Demenz und Wahn

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  • Herzlichen Dank an euch Mitdenkende und Mitfühlende!
    Dieses Forum funktioniert besser als Verwandtschaft: Schwägerin hat auf meine letzten zwei Briefe noch nicht reagiert.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, auch ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie einen Weg finden, Ihre Schwägerin zu gewinnen, Ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen.

    Ihr "Brandbrief" kann da ein gutes Mosaik-Steinchen sein. Allerdings vermute ich, dass die Ursachen tiefer stecken. Gibt es bei Ihnen seriöse familientherapeutische Berater*innen, um z.B. durch eine "Aufstellung" neue Erkenntnisse für einen hilfreichen Zugang zu finden?


    Es freut mich, dass es trotz allem wieder eine neue Perspektive mit dem gerontopsychiatrischen Zentrum gibt, in diesem Zusammenhang könnten sie die Bedeutung der Tür thematisieren - vielleicht lässt sie sich durch eine intelligente Gestaltung deeskalierend nutzen.

    Ihnen viel Kraft, Ihr Martin Hamborg

  • Gibt es bei Ihnen seriöse familientherapeutische Berater*innen, um z.B. durch eine "Aufstellung" neue Erkenntnisse für einen hilfreichen Zugang zu finden?


    Es freut mich, dass es trotz allem wieder eine neue Perspektive mit dem gerontopsychiatrischen Zentrum gibt, in diesem Zusammenhang könnten sie die Bedeutung der Tür thematisieren -

    Ihnen viel Kraft, Ihr Martin Hamborg

    Hallo Herr Hamborg,

    ich habe nicht verstanden, für wen Sie eine Familientherapie vorschlagen und was sie ergeben soll.

    Meine Frau hat eine "Mutter-Tochter-Therapie" hinter sich, die zeigte, dass viele verletzende Verhaltensweisen ihrer Mutter, die jetzt verschärft auftreten, schon immer da waren, und Schädigungen bei der Tochter verursacht haben.
    Meine Frau und ich leben zwar mit den Schwiegereltern in einer WG, verstehen uns aber nicht als „Familie“. Meine Frau und ich sprechen die beiden nicht als „Mama“ und „Papa“ an, sondern nennen sie beim Vornamen. Das ist akzeptiert. Ich als Schwiegersohn habe keine emotionale Bindung an die Schwiegereltern. Ich handele nach dem chinesischen Grundsatz: ai wu ji wu („die Liebe zu einem Haus schließt die Krähe auf dem Dach ein“).
    So wie ich bisher meine Frau bei der Pflege ihrer Eltern unterstützt habe, werde ich meine Frau auch bei der Trennung von ihrer kranken Mutter unterstützen, bevor die Belastung und die Schäden bei ihr und bei mir zu groß werden.

    Unsere zeitweilig geschlossene Wohnungstür ist die Probe, ob Schwiegermutter unsere Grenzziehung und unsere zeitweilige Distanz akzeptiert. Jede professionelle Kranken- oder Altenpflegerin hat ein Recht auf zeitweilige Distanz und Erholung. Falls Schwiegermutter uns dieses Recht weiterhin verweigert, indem sie gegen die geschlossene Tür hämmert oder bei Nachbarn oder der Polizei deswegen "Hilfe" und Unterstützung sucht, kommen wir um eine dauerhafte Trennung nicht herum.


    Freundliche Grüße!

    Buchenberg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, aus Ihrem "Brandbrief" hatte ich eine große Not heraus- oder hineingelesen, die vielleicht von der anderen Sichtweise einer familientherapeutischen Maßnahme profitieren könnte - soweit, um meine Gedanken einzuordnen.


    Damit habe ich Sie vermutlich überinterpretiert, sorry.

    Danke für die Klarstellung, denn aus Ihrem Beitrag lese ich die Klarheit in der Einschätzung, im Handeln und in den Grenzen, die m.E. auch für Ihre Schwiegermutter eine gute Wirkung haben.

    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Buchenberg, aus Ihrem "Brandbrief" hatte ich eine große Not heraus- oder hineingelesen ...

    Ihr Martin Hamborg

    Ja, es ist große Not!
    Der Pflegedienst, der die Schwiegereltern täglich zweimal versorgt, hat uns ein Schreiben geschickt, in dem er sich über aggressives Verhalten der Schwiegermutter gegenüber ihren Pflegekräften beklagt.

    Das ist unsere Antwort:

    "Sehr geehrte Frau E.,

    bisher hatte meine Mutter bei drei verschiedenen Pflegekräften versucht, die Pflege und medizinische Versorgung ihres Ehemannes zu verhindern. Darüber machen wir uns nicht weniger Sorgen als Sie. Neu ist für mich und meinen Mann, dass meine Mutter auch handgreiflich gegenüber den Pflegekräften würde. Davon wurde uns bisher nichts berichtet und wir gehen davon aus, dass von meiner Mutter keine direkte Gefahr für die Pflegekräfte ausgeht. Besorgniserregend ist die Situation dennoch, weil die Mutter durch ihr Verhalten die Pflege und medizinische Versorgung ihres Mannes stört oder gar verhindert.

    Wir sind der Auffassung, dass dieses Verhalten nicht einfach ihrer Demenz zuzuschreiben ist, sondern dass bei ihr eine besondere psychische Störung vorliegt.

    Wir waren mit ihr am 4. Mai 2023 in der Ambulanzsprechstunde der KRH-Psychiatrie L. vorstellig und haben von Dr. M. eine ärztliche Verschreibung für Ambulante psychiatrische Pflege (APP) erhalten.

    Ihr erster APP-Termin ist leider nicht glücklich verlaufen. Ab dem 26. Juni können wir mit einer anderen ambulanten Therapeutin einen erneuten Termin machen.

    Die Psychiatrische Ambulanz L. hat uns auch empfohlen, im Konfliktfall die Notfallsanitäter zu rufen. Wir hoffen, dass dieser Weg von Ihren Pflegekräften mitgetragen wird.

    Auf Dauer gibt es wohl keine andere Lösung, als meine Mutter medikamentös so einzustellen, dass sie keine Gefahr für ihren Ehemann wird."

    Mit freundlichen Grüßen

    Frau und Herr B.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, ich wünsche Ihnen sehr, dass die Profis der Ambulanzsprechstunde gemeinsam mit dem Pflegedienst eine Möglichkeit finden.

    In solchen Fällen spreche ich gern von einer komplexen Intervention, in die alle Beteiligten eingebunden werden. Der Weg einer gemeinsamen not-wendenden Lösung ist meist auch für die Pflegenden im Pflegedienst eine Hilfe, mit unangenehmen und verletzenden Verhaltensweisen umzugehen. In Ihrem Brief ist dies deutlich geworden, Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg

  • Leider hat die Leitung des Pflegedienstes uns bestätigt, dass Schwiegermutter zwei Pflegekräfte geschlagen hat. Das ist nicht akzeptabel.
    Der zweite Versuch mit einer ambulanten Therapeutin wurde mit Hilfe meiner Frau und einer Portion Eis am Mittwoch ohne Konflikte über die Bühne gebracht.
    Wir sehen von Tag zu Tag, wie es weitergeht, aber unsere Nerven sind zum Zerreißen angespannt.

    Insgeheim warte ich auf ein "Gottesgeschenk".

    Einmal editiert, zuletzt von Buchenberg ()

  • Lieber Buchenberg, ich bete im Stillen für euch mit ....

    Danke dafür! Eigentlich haben weniger ich und meine Frau Gebete nötig als vielmehr Schwiegervater, der ungewollt zum Zankapfel geworden ist, und die Fürsorge und Zuneigung, die er von allen Menschen erfährt, (vermute ich) bei seiner Frau Neid und Aggression auslöst. Hinzu kommt, dass die Frau nichts mehr kann, aber immer über andere bestimmen will ("Das ist MEIN Mann!"). Dieser hohle Autoritätsanspruch bringt mich auf die Palme.

    Einmal editiert, zuletzt von Buchenberg ()

  • Aufgrund der jüngsten Vorfälle hat unsere Hausärztin Risperidon 0,5 für Schwiegermutter verschrieben. Meine Frau und ich haben hier im Forum alle Kommentare über das Medikament studiert. Die Kommentare sind überwiegend negativ.
    Aber: Wir wollen nichts unversucht lassen. Wir glauben, das Medikament ist ein Versuch wert und kann der Schwiegermutter im günstigsten Fall die Einweisung in die Geronto-Psychiatrie ersparen.
    Die Ärztin empfahl die Dosierung 1/2 - 0 - 1/2. Wir beginnen mit 1/2 - 0 - 0.

    Buchenberg und Frau.

    Einmal editiert, zuletzt von Buchenberg ()

  • Buchenberg ich denke dass bei Medikamenten wie Risperidon negative Erfahrungsberichte auch damit zusammenhängen, dass gerade zu Beginn die Nebenwirkungen deutlicher zu spüren sind und es ja mitunter auch ein wenig dauert, bis sie ihre volle Wirkung entfalten.


    Klar - schöner wäre ohne, aber ich denke ihr solltet es auf einen Versuch ankommen lassen. Der Gedanke, ihr die Psychiatrie so zu ersparen ist auf jeden Fall ein absolut verständlicher, der für diesen spricht.


    Meine Oma bekam diese auch irgendwann in derselben Stärke, allerdings nur zur Nacht. Die relevante Diagnose hierfür war eine wahnhafte Störung, v.a. in Form der vermeintlichen neuen einarmigen Geliebten (als sie vor Jahren mal im Krankenhaus war, war dort eine einarmige Patientin, die sie öfters besucht hatte) die nachts ihr Unwesen im Haus trieb. Ganz aus blieben diese Vorstellungen nicht, aber eine deutliche Besserung trat durchaus ein.


    Starke Nebenwirkungen konnten wir nicht beobachten, wenngleich sie einen 38-Tabletten-Cocktail einnahm und demnach eine Zuordnung eh schwierig geworden wäre. Klar, Schläfrigkeit am Abend und gelegentlich auch mal gesteigerter Antrieb mit wahrnehmbarer (aber positiv eingestellter) Bewusstseinstrübung, aber ansonsten vermag ich nichts schlechtes drüber sagen.


    In der Hoffnung dass du auf die Frage, ob ich dir denn eine Frage stellen dürfte mit "Ja" antwortest, würde ich dir gerne noch eine stellen. An anderer Stelle hatte ich ja berichtet, dass beim Opa vaskuläre Demenz diagnostiziert wurde (Anfangsstadium).


    Wie habt ihr das damals nach der Diagnose gehandhabt? Habt ihr gelegentlich darauf hingewiesen, dass eine solche bei (Schwieger-)Mutter/Vater besteht oder habt ihr das vermieden? Wenn ja, hat es irgendwas (positives) bewirkt? Ich frage vor dem Hintergrund, als das ja morgen Opas Rückkehr ansteht und ich nicht weiß ob man a) offen drüber sprechen sollte und b) man bei diversen Umgangsproblemen auch mal darauf verweisen kann, dass es nicht nur Vergesslichkeit ist.


    LG

  • Hallo enh,

    Bei Schwiegervater ist die Diagnose schon lange her. Inzwischen weiss er nicht mehr, was Demenz ist. Wenn Schwiegermutter auf zu hohem Ross sass, versuchte ich sie schon mit dem Hinweis auf ihre Demenz da runter zu holen, aber ganz ohne Erfolg. Sie wurde entweder giftig (du willst mich nur schlecht machen!) oder meinte, "Das wird auch wieder besser!" Manchmal hilft noch der Hinweis auf Ihr Alter.

    Ich denke inzwischen, man erreicht einen Demenzkranken nicht mehr mit der Wahrheit.

    LG Buchenberg

  • Hallo enh,

    Mir hat der Neurologe meiner Mutter schon vor 2-3 Jahren gesagt, nach seiner und allg. Erfahrung bringe es nichts die Diagnose zu kommunizieren. Ich habe bei meiner Mutter immer auf das Alter verwiesen und dass ich mit ü90 sicher auch vergesslich sein werde, wenn ich so alt werde.

    Meine Mutter würde es so oder so in wenigen Minuten vergessen, sie fühlt sich ja selbst Ende 50 alt. Fehlende Einsicht ist m.W.n.ein symptom von Demenz, es fehlen ja zunehmend die logischen Verknüpfungen.

    Leider ist manches ungewiss, der geistige Abbau kann deutlich langsamer gehen als bei Alzheimer, aber ich habe es bei einer Familienangehörigen auch erlebt, dass sie wenige Monate nach der Diagnose vaskuläre Demenz nicht mehr laufen konnte, so zahm war wie im ganzen Leben vorher nicht und dann starb. Bei meiner Mutter ist es sehr schleichend, mittlerweile über mehrere Jahre mit sehr wechselnden Phasen innerhalb eines Tages.

    Liebe Grüße

  • Hallo an alle,

    Mir hat der Neurologe meiner Mutter schon vor 2-3 Jahren gesagt, nach seiner und allg. Erfahrung bringe es nichts die Diagnose zu kommunizieren.

    ..ja so unterschiedlich sind die Neurologen...! Meine Mutter wurde von ihrer Hausärztin überzeugt, eine Neurologin aufzusuchen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das damals (vor 6 Jahren) geschafft hatte. Ich habe meine Mutter zu diesem Termin begleitet, und die Neurologin hat ihr damals nach kurzer Untersuchung mitgeteilt, dass sie bei ihr eine Demenz vermutet, weitere Untersuchungen wären aber erforderlich. Antwort meiner Mutter: "Das können Sie vergessen". Und damit war das Thema Neurologe erledigt. Ich weiß aber noch, dass ich über diese direkte Konfrontation damals sehr erschrocken war. Meine Mutter konnte das damals noch etwas erfassen und hat mir in dieser Situation furchtbar leid getan (und das, obwohl sie in dieser Phase unerträglich böse zu mir war). Mein Mitleid hatte sich aber dann auf der Heimfahrt wieder erledigt, weil meine Mutter mich auf das übelste beschimpft hat, mit dem Tenor: mein Ziel sei, sie für verrückt zu erklären. Seitdem wurde das Thema Demenz nie wieder angesprochen. Vor vier Jahren wurde meine Mutter nach einem Unfall und einem Krankenhausaufenthalt in die Psychiatrie überwiesen, dort wurde vaskuläre Demenz diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt war sie aber schon nicht mehr in der Lage, zu erfassen, was das bedeutet und die Ärzte haben ihr diese Diagnose auch nicht mitgeteilt.

    Bis heute weiß ich nicht, welcher Weg der richtige ist.

    Die Demenz hat sich langsam entwickelt. Anfangs haben wir es alle nicht dafür gehalten, sondern nur festgestellt, dass meine Mutter unerträglich wurde. Meine Mutter selbst hat dann anfangs selbst beklagt, dass sie sich nichts mehr merkt, aber NIE das Wort Demenz erwähnt (obwohl sie früher sehr deutliche Worte in Bezug auf andere dafür fand).

    Ich habe jetzt mal bei schwarzerkater geklaut, ganz genau so war es in der Anfangsphase bei uns auch!

    Jetzt ist meine Mutter seit drei Jahren in einem gut geführten und sehr schön gelegenen Pflegeheim. Leider gibt es bei uns das Problem, dass sie permanent die anderen Bewohner (von denen die meisten geistig sehr viel fitter sind als sie) angeht und alles besser weiß. Damit macht sie sich natürlich keine Freunde und ich bekomme immer ganz wilde Geschichten, die fernab jeder Realität sind, wie z.B. die verlangen ständig von mir, dass ich sie nach A oder B fahre, oder da sollte ich die ganze Fußballmannschaft verpflegen, was die sich einbilden....u.s.w. Das Ergebnis ist, dass sie sich von den anderen (die ja alle blöd sind) völlig isoliert hat. Sie nimmt an keiner Veranstaltung mehr teil und geht nur unter Druck und mit Widerwillen zum Essen.

    Leider finde ich dafür keine Lösung.


    VG

    never20

    .

  • Buchenberg  Rose60  schwarzerkater und never20 - danke für eure Antworten! Da ich vor einer knappen halben Stunde wach wurde und aufgrund einer gewissen Aufregung nicht wirklich ans Schlafen denken kann, habe ich mich umso mehr gefreut, sie zu lesen.


    Wie so oft, stelle ich auch hier fest, dass sich unsere Geschichten teils gleichen, aber natürlich immer auch individuelle Merkmale hervorstechen. Dass es sehr wahrscheinlich ist, dass ein/eine Demenzkranke/r eben keine Einsicht zeigt, deckt sich in gewisser Weise auch mit meinen bisherigen, noch recht frischen Erfahrungen.


    Der Hintergrund meiner Frage war bzw. ist vielleicht ganz banal: Gedanklich war ich in einer typischen Streiterei und versuche mich nicht provozieren zu lassen, als möglichen Ausweg habe ich darüber nachgedacht, dann eben auf einen Arzt- oder Entlassbericht zurückzugreifen (natürlich in Kopie ;) ) und ihm diesen beispielsweise zur Lektüre zu überlassen. Im besten Fall legt sich der Streit für den Moment, wobei ich keinesfalls die Erwartung habe, dass dies zukünftige Wortgefechte wirksam verhindern könnte, geschweige denn, dass er daraus langfristige Schlüsse ziehen könnte.


    Während ich dies schreibe, wird mir aber auch selbst bewusst, dass ich mich vielleicht generell um elegantere Methoden bemühen sollte, denn immer wieder auf die Krankheit zu verweisen, dürfte sich ja sicherlich nicht allzu positiv auf die allgemeine Stimmung auswirken. Auf einen Versuch werde ich es aber wohl dennoch ankommen lassen, denn ganz allgemein beeindrucken ihn offizielle Schriftstücke im Allgemeinen doch sehr.


    Zur Auswahl stehen ansonsten noch drei wirklich schöne Vögelbilderbücher, die ich unter Staubschichten im Schrank gefunden habe und die Strategie "Opern für Opa". Kommt es zum Streit und ich merke, ich lasse mich provozieren, will ich ihm diese an die Hand geben oder einfach eine Oper/ein Stück einschalten und mich zurückziehen.


    never20 Eine Patentlösung habe ich natürlich leider auch nicht und was nun moralisch fragwürdig ist oder nicht, möchte ich auch nicht definieren. Mein erster Gedanke beim Lesen war, dass vielleicht eine Aussage wie "So toll wie du die Mannschaft verpflegt hast, sind beim Essen alle ganz gespannt darauf dich zu sehen - also los..." - hierbei ignoriere ich natürlich völlig den genauen Zustand deiner Mutter und ob so eine Aussage überhaupt eine Wirkung hätte bzw. einen Nutzen hat, könntest wenn nur du allein abschätzen. Auch bin ich der Meinung dass solche Unwahrheiten, wenn sie denn zu einem sinnvollen Handeln (hier der Gang zum Essen) beitragen, absolut in Ordnung sind - es ist ja auch sehr wahrscheinlich dass diese trotz allem schnell in Vergessenheit gerät.


    Nunja, die Zeit läuft. Ich werde es nun doch nochmal mit etwas Schlaf probieren. Startet gut in den Tag!

  • Der Hintergrund meiner Frage war bzw. ist vielleicht ganz banal: Gedanklich war ich in einer typischen Streiterei ... Im besten Fall legt sich der Streit für den Moment, wobei ich keinesfalls die Erwartung habe, dass dies zukünftige Wortgefechte wirksam verhindern könnte, geschweige denn, dass er daraus langfristige Schlüsse ziehen könnte.

    Hallo enh,

    mein ganzes Leben war ein ständiges Streitgespräch - mit meinen Lehrern, mit meinen Vorgesetzten, mit dem ganzen Land und seiner Geschichte. Das war auch gut und richtig.
    Aber wenn ich jetzt mit einer Demenzkranken streite, fühle ich mich dumm und schuldig.


    Angesprochen hat das @schwarzerkater

    "Wichtig ist es, nicht gegen etwas anzukämpfen, wobei der Kampf zwecklos ist. Wenn es dir gelingt, den Widerstand von deiner Seite aus zu verringern, wirst du bald erste Erfolge sehen. Ich denke, du kannst NUR an dir selbst arbeiten, deine Verhalten an die Situation anpassen. ... Versuch bitte, den Schalter umzulegen ... Vielleicht ist es ein erster Schritt, nicht mehr wie im normalen Leben zu diskutieren, zu widersprechen..."

    Gruß Buchenberg

  • Buchenberg ich denke ich bin mir der Niederlage in diesem Kampf bewusst, aber will sie mir noch nicht gänzlich eingestehen. In jedem Fall ein sehr treffendes Zitat!


    Ich möchte deinen Thread hier nicht sprengen, aber der Tag war ok bis mittelmäßig. Der Empfang lief noch recht problemlos, er suchte im Wagen nach Süßigkeiten berichtete der Begleiter. Ich nahm die Tasche, wir gingen hinein und recht schnell auch hinaus in den Garten. Das der Rasen ja bald fällig wäre, war tatsächlich seine erste Bemerkung - ich nahms mit Humor.


    Natürlich fragte er nach Kontoauszügen. Meine Antwort, dass Papa diese der Buchhaltung seines Arbeitgebers zur Kontrolle übergeben hätte, kaufte er. Er wies jedoch darauf hin, dass er ja die Abbuchungen die ihn in der Psychiatrie erreicht hätten kontrollieren müsse.


    Überrascht hat mich der Entlassbericht. Die Diagnose ist zwar eindeutig, allerdings erreichte er beim Mini-Mental-State-Test (Standardtestverfahren Demenz) stolze. 28/30 Punkte. Auch der restliche Bericht. geht auf die sehr unterschiedlichen Tagesformen ein.


    Tatsächlich war mein Vater heute eher das Problem. Meine Bitte heute nicht groß zu streiten, sondern ihm ggf. einfach irgendwie zuzustimmen oder notfalls Quatsch zu erzählen, missverstand er und heizte sodann direkt die Stimmung wieder an. Als gegen 20 Uhr die Stimmung zu kippen drohte, entschloss ich mich zum recht zügigen Abflug. Der Pflegedienst war da und er ist der Meinung die Praktikantin hätte ihm gesagt, sie käme morgen um 10 zum Spritzen (nein, er kriegt keine Spritzen!). Naja, sie hat einen Schlüssel bekommen und mittags bin ich dann ja vor Ort.


    Auffällig ist, dass seine Schmerzmedikation komplett gestrichen wurde. Klagen oder Anzeichen konnte ich heute nicht erkennen, sodass ich hier gar nicht groß rebelliere. Neu hinzugekommen sind ebenfalls 0,5-0-0,5 mg Risperidon und Melperon 10 mg bei Bedarf bis zu 3 x 1 Tablette je 24 h. Zum Melperon muss ich nochmal Rücksprache halten, ob ich oder der Pflegedienst über die Einnahme entscheiden soll. Etwas verwirrend die Angabe auf dem Mediplan: "3x1 Tbl. je 24 h // 3h" - jemanden der mir hier weiterhelfen konnte, habe ich natürlich heute nicht erreicht.


    LG

  • Liebe Mitleidende,

    Ein Zwischenstand in Kürze:

    Die (halbe) Dosis Risperidon kommt bisher gut. Keine sichtbaren Nebenwirkungen, und Schwiegermutter kann hin und wieder lächeln, was wir seit Jahr und Tag nicht mehr erlebt haben. Morgen klärt meine Frau mit der Hausärztin unser weiteres Vorgehen.

    Die gestrige Geburtstagsfeier haben meine Frau und ich geschwänzt. Wir haben Wohnung und Gäste meiner Schwägerin überlassen und im Hotel übernachtet.

    Letzte Woche hatte ich Gesundheitscheck: ich bin gesünder als ich mich fühle!

    LG Buchenberg

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, es freut mich, dass das Risperidon offensichtlich etwas inneren Druck nimmt und damit wieder andere Eigenschaften Ihrer Schwiegermutter in den Vordergrund treten können. Bei der Diskussion über Neuropeptika schwingen immer noch die alten Erfahrungen mit schweren Nebenwirkungen des Haloperidols mit. Wir haben seinerzeit lange in der Fachwelt gekämpft, dass die atypischen Neuroleptika für Menschen mit Demenz genutzt werden können.

    Insofern kann die geringe Dosis ein "Gottesgeschenk" sein, weil es die Wahnspannung nimmt und ruhiger macht.

    • Auf der anderen Seite bleibt die Frage, wo ist die rote Linie?
    • Wie viel und welche Form der Gewalt erfordern eine Behandlung in der Klinik und eine Unterbrechung gefährlicher und gefährdender Muster?
    • Wann müssen Sie entscheiden, weil Sie keine Einsicht erwarten können? Wenn und wie oft ist die fehlende Einsicht ist ein Selbstschutz und der Kampf nach außen um die innere Würde...
    • Wann wird eine Trennung besser als das weitere Zusammenleben? (Es kann gut sein, dass schon eine zeitweise Trennung und ein Neustart ausreicht)

    Ihnen viel Kraft, Ihr Martin Hamborg

    • Auf der anderen Seite bleibt die Frage, wo ist die rote Linie?
    • Wie viel und welche Form der Gewalt erfordern eine Behandlung in der Klinik und eine Unterbrechung gefährlicher und gefährdender Muster?
    • Wann müssen Sie entscheiden, weil Sie keine Einsicht erwarten können? Wenn und wie oft ist die fehlende Einsicht ist ein Selbstschutz und der Kampf nach außen um die innere Würde...
    • Wann wird eine Trennung besser als das weitere Zusammenleben? (Es kann gut sein, dass schon eine zeitweise Trennung und ein Neustart ausreicht)

    Ihnen viel Kraft, Ihr Martin Hamborg

    Hallo Herr Hamborg,

    1. die rote Linie ist gleich geblieben: verbale und körperliche Gewalt gegen uns und/oder die Pflegerinnen - vor allem wenn sie die Pflege des Schwiegervaters behindert oder gar gefährdet.
    2. Einsicht erwarten wir nicht (mehr). Aber wir brauchen und wollen die Zustimmung der Schwägerin.
    3. Seit der neuen Medikation ist aber kein Aggressionsfall mehr aufgetreten. Daher ist eine Einweisung in die Gerontopsychiatrie zunächst vom Tisch. Im Bedarfsfall können wir die Dosis noch erhöhen. Die Ärztin sagt, wir können die Sechs-Wochen-Frist, die der Beipackzettel empfiehlt, ignorieren.
    4. Wir suchen jetzt aktiv nach einer Pflegeeinrichtung mit Demenzstation bei uns in der Nähe. Alternativ sucht die Schwägerin auch in ihrer Heimatstadt. Akut wird das aber erst, wenn durch einen Unfall oder eine Krankheit ein Krankenhausaufenthalt erforderlich wird. Dann müssen die Karten neu gemischt werden.

    Herzliche Grüße von Buchenberg und Frau

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