldig), ich fürchte, das Nicht-Verstehen wird auch weiter voranschreiten. Ich wünschte, ich hätte eine bessere Nachricht.


    Alles Gute!
    TanjaS

  • Danke für Eure Antworten.


    Ja, das ist das Gemeine an der Demenz, daß sich da nichts mehr bessert.


    Etwas mit Bildern oder Beschriftungen zu versehen, war auch einmal meine Idee, aber da meine Mutter sich stur weigert, eine Lesebrille aufzusetzen (um dann im nächsten Moment zu lamentieren, dass sie nichts sieht), bringt das auch nichts. Außerdem habe ich das Gefühl, daß ihr das Lesen mittlerweile auch schwer fällt. Beschriftungen im TV liest sie stockend vor, und jedes Mal, wenn sie wieder erscheinen, fängt sie wieder an (weil sie den Inhalt natürlich gleich wieder vergißt).


    Ich versuche ohnehin, nur noch wenig Neues an sie heranzutragen, weil sie das nicht mehr verarbeiten kann. Sie hat schon Joghurt stehen lassen, weil sie von einer anderen Marke waren als die, die sie sonst gewohnt ist.


    Gespräche werden natürlich auch immer zäher, weil sie meinen Worten nicht mehr folgen kann bzw. stereotyp antwortet. Ansonsten immer nur dieselben Fragen, dieselben Aussagen. Ich könnte meinerseits fast ein Band ablaufen lassen, weil die Gespräche immer gleich ablaufen. Sie fragt z.B. jedes Mal, wie es meinem Mann geht, aber so gut wie nie nach mir.


    Tja, das muß man alles irgendwie annehmen, aber es zerrt schon an den Nerven..

  • Hallo Zimt -


    ich verstehe nur zu gut, was Du meinst. Ich habe manchmal Telefonate, die 30 Min oder so dauern und in denen ich nur sage, wann sie das nächste Mal zur Kirche abgeholt wird und um welche Uhrzeit - immer und immer wieder. Momentan wird es nur schlimmer. Sie erinnert sich manchmal nicht mehr an Sätze, die sie mir vor einer Minute gesagt hat und wenn ich nachfrage, weil sie unverständlich waren, gerät sie sofort in Rage - gerade war es mal wieder soweit. Und als sie mir dann sagte, ich solle die Klappe halten, habe ich mich verabschiedet und aufgelegt. Leider macht sie das nur bei mir - ihren Bekannten fällt nur auf, dass sie gedanklich "etwas langsamer" ist oder etwas tüddelig. Vielleicht auch gut so, denn die würden sie sonst nicht mehr besuchen oder zum Gottesdienst abholen. Und ja: Es geht an die Nerven. Und man weiß nicht, wie lange das so weitergehen wird.


    Alles Gute!

  • Was ich auch total seltsam finde: meine Mutter vergißt reale Dinge quasi schon, wenn sie noch passieren. Aber sie prägt sich etwas Irreales ein, worüber sie nach Tagen noch spricht. Das erlebe ich gerade bei ihrem Sturz: sie behauptet, sie sei gestürzt, weil jemand ihr Appartement sauber gemacht hat. Sie hat aber gar keine Putzfrau! Das kann also nicht sein. Ich habe anfangs noch versucht, das geradezurücken, aber mittlerweile lasse ich es so stehen. Ich vermute ja, sie hat das geträumt und verquickt das mit ihrem Sturz. Aber an diesen "Traum" erinnert sie sich immer noch.


    Vielleicht ist das bei ihr hängen geblieben, weil es unmittelbar sie persönlich betrifft? Die Demenz hat sie zu einer extremen Egoistin macht, die nur sich selbst sieht, teilweise auch verbunden mit einer wahnsinnigen Selbstbeweihräucherung, daß sie im Haus die Tollste und Beliebteste ist...

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