Wie geht es euch - Kapitel V

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  • Lieber Sohn83 ,

    da kommen mir tatsächlich etwas Tränchen. Wie schön, dass du von einer neuen Beziehung nun schreibst und dich freust, auf das was kommt!! Ich kann mich noch so gut dran erinnern, dass du dich zum Ende der Pflege deines Vaters wohl oft verloren, überfordert und ausgeliefert empfunden hast - so habe ich es in Erinnerung. Toll, dass du deinen Mut zusammen genommen hast, auch bzgl. Outing!! Chapeau!

    Dass es im 21. Jahrhundert immer noch solch ein Thema ist. Mir ist doch auch egal, ob jemand Rechts- oder Linkshänder ist..

    Ganz liebe Grüße

  • Gerade wollte ich auch Sohn83 antworten, da kam Deine Reaktion zuvor, liebe Rose.

    Aber ich kann mich Deinen Worten voller Überzeugung anschließen und ebenso Sohn:

    "Ich kannte es nicht anders"

    Ja, das ist eine heftige Falle, es nicht anders zu kennen. Heute schaudert es mich so richtig, von was allem ich glaubte, das ist "normal". Wie viel Leid dieses "normal" in meine Familie gebracht hat, in meine erste und in meine zweite Ehe, über meine Kinder und Enkel, das begreife ich auch erst so richtig im Rahmen meiner Therapie (seit vier Jahren) und ich kann auch da Sohn83 nur verstärken: es ist wie ein Sicherheitsnetz.

    Ich war ja wirklich schon fast abgebrüht und glaubte, auch psychologisch mit viel Wissen gesegtnet zu sein (bin ich auch), aber im eigenen Seelenwust brauche ich doch Begleitung um an die ganz heftigen Dinge ran zu können. Dass da vieles erst jetzt nach dem Tod der Mutter aufbricht, ich mit 71 Jahren dran komme, das hätte ich nie erwartet.

    Danke Sohn83 für diesen neuen Thread, ich glaube, er kann für viele recht hilfreich sein, vielleicht sogar gerade, weil er aus der Zeit nach der aktiven, belastenden Pflege entstanden ist.

  • Ja, dieser Spruch "ich kannte es nicht anders", sagt mir auch was. Ich habe mich in den letzten Jahren oft geärgert über mich und mich gefragt, warum ich nicht den Kontakt abgebrochen habe zu meiner Familie u.v.m.

    Man stellt lange nicht infrage was man nicht anders kennt.

  • Rose und ecia, vielen Dank für Eure lieben Worte. Bzgl. Outing und meiner Probleme möchte ich gar nicht viel schreiben. Das Problem lag größtenteils in meinem Kopf ist aber auch ein Folge des Elternhauses. Tatsächlich habe ich bisher keine einzige schlechte Reaktion erlebt. z.b. Tante 84 Jahre " Ja passt doch auch" ;)

    aber im eigenen Seelenwust brauche ich doch Begleitung um an die ganz heftigen Dinge ran zu können

    Da hast du es auf den Punkt gebracht. Die objektive Perspektive eines Außenstehenden der es aber gelernt hat direkt hinter die Fassade zu blicken.


    Ich habe mich während meiner Therapie gerade zu Beginn (also den Phasen mit häufigeren Sitzungen) oft gefragt. "Irgendwie habe ich mir Therapie ganz anders vorgestellt, viel hmmm "klinischer" ist vielleicht ein passender Ausdruck". Ich habe es lange gar nicht gemerkt wie durch kleine behutsame Anstupser die "Lawine" langsam ins Rollen kam. Vielleicht war es auch Instinkt bei der Wahl der Psychologin oder einfach nur großes Glück.

  • Dann fällt aber plötzlich der Vorhang und man sieht sein bisheriges "Leben" mit ganz anderen Augen, ordnet Dinge neu ein. Man sieht wo man aktiv manipuliert wurde um ein bestimmtes "Ergebnis" zu erreichen.

    Sehr treffend formuliert! Genauso war es. Man fragt sich immer wieder: "Wie blöd war ich, das nicht zu merken!" Und was haben sich die Eltern dabei gedacht? Was hätten Sie davon gehabt, wenn das Ergebnis so herausgekommen ist.


    "Ich war ja wirklich schon fast abgebrüht und glaubte, auch psychologisch mit viel Wissen gesegtnet zu sein (bin ich auch), aber im eigenen Seelenwust brauche ich doch Begleitung um an die ganz heftigen Dinge ran zu können."


    Im Augenblick hilft mir das Forum ungemein.


    Ich bin ja anders als ecia25 und Sohn83 bin ich ja schon im Prozess es Loslösens, obwohl meine Eltern noch leben.


    Erkennen kann ich dies jetzt erst. Wie du schon geschrieben hast "Ich kannte es nicht anders" ich dachte das wäre "Normal". Intressant ist, ich komme jetzt mit viel mehr Menschen in Kontakt, Leute die meinen Vater kannten, Familienmitglieder wo oft seit 20 Jahren kein Kontakt mehr bestand obwohl sie keine 2km entfernt wohnten. Diese bestätigen meine "neue" Einschätzung der Dinge sehr nachdrücklich. So ergibt sich langsam ein deutlich gewandeltes Gesamtbild.

    Die vielen Gespräche mit alten Weggefährten (meiner Eltern) waren sehr aufschlussreich. Am Anfang habe ich vieles in meiner Trauer nicht richtig verstanden, habe es aber aufgeschrieben und später noch mal gelesen. Außerdem hat mich eine liebe Freundin, die (anfangs) eher auf der Seite meiner Eltern war sehr geholfen. Sie hat alles immer wieder ins rechte Licht gerückt.


    Jede Geschichte ist unterschiedlich, aber nachdem man einige gelesen hat kann man manchmal im Text schon ahnen wie es weitergeht. Versteht ihr was ich meine?

    Ich verstehe genau, was Du meinst. Das Forum mit seinen Schreiber:innen ist ein ungeheures Potential, quasi wie eine Zeitmaschine.


    Theoretisch kann jeder einsteigen und er/sie wird über die Historie oder auch über die Zukunft informiert. Man kann jederzeit einsteigen oder auch aussteigen und nur noch still mitlesen.


    Deshalb finde ich das Bild mit dem gemeinsamen Boot mit den Ruderern, die die Aufgabe des Ruderns übernehmen, wenn einer von den Schreibern nicht mehr weiter weis.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sohn83, danke für Ihren Beitrag, ich bin sicher, dass er vielen hier im Forum Mut macht, dass auch nach einer so langen und schweren Zeit als Hauptpflegeperson ein wunderbarer neuer Lebensabschnitt kommen kann.

    Das wünsche ich Ihnen auch von Herzen!!


    Hallo Rose60, auch Ihnen möchte ich danken, dass Sie hier Ihre Trauer geteilt haben und hier eine so wertvolle Resonanz ausgelöst haben!


    Schön, dass sich Ihre Mutter wieder etwas erholt hat. Der Weg der Trauer bleibt trotzdem hilfreich, weil Sie damit gute Voraussetzungen dafür haben, in einem gelingenden langen Abschied gemeinsam mit Ihrer Mutter weiter über sich hinauszuwachsen. So wie ich Sie hier über die Jahre kennengelernt habe, kann das eine ganz besondere Erfahrung sein und ich freue mich, dass Sie diese mit uns hier teilen!


    Ihnen viel Kraft und viele ganz große Momente auf diesem Weg, Ihr Martin Hamborg


    PS. Kurz auf Ihre Frage: Zum Glück stimmt es nicht, dass mit Ü90 3 Tage ohne Mobilitätsübungen zur Immobilität führen.

    Solche Sätze können als sich-selbst-erfüllende Prophezeiungen sogar sehr schädlich sein, denn das biologische Alter spielt eine viel geringere Rolle als viele andere Risikofaktoren ...


    Aber selbst wenn die Entscheidung für eine Palliative Pflege (ohne gezielte Mobilisierung) gefallen ist, kann dies zu einer intuitiven Um-Entscheidung auch bei Menschen mit Demenz führen und einen unerwarteten Motivationsschub auslösen. Diese Erfahrung hilft bei der großen Entscheidungslast im Ringen um die Palliative Pflege...

  • Hallo lieber Sohn,


    ich kann mich hier auch nur anschließen. Es ist bereits so vieles gesagt worden, was ich ähnlich formuliert hätte, so dass ich einfach nur Danke sagen will, für das, was Du mit uns geteilt hast.


    Liebe Grüße von Teuteburger

  • Hallo schwarzerkater,


    Vielen Lieben Dank für deine Zeilen. (Auch an die anderen;-)) Nein, ich sehe in deinen Sätzen keine Anmaßung. Ganz und gar nicht. Was du schreibst ist ja genau richtig.


    Ich habe ja meine Mutter schon sehr früh verloren (gut 30 Jahre her) daher kenne ich den Prozess ja eigentlich. Meine Mutter wäre nochmal ein ganz anderes Kapitel, den das war ein sehr sehr komplizierte Frau.


    Ich habe meinen Vater geliebt, das wird auch immer so bleiben, trotz allem. Mein Papa kam aus keinem schönen Elternhaus, er hat selbst keine schöne Jugend gehabt und stand immer allein ohne Unterstützung. Das dies alles eine große Rolle darin spielt warum er so war wie er war darüber bin ich mir im klaren.


    Bei mir spielt es ein wenig mit rein das ich meinen Vater wirklich als zwei komplett gegensätzliche Versionen seiner selbst erlebt habe. Den Vater den ich nach seinem Herzanfall gepflegt habe, mit diesem bin ich nicht aufgewachsen. Das war im Grunde ein sehr lieber, sehr kindlicher, sehr emotionaler Mann. Außer dem äußeren hatten diese zwei Versionen praktisch nichts miteinander gemein. Der Mann mit dem ich aufgewachsen bin war da ein ganz anderes Kaliber. Für mich war das ja auch tatsächlich ein großes Problem während der Pflege.

    Mein (stark dementer) Vater brauchte immer Nähe, immer Aufmerksamkeit, immer Beschäftigung, brauchte immer jemanden um sich, wollte getröstet werden, konnte nicht alleine bleiben weil er dann in Panik, Angst und Verwirrung abgedriftet ist. All die Sachen die ich selbst nie bekommen habe hat er nun von mir täglich und den ganzen Tag eingefordert. Damit war ich manchmal einfach komplett emotional überfordert. Auch wenn vielleicht manche jetzt aufstöhnen, emotional gesehen war das nicht mehr mein Vater, das war eher mein Kind.


    Es ist im Moment alles gut so wie es ist.

  • Lieber Sohn83.

    Du schreibst hier viele Gedanken, die mir auch durch den Kopf gehen. Das Gefühl von umgekehrter Eltern-Kind-Beziehung. Bei einer starken Persönlichkeitsveränderung. Auch das erlebe ich. Im Kern bleibt bei mir eine tiefe Verbundenheit mit dem doch immer noch selben Menschen. Er ist nicht mehr der Vater, der sich im Laufe meines Lebens vom Wegweiser zum Weggefährten und nun zum Wegsuchenden entwickelt hat.


    Alles was ich tue und auch entbehre für ihn, mache ich aus dem Bauchgefühl, das Richtige zu tun. Trotzdem ist es hilfreich, für sich selbst die eigene Motivation zu reflektieren. Für mich ist es die enge Verbindung und auch ganz schlichte Nächstenliebe. Wenn ich nun für eine Zeit die Wegweisende im Dschungel der Demenz sei kann, dann bin ich das gerne.


    Ich sehe das als wichtige Stütze in einer emotional höchst belastenden Phase für beide Elternteile. Wenn mein Vater mehr in seine eigene Welt entrückt ist, kann und werde ich ihn loslassen. Aber im Moment kann und möchte ich ihm ein bisschen normalen Alltag ermöglichen. So lange es geht...


    Ich liebe meinen Beruf und arbeite gerne viel und intensiv. Aber nun scheint eine Zeit gekommen zu sein, in der ich auch mal meinen inneren Leistungsdruck in der Arbeit beiseite schieben darf und mich anderen Dingen zuwende. Auch das fühlt sich für mich absolut richtig an... (und ich habe das unbezahlbare Glück eines Arbeitgebers, bei dem der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin als Mensch gesehen wird. Dafür bin ich sehr dankbar).


    Ab morgen beginnt die Probezeit im neuen Job der häuslichen Pflege. Mal sehen, wie gut es meinem Vater und mir gelingt.


    Liebe Grüße Sabine

  • Liebe alle -


    ein kurzes Update von mir. Meine Mutter kam von knapp 10 Tagen mit Bronchitis und Fieber ins Krankenhaus. Ein sehr netter Arzt rief mich an und sagt, dass es nicht gut aussieht. Zwei Tage später der nächste Anruf: Die Antibiotika schlagen nicht an - ich solle mich darauf einstellen, dass sie sterben könnte. Muss nicht sein, kann aber. In der darauf folgenden Nacht verstarb sie dann - ohne Schmerzen, sie ist einfach eingeschlafen. So hätte sie sich das gewünscht. Jetzt ist sie bei Gott und ihrer Mutter. Ich drücke euch alle.

  • Ach, liebe TanjaS , das ist ja ein Ding so schnell und relativ unkompliziert.

    Mein aufrichtiges Mitgefühl!! Aber ich freue mich, auch für deine Mutter, für diesen noch recht angenehmen Übergang "hinter den Horizont".

    Ich wünsche dir liebe Menschen an deine Seite und dass du gut mit der Situation klar kommst ❤️!

    Alles Liebe für dich und ich würde mich freuen in nächster Zeit noch von dir zu lesen hier. Du hast soviel Einsatz gezeigt und richtig viel einstecken müssen..

  • Liebe Tanja,


    du warst hier im Forum mehr Ratgebende als Ratsuchende – immer besonnen, immer mitfühlend.


    Deine Mutter ist uns allen vorausgegangen. Ich wünsche dir einen erfüllten Abschied.


    Vielleicht machst du es ja wie Sohn83 und meldest dich hin und wieder im Kreis derer zu Wort, die mit ihren Angehörigen den Weg noch gehen, den du zu Ende gegangen bist.


    Buchenberg

  • Liebe Tanja, aus kurz zurückliegender eigener Erfahrung von meiner Mutter her weiß ich, dass es trotz aller sonstigen Empfindungen doch sehr beruhigend ist, zu wissen, dass die Mutter einfach friedlich und ohne Leiden einschlafen durfte.
    Ich wünsche Dir, dadurch den gleichen Frieden empfinden zu dürfen, den mir diese Art geschenkt hat.

    Für die weitere Zeit viel Kraft, es kommt doch so viel auf einen zu.

    Ebenso schließe ich mich Buchenberg an: melde Dich bitte immer wieder mal hier, wenn Du Zeit und Energie findest.

  • Liebe TanjaS

    Mein aufrichtiges Beileid zum Tod Deiner Mutter.

    Deine Beiträge waren mir immer sehr wichtig, ich habe mich in so vielem wiedergefunden. Du warst bei allen Schwierigkeiten so stark, besonnen und reflektiert, das hat mir Mut gemacht.

    Ich wünsche Dir jetzt auch Kraft und Besonnenheit und irgendwann die Ruhe, alles zu verarbeiten.

    Liebe Grüße SunnyBee

  • Liebe TanjaS,


    mein aufrichtiges Beileid und Mitgefühl. Es freut mich für euch das deine Mutter friedlich ihren letzten Gang antreten konnte.


    Für die nächsten Tage und Wochen wünsche ich dir viel Kraft. Egal was du gerade empfindest ob viel oder wenig, das ist genau richtig so.

  • Liebe alle -


    einen ganz, ganz lieben Dank von mir für eure Anteilnahme. Ihr habt mir alle so sehr geholfen. Ich werde auch weiterhin hier mitlesen und Erfahrungen teilen. Dieses Forum ist so wichtig und es hat mir sehr viel Halt gegeben.

    Alles Liebe

    Tanja

  • Liebe Tanja!

    Auch ich möchte mein herzliches Beileid aussprechen und Dir recht viel Kraft und Ruhe fuer die kommende Zeit wuenschen!

    <3

    Liebe Gruesse

    Weit Weg

  • Liebe Tanja,


    auch von mir mein herzlichstes Beileid. Auch wenn Dein Kummer in naher Zukunft ein anderer sein wird, findest Du hier sicher weiterhin Beistand.


    Viel Kraft für die kommenden Wochen


    Valentina

  • Liebe Tanja,


    auch von mir ein herzliches Beileid. Ich freue mich einerseits auch für Deine Mama, dass sie auf diese Weise hinübergehen konnte. Das ging jetzt so schnell.


    Alles Gute und viel Kraft für die nächste Zeit.


    wünscht Teuteburger

  • Liebe Tanja,


    ich möchte dir ebenfalls mein Beileid aussprechen. Es ist schön zu hören, dass deine Mutter friedlich eingeschlafen ist und ihr ein langer Leidensweg erspart blieb.


    Ich wünsche dir ebenfalls viel Kraft!


    Finja

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