Meine Mutter lehnt Pflege ab

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  • Am 23.03.23 ist mein Vater (84) gestorben. Meine Mutter hatte ihn tot in der Küche gefunden und den Notruf gemacht, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt richtig verstanden hat, dass mein Vater tot ist.

    Jetzt ist meine Mutter (81) allein in ihrem Haus. Sie hat Alzheimer, soweit ich und mein Partner und Nachbarn das beurteilen können.


    Sie hat keinen Hausarzt (mehr), will auch zu keinem Arzt, denn ihr fehlt nichts, sagt sie. Sie will keine Hilfe, denn sie hat ja immer alles alleine gemacht und kann das jetzt auch weiterhin, sagt sie (kann sie definitiv NICHT). Wir haben ihr letzte Woche ein paar Lebensmittel und Sprudel gekauft, aber ich bezweifele, dass sie richtig isst, sie ist abgemagert, soweit ich das beurteilen kann.


    Ich habe sie auf einen Pflegedienst angesprochen, das hat sie vehement abgelehnt. Ich kann ihr Lebensmittel kaufen, aber pflegen (duschen etc.) kann ich sie nicht. Ich kann es einfach nicht und wenn wir früher, als sie geistig noch beisammen war, darüber gesprochen haben, hatte sie gesagt, dass sie das weiß und auch nie verlangen würde. Sie verlangt ja jetzt auch nichts von mir, aber was soll ich denn jetzt machen, wenn sie einen Pflegedienst ablehnt?


    Ich bin verzweifelt, ich bin überfordert, ich weiß nicht, was ich machen soll.

    Ich habe soweit die Beerdigung organisiert. Ich war auf der Bank von meinen Eltern und habe eine Karte und Onlinebanking für mich beantragt (Vollmacht hatte mir mein Vater zu Lebzeiten erteilt). Ich muss sein Auto verkaufen, dass kriege ich auch irgendwie hin.


    Aber was soll ich bloß mit meiner Mutter machen? Ich weiß, ich müsste einen Pflegegrad für sie beantragen, aber dazu müsste sie ja untersucht werden und das will sie ja nicht. Ich kann sie, soweit ich informiert bin, zu nichts zwingen und das will ich ja auch gar nicht, aber was soll ich tun?


    Ich bin nervlich total am Ende. Ich habe ständig Panik, dass wieder das Telefon klingelt und diesmal meiner Mutter etwas passiert ist. Ich bin berufstätig, ich kann und will nicht meinen Job aufgeben. Ich will nicht zu meiner Mutter ziehen, ich wohne seit 20 Jahren mit meinem Partner zusammen (mit dem Auto ca. 45 Minuten Fahrtzeit von uns zu meiner Mutter). Ich kann doch nicht meinen Partner und mein bisheriges Leben "wegschmeißen". Ich bin 54, wer weiß, wie lange ich noch lebe bzw. bei klarem Verstand bin oder bin ich zu egoistisch? Ich habe ein so schlechtes Gewissen, dass ich fast zugrunde gehe.


    Ich rufe meine Mutter einmal am Tag an, ob zu hören, ob alles in Ordnung ist. Richtig telefonieren ist bis auf ein paar Worte nicht möglich, sie hört schwer. Auch wenn wir da sind, kann man sich nicht wirklich mit ihr unterhalten. Sie hat immer den Fernseher an, aber ich bezweifele, dass sie da überhaupt was mitbekommt. Sie sagt immer nur, es wäre alles in Ordnung und wenn man fremde Hilfe auch nur erwähnt, will sie das nicht und ich möchte sie nicht aufregen. Sie hat glücklicherweise sehr liebe Nachbarn, die ein bisschen auf sie achten, aber was sie im Haus tut oder nicht tut, wissen die natürlich auch nicht.


    Ich weiß beim besten Willen nicht, was ich tun soll. Soll ich Betreuung beim Gericht beantragen? Ich möchte nichts machen, von dem ich weiß, dass sie das nicht will, auch wenn sie jetzt geistig nicht mehr in der Lage ist, das zu beurteilen. Ich bin mit der Situation total überfordert. Was soll ich tun?

  • Hallo Ivy,

    Erstmal meine Anteilnahme zum Todes deines Vaters und zusätzlich nun zur schwierigen Lage mit deiner Mutter.

    Niemand kann von dir verlangen, dein Leben aufzugeben und zu deiner Mutter zu ziehen, das schreibt auch kein Gesetz vor!

    Ich würde mich für die möglichen nächsten Schritte an den sozialpsychiatrischen Dienst der zuständigen Stadt wenden, die kennen sich auch in eurer Gegend aus.

    Dann gibt es doch vermutlich irgendeinen Hausarzt, vllt deines Vaters? Vllt kannst du mit dem sprechen und er bestellt deine Mutter unter einem Vorwand ein oder macht einen Hausbesuch?

    Also so hältst du es ja auch nicht aus, irgendwie etwas einstielen möchtest du schon, oder? Verantwortung übernehmen heißt nicht alles selbst machen, sondern kann auch organisieren von Hilfe bedeuten.

    Es stimmt schon, dass man niemandem Hilfe aufzwingen kann, nur bei Selbst- oder Fremdgefährdung.

    Wann was der Fall ist, kannst du besser einschätzen.

    Das fürs erste von meiner Seite.

    LG

  • Liebe Ivy,
    jeder Tod eines vertrauten Menschen macht uns ärmer.

    Zu befürchten ist allerdings, dass deine Mutter bald folgen wird.
    Dass deine Mutter Hilfe verweigert, kann von Starrsinn oder von sonst was herkommen, aber wo diese Verweigerung hinführt, ist absehbar: Ihre Verweigerungshaltung führt – bewusst oder unbewusst – in den schleichenden Suicid.


    Der Verkauf des Autos kann warten. Ich denke, die optimale Lösung für deine Mutter und für dich wäre eine Kurzzeitpflege in einem Altenheim – quasi als Kuraufenthalt nach dem Verlust ihres Mannes. Im Heim wäre deine Mutter versorgt und das Heim kann meines Wissens alles Weitere veranlassen.


    Ansonsten fände (als Voraussetzung für die Tätigkeit eines Pflegedienstes) die Begutachtung des Medizinischen Dienstes in der Wohnung deiner Mutter statt und du solltest unbedingt dabei sein. Diese Begutachtung veranlasst die Krankenkasse deiner Mutter. Formulare für diesen Antrag hat die Krankenkasse auch auf ihrer Website, am besten du rufst bei ihrer Krankenkasse an.


    Lieben Gruß!

    Buchenberg

  • Eigentlich ne gute Idee mit der Kurzzeitpflege als Kur verkauft, aber dafür braucht man nach meiner Erfahrung auch eine anerkannte Pflegestufe und wenn das nicht gegeben ist, muss die erst bei der Krankenkasse beantragt werden.

    LG Rose 60

  • Liebe Ivy,

    mein aufrichtiges Beileid zum Tod deines Vaters!


    Vor knapp 8 Jahren war ich in einer ganz ähnlichen Situation wie du. Vater verstorben, Mutter plötzlich allein, dement, ich berufstätig, eine reichliche Fahrstunde entfernt.....u.s.w.

    Wie Rose 60 vorgeschlagen hat, bin ich auch recht bald zum Sozialdienst gegangen, die haben mir zwar nicht geholfen (können sie auch erst, wenn eine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt) aber irgendwie hat man das Problem erst mal benannt. Bei uns gab es zwar eine Hausärztin, die das Problem erkannt hatte, die konnte aber auch nicht helfen. Meine Mutter war, als es ihr noch gut ging, nie bereit, sich mit der Frage zu befassen, was soll mal werden, wenn es mir nicht mehr gut geht.

    Mein wichtigster Rat an dich wäre: abwarten und Tee trinken!

    Biete deine Hilfe an, fahr ein- zweimal die Woche hin, schau, was du tun kannst und lass es laufen. Bei mir war es so, dass ich immer weitere Hilfen installieren konnte: Pflegedienst, Putzfrau, den medizinischen Dienst hab ich bestellt, und der war dann eben einfach da. Du kannst deiner Mutter nichts aufzwingen und irgendwann werden sich Lösungen aufzeigen.

    Meine Mutter ist jetzt seit drei Jahren im Pflegeheim, nachdem sie fast ihr Haus abgebrannt hatte und in diesem Zusammenhang schwer gestürzt war. Sie fühlt sich im Pflegeheim nicht wohl. O.K. ihr kann jetzt nichts mehr passieren, sie wird dort wirklich gut und liebevoll umsorgt, aber ich frage mich bis heute, ob es nicht besser gewesen wäre, sie in einfach weiter "wursteln" zu lassen.....

    Zu befürchten ist allerdings, dass deine Mutter bald folgen wird.
    Dass deine Mutter Hilfe verweigert, kann von Starrsinn oder von sonst was herkommen, aber wo diese Verweigerung hinführt, ist absehbar: Ihre Verweigerungshaltung führt – bewusst oder unbewusst – in den schleichenden Suicid.

    Kann ich so nicht bestätigen, meine Mutter ist, trotz absoluter Verweigerung - abgesehen von ihrer Demenz - bis heute fit.


    Viele Grüße never20

  • Hallo.

    Bei uns war es genau so.

    Meine Mutter hatte zwar einen Pflegedienst, aber sie ließ ihn nicht mehr in die Wohnung, weil sie weder mit der Uhrzeit noch dem Datum klar kam.

    Sie hat ihr Insulin nicht mehr gespritzt und mit ihrem Leben gespielt, hat alles an Hilfe verweigert, weil sie ja so gut alleine klar kam. Ironie off!

    Wenn sie sich nicht gemeldet hat, saß sie meistens hilflos in der Wohnung.

    Oder sie rief mich mitten in der Nacht an.

    Ich bin nur noch für sie gerannt.

    Nach mehreren Stürzen und immer schlimmer werdender Verwirrung habe ich eine gesetzliche Betreuung angeregt.

    Bei uns macht es eine fremde Person, aber du kannst kannst dich ja als Betreuerin vorschlagen.

    Dann hast du das Recht Entscheidungen zu treffen, wenn das Gutachten ergibt, dass deine Mutter ihre Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln kann.

    Einen Pflegegrad bei ihrer Krankenkasse kannst du auch mit einfacher Vollmacht beantragen.

    Meine Mutter ist nach einem Sturz ins Krankenhaus gekommen, dort bekam sie die Betreuerin, weil das KH neben mir auch eine Betreuung angeregt hat.

    Ich wollte nicht die Beteuerin sein, mein Bruder macht gar nichts.

    Es musste schnell gehen, ich habe das Gericht wirklich genervt.

    Vom Krankenhaus kam sie dann in die Übergangspflege.

    Und wenn die jetzt durch ist, wird ein Beschluss nötig sein sie dauerhaft im Pflegeheim zu lassen.

    Sorry, dass ich so mit der Tür ins Haus falle.

    Bei uns gab es kein Abwarten und Tee trinken, auch der sozialpsychiatrische Dienst hat uns null weiter gebracht.

    Die Dame wurde nämlich von meiner Mutter ins Bockshorn gejagt.

    Trotz Demenz konnte sie prima täuschen, oder gerade deswegen.


    LG

    Einmal editiert, zuletzt von Carolina89 ()

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Ivy, herzliches Beileid zum Verlust Ihres Vaters. Ich hoffe das Mitgefühl und die Gelassenheit hier aus der Runde hilft etwas. Haben Sie schon die Pflegekasse Ihrer Mutter erreicht, - für die plötzliche Pflegebedürftigkeit eines Elternteils sieht der Gesetzgeber ja 10 Tage Sonderurlaub - von der Kasse bezahlt - vor. IN diesem Zusammenhang sollte die Eileinstufung mit einem Pflegegrad gelingen, sodass auch eine Kurzzeitpflege finanziert werden kann.

    Haben Sie den sozialpsychiatrischen Dienst schon erreicht? Wie Rose60 schrieb, können die Kolleg*innen dann im akuten Notfall schneller handeln, Sie beraten und ein bisschen Verantwortung übernehmen.


    Wenn Ihre Mutter die erforderliche Hilfe ablehnt können Sie erstmal nur abwarten. Manchmal haben die Kinder Glück und es gibt den richtigen Moment für eine Entscheidung zur Hilfe.


    Aber - wenn Sie sich hier im Forum einlesen - ist es oft ein langer zäher Prozess, bis es endlich den richtigen Moment gibt. Manchmal ist das leider nur bei einem Sturz möglich, einer Verletzung und anderen Dingen, die wir eigentlich vermeiden wollen.


    Vom Krankenhaus aus ist alles leichter, jedenfalls wenn dort ein Sozialdienst tätig ist. Wenn Sie sich jetzt einen PlanB machen, Heime ansehen, nach Kurzzeitpflege fragen, den Seniorenbeirat oder die regionale Alzheimer Gesellschaft ansprechen, können Sie im Notfall schnell handeln - und wenn der sozialpsychiatrische Dienst informiert ist, wird auch eine Einweisung in das Krankenhaus wahrscheinlicher.


    In diesem Sinne hat es - von Außen betrachtet - wenig Aussicht auf Erfolg, wenn Sie sich das Hirn zermartern und nach dem richtigen Weg zur Einsicht suchen.

    Der Kontakt zu den Nachbarn ist hilfreich und wenn Ihre Mutter Essen und Trinken annimmt und Sie als Tochter den Kontakt halten können ist das wertvoll. Manchmal hilft auch ein kleiner Trick: Sie bewundern, wie Ihre Mutter das alles hinbekommt und bieten eine kleine Hilfe an…

    Ihnen viel Kraft, Klarheit und die hilfreiche Helfer im großen Netzwerk um den Menschen mit Demenz, Ihr Martin Hamborg

  • Vielen Dank für eure Beiträge. Es hilft mir sehr zu wissen, dass andere gleiche/ähnliche Probleme haben wie ich und es irgendwie immer Lösungen gibt oder es wenigstens irgendwie immer weitergeht.


    Wahrscheinlich will ich zu viel auf einmal, es funktioniert aber alles nicht so schnell, wie ich es gerne hätte, ich muss versuchen, damit klarzukommen. Mein Vater ist gerade mal 10 Tage tot und am Anfang war ich wie in einem Schockzustand, glaube ich. Mittlerweile bin ich etwas ruhiger geworden, ich gehe auch wieder arbeiten. Die Routine hilft mir, die Arbeit lenkt mich ab und ich habe das Gefühl, wieder ich zu sein und mein Leben wieder etwas unter Kontrolle zu haben.


    Ich muss jetzt erst einmal einen Termin für die Urnenbeisetzung mit dem Bestattungsinstitut machen. Am Tag als mein Vater starb und der Mitarbeiter vom Bestattungsinstitut da war, hatte meine Mutter gesagt, dass nur wir (meine Mutter, mein Partner und ich) teilnehmen, sie wollte eine schlichte Beisetzung ohne Trauerfeier. Mein Vater hat keine Verwandten mehr, nur meine Mutter hat noch welche, aber zu denen ist der Kontakt schon seit geraumer Zeit abgebrochen. Mein Partner meint, ich sollte die Verwandten trotzdem informieren, auch wenn sie nicht zur Beisetzung kommen, aber da habe ich überhaupt keinen Nerv zu.


    Mir graut es jetzt schon davor, meiner Mutter den Bestattungstermin sagen zu müssen. Ich weiß nicht, wovor ich mehr Angst habe, dass sie mit zur Bestattung will oder dass sie nicht mitkommen will.


    LG Ivy

  • Hallo Ivy,

    Der Verlust eines nahen Angehörigen oder sonstwie nahestehenden Menschen ist immer erstmal ein gewisser Schock, selbst wenn man vorbereitet ist, die Endgültigkeit zu verarbeiten braucht Zeit und kostet viel Kraft. Ein Trauerprozess verläuft auch eher in Wellen, da kann man nicht auf Knopfdruck umschalten. Wie gut, dass du arbeiten gehen kannst und die "Normalität" des Alltags etwas ablenkt, wenn es mal schlechter wird, kannst du dich sicher auch krankschreiben lassen. Denn nun ist ja einiges zu erledigen, selbst wenn die Bestatter heute vieles übernehmen.

    Ich fand die Gespräche jetzt nach dem Tod meines Bruders jedesmal wieder aufwühlend.

    Allerdings habe ich auf eigene Faust noch Trauerkarten an einige Verwandte und meine Familienangehörigen verschickt, die Gestaltung hat mir selbst als Ritual gut getan, ich fand meinen Bruder damit mehr gewürdigt und nun dadurch unerwartet auch Karten oder nette Anrufe erhalten zu haben und das Mitgefühl zu spüren hat mir gut getan.

    Kannst ja mal überlegen, ob es dir gut tut, noch Menschen zu informieren.

    Wir haben auch extra eine Urne in den Farben des lieblings-Fussballvereins meines Bruders ausgesucht. All das sind wertvolle Rituale, finde ich, damit ein wertvoller Mensch nicht einfach so von der Welt verschwindet.

    Vor der Beisetzung am Mittwoch ist mir etwas bange..

    Liebe Grüße

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Ivy, auch ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie jetzt die erste Zeit der Trauer gut überstehen. Viele Trauernde funktionieren einfach nur und die Organisation der Trauerfeier ist ein wichtiger Schritt wieder ins Handeln zu kommen. Sie können sich schon in dieser Phase viele Gedanken machen, das ist zwar eine persönliche Stärke aber nicht immer förderlich...

    Ihnen viel Kraft und trotz allem schöne Ostertage, Ihr Martin Hamborg

  • Hallo zusammen,

    es ist viel passiert, aber ich hatte bisher den Kopf nicht frei genug, um etwas zu schreiben.


    Am 18.04. war die Urnenbeisetzung von meinem Vater, an der nur mein Partner und ich teilnahmen. Meine Mutter wollte nicht mit, weil es sie zu sehr aufregen würde, hatte sie gesagt. Es war trotzdem eine würdevolle und tröstliche Beisetzung dank dem Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens, der Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung und der Pfarrerin.


    Als wir am 20.04. bei meiner Mutter waren, ging es ihr nicht gut. Ihr war schwindlig und sie war unsicher beim Laufen. Ich wollte einen Arzt rufen, das hatte sie strikt abgelehnt, ihr würde nichts fehlen, sie sei nur zu schnell aufgestanden. Ich war natürlich noch mehr mit den Nerven fertig, als ich es ohnehin schon war.


    Die Beratungsstellen, mit denen ich telefoniert hatte, hatten alle gesagt, ich könnte gar nichts machen, wenn meine Mutter das nicht will, selbst wenn ihr Verhalten nicht gut für sie ist. Das verstehe ich einfach nicht, wird wirklich von einem verlangt, dass man einfach zuguckt, wie die Mutter zugrunde geht?


    Der sozialpsychiatrische Dienst hat mich auch nur an eine weitere behördliche Beratungsstelle verwiesen, wo mir dasselbe gesagt wurde, aber die Mitarbeiterin dort hatte sich schließlich wenigstens dazu bereit erklärt, bei meiner Mutter einmal einen Hausbesuch zu machen. Dazu ist es aber gar nicht mehr gekommen.


    Ich hatte meine Mutter ja jeden Tag angerufen. Wirklich mit ihr sprechen war zwar nicht möglich, sie sagte immer nur "ist alles in Ordnung" und das wars, aber ich wusste wenigstens, dass sie noch ans Telefon gehen kann.


    Am 26.04. konnte ich sie nicht erreichen und bin hingefahren. Sie hat nicht aufgemacht und ich bin dann mit meinem Schlüssel rein. Sie halb saß/halb lag auf dem Sofa, der Mund hing offen, Spucke lief raus, sie war nicht wirklich ansprechbar. Ich habe dann sofort den Rettungsdienst angerufen, ich dachte, sie hätte einen Schlaganfall.


    Seitdem ist sie im Krankenhaus. Schlaganfall hatte sie keinen, war aber dehydriert und in einem schlechten Allgemeinzustand, ist sie immer noch. Sie bekommt Flüssigkeit per Infusion, lässt Mundpflege zu, will aber nichts essen. Ich habe keine Ahnung, wie das mit der Nahrungsverweigerung weitergehen soll. Es gibt eine Patientenverfügung, wonach sie eine Magensonde ablehnt, aber ich kann jetzt nicht darüber nachdenken, sonst fange ich an zu heulen und kann nicht mehr aufhören. Ich kann nur hoffen, dass sie wieder Essen annimmt, ich verlasse mich da auf die Einschätzung der Ärzte, bisher war von einer Magensonde noch nicht die Rede.


    Ich stehe in Kontakt mit einer Mitarbeiterin des Sozialdienstes des Krankenhauses und habe jetzt endlich das Gefühl, Hilfe zu bekommen. Vorher bin ich ja gefühlt nur vor Wände gelaufen.


    Ich hatte vorher schon an die Betreuungsbehörde und das Amtsgericht geschrieben wegen der Einrichtung einer Betreuung und der Sozialdienst will mich nun dabei unterstützen.


    Die Mitarbeiterin sagte, nach dem jetzigen Stand des Zustands meiner Mutter wird sie in ein Pflegeheim müssen, da sie rund um die Uhr betreut werden muss. Das tut mir in der Seele weh, ich weiß, dass meine Mutter da nicht hin will, aber was soll ich tun? Ich kann sie auf gar keinen Fall selbst pflegen. Ich kann es einfach nicht, ich bin selbst psychisch labil und es ist jetzt so schlimm geworden, dass ich am Dienstag erstmal zu meinem Arzt gehe.


    Ich fühle mich seit dem Tod meines Vaters wie in "Dauer-Panik", ich habe oft Herzrasen und zeitweise Herzschmerzen. Ich nehme bereits Betablocker wegen zu hohem Blutdruck und habe das Gefühl, als würde das gar nichts mehr nützen. Ich fange oft an zu heulen und kann mich gar nicht mehr beruhigen.


    Als ich ein paar Sachen zu meiner Mutter ins Krankenhaus gebracht hatte, war ich nicht in der Lage, sie zu besuchen. Ich hatte mich so aufgeregt, dass ich fast umgekippt bin, als ich die Sachen im Stationszimmer abgab und fing an zu heulen. Mit wurde gesagt, ich soll besser nach Hause fahren (mein Partner war dabei, er ist gefahren, ich wäre dazu nicht fähig gewesen) und versuchen, mich zu beruhigen, ich müsse an mich und meine Gesundheit denken. Meine Mutter würde dort gut versorgt und es würde niemandem helfen, wenn ich am Ende auch in einer Klinik lande. Mein Partner ist auch der Auffassung, dass ich an mich selber denken muss.


    Ich weiß das alles selber, aber ich fühle mich so schuldig und egoistisch. Ich sage mir dauernd, ich muss mich zusammenreißen, es geht hier um meine Mutter, nicht um mich, aber das hilft natürlich auch nicht.


    Ich bin halt die schlechteste Tochter der der Welt, nichts ist so gelaufen, wie meine Eltern sich das von mir gewünscht haben. Ich habe beruflich nicht gemacht, was sie wollten, ich habe nicht bei ihnen im Haus gewohnt, ich habe keine Enkelkinder geliefert. Mein jetziger Partner hat nicht ihren Vorstellungen entsprochen und wenn wir sie zu Feiertagen und Geburtstagen besucht hatten, haben wir das auch zu spüren bekommen. Seit Corona ausbrach, hatten wir nur noch telefonischen Kontakt. Wir hatten sie seitdem erst letztes Jahr vor Weihnachten wieder besucht. Da haben wir gemerkt, dass mit meinen Eltern was nicht stimmt, beide hatten einen etwas dementen Eindruck auf uns gemacht. Wir wollten dann auch wieder öfter zu ihnen fahren, um die Sache im Auge zu behalten, aber dazu kam es leider nicht mehr. Mein Partner musste Anfang des Jahres ins Krankenhaus, er hat leider diverse Krankheiten. Dann waren wir irgendwie mit unseren eigenen Problemen beschäftigt und dann kam auch schon der 23.03., der Tag, an dem mein Vater starb.


    Das Letzte, was meine Mutter nuschelte, bevor der Rettungsdienst sie mitnahm, war "alles Scheiße". Da kann ich ihr nur Recht geben.

  • Oh weh, Ivy, auf Dich drängt jetzt aber alles herein, was geht! Das aber nicht nur durch die aktuellen Ereignisse, sondern in Deiner Beschreibung klingt deutlich durch, dass Dich auch die Vergangenheit mit Schuldgefühlen richtig plagt.

    Du hattest ja noch gar keine Zeit, den Tod Deines Vaters zu verarbeiten, da kamen die neuen großen Probleme und Unsicherheiten mit der Mutter und das wühlt bis in die tiefsten Tiefen, zurück in die Zeiten, als Du noch auf die Eltern und ihre Liebe und Anerkennung fürs Überleben angewiesen warst.


    Eigentlich wäre das natürlich wichtig, zu bearbeiten. Aber jetzt ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Ich denke aber, wenn die Unterbringung und Hilfen für Deine Mutter geregelt ist, wird es möglich sein. Bis dahin unternimm zwar das Nötige, um Deiner Mutter zu helfen, aber schaffe Dir Ruheräume, Schutzräume, damit Du nicht allen Boden unter den Füßen verlierst. Wenn es Dir so richtig schlecht geht, kannst Du niemandem mehr helfen, auch Dir selbst nicht.

    Ich wünsche Dir gutes Gelingen, halt die Ohren steif.

  • Liebe Ivy,

    Niemand aus deiner Umgebung und niemand hier im Forum macht dir einen Vorwurf. Allein du selbst bist dir Feind.

    Ich kann nur sagen: Wir können unser Leben nicht steuern wie wir ein Auto steuern. Und noch viel weniger können wir das Leben von anderen Menschen steuern - das Leben unserer Kinder, das Leben unserer Partnerinnen oder das Leben unserer Eltern.

  • Liebe Ivy -


    ich kann Deine Verzweiflung so gut nachvollziehen - bei meiner Mutter lief es fast genauso ab, es zog sich nur etwas länger. Zunächst einmal: Bitte höre auf Deinen Partner: Du musst auch an Dich selbst denken. Wenn Du zusammenbrichst, hilft das weder Dir noch Deiner Mutter. Das war mit der erste Rat, den ich von den tollen Mitgliedern hier im Forum erhalten habe. Ich weiß, es ist schwer zu akzeptieren, aber ich habe es nach einiger Zeit angenommen.

    Und nein: Du bist definitiv nicht die schlechteste Tochter der Welt. Du hast Dein für Dein Leben entschieden, das liegt nicht in der Macht Deiner Eltern. Gottseidank, sonst hätte meine Mutter mich mit 4 Jahren ins Ballett getrieben. :) Bitte mach Dir keine Vorwürfe! Ich weiß, dass ist schwer. Ich war in der gleichen Situation und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, aber es wird besser. Es dauert nur viel länger, sich wieder um sich selbst zu sorgen als dass man in die Falle der Schuldgefühle tappt. Ich wünsche Dir alles, alles Gute!!

  • Hallo Ivy,

    Es tut mir erstmal leid, dass mit deiner Mutter gleich die nächste Aufregung hinterherkam, so ging es mir ja kürzlich nach dem unerwarteten Tod meines Bruders, als dann gleich meine Mutter ins Krankenhaus kam. Da fühlte ich mich auch überfordert und da produziert der Körper oft alle möglichen Symptome wie Herzrasen , Unruhe, Schlafprobleme - ich muss es aktuell auch mit Medikamenten angehen, dafür wurden sie schließlich erfunden .

    Was mir aber genauso leidtut ist, dass du so ein schlechtes Selbstbild hast ("schlechteste Tochter der Welt"). Dafür kann man einiges tun!!

    Was ich in meinen Jahren der Psychotherapie etc.gelernt habe ist, jeder sollte um seiner selbst willen geliebt werden und nicht, weil du einen bestimmten Beruf ergreifst, den andere für dich bestimmen (deine Eltern) oder weil du Enkel für sie produzierst oder einen Partner nach ihrer Wahl hast - wir leben nicht mehr im Mittelalter!!

    Ob du in der Hinsicht etwas für dich tun willst (Psychotherapie, Reha-Maßnahme o.ä.) , kannst du selbst entscheiden oder ob du dich weiterhin wie ein Looser fühlen willst..

    Momentan hast du genug im Kopf zu verarbeiten, aber wenn sich alles etwas beruhigt, denk mal drüber nach;)

    Ich hoffe diese ehrlichen Worte sind ok, aber ich sage dir das, weil ich mich selbst jahrelang in diesem Dilemma befand und erlebt habe, dass man daraus kommen kann und sogar das Leben wieder genießen, sich selbst wertvoll fühlen u.v.m. Es fühlt sich wirklich besser an so ;)


    Deine Mutter wird nun versorgt, es ist offensichtlich, dass sie nicht mehr allein leben kann und der Zusammenbruch hat eine Veränderung ins Rollen gebracht, so wie bei soooo vielen hier vorher ein Sturz oder ähnliches Ereignis.

    Uns allen wird gelegentlich im Leben etwas vor die Füße geworfen, das wir uns nicht aussuchen würden und wir müssen einen Umgang damit finden - ohne Kontrolle, wie Buchenberg schreibt.

    Man kann sich damit sehr ohnmächtig fühlen - oder aber gelegentlich zu der Erkenntnis kommen, dass wir uns gar nicht immer so anstrengen müssen - denn wie der Rheinländer sagt "et kütt wie et kütt"..


    Liebe Grüße

  • Hallo Ivy, ich kenne diese Phasen wo alles scheisse ist auch etwas…

    Zuallererst - du hast gerade erst deinen Vater verloren, du hast ein Recht auf deine Trauer, auch wenn’s deiner Mutter gerade schlecht geht, das kann nicht bedeuten dass du deine Trauer mit all ihren Symptomen hinten anstellst, weil du bist auch nur ein Mensch. Und es ist eindeutig zu viel auf einmal.

    Du hast den Wunsch deiner Mutter nach Autonomie so lange respektiert wie es ging, und warst da als der Moment kam wo es nicht mehr ging. Und jetzt kannst du an den sozialen Dienst im Krankenhaus abgeben und es kann ihr geholfen werden.


    Auch ich möchte dir gerne sagen: lass dich nicht von Schuldgefühlen fertig machen. Ich kämpfe zwar auch damit und muss mir dann immer wieder klarmachen dass ich immer das meiner Ansicht nach für den jeweiligen Moment richtige getan habe- auch wenn es sich später herausstellen sollte dass es vielleicht auch anders gegangen wäre. Aber was kann man mehr machen? Und auch ohne Fehler funktioniert dieses Leben nicht.


    Und- ich kann das Leid meiner Mutter nicht von ihr nehmen, obwohl ich es so gerne täte…es ist ihr Leben…


    Halte durch und schau auf dich!

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