Noch ein Jahr mit Demenz

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  • Handelnde Personen wie bisher:

    H. 91, mit vaskulärer Demenz;
    A. seine Tochter;

    J. 88, seine Gattin, ebenfalls dement;

    ich, der Schwiegersohn -

    7. Januar 2022

    H. ist als Kriegskind gewohnt, seinen Teller leer zu essen bis er blank ist. In letzter Zeit wurde er wählerisch und isst mit weniger Appetit. Als er am Abend seinen Salat nicht essen will, und er darin von seiner Frau unterstützt wird, reagiere ich ihr gegenüber verärgert. Für gesundes Essen sorgen ist mein Metier, nicht ihres. Da raunzt mich H. in Hausherrenmanier an: „Ich empfehle dir, dich um deinen Teller zu kümmern!“

    8. Januar 2022

    H. wird aus dem Mittagsschlaf geweckt und gefragt, ob er Lust hat auf einen Spaziergang. Er antwortet: „You are trying to trick me! Da draußen sind die Engländer, und wenn man da nicht aufpasst....“! Er muss nicht spazieren gehen.

    21. Januar 2022

    Der Pflegedienst kommt freitags mit großer Pflege. Die Pflegerin bringt den frisch duftenden H. dann zu seinem bequemen Sessel und verabschiedet sich: „Auf Wiedersehen, Herr S.! Am Montag komm ich wieder.“ Er: „Am Montag kommen Sie wieder? Dann kann ich mich ja heute schmutzig machen!“

    5. Februar 2022

    Zu Mittag gab es dicke Blumenkohlsuppe. Seine Frau meint zu ihm: „Nach dem Essen drehen wir eine Runde!“ Er sagt mit einem Augenzwinkern: „Wir schieben den Esstisch in die Mitte und drehen hier unsere Runde!“

    4. März 2022

    Zum Abendessen gab es Selleriesalat und Brot mit Bratenaufschnitt. Anschließend schneiden wir uns noch etwas vom Bergkäse ab. H. wird gefragt, ob er auch ein Stück wolle. Er meint: „Nein, das ist nicht gerade geschnitten!“

    26. März 2022
    Jeden Tag, bevor der Pflegedienst für die Morgenpflege kommt, legt A. frische Anziehsachen für H. heraus. Nach etlichen sonnigen Frühlingstagen sagt sie beim Mittagessen zu ihm: „Heute hast du erstmals in diesem Jahr keine lange Unterhose an!“ Erbost fragt er zurück: „Woher weißt du das?!“

    27. März 2022

    Heute beginnt wieder mal die Sommerzeit.

    Beim Frühstück sagt A. zu H.: „Gib mir mal deine Uhr. Wir haben jetzt nicht 20 vor Acht, sondern 20 vor Neun!“ Er fragt: „Wer hat das denn gemacht?! Ich doch nicht!“

    30.April 2022

    In der Abendsonne sitzen A. und ich auf dem Balkon, als es in der Altenwohnung unter uns laut bumpert. Wir rennen die Treppe hinab und finden H. hilflos wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegend. Er war beim Aufstehen aus seinem Sessel umgekippt. A. greift nach ihm, um ihm aufzuhelfen, aber er wehrt ab: „Das schaffst du nicht!“ Zu zweit heben wir ihn wieder in seinen Sessel. Ihm bleibt ein Hämotom an der Hüfte.

    8. Mai 2022

    Zweieinhalb Jahre lebt H. mit seiner Frau nun in unserem Haushalt.

    Wenn wir nach einem Spaziergang in unsere Straße einbogen und ihn fragten, ob er diesen Straßennamen kennt, hatte er immer gesagt: „Ja, den Namen habe ich schon mal gehört.“ Heute antwortet er: „Das ist die Straße in der wir wohnen.“

    29. Mai 2022

    Mit den beiden Alten sitzen wir im Cafe und erinnern an vergangene Unglücksfälle: Ein Motorradunfall mit Hautabschürfungen, ein Knöchelbruch beim Bergwandern. H. wird gefragt: „Und du, hattest du dir auch mal was gebrochen?“ „Ja, den Finger!“ „Den Finger? Wie ist das denn passiert?“ Statt einer Antwort fährt er mit dem Zeigefinger durch einen imaginären Sahnetopf und schleckt ihn ab.

    25. Juni 2022

    Freitag in der Frühe fahren A. und ich normalerweise zum Wocheneinkauf.

    Am Abend vorher fragt sie beim Abendessen in die Runde, wer noch einen Wunsch hat, den wir vom Einkauf mitbringen sollen. „Bringt gute Laune mit!“ antwortet H.

    30. Juni 2022

    Morgen wird J. 88, aber sie denkt, dass ihr Geburtstag schon heute sei. A. und ich kommen morgens zu ihr und gratulieren ihr nicht. Der Pflegedienst kommt und gratuliert ihr nicht. Um die Mittagszeit kommen Besucherinnen und gratulieren ihr nicht. Erst beim Abendessen, nach einem Schluck Wein, erzählt sie, wie grauenvoll enttäuschend für sie dieser Geburtstag war. Am nächsten Tag können wir es nun alle besser machen.

    15. Juli 2022

    Wir fahren zu viert mit dem Auto in ein lange vorbestelltes Hotel in Brandenburg. Im Kofferraum Rollator und Rollstuhl, auf dem Dach in fünf Taschen unser Gepäck. Wir fahren auf der A2, dann auf der A10, dann Landstrasse. Die Häuschen werden kleiner, die Straßendörfchen werden kürzer. Armut inmitten von Grosslandwirtschaft. J. wird unruhig: "Ich hab Angst!" - "Angst wovor?" - "Hier ist ja das Ende der Welt! - wenn jetzt was passiert?!" Sie lässt sich nicht beruhigen und wird panisch als wir nicht anhalten wollen: "Ihr wollt uns verkaufen! Ihr wollt uns hier in einem Heim abliefern und ohne uns davonfahren!" Die Geschichte von Hänsel und Gretel verkehrt. Als wir endlich in dem barrierefreien 4-Sterne-Hotel mit eigenem Seezugang ankamen, ließ sie sich zu einer Entschuldigung bewegen.

    18. August 2022

    Nach dem Essen, wenn H. seine Tablettenportion geschluckt hat, heißt es immer: „Und jetzt hast du noch eine Aufgabe, die Serviette zu falten und in deinen Ring zu stecken.“ Unsere Serviettenringe haben Namen eingraviert. Er nimmt seine Serviette vom Schoß und fängt an, sorgfältig zu falten. Da kommen von Rechts und von Links schon Erklärungen, wie er es am besten machen solle. Er schert sich um so etwas nicht und faltet seine Serviette weiter schweigend nach dem Modell Taschentuch. Am Ende passt die kleine dicke Rolle nicht in seinen flachen Ring. Dann drückt und presst er so lange, bis das Tuch halbwegs in den Ring geschoben ist. Das ist sein altes Arbeitsethos: Man muss eine Aufgabe zu Ende bringen.

    21. August 2022

    J. und H. feiern bald 65. Hochzeitstag („Eiserne Hochzeit“). J. meint:“ Ich kann nicht für diese Feier ausgehen.“ - „Wieso denn nicht?“ -„Ich habe doch Demenz!“ -„Wieso? Dein Mann hat schon seit Jahren Demenz und er geht auch mit uns aus.“- „Das ist etwas ganz Anderes!“ Was daran anders ist, wurde nicht geklärt.

    13. September 2022

    Kurzurlaub im Harz. Am ersten Tag schreibt J. ihre Postkarten. Kurz vor dem Abendessen fragt sie, ob sie die Karten noch zum Briefkasten bringen kann. Zum Briefkasten sind es rechterhand keine fünf Minuten. Ich zeige ihr den Weg und sehe vom Balkon aus, wie sie aus dem Hotel herausgeht und dann falsch nach links abbiegt. Da das Dörfchen nur aus drei Straßen besteht, mache ich mir noch keine Sorgen. Nach einer halben Stunde gehe ich doch los, um sie zu suchen. Ich finde sie in der Lobby. Ein aufmerksamer Autofahrer hatte sie aufgelesen und zum Hotel zurückgebracht.

    17. September

    Letzter Urlaubstag. A. assistiert und berät J. beim Aufstehen: erst zur Toilette gehen, sich waschen, Kleidung raussuchen, anziehen! Dann gibt sie H. seine erste Medizin und misst seinen Blutzucker. A. hilft ihrem Vater zur Toilette, wechselt seine Windeln und zieht ihm darüber einen Hausanzug an. Er wird er von mir nass rasiert und gekämmt. Wir gehen zum Frühstück – H. im Rollstuhl, J. mit Rollator. A. assistiert ihrer Mutter am Buffet. Ich bringe H. das Essen an den Tisch. Er bekommt vor dem Essen seine Verdauungskapseln und nach dem Essen die Morgenmedizin. Auch seine Gattin muss morgens vier Tabletten schlucken. Nach dem Frühstück legt sich H. wieder zum Schlafen. A. begleitet J. zum Hotelpool. Alleine würde sie weder den Weg dorthin, noch den Weg zurück finden. Vom Schwimmen zurückgekehrt, macht A. noch eine Tasse Kaffee für sich und ihre Mutter. Dann melden wir uns bis Mittag ab. Klagt die Mutter: "Ich habe niemanden zum Reden! Ich bin so einsam!" Wir gehen dennoch, aber es war wohl unser letzter Urlaub zu viert.

    14. Oktober 2022

    Beim Abendessen kommt das Gespräch auf eine niederländische Hochzeitsfeier in den 60er Jahren, die von der Familie des Mannes boykottiert wurde, weil nicht kirchlich geheiratet wurde, und von der Familie der Frau, weil die Braut kein weißes Hochzeitskleid, sondern einen orangenen Hosenanzug tragen wollte. Mein Kommentar: „So waren damals die Eltern. Wenn Sie nicht über die Hochzeit ihres Nachwuchses bestimmen konnten, machten sie Stress ohne Ende! Euch ging es mit unserer Hochzeit doch ganz genau so!“ H. protestiert: „Von eurer Hochzeit in China haben wir doch gar nichts mitbekommen!“ Da hatte er recht.

    23. Oktober 2022

    A. fragt H: „In ein paar Wochen wirst du 92. Was wünschst du dir denn zum Geburtstag?“ H.: „Dass ich immer genug zu essen kriege!“

    30. November 2022

    Heute wird H. 92.Die Altenpflegerin misst vor dem Aufstehen seinen Blutzucker und sagt zu ihm: „79, super Wert!“ H.: „Dann kann ich ja weiterschlafen!“

  • Guten Morgen Buchenberg, das sind ja wirklich herzerfrischende Episoden ...! Schön!

    Wir hatten ja meine Mutter auch 10 Jahre lang mit der immer schlimmer werdenden Demenz bei uns zu Hause. Im Nachhinein (oder auch schon damals) gabs viele Dinge, die auch richtig witzig waren. Wir haben sie z.B. auf jede Reise mitgenommen und einige Katastrophen erlebt, die durchaus lustige Komponenten hatten: Als sie aus ihrem Hotelzimmer verschwand und alle nach ihr suchten, während sie friedlich auf einem Sessel im Hotelflur schlummerte ...


    Selbst jetzt im Heim amüsieren sich alle still, wenn sie nach zwei Minuten fragt: "Und wie lange müsst ihr (also wir) jetzt noch hier sitzen? Ich bring euch wieder raus ..." Sagt's und bringt uns zur Ausgangstür.

    Manchmal können wir ihr erklären, dass wir einfach noch ein bisschen sitzen wollen, aber meistens ist sie sehr resolut.


    Ich denke jedenfalls, dass dieses Tagebuch von Ihnen eine sehr gute Idee ist, mit den Situationen positiv umzugehen ... solange es geht. Liebe Grüße

  • Ich denke jedenfalls, dass dieses Tagebuch von Ihnen eine sehr gute Idee ist, mit den Situationen positiv umzugehen ... solange es geht. Liebe Grüße

    Hallo schwarzerkater,
    danke für deinen Zuspruch! Nein, positiv können wir nicht mit allen Situationen umgehen. Aber meine "Dokumentation" hilft meiner Frau und mir, - neben den lustigen Momenten - ein bisschen neutrale Distanz zu gewinnen, wenn wir von einer Situation genervt sind. "Unsere" Demenzkranken vergessen ja in Minuten oder Stunden eine Stresssituation, an der wir noch Tage oder Wochen zu "kauen" haben. Meine Frau und ich haben beide bittere Erfahrungen mit Burnouts. Und ich denke/vermute, eine Überlastung bei der Pflege führt zum gleichen Burnout wie eine berufliche Überlastung. Also müsste auch die Anti-Burnout-Strategie in beiden Fällen gleich sein?

    Grüße von Buchenberg

  • Zum Burnout. Mein Mann und ich haben auch ohne die Demenz meiner Mutter das pure Burnoutleben. Bisher sagen wir, dass wir die Burnouts einfach überspringen. Mal sehen, wie lange es noch gut geht. Aber mir hilft das Schreiben und Reflektieren. Ihnen vielleicht auch.

  • Hallo alle!

    Nachdem wir nun auch das Thema "wir haben Covid" bei uns zu Hause abgehakt haben, lese ich mal wieder in den Foren und kann nur das bestätigen, was wahrscheinlich die Meisten von uns empfinden/denken: alle von uns erleben ziehmlich ähnliche Dinge mit unseren dementen Eltern und erfinden alle aufs Neue, wie Probleme gelöst werden können.

    Trotz der grossen Entfernung zu meiner Mutter habe ich fuer mich festgestellt, dass ich irgendwie nur "auf drei Zylindern" während der ganzen Zeit gefahren bin und bis jetzt nicht verstanden habe, warum. Erst dank eurer Beschreibungen sehe ich ein, wie sehr man als Angehöriger belastet wird.

    Danke, schön dass es diese Foren und euch alle gibt!!!

    Liebe Gruesse

    Weit Weg

  • Hallo Weitweg,

    hier im Forum habe ich die Feststellung gefunden: „Demenz schafft auf zwei Seiten Opfer“ – einerseits bei der kranken Person und andererseits bei den pflegenden/verantwortlichen Angehörigen. Soweit ist die Ausgangslage für uns alle gleich.


    Aber ansonsten gibt es sehr verschiedene Formen von Demenz (vaskulär, Korsakov, Alzheimer etc.), deren Verläufe und Symptome nicht immer gleich sind, - und jede/r von uns Angehörigen reagiert auch ganz unterschiedlich auf die auftretenden Probleme. Es ist für jeden von uns eine eigene Herausforderung.


    Gruß von Buchenberg

  • Hallo Buchenberg!

    Ja, das stimmt natuerlich - unterschiedliche Formen der Demenz und individuelles Erleben und Agieren bei den Angehörigen. Trotzdem gibt es immer "irgendwo" Berichte, in denen man sich selber und die Angehörigen wiedererkennt. Dies ist auf jeden Fall hilfreich fuer die eigene Bearbeitung.

    Ich wuensche noch einen schönen Tag!

    LG

    Weit weg

    Liebe Gruesse

    Weit Weg

  • Nachtrag 22.12.2022

    Eine Betreuerin, die zweimal die Woche für J. kommt, sollte ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Von A. bekommt sie ein Buch, J. sollte noch Geld dazulegen und schlägt 20 Euro vor. A. meint, das sei zu wenig. Da meldet sich H. aus dem Hintergrund aus seinem Ruhesessel und ruft: „50 Euro!“. Das wird akzeptiert.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, zunächst danke für die erfrischenden Episoden aus dem Leben mit den demenzkranken Eltern. Erlauben sie mir eine kleine Erkenntnis daraus? Ihre Beispiele zum Schmunzeln gegen Burnoutgedanken enden immer mit einer Pointe, in der sich der Mensch mit Demenz als humorvoll Handelnder wahrnehmen kann. Dieses Grundprinzip der Wertschätzung bei lustigen Begebenheiten gilt auch für andere Situationen.

    Ihnen humorvolle Weihnachten, Ihr Martin Hamborg

  • Nachtrag:

    Nach der Morgentoilette bringt die Altenpflegerin H. zurück ins Wohnzimmer, wo sich gerade seine Frau und seine Tochter aufhalten.

    „Und hier kommen wir zu meinen Mitarbeitern!“ sagt H. zur Pflegerin.

  • Nachtrag:
    Sonntagmorgen, acht Uhr. Der Pflegedienst ist da und kümmert sich um Frühstück für die beiden und um H. für den Tag fertig zu machen. Ich komme in ihr Wohnzimmer, um die Heizung aufzudrehen und die Balkontüre zu schließen.
    Von J. werde ich mit den Worten begrüßt: „Ich weiß nicht, warum ihr so hässlich zu mir seid!“

    Keine Ahnung, was ihr über die Leber gelaufen ist. Ich wollte es gar nicht wissen und ging.

    2 Mal editiert, zuletzt von Buchenberg ()

  • Nach dem Arztbesuch, bei dem die Schwiegereltern ihre fünfte Corona-Impfung bekamen, sitzen wir in einem nahegelegenen Cafe. Es ist eigentlich kein Cafe, sondern eine Salatbar, aber der Kaffee schmeckt doch. J. reicht ihrem Mann ein Papiertaschentuch. Er nimmt es, faltet es sorgfältig auseinander und betrachtet die Vorderseite und die Rückseite. Dann faltet er es wieder zusammen und gibt es mit einem fragenden Blick an seine Gattin zurück. Er hat nicht erkannt, wofür es benutzt wird. Er hat in allen Hosen Taschentücher aus Baumwolle.

  • Nachtrag:

    Zu Mittag gab es Sellerie-Kartoffelbrei mit Putengulasch. Nachdem alles aufgegessen war, bekam der Demenzkranke die Empfehlung:
    „Vielleicht wischst du dir mit der Serviette noch einmal den Mund ab?“
    Er fuhr sich mit der Zunge über beide Lippen.

    „Deine Zunge ist zwar lang, aber da kommst du doch nicht hin!“

    Er nimmt die Serviette und wischt sich über das Kinn, faltet sie dann auseinander deutet auf das Corpus Delicti und sagt:
    „Wegen dem kleinen Krümel macht ihr so ein Palaver?!“

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