Wie geht es euch - Kapitel V

Datenschutzhinweis: Bitte achten Sie darauf, dass Sie im Forum keine persönlichen Daten von sich selbst oder von Dritten posten. Auch sollten Ihre Angaben keine Rückschlüsse auf Ihre Person zulassen.
    • Offizieller Beitrag

    Hallo taybeere, über die "Schuldigkeit" und die Auslöser für sein schlechtes Gewissen habe ich eben die klugen Worte gelesen.

    Ich möchte die "Pflicht" als moralische Kategorie aufgreifen. Wenn wir bürgerschaftlich, privat oder beruflich Pflichten übernehmen, tun wir dies nach besten Gewissen und so kompetent wie möglich. Ein schlechtes Gewissen aus einer vermeintlichen Schuldigkeit kann - zumindest für pflegende Angehörige - toxisch sein.

    Dies gilt besonders bei Menschen mit Demenz, die - so wie Sie Ihre Mutter beschreiben - von schwierigen Charakterzügen geleitet sind.

    Ohne kompetente Grenzen und eine große Portion Selbstpflege ist die Pflege dieser Menschen - aus fachlichen Gesichtspunkten - wenig sinnvoll, weil damit das "herausfordernde Verhalten" verstärkt werden kann.

    In vielen Beiträgen habe ich ein kompetentes Handeln gelesen!


    In diesem Sinne möchte ich Sie gern auch stärken!
    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo an alle,

    ich schreibe nochmal hier weiter.. Am Sonntag war ich bei meiner Mutter, ich fand es so traurig, weil ich teils das Gefühl hatte, sie kommt sich verloren vor. Am späten Nachmittag war ein Kaffeefleck auf dem Pullover und die Hose verschmiert, vermutlich vom Kaffeetrinken nachmittags (obwohl sie ja angeblich nichts bekommen hat.. vergessen). Sie wartet nun offensichtlich immer vor dem Essraum/der Wohnküche von einer Mahlzeit zur anderen, sowie einzelne andere auch.

    Ich konnte sie noch motivieren mit in den (sonntags geöffneten) Cafebereich am Eingang zu gehen und habe ihr eine Waffel mit Sahne geholt, die hat sie begeistert mit Messer und Gabel und geradem Rücken und gefärbten Haaren (ganz wichtig!) gegessen und ich dachte nur, mit solchen Sachen wäre sie never ever früher irgendwo hingegangen, auf die Schnelle umziehen hätte sich zeitlich nicht gelohnt. Sie erzählte mir, mein Vater (längst tot)hätte eine Verletzung von einem Unfall und solange wohne sie nun hier, alle seien sehr nett zu ihr und es gehe ihr gut und es sei sooo schön, wenn ich da bin.. - das klang ja, wie ihr teils noch wisst, vor 1-2 Jahren noch ganz anders. Ihre Mutter könne sie manchmal gegenüber sehen und so einige ähnliche, eigentlich schöne Dinge, die natürlich nur in ihrer Vorstellung so sind. Aber so entspannt und zufrieden wie die ersten Jahre dort nie.

    Als mir kurz nichts einfiel zu erzählen - mit den Namen ihrer Enkel kann sie nun oft nichts mehr anfangen - fragte sie mich so ganz lieb, ob ich irgendwas auf dem Herzen habe, ihr noch was wichtiges erzählen wolle.. so "normal" wie früher - habe verneint.

    MICH macht es traurig sie so zu sehen, ihr gehts aber gut und darauf kommt es an.


    Vielleicht interessiert es die, die noch so kämpfen müssen mit ihren Angehörigen. Ich bin froh, dass wir konsequent geblieben sind und sie nicht allein in einer Wohnung versauert. Im Heim wird gelacht, es sind junge engagierte Menschen dort, man feiert nächste Woche Karneval u.ä. Auch wenn es schnell vergessen ist, ich denke das Wohlbefinden, der kurzzeitige Spaß dazuzugehören (zu einer Gruppe) bleibt etwas gespeichert.


    Liebe Grüße

    Rose60

  • Liebe Rose,


    danke für Deinen Bericht. Es tut gut, das so zu lesen, obwohl es für einen selbst oftmals schwer ist, den tatsächlichen Zustand mit dem gefühlten Zustand der Eltern in Verbindung zu bringen.

    Es scheint Deiner Mutter gut zu gehen. Dass sie in ihrer Fantasie liebe Verwandte als Mitbewohner hat, empfinde ich als tröstlich in dieser Situation.

    Mir gibt das Hoffnung. Auf der anderen Seite hoffe ich trotzdem für uns, dass meine Mama nicht in ein Heim muss. Das funktioniert leider nur in den seltensten Fällen.


    Liebe Grüße

    Einmal editiert, zuletzt von Teuteburger ()

  • Hallo Ihr Lieben,

    es ist wieder mal soweit, dass ich mir etwas von der Seele schreiben muss… Nach nun ganzen 5 Monaten im Betreuten Wohnen hatte ich fast das Gefühl, es geht meiner Mutter einigermaßen gut dort. Nach neuer Dosierung ihrer Medikamente gegen die Depression und auch die Demenz wurde sie insgesamt ruhiger, ihre Agressivität war so gut wie nicht mehr vorhanden und sie akzeptierte ihre Wohnung, war relativ friedlich.

    Leider hat sie mich heute wieder eines Besseren belehrt. Am Telefon fragte ich sie freundlich, wie es ihr geht und was sie heute gemacht hat und damit war das Feuer eröffnet. Warum bin ich hier und wann kann ich endlich nach Hause, niemand hat das alles mit mir besprochen, was soll ich zwischen all den alten Leuten…. und zu essen bekomme ich hier auch niemals etwas. Einen Pflegedienst gibt’s hier nicht!!

    Vorwürfe, dass wir alles über ihren Kopf hinweg entscheiden und sie sowieso nur tun muss, was ich ihr vorschreibe. Alles schon tausendfach beredet.

    Jedenfalls war die Schuldfrage wieder mal eindeutig geklärt.

    Ich versuchte sie zu beruhigen, guck mal deine schöne Wohnung, so viele deiner Möbel konnten wir mitbringen… alles ohne Erfolg.

    Das sind auch sowieso nicht meine Möbel!!

    Glücklicherweise kam jemand vom Pflegedienst dazu und wir mussten das Gespräch beenden.


    Entsprechend euren vielen guten Ratschlägen bin ich zwar nicht großartig auf die Diskussion eingegangen, aber es macht mich trotzdem traurig. Ich hatte so ein bisschen für mich beschlossen, diese Phase der Agressivität haben wir hinter uns. Ich hoffe nur, dass ich es in die Kategorie Zwischenfall einordnen kann und es nicht der Beginn einer neuen Phase voller Aggression ist.

    Nach ewigem hin und her und auch eurem Befürworten haben wir letzte Woche unseren Urlaub gebucht und am Sonntag fliegen wir nun ins Warme. Ich möchte noch garnicht drüber nachdenken, wie es wohl nächste Woche mit ihr sein wird. Bis jetzt hab ich meine Mutter auch noch nicht über den Urlaub informiert, auf Anraten des Pflegepersonals. Ich werde sicher die Anrufe auf ein Minimum reduzieren, auch wenn ich eigentlich wissen möchte, wie es ihr geht.

    So ihr Lieben, jetzt hab ich mir das erstmal von der Seele geredet… Danke fürs Zuhören bzw. Lesen 😔

    Einen schönen und hoffentlich entspannten Abend noch für euch!

    Liebe Grüße

    Eure Stern

  • Liebe Stern -


    Urlaub in der Wärme - ich beneide Dich ein wenig darum. Warum musst Du Deiner Mutter denn überhaupt davon erzählen? ich habe das nachher nicht mehr gemacht, da nur Kommentare wie "Du vergnügst Dich juppjeidi (ihr Lieblingswort) und mich lässt Du hier verrotten" kamen. Als das dann nochmal kam, habe ich beschlossen, dass es sie nichts angeht, wann, wo und wie lange ich Urlaub mache. Und es ist goldrichtig, dass Du Urlaub gebucht hast. Und jetzt bitte kein schlechtes Gewissen.

    Deine Mutter ist im Betreuten Wohnen gut aufgehoben, so wie Du schreibst. Ihr wird es gutgehen. Ich wünsche Dir gute Erholung.

  • Hallo Stern,

    Das ist dieses "Auf und Ab im Abwärts" , wie wir es alle kennen, jedenfalls eine Zeit lang.. ich stimme Tanja zu, du musst dich nicht bei seiner Mutter abmelden, nur beim Pflegeteam besser. Warum solltest du deine Mutter unnötig aufregen? Viele Pflegebedürftige werden sehr verunsichert und oft krank, wenn sie wissen, dass die Angehörigen mal vorübergehend nicht so schnell erreichbar sind. Ich kenne das aber alles auch so, dass ich dann schlecht abschalten konnte etc. Seit letztem Jahr sage ich meiner Mutter nicht mehr, wenn ich nicht da bin, sie vergisst es eh.

    Genieße den Urlaub in der Wärme! Es kommt wie es kommen soll und du kannst es nicht aufhalten, weder Zuhause noch im Urlaub.

    Liebe Grüße

  • Hallo ihr Lieben und danke für eure aufmunternden Worte. Ihr habt eben doch schon die längere Erfahrung mit solchen Situationen. Ich lasse mich immernoch zu schnell runterziehen von ihren Beschimpfungen. Daran muss ich noch arbeiten, es ist aber auch nicht so einfach.

    Ihr habt vollkommen recht. Warum soll ich sie unnötig belasten und dadurch neue Diskussionen hervorrufen und im nächsten Moment hat sie es wieder vergessen. Sie ist gut versorgt, darüber müssen wir uns keine Gedanken machen. Also werden wir unseren Urlaub so entspannt wie möglich genießen und im Notfall sind wir ja sowieso erreichbar.

    Also danke nochmal und liebe Grüße!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Stern, auch ich wünsche Ihnen einen schönen und wirklich verdienten Urlaub! Sie und das Heim haben Ihre Mutter jetzt über die schwierigste Zeit begleitet und es ist nur noch ein Rest des schlechten Gewissens in Ihren Beiträgen zu lesen. Genau das können Sie jetzt im Urlaub m.E. mit gutem Gewissen ablegen!

    Wenn was ist, wird das Heim sicher anrufen.

    Viel Freude und Erholung, Ihr Martin Hamborg

  • Vielen lieben Dank Ihnen Herr Hamborg und natürlich auch allen anderen für die guten Urlaubswünsche. Wir werden unser Bestes tun, um uns gut zu erholen und alles zu genießen. Einen Plan B gibts in diesem Fall nicht ;)

    Seid alle lieb gegrüßt und bis demnächst :)

    Eure Stern

  • Liebe Stern,

    genieße Deinen Urlaub und versuche die bedrückenden Gedanken zu verscheuchen... Ich erzähle meiner Mutter auch nicht mehr, wann ich wo bin, es bringt nix.

    Komm gesund und erholt zurück.

    Liebe Grüße taybeere

  • Aber ich muss doch noch einmal eine Frage in die Runde werfen....


    Dazu kurz erklärt: Mutter, 97, lebt alleine in einer Wohnung, wird täglich mehrfach betreut, täglich mehrfach angerufen...


    Heute erklärte sie mir, es sei alles in Ordnung, aber die Uhr, Beschreibung der Uhr folgte, ginge nicht mehr und ich solle kommen sie richten.... Ich erklärte, dass ich mir die Uhr am Donnerstag ansehen würde....

    Beim nächsten Anruf waren dann zwei Uhren defekt, sie habe die verglichen und die stimmen alle nicht und ich solle kommen.... ich gab die gleiche Antwort.... sie habe ja noch genug andere Uhren und ich würde mir alles am Donnerstag anschauen. Dann müsse sie sich eben bis dahin "bescheiden".... Dieses verdammte Triggerwort, mit dem sie oft schafft, dass ich dann doch hinfahre.


    Als ich heute Abend anrief, hatte ich den Pflegedienstmitarbeiter an der Strippe, Mutter sei grade im Bad.... Ich fragte, ob er mal schnell nach den Uhren schauen könne und er berichtete, dass alle in Ordnung sind. Als ich Mutter dann darauf ansprach, meinte sie, sie meine die anderen Uhren ... Es waren aber genau die, die sie beschrieben hatte....


    Ich hatte für einen Augenblick das Gefühl, dass sie etwas erfindet oder sucht, womit sie mich dann unter Druck setzen kann, damit ich komme.....

    Ist das eine böse Unterstellung von mir, oder kann bei aller Demenz und Vergesslichkeit dann doch so viel Trick und Gerissenheit sein? Ich bin überfragt!


    Sonst ist sie im Moment recht friedlich, ich muss sie mehrfach täglich anrufen, sage ihr jedes Mal, dass das ihr "bestellter Anruf" sei, es gibt nichts zu sagen aber es gibt auch keinen Stress....

    Und ich habe am Donnerstag von Ihr Blumen bekommen.... zum ersten Mal seit über drei Jahren.... habe mich sehr gefreut, sage es auch bei fast jedem Anruf...


    So, das war es für heute, ich danke Euch fürs Zuhören/Lesen.

    Schönen Sonntag

    Taybeere

  • Liebe Taybeere,

    bin zwar nur "Fachmann aus Erfahrung", habe aber Ähnliches schon ziemlich oft erlebt und glaube nicht, dass das ein Trick ist. Eher ein Versuch aus einer Situation raus zu kommen, wenn sie spürt, dass irgendetwas falsch läuft.

    2 Beispiele: meine Mutter behauptet, dass S (ihre Nichte) da war. Meist belasse ich es dabei, aber wenn ich dann doch mal sage; "das kann nicht sein, S wohnt 500 km entfernt und kommt erst im Sommer wieder", kommt die Antwort; "ich meine doch die andere S". Letzte Woche war ihre Handtasche weg, wir haben gesucht und dann kam die Ansage "M (ich) war hier, die muss die mitgenommen haben". Auf meinen Einwand "aber ich bin doch jetzt da und habe deine Tasche nicht", kam wieder die Antwort: "Ich meine doch die andere M!".


    Meine Mutter ist jetzt im Heim, aber ich weiß noch, wie schwierig es war, als ich mich wegen vermeintlicher Notfälle ins Auto setzen und über eine Stunde zu ihr fahren musste. Ich glaube, damals war ich mir auch sicher, dass solche falschen Aussagen ein Trick sind, um mich zum Kommen zu bewegen.


    Heute denke ich, dass ist einfach eine Seite der Demenz und eine Sache, mit der wir irgendwie klar kommen und die wir tolerieren müssen.


    VG never20

  • Hallo never20,


    Danke für Deine Zeilen. Sie helfen mir sehr. Ich habe immer noch das Gefühl, meiner Mutter Unrecht zu tun, wenn ich ihr zunehmend weniger glaube.


    Es ist so traurig zu sehen, wie ein vormals hoch intelligenter Mensch inzwischen vorwiegend haarsträubende Märchen erzählt....


    Herzliche Grüße

    Taybeere

  • Hallo Taybeere,

    Deine Mutter wird das alles, genau wie meine, genauso erleben, das Gehirn spielt ihr quasi einen Streich, ich denke so wie Tagträume - von daher spiele ich nun immer mit, dass ihre Mama nun gegenüber wohnt, sie mal zu Besuch kam, karneval könne im Heim nur stattfinden, wenn ihr Bruder X eine Büttenrede halt(hat er früher in seiner Heimat, ist aber lange tot). Aber wie gesagt, für sie ist es so, ganz ernsthaft und wenn ich ganz normal drauf eingehe ("wie schön" o.ä.) läuft es gut.

    Vllt nimmt dir das etwas Groll, denn damit schaden wir uns dann wieder selbst. Deine Mutter kann und weiß es nicht besser, sie sucht wahrscheinlich Kontakt mit den Anrufen und du entscheidest vllt besser, wann und wie oft du dran gehst, wenn deine Mutter das nicht anders einteilen kann.

    Liebe Grüße

  • Liebe Taybeere -


    ich kann mich Rose und never nur anschließen. Ich habe mit meiner Mutter sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Da fehlte dann Geld oder Kleidung war nicht mehr am angestammten Platz im Kleiderschrank oder Schmuck war weg - immer mit der Aussage, den hat Tanja mitgenommen (oder geklaut, je nach Gemütslage). Wenn ich ihr dann am Telefon sagte, das ich die Dinge nicht verlegt oder mitgenommen hätte, kam "Nicht Du, die andere Tanja". Irgendwann habe ich das dann nicht mehr kommentiert. Auch mein Vater (der damals schon verstorben war), war da oder ihr "anderer" Mann - der allerdings regelmäßig mit der Nachbarin weggelaufen ist. Wir können das nicht nachvollziehen, aber nach einer dieser Episoden habe ich erkannt, dass meine Mutter fest daran glaubt und habe nicht mehr dagegen argumentiert. Das scheint eines der Zeichen der Demenz zu sein.

  • Ihr Lieben, was Ihr, Taybeere, Rose, Never und Tanja beschreibt, ist wohl „normal“ für bestimmte Stadien der Demenz. Rose hat wohl eine Strategie gefunden, die nahe an der Validation ist. Da wird die Wahrheit des Demenzerkrankten so stehen gelassen, ohne eine Realitätsorientierung vorzunehmen…allerdings wird da normalerweise nichts „Falsches“ bestätigt.

    Aber egal, meines Erachtens wäre hier die einzige einfachere Methode die der Realtitatsorientierung (Deine Mutter/Bruder ist doch tot…) und das wäre, zumal es ja immer wieder angewandt werden müsste, schlimm für den Erkrankten: er würde immer wieder den Verlust und den Schock neu erleben.


    Also ist das, was Rose macht(e), eine prima Sache. Denn in der Welt des Erkrankten wird die Zeit ja allmählich zurückgedreht und da leben die Verstorbenen eben noch. Und in dieser Welt, wo sie sich gerade aufhalten, sollen wir sie ja mit der Validation bestätigen.


    Die Steigerung wäre evtl., bei den genannten Details vorsichtig „hineinzufragen“: Also bei den Büttenreden des Bruders von Rose etwa so etwas wie: „Oh wie schön, weißt Du noch was „Name des Bruders“ in seiner schönsten Rede sagte?“ Damit dürfen beide Realitäten gleichberechtigt nebeneinander stehen und die Mutter darf sich sogar mit dem Thema näher beschäftigen, auf das sie ja offensichtlich stolz ist, und so eine Stärkung erfahren.

    Bei den Uhren von Deiner Mutter, liebe Taybeere, wäre interessant, was denn in ihrer Wirklichkeit tatsächlich hinter diesem Thema steckt…es könnte zB sein, dass Deiner Mutter der Umgang mit dem Thema Zeit immer schwerer fällt, ihr die „Aussagen“ auf der/den Uhren immer weniger sagen…dann wäre es für einen Demenzerkrankten „normal“, die Schuld auf die Uhr(en) zu schieben, deren Aussage sie zunehmend verwirren. Der Ruf nach Dir, Taybeere, ließe sich dann so übersetzen, dass sie sich von Dir die Orientierung wieder zurückwünscht. Auf „Demenzisch“ wäre das dann ein „komm bitte und richte die Uhren wieder“.


    Eigentlich zeigt das dann ihr Vertrauen in Dich.


    Dass es dann „die anderen“ Uhren waren, ist die natürliche Reaktion darauf, „ertappt“ zu sein. jedoch: anders konnte sie ihr Problem, was ihr selbst evtl. irgendwie unangenehm auffiel, ohne es kognitiv verstehen zu können, nicht mitteilen. Und wenn dann keine Hilfe auf der ihr zugänglichen Ebene erfolgt, weicht sie eben aus („die anderen“).

    Evtl. könnte hier ein vorsichtiges und liebevolles Hinterfragen helfen: „Oh, die Uhr geht nicht… was zeigt sie denn an?“ „Ach so, das was sie zeigt, kann gar nicht sein? Weißt Du was, dann schau mal, ob Die andere Uhr das besser macht…Ich guck mir die falsche dann gleich beim nächsten mal, wenn ich bei Dir bin, an.“ Damit wäre sie ernst genommen, dürfte in „ihrer Welt“ bleiben und Du bietest ihr die Aussicht auf eine Lösung des (eigentlich darunter liegenden) Problems an, nämlich, dass Du es Dir anschaust. Das alleine beruhigt sie evtl. schon.

  • Hallo mauerflower,

    Die Zeit, in der ich mehrmals quasi die "Todesnachrichten" überbracht habe, dass ihre Eltern und Brüder nicht mehr leben, hatten wir durchaus mal, ich wollte ehrlich sein und musste mich erstmal beraten lassen, wie man es besser macht. Meine Mutter war dann jedesmal total fertig und beim nächsten Mal oder schon nach wenigen Minuten fragte sie wieder, ob ich ihre Mama nochmal besucht habe - das konnte ich ja ehrlich verneinen, aber die aktuelle Strategie führt auf jeden Fall in die Entspannung. Also alles gut😉

  • Das mit der Validation finde ich super interessant. Ich fange auch gerade erst an mich damit zu beschäftigen. Und übe ein bisschen. Heute die Situation, mein Vater ruft mich an. Und ist der festen Überzeugung, dass sein Mitbewohner seine Brillen manipuliert hat. Sie sehen genauso aus wie vorher, auch das Namensschild ist dran. Aber sie funktionieren nicht mehr. Er kann damit nicht mehr sehen.


    Früher hätte ich versucht, logisch zu argumentieren. Aber ich habe ja dazugelernt. Also bedauere ich ihn, dass die Brillen jetzt nicht mehr richtig funktionieren. Und stelle ihm einen Aussicht, dass wir bei nächster Gelegenheit mal zum Optiker gehen, und gucken ob die Brillen noch so in Ordnung sind.


    Während seiner Zeit in der gerontologischen Psychiatrie, konnte ich mir von sehr gut geschultem Personal einiges abschauen. An einem Tag traf ich meinen Vater total aufgelöst. Er war der festen Überzeugung, in einem der Zimmer würde eine Frau liegen, mit der er ein uneheliches Kind hat. Und jetzt die ganzen Alimente nachzahlen muss und auch immer auf das Kind aufpassen. Er wollte dann gar nicht rausgehen, weil er das Kind nicht alleine lassen wollte. Und eine sehr kompetente Pflegekraft, hat ihm einfach gesagt, sie würde in der Zeit nach dem Kind schauen und es wäre in guten Händen. Wir könnten rausgehen und dann war es auch wieder vergessen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob es im Einzelfall nicht auch richtig ist, die falsche Welt zu bestätigen.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!