Demenz und Wahn

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  • Seit Herbst 2019 sorgten meine Frau und ich für ihre betagten Eltern, weil ihr Vater dement war und die Mutter von dessen Pflege überfordert war.
    Nach Ansicht aller Pflegekräfte und Ärzte haben wir die Anforderungen, die die Versorgung und Pflege der Schwiegereltern an uns stellte, gut erfüllt. Wir fühlten uns auch von den Pflegeanforderungen nicht überfordert - bis zu der Zeit, als Schwiegermutter ebenfalls Symptome von Demenz kombiniert mit Wahnvorstellungen zeigte. Von dieser Zeit an wurde Schwiegermutter Vernunftgründen immer weniger zugänglich. Ihre psychischen Probleme und Störungen dominierten zunehmend unsere Gedanken, unsere Nerven und unsere Zeit – mit einer ganz ungewissen Zukunft.

    Meine Frau und ich wollen die Selbstbestimmung über unser Leben zurück. Deshalb haben wir heute Morgen die Schwiegereltern in ein Doppelzimmer eines städtischen Pflegezentrums in unserer Stadt gegeben. Dieses Pflegezentrum ist auf demenzkranke alte Menschen spezialisiert. Wir glauben, dass die dortigen Pflegerinnen und Pfleger besser als wir mit den Schwierigkeiten umgehen können, die eine Demenz, gepaart mit Persönlichkeitsstörungen, mit sich bringt.
    Buchenberg mit Frau

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, Ihr so lange durchdachter Schritt bietet nun Ihren Schwiegereltern einen neuen Start und es kann gut sein, dass die Wahnmuster durch die vielen Umstellungen und die freundliche Aufnahme weniger werden.


    Wenn nicht, haben Sie ja so viel Erfahrungen gesammelt, die für das Einleben und die professionelle Pflege im Heim hilfreich sind.


    Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen und wünsche Ihnen erstmal eine Auszeit, am besten durch einen wunderbaren Urlaub im Herbst, der ja für das Loslassen steht - und gleichzeitig die Kraft des Sommers in den nächsten Frühling trägt.

    Ihr Martin Hamborg

  • Drei Tage nach dem Einzug unser erster Besuch. Schwiegervater ist schon der Liebling der Station. Schwiegermutter ist desorientiert, aber friedlich. Wir sind zufrieden.

  • Ja, es sieht alles gut aus. Meine Zuversicht, dass aus der Kurzzeitpflege eine Dauerlösung wird, wächst. Noch wacht meine Frau jeden Morgen mit Kopfschmerzen und ich mit Rückenschmerzen auf, aber das wird sich legen. Wir machen jetzt Pläne, was aus der Seniorenwohnung werden soll. Meine Frau und ich werden dort wohl einziehen. Wir bereiten uns auf unser Alter vor. Wir haben durch die vier Jahre Pflege viel gelernt, und wollen das Gelernte für uns nutzen.

    Gruß Buchenberg

    Einmal editiert, zuletzt von Buchenberg ()

  • Liebes Forum,
    am Dienstag hat meine Frau einen Termin im Pflegeheim, um den Vertrag für Verhinderungspflege bis 20. Oktober zu unterschreiben. Die Probezeit für die Schwiegereltern wurde also verlängert, obwohl Schwiegermutter wie ausgewechselt ist: friedlich und kooperativ. Die Heimleiterin meinte, Schwiegermutter würde jetzt beginnen, ihre Krankheit zu akzeptieren. Für meine Frau und mich stellt sich da die Frage: Was haben wir falsch gemacht?


    Meine Frau wacht immer noch bei jedem Geräusch nachts auf und denkt, es ist in der Wohnung unter uns etwas passiert. Außer schlaflosen Stunden in der Nacht hält mich ein schwerer Husten gepackt. Aber die Schwiegereltern haben ihre Kleidung, ihre Pflegeartikel und ihre geliebten Relax-Sessel. Ihre Wohnung ist leergeräumt und Handwerker sind bestellt, um die Senioren-Wohnung für meine Frau und mich umzugestalten.
    Ohne die 10 Tage Arbeitsbefreiung für meine Frau nach §2 Abs.1 Pflegezeitgesetz hätten wir das nicht geschafft. Aber von einer neuen Normalität sind wir noch weit entfernt.

    Buchenberg und Frau

  • Lieber Buchenberg, Ihr habt gar nichts falsch gemacht. Solange die Eltern noch bei Euch gewohnt haben, wart Ihr das Tor zum alten, „normalen“ Leben…wo sie immer wieder versucht haben, den Fuß in die Tür zu bekommen.

    Im Pflegeheim ist die Sache klar, das ist eine neue Dimension, wo sie das Zurück vielleicht nicht/nicht mehr/ auf dem Schirm haben, zumal Ihr nicht dafür zur Verfügung steht

  • Für meine Frau und mich stellt sich da die Frage: Was haben wir falsch gemacht?

    Zuerst einmal meine Gedanken als Antwort: Ihr habt gar nichts falsch gemacht - aber Ihr seid die unmittelbar vertrauten Angehörigen, Deine Frau "das Kind". Da geht die Mutter einfach anders um und will vielleicht auch ihre "übergeordnete Rolle" zeigen. Oder sie hat besonders viel Vertrauen und wagt es deshalb, sich unverstellt zu zeigen.

    Da denke ich doch auch an die Kinder, die sich durchaus bei den Eltern am patzigsten zu zeigen wagen, weil sie sich der Liebe der Eltern trotzdem sicher sind (natürlich nur, wo die Beziehung stimmt). Und so ähnlich stelle ich mir das bei Euch auch vor.

    Also: keine Selbstzweifel zulassen, Ihr habt Euch super eingesetzt und jetzt offenbar auch die richtige Lösung gefunden. Aus meiner Sicht könnt Ihr sehr zufrieden mit diese Leistung sein. Meine Anerkennung habt Ihr.

  • ..meine auch und es dauert einfach, bis die Anspannung durch jahrelange Zuständigkeit weniger wird. Das ist nach meiner Erfahrung sozusagen "normal". Und wer weiß, wie lange die Akzeptanz der Schwiegermutter anhält, vllt morgen schon wieder vorbei.

    Liebe Grüße

  • Lieber Buchenberg -


    ihr habt nichts, aber auch gar nichts falsch gemacht. Meine Mutter ist zu den Pflegerinnen im Heim zuckersüß. Mich hat sie beschimpft, dass ich nicht einmal wusste, wo sie diese Palette an Schimpfworten aufgeschnappt hatte. Als sie bei einem Besuch von mir im Heim mal loslegte, waren die Pflegerinnen total geschockt. Es liegt also wirklich nicht an euch.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, ich möchte mich den anderen Beiträgen anschließen und kann nur sagen: Sie haben es richtig gemacht, es war genau der richtige Zeitpunkt, an dem Ihre Schwiegereltern noch in der Lage waren, einen neuen Start im neuen Heim zu finden und damit eine gute Basis für Beziehungen aufzubauen, die für die Verhaltensweisen Ihrer Schwiegermutter tragfähig sind.


    Aus meiner Sicht haben Sie allen Grund zu feiern!

    Dabei denke ich auch an eine lange und gute Zeit, in der Sie Ihren Schwiegereltern das gegeben haben, was jetzt für den letzten Neuanfang wichtig war. Mein Eindruck ist: Vor drei Monaten war es noch nicht so weit, jedenfalls Ihrer Schwiegermutter hätte ich es nicht zugetraut.


    Deshalb wünsche Ich Ihnen nach dem Umbau der Wohnung die Kraft durch den notwendigen Abstand - ich kann mir gut vorstellen, dass Ihre Schwiegereltern Sie beide noch brauchen werden - möglichst ohne die Last der alten Muster!

    Ihr Martin Hamborg

  • Schwiegermutter hat ihre Probezeit im Pflegeheim bestanden. Bei unseren Besuchen macht sie einen sichtlich entspannten Eindruck. Bei ihrem Mann ist keine Veränderung festzustellen – weder positiv noch negativ. Nächste Woche unterzeichnet meine Frau die Verträge für die Dauerunterbringung.
    Unsere Seniorenwohnung haben wir leergeräumt, aber uns beschäftigt immer noch die Frage: Warum fühlt sich Schwiegermutter im Pflegeheim wohler als bei uns zu Hause?

    Bei uns hatten die Schwiegereltern mehr Platz, besseres Essen und eine mehr oder minder privilegierte Stellung. Hier wie dort wurden und werden sie von professionellen Pflegekräften versorgt. Im Heim kommen aber immer zwei Pflegerinnen zu den beiden. Zu Hause versorgte sie jeweils nur eine Pflegekraft. Das führte regelmäßig zu Komplikationen, so dass meine Frau oder ich uns um einen von beiden kümmern mussten, während der andere versorgt wurde. Und die Pflegerinnen im Heim sind flexibler. Wenn irgendwas hakt, wenn irgendwer nicht will, dann lassen sie es und kommen später wieder. Das ist bei ambulanter Pflege nicht möglich.

    Hier wie dort haben die Schwiegereltern keine Pflichten, sie müssen nichts arbeiten und werden dennoch rundum versorgt. Das ist die soziale Stellung von kleinen Kindern.

    Hier liegt wohl das Kernproblem, was wir zu Hause nicht lösen konnten.
    Zu Hause beharrte Schwiegermutter bis zuletzt auf ihrer vermeintlichen Verantwortung für ihren Mann („Das ist MEIN Mann!“).
    Zu Hause beharrte Schwiegermutter bis zuletzt auf ihrer vermeintlichen Rolle als Haushaltsvorstand („Ich habe hier alles bezahlt!“).
    Zu Hause beharrte Schwiegermutter bis zuletzt auf Vorrechten als Mutter („Welche andere Mutter wird von ihrer Tochter so schlecht behandelt!?“). Meine Frau und ich hörten von Schwiegermutter nur Klagen und nie ein Wort des Dankes.


    Im Pflegeheim sind alle diese Rollenzwänge für Schwiegermutter entfallen. In der neuen, fremden Umgebung findet sie keine Ansatzpunkte für ihre künstlichen Fassaden. Sie ist pflegebedürftig, deshalb ist sie dort. Das hat sie so akzeptiert („Brauchen alle hier Pflege?“). Sie fragt auch nicht, wie lange sie noch dableiben muss. Sie hat bisher nicht den Wunsch geäußert, „nach Hause“ gebracht zu werden.

    Ich bin sicher, dass auch die Pflegerinnen im Heim nie ein Wort des Dankes von Schwiegermutter zu hören bekommen. Damit kommen die aber zurecht. Für sie ist Schwiegermutter nur eine unter vielen. Für meine Frau und mich war die Pflege der Schwiegereltern vier Jahre lang der Schwerpunkt unseres Lebens.

    Dieser Schwerpunkt fehlt uns jetzt. Wir können und müssen uns sagen: Wir werden von den beiden nicht mehr gebraucht.


    Buchenberg und Frau

  • Hallo Buchenberg und Frau,

    Mir kam schon bei den ersten Zeilen der Gedanke, dass deine (Schwieger)mutter nun ihre Rolle abgeben kann und nicht mehr auftrumpfen muss, zeigen "wo der Hammer hängt", sie darf sich fallen lassen, ganz offiziell sozusagen. Du hast es ja auch gleich gut analysiert.

    Sehr schade wirklich, dass euch kein Dank und Anerkennung dafür zuteil wurde - man hört es ja doch gern, keine Frage.

    Meine Lebenserfahrung diesbezüglich ist allerdings, dass oft nicht von den Menschen, für die man die Energie eingesetzt hat, etwas zurückkommt, sondern man dafür irgendwann mal von ganz anderen Gutes erfährt, von denen man es nicht erwartet hat, nach dem Spruch von Albert Schweitzer "was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, geht nicht verloren".

    Trotzdem wirklich eine beeindruckende Geschichte! Auf jeden Fall könnt ihr die Beiden mit bestem Gewissen im Heim lassen und sie jammern euch (jedenfalls aktuell) nicht die Ohren voll.

    Dass die Pfleger zeitlich flexibler sind, trägt natürlich auch zur Entspannung bei..

    Insofern eine erfreuliche Entwicklung!!

    Liebe Grüße

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, ihrer Analyse kann ich gut nachvollziehen und es ist ein interessanter Gedanke, dass die Aufgabe der überfordernden Rollen zu einer großen innerlichen Entlastung bei Ihrer Schwiegermutter führt. Die neue Rolle gibt ihr eine so große Sicherheit, dass sogar das wahnhafte Erleben in den Hintergrund treten konnte. Nach vier intensiven Jahren war es m.E. genau der richtige Zeitpunkt dafür.


    Mit Ihrem letzten Satz gehe ich aber nicht mit: Sie werden jetzt kurzfristig nicht von Ihren Schwiegereltern gebraucht, weil das Heim genau das Richtige ist. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Sie nach einer verdienten Erholungszeit wieder wichtig und immer wichtiger für Beide werden.

    Alles Gute Ihr Martin Hamborg

  • Die Verträge für den Daueraufenthalt der Eltern im Pflegezentrum sind unterschrieben. Im Folgenden unser Dankschreiben an jede Einzelne der ambulanten Pflegekräfte:


    "Liebe ....

    längere Zeit haben Sie mich und meinen Mann tatkräftig bei der Pflege meiner Eltern unterstützt. Uns wäre lieber gewesen, wir hätten meine Eltern bis an ihr Ende zu Hause versorgen können. Die psychische Krankheit meiner Mutter hat das nicht zugelassen. Aber die beiden fühlen sich in ihrem neuen Zuhause, dem Pflegezentrum H., ganz wohl.

    Mein Mann und ich sagen Ihnen nochmals von ganzem Herzen Dankeschön für Ihre wertvolle Pflegearbeit."


    (Mit einem Foto der Eltern von September unserem Garten und einem Geldschein).


    Buchenberg und Frau

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, Ihr Schreiben kann m.E. tatsächlich Pflegekräfte über schwere Zeiten tragen!

    In manchen Dienstzimmern werden solche Karten an einer Pinnwand gesammelt, denn gerade im Umgang mit Menschen mit Demenz ist einer "Anerkennungskultur" besonders wichtig. Gerade in den Zeiten, wo Pflegenden immer noch viel Misstrauen und strenge Kontrollen entgegengebracht wird, sind kleine Gesten der Anerkennung wichtig!

    Danke, dass Sie Ihre Idee hier vorgestellt haben, Ihr Martin Hamborg

  • Schwiegervater wird bald 93, aber eine Feier mit vielen (für ihn unbekannten) Leuten macht ihm nur Stress. Unsere Verwandten wollen auch keine Geburtstagsfeier für den Schwiegervater in Abwesenheit. „Das Geburtstagskind hat ja nichts davon!“
    (Sie übersehen, dass es durchaus eine breite Tradition für Feiern in Abwesenheit des Gefeierten gibt: Vom katholischen Leichenschmaus bis zu Gedenkfeiern für Verstorbene.)
    Meine Frau und ich schicken deshalb an einige Verwandte je eine Flasche Sekt, damit sie auf den abwesenden Schwiegervater anstoßen können. Er soll nicht von uns vergessen sein, auch wenn er viele von uns schon vergessen hat.
    Buchenberg und Frau

    Einmal editiert, zuletzt von Buchenberg ()

  • Das erste Mal verlor Schwiegervater seinen Ehering in einem Gartenlokal. Glücklicherweise hatte die Bedienung den Ring unter dem Tisch entdeckt. Als wir zu Hause das Fehlen bemerkten, riefen wir in dem Lokal an und bekamen den Ring wieder. Im Alter werden die Finger immer dünner, daher brachten wir den Ring zum Goldschmied zum Verkleinern.
    Das zweite Mal fanden wir Schwiegervaters Ehering in der Mulde zwischen Armlehne und Sitzfläche seines Sessels. Da steckten wir den Ring in den Schmuckkasten der Schwiegermutter. Die protestierte immer wieder dagegen, und wollte, dass ihr Mann seinen Ehering trägt. Wir ließen uns nicht darauf ein.
    Zu dieser Zeit war auch der Ehering der Schwiegermutter schon viel zu groß, aber sie trug einen engeren Ring davor, damit ihr der Ehering nicht vom Finger rutschte.
    Bei unserem letzten Besuch im Pflegeheim trug sie diesen „Schutzring“ plötzlich an einem anderen Finger. Ihr Ehering war weg und blieb verschwunden.

    Einmal editiert, zuletzt von Buchenberg ()

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Buchenberg, danke für das Thema: Demenz und wertvoller Schmuck.

    Gerade, wenn es dem Menschen mit Demenz wichtig ist, den wertvollen Schmuck zu tragen und am Ehepartner zu sehen, ist es möglich, diesen imitieren zu lassen, damit das Verlegen und Verlieren nicht so schmerzhaft ist. In diesem Zusammenhang lässt sich der Modeschmuck auch an die Fingergröße anpassen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es gute Argumente auch für ganz andere Entscheidungen bei diesem Thema gibt.


    Schade, dass es mit der großen Feier nicht klappt, zumindest Ihre Frau und Sie hätten es "verdient", dass es in der Familie gewürdigt wird, wie lange und mit welchen Anstrengungen Sie das alles für Ihre Schwiegereltern gemacht haben.

    Ihr Martin Hamborg

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