Wie geht es euch - Kapitel V

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  • Vielen lieben Dank Ihnen Herr Hamborg und natürlich auch allen anderen für die guten Urlaubswünsche. Wir werden unser Bestes tun, um uns gut zu erholen und alles zu genießen. Einen Plan B gibts in diesem Fall nicht ;)

    Seid alle lieb gegrüßt und bis demnächst :)

    Eure Stern

  • Liebe Stern,

    genieße Deinen Urlaub und versuche die bedrückenden Gedanken zu verscheuchen... Ich erzähle meiner Mutter auch nicht mehr, wann ich wo bin, es bringt nix.

    Komm gesund und erholt zurück.

    Liebe Grüße taybeere

  • Aber ich muss doch noch einmal eine Frage in die Runde werfen....


    Dazu kurz erklärt: Mutter, 97, lebt alleine in einer Wohnung, wird täglich mehrfach betreut, täglich mehrfach angerufen...


    Heute erklärte sie mir, es sei alles in Ordnung, aber die Uhr, Beschreibung der Uhr folgte, ginge nicht mehr und ich solle kommen sie richten.... Ich erklärte, dass ich mir die Uhr am Donnerstag ansehen würde....

    Beim nächsten Anruf waren dann zwei Uhren defekt, sie habe die verglichen und die stimmen alle nicht und ich solle kommen.... ich gab die gleiche Antwort.... sie habe ja noch genug andere Uhren und ich würde mir alles am Donnerstag anschauen. Dann müsse sie sich eben bis dahin "bescheiden".... Dieses verdammte Triggerwort, mit dem sie oft schafft, dass ich dann doch hinfahre.


    Als ich heute Abend anrief, hatte ich den Pflegedienstmitarbeiter an der Strippe, Mutter sei grade im Bad.... Ich fragte, ob er mal schnell nach den Uhren schauen könne und er berichtete, dass alle in Ordnung sind. Als ich Mutter dann darauf ansprach, meinte sie, sie meine die anderen Uhren ... Es waren aber genau die, die sie beschrieben hatte....


    Ich hatte für einen Augenblick das Gefühl, dass sie etwas erfindet oder sucht, womit sie mich dann unter Druck setzen kann, damit ich komme.....

    Ist das eine böse Unterstellung von mir, oder kann bei aller Demenz und Vergesslichkeit dann doch so viel Trick und Gerissenheit sein? Ich bin überfragt!


    Sonst ist sie im Moment recht friedlich, ich muss sie mehrfach täglich anrufen, sage ihr jedes Mal, dass das ihr "bestellter Anruf" sei, es gibt nichts zu sagen aber es gibt auch keinen Stress....

    Und ich habe am Donnerstag von Ihr Blumen bekommen.... zum ersten Mal seit über drei Jahren.... habe mich sehr gefreut, sage es auch bei fast jedem Anruf...


    So, das war es für heute, ich danke Euch fürs Zuhören/Lesen.

    Schönen Sonntag

    Taybeere

  • Liebe Taybeere,

    bin zwar nur "Fachmann aus Erfahrung", habe aber Ähnliches schon ziemlich oft erlebt und glaube nicht, dass das ein Trick ist. Eher ein Versuch aus einer Situation raus zu kommen, wenn sie spürt, dass irgendetwas falsch läuft.

    2 Beispiele: meine Mutter behauptet, dass S (ihre Nichte) da war. Meist belasse ich es dabei, aber wenn ich dann doch mal sage; "das kann nicht sein, S wohnt 500 km entfernt und kommt erst im Sommer wieder", kommt die Antwort; "ich meine doch die andere S". Letzte Woche war ihre Handtasche weg, wir haben gesucht und dann kam die Ansage "M (ich) war hier, die muss die mitgenommen haben". Auf meinen Einwand "aber ich bin doch jetzt da und habe deine Tasche nicht", kam wieder die Antwort: "Ich meine doch die andere M!".


    Meine Mutter ist jetzt im Heim, aber ich weiß noch, wie schwierig es war, als ich mich wegen vermeintlicher Notfälle ins Auto setzen und über eine Stunde zu ihr fahren musste. Ich glaube, damals war ich mir auch sicher, dass solche falschen Aussagen ein Trick sind, um mich zum Kommen zu bewegen.


    Heute denke ich, dass ist einfach eine Seite der Demenz und eine Sache, mit der wir irgendwie klar kommen und die wir tolerieren müssen.


    VG never20

  • Hallo never20,


    Danke für Deine Zeilen. Sie helfen mir sehr. Ich habe immer noch das Gefühl, meiner Mutter Unrecht zu tun, wenn ich ihr zunehmend weniger glaube.


    Es ist so traurig zu sehen, wie ein vormals hoch intelligenter Mensch inzwischen vorwiegend haarsträubende Märchen erzählt....


    Herzliche Grüße

    Taybeere

  • Hallo Taybeere,

    Deine Mutter wird das alles, genau wie meine, genauso erleben, das Gehirn spielt ihr quasi einen Streich, ich denke so wie Tagträume - von daher spiele ich nun immer mit, dass ihre Mama nun gegenüber wohnt, sie mal zu Besuch kam, karneval könne im Heim nur stattfinden, wenn ihr Bruder X eine Büttenrede halt(hat er früher in seiner Heimat, ist aber lange tot). Aber wie gesagt, für sie ist es so, ganz ernsthaft und wenn ich ganz normal drauf eingehe ("wie schön" o.ä.) läuft es gut.

    Vllt nimmt dir das etwas Groll, denn damit schaden wir uns dann wieder selbst. Deine Mutter kann und weiß es nicht besser, sie sucht wahrscheinlich Kontakt mit den Anrufen und du entscheidest vllt besser, wann und wie oft du dran gehst, wenn deine Mutter das nicht anders einteilen kann.

    Liebe Grüße

  • Liebe Taybeere -


    ich kann mich Rose und never nur anschließen. Ich habe mit meiner Mutter sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Da fehlte dann Geld oder Kleidung war nicht mehr am angestammten Platz im Kleiderschrank oder Schmuck war weg - immer mit der Aussage, den hat Tanja mitgenommen (oder geklaut, je nach Gemütslage). Wenn ich ihr dann am Telefon sagte, das ich die Dinge nicht verlegt oder mitgenommen hätte, kam "Nicht Du, die andere Tanja". Irgendwann habe ich das dann nicht mehr kommentiert. Auch mein Vater (der damals schon verstorben war), war da oder ihr "anderer" Mann - der allerdings regelmäßig mit der Nachbarin weggelaufen ist. Wir können das nicht nachvollziehen, aber nach einer dieser Episoden habe ich erkannt, dass meine Mutter fest daran glaubt und habe nicht mehr dagegen argumentiert. Das scheint eines der Zeichen der Demenz zu sein.

  • Ihr Lieben, was Ihr, Taybeere, Rose, Never und Tanja beschreibt, ist wohl „normal“ für bestimmte Stadien der Demenz. Rose hat wohl eine Strategie gefunden, die nahe an der Validation ist. Da wird die Wahrheit des Demenzerkrankten so stehen gelassen, ohne eine Realitätsorientierung vorzunehmen…allerdings wird da normalerweise nichts „Falsches“ bestätigt.

    Aber egal, meines Erachtens wäre hier die einzige einfachere Methode die der Realtitatsorientierung (Deine Mutter/Bruder ist doch tot…) und das wäre, zumal es ja immer wieder angewandt werden müsste, schlimm für den Erkrankten: er würde immer wieder den Verlust und den Schock neu erleben.


    Also ist das, was Rose macht(e), eine prima Sache. Denn in der Welt des Erkrankten wird die Zeit ja allmählich zurückgedreht und da leben die Verstorbenen eben noch. Und in dieser Welt, wo sie sich gerade aufhalten, sollen wir sie ja mit der Validation bestätigen.


    Die Steigerung wäre evtl., bei den genannten Details vorsichtig „hineinzufragen“: Also bei den Büttenreden des Bruders von Rose etwa so etwas wie: „Oh wie schön, weißt Du noch was „Name des Bruders“ in seiner schönsten Rede sagte?“ Damit dürfen beide Realitäten gleichberechtigt nebeneinander stehen und die Mutter darf sich sogar mit dem Thema näher beschäftigen, auf das sie ja offensichtlich stolz ist, und so eine Stärkung erfahren.

    Bei den Uhren von Deiner Mutter, liebe Taybeere, wäre interessant, was denn in ihrer Wirklichkeit tatsächlich hinter diesem Thema steckt…es könnte zB sein, dass Deiner Mutter der Umgang mit dem Thema Zeit immer schwerer fällt, ihr die „Aussagen“ auf der/den Uhren immer weniger sagen…dann wäre es für einen Demenzerkrankten „normal“, die Schuld auf die Uhr(en) zu schieben, deren Aussage sie zunehmend verwirren. Der Ruf nach Dir, Taybeere, ließe sich dann so übersetzen, dass sie sich von Dir die Orientierung wieder zurückwünscht. Auf „Demenzisch“ wäre das dann ein „komm bitte und richte die Uhren wieder“.


    Eigentlich zeigt das dann ihr Vertrauen in Dich.


    Dass es dann „die anderen“ Uhren waren, ist die natürliche Reaktion darauf, „ertappt“ zu sein. jedoch: anders konnte sie ihr Problem, was ihr selbst evtl. irgendwie unangenehm auffiel, ohne es kognitiv verstehen zu können, nicht mitteilen. Und wenn dann keine Hilfe auf der ihr zugänglichen Ebene erfolgt, weicht sie eben aus („die anderen“).

    Evtl. könnte hier ein vorsichtiges und liebevolles Hinterfragen helfen: „Oh, die Uhr geht nicht… was zeigt sie denn an?“ „Ach so, das was sie zeigt, kann gar nicht sein? Weißt Du was, dann schau mal, ob Die andere Uhr das besser macht…Ich guck mir die falsche dann gleich beim nächsten mal, wenn ich bei Dir bin, an.“ Damit wäre sie ernst genommen, dürfte in „ihrer Welt“ bleiben und Du bietest ihr die Aussicht auf eine Lösung des (eigentlich darunter liegenden) Problems an, nämlich, dass Du es Dir anschaust. Das alleine beruhigt sie evtl. schon.

  • Hallo mauerflower,

    Die Zeit, in der ich mehrmals quasi die "Todesnachrichten" überbracht habe, dass ihre Eltern und Brüder nicht mehr leben, hatten wir durchaus mal, ich wollte ehrlich sein und musste mich erstmal beraten lassen, wie man es besser macht. Meine Mutter war dann jedesmal total fertig und beim nächsten Mal oder schon nach wenigen Minuten fragte sie wieder, ob ich ihre Mama nochmal besucht habe - das konnte ich ja ehrlich verneinen, aber die aktuelle Strategie führt auf jeden Fall in die Entspannung. Also alles gut😉

  • Das mit der Validation finde ich super interessant. Ich fange auch gerade erst an mich damit zu beschäftigen. Und übe ein bisschen. Heute die Situation, mein Vater ruft mich an. Und ist der festen Überzeugung, dass sein Mitbewohner seine Brillen manipuliert hat. Sie sehen genauso aus wie vorher, auch das Namensschild ist dran. Aber sie funktionieren nicht mehr. Er kann damit nicht mehr sehen.


    Früher hätte ich versucht, logisch zu argumentieren. Aber ich habe ja dazugelernt. Also bedauere ich ihn, dass die Brillen jetzt nicht mehr richtig funktionieren. Und stelle ihm einen Aussicht, dass wir bei nächster Gelegenheit mal zum Optiker gehen, und gucken ob die Brillen noch so in Ordnung sind.


    Während seiner Zeit in der gerontologischen Psychiatrie, konnte ich mir von sehr gut geschultem Personal einiges abschauen. An einem Tag traf ich meinen Vater total aufgelöst. Er war der festen Überzeugung, in einem der Zimmer würde eine Frau liegen, mit der er ein uneheliches Kind hat. Und jetzt die ganzen Alimente nachzahlen muss und auch immer auf das Kind aufpassen. Er wollte dann gar nicht rausgehen, weil er das Kind nicht alleine lassen wollte. Und eine sehr kompetente Pflegekraft, hat ihm einfach gesagt, sie würde in der Zeit nach dem Kind schauen und es wäre in guten Händen. Wir könnten rausgehen und dann war es auch wieder vergessen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob es im Einzelfall nicht auch richtig ist, die falsche Welt zu bestätigen.

  • Liebe Sabine, was für ein toller Bericht, danke! Ich liebe sowas.

    Vermutlich ist es in der Gerontopsychiatrie nochmal etwas anderes als in einem „normalen“ Pflegeheim- hier geht es wohl vorrangig darum, den Erkrankten zu beruhigen und aus seiner (in dem Fall) Wahnvorstellung rauszuholen.

    Als meine Mutter noch in der Gerontopsychiatrie war, habe ich auch so manches validiert, was ich heute nicht mehr so machen würde. Man muss die Intervention dem momentanen geistigen/psychischen Zustand des Betroffenen anpassen.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo in die Runde, danke für die wertvollen Erfahrungen und Beispiele für Validation von Fehlwahrnehmungen, Verkennungen und den Erinnerungen in denen der Mensch mit Demenz gerade lebt.


    Validation ist kein Zauberwerk, aber es funktioniert oft nicht, wenn neben der Demenz eine Depression, eine Persönlichkeitsstörung, ein Wahn, eine Sucht ... oder körperliche Symptome, Schmerzen usw. im Vordergrund stehen. Viele Jahre habe ich dieses Wissen in der Ausbildungen zur Validation weitergegeben, gerade weil auch Profis sehr oft an ihre Grenzen kommen und an sich zweifeln.


    Kerngedanken von Validation ist das Erkennen von Gefühlen und Antrieben, unbedingte Wertschätzung, der Respekt vor der subjektiven Welt in der der Mensch mit Demenz gerade lebt und die Begleitung in seinem oder ihrem Erleben ohne zu Lügen und "echte" den gefühlten Wahrheiten gegenüberzustellen.

    Bitte probieren Sie sich aus und berichten hier!

    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo ihr Lieben! Wollte mal ein kurzes Update schreiben: Mein Vater hatte gestern sein einjähriges Jubiläum im Heim.


    Er hat sich sehr gut eingelebt, was wir ja eigentlich nie erwartet hätten. Leider hat er körperlich sehr abgebaut. Und zwar hat es ihn ganz besonders beim Gehen schwer erwischt. Er schlurft eigentlich nur noch in Minischritten, wenn man ihn beidseitig unterhakt und zieht. Aufstehen fällt ihm schwer, aber Hinsetzen ist am allerschlimmsten -- er versteht nicht mehr, dass er sich umdrehen muss. Wir bugsieren ihn zur Toilette, er kippt leicht nach vorne, hält sich an den Behinderten-Haltegriffen fest und denkt, er kann sich hinsetzen, obwohl er noch direkt vor der Toilette steht, also noch eine 180 Grad Wendung machen müsste. Schlimm! Ansonsten ist er noch recht gut drauf, freundlich (im Heim immer, zu meiner Mutter und mir meistens), will nicht mehr mit nach Hause und ist eigentlich recht teilnamslos, egal ob man was erzählt oder sich verabschiedet. Er hat einige "Freundinnen" gefunden, die gerne bei ihm sitzen und ihm die Hand streicheln. Am Sonntag setzten wir ihn nach einem schwierigen Spaziergang neben eine alte Dame aufs Sofa und sie griff beherzt seine Hand und sagte, "du hast ja ganz kalte Hände." Meine Mutter setzte sich dann etwas eifersüchtig auf die andere Seite und nahm die andere Hand.


    Das Heim ist wirklich toll, es wird gut und gesund gekocht, die Angestellten gehen sehr freudlich mit den Bewohnern um, es wird gesungen und getanzt. Man will ihn auch nicht in den Rollstuhl bugsieren, sondern möglichst lange aktiv halten. Für uns war es ja nur ein glücklicher Zufall, dass er in diesem Heim gelandet ist, aber wie mir damals von vielen Seiten gesagt wurde, haben die dank der antrophosophischen Ausrichtung schon ein besonderes Händchen mit schwierigen Demenz-Patienten.

  • Hallo Oichoa


    ich habe interessiert Deinen Bericht mitgelesen. Es tut gut, etwas Positives aus einem Heim zu lesen. Hier kommt das anscheinend öfters vor.


    Darf ich fragen, wo diese Heim liegt? Gerade weil Du erwähnt hast, dass dort gesund gekocht wird. Das ist in anderen deutschen Heimen oftmals nicht der Fall.


    Liebe Grüße

  • Hallo Teuteburger -- es ist ein Heim, wo nach anthroposophischen Grundsätzen gehandelt wird. Wir hatten damit nie etwas am Hut, aber das Heim wurde uns von einigen Seiten als ideal für schwierige Demenzpatienten empfohlen. Und es hat sich auch wirklich als ganz hervorragend herausgestellt. Solche Heime gibt es in ganz Deutschland; hier ist die Website der Organisation: https://www.nikodemuswerk.de/

  • Ihr Lieben,

    Gestern war ich nach fast vier Wochen bei meiner Mutter im Heim , sie hat den längeren Abstand offensichtlich nicht registriert und ich brauchte die Zeit wegen anderer Aufregung zu alten Themen. Sie war wie immer die letzten Monate entspannt und zufrieden, aber nun dauerhaft in ihrer eigenen (eher alten) Welt versunken, anfangs waren es nur Phasen, nun eben anhaltend.

    Sie hat nun das Gefühl, dass meine Schwester, die lange Jahre fast täglich bei meiner Mutter war und die letzten 4-5 Jahre nur alle paar Monate, nun ständig in ihrer Nähe ist, irgendwo im gleichen Haus wohnt und sie sie täglich sehe. Das finde ich total schön, dass es sich so gewandelt hat, da meine Schwester sehr am schlechten Gewissen litt.

    Vielleicht macht es also anderen Mut, die noch viel mit den Angehörigen zetern.

    Die Sprache wird immer schwerfälliger und weniger, wir haben einfach auch viel zusammen geschwiegen , aber sie hat offenbar immer noch das Gefühl, dass ich regelmäßig komme.

    Meinen "Wahrheitstag" (bzgl.meines verstorbenen Bruders) habe ich nochmal aufgeschoben, um den Urlaub meiner Schwester abzuwarten.. ich gehe immer noch von einer heftigen Reaktion aus und momentan hat meine Mutter eh Probleme mit Asthma.

    Durch den größeren Abstand meiner Besuche hat sich mein Groll ziemlich gelegt, auf eine große Mitschuld meiner Mutter, die ich hier nicht ausführen will und habe die Zeit genutzt um meinen erwachsenen Kindern m.E.wichtige Dinge zu schildern, die mein Leben und die Beziehung zu meinen Eltern krass beeinflusst haben. Auch das kostete gerade Kraft, ich mag einfach diese wabernden Familiengeheimnisse nicht, die dann die Kinder verunsichern und irgendwie in der Bindung unangenehm halten. Das auch damit sie nicht das Gefühl haben, sie sind mir etwas schuldig und für meine unangenehmen Gefühle mitverantwortlich. Jetzt kann ich das noch bei Verstand machen und das Ganze schriftlich.

    Das habe ich monatelang vor mir her geschoben, aber zum Glück gute Reaktionen bekommen, bei einem "Kind" sogar große Erleichterung.

    Tja, so geht's mir, gehört nicht alles zum Demenzthema, aber doch zum Umgang damit, wenn es die eigenen Eltern betrifft.

    Seid alle herzlich gegrüßt!

  • Liebe Rose,


    irgendwer hat hier geschrieben, die Pflege alter Menschen sei für die Pflegenden sinnstiftend. Das ist wohl wahr – so wie auch Kinder Aufziehen, eine Partnerschaft oder eine gute Arbeit sinnstiftend sein kann.

    Ich möchte zur Altenpflege noch ergänzen, dass sie auch „krampflösend“ ist. Sie löst in uns, den Pflegeverantwortlichen, Verspannungen und Verhärtungen, die sich im Lauf des Lebens zwangsläufig und vielleicht gegen unseren Willen herausgebildet haben. Diese Krampflösung ist ganz bestimmt nicht schmerzfrei, aber auf längere Sicht heilsam.

    Ich glaube, durch die Erfahrung der Pflege unserer Alten – selbst wenn es widerborstige Menschen sind – gehen wir sorgsamer mit uns und unseren Mitmenschen um. Gerade mit den schwer begreifbaren Demenzkranken üben wir unsere Empathie.

    Meinem Schwiegervater hatte ich als Nachruf geschrieben: „Menschen wie er hinterlassen uns den Auftrag, anderen zurückzugeben, was er uns an Güte geschenkt.“

    Gegen Schwiegermutter hege ich immer noch Groll, weil sie mir und meiner Frau die „sinnstiftende Pflege“ herzlich schwer und letztlich unmöglich gemacht hat. Aber „krampflösend“ hat sie auch auf mich und auf meine Frau gewirkt. Unser Verhältnis hat in dem ständigen Stress und den ständigen Sorgen nicht nur standgehalten, sondern ist gewachsen. Dafür kann ich Schwiegermutter danken.

  • Du klingst so positiv und aufgeräumt liebe Rose, ich hoffe es geht Dir auch so gut, wie ich es aus den Zeilen interpretiere.


    Geheimnisse. Ja, da sagst Du was. Die Eltern meines Mannes haben immer von einem düsteren Geheimnis in der Familie gesprochen. Nur angedeutet und dann wieder das Thema gewechselt. Sein Vater verstarb damals sehr schnell, den konnte er nicht mehr fragen. Seine Mutter hat - nach dem Tod des Vater - immer nur Andeutungen gemacht und von einer Schuld gesprochen, die er nicht tilgen kann (also mein Mann). Er hat sie so gebeten, vor ihrem Tod noch reinen Tisch damit zu machen. Nein, hat sie nicht, konnte sie dann auch zum Schluss nicht mehr. Dann ist sie verstorben. Und an diesem Geheimnis knackt mein Mann jetzt. Es kann alles oder nichts sein. Und das belastet ihn. Deshalb finde ich es sehr gut, dass Du mit deinen Kindern reinen Tisch machst. Wenn unsere Tochter alt genug ist zu verstehen, werde ich es mit ihr genau so machen. Sie soll ihre Großeltern weiterhin lieben können, aber auch verstehen, dass es Menschen mit Fehlern sind / waren, die das Leben ihrer Kinder auch negativ beeinflusst haben.


    Euch allen ein schönes Wochenende.

  • Buchenberg: an dem Begriff "Krampflösend" hänge ich noch etwas, aber es wird etwas dran sein. Den Spruch für deinen Schwiegervater finde ich total schön, er wird es verdient haben. So etwas ähnliches habe ich meiner lieben Schwiegermutter zu ihrem 90. Geburtstag geschrieben, diese erfahrene Güte kann in uns fortwirken und als Beispiel dienen. Ich freue mich für euch, dass die Beziehung deiner Frau und dir standgehalten hat, denn es war doch eine lange Belastung für euch, gleich zwei alte Menschen und hoffe, dass es nun mit der Schwiegermutter noch eine sanftere letzte Lebenszeit wird.


    Schwiegertochter: ganz lieben Dank für deine Antwort, ich hatte schon fast überlegt meinen persönlichen Beitrag zu löschen und zweifelte immer noch, ob mein Schreiben an meine drei Großen passend war, eine hat es auch noch nicht ganz gelesen, aber das dürfen sie ja machen, wie es passt. Und für deinen Mann tut es mir aufrichtig leid, dass er nun mit einer schweren Bürde rumläuft, die niemand mehr auflösen kann. Schlimm!! Doch als Erwachsener sollte man ja einschätzen können, ob man wirklich Schuld auf sich geladen hat oder da "nur" etwas Manipulatives hinter steckt. Ich wünsche es ihm.

    Liebe Grüße

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