Die letzten Wochen (Geriatrische Komplexbehandlung, Zuhause, Gerontopsychiatrie)

Datenschutzhinweis: Bitte achten Sie darauf, dass Sie im Forum keine persönlichen Daten von sich selbst oder von Dritten posten. Auch sollten Ihre Angaben keine Rückschlüsse auf Ihre Person zulassen.
  • Hallo Buchenberg,


    Die tägliche Pflege ist eher reaktiv, da seine Selbstständigkeit von Tag zu Tag extrem schwankt. Eine wirkliche Routine gibt es, von den zwei täglichen Besuchen zur Medikamentengabe, nicht.


    Vielleicht zum Abschluss eine Gegenfrage auf die ich bisher keine wirklich klare Antwort gefunden habe: Wie verfahren denn Pflegedienste, wenn beispielsweise eine große Morgentoilette geplant ist, die Person sich aber so vehement weigert, dass die Leistung nicht erbracht werden kann? Wird diese dann trotzdem wie vereinbart abgerechnet?

    Hallo enh,

    bekommt Opa keine warmen Mahlzeiten zu festen Tageszeiten? Snacks sind keine gesunde Ernährung.


    ... Ein Pflegedienst bietet definierte Leistungen, aber abgerechnet wird über Minuten plus Wegezeit. Falls ein Patient sich lange streitet und eine Dienstleistung schließlich ablehnt, kann das trotz nicht erbrachter Leistung zu längerer Anwesenheit des Pflegers und damit zu zusätzlichen Kosten führen.
    Genaueres kann dir aber nur dein vertraglicher Pflegedienst sagen.

    LG Buchenberg

  • Buchenberg danke für deine Antwort, damit kann ich etwas anfangen.


    Was deine Frage angeht: Samstags und Sonntags kocht mein Vater (meist. bleibt was für Montag übrig), ansonsten bringe ich oder die Nachbarn Gerichte aus der nahen Krankenhauskantine mit, gelegentlich koche ich auch mal und ansonsten gibt es Dosensuppen oder Fertiggerichte. Wenn er nicht möchte, dann gilt die Devise "dann eben Kuchen" (etc). Mit Snacks sind v.a. Erdbeeren und Weintrauben gemeint. Während der Saison ist es keine Seltenheit dass 500 g schneller weg sind, als man seinen Augen traut.


    Seine Frühstücksgewohnheit, ein normales Brötchen in eine Tasse Milchkaffee zu tunken, fand ich schon immer etwas schräg, aber vielleicht kommt uns diese Angewohnheit zumindest im Hinblick auf die Selbstständigkeit nun auch etwas entgegen.

  • Samstags und Sonntags kocht mein Vater (meist. bleibt was für Montag übrig), ansonsten bringe ich oder die Nachbarn Gerichte aus der nahen Krankenhauskantine mit, gelegentlich koche ich auch mal und ansonsten gibt es Dosensuppen oder Fertiggerichte.

    Vielleicht könntest du mal an einem Kochkurs teilnehmen, das wäre auch für deine Selbstbestimmung und für deine Gesundheit nützlich. ;)

  • Vielleicht könntest du mal an einem Kochkurs teilnehmen, das wäre auch für deine Selbstbestimmung und für deine Gesundheit nützlich. ;)

    Haha, sicherlich nie ne schlechte Idee... Obwohl es bei mir eher an der Lust, denn am Können liegt. Aber wie auch immer, da ich vor zwei Tagen das erste Mal etwas größere Mengen an Gemüse aus dem Garten ernten konnte, schreien diese natürlich danach verarbeitet zu werden. Ich werde mich also mal an einem Gemüseeintopf á la Oma versuchen, der uns beiden wohl noch gut in Erinnerung ist :)

    • Offizieller Beitrag

    Hallo enh, Respekt, wie sehr Sie sich um Ihren Großvater kümmern, obwohl er Ihnen alles so schwer macht!


    Mir gefällt es, dass Sie ehrlich ansprechen, wie er Sie an die persönlichen Grenzen führt und Sie manchmal gegen besseres Wissen handeln. Die sogenannte "symmetrische Eskalation" - das gegenseitige Hochschaukeln, kann genau dazu führen, was Ihnen Ihr Großvater vor Fremden unterstellt.

    Es ist ein gutes Zeichen, dass Sie der Pflegedienst anspricht und die Wahnsymptome überprüft.


    Da er offensichtlich seine Medikamente nicht oder unregelmäßig nimmt, kann natürlich die Wahnspannung wieder zunehmen, egal ob Sie oder Nachbarn davon betroffen sind.


    Über die plötzliche Wesensänderung habe ich länger nachgedacht. Möglicherweise hat das "Anspritzen" bewirkt, dass es wie eine Katharsis - also der Höhepunkt - eines "Spiels" war, so wie ein Kind ein anderes so lange piesackt, bis es den Hahn aufdreht und beide wieder beste Freunde sind.

    Wenn es dieses "Willst Du mich provozieren, bis ich ausraste" ist, finden Sie vielleicht einen humorvollen Weg, diesen Test oder das Spiel aufzulösen, ohne dass Sie in die Falle der Eskalation rutschen. Viel Erfolg und gute Ideen,

    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Herr Hamborg,


    vielen Dank für ihre Worte.

    Die sogenannte "symmetrische Eskalation" - das gegenseitige Hochschaukeln, kann genau dazu führen, was Ihnen Ihr Großvater vor Fremden unterstellt.

    Allerdings eine Rückfrage: Den ersten Teil des Satzes kann ich noch nachvollziehen, beim zweiten bin ich unsicher. Falls Sie die Zeit finden, würde ich mich sehr freuen, wenn sie darauf nochmal kurz eingehen könnten.


    Ihr Karthasis-Beispiel klingt einleuchtend. Wobei ich in der Vergangenheit bereits feststellen konnte, dass in einer eskalierten Situation, ein sagen wir mal, unerwartetes Verhalten meinerseits, diese auch wieder entschärfen konnte. Konkret meine ich damit, mir die Ohren zuzuhalten und durch laute Geräusche zu demonstrieren "Ich höre dir nicht mehr weiter zu". Dies mag sicherlich auch kindisch klingen oder sein, aber in Kombination mit einem Sich-Entfernen war es durchaus wirksam. Geplant kam es aber bisher nie dazu, es war mehr oder weniger auch eine Reaktion aus der Hilflosigkeit heraus.


    LG

    • Offizieller Beitrag

    Hallo enh, gut dass Sie nachfragende mein Satz war wirklich etwas unklar: Von einer symetrischen Eskalation sprechen wir, wenn sich die Beteiligten gegenseitig hochschaukeln und ein Wort das andere ergibt, ohne dass sich der nicht demente Mensch seiner oder Ihrer anderen Rolle bewusst ist.

    Häusliche Gewalt kann entstehen, weil beide Recht haben wollen - und jeweils aus ihrer Perspektive fest daran glauben.

    Ihr Großvater sucht sich vielleicht den Beistand von Fremden, vielleicht weil er sich Ihnen unterlegen fühlt und macht deshalb diese Vorwürfe von "Zeugen".


    Wenn Sie in einem Konflikt auf die gleiche Ebene gehen, wie Ihr Großvater riskieren Sie diese Eskalation. Nur Sie sind nicht dement und können den Teufelskreis unterbrechen.


    Eine Ausnahme besteht darin, wenn Sie mit innerem Abstand und Humor in diese Auseinandersetzung gehen und Ihr Großvater diesen Spaß versteht. Genauso lesen sich manche Ihrer Erfahrungen. Ein solches "Spiel" kann kritische Situationen gut entspannen - unter der Bedingung, dass Ihr Großvater sein trotziges Verhalten wahrnimmt und Spaß versteht.

    Ihr Martin Hamborg

  • Hallo Alle,


    lange Zeit habe ich nichts mehr hören lassen. Nun würde ich mir aber gerne die letzte Zeit von der Seele schreiben.


    Bei meinem Opa haben sich letztlich viele Dinge auf gleiche Weise wiederholt, wobei der letzte Krankenhausaufenthalt zunächst in eine Kurzzeitpflege und ohne Umwege in eine Dauerpflege mündete. Dies war, ich konnte es kaum glauben, auch sein Wunsch. Wider allen Erwartungen hat er sich dort super eingelebt. Nachdem das durch war, war ich (und bin es gefühlt ab und zu immer noch) einfach erschöpft. Aufgrund der zuvor immer wiederholten Beschuldigungen meines Opas mir gegenüber (meine Eignung als Betreuer wurde sogar gerichtlich überprüft - zum Glück zu meinen Gunsten) ist mir meine Stellungnahme immer noch nahezu Wort für Wort im Gedächtnis. Ich mache mir wenig bis keine Vorwürfe und ich weiß, dass es nicht mehr "er" war, der dies äußerte, aber es führte dazu, dass ich mich im Moment nicht mehr wirklich für ihn interessiere. Zuletzt habe ich ihn an seinem Geburtstag im November besucht und auch Telefonanrufe kann ich an einer halben Hand abzählen. Ich bin zwar bemüht freundlich, suche aber auch so gut wie keinen Kontakt. Wenn ich es ganz hart sehen will, dann ist er bzw. sein altes Ich bereits verstorben, nur dass er eben physisch noch da ist.


    An Weihnachten wollte mein Vater ihn in sein altes Zuhause holen. Ich erwartete eine Totalkatastrophe, die jedoch ausblieb. Kurz nach Ankunft zog er zwar sein Hemd aus und monierte dass es kalt sei, allerdings wollte er recht schnell nach dem Nachtisch wieder "nach Hause". Damit meinte er das Heim.


    Meine neue Baustelle eröffnete sich dann am 1. Weihnachtstag bei meinen anderen Großeltern. Kaum war ich in der Tür wurde mir offenbart, dass mein Opa in der Nacht mit großen Misserfolg versucht hat das Leben zu nehmen (wollte sich am Zulaufschlauch der Waschmaschine erfolglos erwürgen). Dies tat er, weil er der Meinung war Beinkrebs zu haben und die Schmerzen nicht mehr aushielt.


    (Hintergrund: Sein Vater hatte Lungenkrebs und hat sich wie ich an dem Tag erfuhr, damals wohl wirklich das Leben genommen. Er hatte jedoch viel Wasser in den Beinen. Eine verschleppte Herzinsuffizienz denn Ärzte sind für ihn schon immer nur Quacksalber gewesen. Das KH rief mich gleich mehrfach an, um den fehlenden Medikamentenplan anzumahnen. Das er keine Medikamente fest einnahm, wollte man mir kaum glauben.)


    Kurzum führte dies dazu, dass ich einen Krankenwagen rief und er auch mitfuhr. Glücklicherweise erklärte sich meine Mutter, seit kurzem in Rente, bereit, meine Oma zu beaufsichtigen. Auch ihre Schwester nahm sie bereitwillig für einige Zeit auf (ich hoffe noch auf eine Art WG-Lösung). Für mich war dies ein böser Flashback, denn auch wenn ich immer meine Hilfe anbot, so war ich nicht bereit für eine weitere Pflegesession.


    Ab dem Krankenhaus war mein Opa, der übrigens immer eine Art Verbündeter für mich war, nicht mehr er selbst (wobei er dies auch in den Wochen vorher nicht mehr wirklich war...) Bei kaum einem Besuch kam außer "Hallo" und "Tschüß" etwas sinnvolles herum. Entweder sollte ich die "Bundespolizei benachrichtigen" oder bloß kein Wort zu viel sagen, da im Krankenhaus krumme Dinge liefen... Er bekam Stents und für uns war trotz allem klar, dass er bald wieder da ist (klar, vielleicht auch etwas naiv). Vor rund anderthalb Wochen wurde ich schließlich um 4 Uhr früh aus dem Schlaf geklingelt. Ich rief sofort zurück und erfuhr, dass sein Herz aufgehört hat zu schlagen und die Wiederbelebungsmaßnahmen nicht erfolgreich waren. Bumm! Opa ist tot. Der der immer so fit war und von dem ich glaubte, dass er locker 100 werden würde...


    Gemeinsam mit meiner Mutter holte ich meine Oma am nächsten Tag vorzeitig bei ihrer Schwester ab. Sie weinte bitterlich und doch schien ihr die Demenz (?) gnädig zu sein. Sie merkt das etwas anders ist, jemand fehlt, aber tiefe Trauer: Fehlanzeige. Sie war zeitlebens immer sehr kontaktfreudig und tatsächlich einer der wenigen Menschen die nahezu immer freundlich, fröhlich und offen waren und diese Person kommt auch immer noch oft für kurze Zeit durch. Aber leider ist sie ebenso oft verwirrt, verkennt Risiken und bereits der Gedanke sie allein zu lassen, bereitet uns größte Sorgen.


    Heute besuchen wir das Heim in dem mein Opa seit kurzem zufrieden lebt. Neutral gesagt: ich bin gespannt. Denn hier treffen nun zwei Menschen aufeinander, die (höchstwahrscheinlich) beide dement sind, deren Demenz sich aber unterschiedlich nicht hätte zeigen können.


    So blöd es klingen mag, auch wenn die Demenz meines Opas inhaltlich um einiges herausfordernder war, so fällt es mir gefühlt noch schwerer mit meiner Oma umzugehen. Ich erkläre mir das damit, als dass es mir im Ernstfall viel leichter fiel auf absurde Vorwürfe und Wahnvorstellungen meines Opas entsprechend laut und deutlich zu reagieren. Man könnte sagen es war eine Art Ventil. Aber bei meiner immer lieben Oma die Zusammenhänge einfach nicht mehr versteht, möchte ich auch nach dem fünften Nachfragen nicht böse sein, bin aber dementsprechend gezwungen gefühlt deutlich mehr in mich hinein zu fressen.


    Ich werde also weiter sehen.


    Liebe Grüße

    • Offizieller Beitrag

    Hallo enh2292, danke für den ausführlichen Bericht und herzliches Beileid, dass Sie Ihren zweiten Großvater so schnell nach der kurzen dramatischen Zeit verloren haben. Eine Verwirrtheit im Krankenhaus hat häufiger organische Ursachen und liegt oft weniger an einer beginnenden Demenz.


    Ich kann gut verstehen, dass Sie in dieser Zeit diesen Abstand zu ihrem anderen Großvater gehalten haben - Sie haben ja alles dafür getan, dass es ihm jetzt gut geht und das wahnhafte Erleben nicht einmal in dem alten Haus aufgetreten ist.


    Ich bin gespannt, wie Sie nun den Besuch im Heim erleben und welche Erfahrungen sie mit der Demenz Ihres Großvaters und Ihrer Großmutter machen, die nicht von Abwehr und psychotischem Erleben geprägt ist.


    Vielleicht gelingt es Ihnen ganz ohne Diskussionen wahrzunehmen, wie sich das Erleben dieser Menschen durch die Demenz verändert, welchen tiefen Gefühle hinter den alten und sich wiederholenden Geschichten deutlich werden und wie positiv es sein kann, diese Menschen in ihrer Welt zu begleiten.

    Ihr Martin Hamborg

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!