Wie geht es euch - Kapitel V

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  • Hallo in die Runde,


    ich möchte mal wieder von mir hören lassen. Bei meinem Papa sind es jetzt bereits vier Monate das er verstorben ist. In den letzten Monaten habe ich viel der letzten Jahre aufgearbeitet und befinde mich wohl aktuell in der Phase der langsamen Neuorientierung.


    Es ist tatsächlich erstaunlich was sich die letzten Jahre alles so angestaut hat und wie viel ich doch vom Leben verpasst habe. Es mag sich vielleicht blöd anhören (weil ich das in der Pflegesituation auch oft nicht hören wollte) aber als pflegender Angehöriger darf man die Selbstpflege in allen Bereichen nicht vernachlässigen.


    Ich komme langsam wieder aus den Haus nachdem ja meine sozialen Kontakte über viele Jahre komplett weggefallen sind. Wieder unter Leute zu gehen muss (bin noch dabei) ich tatsächlich neu erlernen. Das ich als totaler Sportmuffel mittlerweile 4x wöchentlich mit großer Begeisterung im Fitnessstudio aufschlage ist da schonmal ein guter Anfang ;-).


    Gestern war der letzte Tag meines Urlaubes, da habe ich ein Versprechen eingelöst das ich meinen Papa gegeben habe als er im Dezember ins Heim gekommen ist. Ich habe bei unseren täglichen Parkspaziergängen (grenzt ans Heim an, ein Nebenausgang führt direkt in den Stadtparkt) davon geredet das wir uns im Sommer wenn es schön warm ist bei einem Eis vom Italiener in den Park setzen. Darauf hat er sich immer so gefreut und seine Augen haben gestrahlt.

    Das habe ich gestern gemacht, zwar leider ohne meinen Papa aber irgendwie habe ich gespürt das er da war. Der Blick aufs Heim und "seine" Zimmerfenster waren aber tatsächlich nicht leicht.


    Es war (für mich) wichtig und richtig das ich (als mein Papa noch lebte) mit einer psychologischen Behandlung angefangen habe. Ich schreibe das weil ich weiß wie schwierig dieser Weg bzw. überhaupt das inbetrachtziehen dieses Weges für viele ist. Leider ist sich psychologische Hilfe zu holen in unserer Gesellschaft (vollkommen zu unrecht) noch immer stigmatisiert.


    Mir hilft es weiterhin sehr gut bei diversen Problemen. Meine Behandlung läuft weiterhin allerdings mittlerweile im zwei Wochenrythmus. Zu meiner Psychologin habe ich großes Vertrauen und konnte mich da völlig öffnen. Ich nutze einen Onlineservice dafür (psychologische Beratung findet per Videokonferenz statt), das war eigentlich damals ein Notnagel weil hier in meiner ländlichen Gegend das Angebot an psychologischer Beratung sehr rar gesäht / bzw. die vorhandenen extrem überlaufen sind.

    Mittlerweile bin ich froh darüber es so gemacht zu haben. Wir haben ja schonmal festgestellt das sich bei vielen hier die groben Persönlichkeitsstrukturen doch sehr ähneln. Tatsachlich war es für mich (gerade am Anfang) aber so deutlich leichter. Ich hatte anfänglich extrem große Ängste diesen Schritt zu gehen (aus Angst wenn Sachen hochgeholt werden dann nicht mehr zu "funktionieren"). Ob ich es wirklich geschafft hätte hier vor Ort zu jemanden zu gehen (abgesehen von den Terminen) weiß ich tatsächlich nicht. So war das in der Geborgenheit der eigenen vier Wände zu Zeiten die mir passten.

    Meine Psychologin (konnte ich selbst auswählen) war da aber auch ein Glückstreffer, ich wollte jemanden erfahrenen und den habe ich mit 30 jahren Berufserfahrung auch bekommen.



    Kurzum ich möchte nur unterstreichen das es sehr helfen kann sich in diesem Bereich Hilfe zu holen. Wenn ihr wie ich dabei Ängste vor euch her tragt ist vielleicht solch ein Onlineangebot eine Möglichkeit weil das dann ist vollkommener Privatheit stattfindet. (Nein das ist kein Werbepost ;-))


    Was gibt es sonst noch. Das Pflegethema lässt mich nicht ganz los, ich bin sowas wie der Ansprechpartner im erweiterten Familienkreis geworden. Mache ich einerseits gerne, anderseits ist ein wenig Wehmut dabei weil ja als mein Papa krank war über Jahre hinweg nichts aus der erweiteren Familie gekommen ist. Mittlerweile habe ich eine Tante und einen Onkel bzw deren Kinder auf dem Weg zum Pflegegrad begleitet/beraten.


    Bei der Tante bin ich jetzt wohl wieder in eine Falle getappt, diese wohnt allein im Nachbarhaus (seit 4 Wochen PG 2) und war dieses Jahr bereits 4x wegen ihres Herzes im Krankenhaus.


    Normalerweise wird sie von ihrem Sohn und dessen Familie (Kinder sind bereits 20 und 24 Jahre) betreut, die sind jetzt alle zwei Wochen in den Urlaub abgedüst und mir wurde kurzum die Aufgabe übertragen mich um den Garten inkl. Hühner zu kümmern. Gesagt wird mir das 24h vorher ....
    An sich ja kein Problem wenn da nicht noch die komplette Verantwortung für die Tante ebenfalls mit dran hängen würde. Gleich als erstes bekam ich den Hausschlüssel falls in der Nacht mal etwas sein sollte.

    Das ist eine Rolle die mir nicht (mehr) behagt, ich hoffe jetzt einfach das diese zwei Wochen alles rund läuft und nicht wieder der Notarzt gerufen werden muss. Ich hätte sowas nie gemacht und werde das auch ansprechen wenn die Herrschaften wieder aus dem Urlaub zurückkommen.


    Aus dieser Helferrolle / Helfersyndrom kommt man tatsächlich nur schwer wieder raus, habe ich gleich wieder einen Punkt für meine nächste Sitzung mit meiner Psychologin.


    Das Forum verfolge ich noch sehr sporadisch. Für die Hilfe, Unterstützung und Zuwendung die ich hier von so vielen Seiten erfahren habe werde ich immer dankbar sein. Ich versuche ein wenig davon weiterhin zurückzugeben möchte es aber irgendwann schaffen mich von diesem ganzen Themenkomplex zu verabschieden.

  • Unlängst sagte eine der Pflegerinnen zu mir, dass sie es gar nicht gut findet, wenn Pflegebedürftige erst dann ins Heim kommen, wenn sie komplett bedürftig sind und sie meinte, bei meiner Mutter wäre es gerade noch ein guter Zeitpunkt gewesen.

    Ich selbst tue mich immer noch schwer mit unserer Entscheidung, aber ich weiß, dass sie 100%ig richtig war.

    Liebe schwarzerkater,

    das ist genau die Frage, die ich mir seit fast 2 Jahren stelle. Wann ist der optimale Zeitpunkt, um seinen dementen Angehörigen in einem Heim unterzubringen?

    Und bekommt man gerade dann, wenn der Zeitpunkt passt, einen Platz in einem Heim, das einem zusagt?

    Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft sagt, der optimale Zeitpunkt ist gekommen, wenn der demente Mensch nur noch im Moment lebt, er keine Wünsche mehr äußert und es genießt umsorgt zu werden.

    All diese "guten Voraussetzungen" erfüllt meine Mutter inzwischen und dann habe ich letzte Woche den Anruf vom Wunschheim bekommen, dass ein Platz frei ist.

    Jetzt ist meine Mutter seit ein paar Tagen im Heim, und obwohl mir mein Verstand sagt, dass es die richtige Entscheidung war, sie dort unterzubringen, schreit mein Herz, dass es noch nicht hätte sein müssen.

    Im Heim ist sicherlich vieles professioneller, als man das als Anghöriger mit noch soviel externer Unterstützung zuhause hinbekommt, aber es ist halt eben auch liebloser. Und ich denke, dass das für einen dementen Menschen, selbst wenn er nur noch im Moment lebt, ziemlich schlimm sein muss, wenn er von jetzt auf gleich nicht mehr als einzigartiges Individuum behandelt, sondern als eine von 10, 20 oder mehr Nummern einfach nur noch abgearbeitet wird.

  • Und ich denke, dass das für einen dementen Menschen, selbst wenn er nur noch im Moment lebt, ziemlich schlimm sein muss, wenn er von jetzt auf gleich nicht mehr als einzigartiges Individuum behandelt, sondern als eine von 10, 20 oder mehr Nummern einfach nur noch abgearbeitet wird.

    Ist das wirklich so?

    Ich komme aus anderen Gründen regelmäßig in ein Heim und erlebe dort einen unglaublich liebevollen Umgang der Pflegepersonen mit den Heimbewohnern. Es ist, als hätten sie zu jedem einzelnen eine sehr persönliche Beziehung und sie zeigen eine Geduld und Aufmerksamkeit, scheinen jede Eigenheit zu berücksichtigen, dass ich es nur bewundern kann.

    Sicher hängt das auch vom einzelnen Heim ab, aber ich erlebe es wirklich dort sehr positiv und könnte mir vorstellen, im Bedarfsfall auch selbst dort zu leben.

  • Liebe ecia25, liebe Silly -


    ich kann nur aus persönlicher Sicht sprechen, aber bei meiner Mutter ist es so, dass sich die Pflegerinnen und Pfleger ganz wunderbar um meine Mutter kümmern. Und das nicht nur, wenn ich zu Besuch komme - sie wissen ja nicht, wann ich komme. Sie hat immer saubere Kleidung an, die Haare sind gewaschen, sie ist generell sehr gepflegt. Der Umgang ist sehr liebevoll und alle sind sehr bemüht um alle Bewohner. Ich weiß, das ist sicherlich ein Glücksgriff und nicht alle Heime sind so. Daher bin ich immer sehr froh, dass meine Mutter es so gut getroffen hat.

  • Liebe ecia25, liebe TanjaS, liebe schwarzerkater,


    das freut mich für euch, dass ihr so positive Erfahrungen mit "euren" Heimen macht.

    In dem Heim, in dem meine Mutter jetzt ist, gibt es auch sehr nettes Pflegepersonal, aber es gibt eben auch die anderen, die dieser Job einfach überfordert. Leider ist der Personalschlüssel nicht an die Bedürfnisse der Bewohner angepasst und das Essen wird den Bewohnern im Vorbeigehen "angereicht" = in den Mund gestopft. Auch das ausreichende Trinken funktioniert eigentlich nur bei den Bewohnern, die das noch selbständig hinbekommen, weil eben einfach die Zeit fürs Anreichen fehlt. Das die Umstände dort so sind, möchte ich auch garnicht dem Personal anlasten sondern der Heimleitung.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Silly, liebe ecia25, liebe TanjaS, liebe schwarzerkater,


    zum Thema möchte ich auch etwas "in den Ring werfen": es gibt hierzu natürlich Erfahrungen von - bis. Bei Angehörigen ebenso wie bei jeder Art Gesundheitsberufler der Erfahrungen mit Institutionen gemacht hat. Ein wesentlicher Vorteil für mich als Altenpfleger war und ist immer gewesen, dass ich eben einerseits eine gewisse emotionale Distanz habe - und im Gegensatz zu Angehörigen irgendwann Feierabend habe / hatte. Mögen die Tage noch so lang, aufregend - und manchmal furchtbar gewesen sein: irgendwann sitze ich in der sogenannten Übergabe - und bin danach "raus". Ein Vorteil, den Angehörige meist eben nicht haben. Auch für viele pflegende Angehörige bleibt ja m.E.n. auch dann wenn der Angehörige mit Demenz im Pflegeheim lebt, ein "mental load", von dem ich mich als Berufspfleger nochmal anders frei machen kann. (können sollte, so manche/r Pflegefachfrau /-mann kann das leider nicht - m.M.n. gehört das trainiert und geübt).
    Das ist nur ein Baustein von vielen, trägt aber durchaus zu einem guten und angemessenen Umgang mit Pflegebedürftigen bei. Daher ist es eben auch wichtig, dass die Arbeitsbedingungen stimmen. Da gibts viel Verbesserungsbedarf und Pflege kämpft darum - nicht nur um Verbesserungen für sich persönlich zu erzielen, sondern weil "wir" wissen, dass sich eine ständige Überlastung irgendwann negativ auswirkt auf unsere Arbeit - sprich: Pflegebedürftige / Patienten leiden schlimmstenfalls (mit uns) darunter.

    Damit das nicht missverstanden wird: keinesfalls will ich damit persönliches Fehlverhalten von Mitarbeitenden einer Einrichtung entschuldigen. Keine wie auch immer geartete Arbeitsbedingungen darf dazu führen, Menschen "Essen in den Mund zu stopfen" - und entschuldigt ein solches Verhalten auch nicht.
    Missstände gehören immer angesprochen und abgestellt - und es gibt sie, viel zuviele.

    Ich persönlich glaube auch, dass Pflege häufig zu wenig offensiv und transparent gegenüber Angehörigen ist. Wir erklären zu wenig, warum wir im Einzelfall etwas tun oder lassen. Das ergibt eine gewisse Intransparenz, die bei den ohnehin besorgten Angehörigen Misstrauen und Ängste fördern kann. Daran muss Pflege vielerorts arbeiten, meiner Auffassung nach.
    Ein Beispiel: Frau X hat sich die Bluse auf links heute früh angezogen. Der Sohn kommt zu besuch und ist verärgert darüber, wie seine Mutter herumläuft. Als Sohn nimmt er an, dass niemand seine Mutter richtig gesehen hat, sie nicht ausreichend beachtet oder es mir vielleicht egal ist wie sie aussieht oder niemand Zeit für sie hatte. Für mich hingegen war wichtig, ihre Leistung heute früh anzuerkennen. Sie darin zu bestärken selbständig zu sein....und die Wahl ihres outfits zu loben - denn sie schafft es immer seltener, sich selbständig anzuziehen sondern steht verloren halbbekleidet oder nackt vor ihrem Kleiderschrank, wenn man das Zimmer betritt. "Auf links" spielt daher für mich eine untergeordnete Rolle und ich oder eine Kollegin wird im Lauf des Tages bei günstiger Gelegenheit und Stimmung versuchen, das anzugehen. Vielleicht würde ich das aber auch nicht. Nicht, weil keine Zeit oder kein Interesse habe, sondern aus der Abwägung heraus. Meine innere Leitfrage beim Thema Demenz ist immer: wer hat hier / jetzt das Problem? Und der- oder diejenige die es hat, erfordert zunächst meine Aufmerksamkeit. Das ist nicht immer die Person mit Demenz.... .
    Erkläre ich meine Vorgehensweise jedoch nicht, bleibt - im Beispiel - der Sohn mit dem Gefühl zurück, niemand kümmert sich wirklich um die Mutter....die Wut und die Sorge wächst... . Erkläre ich mich hingegen, sind solche Situationen sehr oft kein Problem mehr. Ich wünsche mir da oft eine sehr viel offensivere Kommunikation der beruflichen Pflege in Sachen Demenz. Dann hat man oft auch die vermeintlich "schwierigen" unter den Angehörigen (und ja, die gibts auch - sorry ;) ) als Partner der Versorgung im Boot, statt sie zu Kritikern und Kontrolleuren zu degradieren. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Angehörige Fragen stellen, nachfragen, wenn Pflege nicht selbst ausreichend ins Sprechen kommt.

    Ein weiteres Problem ist ein vielerorts steigender Druck durch den Fachkräftemangel. Einrichtungen geben große Summen fürs (neudeutsch) Recruitment aus, werben sich gegenseitig Mitarbeiter ab, zahlen Prämien und bieten Vergünstigungen - und finden trotzdem keine Fachkräfte. Auch das: keine Entschuldigung für individuelles Fehlverhalten. Aber es ist mancherorts einfach wahr, dass es keineswegs mehr darum geht die Zahl der Mitarbeitenden aus Kostengründen so knapp wie möglich zu halten sondern vielmehr darum gekämpft wird, jede Schicht noch ausreichend besetzen zu können. Darunter leidet dann auch der Schulungsstand irgendwann und es besteht das Risiko, dass Menschen die nicht ausreichend auf ihre Aufgaben vorbereitet sind in Situationen geraten, die sie eigentlich nicht händeln sollten oder gar dürfen.

    Nochmals: das rechtfertigt kein individuelles Fehlverhalten. Je nach Umständen und Möglichkeiten würde ich, blieben Gespräche fruchtlos, mich ebenfalls auf die Suche nach einer Alternative machen bzw. nötigenfalls auch die Aufsichtsbehörde ins Boot holen (WTG / Heimaufsicht). Eine bessere Alternative zu finden ist vielerorts aber keineswegs einfach und die ganze Nummer mit einem (nochmaligen) Umzug mit den möglichen Folgen muss in der Wirkung ebenfalls abgewogen werden. Beileibe keine leichte Entscheidung.

    Es ist wertvoll, dass und wie Sie sich austauschen und Ihre Erfahrungen mitteilen - es gibt "so ne und so ne"-Institutionen. Am Rande: die Tonalität hier finde ich ebenfalls fast immer klasse. Da bin ich in ähnlicher Funktion an anderen Orten durchaus anderes gewohnt. Chapeau.

    Es grüßt Sie

    Jochen Gust

  • Lieber Herr Gust, ich wollte gerade einige Teile Ihres Beitrages zustimmend zitieren, aber ich stimme allem zu. Für mich ist ein gutes Heim ein solches, wo man sich ungezwungen bewegen kann und sich wie zu Hause (oder besser?) fühlt. Auch ein perfekt gestyltes Heim kann Kälte ausstrahlen. Manchmal ist das fast Unperfekte gerade das Liebenswerte.

    Da habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Danke für Deine Worte.

  • Eine bessere Alternative zu finden ist vielerorts aber keineswegs einfach und die ganze Nummer mit einem (nochmaligen) Umzug mit den möglichen Folgen muss in der Wirkung ebenfalls abgewogen werden. Beileibe keine leichte Entscheidung.

    Hallo Herr Gust, hallo schwarzerkater, hallo ecia25,

    ich möchte mich euch anschließen und vor allem Herrn Gust für seine ausführlichen Gedanken zum Thema danken.

    Tja, vielleicht bin ich eine von den schwierigen Angehörigen. Ich gebe zu, dass es mir alles andere als leicht fällt, meine hilflose Mutter in die Fürsorge fremder Menschen zu geben. Das Heim ist etabliert und hat einen ausgesprochen guten Ruf. Es wurde uns von Leuten, die ihre Angehörigen dort untergebracht haben/hatten, empfohlen. Es ist ein kleines Heim, das als Verein geführt wird. Vielleicht sind meine Erwartungen einfach zu groß, und ich muss lernen, dass die Pflege im Heim anderen Gesetzmäßigkeiten folgt (folgen muss) als die Pflege in häuslicher Umgebung.

    Letztendlich entscheidet meine Mutter, ob sie sich dort wohl fühlt.

    Wenn aber nicht, dann brauche ich einen Plan B ...

  • Liebe alle -


    im Heim meiner Mutter ist es ähnlich wie bei schwarzerkater: Ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Eine Reihe davon sind in verschiedenen Stadien der Demenz, andere sind wegen körperlicher Einschränkungen dort. Der Ton ist freundlich bis freundschaftlich, aber - wie bei den "Jungs" von schwarzerkater - auch schonmal etwas mehr Klartext, wenn notwendig. Als meine Mutter noch bösartig wurde, wenn ich ging, haben sie mir auch geholfen - indem sie meine Mutter nett abgelenkt haben. Dann hat sie wohl erst einmal eine Runde über mich geschimpft, aber das war's dann. Will sagen: Meine Mutter hat wohl Glück gehabt, aber ich weiß, dass es nicht in allen Heimen so zugeht.

  • Hallo juliasiebers,


    vielen lieben Dank für Ihre aufbauenden Worte - das sind sie tatsächlich. Das zeigt uns, dass wir in der richtigen Spur sind…


    Für mich ist völlig unverständlich, dass die beiden niemals, bevor es überhaupt zu einer solchen Situation kommt, darüber gesprochen haben, was wäre wenn… Sie waren ihr Leben lang ein gut eingespieltes Team und haben uns vorgelebt, wie man eine Beziehung 'auf Augenhöhe' führt - was für diese Jahrgänge (1936/37) nicht selbstverständlich ist/war. Probleme wurden von uns ferngehalten und nur untereinander besprochen - aber zu keinem Zeitpunkt haben sie sich über diese Eventualität Gedanken gemacht. Das habe ich ihnen beiden auch mal gesagt - zu dem Zeitpunkt hat sich die Demenz meiner Mutter schon deutlich gezeigt. Mein Vater zuckte mit den Schultern und meine Mutter meinte: "Ja mei, einer pflegt halt den anderen." - davon ausgehend, dass nicht sie die Pflegebedürftige ist/sein wird.


    Ich habe meinen Eltern beim Thema Pflegeheim ganz klar gesagt, dass ich für meinen Teil sofort in ein Pflegeheim gehen würde - in der Hoffnung, ihre Horrorvorstellung 'Pflegeheim' zu entschärfen und ggf. doch als Alternative anzusehen. Das würde ich mir im Vorfeld selbst aussuchen, solange ich noch dazu in der Lage bin.


    Mit Ihrem Tipp geben Sie 1:1 wieder, was ich meinem Vater schon seit Jahren 'predige': kleine, überschaubare Aufgaben, auch die Foto-Schuhschachtel - genauer zwei davon. Eine aus dem persönlichen Umfeld und eine rund um die Radsport-Karriere meines Vaters mit Zielfotos und Zeitungsartikeln. Die persönliche Schachtel könnte sie ja ganz bequem abends auf der Couch durchgehen und auf die Rückseite die abgebildeten Personen und bestenfalls noch die Gelegenheit notieren. "Gute Idee, mach ich a anderes Mal! Heut ned.". Das gibt ihre Aufmerksamkeitsspanne einfach nicht mehr her.


    Auch so eine - für mich unverständliche - Veränderung meiner Mutter: sie war ihr Leben lang der personifizierte Fleiß. Keine Arbeit war ihr zu viel, nichts zu mühsam, alles bestens organisiert. Heute sagt man Familienmanagerin. Sie hat immer auf sich geschaut, war immer sauber und gepflegt, kein böses Wort zu irgendjemandem und heute das genaue Gegenteil. Es kann passieren, dass sie Menschen im Umfeld (Freundin/Pflegekraft, auch mich) aufs Übelste beschimpft, mit Kraftausdrücken um sich schmeißt (Blöde Kuh, leck mich doch am A*, usw.). Ich kann damit umgehen, ich weiß ja, dass es 'nicht sie ist', aber ich verstehe es einfach nicht. Wie kann sich etwas so ins Gegenteil des ursprünglichen Charakters entwickeln? In etwas nie dagewesenes...


    Sie haben einen sechstürigen Kleiderschrank im Schlafzimmer - wovon die Hälfte ihr gehört, und läuft wochenlang mit den gleichen, schmuddeligen, teilweise kaputten Klamotten rum, löchrige Socken, kaputte Schuhe, schmutzige Haare. Ich habe ihr von Palmers eine Kombination aus Oberteil und Leggins besorgt, die zieht sie nur an, wenn ich sie explizit darauf anspreche. Am nächsten Tag aber wieder das alte Zeug.


    Es ist jedes Mal ein Kampf, sie zum Haarewaschen zu bewegen. Natürlich würde sich der Pflegedienst darum kümmern, aber wenn sie's nicht zulässt, können die auch nichts machen. Ganz zu schweigen von der Badewanne. Früher ging meine Mutter zweimal/Woche in die Badewanne. Seit meiner Kindheit hatte sie das Ritual, mittwochs, nachdem wir ins Bett gebracht wurden, ihr Entspannungsbad zu nehmen (ich ab mich oft aus dem Bett gemogelt unter dem Vorwand, nochmal auf die Toilette zu müssen und ganz nebenbei gefragt, ob ich auch mit rein darf. Durfte ich, immer.). Sie hatte Irisöl von Olga Tschechova, davon kamen ein paar Tröpfchen rein - weit vor den heute käuflichen Ölbädern. Sie hätte Produktentwicklerin werden sollen. Sie hat Kräuter geschnitten, unterschiedlich gemischt und in Eiswürfelbehältern eingefroren, gibt's heute als Kräuterlinge zu kaufen.


    Ich könnte Bände über sie schreiben. Vielleicht eröffne ich einen Thread, der sich nur um die Erinnerungen und Erlebnisse rund um meine Eltern dreht - sofern so etwas hier überhaupt erlaubt/gewünscht ist und nicht als deplatziert gesehen wird, weil sie ja noch leben und es wie ein Nachruf rüberkommen könnte…


    Ich habe, um zu verhindern, dass meine Eltern mit dem Auto zum Aldi fahren (Begründung folgt gleich*), eingeführt, den Wocheneinkauf von REWE liefern zu lassen. Das ist der einzige Lieferdienst, der ins Münchner Umland liefert. Hierzu geh ich mit Mom in die Küche, ich hab meine App und Mom steht am Kühlschrank und wir gehen gemeinsam durch, was benötigt wird. Dazu schicke ich sie schon mal hoch ins Bad (Toilettenpapier?) und runter in den Keller (Getränke?), usw. Derzeit machen wir das zusammen am Telefon.


    *Zur o.g. Begründung: Mein Vater hat seit drei Jahren ein neues Leasing-Auto. Inzwischen hat er rund um das Auto einen Gesamtschaden von über 4.000 €, weil er Kurven zu eng nimmt und/oder das Piepen des Alarms nicht hört.


    Mit dem vorigen Auto gab es einen Streit mit einer Fahrerin, die er beim rückwärts Ausfahren aus einer Schrägparkzone angefahren hat und sie hat hinter ihm auf den freiwerdenden Parkplatz gewartet - ist also gestanden! Seine Versicherung hat anstandslos gezahlt und die Sache als Bagatellfall abgeschlossen. Natürlich hat ihn das hochgestuft. Darüber hat er sich so geärgert, dass er Nächte lang schlaflos im Bett lag und dann sogar in die Versicherung gefahren ist und seine Schuld abgestritten hat (die Dame hatte eine Zeugin im Auto, mein Vater führte meine Mutter als 'Zeugin!' auf). Er hat Hinz und Kunz um Rat gefragt, wollte sich sogar einen Anwalt nehmen und hat meinem Bruder und mir vorgeworfen, nicht 'auf seiner Seite' zu sein. Die Versicherung ließ sich aber bei dieser Bagatelle auf keinen Streitfall ein, was ihn dazu bewegte, mit dem neuen Auto die Versicherung zu kündigen und zu wechseln. Auch das alte Auto war rund herum verschrammt und verbeult.


    Seitdem mache ich seine und ihre Arzttermine, um sie mit meiner Arbeitszeit zu koordinieren und dann fahren zu können (inzwischen führe ich vier Kalender: Digital dienstlich/privat gekoppelt, den meines Vaters und meinen 'analogen'). Letztlich bleiben auch nur kleine Zeitfenster von meinem frühestmöglichen Dienstende und den Praxiszeiten. Inzwischen helfen uns dabei auch die Nachbarn/Freundin bei den Arztfahrten - und seit 2020 sage und schreibe zehn Beerdigungen.


    Wir haben festgestellt, dass bei jedem Todesfall in der Familie meiner Mutter ihr Zustand massiv schlechter wurde. Inzwischen lebt aus ihrer Generation niemand mehr von der Familie. Sie singt Kinderlieder vor sich hin 'Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm - zu meiner Mama, zum einem Papa, zu meinen Lieben…'


    Meine Schwägerin hatte nun eine neue Idee. Ihre Eltern (ähnliches Alter, aber noch in sehr guter Verfassung) haben vor dem Haus einen kleinen Klapptisch und zwei Klappstühle aufgestellt. Das könnte sich bei meinen Eltern auch umsetzen lassen, der Platz wäre da. Dann sieht sie, was draußen vor sich geht und hat (so hoffen wir) keinen Bedarf mehr, in der Nachbarschaft umherzustreifen. Ganz nebenbei hätte die Nachbarin/Freundin von ihrem Balkon aus einen Logenblick auf sie. Da könnte sich mein Vater auch dazu setzen und hätte sie so im Auge. Allerdings kommt er ihr nicht hinterher, wenn sie doch losmarschiert… Natürlich können wir von Nachbarin/Freundin nicht erwarten, sich den ganzen Tag auf dem Balkon aufzuhalten, aber, nachdem die erste Frau ihres Mannes an Lungenkrebs starb und verständlicherweise was gegen ihr Rauchen hat, raucht sie heimlich auf dem Balkon.


    Ich bitte um Entschuldigung, dass es wieder Überlänge wurde und bedanke mich bei allen, die's lesen!


    Liebe Grüße an alle Gleichgesinnten und Mitleser :)

    Zebulon

    • Offizieller Beitrag

    Tja, vielleicht bin ich eine von den schwierigen Angehörigen. Ich gebe zu, dass es mir alles andere als leicht fällt, meine hilflose Mutter in die Fürsorge fremder Menschen zu geben.

    Liebe Silly,


    es tut mir leid wenn mein Beitrag bei Ihnen den Eindruck erweckt hat, ich würde Sie als eine "schwierige Angehörige" einordnen. Davon bin ich meilenweit entfernt und auf keinen Fall sollte das von mir Geschriebene so wirken - das stünde mir auch gar nicht zu.
    Ihre Besorgnis ist da und natürlich völlig berechtigt. Ich kann die Situation vor Ort nicht beurteilen. Sie sind meiner Berufserfahrung nach schon deshalb keine der "schwierigen Angehörigen" (auf die ich zugegbenermaßen etwas flappsig anspielte), weil Sie ja reflektieren, dass Sie die Situation eben auch aufgrund Ihrer Gefühlslage als Tochter beurteilen. Und es gibt ja wirklich solche und solche Einrichtungen und nicht wirklich feststehende Kriterien, was "gut" ist.

    Für mich als Altenpfleger ist wesentlich, dass ich mit Angehörigen eine Vertrauensverhältnis aufbauen kann und wir ins Sprechen kommen. Bestenfalls sind wir irgendwann "partners in crime" - und es geht uns gemeinsam um das bestmögliche Wohlbefinden und Lebensqualität mit Respekt und Anerkennung vor unseren jeweiligen Sichtweisen und Perspektiven.
    Keinesfalls ist damit verbunden, dass Pflegebedürftige, Angehörige oder auch Kolleginnen hinnehmen sollten, was nicht hinzunehmen ist.

    Es kommt wie immer "drauf an". Pflege ist auch Beziehungsarbeit in alle Richtungen - und fehlende Kommunikation und Überlastung sind der Feind.
    Bei all dem was eben auch in der beruflichen Pflege passiert, habe ich großes Verständnis für ein gewisses Misstrauen einerseits, andererseits auch dafür, dass mit dem Umzug ins Heim auch eine Art Trauer- und Loslassprozess verbunden ist (und zwar auch dann, wenn Angehörige grundsätzlich froh darüber sind, weil es Zuhause einfach nicht mehr ging).

    Das heilt aber keine individuellen oder sogar strukturellen Unzulänglichkeiten und kann und darf nicht dazu führen, dass Mängel nicht angegangen werden. Mir ist so gesehen auch jede/r schwierige Angehörige lieber, als die schweigend-resignierten.

    Es grüßt Sie

    Jochen Gust

  • Hallo schwarzerkater,


    herzlichsten Dank für deine lieben Worte. Sie trieben mir wirklich die Tränen der Rührung in die Augen.


    Obwohl uns 'Fischen' Träumerei nachgesagt wird, hat mir meine realitätsbezogene Mutter (Skorpion) immer gelernt, das eine vom anderen zu trennen und vor allem zu erkennen. Nicht, dass ich jetzt einen falschen Eindruck hinterlasse, ich bin nicht esoterisch angehaucht und baue auch nicht auf die Macht der Sternzeichen, aber erstaunlich ist es schon irgendwie, dass die Zeichen so große Ähnlichkeiten oder sogar Gemeinsamkeiten zeigen - amüsant ist es in jedem Fall…


    Tatsächlich wird das 'Loslassen' verschiedener Prozesse oder Gedanken ein Kraftakt werden. Gerade, was ihre Reinlichkeit betrifft. Vor über einer Woche hat sie vom Friedhof ein paar Äpfel mitgebracht, von denen sie früher Apfelkücherl gemacht hat. Inzwischen war die Küche schwarz vor Fruchtfliegen, worüber sich meine Mutter auch schon gewundert hat. Mein Bruder hat die Äpfel gestern gefunden und sofort entsorgt und mit der Insektenkeule die Küche 'gereinigt'.


    Der Kopf sieht und akzeptiert die Realität, das Herz bringt die alten Erinnerungen wieder und wieder hoch. Kürzlich habe ich ihr gesagt, dass ich ihre Küche vermisse, ihr saures Kartoffelgemüse, ihr paniertes Frühstücksfleisch, ihren einmaligen Münchner Kartoffelsalat, ihren Nudelsalat, den sie immer zu den Badeausflügen an den Baggersee gemacht hat, ihre Schoko-Sahne-Torte (eigene Erfindung und einzige Torte, die ich gegessen hab) und… und… und. Ich vermisse es so sehr (beim Schreiben kommen mir wieder die Tränen). Ihre Antwort war: "Ja, dann mach ich's halt mal wieder.". Sie hat seit Jahren nichts mehr gekocht, außer Würschtl warm machen und Leberkäs aus der Pfanne. Das zeigt einmal mehr, dass sie in ihrer eigenen Bubble lebt.


    Lieben Dank auch für deine wirklich hilfreichen Tipps!


    LG Zebulon

  • Hallo nochmal schwarzerkater,


    ich möchte noch auf deine Erlebnisse eingehen.

    Ich war das Hauptaggressionsziel meiner Mutter ... und will am liebsten vergessen, was das damals für mich bedeutet hat. Es war die Hölle!

    Dieses Verhalten hat sie (noch) nicht, weiß aber, dass das durchaus auf uns zukommen kann/wird. Anzeichen dafür hat sie schon gezeigt, indem sie auch mich beschimpft hat, wie sie es noch nie getan hat. Ich habe es einfach ignoriert und bin gegangen.


    ist mir manches rational klar, was nicht bedeutet, dass es für mich emotional leicht(er) zu händeln ist.

    Das meine ich mit Kopf/Herz :)


    Du wirst sehen, es ist ein Prozess und irgendwann wird es auch dir nicht mehr gar so schlimm vorkommen.

    Das hoffe ich sehr, befürchte aber, dass wir Schlimmeres noch vor uns haben, wie z.B. das nicht mehr erkennen von den unmittelbaren Bezugspersonen.

  • Lieber jochengust,

    vielen Dank für Ihre Ausführungen.

    Ich habe mich durch Ihre Gedanken/Worte keineswegs angegriffen oder abgestempelt gefühlt. Mir ist bewusst, dass ich ein großes Problem damit habe meine Mutter loszulassen, weil ich das Gefühl habe, sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen, und ich jetzt keinen großen Einfluss mehr habe, weder auf die Zahnpflege, die mir immer sehr wichtig war, noch auf ein liebevolles ins Bett bringen und wecken, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, etc.

    Wir hatten tolle 24-Stunden-Kräfte, die meiner Mutter jeden Wunsch von den Augen (ja, nicht Lippen) abgelesen haben, und es war unverkennbar, dass meine Mutter rundum zufrieden war. Aber leider wurde die Pflege (obwohl wir alle nur erdenklichen Hilfsmittel angeschafft haben) in den vergangenen 8 Monaten immer umfangreicher und schwieriger. Dann hatte meine Mutter jetzt im August gleich zwei Kreislaufkollapse und damit kam bei mir die Frage auf, ob ich das weiterhin verantworten kann: Eine 24-Stunden-Kraft den größten Teil des Tages und auch die meisten Nächte mit meiner Mutter alleine zu lassen?

    Ich hatte sogar ernsthaft in Erwägung gezogen, zu meiner Mutter zu ziehen.

    Tja, und dann kam der Anruf vom Heim...

  • wir alle müssen uns dem Schicksal fügen (was erzähle ich dir das ...) und demütig annehmen, was das Leben uns abverlangt. Es kümmert sich nicht um solche festen Glaubenssätze, auch nicht darum, dass wir uns für unverwundbar halten. Insofern müssen unsere Eltern/Mütter diesen schweren Weg nun gehen ..., ob sie wollen oder nicht. So wie wir dereinst auch einmal ...


    Ich sagte im vorigen Post, dass diese Annahme des Loslassens ein Prozess ist - und der geht nicht nur linear voran. Aber wir werden ihn bewältigen.

    Danke!

  • Guten Morgen,

    Das ist sicher schlimm, aber auch tröstlich, denn deine Mutter wird keinen schmerzlichen Verlust mehr empfinden, sondern mehr und mehr im Moment leben.

    Danke! Meine Worte! Das wirklich einzig Gute und Tröstliche an der ganzen Sache ist, dass sie selbst nichts davon mitbekommt, für sie ist die Welt in Ordnung.


    Das sagt sie auch immer wieder, wenn mein Vater wieder bitterlich weinend und zutiefst verzweifelt ist: "Warum weinst denn? Uns geht's doch gut. Wir haben unser Dahoam, zwei gesunde* Kinder. Wir haben doch keine Probleme." - woraufhin er noch verzweifelter weint.


    *Damit meine ich, dass sie inzwischen auch meinen Unfall vor über 40 Jahren vergessen hat. Der Unfall, der unser aller Leben völlig aus dem Gleis geschmissen hat - besonders meine Eltern. Als ich sie mal gefragt hab, welchen Unfall ich denn gehabt hab, sah sie mich fragend an und meinte: "Auto?" - "Nein, Mutti. Wir waren alle beim Skifahren.". Sie sagte zwar: "Ach, ja!", ich sah ihr aber an, dass sie keine Ahnung hatte, wovon ich sprach.


    Ich bereite meinen Vater auch immer und immer wieder darauf vor, dass der Punkt unweigerlich kommen wird, an dem sie ihn und uns Kinder nicht mehr erkennen wird. Einfach nur, damit er es immer wieder hört und er halbwegs vorbereitet ist. Es wird so kommen. Sicher. Ich weiß, richtig vorbereitet kann man darauf nicht sein, aber ich möchte, dass es nicht wie ein Genickschlag auf ihn einschlägt. Ob das richtig ist, weiß ich nicht...

  • Guten Morgen schwarzerkater

    guten Morgen zusammen,


    mal wieder vielen lieben Dank für deine sehr konstruktive Rückmeldung.

    Mein Gefühl sagt mir, dass es vielleicht besser wäre, wenn du deinen Vater nicht jetzt schon auf die kommende Katastrophe vorbereitest.

    Vielleicht hast Du damit recht. Selbst wenn es dazu kommt, so, wie ich meinen Vater kenne, nimmt er diesen Umstand dann höchst persönlich, trotz 'besseren Wissens', dass es nicht sie ist, sondern die Demenz. Ich persönlich könnte damit umgehen, bei ihm mache ich mir dann doch Sorgen.

    Vielleicht (und das ist eventuell auch zu bedenken) steckt dein Vater ebenso schon in einer demenziellen Symptomatik - das kündigt sich meist lange vorab an, oft auch als Depression.

    Auf Depressionen wird er schon seit -zig Jahren behandelt. Die Psychologin meinte in einem gemeinsamen Gespräch, mein Unfall sei in all den Jahren in jeder einzelnen Sprechstunde allgegenwärtig.


    Trotzdem, auch bei ihm fallen uns inzwischen schon etliche Merkmale auf, die darauf hinweisen. Einfach nur Fragen nach dem Tagesgeschehen beantwortet er mir meistens mit 'Ich weiß nicht'.


    Er selbst sagt auch immer wieder, er glaube, dass es bei ihm auch anfange… Allerdings habe ich gelesen, dass es bei den Partnern von Dementen zu massiver Unterforderung des eigenen Gehirns kommt und damit auch demente Verhaltensweisen auftreten. Inwieweit das tatsächlich stimmt, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist das auch nur Wunschdenken von mir - weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

    Und ich habe inzwischen verstanden, dass Demente ihre eigene Situation ggf. als gar nicht so schlimm empfinden. Sie merken ab einem Zeitpunkt X nicht mehr, was alles verloren gegangen ist und wichtig ist, dass sie sich möglichst in einem zufriedenen Zustand befinden, wo alle Last, alles Leid von ihnen abfällt. Sie leben wirklich im Augenblick und freuen sich über Dinge, für die sie früher vielleicht gar nicht offen waren. Es ist eine komplett andere Welt!

    Das meinte ich, als ich schrieb, sie lebt in ihrer eigenen Bubble. Für sie ist alles kein Problem, es ist alles gut und sie ist zufrieden, wie es ist.

    Aber unsere Aufgabe ist m.E., immer mehr von der Lebenswelt der kranken Person her zu denken ...: Wie geht es ihr? Leidet sie? Was kann ich tun, dass so wenig Stress wie nur möglich bei ihr ankommt?

    Um das 'Seelenheil' meiner Mutter mache ich mir aus o.g. Gründen (Bubble) die wenigsten Gedanken. Meine größte Sorge ist mein Vater. In einem früheren Beitrag habe ich schon geschrieben, dass die Mutter meines Vaters mit 88 Jahren ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hat. Das senkt die Hemmschwelle natürlich ungemein.

    Vielleicht kannst du für deine Eltern mal zusammen eine geriatrische Reha organisieren?

    Auch das habe ich meinen Eltern schon mehrfach vorgeschlagen, als sie wieder mal den Plan hatten, Pfingsten mit dem Auto in die Abruzzen (ca. 1000 km) zu fahren. Zwar keine geriatrische Reha, weil ich nicht wusste, dass es das gibt, aber doch eine Kur für beide, in der sich um Mom gekümmert wird und er 'sporteln' kann. Außerdem hätte er deutschsprachige Urologen in greifbarer Nähe. Nein, das möchten sie nicht. Ich werde es ihm aber nochmal nahelegen und mich darüber informieren…


    Ich wünsche Dir und dem Rest der Community einen stressfreien Tag!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Zebulon, den Gedanken an den Urlaub möchte ich heute aufgreifen, weil er auf mehreren Ebenen hilfreich werden könnte.

    Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat dazu eine aktuelle Übersicht erarbeitet. Vermutlich profitiert Ihr Vater auch sehr von den Angeboten für pflegende Angehörige und bekommt so einen Impuls und Beistand in seiner Depression.


    Hier der Link:

    https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwi20cfh6_mAAxVbRPEDHXPHDhIQFnoECBIQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.deutsche-alzheimer.de%2Ffileadmin%2FAlz%2Fpdf%2FFlyer_und_Dokumente%2FUrlaubsreisen_DAlzG.pdf&usg=AOvVaw2n_8ybptDdsZ7GaJxirbOS&opi=89978449


    Eine Alternative wäre auch eine Kur oder Behandlung in einer Klinik, früher hatte die Klinik in Bad Eibling einen guten Ruf, weil dort auch die Angehörigen systematische unterstützt und mit-behandelt wurden und vermutlich noch werden.

    Bei einer langen Urlaubsfahrt teile ich Ihre Bedenken!


    Ein solcher "Urlaub" bietet gleichzeitig die Möglichkeit von Abstand und Neuanfang, den Sie in dieser Zeit in zwei Richtungen gestalten können: Sie können sich das Pflegeheim in der Nachbarschaft ansehen und alle Vorbereitungen für den PlanB treffen. Je mehr Sie von dem Heim überzeugt sind, desto eher können Sie Ihren Vater überzeugen. Wichtig ist, dass er im Heim seine Frau genauso gut begleiten und unterstützen kann.


    Die Alternative liegt z.B. in gezielten Veränderungen im Garten, um das Grundproblem mit den Nachbarn zu entschärfen.

    Die Frage ist: Was muss Ihre Mutter in ihrer demenzbedingt veränderten Wahrnehmung sehen, dass Sie nicht in den fremden Garten geht oder sich zu langen Spaziergängen in die Nachbarschaft eingeladen fühlt.


    Mit einem bewährten Beispiel in der Wohnung möchte ich das verdeutlichen: Wenn die Toilette neben der Eingangstür offen ist und Licht brennt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Mensch mit Demenz in der Wohnung bleibt. Wenn im Flur etwas liegt, was die Aufmerksamkeit aus sich zieht und zum Tätig-werden anregt, kann dies interessanter sein, als ein Spaziergang...


    Es freut mich zu lesen, dass die Nachbarschaft (noch) relativ entspannt mit den Besuchen umgeht, ganz so wie wir es uns in einem "demenzfreundlichen Dorf" vorstellen. Menschen helfen dann eher, wenn sie wissen, wie Sie helfen können, ohne eine große Last der Verantwortung zu übernehmen.


    Ihnen viel Kraft und kreative Ideen, Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sohn83, danke für Ihr "update" und den Bericht, wie hilfreich die Psychotherapie für Sie ist. Gerade die mitlesenden Männer könnten damit eine kleine Entscheidungshilfe bekommen, denn Männern fällt eine Psychotherapie oft sehr viel schwerer als Frauen.


    Es freut mich, dass Sie kleine Rituale finden, um die Trauerphase gut abzuschießen, das Bild mit dem Eisessen kann ich mir sehr lebendig vorstellen.


    Wenn Sie nach Ihrer zentnerschweren Erfahrung mit der Pflege Ihres Vaters zum Pflegeexperten der Familie werden, können Sie hoffentlich die Grenzen ziehen, ohne die der/die Expert*in keine Expert*in wäre... Ich erinnere mich daran, wie sehr es Sie beschäftigt hat, dass Sie weder Rat noch Tat bekommen haben.

    Ich wünsche Ihnen viel Freude auf Ihrem weiteren Web, Ihr Martin Hamborg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Silly, auch ich möchte Ihnen von Herzen wünschen, dass sich Ihre Mutter gut in das Heim einlebt und Sie selbst in diese neue Rolle. Vielleicht helfen die wertvollen Gedanken von Herrn Gust, dass Sie kompetentes Handeln bei den Pflegenden beobachten können. Fragen Sie bitte nach dem "Eingewöhnungskonzept" für Ihre Mutter. Je mehr Sie daran beteiligt sind, desto besser ist dies bei der nächsten Prüfung durch den MD (früher MDK = Medizinischer Dienst).

    Alles Gute für den Neuen Abschnitt, Ihr Martin Hamborg

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