Demenz im Alltag

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  • Unter 4 Augen macht er mir wenig Hoffnung auf eine rechtliche Betreuung. Solange die Grundversorgung (satt und sauber) gewährleistet ist, wird sich kaum etwas an der Vollmacht ändern lassen. Es gilt, dass mein Vater bei klarem Verstand gewünscht hat, dass meine Mutter für ihn entscheidet. Und sie hat sich dafür entschieden, dass er in diesem 08/15 Heim in einem kleinen Zimmer lebt.

    Ist deine Mutter mit ihrer offenkundigen Depression denn überhaupt in der Lage, die Verpflichtungen zu erfüllen, die sie mit dieser Vollmacht eingegangen ist? Unbehandelt verbessert sich eine solche Depression auch kaum, im Gegenteil.

  • Liebe Sabine -


    die Situation im Heim hört sich für mich recht seltsam an. Im Heim meiner Mutter gibt es auch Regeln bzw. Vorgaben, aber solange die Bewohner noch etwas eigenständig können, wird das gefördert. Dein Vater braucht keine Hilfe beim Duschen? Wunderbar - er könnte dort 3x am Tag Duschen, wenn er möchte. Vielleicht mal mit der Heimleitung sprechen? Eigenes Duschen und Anziehen usw. entlastet die Pfleger ja.

    Ich schließe mich Hinz' Frage an: Wenn Deine Mutter eine diagnostizierte Depression hat, ist die Frage, ob sie noch entscheidungsfähig ist. Dazu müsste sie wahrscheinlich aber in Behandlung sein, damit man die Geschäftsfähigkeit anzweifeln an.

  • So wie Du das beschreibst, ist er einfach in dem "falschen" Heim. Ich kann Dich verstehen und auch deinen Kampf. Aber ohne das die Depression bei Deiner Mutter diagnostiziert wird, wirst Du kaum was tun können.


    Mir ist Eure Geschichte nochmal durch den Kopf gegangen. Kann es sein, dass Deine Mutter, obwohl materiell gut versorgt, Zeit ihre Lebens das Gefühl hatte, "kleiner" als Dein Vater zu sein? Und auch den Betrug in der Ehe nicht wirklich verarbeitet hat? Und jetzt ihre Chance gesehen hat, es deinem Vater heimzuzahlen? Es ihr aber nicht die Befriedigung gibt, die sie dachte? Sondern sie einfach noch weiter runtergezogen hat?


    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du eine Lösung für Deinen Vater findest. Ist er denn schon so dement, dass er seine Wünsche nicht mehr klar äußern kann und die Vollmacht wirklich voll eintritt?

  • Vielen lieben Dank für Eure Kommentare und Gedanken. Meine Mutter geht einfach nicht zum Arzt. Allerdings ist sie schon länger in psychotherapeutischer Behandlung. Die Diagnose kenne ich nicht...


    Das Duschen habe ich schon mal bei der Pflege-Dienstleitung angesprochen. Einmal wöchentlich ist der Plan. Und alleine traut sich mein Vater nicht... Ich finde vieles sehr chaotisch dort.


    Die meisten Fragen werden mit "weiß ich jetzt auch nicht" beantwortet. Beispiele:


    Warum wurden die Haare einfach radikal abgeschnitten?

    Warum isst meine Vater jetzt im Wohnbereich und nicht wie vorher im Speisesaal?

    Warum wurde ein frischer Strauß Blumen einfach entsorgt?

    Warum hat jemand für ihn einen Rollator bestellt?

    Wo ist der Fernseher, den ich bestellt habe?

    Warum wird das Medikament, das sich nicht mit Eiweiß verträgt, nicht vor dem Essen verabreicht?

    Wie oft wird mein Vater zu Spaziergängen begleitet?

    Wo sind bestimmte Wäscheteile?

    Wie kommt er denn so zurecht?


    Immer heißt es. "Weiß ich gerade nicht." Weil derjenige gerade Urlaub hatte, eigentlich in einem anderen Wohnbereich arbeitet, neu ist oder sonstwas.


    Aber gut zu hören, dass es nicht überall so ist. Mein Vater kann seine Wünsche klar äußern, fühlt sich aber dem System" Heim" ausgeliefert und hat große Ängste etwas falsch zu machen und dann ohne Geld vor die Tür gesetzt zu werden.


    Weiterhin ratlos...

    Sabine

  • Mir ist Eure Geschichte nochmal durch den Kopf gegangen. Kann es sein, dass Deine Mutter, obwohl materiell gut versorgt, Zeit ihre Lebens das Gefühl hatte, "kleiner" als Dein Vater zu sein? Und auch den Betrug in der Ehe nicht wirklich verarbeitet hat? Und jetzt ihre Chance gesehen hat, es deinem Vater heimzuzahlen? Es ihr aber nicht die Befriedigung gibt, die sie dachte? Sondern sie einfach noch weiter runtergezogen hat?


    Ist er denn schon so dement, dass er seine Wünsche nicht mehr klar äußern kann und die Vollmacht wirklich voll eintritt?

    Liebe Sabine,

    Diese beiden Gedanken von Schwiegertochter gehen mir 1:1 auch durch den Kopf!


    Mehr in Kürze, bin „on the road“, wollte aber unbedingt diese beiden Gedanken aufgreifen.


    Alles Liebe!

  • Eine Vorsorgevollmacht kann neu verfasst werden und die alte widerrufen werden. Wie das bei Demenzkranken dann aussieht, das weiß ich aber nicht.


    Diese sind in der Regel doch immer noch geschäftsfähig und können ein Heim verlassen, trotz der Vollmacht, wenn sie absolut nicht bleiben wollen. Der Vater scheint mir dazu noch in der Lage zu sein.


    Vollmacht ändern – das müssen Sie beachten!
    Sie möchten eine Vollmacht ändern oder sogar widerrufen? Dann sollten Sie unbedingt auch die Herausgabe der Vollmacht verlangen.
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    Ich kenne sie auch, diese unsäglichen Zwickmühlen in die man geraten kann und es scheint sich absolut nichts zu bewegen. Einerseits ist es gut, dass unsere Behörden strenge bürokratische Wege haben. Allerdings fallen da doch einige Personen durch dieses Raster hindurch. Das bedeutet oftmals Leid für die demenzkranken Menschen, aber auch für die Angehörigen.

    Wie oft habe ich schon gedacht, das manches nur im Individuell entschieden werden kann.


    Leider weiß ich in der Vollmachtsangelegenheit auch keinen weiteren Rat zu geben.

    Ich kann Dich absolut verstehen und es zeigt mir, wie wichtig es ist, dass man unschöne Lebenssituationen in einer Ehe niemals unter den Tisch kehren sollte, sondern dass man für sich selbst Lösungen erarbeiten sollte und das man auch immer einen Plan B im Hinterkopf haben sollte. Eine Demenz entwickelt sich langsam. Der Vater macht einen so netten und anpassungsfähigen Eindruck, so dass ich befürchte, dass er deshalb auch in seinem rechtlichen Leben eher anderen das Ruder überlassen hat, trotz seiner Intelligenz . . .


    Ich hoffe, dass Du irgendeine Lösung finden kannst. Ich hätte noch den Vorschlag zu machen eine Private Seniorenbegleitung oder sogar zwei einzustellen. Ich habe damals eine Zeitungsannonce aufgegeben und dabei die ein oder andere nette Dame gefunden. Oder aber man sucht sich in in einem der Agenturen Hilfe. Wenn der Vater mehrmals wöchentlich jemanden hätte, der ihn begleitet, dann wäre das eine Entlastung für Dich und man könnte dann schauen, wie es weitergeht.


    Liebe Grüße

  • Hallo Sabine,

    Die von dir genannten Fragen an die Pflege sind natürlich unbefriedigend beantwortet, wichtig ist aber, die Strukturen eines Heimes zu beachten. Verlässliche Regelungen sollten über die Wohnbereichleitung/Stationsleitung hinterlassen werden, erstmal mit dem/der jeweiligen Chefin das Gespräch suchen, darunter ist dann die jeweilige Schichtleitung zuständig, also bei uns.. vllt erkundigst du dich dort , wenn du gerade noch vor Ort bist. Alles dort angeben, was dir wichtig ist. Mir wurde noch vor kurzer Zeit durch die Leiterin des sozialen Dienstes fest zugesagt, wenn eine gute Frisur meiner Mutter immer wichtig war, auch immer noch gefärbt und aufgedreht auf Lockenwickler, dann wird das auch bei fortgeschrittener Demenz beachtet, auch wenn meine Mutter nicht mehr in den Spiegel schaut bzw.sich nicht immer (?)erkennt.

    Und dein Vater bekommt es ja noch mit. Alles kann man natürlich nicht unter Kontrolle haben. Wenn da gerade ein junger Mann Dienst hat, passiert es eher mal, dass meine Mutter mit Loch in der Hose aufzufinden ist (Vorurteil? Passiert durchaus) .

    Anfangs habe ich sicher auch mehr genervt.

    Nur ein bisschen kannst du im Hinterkopf behalten, dass dein Vater ja bei Verstand die potentielle Verantwortung an deine Mutter übergeben hat, also ein Großteil eigenverantwortlich in diese Situation gekommen..

    Du wirst als Tochter doch vermutlich die medizinische Betreuung deiner Mutter (Neurologe/Psychiater) befragen können zur Diagnose und deine Zweifel anmelden können? Dann evtl. Verantwortungsbewusstsein in Zweifel ziehen? Hast du den sozialpsych. Dienst schon angefragt?

    Und niemand hier kann und will dir natürlich dein Engagement ankreiden, nur wirst du es auf Dauer nicht durchhalten können.. aber das merkst du dann schon 😉

    Liebe Grüße

  • Hallo ihr Lieben.

    Heute habe ich den ganzen Tag im Homeoffice gearbeitet und den Abend mit meinem Vater im Heim verbracht. Es ist anstrengend, aber ich fühle mich wohl mit ihm und dem Gefühl, ihm Gutes tun zu können. Die Abschiede sind schwierig, wenn ich ihm sage, dass es ein paar Tage dauern wird, bis ich wiederkomme. Der letzte Strohhalm... Er zeigt sich dann von seiner sehr verletzlich Seite, Tränen in den Augen. Und gleichzeitig immer verständnisvoll. "Ja klar. Du hast ja auch Dein eigenes Leben.“


    Der Vater macht einen so netten und anpassungsfähigen Eindruck, so dass ich befürchte, dass er deshalb auch in seinem rechtlichen Leben eher anderen das Ruder überlassen hat, trotz seiner Intelligenz . . .

    Nicht unbedingt. Er konnte schon immer gut seine Bedürfnisse äußern. Hat sich aber schon immer von meiner Mutter viel gefallen lassen. Da habe ich schon oft als Kind oder Jugendliche gedacht, so würde ich mich nie bevormunden lassen. Das ist aber ihr Thema.


    Mittlerweile habe ich die Kraft verloren, mich neutral zu verhalten. Die Heim Unterbringung ist so verkehrt. Sowohl von seinen noch vorhandenen kognitiven Fähigkeiten als auch von dem Zimmer und den ganzen Rahmenbedingungen . Eine krasser Gegensatz zu den Möglichkeiten... Ich weiß schon und schätze sehr Eure Hinweise auf das eigene Wohl zu achten. Da gibt es gerade Grenzbereiche... Aber ich mag mich selbst auch ganz gerne und sorge dafür, dass es mir auch gut geht.


    Gerade fühlt es sich an, wie "Auf in den Kampf"... Dass mein Vater seinen wohlverdienten Lebensabend in diesem Heim verbringen soll, ist für mich definitiv keine Option. Zumindest noch nicht.


    Ich danke Euch so sehr, dass ich Euch gefunden habe, dass ihr bei mir seid und dass Eure Kommentare so hilfreich sind. DANKE.


    Liebe Grüße und eine Gute Nacht

    Sabine

    Einmal editiert, zuletzt von Sabine67 ()

  • Hallo in die Runde.

    Dieses Wochenende werde ich mal etwas für mich machen. Ein paar Tage Abstand. Gestern ging es meinem Vater nicht gut. Eine Freundin wollte ihn abholen, aber er wollte gar nicht raus. Das hatte ich noch nicht erlebt. Bisher war er immer happy, das Heim mal verlassen zu können.


    Die Freundin konnte dann aber meine Mutter überreden, mal nach ihm zu schauen. Mein Vater hatte starke Ängste, dass die Konten leer sind und irgendwelche Rechnungen nicht bezahlt wurden. Ich am Telefon. Meine Mutter im Hintergrund... Im üblichen genervten Ton. "J*****! Das hatten wir schon sooo oft. Er ist Dein Wahn. Es ist alles in Ordnung. Es ist nur in Deinem Kopf."

    Okay. Validieren sieht anders aus. Aber ich bin froh, dass sie überhaupt hingefahren ist und sogar mit ihm zu Abend gegessen hat.


    Ich überlege, ihn mal ein paar Tage hier zu mir zu holen. Kleiner Familienurlaub. Bin aber unsicher, ob ihn das nicht vielleicht noch mehr durcheinander bringt. Wie sind da Eure Erfahrungen zu? Hat Herr Hamborg eine Einschätzung dazu?


    Liebe Grüße

    Sabine

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sabine67, zunächst möchte ich Ihre Klarheit und damit auch Ihren Ärger stärken!


    Sie reiben sich auf und laufen doch immer wieder gegen Mauern - auch gegen die eigenen.


    So wie Sie schreiben spricht viel dafür, dass Sie Mutter eine behandlungsbedürftige Depression hat, die sich mit ihrer Persönlichkeit und eingespielten Verhaltensmustern verstärkt. Sie haben da wenig Möglichkeiten, denn wenn Sie an das (schlechte) Gewissen appellieren, verstärken Sie auch die depressiven Muster. Diese haben an sich häufig ein aggressives Potenzial, vermutlich das, was Sie in Bezug auf Ihren Vater beobachten.

    Es ist wie ein toxisches Spiel, dass sich nun durch die Demenz Ihres Vaters existenziell verändert hat. Ob Ihre "Harmonie-Strategie" hilfreich ist, mit der Sie Ihre Mutter in den Schutz nehmen, wenn Ihr Vater die Ausweglosigkeit erkennt und ärgerlich wird - kann ich aus der Ferne nicht einschätzen.


    Gibt es in Ihrer Nähe eine systemische Therapie oder Beratung, in der Sie alles in wenigen Sitzungen "aufdröseln" können? In diesem Zusammenhang würde auch deutlich werden, wie Sie förderlich auf die Depression mit Krankheitswert reagieren können.


    Auch auf einer zweiten Ebene wünsche ich Ihnen dringend einen guten Experten vor Ort: Wir können und wollen hier keine betreuungsrechtlichen Rat geben, aber so wie Sie das Gespräch mit der Mitarbeiter der Betreuungsstelle zitieren, kann ich es nicht nachvollziehen. Überspitzt hieße es, dass es keinen Ausweg auch einer unwürdigen und belastenden Lebenssituation gibt, wenn jemandem eine Vollmacht erteilt wurde, der diese nicht im Sinne des Betreuten ausfüllen kann. Sie beschreiben den Eindruck, dass bei Ihrer Mutter eher Macht, Bestrafung oder andere irrationale Faktoren eine Rolle spielen könnten.


    Hier schließt sich der Kreis zu meinem ersten Rat: Auch Ihr Vater steht sich vielleicht psychologisch im Weg, alte Bewältigungsstrategien der Ehe greifen nicht mehr, durch die Demenz und die vielen fehlenden Handlungsmöglichkeiten. Wenn Sie diesen Aspekt in der systemischen Beratung herausgearbeitet haben, können Sie ihm besser beistehen.


    Nun zu Ihrer Frage, Ihren Vater für einige Tage abzuholen. Vermutlich haben Sie schon die Risiken den möglichen positiven Erwartungen gegenübergestellt.


    - Können Sie die Anforderungen der Grundpflege sicherstellen? Von dem was Sie bisher geschrieben haben, würde ich da wenig Probleme erwarten. Wir haben hier ja schon mal von einem Demenzurlaub gesprochen, zusätzlich zu den laufenden Kosten im Heim.


    - Haben Sie geklärt, wann Sie das "Projekt" abbrechen müssten, weil Ihr Vater durch seine Demenz oder irrationale Überzeugungen (z.B. in Bezug auf die Loyalität und Enttäuschung zu seiner Frau) überfordert wäre?


    - Haben Sie sich schon einen inneren Kompass erarbeitet, mit dem Sie in den unterschiedlichen Zwickmühlen und herausfordernden Gefühlen und Verhaltensmustern navigieren können?


    - Haben Sie einen Plan, wenn sich Ihr Vater entscheidet, bei Ihnen oder in Ihrer Nähe bleiben zu wollen?


    - Wie planen Sie die gemeinsame Zeit, damit Ihr Vater möglichst wenig Stress erlebt und Sie beide wunderbare Tage verbringen können?


    Ihnen wünsche ich ganz viel Klarheit, Ihr Martin Hamborg

  • Lieber Herr Hamborg,

    Vielen Dank für die vielen guten Gedanken. Mir war schon bewusst, dass es ohne Hilfe für meine Seele kaum gehen wird. Und dann habe ich nach altbekanntem Muster meine Bedürfnisse wieder nach hinten gestellt. Der erste Schritt ist also, dies zu ändern.


    Denn im Moment funktioniert das ganze System "Familie" nur noch so halbwegs, weil ich alles auffange. Krankenhaus einweisen, Kurzzeitpflege suchen, Langzeitpflege organisieren, Zimmer einrichten, verlorene Brillen besorgen, Physiotherapie ordern, Vater trösten, Spaziergängen, Stadtausflüge usw. Immer mit dem Gedanken, mein Vater soll nicht "vor die Hunde" gehen.


    Gibt es in Ihrer Nähe eine systemische Therapie oder Beratung, in der Sie alles in wenigen Sitzungen "aufdröseln" können? In diesem Zusammenhang würde auch deutlich werden, wie Sie förderlich auf die Depression mit Krankheitswert reagieren können.

    Zum Glück wohne ich in einer Millionenstadt mit vielfältigem psychotherapeutischen Angebot. Einen Termin für ein Erstgespräch habe ich schon. Durch die Demenz meines Vaters sind die ganzen alten Muster und Kränkungen wieder hochgekommen.


    Erst war ich erschrocken davon. Nun sehe ich es als Chance... Bildlich gesprochen. Man kann einen zugemüllten Keller abschließen und nicht mehr betreten oder aufräumen. Ich habe mich nun für das Aufräumen entschieden. Und bei jedem Teil (Verhaltensweise, Beziehungselement) kann ich mich entscheiden, ob es Platz haben darf im letzten Drittel meines Lebens oder eben nicht.


    Ich war so sehr erschöpft von den letzten Monaten und habe gedacht, ich schaffe es im Moment nicht, die psychotherapeutische Auseinandersetzung. Jetzt sehe ich klar, ich schaffe es nicht ohne. Ohne das Forum hier wäre ich wahrscheinlich erst nach einem Totalzusammenbruch an diesen Punkt gekommen.


    Trotzdem bin ich oft ratlos. Ich zerre nicht (mehr) an meiner Mutter. Ich frage, ob sie das und das übernehmen kann. Wenn sie Nein sagt oder Ja sagt, aber es eben doch nicht macht, mache ich es. Ach eigentlich frage ich schon nicht mehr. Spar ich mir das Nachhaken und den Frust. Ich kümmere mich halt, um alles was bei meinem Vater anliegt... Ist das verkehrt? Er braucht so viel Hilfe, die mehr ist als ein Standardpflegeheim bieten kann (eine Fachkraft plus Helfer für 20 Bewohner). Besuchsdienst kommt, aber das ist auch nur eine Stunde die Woche. Und ich bin 2 Std entfernt... Wir telefonieren jeden Abend mindestens eine halbe Stunde, damit er nicht so einsam ist und auch einen Ansprechpartner hat. Meist bin ich die Einzige am Tag, mit der er einen wirklichen Austausch hat.


    Heute gehe ich mit einem großen Spaziergang den Frühling begrüßen. 17 Grad im Rheinland.

    Liebe Grüße

    Sabine

  • Ohje. Heute bin ich wieder mit meiner Mutter in alte Muster verfallen... Wir haben uns übelst gestritten.


    Meinem Vater geht es nicht gut. Er kommt nicht vor die Tür, ist einsam und hat viele Ängste. Gerade aktuell die Angst, irgendwelche Rechnungen würden nicht bezahlt. Das beschäftigt ihn seit Tagen (und Nächten) . Außerdem möchte er gerne, dass wir mal über Alternativen zur Unterbringung sprechen und uns beraten. Anderes Heim (er würde sich gerne frei draußen z. B. in einem geschützten Garten bewegen können oder einen Balkon haben), oder Wohngruppe (ihm fehlen die Kontakte im Heim, er hat keine Gesprächspartner) oder doch noch mal überlegen, eine der vermieteten Eigentumswohnungen mit Pflege Kräften...


    Anruf bei meiner Mutter. Ich frage erstmal, wie es ihr geht. "Schlecht" ist die Standardantwort. Ständig ruft mein Vater sie an und "nervt sie". Ich sage ihr, dass er mich auch oft anruft, weil es ihm nicht gut geht und er hat ja nur uns.


    Sie erzählt vom gemeinsamen Abendessen im Wohnbereich am Freitag. Es wäre für sie der Horror gewesen. Diese ganzen Dementen, die rumschreien oder mit starrem Blick vor sich hinstieren. O-Ton "Du machst dir kein Bild. Das war so schlimm für mich. Das kann man ja gar nicht aushalten."


    Vorsichtige Frage, können wir noch mal über Alternativen sprechen. Nein. Gleich der Vorwurf. Ich hätte meinem Vater "Flausen in den Kopf" gesetzt. Er würde ständig davon sprechen, dass er zu Hause mit Pflege Kräften leben möchte.


    Sie findet, weil er krank ist und eh alles gleich wieder vergisst, kann er das gar nicht beurteilen, wie er leben möchte. Sie möchte, dass es so bleibt wie es ist. Zuhause geht nicht, weil dann müsste man den Mietern kündigen. Das wäre denen nicht zuzumuten. Fertig. Ich bin so sehr verzweifelt, weil es meinem Vater dort nicht gut geht, wo er ist und ein großes Haus mit eigenen Wohnungen hat. Oder wenigstens einen Garten oder eine Wohngruppe. Er möchte ja selbst unbedingt, dass er nicht dort bleiben muss. Gegenüber dem Menschen von der Betreuungsstelle hat er das auch gesagt.


    Mein Vater findet die Verpflegung und Versorgung im Heim gut, hat aber klar gemacht, dass ihm soziale Kontakte fehlen und er am liebsten zu Hause mit Pflege Kräften wohnen möchte. Oder in einer Wohngruppe. Der Mann von der Betreuungsstelle hat es dann so interpretiert, dass es ihm gut geht und es dann ja höchstens darum ginge, dass es ihm noch ein bisschen besser gehen würde...


    Eine Therapie kann (und muss) mir helfen, mich selbst besser zu schützen und auch besser Konflikt vermeidend zu reagieren. Aber meine Verzweiflung darüber, ihn so leiden zu sehen (und damit meine ich nicht die Krankheit, sondern die Unterbringung) und nichts machen zu können, macht mich echt wahnsinnig... Es bestimmt mein tägliches Leben, weil ich so sehr mit ihm leide. (Vielleicht muss es ihm erst noch viel schlechter gehen und er muss noch verzweifelter sein und ich kann ihn dann davon überzeugen, die Vollmacht zu widerrufen.)


    Gut, dass ich es immer alles hier aufschreiben und mir von der Seele schreiben kann. Danke, liebes Forum.

    Liebe Grüße

    Sabine

  • Liebe Sabine,

    ich lese deine Updates immer sehr aufmerksam und hab das Gefühl, du drehst dich nahezu im Kreis. Es geht eben leider nicht, es allen immer recht zu machen. Du willst für deine Eltern nur Gutes, aber läufst immer wieder gegen die hohen Mauern, die deine Mutter aufgebaut hat. Das ist so schade.

    Dein Vater ist ja scheinbar noch relativ gut in der Lage über seine Bedürfnisse zu sprechen und seine Wünsche zu äußern.

    Er ist nicht für geschäftsunfähig erklärt, es muss doch irgend eine Möglichkeit geben, dass er die Vollmacht auf dich überträgt!?

    Du kannst es in Ruhe mit ihm bereden und auch gut begründen.

    Ganz am Anfang hast du über die Demenz-WG in deiner Nähe berichtet. Aus meiner Sicht wäre sie das Beste für ihn. Du wärest in der Nähe und er würde sich wohler fühlen. Deine Mutter besucht ihn jetzt auch nur wenig, also die Entfernung braucht sie dir nicht vorwerfen.

    Letztendlich wäre es auch für dich eine riesige Erleichterung. Die 24Stundenpflege in einer der Wohnungen sehe ich eher kritisch.

    Ich befürchte, dass deine Mutter für sehr viel Unruhe sorgen wird.

    Ein bisschen beneide ich dich um dieses schöne Verhältnis, was du zu deinem Vater hast. Wenn meine Mutter doch nur halb so nett zu mir wäre. Oder mal, schön, dass du anrufst.

    Seit Wochen ist sie wieder nur noch aggressiv zu mir, egal worum es geht. Vorhin habe ich mit ihr telefoniert, eigentlich nur um ihr ihren gewünschten Friseurtermin mitzuteilen. Bevor ich zu Wort kam, musste ich mir aber die leidige Geschichte anhören, dass sie ja nur meinetwegen dort wohnt und mit ihr nichts davon besprochen wurde und sie sowieso alles machen muss, was ich ihr vorschreibe.

    Mit ein paar kurzen Sätzen antwortete ich ihr und teilte ihr dann mit, dass morgen früh die Friseurin zu ihr kommt. Antwort: Warum machst du solche Termine für mich!! Ich wollte in den Salon und nicht hier die ganze Arbeit und den Dreck damit haben!!

    ( die Friseurin kommt seit September)

    Ich beendete das Gespräch dann schnell mit der Begründung, dass mein Mann das Essen fertig hatte.

    Am liebsten hätte ich mal eine Antwort in ähnlicher Art und Weise gegeben. Es macht mich nur traurig und deprimiert.

    Aber nichts desto trotz werde ich mich morgen um ihre weiteren Angelegenheiten kümmern, Krankenkasse, Pflegedienst, Hausarzt, Post, die während unseres Urlaubs angekommen ist. Seit kurzem entwickelt sie eine Hinlauftendenz, vieles muss geklärt werden.

    Liebe Sabine, ich wünsche dir viel Kraft für die neue Woche und vor allem mal Erfolge, auch wenn es manchmal nur kleine sind.

    Liebe Grüße

    Stern

  • Vielleicht muss es ihm erst noch viel schlechter gehen und er muss noch verzweifelter sein und ich kann ihn dann davon überzeugen, die Vollmacht zu widerrufen.

    Versuche, dass es nicht soweit kommt.

    Ich würde ihm genau diese Frage mal stellen.

    Vielleicht überzeugt ihn das.

  • Dein Vater ist ja scheinbar noch relativ gut in der Lage über seine Bedürfnisse zu sprechen und seine Wünsche zu äußern.

    Er ist nicht für geschäftsunfähig erklärt

    Liebe Sabine,


    Warum geht Ihr nicht in das Heim seiner/Eurer Wahl und meldet ihn dort an? Er darf doch noch alles.

  • Liebe Sabine,


    erstmal möchte ich Mauerflowers Antwort aufgreifen. Warum besichtigt ihr nicht ein paar Heime/Wohngruppen etc? Anrufen Termin machen und zusammen hingehen. Wenn es zusagt gleich auf die Warteliste setzen lassen. Dein Papa scheint ja noch soweit entscheidungsfähig zu sein. Ich habe mit meinem Papa damals ebenfalls einige Heime angeschaut. Davon wusste er zwar am Tag darauf nichts mehr aber ich wusste was er spontan für ein Entscheidung zum jeweiligen Heim getroffen hat. (Ja, Kann ich mir vorstellen bis Nein auf keinen Fall).


    Zu deiner Mutter, eure Beziehung ist im Moment schwierig, aber das was du beschreibst ist eigentlich ein großer Hilfeschrei. Tag und Nacht 24h am Tag mit einer dementen Person zusammenzuleben ist oft eine extrem belastende, herausfordernde und erschöpfende Angelegenheit. Wie erschöpfend das ist kann man aber niemanden klar machen der das nicht selbst tun musste.
    Wenn dann mal jemand 2 Stunden zu Besuch da ist, ist diese Zeit nicht das Problem, es sind die anderen 22 Stunden am Tag die gefüllt werden müssen.


    Wie belastend das für deine Mutter ist hat sie dir ja selbst im Bezug auf das Essen im Heim mitgeteilt. "Zitat" O-Ton "Du machst dir kein Bild. Das war so schlimm für mich. Das kann man ja gar nicht aushalten.-----------------------


    Um jetzt nicht einen falschen Eindruck bei dir zu erwecken, das ist jetzt kein Angriff gegen dich. Nur was du an Verhalten deiner Mutter beschreibst ist sicherlich "extrem" aber für mich durchaus bis zu gewissen Punkten nachvollziehbar. Ich z.B. habe meinen Vater sehr geliebt, bin Jahre über meine Grenzen gegangen, aber die dunklen Stunden "Wenn doch alles jetzt schon vorbei wäre" oder "Sollen so meine nächsten 2, 3 oder 10 Jahre aussehen?" die hatte ich nicht zu knapp. Das hat mit mangelnder Liebe oder Zuneigung gar nichts zu tun. Ich weiß auch das es da nicht nur mir so ging, weil das ganz normal ist.


    Ein wenig hört das beschriebene deiner Mutter so an wie bei einem Häftling der lebenslänglich bekommen hat und nun plötzlich vorzeitig entlassen wurde.

    Ein Bild das ich nutze weil ich oft genau das gefühlt habe.


    Gut möglich das deine Mutter im Moment ebenfalls Hilfe benötigen würde. Aber auch das ist nicht unbedingt deine Aufgabe. Deine vorrangige Aufgabe ist SELBSTFÜRSORGE, erst danach kommt alles andere.

    Hr. Hamborg hat ja bereits in seinem Beitrag zu deiner Mutter das Stichwort "Depression" fallen lassen. In vielen Städten gibt es auch Selbsthilfegruppen für die Angehörigen von Dementen, manchmal kann ein darüber reden mit jemanden der wirklich versteht was gemeint ist ware Wunder bewirken (Genau so funktioniert ja auch dieses Forum)

    Auch eine Therapie ist eine gute Möglichkeit.

    Ich scheue mich auch nicht zu sagen das ich selbst diesen Weg gegangen bin. Ich bin bereits seit einem Jahr in Theraphie (jetzt nur noch 3 Wochen-Rythmus für 30 min). Begonnen habe ich zwei Monate bevor mein Vater verstorben ist. Mir hat es unheimlich geholfen.
    Zu guter letzt, soll keine Werbung sein, es gibt heute extrem niedrigschwellige (selbstzahler) Angebote im Internet. Therapie per Videokonferenz, Chat oder Telefon. Das kann z.b. für den Einstieg oder auch zu Überbrückung sein. Ich hatte damit viel Glück und gleich auf Anhieb eine tolle Therapeutin mit 30+ Jahren Berufsverfahrung gefunden und ich konnte meine Therapie in die späten Abendstunden legen ohne meinen täglichen Terminkalender wieder komplett durcheinanderzubringen.


    Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft.

  • (...) Tag und Nacht 24h am Tag mit einer dementen Person zusammenzuleben ist oft eine extrem belastende, herausfordernde und erschöpfende Angelegenheit. Wie erschöpfend das ist kann man aber niemanden klar machen der das nicht selbst tun musste.
    Wenn dann mal jemand 2 Stunden zu Besuch da ist, ist diese Zeit nicht das Problem, es sind die anderen 22 Stunden am Tag die gefüllt werden müssen. (...)


    (...) Nur was du an Verhalten deiner Mutter beschreibst ist sicherlich "extrem" aber für mich durchaus bis zu gewissen Punkten nachvollziehbar. Ich z.B. habe meinen Vater sehr geliebt, bin Jahre über meine Grenzen gegangen, aber die dunklen Stunden "Wenn doch alles jetzt schon vorbei wäre" oder "Sollen so meine nächsten 2, 3 oder 10 Jahre aussehen?" die hatte ich nicht zu knapp. Das hat mit mangelnder Liebe oder Zuneigung gar nichts zu tun. Ich weiß auch das es da nicht nur mir so ging, weil das ganz normal ist.


    Ein wenig hört das beschriebene deiner Mutter so an wie bei einem Häftling der lebenslänglich bekommen hat und nun plötzlich vorzeitig entlassen wurde.

    Ein Bild das ich nutze weil ich oft genau das gefühlt habe. (...)

    Du beschreibst die Situation wunderbar. Ich betreue meine demente, inzwischen 87jährige Mutter seit über vier Jahren Tag und Nacht und teile deine Darstellung bis zu den Formulierungen. Bei Sabines Mutter kommt aber noch hinzu, dass sie in ihrem Alter nicht nur das Recht hat, sondern auch einen Anspruch darauf hat, noch etwas anderes als die Pflege und Betreuung eines anderen Menschen in ihrer restlichen Lebenszeit zu erleben. Von ihr kann niemand erwarten, dass sie sich erneut an der Pflege beteiligt und vermutlich wehrt sie alle Versuche einer Rückkehr ihres Mannes selbst in eine andere Wohnung in ihrem Haus ab, weil sie befürchtet, dass mindestens ein Teil der Betreuung an ihr hängenbleiben könnte, wenn er in eine der Wohnunen einzöge (was vermutlich schon daran scheitern würde, dass es auch bei Eigenbedarf Jahre dauern kann, bis die Wohnung frei wäre).


    Liebe Sabine, im Grunde ist alles eine Frage des Geldes. Du könntest versuchen, in deiner Umgebung einen Platz in einem Heim oder einer Wohngruppe mit einem besseren Konzept für Demenzkranke zu finden, mit entsprechend höherem Personalschlüssel und Eigenanteil. In jedem Fall wäre er in deiner Nähe besser aufgehoben, weil du dich dann mehr um ihn kümmern könntest. Ihn bei dir zu Hause aufzunehmen, kommt gar nicht in Frage, auch nicht mit Tagespflege und stundenweiser Betreuung darüber hinaus?

    Einmal editiert, zuletzt von Hinz ()

  • Liebe Sabine, im Grunde ist alles eine Frage des Geldes. Du könntest versuchen, in deiner Umgebung einen Platz in einem Heim oder einer Wohngruppe mit einem besseren Konzept für Demenzkranke zu finden, mit entsprechend höherem Personalschlüssel und Eigenanteil.

    Hallo Hinz,

    mit wessen Geld soll Sabine das bezahlen?
    Der Vater hat ihrer Mutter die Vertretungsvollmacht gegeben. Ohne schlimme (gerichtliche) Streitigkeiten mit der Mutter ist das nicht rückgängig zu machen.
    Wenn ich das richtig gelesen habe, hat auf Initiative von Sabine ein Vertreter des Gerichts den Sachverhalt schon einmal begutachtet und hat keinen Grund zum Eingreifen gefunden.

    Man kann auch ohne Vollmacht einem geliebten Heimbewohner viel Gutes tun.

    Gruß Buchenberg

  • Hallo Buchenberg, hallo Sabine,

    Mir geht es um Folgendes: Wenn der Vater prinzipiell geschäftsfähig ist, kann er den bestehenden Heimvertrag kündigen und einen neuen woanders abschließen. Eine Vollmacht spielt erstmal mE keine Rolle, die haben mein Mann und ich auch voneinander. Deshalb können wir ja trotzdem machen und entscheiden was wir wollen, die Vollmacht greift erst, wenn einer von uns keine Zeit hat oder nicht (mehr) kann.

  • Ich vertraue immer auf die Einsichtigkeit der Menschen. Wenn Sabines Mutter noch halbwegs rational handelt, dann wird sie nicht viel dagegen haben, wenn ihr Mann in der Nähe der Tochter gut untergebracht ist. Dann wäre der Druck von ihr genommen. Falls sie vollkommen irrational vernünftige Lösungen wie ein spezialisiertes Heim für Demenzkranke blockiert, dann ist das ein Fall für's Betreuungsgericht. Bisher gibt es ja keine konkrete Alternative zu dem Wald-und-Wiesenpflegeheim, in dem er derzeit lebt. Aber wenn die auf dem Tisch läge, dürfte die Sache schon anders aussehen.

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