Stationäre Pflege - Alten Baum nochmals verpflanzen?

  • Hallo zusammen,


    wie Ihr wißt, lebt meine Mutter in einem Seniorenhaus mit einer eingeschränkten Form der Betreuung (Medikamente, Essen nach Wunsch, sozialer Dienst mit sporadischen Besuchen, Spaziergängen), ansonsten ist jeder auf sich allein gestellt. Ich wohne nur wenige Minuten entfernt, was bedeutet, daß ich sie täglich besuche bzw. wir sie am Wochenende stundenweise zu uns holen.


    Nun wird immer augenfälliger, daß ihre Demenz voranschreitet. Eigentlich wäre sie kurz über lang ein Fall für die stationäre Pflege. Hier denke ich vor allem an auf Demente spezialisierte Häuser, die nicht nur "verwahren", sondern auch fördern und fordern. Das fehlt bei der aktuellen Wohnsituation völlig.


    Allerdings stelle ich mir die Frage, ob man den "alten Baum" wirklich noch einmal verpflanzen sollte, zumal die Häuser, die in Betracht kommen könnten, so weit weg liegen, daß ich sie nur noch 2-3x die Woche besuchen würde. Würde der Nutzen einer besseren Betreuung das aufwiegen? Für mich persönlich wäre es, ehrlich gesagt, kein Problem, wenn ich sie dazu auch noch gut aufgehoben wüßte, aber ich weiß nicht, ob eine Ortsveränderung und seltenere Anwesenheit meiner Person bei ihr mehr Schaden als Nutzen anrichten würden.


    Wie seht Ihr das, was waren Eure Erfahrungen?


    Herzlichen Dank und liebe Grüße!

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    Hallo Zimt,

    bei fortgeschrittener Demenz spielt der konkrete Wohnort in der Regel eine immer kleinere Rolle. Zuhause ist dann dort, wo man sich angenommen und gut aufgehoben fühlt.

    Ob Ihre Mutter dieses Stadium schon erreicht hat, kann ich von außen nicht beurteilen. Sicher ist, das ein Seniorenwohnhaus (oder sog. Betreutes Wohnen) für fortgeschritten Demenzkranke kein ausreichendes Angebot ist.

    Sie sollten schon einmal mögliche alternative Wohn-/Betreuungsorte besichtigen. Das können spezielle Heime sein oder aber auch eine sog. ambulant betreute Wohngemeinschaft, wenn es die denn in Ihrer Umgebung gibt.

    Wenn Sie etwas passendes gefunden haben, ist es eine Überlegung wert, mit der Mutter gemeinsam den potentiellen neuen Wohnort zu besichtigen. Bei manchen Wohngemeinschaften gibt es auch die Möglichkeit des Probewohnens.

    Bei einer passenden, für Ihre Mutter angenehme Umgebung ist eine Besuchsfrequenz von 2-3 mal die Woche gut ausreichend.

    Sie müssen beurteilen, wie weit Ihre Mutter an der derzeitigen Wohnsituation hängt und ob die derzeitige räumliche Umgebung wirklich eine Bedeutung für sie hat. Vielleicht hat der alte Baum dort ja noch gar keine Wurzeln geschlagen.

    Gutes Gelingen wünscht Klaus Pawletko

  • Unsere Erfahrungen sind so:

    Auf dem Demenzlehrgang der Alzheimergesellschaft wurde uns gesagt, dass Demenzkranke Ortswechsel gar nicht vertragen. Wir haben uns (zwangsläufig??) nicht an diesen Rat gehalten.
    In der Folge mussten wir uns ein ganzes Jahr lang von der Schwiegermutter (noch ohne Demenz) anhören, wenn sie schlecht drauf war: „Ich will nach Hause! Hermann wir müssen von hier weg!“ Fairerweise muss man ergänzen, dass sie als stolze Eigenheimbesitzerin eine funktionierende Nachbarschaft am dörflichen Stadtrand von OB mit gegenseitiger Nachbarschaftshilfe gegen eine anonyme Innenstadtwohnung in H mit Corona-Lockdown tauschte.

    Der Schwiegervater (mit Demenz) beschwerte sich nie. Er fragte immer wieder einmal: „Wo sind wir hier eigentlich?“ oder meinte: „Das Hotel hier ist nicht schlecht, aber wann reisen wir ab?“

    Nach einem Jahr wurden seine Fragen nach dem Wohnort seltener, und wenn Schwiegermutter heutzutage – inzwischen auch mit Demenz - nicht gut drauf ist, dann sagt sie zu uns: „Ihr wollt mich los sein!“

    Grüße von Buchenberg

  • Liebe Zimt, wir haben die folgende Erfahrung gemacht:


    Nachdem wir meine Mutter einige Jahre noch in ihrem Einfamilienhaus nebenan versorgt/gepflegt haben, schritt ihre Demenz immer weiter fort. Pflegekräfte warf sie aus dem Haus, wir selbst mussten mit Trick 17 arbeiten, um einigermaßen Notwendiges für sie/an ihr erledigen zu können. Sie dehydrierte schließlich, obwohl wir sie aufmerksam mitversorgten (sie aß einfach nicht, trank nichts ... trotz gutem Zureden). Ihr Haus (sie wohnte 40 jahre lang darin) erkannte sie nicht mehr als ihres und meinte, dass andere Leute dort mit ihr wohnten. Vor einem Jahr kam sie über einen Krankenhausaufenthalt in ein kleines, nettes Pflegeheim. Dort sprach sie immer davon, dass sie ja auch wieder nach Hause kommt, aber sie wusste nicht mehr, wo das sein soll. Ihre Enkeltochter (sie war sehr, sehr oft bei ihr) erkannte sie schon vor einem Jahr nicht mehr richtig und neuerdings beginnt es, dass sie auch mich nicht mehr erkennt (wir wohnten mein ganzes Leben lang nebeneinander). Stattdessen scheint sie sich in dem kleinen Heim recht wohl zu fühlen ... sprechen kann man mit ihr leider nicht mehr darüber. Sie benötigt unseren Besuch 2x die Woche jedenfalls nicht und ist sehr froh, wenn sie wieder in Ruhe gelassen wird. Dann hängt sie ihren Gedanken nach, "liest" und werkelt überall herum (was in diesem Heim möglich ist). Sie ist quasi mittendrin, aber niemand "will" etwas von ihr.


    Ich denke, man muss die demente Person beobachten und vielleicht ein bisschen testen, inwiefern sie an bestimmten Orten noch hängt. Bei fortgeschrittener Demenz ist es so wie Herr Pawletko schreibt: Maßgeblich ist, wo ihr am besten geholfen werden kann und wo sich die demente Person für den Moment (für viele Momente) wohl fühlt. Ich hoffe, wir haben den richtigen Ort gefunden, denn meine Mutter lebt jetzt nur noch im Augenblick, was sie nicht einmal unglücklich macht. Aber - wie gesagt - das muss man sicher individuell testen.

  • Ich habe viel über diese Frage nachgedacht, sehe aber auch, daß der soziale Dienst und die Bewohnerbetreuung des Seniorenhauses sehr bemüht sind. Ich wurde gerade erst von einer Mitarbeiterin kontaktiert, die meine Mutter regelmäßig besucht und auch sieht, daß ihr Ernährungszustand nicht optimal ist. Wir haben uns nun darauf geeinigt, daß meine Mutter zukünftig zum Frühstück und Mittagessen abgeholt und in eine Wohngruppe gebracht wird, die im kleinen Kreis ißt. Da war sie am Anfang ihrer Zeit in dem Haus auch schon einmal und hat sich dort wohlgefühlt. Darüber hinaus lasse ich ihr Appartement jetzt einmal die Woche putzen, da hatte sie auch vollständig den Faden verloren, und ich kann und will das nicht übernehmen.


    Natürlich geschieht das alles "gegen Einwurf von Münzen", aber eine stationäre Pflege würde noch mehr Geld verschlingen. Es ist uns auch gerade gelungen, eine Erhöhung des Pflegegrades zu erwirken. Das ging schnell und problemlos, das Nachlassen ihrer Fähigkeiten war doch zu eindeutig.


    Ich denke, ein Ortswechsel würde sie derzeit komplett überfordern. Daher werden wir sie mit der Unterstützung erst einmal dort lassen.

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    Hallo Zimt, auch ich möchte Sie in Ihrer Entscheidung stärken. Vermutlich macht Ihre Mutter in einer Betreuungsgruppe mit und ist damit nicht allein mit der Vergesslichkeit. Es ist politisch gewollt, dass im Betreuten Wohnen mehr Leistungen für die Tagesstruktur und die emotionale Stabilisierung angeboten werden. Entsprechende Leistungskomplexe können "gepoolt" werden, d.h. einer Gruppe steht damit deutlich mehr Zeit zur Verfügung als dies in Einzelbetreuung möglich wäre.

    Hinzu kommt noch die Tagespflege, je mehr die Demenz im Betreuten Wohnen zunimmt, um so wichtiger wird dieses zusätzliche Angebot, direkt vor Ort oder in Kooperation.

    Alles Gute Ihr Martin Hamborg

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