Und täglich grüßt das Murmeltier ...

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    • Offizieller Beitrag

    In den letzten Wochen habe ich folgende Beobachtung gemacht: Meine Mutter nimmt an Gesprächen nicht wirklich teil, sie wirft gelegentlich Bemerkungen (eher zusammenhanglos) in eine laufende Unterhaltung ein. Meistens beklagt sie sich über irgendwas, gerne auch über mich und meinen Bruder (auch wenn wir direkt daneben sitzen) und wartet dann auf eine Reaktion der anderen. Zum Beispiel spricht sie auch furchtbar gerne von "ihrem" Haus und dass sie wieder dorthin zurück will. Die anderen (Bewohner und/oder Angehörige) gehen darauf ein und erklären ihr, dass das Haus inzwischen verkauft wurde (jaaa, inzwischen haben es alle - außer meiner Mutter - mitgekriegt ...) und dann regt meine Mutter sich fürchterlich auf und macht giftige Bemerkungen über mich und meinen Bruder (wir sitzen immer noch daneben ...) und mir ist das alles schrecklich peinlich und ich würde mich am liebsten aus der Situation rausnehmen und flüchten ...

    Liebe SunnyBee,


    es ist sehr gut nachvollziehbar, dass die Reaktion Ihrer Mutter sie aufgewühlt hat und Ihre Gefühle und auch Ihren Fluchtmodus kann man absolut nachvollziehen.

    Ich finde "schwarzerkater" hat hier einen schönen Ansatz gefunden, um in und mit diesen Situationen besser umzugehen.

    Dass die demente Person unpassende Bemerkungen macht, ist absolut typisch. Das war bei meiner Mutter auch so. Ich habe das auch nie korrigiert, sondern es irgendwie ins Gespräch integriert.

    Auch habe ich nie (und würde es auch nie tun) von mir aus sensible negativ belastete Themen angesprochen. Den Hausverkauf würde ich also von mir aus nicht ansprechen, sondern eher etwas vage bleiben. Dazu gehört Fingerspitzengefühl und es ist auch eine große Herausforderung, nicht gerade dadurch den Frust der dementen Person hervorzurufen. Trotzdem stand für mich eher im Vordergrund, meine Mutter - wie auch immer - nicht in die negative Spirale rutschen zu lassen. Ich würde also die anderen nichtdementen Personen bitten, nicht immer wieder das Thema "Hausverkauf" mit gut gemeinten Reaktionen zu befeuern. Davon hat niemand etwas, denn auf irgendeine Einsicht ist bei einer dementen Person wirklich nicht zu hoffen.

    Vor allem, wenn sich gegenwärtige Situationen bzw. Geschehnisse mit alten Erinnerungen an schöne oder auch schwierige Zeiten vermischen. Wenn echte Erlebnisse mit Phantasiegeschichten ausgeschmückt werden, was ist dann noch wahr? Und was ist real?

    Nachfragen, korrigieren oder intensive Gespräche mit viel Text überfordern Menschen mit einer Demenz, machen sie regelrecht unsicher oder verwirren sie noch mehr. Einige kommen sich in solchen Situationen auch "dumm" oder "vorgeführt" vor. Die Reaktion darauf lässt i.d.R. nicht lange warten und äußert sich dann in Form von verbaler oder im schlimmsten Fall in nonverbaler Aggressivität. Leider richtet sich diese dann häufig gegen die Menschen, die man liebt und von denen man geliebt wird, denen man vertraut und deren Liebe man sicher ist.

    Es ist wirklich schwierig mit einem demenziell veränderten Familienmitglied umzugehen, da sich die Rollen vertauschen und das Verhalten verändert.

    Es kommt zu Enttäuschungen, Missverständnissen und auch Wut. Aber sehen Sie bitte auch immer die schönen Seiten, nehmen Sie die Aussagen Ihrer Mutter nicht allzu ernst und auch gerne mal mit Humor. Sie kann ja nichts dafür, dass sie erkrankt ist.

    Abschließend möchte MicAl zitieren und Ihnen ganz viel Kraft senden und wünschen.

    Ich kann dich gut verstehen!

    Du weißt das es nicht stimmt was Sie sagt! Versuch bei dir zu bleiben! Was die anderen denken können wir nicht wirklich beeinflussen. Es ist doch wertvoll das du immer wieder hingehst, Dich dem aussetzt. Du weißt das du gutes tust, das ist das was zählt! Sei stolz auf dich und gönn dir auch mal eine Pause!

  • Hallo TanjaS ,

    Ich verstehe gut, dass du dich vor einem Anruf des Heimes fürchtest. Wenn es ernst wird - und das klingt nach deiner Beschreibung so - ist man doch wieder einfach nur Tochter und emotional. Es freut mich, dass der Arzt bereits palliative Versorgung angeraten und initiiert hat und wünsche euch gutes Durchkommen durch die vllt letzte Lebensphase.

    Herzliche Grüße

    Rose 60

  • Ich war gestern bei meiner Mutter, diesmal tatsächlich erst nach zwei Wochen. Wie mir einige hier schon geschrieben haben, hatte sie es offensichtlich gar nicht wirklich auf dem Schirm. Es war wie immer eine Herausforderung für mich und ich muss immer sehr flexibel reagieren. Einerseits desorientiert, fand die Wege nicht allein, angeblich war sie in den vier Jahren noch nie im Garten des Heimes, obwohl sie fast täglich hingeht.. dann kommen aber auch ganz überraschend richtig vernünftige Fragen, z.B. "hast du dich als Kind genug beachtet gefühlt, ich musste mich doch soviel um xy kümmern"(meinen behind. Bruder) und dann wieder, wie es ihrer Mama und ihren Brüdern geht, angeblich sie im Hof die großen Blumentöpfe aus eigener Tasche bepflanzt... Also zwischendurch bin ich fast sprachlos und sie fragt mich in letzter Zeit ganz liebevoll, wie es mir selbst denn eigentlich geht und ich müsse mich doch um so viele Menschen kümmern - wow...

    Dann macht es mich richtig traurig, dass ich ihr nicht mehr geben kann, weil ich gerade so anhaltend erschöpft bin.

    Liebe Grüße an alle

    • Offizieller Beitrag

    Liebe Rose60,


    viele Angehörigen von Menschen mit Demenz berichten über Belastungen bzw. Trauer angesichts der Situation, in der sie sich befinden. Einerseits möchten Sie empathisch mit Ihrer Mutter umgehen und sie verstehen, auf der anderen Seite haben auch Sie Ihre eigene Welt mit den verschiedenen alltäglichen Herausforderungen. Viele Angehörige bezeichnen dieses Gefühl als ein Gefühl des "Hin-und Her-Gerissen-Seins". Mit diesem Dilemma zurechtzukommen ist eine schwierige Aufgabe. Dennoch sollten Sie auch auf sich selbst achten. Es ist wichtig, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blick verlieren und für sich selbst freie Zeit planen. Dabei kann Ihnen ein tabellarisches Tagebuch helfen, in dem Sie sich notieren, ob und welche Bedürfnisse Sie für sich an diesem Tag befriedigt haben und was Ihnen helfen kann, sich ganz bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen. Vielleicht hilft Ihnen dabei die Erkenntnis, dass Sie es nicht nur für sich selbst tun, sondern auch für Ihre Mutter. Denn: keine gute Sorge für andere, ohne gute Selbstfürsorge.


    Ich wünsche Ihnen alles Gute und grüße Sie herzlich,


    Yvonne Kotschik

  • Liebe MicAL, Alfskjoni, schwarzerkater, TanjaS, Rose60,


    vielen Dank für Eure lieben Worte - bei Euch fühle ich mich immer gut verstanden und aufgehoben. Ich stelle immer wieder fest, dass es keinen Sinn macht, diese Themen mit Leuten zu besprechen, die keine dementen Angehörigen haben, weil sie es einfach nicht verstehen. Man muss es tatsächlich erlebt haben ...


    juliasiebers

    Liebe Frau Siebers,

    danke für ihren Beitrag.

    Leider richtet sich diese dann häufig gegen die Menschen, die man liebt und von denen man geliebt wird, denen man vertraut und deren Liebe man sicher ist.

    Sie kennen meine Familiengeschichte nicht - Liebe ist ein Gefühl, das sich meiner Mutter gegenüber nicht mehr so recht einstellen will. Meine Mutter war schon immer ein egozentrischer Mensch, diese Eigenschaft ist in der Demenz leider sehr dominant geworden. Geblieben ist bei ihr die Annahme, dass sie mich (immer noch) herumkommandieren kann und ich springe, wenn sie es will ... Wie dem auch sei, unsere Beziehung ist kompliziert, aber ich schütze mich (und meine Familie) indem ich auf meine Grenzen achte.


    Aber sehen Sie bitte auch immer die schönen Seiten, nehmen Sie die Aussagen Ihrer Mutter nicht allzu ernst und auch gerne mal mit Humor. Sie kann ja nichts dafür, dass sie erkrankt ist.

    Ich nehme die Aussagen meiner Mutter tatsächlich nicht allzu ernst und manchmal kann man durchaus Humor finden, in den Sätzen, die sie so raushaut ... Die schönen Seiten zu sehen, daran muss ich wohl noch arbeiten, siehe oben. Ich kümmere mich um meine Mutter, weil ich es als moralische Aufgabe akzeptiert habe, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Nachfragen, korrigieren oder intensive Gespräche mit viel Text überfordern Menschen mit einer Demenz, machen sie regelrecht unsicher oder verwirren sie noch mehr.

    Genau da liegt das Problem: ICH kann mit der Demenz meiner Mutter ganz gut umgehen, weiß, wie ich welche Themen vorsichtig zu umschiffen habe und wie ich sie wieder beruhigen kann, wenn sie sich aufregt. Andere Menschen, die nicht regelmäßig Kontakt mit ihr haben oder die keine Erfahrung mit Demenzkranken haben, können das nicht so gut.

    Ich hoffe, dass sich demnächst eine Gelegenheit ergibt, die Angehörigen und Bewohner, die meistens mit meiner Mutter im Garten sitzen, für dieses heikle Thema zu sensibilisieren ... meine Erwartungen sind allerdings zugegebenermaßen nicht sehr hoch.


    Euch allen eine gute Zeit, bis bald!

    SunnyBee

  • Liebe Rose60

    Dann macht es mich richtig traurig, dass ich ihr nicht mehr geben kann, weil ich gerade so anhaltend erschöpft bin.

    Ich glaube, Du musst Deiner Mutter gar nicht mehr geben, sie scheint - nach dem was Du so erzählst - recht zufrieden zu sein.

    Vielleicht spürt sie Deine Erschöpfung und erkundigt sich deshalb danach, wie es Dir geht.

    Vier Jahre sind eine lange Zeit und unser eigenes Leben will ja auch noch gelebt werden ... wir aus der Sandwich-Generation müssen uns schon deshalb unsere Kräfte gut einteilen.


    Alles Gute für Dich, halt' die Ohren steif!

    SunnyBee

  • Liebe Rose60, schwarzerkater, SunnyBee -


    lieben Dank für eure netten Worte. Die Pflegerinnen im Heim meiner Mutter kann ich nicht genug loben. Sie tun wirklich alles, was nur möglich ist, damit meine Mutter es angenehm hat. Das Heim ist wirklich ein Glücksgriff. Die anderen Bewohner reden mit ihr, auch wenn meine Mutter nicht antwortet. Viele davon sind in unterschiedlichen Stadien der Demenz und möchten ihre Geschichten erzählen, da macht es nichts aus, wenn niemand antwortet.

    Schauen wir mal, wie es weitergeht. Ich wünsche euch allen viel Kraft und dass ihr ein wenig den Sonnenschein genießen könnt.

  • Dann macht es mich richtig traurig, dass ich ihr nicht mehr geben kann, weil ich gerade so anhaltend erschöpft bin.

    Liebe Grüße an alle

    Liebe Rose,


    dieses Gefühl kenne ich aus einer etwas anderen Perspektive. Kaum habe ich mich auf weitere Krawalle und Vorwürfe eingestellt, ist der Opa plötzlich voll des Lobes und mir tut es wieder total leid, dass der Keller abgeschlossen ist, oder er ein vernünftig scharfes Messer vermisst und traurig fragt, womit er denn einen Apfel schneiden könne.


    Dass dich das traurig macht verstehe ich, aber ich möchte dich daran erinnern, was du über lange Zeit geleistet hast. Ich hoffe, dass du das verinnerlichst und trotz der Traurigkeit die damit verbunden ist, dankbar für diesen Moment sein kannst - ohne dass du dir in irgendeiner Form Vorwürfe machst.


    Ich habe spätestens seit letztem Wochenende gemerkt, dass ich auch äußerst erschöpft bin. Am Sonntag habe ich groß sauber gemacht und die Medikamente gestellt. Montag noch groß eingekauft und mich seither rar gemacht. Ich habe fast schon das Verlangen sofort hin zu fahren, aber ich weiß, dass ich es zumindest noch für kurze Zeit nicht tun sollte. Es ist wirklich schwierig hier eine gute Balance zu finden...

  • Danke enh2292 , für die Erinnerung! Ich habe eine besondere Begabung darauf zu schauen, was ich alles nicht schaffe/geschafft habe ;)

    Ich brauche aktuell sehr lange um mich von Belastungen zu erholen und es gibt etliche "Baustellen" auch außerhalb meiner Mutter . Genau das ist ja das Ding, dass wir auch noch ein eigenes Leben haben.

  • Danke auch an SunnyBee ! Beim letzten Besuch machte meine Mutter keinen zufriedenen Eindruck, eher vereinsamt, sie saß schon 1 Stunde vorm Abendessen allein in der Küche, draußen wetterte sie, dass angeblich keiner was im Garten gemacht habe, dabei sah es dort sehr ordentlich aus, eher also allgemeine Unzufriedenheit und dann sitze ich wieder da mit dem schlechten Gefühl, dass ich sie aus der Heimat weggeholt habe, als ich noch dachte, ich könne dann hier mit ihr gelegentlich etwas unternehmen, sie ab und zu bekochen etc. Doch dann war sie bei jedem Spaziergang unzufrieden, im Heimatort sei es schöner, bei mir Zuhause jedesmal aggressiv und damit lasse ich es. Nur können sie dadurch Freundinnen und Verwandte nicht besuchen wegen der Entfernung und alle Erwartung hängt an mir. Alles was im Heim angeboten wird, ist sofort vergessen...

    Und das fällt mir oft noch schwer auszuhalten.


    Aber ich lese ja hier zum Glück, dass es anderen ähnlich geht bzw.andere Probleme da sind.

    Liebe Grüße

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Rose60, diese Wechsel sind schwer auszuhalten, auf der einen Seite steht diese beglückende Erfahrung wenn Ihre Mutter etwas sagt, worauf Sie lange gewartet haben.


    Diese tiefe Einsicht ist sehr wertvoll. Und aus meiner Erfahrung - und schwarzerkater, sie haben dies ja auch so gesagt - werden diese Momente zunehmen, in einer kurzen Zwischenphase mit einer verschollenen Empathie und Klarheit, manchmal sogar mit einer Art inneren "Versöhnung" mit den Kindern.


    Irgendwann kommt dann infolge des hirnorganischen Abbaus das Vergessen oder Verwechseln der eignen Kinder bis hin zu einem Dämmerzustand, den ich im besten Fall mit einer Versöhnung mit sich selbst bezeichnen kann.

    Das ist ein idealer Verlauf einer Demenz, möglicherweise bei Menschen, die innerlich ins Reine gekommen sind. Die Wissenschaft kann dies vielleicht in 50Jahren herauskriegen, aber es ist in diesen Fällen oft mein Gefühl oder meine Intuition. Wir wissen es aber nicht.


    Aber ist es ein Zufall, dass hier in diesem Forum so viele Töchter, Söhne und Enkel von Menschen mit einem sehr schwierigen Charakter oder schweren Persönlichkeitsstörungen neben der Demenz erleben durften, dass es tatsächlich diese bewegenden Momente gibt, die Sie beschrieben haben.


    Die andere Seite haben Sie bei Ihrer Mutter in dem letzten Besuch kennengelernt. Es ist diese gut bekannte Unzufriedenheit, die tiefe Enttäuschung mit uralten Verletzungen dahinter werden zwar weniger.


    Sie kommen immer wieder hoch. Oft sind es aus meiner Erfahrung auch körperliche Symptome, innere Prozesse oder Empfindungen, die diese "triggern". Auch eine Aussage im Kontakt mit den Kindern kann dies auslösen.

    Aber in Ihrem Fall war Ihre Mutter schon in der traurigen oder in der negativen Schleife, bevor Sie kamen und Sie konnten Sie nicht durch Ihren Besuch ganz herausholen. Das Missempfinden Ihrer Mutter war stärker.


    Aber Sie haben es genau "richtig" gemacht, Sie sind ruhig geblieben, sind spazieren gegangen und haben für Abwechslung gesorgt.

    Vielleicht hätten Sie Ihre Mutter noch ein wenig in Ihrer Trauer begleiten können: Natürlich war es früher schöner, als sie noch topfit spazieren gehen konnte. In ihrem inneren Bild erlebt Sie sich ja möglicherweise so jung wie damals - dann ist der jetzige Zustand immer wieder schmerzlich. Sie wissen ich sage hier oft: Trösten geht immer!


    Jetzt möchte ich die beiden Seiten zusammenführen und alle die, die hier eine so schwere Zeit überstanden haben in dieser Leistung anerkennen: Ich habe die Vermutung: Weil Sie es durchgehalten haben, konnten sich Ihre Mütter, Väter oder Großeltern so entwickeln.


    Das ist eine Ausnahme und nicht die Regel: In meiner beruflichen Arbeit und als Supervisor erlebe ich sehr viel häufiger, mit welcher Dramatik und extremen Verhaltensauffälligkeiten Menschen mit einer Doppeldiagnose (Demenz und psychische Erkrankung/Persönlichkeitsstörung) sich und alle Beteiligen an und über die Grenze bringen und es nicht zu dieser Anmutung einer Versöhnung (häufiger "Vertöchterung" oder "Verschwiegertöchterung") kommt.


    Sie haben es geschafft und das war ein langer langer Weg. Da ist es doch erlaubt erschöpft zu sein und das zu tun, was dann richtig ist oder?

    Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo TanjaS, Ihre Mutter ist auf dem Weg, den ich eben beschrieben habe schon viel weiter. Nur noch kurz blitzen diese guten Momente auf, die Sie so lange vermissen mussten.


    Wenn Ihre Mutter fragt, ob Sie ihre Mutter gesehen hätten, ist dies vielleicht ein großer Vertrauensbeweis, eine Frage wie an eine beste Freundin oder erkennt Ihre Mutter Sie noch?


    Wie Schwarzerkater schon geschrieben hat, kann der palliative Zustand manchmal länger sein, als medizinisch erwartet.

    Ich habe dann oft das Bild, dass diese Menschen die Fürsorge, Zuwendung, Pflege und Geborgenheit nachholen, die sie in der frühen Kindheit nicht bekommen haben. Sie konnten dies manchmal an ihre Kinder nicht weitergeben und haben einen schwierigen Charakter entwickelt, der dann - wie bei Ihnen, das Leben oft genug zur Hölle gemacht hat.

    Es freut mich sehr, dass Sie nun Ihrer Mutter auf dem letzten Weg beistehen können, obwohl Ihren Ihre Mutter viel zu wenig beigestanden hat. Respekt für diese große innere Stärke, Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Enh2292, Ihr Großvater hat sich offensichtlich gut erholt und vielleicht in dem Sinne weiterentwickelt, wie ich eben geschrieben habe.

    Sie haben so viel in der schwierigen Phase für Ihn getan und der kleine Abstand war offensichtlich kein Fehler.


    Bitte zweifeln Sie jetzt nicht an Ihrer Entscheidung mit dem Keller: Der Zustand Ihres Großvaters ist auch deshalb gut, weil er nicht mehr so sehr alte Muster aktivieren kann - und die liegen auch im Keller...


    Bei dem scharfen Messer können Sie vielleicht auch zu einer anderen Risikoabwägung kommen. Wenn kein Suizidrisiko oder funktionale oder motorische Ausfälle bestehen, verletzen sich Menschen mit Demenz oft seltener mit scharfen Messern als Menschen ohne Demenz.

    Auf der anderen Seite ist das Erleben und die Einsicht in die eigene Grenze für Ihren Großvater offensichtlich nun mehr mit Trauer als mit Aggressionen verbunden, das wäre eine gute Entwicklung und vielleicht auch eine Folge der Neuroleptika (Nimmt er sie noch?)

    Aber die Risiken können Sie für Ihren Großvater besser einschätzen als ich.


    Ihnen wünsche ich, dass Sie das machen, was Ihnen gut tut und mit Gelassenheit Ihrem Großvater begegnen können, dann ist hoffentlich die Zeit des Streites vorbei... Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo SunnyBee, viel von dem was ich schreiben würde, haben die Kolleginnen schon geschrieben.

    Ergänzen möchte ich nur meinen Eindruck: Ihre Mutter hat deutlich abgebaut und sie hat nur wenige Themen, mit denen Sie in der Gemeinschaft mithalten kann. Gut geht das mit den Themen, die Sie aus guten Gründen verletzen. Da sind die alten Muster noch gut eingespielt.


    Aber das "Gute": Ihre Mutter möchte im Heim dazugehören, sich beteiligen und sie findet Gehör - leider auf Kosten der Tochter.


    Wenn ich in solchen Situationen dabei bin, sage ich manchmal: "Ich kann gut verstehen, dass Sie dem schönen Haus nachtrauern, das haben hier ganz viele schon erlebt, wie war es bei Ihnen, Frau XY?"

    Vielleicht können Sie so ähnlich reagieren, denn das würde Ihnen die Einzelklarstellungen ersparen und Sie zeigen innere Stärke, weil Sie die Vorwürfe einfach ignorieren oder abperlen lassen, weil sie falsch sind.


    Manchmal könnte ich auch sagen: "Es macht mich traurig, wie Sie von Ihrer Tochter sprechen, ich weiß, wieviel sie für ihre Mutter getan hat, das empfinde ich jetzt unfair ... oder ungerecht..."

    Aber eine solche Reglementierung kann bei Menschen mit Demenz die Abwehr verstärken.


    Deshalb würde ich nur dann so handeln, wenn dies die Inklusion und die Werte in der Gruppe stärkt, ich also für Menschen ohne Demenz zum Vorbild werde, um einer toxischen oder ansteckenden Unzufriedenheit vorzubeugen.

    Das im Sozialgesetzbuch verankerte Konzept der Inklusion hat die Erwartung, dass alle Beteiligten bereit sind, als gute Nachbar*innen Menschen mit Demenz mitzutragen und zu unterstützen.


    Vielleicht bekommen Sie eine Idee aus diesen Gedanken, was Sie machen können, damit es Ihnen in der Situation besser geht, Ihr Martin Hamborg

  • Lieber Herr Hamborg -


    vielen Dank für Ihre netten Worte. Ich bin mir nicht immer sicher, dass meine Mutter mich erkennt. Als ich zunächst bei ihr war, dachte ich, sie erkennt mich - das war so ein Blick in ihren Augen. Später hatte ich das Gefühl, dass sie mich nicht zuordnen konnte. Aber das ist nicht so schlimm - sie hält meine Hand und an und an fallen ihr die Augen zu. Das ist okay für mich. Wenn sie dann aufwacht, sieht sie, dass jemand da ist und sie sieht dann so aus, als freut sie das. Es geht ihr gut - das ist für mich das Wichtigste.

    Viele Grüße, TanjaS

  • Liebe schwarzerkater ,

    Ich fand genau die gleiche Aussage von martinhamborg so treffend und habe auch bei meiner Mutter das Gefühl, sie genießt die Pflege, das Versorgtwerden und hat sich ja besonders anfangs total erstaunt geäußert "sind die hier alle so nett?" , worauf ich dann sagte, das stehe ihr doch zu, sie sei doch auch nett zu den Menschen dort... Das ist mir so hängen geblieben, da meine Mutter ja auch sehr viel Gewalt,physisch und psychisch , erlebt hat und für mein Empfinden nur benutzt wurde .

    Und trotzdem wollte sie immer wieder an den Heimatort zurück - während ich das Gefühl hatte, sie stabilisiert sich hier auch emotional, wo sie nicht dauernd an die vorherigen Aufregungen erinnert wird. Also eigentlich ein Segen, dachte ich jedenfalls..

    Ich wäre trotzdem froh, wenn ich nicht mehr ständig damit in Kontakt komme und ziehe die Besuche nun , wenn es geht, auf zwei Wochen Abstand.

    Es freut mich sehr, was du über die alte Dame berichtet hast.

    Liebe Grüße

  • schwarzerkater : deine Worte erreichen mich auf jeden Fall und bedeuten mir viel. Mein Gefühl ist auch irgendwie, dass ich aktuell mehr loslassen darf. Nur: meine Mutter erkennt mich ja noch und bedankt sich jedesmal für meinen Besuch, wie schön das immer sei, macht mir komischerweise die letzten Monate jedesmal Komplimente über meine schönen Schuhe, Beine etc

    Aber ich bin gerade selbst in einer depressiven Phase bzw.habe mehr Schmerzen als einige Zeit davor. Also brauche ich Kraft für mich und kann die zeitweilige Unzufriedenheit meiner Mutter nicht auffangen - quasi mein Lebensthema😕

    Liebe Grüße

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