Demenz im Alltag

Datenschutzhinweis: Bitte achten Sie darauf, dass Sie im Forum keine persönlichen Daten von sich selbst oder von Dritten posten. Auch sollten Ihre Angaben keine Rückschlüsse auf Ihre Person zulassen.
  • Liebe Mitfühlende und RatgeberInnen.

    All eure Kommentare tun immer richtig gut und was ich bei anderen lese, da kann ich nur sagen, ui, da habe ich es gut. Mein Vater ist so dankbar und fügt sich super in den Heimalltag ein. Das einzige was ihm zu schaffen macht, ist die Einsamkeit. Und auch die Langeweile.


    Er hat sich heute riesig gefreut über die schönen Sachen von zu Hause. Etwas Kunst, eine altbekannte Stehlampe, ein schöner Sessel. Und schon sah das Zimmer schon ganz anders aus.


    Ich versuche es auszuhalten. Denn wirklich schlecht geht es ihm dort nicht. Obwohl er heute ein bisschen gebettelt hat, ich möge ihn doch bitte mitnehmen. Selbst mit meiner Mutter war es halbwegs erträglich... Und sie bekommt kleine Aufgaben von mir. Die neuen Brillen für meinen Vater müssen in etwa 1 Woche beim Optiker angepasst werden. Sie meinte dann, ach da bist du ja bestimmt wieder da. Ich habe ihr gesagt, dass ich noch nicht weiß, wann mein nächster Besuch ist und dass sie sich bitte darum kümmern soll. (ich wette mal drauf, dass sie es einfach nicht macht).


    Nächste Aufgabe: Bitte den Haustechniker Bilder und ein Wandregal aufzuhängen. Mal schauen, ob sie es macht. Auch hier tippe ich drauf, dass alles noch so da stehen wird wie heute. Aber dann ist das eben so.


    Heute habe ich gesehen, dass noch die Ummeldeunterlagen auf ihrem Schreibtisch lagen. Der Wohnsitz ist ja jetzt Pflegeheim. Ich erkläre ihr, dass man das eigentlich innerhalb von 2 Wochen und nicht erst nach 3 Monaten machen muss. Achselzucken meiner Mutter. Ich konnte noch nicht... Egal. Wenn es Ärger gibt, ist es ihr Ärger. Ich halte mich raus...


    Ich helft mir sehr dabei, mich an den Kontrollverlust zu gewöhnen. Ich greife nur noch ein, wenn echte Gefahren drohen. Versprochen!!! 😁


    Jetzt noch eine medizinische Frage in die Runde: Meine Mutter berichtet, dass ihr in letzter Zeit vieles einfach aus der Hand fällt. Außerdem vergisst sie alles, was sie nicht sofort aufschreibt. Und sie erzählt in einem Telefonat zweimal die gleiche Geschichte... Zum Arzt möchte sie nicht.


    So, jetzt sitze ich im Zug und freue mich auf zu Hause. Und ich habe mir selbst eine 10tägige Pflegeheim- und Papa-Pause verordnet. (mal schauen, ob das klappt).


    Liebe Grüße an alle und Danke für die großartige Unterstützung.

    Sabine

  • Ach danke. Und tatsächlich fühlt man mit allen Schicksalen mit, obwohl es anonym ist. Mir hilft es auch sehr, zu lesen, welche Herausforderungen andere haben. Und welche guten Lösungen schon gefunden wurden. Vor allem fühle ich mich nicht mehr so allein mit alledem. Das ist wirklich eine große Stütze.


    Ich habe Freunde und liebe Menschen in meiner Nähe, aber verstehen kann man das alles doch nur richtig, wenn man es selbst erlebt.


    Danke liebes Forum.

    Sabine

  • Ein letzter Gedanke zur Guten Nacht. Ich versuche einen Perspektivwechsel. So etwas wie Negativ-Positiv-Umkehr. Ich vergleiche innerlich (zu) oft das Jetzt mit dem Früher, das mal war. Aber wir sind in der Nachspielzeit... Ich bin selbst nicht mehr die Jüngste und habe noch beide Elternteile. Auch wenn das zuweilen anstrengend und belastend ist, bin ich froh, dass sie noch da sind. Selbst meine Mutter mit ihrer schwierigen Art. Ich kann noch an meinem Elternhaus klingeln und dort Zeit verbringen.


    Mit meinem Vater mache ich Ausflüge in die Stadt und ich freue mich, wenn wir bei Kaffee und Kuchen uns daran erfreuen. Ich möchte es nicht eintauschen und hoffe, dass es mir zukünftig noch besser gelingt, die eine oder andere Hürde sportlich zu meistern.


    Gute Nacht.

    Sabine

  • Liebe Sabine,

    Das klingt wirklich gut mit deiner Entwicklung,es geht nicht anders, wenn man nicht mit kaputt gehen will.

    Vllt ist es bei deiner Mutter auch erstmal eine Erschöpfung, dann fällt mir auch öfter was runter oder ich bin wuschig. Vllt geht sie auch erstmal auf Abstand zu deinem Vater, weil sie mit der eigenen Hilflosigkeit nicht klar kommt oder eben beginnende Demenz, wobei man über die eigenen Bedürfnisse nicht mehr gut hinausschauen kann.. da kann man viel spekulieren 😉 jedenfalls scheinst du aus der ersten großen Spannung erstmal rauszukommen und darfst gut zu dir sein!

    Wir sind hier immer mal besser und mal schlechter drauf, das fügt sich dann immer irgendwie zusammen und die ähnlichen Erfahrungen ergeben eine wunderbare Schwarmintelligenz 😊

    Liebe Grüße

  • Liebe Rose.

    Ja es geht mir viel besser. Vor allem die Doppelzimmerzeit war der Horror.


    Mit meiner Mutter sehe ich es so, dass sich bestimmte Verhaltensweisen verstärken. Sie war schon immer sehr auf sich bezogen. Und hat sich auch früher wenig für uns Kinder interessiert (ich erinnere mich nicht an ein einziges Mal, dass sie nach Schulinhalten oder Hausaufgaben gefragt oder bei irgendetwas geholfen hätte). Mit meiner Berufstätigkeit setzte es sich fort. Nur einmal hat sie gefragt, was ich denn mache in meinem Job. Weil eine Freundin von ihr gefragt hat, was ich denn bei dem Arbeitgeber mache und es war ihr unangenehm, dazu gar nichts sagen zu können.


    Ich sehe hier eher eine Fortsetzung ihres früheren Verhaltens und bin daher vielleicht auch etwas eingeschränkt in meiner Nachsicht. Aber ich gebe mir Mühe und die letzten Tage lief es ganz gut. Morgen meldet sich die Betreuungsstelle bei ihr. Ich bin gespannt.


    LG Sabine

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sabine67, schön zu lesen, dass es Ihrem Vater besser geht und dass er sich langsam in das Heim einfindet. Herzlichen Glückwunsch zum Einzelzimmer und zu Ihrer Erkenntnis der "Positiv-Negativ-Umkehr".


    Sie haben so viel in so "kurzer" Zeit erreicht und deshalb wünsche ich Ihnen sehr, dass Sie weiterhin die gemeinsam Zeit mit Ihrem Vater genießen können. Wenn er zwischendurch traurig ist, muss das kein Handlungsauftrag für Sie sein, Trost und Verständnis sind oft viel wertvoller.


    Eine Frage habe ich noch: Tauschen Sie sich mit seinen Freunden und Bekannten aus, die ihn besuchen? Wenn Sie an diesem sozialen Netzwerk stricken, können Sie vielleicht noch mehr den Blick auf das richten, was Sie schon erreicht haben, das wünsche ich Ihnen jedenfalls sehr, Ihr Martin Hamborg

  • Lieber Herr Hamborg,

    Vielen Dank für Ihren Kommentar und die Bestärkung auf das Positive zu blicken. Mir ist bewusst, dass ich im Moment nicht viel ändern kann und deshalb schone ich meine Ressourcen.


    Viel erreicht? Das mit dem Einzel-Zimmer war einfach nur Glück. Zwei relativ unerwartete Todesfälle.. Darauf hätte ich nicht spekulieren wollen.


    Sich selbst im Blick haben. Ja. Mache ich. Aber dass mein Vater dort ist, wo er nur eine Grundpflege bekommt, meine Mutter sich um nichts kümmert und ich 100km entfernt lebe. Das ist die Belastung.


    Lösung 1: Ein richtig teures Heim mit entsprechender Personalausstattung (gibt es tatsächlich und die 1.500 Euro im Monat an Preisunterschied sind dann ja auch gerechtfertigt)


    Lösung 2: Unterbringung bei mir am Wohnort, damit ich mich regelmäßig kümmern kann.


    Beides möchte meine Mutter noch nicht mal besprechen...


    Und ich möchte nicht jedes Wochenende damit verbringen hin- und herzufahren (da sind nur für den Weg schon 5 Std weg) . Und auch zwischendurch sind immer so viele Dinge, die schwer aus der Ferne zu managen sind.


    Deshalb suche ich so dringend nach Alternativen, weil es so, wie es jetzt ist, für keinen von uns Dreien irgendeinen MehrWert gegenüber anderen Alternativen hat.


    Liebe Grüße

    Sabine



    P. S. Zu den engen Freunden, die meinen Vater regelmäßig besuchen, habe ich Kontakt. Und in der schweren Zeit als mein Vater in der Psychiatrie war und ich mich neben Besuchen im 30 km entfernten Krankenhaus allein um die weiter Unterbringung kümmern musste, haben sie mich immer bestärkt und gesagt, wie toll sie es finden, dass ich das alles mache. Meine Mutter hat sich in den vergangenen 4 Monaten nicht ein einziges Mal bei mir bedankt. Für sie ist es ganz selbstverständlich, dass ich das mache.

  • Liebe Sabine,


    ich freue mich, dass der Vater ein Einzelzimmer hat. Darauf kann man aufbauen.

    Alles andere, was Du beschreibst, ist eine weitere Baustelle.

    Das Verhalten der Mutter zeigt deutlich, dass sie in keinster Weise in der Lage ist, der Vorsorge gerecht zu werden, was sicher seine Gründe hat. - Eine Depression oder sich nicht damit beschäftigen wollen, weil sich andere jetzt kümmern, was schon ein merkwürdiges Verhalten wäre oder es ist eine Demenz.


    Ich hoffe, dass sich alles weiterhin in die Richtung entwickelt, die für Dich und Deinen Vater am besten ist.


    Wüsste man immer vorher genau, wohin sich alles entwickelt. Dann hätte Dein Vater in der Vorsorgevollmacht auch Dich mit angeben können. Wenn mehrere Personen in der Familie vertrauenswürdig sind, dann würde ich immer zwei angeben. Gerade bei älteren Personen weiß man halt nie, wie sie sich im Alter entwickeln und inwieweit sie dann noch handeln können.


    Liebe Grüße

  • Liebe Teuteburger.

    Tatsächlich bin ich dort benannt und zwar als Ersatzbevollmächtigte. Das heißt aber ich kann erst etwas entscheiden, wenn meine Mutter nicht (mehr) kann. Ich denke, der Zeitpunkt ist da. Aber sie sieht es anders. Deshalb klärt das jetzt die Betreuungsstelle der Stadt, in der meine Eltern leben.


    Und tatsächlich glaubt meine Mutter, dass man seine Angehörigen dort "abgibt" und sich dann das Heim um alles kümmert. Beispiel. Gestern habe ich gemerkt, dass die Nagelschere weg ist. Und mein Vater hatte immer sehr gepflegte Hände. Also ruf ich sie an. Kannst du bitte eine neue Schere mitbringen? Antwort von ihr: wieso, das Heim macht doch die Grundpflege. Ich habe dann nur geantwortet: theoretisch ja, praktisch nein.


    Diese unnötigen Diskussionen kosten mich viel Energie. Aber ich lasse mich nicht mehr darauf ein. Man kann auch viel im Internet bestellen und die Päckchen kommen auch an. Trotzdem möchte ich meine Mutter nicht aus der Pflicht nehmen. Sie hat den ganzen Tag Zeit und ich einen Fulltimejob...


    So eine Doppelbaustelle und ohne die Möglichkeit, es auf mehrere Schultern zu verteilen, ist schon echt anstrengend.


    Liebe Grüße

    Sabine

  • Liebe Sabine -

    nur zum Thema Nagelpflege ein kleiner Tipp - auch wenn nicht weiß, ob das im Heim Deines Vaters ebenfalls so ist. Im Heim meiner Mutter ist jede Woche jemand im Haus für "Maniküre & Pediküre" (sprich: alles vom Nägel schneiden bis hin zu richtiger Maniküre). Wenn Du im Heim Bescheid gibst oder Du weißt, wer da kommt, kannst Du Deinen Vater dort anmelden. Abgerechnet wird das über das Taschengeld, was man für den Heimbewohner überweist. Dann müsstest Du Dir darüber keine Sorgen mehr machen. Und Dein Vater sieht weiterhin gepflegt aus.

  • Lieben Dank für die Hinweise. Friseur und Podologe gibt es. Fingelnägelschneiden kann mein Vater selbst und alles was er (noch) kann, sollte er auch selbst machen. Fußnägel behalte ich im Auge... 8)

    Einmal editiert, zuletzt von Sabine67 ()

  • Guten Morgen,

    weiterhin komme ich kaum zur Ruhe. Am Mittwoch hatte ich einen Miniumzug organisiert und ein paar Möbel und Bilder ins Pflegeheim bringen lassen. Ein Kleinregal und Bilder müssten noch aufgehängt werden. Meine Mutter hatte den Auftrag, dies mit der Haustechnik zu organisieren. Hat sie nicht und von sich aus kümmert sich das Heim auch nicht darum.


    Egal. Kann ein paar Tage so bleiben. Das ist nicht der Punkt. Sondern dass alles an mir hängt und ich nicht vor Ort bin. Meine Mutter hält sich an keinerlei Absprache und macht gar nichts.


    Meinem Vater geht es nicht gut dort. Er ist sehr deprimiert über die Einsamkeit. Abends geht er schon um 19.00 Uhr ins Bett, weil er nicht weiß was er sonst machen soll. Ich rufe ihn dann immer an und wir sprechen ein bisschen. Mehr kann ich aus der Ferne nicht für ihn tun.


    Seine Mitbewohner sind überwiegend sehr viel dementer und er findet kaum Kontakt. Pflege ist eben nur die Grundpflege. Auch wenige Momente am Tag. Ansonsten ist er meistens allein.


    Ich habe alle eure Kommentare vor Augen und mein Kopf sagt mir, ich MUSS das aushalten. Aber mein Herz zerspringt...


    Liebe Grüße

    Sabine

  • Liebe Sabine,

    Du hast schon so viel bewegt und ja: Es ist schwierig, überhaupt einen Heimplatz zu finden, schwieriger ein Einzelzimmer zu bekommen und fast unmöglich, einen Heimplatz zu finden, mit dem sich alle wohlfühlen: der Heimbewohner und seine Angehörigen.

    Dein Vater ist dort erst einmal versorgt und hat ein paar persönliche Dinge. Versuche, das als Übergangslösung zu akzeptieren und sei nicht traurig, dass vieles für Deinen Papa momentan unbefriedigend ist. Rom wurde nicht an einem Tag gebaut und das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Bleib‘ einfach am Ball - aber denke unbedingt auch an Dich und an Deine Bedürfnisse! Das ist beim Job „kümmernder/pflegender Angehöriger“ wichtig. Arbeite Dich nicht an Deiner Mutter ab - sie hat wahrscheinlich innerlich losgelassen, weil sie die Situation überfordert oder weil ihr einfach das Interesse fehlt.

    Vielleicht bekommst Du bald die Betreuung für Deinen Vater und kannst dann Nägel mit Köpfen machen, sprich: ein gutes Pflegeheim für Deinen Vater suchen. Bis dahin: Ab und zu abschalten und geduldig bleiben. Und vielleicht jemanden vor Ort suchen, der Dich und Deinen Vater entlastet/unterstützt. Alles Gute, molli

  • Liebe Sabine,

    Ich verstehe deine Belastung gut. Ist denn wirklich nur Grundpflege dort für deinen Vater möglich? Im Heim meiner Mutter sind auch Leute vom sozialen Dienst, die sich ganz besonders am Anfang regelmäßig den Bewohnern zuwenden und zusätzlich wurde meine Mutter, auch auf meinen besonderen Wunsch, öfter vom zuständigen Seelsorger des Hauses besucht. Gibt es das im Heim deines Vaters nicht? Es gab auch nach den ersten Wochen ein Gespräch mit meiner Mutter, der Heimleiterin , der Chefin vom sozialen Dienst und mir als Betreuerin. Da wurde abgefragt, wie die Zufriedenheit ist, was man noch tun könne (also meine Mutter wollte "nur" nachhause, aber man hat's doch planmäßig und ernst gemeint so durchgeführt)..

    Da haben wir wohl echt Glück gehabt..

    Liebe Grüße

  • Liebe schwarzerkater

    Vielen lieben Dank für Deine tröstenden und konstruktiven Worte.


    Mein Rat wäre, deiner Mutter prinzipiell ohne jeglichen Vorwurf (weder offen noch verdeckt) zu begegnen, sondern eher den entlastenden Aspekt für sie in den Vordergrund zu stellen, sie vielleicht auch eher verständnisvoll und liebevoll - virtuell - zu umarmen, selbst wenn euer Verhältnis eigentlich nicht dementsprechend ist.

    Mir fällt der Satz ein: Der Zweck heiligt die Mittel!

    Könntest du das vielleicht versuchen?

    Ich mache ihr keinen Vorwurf, dass sie nicht will oder kann. Das ist ihre Entscheidung und dazu habe ich ihr noch nie etwas gesagt (aber natürlich spürt sie mein Unverständnis). In Streit geraten wir, wenn sie mir zusätzlich das Leben schwer macht und Vorwürfe... Zum Beispiel der Polizeieinsatz neulich, als wir in der Stadt waren und es die Kommunikationspanne im Heim gab. Da war ich natürlich schuld. Wenn wir im Heim geblieben wären, wäre ihr das erspart geblieben. Das hat sie mir dann tagelang vorgehalten. Auch meine Begründung, dass ich ihn mal schön zum Essen einladen wollte, wurde kommentiert. "Ach war euch das Heimessen wieder nicht gut genug."


    Das geht seit vier Monaten so. Sie lehnt außerdem jedes Gespräch darüber ab, wie es weitergehen soll. Kein Bedarf. Sie sitzt zu Hause und heult. Mein Vater sitzt im Heim und ist unglücklich. Und ich fahre stundenlang hin und her...


    Ich habe ihr so oft vorgeschlagen. Dass ich bei ihr vorbeikomme und wir mal nur über ihre Situation sprechen und wie wir es für sie leichter machen können. Sie lehnt es ab. Angebote für Lieferdienste vom Supermarkt. Begleitung zum Arzt usw. Sie ertrinkt im Selbstmitleid und möchte keine Hilfe.


    Ich war schon froh, dass ich ein paar Dinge für meinen Vater abholen "durfte". Jede Anmerkung dazu, dass es ihm dort, wo er jetzt ist, nicht so gut geht, wird kommentiert mit "so ist es halt im Alter. Das muss man eben aushalten." Oder "Ach ist es dem Herrn Vater wieder nicht gut genug." Oder "Dein Vater sagt mir, er fühlt sich von mir im Stich gelassen. Das hast Du ihm doch bestimmt eingeredet."



    Verhalten deiner Mutter damit erklärst, dass sie halt (auch) älter und schwächer wird und dadurch überfordert ist und dass stattdessen DU mehr helfen kannst. Würde dein Vater das so annehmen?


    Genauso erkläre ich es ihm. Er möchte aber auch seine Frau nicht vor den Kopf stoßen und keine Konflikte. Dabei hat sich sein Verhalten aber auch schon geändert. Er ist etwas "egoistischer" geworden. Fragt nicht mehr bei allem, ob meiner Mutter das auch recht ist. Manchmal ist er schon richtig sauer auf sie. Und dann werbe ich bei ihm für viel Verständnis und Geduld mit meiner Mutter (auch wenn mir das schwer fällt.)


    In all den Wochen seit dem Krankenhaus habe ich immer gesagt, komm wir rufen an. Ich habe Bilder von ihr und meinen Eltern aufgestellt und nicht in einer Sekunde versucht, etwas zwischen sie zu stellen oder mich über sie zu beklagen. Auch den Platz in der Demenz Wg und ihr ablehnendes Verhalten dabei, habe ich nie wieder erwähnt...


    Ich nehme mir schon vor, die Kommentare meiner Mutter zu ignorieren und etwas ruhiger zu werden. Aber die Emotionen, die da hochkommen, sind tief in mir verwurzelt. Das muss ich behandeln lassen, damit ich damit besser leben kann.


    das ist ein großes Geschenk, wenn so etwas mit in die Demenz hinübergerettet werden kann. Das ist nicht selbstverständlich.

    Ja. Das weiß ich. Und durch all Eure Geschichten und Erfahrungen mit Aggression und Beschimpfungen weiß ich es noch viel mehr zu schätzen.


    Liebe Grüße

    Sabine

  • Vielleicht ist es so eine Art Lebensbilanz-Depression. Ich weiß

    Sehr interessanter Gedanke. Gegenüber einer Freundin hat meine Mutter gesagt, sie wäre im Leben zu kurz gekommen. Rein objektiv ist es nicht nachzuvollziehen.... Aber wie traurig, wenn es sich für sie so anfühlt.


    Ich schöpfe meine Energie für meinen Vater auch daraus, dass ich viel von ihm bekommen habe. Und freue mich, jetzt davon etwas zurückgeben zu können. Wenn man sich selbst jedoch am Null-Level oder darunter wähnt, wird es schwierig.

  • Danke liebe schwarzerkater.

    Ich frage mich, warum ich es nicht selbst erkannt habe, dass meine Mutter in so eine tiefe Depression gerutscht ist. Vielleicht war sie schon immer leicht depressiv. Aber jetzt ist es so offenkundig. Und ich bin ratlos, wie ich ihr helfen kann. Sie weigert sich zum Arzt zu gehen. Ich versuche morgen den Arzt zu erreichen, um mich zu beraten.


    Ich hatte mich schon darauf eingestellt, dass es schwer wird, allein mit den alten Eltern. Aber dass es nun so schwer wird... Zum Glück haben mich meine Eltern mit Stärke und viel Mut ausgestattet. Das hilft.


    Liebe Grüße

    Sabine

  • Liebe Sabine67, eine Altersdepression lässt sich behandeln. Meine Großmutter, die nach Herzinfarkt und Schlaganfall mit 86 plötzlich pflegebedürftig wurde, entwickelte in der Folge eine schwere Depression, die zunächst als Demenz fehlgedeutet wurde. Sie geriet dann aber an die richtigen Leute, einen Geriater im Krankenhaus und eine niedergelassene Psychiaterin, die sie in eine psychiatrische Klinik vermittelten, wo sie mit einer Kombination aus Medikamenten, Einzel- und Gruppengesprächen und körperlicher Aktivierung aus der Depression geholt wurde. Mit dann 88 Jahren. Es war keine Gerontopsychiatrie, sondern eine Normalstation, wo sie mit Abstand die Älteste. Ich bin überhaupt kein Freund von Neuroleptika und Antidepressiva bei Hochbetagten, aber meiner Großmutter halfen sie zusammen mit den anderen Maßnahmen. Leider ist diese Geschichte schon fast 22 Jahre her und ich weiß nicht, ob diese Klinik - ich weiß nicht, ob ich den Namen hier nennen darf - immer noch so arbeitet.

  • Guten Abend in die Runde,

    Beim letzten Eintrag habe ich noch gedacht, ich hätte den Dreh raus. Mit dem Verständnis für das vielleicht depressive Muster im Verhalten meiner Mutter. Heute komme ich zu dem Schluss, dass es keinen Unterschied für mich macht. Weil ich es einfach nicht ertrage...


    Ich bin seit zwei Tagen hier am Wohnort meiner Eltern. Zu Hause halte ich es nicht oder kaum noch aus (oh... höre ich schon den Schwarm rufen. DU MUSST ES AUSHALTEN. ACHTE AUF Dich! Recht habt ihr und gut meint ihr es mit mir, aber ich kann nicht). Ich habe mich ausgeklinkt in der Arbeit für zwei Tage und versuche den Frust meines Vaters zu kompensieren. Erfülle ihm alle Wünsche, vor allem Rausgehzeit. Er ist so unglücklich dort im Heim, dass es mir das Herz zerreißt.


    Eine neue Episode vom Aushaltenmüssen und Nichtaushaltenkönnen. Wenn ich nicht da bin, ist er sehr auf sich gestellt und entwickelt viele Ängste. Sagt mir oft, ich schaffe das nicht alleine. Und dass er so nicht leben möchte...


    Ich würde gerne noch mal die Situation beschreiben und warum ich sie für ihn so unerträglich finde. Der Demenzzustand meines Vaters: körperlich fit. Er geht zügig ohne Gehhilfe. Kann sich selbstständig an- und umziehen. Heute sagt er vorm Rausgehen. Ach ich würde gern noch duschen. Nachfrage von mir. "Brauchst du Hilfe?" Er "Nö. Nur gut, wenn du da in der Nähe bist." Er zieht sich aus. Geht alleine ins Bad. Stellt die Temperatur ein... Ich höre das Rauschen der Dusche. Er genießt es, einfach in Ruhe duschen zu können. Danach Abtrocknen, frische Unterwäsche, wieder anziehen, alles allein. Ich war nur da und habe überhaupt nichts geholfen. Frage: Warum soll dieser Mensch nur einmal in der Woche duschen dürfen, obwohl er alles selber kann? Und es ihm ein wichtiges Bedürfnis ist. Antwort: Weil die Struktur eines Heimes es nicht anders vorsieht.


    So langsam dämmert es meinem Vater, auf was er sich da eingelassen hat (so beschreibt er es). Dabei wurde er gar nicht beteiligt an der Entscheidung.


    Heute war der Mensch von der Betreuungsstelle bei ihm. Er wurde beauftragt, die Situation zu begutachten. Unter 4 Augen macht er mir wenig Hoffnung auf eine rechtliche Betreuung. Solange die Grundversorgung (satt und sauber) gewährleistet ist, wird sich kaum etwas an der Vollmacht ändern lassen. Es gilt, dass mein Vater bei klarem Verstand gewünscht hat, dass meine Mutter für ihn entscheidet. Und sie hat sich dafür entschieden, dass er in diesem 08/15 Heim in einem kleinen Zimmer lebt.


    Meine Eltern haben 3 Eigentumswohnungen in ihrem Haus. Insgesamt über 300 qm. Überwiegend finanziert aus der Lebensarbeit meines Vaters und dem Vermögen aus seiner Erbschaft. Meine Mutter lebt nun allein auf 130 qm. Mein Vater hat 18 qm. Nachfrage bei meiner Mutter, können wir noch mal darüber sprechen... Mietern kündigen. Pflege zu Hause. In getrennten Wohnungen. Unter einem Dach. Es gibt zwei vermietete schöne 4-Zimmer-Wohnungen mit je 100 qm mit Terrasse. Knappe Antwort, nein, das möchte sie nicht. Langjährige Mieter. Eine Kündigung kann man denen nicht zumuten.


    Ich höre auf... Für mich ist es der Horror und eine unglaubliche Geschichte.

    Extremst deprimiert.

    Sabine

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!