Meine demente Mutter - alles nicht so einfach!

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  • Hallo Rose60 und alle,

    Unsere Eltern können nichts für ihre Krankheit, das muss man sich immer wieder sagen. Ihre jetzigen Verhaltensweise gehen zu einem (großen?) Teil auf das Konto der Demenz.


    Aber sie haben halt einen sehr großen Anteil (wenngleich nicht den alleinigen!) daran, wie wir "Kinder" heutzutage darauf reagieren (können).

    Es wurde an anderer Stelle diskutiert, aber ich finde es grad nicht mehr ... Konfrontation und Auseinandersetzung mit demenzkranken Eltern(teilen).

    Ich für meinen Teil gehe äußerst selten in eine Auseinandersetzung mit meiner Mutter, aus dem einfachen Grund, weil es zu nichts führt und mir nichts bringt. Ich habe glücklicherweise inzwischen eine gewisse innere Distanz, die mir sehr hilft, ihre Vorwürfe und ihr Gemecker nicht an mich heran zu lassen.

    Klar, sie hat in ihrer Rolle als Mutter in vielerlei Hinsicht versagt, das ist mir nach Jahrzehnten (u.a. mit therapeutischer Hilfe) klar geworden und das habe ich auch soweit ganz gut sortiert.

    Aber: dass sie die Krankheit "Demenz" bekommen hat, dafür kann sie nichts. Und hier bringe ich mich ein, ehrlicherweise nicht unbedingt als "liebende", sondern eher als "pflichtbewusste und hilfsbereite" Tochter. Liebe kann ich nicht mehr geben, aber die Aufgabe mich zu kümmern, die habe ich angenommen. Und das muss genügen.

    Liebe Grüße, SunnyBee

  • Es ist erstaunlich, was mit der Persönlichkeit geschieht, wenn die Krankheit Demenz "Schicht für Schicht" des menschlichen Gehirns zerstört. Ich denke, dass am Anfang der Demenz noch mal so ein richtiges Aufbäumen mit all den zur Verfügung stehenden Strategien der Menschen stattfindet. Auf einer späteren Demenzstufe kann es besser werden, aber muss natürlich nicht. Es wird so viel Substanz zerstört, dass man nie weiß, was aus den dann noch vorhandenen "Restbeständen" des Gehirns noch konstruiert werden kann.


    Unsere Eltern können nichts für ihre Krankheit, das muss man sich immer wieder sagen. Ihre jetzigen Verhaltensweise gehen zu einem (großen?) Teil auf das Konto der Demenz.

    Ich beobachte bei vielen MmD, dass dieses Aufbäumen nicht nur am Anfang der Demenz besteht, sondern unabhängig von der Zeit bzw. Phase der Erkrankung solange es irgendwie möglich ist.

    Jeder will doch sein Leben solange wie es geht auf eine selbstgewählte Art führen. In diese selbstgewählte Art fließt die Persönlichkeit zwangsläufig ein. Das ist ja erstmal nicht schlimmes, es ist normal, macht jeder. Schlimm ist es dann, wenn Menschen einfach unangenehme bis bösartige Zeitgenossen sind.


    Bei einem Teil der MmD wird halt sehr früh viel Hirnsubstanz zerstört, die persönlichkeitsprägend ist und diese verändern sich dadurch dann auch stark.

    So erklärt sich mir diese Unterschiedlichkeit jedenfalls ganz gut. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Lewis-Körperchen-Demenz bei allen Erkrankten die Persönlichkeit verändert, also quasi ein Symptom der Erkrankung ist.


    Menschen können nichts für ihre Erkrankung, das ist richtig. Aber dass bei wirklich allen Verhaltensweisen im frühen und mittleren Stadium der Alzheimer- und vaskulären Demenz quasi als Entschuldigung dazu gesagt wird, "der/die kann ja nix dafür, das ist die Demenz!", finde ich so absolut nicht mehr tragbar.

    So werden die MmD aus jeder Verantwortung entlassen. Der Umgebung dafür alle Verantwortung aufgebürdet.


    Auch die Handlungen von MmD haben Konsequenzen. Wenn einer so gar nicht umgänglich sein kann/will, kriegt er halt z.B. wenig oder keinen Besuch. Oder auch mal ne Ansage. Niemand, der sich selbst soweit wertschätzt, dass er sich selbst auch schützt und pflegt, kann sich die Mätzchen eines anderen immerzu aussetzen. Ob der andere Demenz hat, spielt da einfach keine Rolle.

    Und hier bringe ich mich ein, ehrlicherweise nicht unbedingt als "liebende", sondern eher als "pflichtbewusste und hilfsbereite" Tochter. Liebe kann ich nicht mehr geben, aber die Aufgabe mich zu kümmern, die habe ich angenommen. Und das muss genügen.

    Das finde ich vollständig in Ordnung und ist halt auch eine Konsequenz.

    MmD können nur weil sie krank sind, nicht alles bekommen, was sie wollen.


    Liebe Grüße

    Albatross

  • Sorry ein kleiner Nachtrag:


    Bei MmD, die einen Wahn entwickeln oder starke Halluzinationen oder anderes stark herausforderndes Verhalten, versuchen alle Menschen in deren Umgebung das Verhalten einzudämmen, abzuschwächen oder sich in Sicherheit zu bringen (bei Wahn manchmal nicht nur im übertragenen Sinn).

    Ob die MmD was dafür können, spielt auch hier keine Rolle.

    Der Instrumentenkasten, aus dem sich bedient wird, um eine erträgliche Situation herzustellen, ist in allen Fällen verschieden, aber eine Konsequenz.

    Willentliches oder Unwillentliches Verhalten zu unterscheiden sollte EIN Kriterium sein nicht DAS Kriterium.

  • Menschen können nichts für ihre Erkrankung, das ist richtig. Aber dass bei wirklich allen Verhaltensweisen im frühen und mittleren Stadium der Alzheimer- und vaskulären Demenz quasi als Entschuldigung dazu gesagt wird, "der/die kann ja nix dafür, das ist die Demenz!", finde ich so absolut nicht mehr tragbar.

    So werden die MmD aus jeder Verantwortung entlassen. Der Umgebung dafür alle Verantwortung aufgebürdet.

    Nein, es ist grundsätzlich klar, dass sich niemand Beschimpfungen oder tätliche Angriffe gefallen lassen muss. Ein Grundsatz ist hier, dass man auch sein eigenes Leben (Körper und Psyche) schützen muss. An dieser Stelle müssen die Mitmenschen sich schützen/geschützt werden. Das hat - glaub ich - mit Entschuldigung dann nichts mehr zu tun (jedenfalls nicht nur), es ist eine Erklärung ...


    Und an dieser Stelle muss man sich eingestehen, dass man mit der Pflege oder einfach auch nur mit dem normalen Umgang ( als Laie in diesem Thema) überfordert ist.

    Ich war zum Beispiel an genau dieser Stelle überfordert ... die aggressive Abwehr meiner Mutter konnte ich nicht mehr ertragen ...

  • Klar, sie hat in ihrer Rolle als Mutter in vielerlei Hinsicht versagt, das ist mir nach Jahrzehnten (u.a. mit therapeutischer Hilfe) klar geworden und das habe ich auch soweit ganz gut sortiert.

    Aber: dass sie die Krankheit "Demenz" bekommen hat, dafür kann sie nichts. Und hier bringe ich mich ein, ehrlicherweise nicht unbedingt als "liebende", sondern eher als "pflichtbewusste und hilfsbereite" Tochter. Liebe kann ich nicht mehr geben, aber die Aufgabe mich zu kümmern, die habe ich angenommen. Und das muss genügen.

    Liebe SunnyBee, ich finde, das ist genau richtig.

    Ich kenne euer früheres Verhältnis nicht, aber ich denke, dass diese Demenzkrankheit ein früher nicht so gutes Verhältnis nicht automatisch in ein völlig anderes ("sehr gutes") umwandeln kann. Es ist total verständlich, dass man einerseits das menschlich Nötige tut und sich andererseits nicht einseitig komplett verbiegen, um zu einer "liebenden" Tochter zu werden. Woher sollte dieses Gefühl plötzlich kommen ...?

  • Bei einem Teil der MmD wird halt sehr früh viel Hirnsubstanz zerstört, die persönlichkeitsprägend ist und diese verändern sich dadurch dann auch stark.

    So erklärt sich mir diese Unterschiedlichkeit jedenfalls ganz gut. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Lewis-Körperchen-Demenz bei allen Erkrankten die Persönlichkeit verändert, also quasi ein Symptom der Erkrankung ist.

    Ja genau, das muss man eben auch mit sehen. Solche Erkrankungen haben ja gerade die Zerstörung der Persönlichkeit als Symptom ... nicht alles ist mehr vom freien Willen und als Reaktion auf eine rationale Umgebung initiiert.


    Das kann aber auch bei der Alzheimerdemenz passieren.

    Da meine Mutter keine Krankheitseinsicht hatte/haben konnte, war sie außer sich vor Wut, als wir ihr (vermeintlich) vorschreiben wollten, dass sie sich waschen sollte. Für sie stand die äußere Welt Kopf.


    Aber genau da war das Ende unserer Möglichkeiten erreicht. Ich sage mir immer: Wenn ein Weg nicht mehr gangbar ist, muss man einen anderen wählen ... und wir haben es getan.

  • schwarzerkater, SunnyBee und alle anderen,


    im wesentlichen stimmen wir hier alle überein.

    Mir ging es in meinem Post darum, dass diese Aussage "der/die kann ja nix dafür, das ist die Demenz!", oft, und ich finde viel zu oft, herhalten muss, wenn Pflegepersonen sich nicht mehr zu helfen wissen. (Das kommt auch häufig vor, wenn man täglich mit den MmD zu tun hat.) Darauf reagieren die Leute, ob Pflegeprofis oder "Laien", gleichermaßen abwiegelnd. Mit eben diesem Satz. Ich habe schon erlebt, dass die Menschen sich selbst unterbrechen in der Erzählung über irgendwelche Situationen und den Satz raushauen.


    Das hilft aber kein Stück weiter - denn man ist trotzdem verletzt, gestresst, genervt.....

    Und dem Anspruch, der aus diesem "der/die kann ja nix dafür, das ist die Demenz!" erwächst, jedenfalls solange das absolut gesetzt wird, kann man nicht genügen. Daran kann man zugrunde gehen.

    Haben ja leider schon viele hier erleben müssen.


    Liebe Grüße

    Albatross

  • Und dem Anspruch, der aus diesem "der/die kann ja nix dafür, das ist die Demenz!" erwächst, jedenfalls solange das absolut gesetzt wird, kann man nicht genügen. Daran kann man zugrunde gehen.

    Das muss man auseinander"dröseln":

    1. Für die Krankheit kann niemand ... und für das daraus resultierende Verhalten auch nicht.

    2. Auch an der Belastung der Angehörigen/Pflegekräfte etc. hierdurch trägt niemand Schuld. (Zu trennen sind davon sonstige frühere große Probleme mit der Person, wie wir sie hier von einigen lesen).

    3. ... und das ist am wichtigsten: Mit "jemand kann nichts dafür" oder "jemand kann etwas dafür" lässt sich das Problem nicht lösen: Man muss einen Weg suchen (und hoffentlich finden), damit möglichst alle Beteiligten geschützt sind und LEBEN können.


    Für mich gehören auch verbale Attacken durch Demente zu den schlimmen Auswirkungen.

    Da muss Hilfe her (Medikamente, Situationswechsel, Ablenkung .... oder man geht als Angehörige auf Abstand.)!

    Es hilft aber leider kaum, wenn man versucht, sich mit Argumenten zu wehren.


    Was ich aber gut finde (auch für sich selbst): Wenn wieder so ein Angriff kommt, sehr deutlich zu sagen, dass man das nicht möchte (Formulierung der Situation und Beziehung angepasst) ... und dann GEHEN!


    Probleme lösen kann man auf der Ebene leider nicht mehr.


    Ich bin also nicht fürs "Aushalten", sondern für halbwegs tragbare Lösungen.


    Aber schwierig ist und bleibt es. Keine Frage! Ich stecke ja selber mittendrin! Ja wirklich mittendrin!!!!

  • Liebe schwarzerkater,


    Da bin ich bei dir.

    1. Für die Krankheit kann niemand ... und für das daraus resultierende Verhalten auch nicht.

    Zum zweiten Teil der Aussage: Wenn die Pflegepersonen das Validieren im Zweck falsch verstehen, dann denken sie im Zusammenhang mit dem "der/die kann ja nix dafür, das ist die Demenz!", dass sie für das Verhalten verantwortlich sind.

    Wird ihnen auch oft gesagt. Wenn man keine Geduld hat, wenn man nicht genug auf den Kranken eingeht, wenn man ihn überfordert, ..... Dann wird es kompliziert, weil der Kranke darauf ungünstig reagiert. Aber viele geben sich die SCHULD dafür und bekommen sie auch von außen zugeschoben, weil sie irgendetwas, s.o., falsch gemacht haben.

    Alles so schon am eigenen Leib erfahren bzw. bei anderen Zeuge geworden.


    Nur ein Beispiel was ich meine, wenn ich meiner Mutter eine Ansage mache:


    Sie sitzt im Sessel am Esstisch, ich habe auf den Couchtisch eine neue Verordnung für den Therapeuten gelegt. (War mit ihm so abgemacht). Sie fragt mich ohne Brille auf der Nase, was das den rosafarbenes ist da auf dem Tisch. Ich antworte ihr, "geh hin und find es raus". Sie entgegnet, "so war das aber nicht geplant!". Ich ist Deine Whg., ist Dein Tisch, ich bin nicht Dein Diener. Ich weiß, dass sie sich das sowieso anschaut, sobald ich weg bin. Sie läuft in ihrer Whg. eh jeden Tag "Patrouille".

    Sie ist der Überzeugung, dass ich dafür da bin, ihr jede Regung/jeden Wunsch

    eilends zu erfüllen, ohne dass sie etwas leisten muss. Das sagt sie den Menschen auch frech ins Gesicht, also wenn sie über mich redet. Wenn ich es nicht mache, dann "schimpft meine Tochter immer mit mir!".


    So in etwa meinte ich

    Ich bin also nicht fürs "Aushalten", sondern für halbwegs tragbare Lösunge

    "Ansage". Das ist kein schreien, anpöbeln oder argumentieren, sondern nicht alles mit sich machen lassen. Und die URSACHEN (nicht Schuld!) bei dem lassen, wo sie hingehören.

    Liebe Grüße

    Albatross

  • Hallo ihr Lieben,

    ich lese gerade eure Unterhaltung und ich sage

    DANKE ❤

    Es ist so hilfreich und es tut so gut!

    Liebe Grüße

    Thea

  • Wir haben dieses Problem auch und ähnliche Szenen, wie Albatross sie in ihrem letzten Post beschreibt. Meine Mutter neigt seit dem plötzlichen Beginn ihrer Demenz infolge eines Delirs dazu, ihren Ärger, Frust, Schmerzen an den Menschen abzureagieren, die gerade bei ihr sind und dabei völlig zu entgleisen. Ich gehöre zu der Fraktion, die zu der Auffassung neigt, dass die Betroffenen nichts dafür können. Ich weiß, wie meine Mutter vor ihrer Demenz war und sehe die Veränderungen und habe inzwischen resigniert: Sie kann ihr Verhalten nicht ändern. Lernen, sich anders zu verhalten, kann sie nicht, denn dazu wäre eine Merkfähigkeit nötig, die sie nicht mehr hat. Also muss ich damit leben und kann nur versuchen, die Ausbrüche nicht mehr an mich ran zu lassen, was mir dadurch erleichtert wird, dass diese Verhaltensweisen normalerweise nur zu bestimmten Tageszeiten auftreten und auch wieder vorübergehen.


    Ich kann mich in ihre Demenz nicht völlig hineindenken, aber der Versuch hilft mir. Wenn mein Gedächtnis völlig unzuverlässig wäre, ich dauernd Schmerzattecken hätte und die Ursache nicht immer präsent hätte, würde ich auch in Panik geraten und möglicherweise bösartig reagieren. Hinzu kommen bei meiner Mutter, aber ich nehme an, bei vielen Menschen aus der Generation, die als Kind den Bombenkrieg erlebt hat, Verlust- und Verlassensängste bis hin zu Todesängsten. Meine Mutter erlebt diese Ängste immer wieder neu und seit sie dement und hilflos ist, fast jeden Tag. Sie ist dann ein kleines Mädchen, das getröstet werden will. All das macht ihre Verhaltensweisen nicht angenehmer, aber für mich erklärlich. Und oft helfen mir diese Erkenntnisse, den üblen Episoden mit Wutausbrüchen die Spitze zu nehmen.

  • Liebe Rose60,


    ich werde Dich aus dem anderen Thread heraus zitieren (ich möchte den anderen Thread nicht mit diesem Gespräch kapern):

    Wichtig ist nach meiner Erfahrung: je mehr man gegen Gefühle ankämpft, desto stärker können sie werden, also besser es als Gefühl akzeptieren und gleichzeitig fragen "hilft es jemandem? Ist es berechtigt oder habe ich nach meinen Kräften gehandelt, ohne mich zu verausgaben?"


    Da bin ganz bei Dir und schwarzerkater, das bringt auch mich weiter über die schwere Zeit.


    Hinz, darf ich Dich fragen, was Deine Mutter tut oder Deiner Meinung nach tun würde, wenn in den Situationen, in denen folgendes passiert: "Meine Mutter neigt seit dem plötzlichen Beginn ihrer Demenz infolge eines Delirs dazu, ihren Ärger, Frust, Schmerzen an den Menschen abzureagieren, die gerade bei ihr sind und dabei völlig zu entgleisen."

    "Entgleist" sie dann auch, wenn sie allein ist? Oftmals ist ein "Entgleisen" beim Menschen allgemein nur vorhanden, wenn ein anderer Mensch Zeuge werden kann. Die wenigsten haben denselben Wutanfall im tatsächlichen Alleinsein.

    Damit meine ich aber natürlich nicht Schmerzäußerungen wie wimmern, jammern, stöhnen oder im schlimmsten Fall schreien.


    Das Phänomen ist auch gut bei kleinen Kindern zu beobachten. Kleinere Unfälle werden umso lauter und wehklagender kundgetan, je mehr Beachtung der Erwachsene dem Unfall zollt oder in seinem Verhalten zum Ausdruck bringt, das er den Unfall für gewichtig hält.

    Kleine Kinder können noch nicht einschätzen, wie einzelne Vorfälle einzuschätzen sind. MmD können es nicht mehr. Ich frage mich da, ob es da vielleicht Parallelen gibt?


    Liebe Grüße

    Albatross

  • Hallo zusammen, und Valentina61, ich wünsche Dir und allen anderen bei Ihren familiären "Geschichten" einfach nur, dass sich die Situationen irgendwann so klären, lösen, beruhigen, beenden lassen, dass niemand von Euch mehr darunter leiden muss.


    Kleines Update zu mir:

    Nur EINEN Tag, nachdem ich mich beim sozialpsychiatrischen Dienst für deren Hilfe bedankt habe, wurde meine Mutter nach richterlicher Begutachtung aus dem Krankenhaus entlassen. Laut Richter und Arzt gäbe es keinen Grund, sie dort zu behalten oder gar sie in eine Einrichtung einzuweisen. Dies habe ich von meinem SV erfahren, der entsetzt über diese Entscheidung war. Nun müsse er sich wieder ihr Gemecker anhören, sagte er.

    Ich selbst war nach diesem Anruf für den Rest des Tages "durch".


    Vorhin rief mein SV von unterwegs an, erzählte, dass meine Mutter wohl zurzeit relativ erträglich/verträglich sei, aber auch nie wieder zurück ins Krankenhaus will. Angeblich sei es dort zu schmutzig. Einen extremen Putzfimmel hatte sie schon immer.

    Sie würde sich ständig beklagen, dass niemand anruft und mein SV drängelte wieder, dass wir doch bitte öfter anrufen sollen. Noch während er das sagte, unterbrach ich ihn und wies ihn darauf hin, dass ich mich nicht mehr unter Druck setzen lasse und ich nur anrufe, wenn ich mich dazu in der Lage fühle. Ich glaube, er war beleidigt über meine Auskunft, ist halt so.

    Die Nachricht, dass meine Mutter wieder "frei" ist, hat mich mental ziemlich zurückgeworfen und es kostet mich große Mühe, dem mental gegenzuhalten. Physisch hat mir dies einen Rheumaschub beschert.


    Mir graut jetzt schon davor, dass mein SV uns zu seinem Geburtstag einladen könnte/wird, der demnächst ist. Da hinzufahren bin ich definitiv nicht in der Lage und auch nicht gewillt.


    Menschen können nichts für ihre Erkrankung, das ist richtig. Aber dass bei wirklich allen Verhaltensweisen im frühen und mittleren Stadium der Alzheimer- und vaskulären Demenz quasi als Entschuldigung dazu gesagt wird, "der/die kann ja nix dafür, das ist die Demenz!", finde ich so absolut nicht mehr tragbar.

    So werden die MmD aus jeder Verantwortung entlassen. Der Umgebung dafür alle Verantwortung aufgebürdet.

    DANKE für diese, Deine Einschätzung!


    Mein Mann hat mir grad nochmal bestätigt, dass er mich zu 100% versteht und ich mir keine Sorgen mehr machen soll. Für den Fall einer Einladung würde er alleine dorthin fahren.


    EHRLICH, ich bewundere alle Kinder von an Demenz erkrankten Eltern mit narzisstischer Vorgeschichte, dass sie trotz allem den persönlichen Kontakt aufrechterhalten und damit auf ihre Weise umgehen können. Ich kann es (im Moment) einfach nicht und das bringt mich grad wirklich sehr, sehr heftig in einen großen Konflikt zu meinem christlichen Glauben.

    Dass mein Mann, meine Kinder und viele andere meine Haltung unterstützen, dafür bin ich unendlich dankbar.


    Alles Liebe für Euch!

  • Liebe DieTochter6070!

    Danke, dass Du meine Einschätzung teilst.

    Was Du zu erzählen hast, was Du erlebst, ist Stress pur! Dein Mann scheint ein phantastischer Partner zu sein und meiner Ansicht nach ist es absolut richtig für Dich, Deine Gesundheit so! wichtig zu nehmen.

    Natürlich ist der Geburtstag des SV wichtig und man sollte ihn nicht ausfallen lassen für Kino oder sowas aber schon für das eigene Wohl.

    Warum ich meine Mutter noch betreue? Weil ich meinen Kindern und mir schuldig bin zu zeigen, dass man nicht allem ausgeliefert ist, wachsen kann und weil ich nicht zulassen will, dass meine nicht netten Eltern mein Sein und Verhalten bestimmen. Ich kämpfe gegen diese Traumavererbung, die Generationen hintereinander vers..t!

    Lasst Euch nicht unterkriegen.

    Liebe Grüße

    Albatross

  • "Entgleist" sie dann auch, wenn sie allein ist? Oftmals ist ein "Entgleisen" beim Menschen allgemein nur vorhanden, wenn ein anderer Mensch Zeuge werden kann. Die wenigsten haben denselben Wutanfall im tatsächlichen Alleinsein.


    Das Phänomen ist auch gut bei kleinen Kindern zu beobachten. Kleinere Unfälle werden umso lauter und wehklagender kundgetan, je mehr Beachtung der Erwachsene dem Unfall zollt oder in seinem Verhalten zum Ausdruck bringt, das er den Unfall für gewichtig hält.

    Kleine Kinder können noch nicht einschätzen, wie einzelne Vorfälle einzuschätzen sind. MmD können es nicht mehr. Ich frage mich da, ob es da vielleicht Parallelen gibt?

    Die Parallele drängt sich auf und bei meiner Mutter ist es auch tatsächlich so, dass sie sich oft in einer kindlichen Rolle sieht. Sie ist ja auch in ihren wiederkehrenden Ängsten wieder in ihrer Kindheit. Interessanterweise hatte meine Mutter früher, bevor sie dement wurde, Wutausbrüche bei Missgeschicken, wenn sie allein war bzw. sich allein glaubte, in Gesellschaft aber kaum. Ich kannte bei ihr vor dem Delir keine Vulgärbeschimpfungen anderer Menschen. Die Vulgärbeschimpfungen kann ich mir aber nicht mit einem Rückfall in eine kindliche Rolle erklären.

  • Erstmal Hinz ist es schön, dass Du geantwortet hast.

    Vulgärbeschimpfungen mit dem Vokabular kommen sicher von dem Erwachsenen Anteil Deiner Mutter.

    Aber Deine Beobachtungen legen nahe, dass Deine Mutter einen Hang/Drang hatte und hat, die Wut nach außen zu bringen. Der vor der Demenz intakte Frontallappen, wo die Sozialkompetenz „sitzt“, hat sie in Gesellschaft früher ausgebremst.

    Jetzt nicht mehr. Siehe Infos über die frontotemporale Demenz.

    Vorsichtig gesagt, würde ich hier auch eine Mischung von Persönlichkeit und Demenz am Werkeln sehen.

    Du bist anscheinend ein sehr tapferer Mensch, wenn Du Dich damit täglich auseinandersetzen musst/willst.

    Liebe Grüße

    Albatross

    Einmal editiert, zuletzt von Albatross ()

  • Für eine Frontotemporale Demenz ist sie zu alt, sie war 82, als es losging. Die Vulgärbeschimpfungen haben mich anfangs schockiert, weil Vulgärsprache, die über "Scheiße" hinausging, vorher nicht vorkam. Es wurden schön die Euphemismen benutzt, Armleuchter und Scheibenkleister und verflixt und zugenäht zum Beispiel. Tapfer? Nee, ich nehme es selten persönlich, im Gegensatz zu meinem Bruder, der sehr darunter leidet. An speziellen Scheusaltagen kann es sein, dass mir der Kragen platzt, dann ist das so. Ich bin eben, im Gegensatz zu dem, was meine Mutter manchmal denkt (und große Teile vom Rest der Welt sowieso), kein Pflegeroboter.

  • Lieber Hinz,


    ich hatte noch in Erinnerung, dass Deine Mutter keine FTD hat. Es ging mir um den Hinweis, dass bei dieser Form die Persönlichkeitsveränderung sowie auch bei Lewy-Body-Demenz höchstwahrscheinlich nur auf die Demenz zurückgeht und bei anderen eben nicht so zwangsläufig.


    Doch ich finde Tapferkeit oder Mut sollte auch bei Menschen anerkannt werden, die nicht (wirklich nur im übertragenen Sinne gemeint!) zähneklappernd vor einer Situation stehen. Denn Mut oder Tapferkeit zeigen kann nur derjenige, der sich, auch gefühlsmäßig, der schwierigen Situation bewußt ist. Und trotzdem was tut.

    Wenn nicht, wärest Du vielleicht doch eher ein Pflegeroboter?! Und das bist Du nicht, wie Du ausdrücklich und zu Recht betonst.

    Wenn Du erlaubst, bleibe ich bei meiner Einschätzung.

    Liebe Grüße

    Albatross

  • Das ist ein großes Problem, vor allem der Kriegsgeneration, Kriegskinder und der Kriegsenkel.


    Das Kriegskinder/-enkel Problem gibt der narzisstischen (o.Ä.) Persönlichkeitsproblematik und der verschiedenen Demenzen noch eine weitere Dimension.


    Damit erhöhen sich die Zahl der Variationen noch mehr.

    Daran habe ich auch schon gedacht.

    Allerdings mit weniger Verständnis als du. Muss ich so zugeben.


    Nimmt man z.B. meinen "Stiefvater", dann könnte ein guter Teil seiner emotionalen und körperlichen "Reglosigkeit" und fehlendem echten Mitgefühl wirklich daher herrühren.

    Natürlich auch die "Erinnerungen" in Endlosschleife.... was alle seine Zuhörer entweder ins sofortige Koma versetzt, oder in den Wahnsinn treibt.


    Weshalb ich mich ein wenig schwertue mit dem Verständnis ist aber das: viele von euch und viele andere Menschen hatten eine schwierige Kindheit, oder sehr schwere andere Lebenszeiten hinter sich. Und auch meine Mutter war kein Späßchen für mich.

    Und niemals, wirklich nie habe ich erlebt, dass diese Leute (oder ich) endlos in dieser Zeit verweilen möchten.

    Ich denke mir, okay, nicht so gut gelaufen, aber ich mach das Beste draus, lerne aus der Sache, und schlag ein neues Kapitel auf.


    Aber nie würde ich mich gedanklich freiwillig in diesen bescheidenen Zeiten aufhalten wollen. Es sei denn zum Zweck der (therapeutischen) Aufarbeitung, und auch dann auch nicht abendfüllend.

    "Mein" Dementer erzählt davon auch nicht etwa in einer Form, die darauf schließen läßt, dass er die damaligen Ereignisse belastend fand, nein, eher als ob das eine Art seltsames Kindheitsabenteuer war.

    Und genau darin ist mein Unverständnis begründet.


    Nebenbei: der erinnert sich noch heute bestens an "Führer's Geburtstag", und versteht nicht, weshalb sich seine Zuhörerschaft übergeben muss...

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