Datenschutzhinweis: Bitte achten Sie darauf, dass Sie im Forum keine persönlichen Daten von sich selbst oder von Dritten posten. Auch sollten Ihre Angaben keine Rückschlüsse auf Ihre Person zulassen.
  • Guten Morgen zusammen,

    seit einigen Wochen bin ich stille Mitleserin- aber jetzt möchte ich Euch um Hilfe bitten.


    Mein Papa ist im August 79 Jahre alt geworden und lebt seit vielen Jahren alleine mit seinen Tieren: Schafe, Tauben und Hunde.

    Er bewohnt eine Wohnung im dritten Stock eines Mehrparteienhauses. Alle anderen Wohnungen sind leer.

    Bis zum 26.09.2022 war alles weitestgehend in Ordnung...dachten wir zumindest.

    Der Kontakt war nie sehr innig, aber wir haben Feiertage und Geburtstage immer zusammen gefeiert und 1-2 mal die Woche telefoniert.

    Für meinen Papa zählte immer das Geld- mehr als Gefühle oder familiärer Zusammenhalt.

    Aus seiner Sicht sind alle anderen sowieso doof. Wenn er etwas zu tun hatte, bei dem er meine Hilfe benötigte, musste es immer sofort sein.

    Wir haben uns mitunter böse gestritten, aber auch immer wieder vertragen- wenn auch meistens auf meine Initiative hin.

    Ärzte waren für meinen Vater immer nur ein Graus- Nichtskönner, die an sein Geld wollen.

    Wenn er irgendwo länger als 10 Minuten warten musste, hat er unter viel Tamtam die Praxis verlassen und ist immer erst wiedergekommen,

    wenn der Leidensdruck zu groß wurde.- sofern der entsprechende Arzt ihn dann noch behandelt hat.

    In den letzten Jahren ist er aber milder geworden und hat über zunehmende Vergesslichkeit geklagt.

    So weit so gut.

    Zu mir:

    Ich bin 44 Jahre, verwitwet, zwei minderjährige Teenie- Kinder und wohne rund 40 km entfernt.



    Ende September rief mich sein Kumpel an, wir müssten Papa ins Krankenhaus bringen- er wäre sehr schlecht dran.

    Da ich beruflich nicht weg konnte, riefen wir einen RTW und Papa wurde mitgenommen.

    Nach zwei Stunden meldete sich das Krankenhaus und meine Schwägerin musste ihn abholen- was sie auch tat.

    Er hatte einen Katheter bekommen und offenbar war das ok für ihn und die Schmerzen waren weg.

    Am folgenden Tag hatte er sich den Beutel abgerissen. Ich habe ihn dann per Telefon gebeten, zu seinem Hausarzt zu fahren.

    Der rief mich dann an und so saß ich freitags mittags in einer fremden Arztpraxis und erfuhr einige unschöne Dinge.

    Mein Vater sei in einem sehr schlechten Allgemeinzustand, hätte Vorhofflimmern, Bluthochdruck und nun die Überlaufblase und müsste

    dringend medikamentös eingestellt werden.

    Ich bekam die Nummer eines Pflegedienstes und stand dann mit ihm da.

    Der Urinbeutel rutschte aus der Hose- wir beide völlig überfordert.

    Ich bin dann mit ihm nach Hause und wir haben die Tabletten vorsortiert und ich habe einen Pflegedienst kontaktiert etc.

    Das Wochenende war die Hölle. Ich habe ihn immer angerufen und an die Tabletten erinnert. Er wusste nichts mehr.

    Jeden Morgen war der Urinbeutel ab und alles durchnässt. Er wusch keine Wäsche mehr und hängte das alles nur zum Trocknen auf.

    Er hat nur noch Kuchen gegessen und es war klar, dass wir was tun müssen.

    Ich war aber noch der Meinung, dass sich das nach der Prostata-OP wieder beruhigt....

    Als der Pflegedienst kam, schmiss Papa die Dame und mich raus und ich bin dann auch geplatzt und abgehauen.

    Zum Glück war der Pflegedienst aber hartnäckig und kam immer wieder- schließlich hat er ihn akzeptiert- riesige Erleichterung!

    Ich bekam mega schnell einen OP Termin, Pflegegrad beantragt und der Rest konnte erstmal laufen.

    Samstags fuhr ich in den Urlaub und mein Bruder übernahm..

    Dienstags dann der Anruf vom Pflegedienst.

    Papa hatte sich den Katheter komplett gezogen- mein Bruder direkt mit ihm ins Krankenhaus- und seitdem ist nichts mehr wie es war.

    Erst hatten sie die beiden dort sitzen lassen, aber als Papa immer apathischer wurde, schaute man doch genauer hin- aktues Nierenversagen.

    Es ging ihm sehr schlecht, aber sie konnten ihn wieder aufpäppeln.

    Leider entwickelte er dann ein Delir und konnte von den Schwestern nicht mehr gehändelt werden- was ich voll und ganz verstehe.

    Er lief weg, riß sich ständig den Katheter komplett raus, warf den Urinbeutel aus dem Fenster und schlug zu guter Letzt um sich.

    Was folgte?

    Die Einweisung in die Psychiatrie.

    Dort ist er jetzt seit dem 13.10.2022.

    Er ist schwer führbar, dement, aggressiv, nicht compliant, fummelt ständig am Katheter rum, wiegelt die Mitpatienten auf, äußert sich sexistisch-- kurzum:

    ein Patient wie ihn man sich wünscht...

    Bei meinen Besuchen stelle ich das nicht fest. Er erkennt mich, erzählt viel (wenn auch wirklich gar nichts mehr mit irgendeinem Zusammenhang) und drückt mich

    (hat er früher nie gemacht). Er ist zeitlich und räumlich gar nicht mehr orientiert und hat noch nicht einmal nach den Tieren oder seinem Zuhause gefragt, auch wenn

    er "weg" will. Da er nicht weiß wo er ist, kann er auch nicht sagen wo er hin will.

    Mein "alter" Papa hätte die Psychiatrie schon in ihre Einzelteile zerlegt- soviel steht fest.

    Was mir nun auf der Seele brennt und wo ich - falls überhaupt jemand so lange liest- Hilfe brauche, ist :

    Ist es normal das in der Psychiatrie keine Diagnostik erfolgt? Oder bin ich zu vorschnell?

    Ich rufe da oft an, aber Papa wird ständig verlegt- offen, geschlossen, offen, geschlossen- gestern wieder mit Sedierung und Fixierung :|

    und die Ärzte sagen immer nur: ich kenne ihn noch nicht lange, ich kann nichts sagen.

    Das tut mir für meinen Papa so leid, da er gar keine Chance hat, mal runterzukommen.
    :|
    Außerdem fürchte ich, das sein jetziges Verhalten vielleicht doch nicht von der Demenz kommt, sondern aus seinem Charakter und das er da jetzt "gefangen" ist..

    Ich hoffe, jemand versteht was ich meine :/ ..

    Vielleicht hat jemand ja ähnliche Erfahrungen gemacht und kann mir Mut machen, dass er doch noch irgendwann seinen Lebensabend zufrieden

    in einem Pflegeheim verbringen kann..

    Oder sollte ich mir das besser direkt abschminken?

    Danke fürs Lesen. Ihr seid ein tolles Forum und ich konnte schon sehr viel daraus mitnehmen!

    Liebe Grüße, Hase 2020

  • Liebe Hase,

    es gibt schlimme Situationen, auf die sind wir nicht vorbereitet. Du warst nicht darauf vorbereitet, und auch dein Vater war auf diese Situation nicht vorbereitet. Jetzt ist dein Vater in ärztlicher Behandlung, und ich kann mir gut vorstellen, dass auch die Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger ihre liebe Mühe mit diesem renitenten Patienten haben.

    Ich kann mir erstens vorstellen, dass eine Diagnostik bei ihm gar nicht einfach ist, und zweitens befürchte ich, dass es keine Therapie gibt, die deinen Vater wieder zurückbringt ins gewohnte Gleis.

    Ja, ich glaube, du bist mit deinen Ansprüchen an die behandelnden Ärzte voreilig. Ich glaube, du willst die schreckliche Situation gar nicht akzeptieren und suchst deshalb nach einem leichten und schnellen Ausweg.

    Ich persönlich (ich bin 75) ziehe auch eine Lehre aus der Lage deines Vaters: Ich glaube, ich muss mich (jeder muss sich) auch auf die schlimmsten Situationen des Alters vorbereiten. Ich habe hohen Respekt vor allen, die beruflich oder privat mit Alterspflege und Alterskrankheiten zu tun haben, und ich hoffe, ich kann diesen Respekt bis zum Schluss ins hohe Alter bewahren. Dein Vater hatte und hat wohl diesen Respekt nicht. Das macht für ihn die Anpassung an die neue Lage schwer. Ich habe eine Patientenverfügung gemacht und eine Vollmachtverfügung für meine Frau ausgestellt. Dein Vater hat nicht mit solchen Verfügungen vorgesorgt. Wer anderen Menschen nur misstraut und sich von niemandem helfen lässt, der wird im Alter bitter bestraft.


    Das mag für dich nicht tröstend sein, ist aber mit viel Sympathie für dich und mit wenig Sympathie für deinen Vater gesagt.

    Buchenberg

  • Ganz lieben Dank, lieber Buchenberg!

    Für die offenen Worte.. ja, so sehen es die meisten Menschen in meinem Umfeld auch.. getreu dem Motto: Du kannst nichts dafür, warum kümmerst Du Dich oder redest Dir ein schlechtes Gewissen ein.

    Und ja, das dauert mir alles zu lange.

    Ich plane gerne und bin durch und durch strukturiert und da macht mich das ganze Procedere sehr unruhig.. vor allem der ungewisse Ausgang.

    Du hast mit allem Recht!

    Wobei ich nach dem Tod meines Mannes wenigstens meinen Papa überzeugen konnte, alle Vollmachten zu unterschreiben.

  • Hallo Hase,

    Ich kenne es ähnlich von meinem Vater vor.einigen Jahren, außer dass meine Mutter noch mit ihm lebte und er sie bedrohte etc. Mein Vater war für 6 Wochen in der Psychiatrie und da hieß es auch, es dauert, bis sie sich ein Bild machen können, die Medikamente müssen ja auch erst nach einer Zeit wirken, wenn es denn welche gibt + was ich vermute. Gib den Ärzten die Zeit, dann wird geschaut, wo er weiter leben kann und es kann durchaus sein, dass er wesentlich umgänglicher wird.

    Ich bin auch früh verwitwet übrigens. Kennst du das Forum verwitwet.de? Sehr zu empfehlen, falls es auch da Themen für dich gibt, wo dir Austausch gut tun könnte..

    Liebe Grüße

    Rose 60

  • Hallo Hase2020,


    du hast mein vollstes Mitgefühl in dieser so schwierigen Lage. Ich denke auch du musst den Ärzten Zeit lassen. Du schreibst ja auch von einem Delir, allein das braucht schon eine gehörige Zeit um sich wieder abzuflachen.


    Du schreibst ja davon das dich die Ungewissheit belastet. Das kann ich so gut verstehen, aber das ist ein Zustand mit dem du irgendwie zurecht kommen musst. Persönlich hat mir hier ein Achtsamkeitstraining (MBSR) unheimlich viel gebracht.

    Das ist eines der größten Probleme mit der Demenz. Mann hat nie Zeit sich wirklich auf eine Situation einzustellen weil diese sich dann schon wieder gedreht hat. Ich möchte dich aber dahingehend beruhigen das man mit der Zeit deutlich besser lernt damit umzugehen.
    Wenn ich daran denke wie zwanghaft strukturiert meine Tage früher waren und wie sehr Abweichungen vom "Plan" mich geärgert/belastet haben.

    Darüber würde ich heute wohl nicht mal eine Augenbraue hochziehen. Das ist vielleicht eines der Geschenke die ich aus der ganzen bescheidenen Situation bekommen habe.


    Wenn irgendwie möglich versuche die Belastungen in der Familie (du schreibst von einem Bruder) aufzuteilen. Das klappt leider nicht überall (wie ich selbst leidvoll erfahren musste)


    Zum Schluß noch: nutze dieses Forum. Schreib hier rein, tausche dich aus. Wir wissen alle wie du dich fühlt. Es einfach mal niederzuschreiben kann ein ungemeiner Trost sein.

  • Ich danke Euch sooooo sehr!!

    Es tut gut, weil ihr alle Ähnliches durchlebt habt- da muss man nicht viel erklären.

    Es ist wie nach dem Tod meines Mannes: jeder möchte helfen und unterstützen, aber. Niemand kann es nachempfinden- zum Glück!

    Es hat mir in der Tat in der ersten Zeit sehr ein Witwenforum geholfen- danke für den Tipp Rose60

    Und danke @Sohn83- was Du leistest ist übermenschlich. Habe Deine Beiträge gelesen und ziehe meinen Hut.

    Ich könnte das nicht.

    Bin auch durch den Tod meines Mannes „abgehärtet“ und viel egoistischer geworden. Ich möchte leben!!!


    Ihr seid toll!!!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Hase202, willkommen hier im Forum!

    Das was Sie mit Ihrem Vater gerade durchmachen, ist extrem. Sie schreiben, ihr Vater sei in der Demenz und in seinem Charakter gefangen, dazu kommt noch die Krankheit Delir und andere gesundheitlichen Einschränkungen, sodass ich Sie auch bitten möchte: Geben Sie der Klinik noch Zeit für die Behandlung.

    Sehr berührend fand ich Ihre Beschreibung von Ihrer Begegnung mit einem freundlichen weichen Vater, ganz anders als der "alte Papa". Vermutlich braucht er viel Struktur und einen festen Rahmen in einem Heim oder einer WG, damit er diesen Teil seines Charakters entfalten kann.

    Wenn Ihr schlechtes Gewissen hochkommt, würde ich fragen: Wie viele Katheter muss sich Ihr Vater noch rausreißen, bis allen Beteiligten klar ist, dass er nicht in die schwierigen oder "prekären" Verhältnisse zurückmuss?

    Zum Glück haben Sie die Vollmachten und Ihr Vater ist erstmal sicher untergebracht!

    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo.

    Mit den Vater meines Ex Freundes ist es genau so gewesen.

    Er war in einem netten Pflegeheim bis er randaliert, die Wände mit Kot beschmiert hat usw.

    Das ging hin und her wie bei deinem Vater.

    Er ist jetzt in der Psychiatrie und "wartet" auf einen Heimplatz mit geschlossener Abteilung.

    Das hat ein gerichtlicher Gutachter angeordnet, den die Psychiatrie beauftragt hat.

  • Vielen Dank auch an Sie Herr Homburg und natürlich an alle anderen!!


    Inzwischen hat sich wieder viel getan.

    Nach etlichen Hin und Her war mein Papa dann schließlich dauerhaft in der geschlossenen Gerontopsychiatrie.

    Dort hatten mein Bruder und ich ein langes Gespräch mit zwei Ärzten. Eine Untersuchung oder irgendwelche Tests durchführen war bis heute undenkbar. Aber er wurde langsam ruhiger.

    Großes Problem: zu wenig trinken und bei Infusionen zieht er sich nach kurzer Zeit immer den Zugang.

    Die Ärzte vermuten eine Alzheimer-Demenz.

    Ein Gespräch von uns mit Papa verlief genauso wie die vorherigen- ohne Inhalt und ohne Sinn. Aber wenigstens hat er mal zwischendurch gelacht ☺️

    Ich musste dann ein paar Tage dienstlich weg und mein Bruder hat sich gekümmert. Er meinte, telefonieren wird immer schwieriger, weil Papa so verwaschen und leise spricht.

    Gestern hat mich dann das Case Management kontaktiert. Papa sehr ruhig, läuft nicht mehr und muss nicht auf die geschlossene Station einer Einrichtung.

    Ich habe dann heute sieben Pflegeheime abtelefoniert.. besonders groß war mein Erfolg nicht 😢.. überall lange Wartelisten.

    Mein Bruder war dann heute zu Besuch. Dann wieder der Schreck: Papa ins Krankenhaus verlegt. Er war nicht mehr ansprechbar. Obwohl sie schon mit der Reduzierung der Medikamente begonnen haben.. im Krankenhaus geht jetzt alles wieder von vorne los. Es bahnt sich ein weiteres Delir an..

    Wie kann ich ihm nur beistehen/ helfen?

    Ich bin mit meinem Latein am Ende.


    Viele Grüße, der Hase

  • Hallo Hase,

    Ich verstehe, dass das sehr schwer auszuhalten ist, vor allem aus der Entfernung. Momentan besteht deine Hilfe schon darin, ein geeignetes Heim für deinen Vater zu finden, auch das kostet ja schon Zeit und Nerven, vor allem wenn die Hoffnung darauf enttäuscht wird.

    Nun ist dein Vater ja wieder im Krankenhaus. Da kannst du ihm aktuell nicht wirklich helfen, du bist kein Profi (wenn du nicht gerade Ärztin bist). Da sind also gerade andere zuständig und verantwortlich.

    In jedem Krankenhaus gibt's ja Sozialarbeiter/sozialen Dienst. Die könntest du ggf.kontaktieren und einschalten für die anschl. Versorgung. Sie stehen schneller in Kontakt zur Station.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, es ist immer gut, wenn man sich einschaltet und Interesse bekundet, damit sich eher gekümmert wird.

    Mehr steht momentan wohl nicht in deiner Macht.

    Liebe Grüße

  • Danke, liebe Rose60!

    Leider geht es immer weiter bergab.

    Seit meinem letzten Beitrag wurde Papa noch vier Mal ins Krankenhaus verlegt.

    Dort wird immer ein CT des Kopfes gemacht. Ohne Befund.

    Vitalwerte in Ordnung.

    Am Freitag habe ich ihn in der Psychiatrie besucht. Er hing im Mobistuhl, Augen zu, nicht ansprechbar, keine Reaktion auf meinen Besuch. Er isst und trinkt nicht.

    Laut einer Schwester bekommt er keine Medikamente mehr, braucht viel Zuwendung aber dann klappt alles. Keine Aggressivität.

    Sie sprach von der präfinalen Phase.

    Am Abend wurde er wieder verlegt.

    Die Ärztin der Psychiatrie bat mich ein Schreiben auszustellen, dass wir einer Verlegung nicht mehr zustimmen.

    Aber das kann ich nicht 😢

    Ich musste vor zwei Jahren schon bei meinem Mann Ähnliches entscheiden und das hat mich sehr lange gequält.

    Ich weiß wirklich nicht wie ich Papa helfen soll.

    Es wird auch in den Krankenhäusern nichts diagnostiziert. Daher kommt die Unsicherheit in der Psychiatrie, die sagen, ohne Diagnose müssen sie halt noch vorsichtiger sein..

    Hat jemand von Euch ähnliche Erfahrungen?


    Ein positives gab es aber noch: ich habe eine Einrichtung für meinen Papa gefunden. Hier bei mir im Ort. Dort gibt es auch einen geschützten Bereich mit Garten für Demenzkranke… aber laufen kann er ja momentan eh nicht..😢


    Wünsche Euch allen einen schönen Sonntag!

  • Ohje, wenn die Schwester von der präfinalen Phase spricht und dein Vater nicht mehr essen und trinken will, meinst du nicht, er hat sich entschieden sich aufzugeben, weil er an diesem Leben keine Freude mehr hat? Kannst du das ggf. akzeptieren? Macht es dir so große Angst? Ich finde, wir müssen unseren Angehörigen dies zugestehen.. In anderen Kulturen dürfen Menschen zum Sterben in den Wald gehen o.ä. In dem Fall wäre nun Loslassen angesagt.. Darf ich das so deutlich schreiben?

    Nach dem Tod meines Mannes habe ich mich damit beschäftigt, was "danach" kommen könnte und das hat mich sehr beruhigt. (El.Kübler-Ross - Über den Tod und das Leben danach)

    Jede neue Verlegung wird für deinen Vater Stress bedeuten. Was würdest du dir für ihn wünschen, wenn er nun die Kurve nach oben nicht mehr bekommt?

    Liebe Grüße und alles Gute für dich,

    Rose60

  • Hallo Hase, ist es für Dich noch nicht hinnehmbar, Deinen Vater ziehen zu lassen? Ich kann mich der Buchempfehlung von Rose60 nur anschließen, das ist wirklich sehr hilfreich und mich haben solche Erkenntnisse unglaublich entlastet.


    Bei meiner Mutter läutet es allmählich ganz vorsichtig an, dass auch sie ihr Leben als endlich anzunehmen beginnt und wir werden es akzeptieren und sie von keinem Arztbesuch mehr zu überzeugen beginnen, da sie körperlich nicht so leidet, dass es sie beeinträchtig. Wir nehmen hin, dass es zu Ende gehen kann und ich glaube, unsere Eltern sind alt genug, dass wir sehen dürfen: sie haben ihr Leben gelebt.

    Wenn Dir solche direkten Worte zu krass sind, lass es mich bitte wissen. Ich will nicht weht tun.

    Einen Weg zum Frieden mit eurem Schicksal wünsche ich Dir.

  • Wahrscheinlich habt ihr Recht und ich bin ein Freund offener Worte.

    Ich würde jedem anderen in einer solchen Situation das gleiche empfehlen, wie ihr mir.

    Umso mehr schockt es mich selber, das ich mich jetzt so schwer damit tue.

    Vielleicht, weil es keine Diagnose gibt und ich mir dann ewig vorwerfe, zu früh aufgegeben zu haben..

    Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm.

    Vielleicht kann ich dort nochmal jemanden sprechen vom medizinischen Personal…

    Danke Euch für Eure offenen Worte.

  • Spätestens morgen kannst du hoffentlich mit einem Arzt sprechen, ich verstehe deine Bedenken ohne klare Diagnose. Es gibt viele Möglichkeiten und Ursachen, wann und wie ein Leben zu Ende geht und es gibt viele Demenzformen, Altersschwäche etc.

    Ich bin jedenfalls beruhigt, dass unsere Außenmeinung nicht falsch bei dir ankommt;)

    Alles Liebe!!

  • Hallo Hase,

    das Fachpersonal hat keine (klare) Diagnose, du aber auch nicht. In so einer Situation kannst du dir nicht sicher sein - egal, was du unternimmst. Ich würde noch nichts entscheiden und noch abwarten - zwei Wochen oder drei, das aber mit dem dortigen Fachpersonal absprechen.

    B.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Hase2020, zunächst Glückwunsch, dass Sie so schnell ein passendes Heim gefunden haben! Es ist gut möglich, dass sich Ihr Vater dort wieder erholt und vielleicht sogar etwas Mobilität zurückbekommt. Sie ahnen gar nicht, wie oft Sterbende in Heimen angekündigt werden, die sich dann schnell erholen.


    Aber genau so kann es andersherum sein. Ganz oft hat sich in den 35 Jahren Erfahrung eine Hypothese bestätigt, so dass ich verstehen kann, was ich so ähnlich auch bei Elisabeth Kübler Ross gelesen habe: Das Sterben ist der letzte selbstbestimmt Akt des Menschen. Dies gilt für mich auch bei schwerster Demenz und einem nicht erklärbaren Delir, wie bei Ihrem Vater. Für mich fühlt es sich so an, als wäre das ICH durch die Krankheit beschädigt, aber nicht das tiefere oder höhere Selbst eines Menschen.

    Aus meiner Sicht können Sie darauf vertrauen, dass sich Ihr Vater tief im Inneren selbst entscheidet - es sterben viel mehr Menschen als wir denken, bei denen es keine Diagnose dafür gibt.

    Deshalb quälen Sie sich bitte nicht zusätzlich zu all dem was Sie durchgemacht haben mit einem schlechten Gewissen! Ihr Martin Hamborg

  • Liebe Hase2020 -


    das ist wirklich nicht einfach. Ich hatte mit meinem Vater schon vor Jahren über das Thema gesprochen: Er meinte, wenn es soweit wäre, wollte er nicht zwangsernährt oder wiederbelebt werden. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, jemals eine solche Entscheidung treffen zu können. Als der Anruf aus der Klinik kam, war es auch so schwer (und das ist aus meiner Sicht auch okay). Ich wusste, dass mein Vater loslassen wollte und habe dem Arzt gesagt, dass das seine Entscheidung ist und sie respektiere. Zwei Tage später ist er eingeschlafen. Und auch wenn ich ihn gerne so viel länger gehabt hätte: Es war die richtige Entscheidung, weil ich seine Entscheidung respektiert habe. Auch wenn sie für mich so schwer war.

    Ich weiß nicht, ob Dir das hilft.

  • Ich danke Euch allen sehr!


    Diese Woche gab es viele neue Erkenntnisse.


    Erstmal habe ich mich schriftlich über die Vorgehensweise der Krankenhäuser beschwert und in zwei von drei Fällen eine für mich akzeptable Nachricht erhalten.

    In einem der Fälle hat mich sogar der Chefarzt kontaktiert und mir sehr weiter geholfen.

    Dazu später mehr.


    Bei meinem Besuch am Mittwoch freute ich mich, dass mein Papa wacher war, mich mit Namen begrüßte und sprach. Zwar nur noch flüstern und nichts sinnhaftes, aber er sprach.

    Ich freute mich so- und er sich auch.

    Danach sprach ich mit einer Schwester.

    Sie sagte, dass Papa gar nicht mehr schlucken kann. Es müsste dringend somatisch die Verdickung am Hals abgeklärt werden. Er möchte essen, kann es aber nicht. Ebenso macht er den Eindruck Schmerzen zu haben, kann aber nicht äußern wo.

    Ich bin dann völlig verzweifelt nach Hause.. ich möchte Papa nicht verhungern oder verdursten oder ersticken lassen…

    Am nächsten Morgen gab es dann gute Nachrichten- Papa sollte heute konsiliarisch zum Hals-Ultraschall. Endlich ein Befund!

    Nachmittags rief mich der Chefarzt an, entschuldigte sich für das Verhalten der Krankenhäuser und versprach, bei dem Ultraschall dabei zu sein und mich zurück zz rufen.

    Das tat er dann auch heute.

    Papa hat einen Tumor an der Schilddrüse, der nicht mehr operiert werden kann, da sein Zustand zu schlecht ist.

    Dieser Tumor ist aber nicht ursächlich für die Schluckstörung. Dafür ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die Demenz verantwortlich.

    Sie haben uns noch eine Option gelassen:

    Eine Magenspiegelung.

    Da könnte man nach anderen Ursachen der Schluckstörung suchen.

    Aber was machen wir dann mit dem Befund, wenn eine OP sowieso unmöglich ist?

    Sollten wir dann Papa so einem Stress aussetzen?

    Eine Magensonde habe ich direkt abgelehnt.

    Ich denke, ich werde am Montag darum bitten, die palliative Behandlung einzuleiten..

    Ich fühle mich wie eine Verräterin.. aber ich kann ihn nicht so leiden sehen..

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!