Merkwürdiges Essverhalten

  • Heute habe ich mal eine Frage in die Runde, über die ich schon eine ganze Zeit nachdenke.


    Meine Mutter mit fortgeschrittener Demenz ist seit einem reichlichen Jahr in einem kleinen Pflegeheim und alles klappt soweit ganz gut. Man stellt sich auf die Bedürfnisse und Vorlieben meiner Mutter ein. So bekommt sie möglichst alles gesüßt, was irgendwie geht. Anderes isst sie nämlich einfach nicht (war bereits zu Hause ein Problem) und mit dieser Art Essen sind nun alle Seiten zufrieden.


    Seit einigen Wochen hat sie laut Aussage des Heimes eine komische Verhaltensweise entwickelt: Sie zerkaut die Nahrung, nimmt sie dann aus dem Mund (spielt manchmal auch auf den Lippen damit) und macht kleine Kügelchen draus. Zuerst legte sie diese zurück auf den Teller. Jetzt aber verteilt sie diese Kügelchen auch an anderen Stellen, was natürlich nicht so wirklich appetitlich ist. Mit ihr darüber zu sprechen bringt nichts - sie weiß gar nicht, was wir von ihr wollen.


    Ansonsten scheint sie zufrieden, erkennt uns noch (die Enkeltochter aber nicht mehr), redet mit uns ein paar Worte und ist dann froh, wenn sie wieder in Ruhe gelassen wird.


    Die Pflegerinnen haben das Gewicht meiner Mutter vorsichtshalber im Blick, aber da ist noch alles im grünen Bereich. Ansonsten sind sie ratlos. Sie achten meist drauf, dass meine Mutter alles Essen schluckt, aber immer können sie nicht nur auf meine Mutter achten. Sie werden zunehmend etwas ratlos, weil das Schlucken bei meiner Mutter eigentlich noch gut klappt.


    Meine Frage: Kennt jemand solche Verhaltensweisen? Gibt es etwas, was da geholfen hat? Eigentlich - so fürchte ich - kann man nicht viel tun, nur hoffen, dass meine Mutter diese komische Verhaltensweise wieder vergisst.

    Die Pflegerinnen nehmen es noch recht gelassen, aber schön ist es natürlich nicht.

  • Liebe schwarzerkater, leider habe ich hier keine medizinische Erklärung, aber wir haben vor einigen Jahren bei meinem Großvater die gleiche Verhaltensweise beobachtet, und zwar in einer recht fortgeschrittenen Stufe der Demenz (ca. 1 Jahr vor seinem Tod). Im Heim wurde dann versucht, ihm das Essen klein geschnitten bzw. sogar durchgedreht zu servieren, aber das sah dann natürlich sehr wenig appetitlich aus, und ich denke, da hat er eher weniger gegessen. Meine Mutter war auch sehr um sein Gewicht besorgt und versuchte einmal (beim Weihnachtsessen) die Gansbrust vorher und die Kügelchen nachher zu wiegen -- er hatte wohl schon einen Gutteil geschluckt ... oder die Kügelchen so versteckt, dass wir sie noch nicht gefunden haben. ;)

  • Danke OiOcha, das zeigt mir nun wenigstens, dass es scheinbar bei anderen ähnlich gelaufen ist. Auch wenn man es nicht richtig erklären kann, fühlt es sich dann für mich nicht ganz so mysteriös an. Die Demenz meiner Mutter scheint wirklich inzwischen recht fortgeschritten zu sein. Da kann man leider nichts machen. Aber dann ist es ja gut, dass die Pflegerinnen das Gewicht meiner Mutter im Blick haben. Liebe Grüße

  • Hallo schwarzerkater,


    Ticks beim Essen hat mein Vater auch. Zum Beispiel.
    Er lutscht sehr gerne Bonbons (Werters Echte). Plötzlich fing er an die Bonbons zu etwa 3/4 zu lutschen und den Rest überall zu verteilen, die könne er nicht fertig lutschen weil die so scharfe Kanten hätten. Wo ich klebrigen Dinger überall gefunden habe ... Polster, Hosentaschen, Trinkgläser, in Toilettenpapier eingewickelt im Bad.... und plötzlich, nach etwas zwei Montaten, war es wieder so spontan weg wie es gekommen ist.


    Dafür gibt es aktuell kein Abendessen ohne Essiggurken und er schiebt sich kleine Butterstücke so in den Mund. Die Kcal kann er sowieso brauchen also kein Problem ...


    Also vielleicht legt sich der Tick auch wieder. Letztendlich kannst du es wohl nur hinnehmen, aufs Gewicht achten und falls da Probleme auftreten evtl. mit Trinknahrung entgegensteuern.

  • Hallo Sohn, danke für die Bestätigung ... es schein dann keine völlig außergewöhnliche Verhaltensweise zu sein, sondern - wie du schreibst - ein Tic. Da hatten wir schon einige, z.B. Toilettenpapier in winzige Päckchen falten (mit Staub in der Mitte) usw. usf.

    Aufs Gewicht achten sie im Heim glücklicherweise. Ich hoffe, sie kommen weiterhin damit klar. Liebe Grüße

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    Hallo SchwarzerKater, manchmal finden wir bei solchen Verhaltensweisen nachvollziehbare Gründe, scharfe Kanten an Bonbons oder besonders fasriges Fleisch. Vielleicht spielen auch Faktoren eine Rolle wie bei einem Kleinkind, dass fasziniert von den oralen Sensationen im Mund ist, dass es das Schlucken vergisst. Sollten Schluckstörungen zunehmen, hat es sich bewährt, wenn einige Stunden Logopädie auch zur Abklärung verordnet werden.

    Also auch von meiner Seite Gelassenheit! Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg, danke für Ihre Erklärung. Ich habe jetzt das Gefühl, die Demenz meiner Mutter ist schon so weit fortgeschritten, dass sie die Nahrung wie ein Kleinkind behandelt.

    Gerade komme ich aus dem Pflegeheim und dort erklärten mir die Pflegerinnen, dass sie damit gar kein Problem haben. Sie geben ihr einfach z.B. eine halbe oder ganze Brotscheibe mehr, damit sie aus einem Teil ihre Kügelchen formen kann und sie trotzdem genügend isst. Schlucken geht soweit noch gut.


    Sie wurde gelobt, dass sie die Kügelchen jetzt auf dem Teller liegen lässt. Ich fand das sehr rührend und lieb, obwohl ich auch traurig darüber bin ...

    Ich denke, dass meine Mutter von sich aus schon losgelassen hat und nicht mehr leidet. Sie bekommt dort alles, was sie in ihrer jetzigen Phase braucht und alle sind um sie besorgt. Sie "liest" gern, also bekommt sie ihre Zeitschrift hingelegt. Sie sieht sehr zufrieden aus ... auch wenn sie mit uns gar nichts mehr anfangen kann. Dann nehme ich das alles einfach positiv. Liebe Grüße

  • Liebe schwarzerkater -


    eine Dame aus dem Heim, in dem mein Vater zur Kurzzeitpflege war, hat mir mal gesagt, dass das Thema süßes Essen mit Demenz zusammenhängt. Mein Vater hat nur sehr selten Süßigkeiten gegessen, nur Wasser getrunken usw. Als er dann langsam dement wurde, hat er Schokolade, Kekse, Gummibärchen gegessen, viel Cola, Fanta usw. getrunken, Die Betreuerin hat mich gezielt danach gefragt. Sie meinte dann, dass süße Speisen und Getränke ein Symptom sind. Bei den Kügelchen bin ich allerdings ratlos.

    Liebe Grüße

  • Danke, liebe Tanja, für deine Antwort. Die Sache mit dem Geschmacksverlust und dem Bevorzugen süßer Speisen haben wir auch bemerkt. Meine Mutter hat schon zu Hause auf einmal Berge von Süßigkeiten vertilgt (früher nicht denkbar).


    Die Demenz bringt halt so viele unerklärliche Verhaltensweisen zutage. Da ist man manchmal echt ratlos. Ich wünschte mir manchmal die Gelassenheit der Pflegerinnen, die dann sagen: Ja das sind solche kleinen Marotten, die kommen und gehen ..., aber ich bin nicht immer so gelassen ...


    Liebe Grüße

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    • Offizieller Beitrag

    Hallo SchwarzerKater, es hat mich sehr gefreut, als ich von der liebevollen Gelassenheit der Mitarbeitenden las, genau das wünschen wir uns in Einrichtungen für Menschen mit Demenz!

    Es ist gut möglich, dass Ihre Mutter in diesem Rahmen auf diesen tiefen inneren Frieden zusteuert, den ich oft wie einen paradiesischen Zustand erlebe. Dabei bekommen die "Kügelchen" einen ganz besonderen Nährwert für das interessierte verspielte Glück im Moment. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie unter dieser Perspektive noch viele unvergessene Augenblicke erleben werden! Ihr Martin Hamborg

  • Liebe schwarzerkater -


    gerne :) Die Pflegerinnen sind halt Profis, sie sehen solche und noch viele andere Dinge täglich. Ohne eine gewisse Gelassenheit könnten sie ihren Job nicht machen. Und: Sie sind persönlich nicht involviert, so wie wir das sind. Ich habe große Hochachtung vor jedem/r, der diesen Job macht. Ich könnte das nicht

    Liebe Grüße!

  • Es ist gut möglich, dass Ihre Mutter in diesem Rahmen auf diesen tiefen inneren Frieden zusteuert, den ich oft wie einen paradiesischen Zustand erlebe. Dabei bekommen die "Kügelchen" einen ganz besonderen Nährwert für das interessierte verspielte Glück im Moment. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie unter dieser Perspektive noch viele unvergessene Augenblicke erleben werden!

    Lieber Herr Hamborg, es ist genauso wie Sie schreiben ... Es gibt manche Momente, wo ich richtig sehe, dass meine Mutter in ihrer eigenen friedlichen Welt lebt ... wie in einem Paradies. Alles fällt von ihr ab, worüber sie sich früher Gedanken gemacht und was sie geärgert und gequält hat. Und so hält man es auch in dem Heim seitens der Pflegerinnen. Ich sehe dort einige Leute sitzen, die so wirken wie meine Mutter und ich bin total begeistert, dass man jeden so sein lässt wie er ist. Ich könnte da einiges erzählen. Zum Beispiel sitzt da immer ein Mann in Frauenkleidern, der sich mit einer 98jährigen angefreundet hat. Jedoch genügt es den beiden, einfach schweigend nebeneinanderzusitzen ... Alles Stoff für Romane ... Ich muss eben nur selbst lernen, damit umzugehen. Dann verliert die Demenz an sich ein bisschen ihren Schrecken.

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