Demenz im Alltag

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  • Kannte ich noch nicht. Vielen Dank. Das Forum ist in vielerlei Hinsicht so super hilfreich. Toll.

    Das Medikament, das mein Vater nimmt heißt Mirtazapin. Laut Liste Kategorie C. Also ungünstige Nutzen-Risiken-Relation. Mein Vater hat echt Pech auf ganzer Linie...

    Das sehr problematische, aber gleichzeitig oft genutzte Antidepressivum bei Hochaltrigen ist Amitriptylin. Es hat eine sedierende und delirauslösende Wirkung. Mirtazapin hat letztere meines Wissens nicht. Ich kenne einen Fall aus meiner Familie, wo Mirtazapin sehr hilfreich war. Man darf die Betroffenen nur nicht damit allein lassen. Wenn ein Medikament schwindlig oder müde macht, kann es Stürze begünstigen. Ich glaube, daher rühren die schlechten Noten auf der Forta-Liste und die gute für die Gruppe der SSRI, weil die eben nicht torkelig machen.

  • Vielen Dank für Eure Einschätzungen. Ich kenne mich echt überhaupt nicht aus. Das Mirtazapin scheint mein Vater gut zu vertragen. Er nimmt es schon länger. Die Trittsicherheit ist Tagesform abhängig. Meist aber sehr gut. Er bewegt sich trittsicher ohne Gehhilfe im Wohnbereich. Wenn wir unterwegs sind und länger zu Fuß, hake ich ihn unter. Da habe ich schon das Gefühl, dass er ein bisschen wackelig ist.


    In den letzten Monaten ist er ein einziges Mal gestürzt. Im Krankenhaus. Da war er regelrecht abgeschossen mit Beruhigungsmittel und konnte kaum noch laufen...


    Ich konnte heute nicht in Erfahrung bringen, ob der Neurologe da war. Das Heim ist das reinste Kommunikations Chaos. Ich frage morgen nochmal nach und ruf in der Praxis an.


    Ich habe gestern viel Zeit verbracht mit nochmal alle Heime in der Stadt meiner Eltern virtuell anzusehen. Einschließlich Qualitätsberichte usw. Es gibt ein anthroposhisch geführtes Haus mit großem Außenbereich und Streichelzoo. Das könnte ich mir gut vorstellen und wir werden es uns nächste Woche gemeinsam ansehen. Ein Lichtblick, der mir Mut macht.


    Liebe Grüße ins Forum.

    Sabine

  • Liebe Sabine,

    das mit dem anthroposophischen Heim mit großem Außenbereich und Streichelzoo! hört sich wirklich sehr, sehr gut an 👍. Mögen Deine Bemühungen Erfolg haben und hoffentlich endlich auch von Deiner so oft auf „stur“ schaltenden Mutter anerkannt werden. Ich hoffe, dass Dein Vater bald in einer schöneren und würdigeren Umgebung seinen Lebensabend verbringen kann. Auch für Dich und dass Deine Mutter einlenkt, ihr „go“ gibt und Dein Engagement zu schätzen lernt - denn sie wird eines Tages auch auf Hilfe angewiesen sein!

    Alles Gute, molli

  • Liebes Forum. ♥️

    Heute habe ich eine Besichtigung in dem anthroposophischen Heim gemacht. Es kam mir jetzt nicht deutlich besser vor als das Heim in dem mein Vater jetzt ist. Das Zimmer eher kleiner, die Flure weniger wohnlich und der Ausblick aufs Gewerbegebiet auch nicht sehr erbauend... Es hat mich nicht besonders angesprochen. Schade. Ob die Pflege dort besser wäre? Das ist schwer zu beurteilen. Ich habe mich zunächst erstmal dagegen entschieden.


    Obwohl das aktuelle Heim ist wirklich das reinste Chaos. Meine Mutter bekommt eine Mahnung von der Krankenkasse. Der bestellte Rollator wurde mit einem Rezept eingelöst, das schon abgelaufen war. Sie soll sich nun um ein neues kümmern. Der Rollator einschl. Rezept wurde vom Heim ohne Rücksprache mit uns bestellt. Also Rezept vor 3 Monaten geordert. Rollator jetzt erst bestellt... Treppenwitz (!!!). Mein Vater braucht gar keinen Rollator, weil er sehr gut zu Fuß ist. Trotzdem müssen wir uns jetzt um ein neues Rezept kümmern. Und ich habe zwei Wochen gebraucht, damit das Ding wieder aus dem Zimmer verschwindet und jetzt in irgendeinem Lager steht.


    Wegen der Rollatorgeschichte hat meine Mutter heute die Pflege Dienstleitung angerufen, weil sie es nicht verstanden hat. Der Pflege Dienstleister teilte ihr dann beiläufig mit, dass mein Vater gegenüber dem Mitbewohner Herrn M. gewalttätig geworden wäre und bereits vor mehr als 1 Woche der Neurologe da war und die Medikation geändert worden wäre. Was genau passiert wäre, wüsste er nicht. Wir sollten die Pflegerin R. ansprechen, sie könnte Auskunft geben. Zwischenzeitlich hat meine Mutter sich die Änderung der Medikation von der Praxis der Neurologen bestätigen lassen.


    Ich war am Nachmittag vor Ort und frage die Pflegerin R. nach dem Vorfall. Sie sagt, davon wüsste sie nichts und der Neurologe hätte gesagt, die Medikation würde nicht geändert, sondern wäre in Ordnung so. Mein Vater würde die gleichen Tabletten nehmen wie zuvor und gewalttätig wäre er auch nicht... (allerdings meinte mein Vater selbst es wäre etwas vorgefallen... Nur ein Gefühl. Erinnern kann er sich nicht).


    Heute habe ich mich richtig erschrocken, als ich ihn sah. Rote Augen, undeutliche Sprache, wackeliger Gang, Müdigkeit, verwirrt... Ich beobachte das ja schon seit Monaten sehr genau und erkenne die Veränderungen. Ich gehe davon aus, dass die Medikation geändert wurde.


    Heute habe ich meinen Vater das erste Mal in meinem Leben weinen gesehen. Weil er so verzweifelt ist über seine Situation im Heim... Zumindest bewegt sich meine Mutter. Sie sieht nun selbst, dass es so nicht weitergehen kann und wie schlecht die Zustände dort sind und mein Vater total abbaut.


    So kann ich mich nun an den Gedanken klammern, dass meine Mutter und ich nach 5 (!) Monaten endlich in ein Gespräch kommen über Alternativen und Perspektiven. (Sie hat allerdings auch mittlerweile deutliche kognitive Aussetzer. Sie fragt mich nach etwas, was ich gerade erzählt hatte.... Auweia. Wahrscheinlich die nächste Baustelle.)


    Jetzt fahre ich erstmal in meine Stadt zurück. Aber es fühlt sich so an, als säße ich auf einer tickenden Zeitbombe... (Apropos Bombe. Strecken Sperrung wegen Entschärfung einer Flieger Bombe. Mal sehen, ob ich noch heim komme).


    Liebe Grüße

    Sabine

  • Ach Sabine, das ist wirklich belastend. Ich habe es phasenweise bedauert, dass ich meine Mutter in meine Nähe geholt habe (allerdings war auch sonst nichts frei damals), aber ich bin nun auch froh, dass ich hier alle wichtigen Arztgespräche und Erledigungen vor Ort machen kann.

    Ich wünsche dir wirklich baldige Entspannung !

  • Danke für Eure Anteilnahme und Berichte aus Eurer Situation. Ob nah oder fern... Die Frage stellt sich im Moment nicht. Ich denke, wir suchen erstmal heimatnah in der elterlichen Umgebung. Da ist noch ein Heim, das von vielen mit denen ich sprach, sehr hervorgehoben wurde. Allerdings eine geschlossene Einrichtung und da sind die Mitbewohner wahrscheinlich auch herausfordernd... Mir gehen die Ideen aus. Ich spiele mit dem Gedanken in die Stadt meiner Eltern zu ziehen. Das wäre schon ein großer Schritt, aber machbar.

  • Vielen Dank für jedes einzelne liebe Wort von Euch. Es tut mir gut.


    Die zahlreichen Berichte aus "euren" Heimen machen mir Hoffnung, dass wir etwas besseres finden. Am besten wäre es, für beide Elternteile etwas zu finden... Aber davon wird meine Mutter nichts wissen wollen. Und das kann ich sogar verstehen.


    Ihr Geisteszustand ist allerdings zusätzlich besorgniserregend. Sie hatte sich neulich sehr belastet gezeigt, dass mein Vater ihr bis zu 20mal am Tag auf den AB quatscht. Heute erzählt sie mir, dass "sie" es geschafft hätten, den AB abzuschalten. Sie wäre aber froh, dass sie den Schalter gefunden hätte, ihn wieder anzustellen. Ich dachte zunächst, es wären Nachbarn aus dem Haus gewesen, die ihr geholfen hätten, den AB abzustellen. Ich habe dann nochmal nachgefragt, wer denn "sie" seien. Sie meinte dann die Leute vom Heim. Die hätten es geschafft, den AB in ihrem Telefon abzustellen. Aus der Ferne.


    Okay. Technik war nicht ihr Fachgebiet. Aber solche absurden Vorstellungen sind schon krass.... Ich bleibe auch an dieser Front wachsam...


    Ermattete Grüße

    Sabine

  • Hallo Sabine, du schriebst zuvor, dass deine Mutter Anzeichen einer massiven Depression zeige. Eine Depression kann eine Demenz vortäuschen. Soweit, dass die Betroffenen gängige Demenztests nicht bestehen. Ist bei meiner Großmutter passiert. Sie fiel durch den Uhrentest und der Neurologe/Psychiater diagnostizierte Alzheimer. Nachdem die Depression auf Betreiben eines Geriaters, dem ich bis heute dankbar bin, und einer anderen Psychiaterin erfolgreich behandelt wurde, war der Uhrentest kein Problem mehr. Es ist wichtig, dass deine Mutter behandelt wird. Vielleicht sieht sie nun ja ein, dass sie mit der Verantwortung für deinen Vater überfordert ist und delegiert sie endlich an dich.

  • Lieber Hinz.

    Vielen Dank für den hilfreichen Hinweis. Es ist echt schwer, mich gleichzeitig um beide ausreichend zu kümmern. Noch dazu 100km entfernt. Ich hoffe auch, dass meine Mutter jetzt ein Einsehen hat und mir die Vollmachten überträgt.


    Liebe Grüße

    Sabine

  • Übermorgen hole ich meinen Vater zu mir. Es ist nicht mehr auszuhalten, wie er im Heim behandelt wird. Er baut so stark ab und ist sehr deprimiert. Ich habe mir jetzt erstmal frei genommen. Mit Ostern sind es 10 Tage, wir können schauen wie es uns geht mit der Situation hier bei mir... Ich bin sehr gespannt. Wenn es nicht geht, muss er erstmal zurück. Wenn es gut klappt, schauen wir weiter. Ich hatte für alles in meinem Leben immer ein Plan B. Jetzt habe ich keinen... Ein Zurück in dieses unschöne Heim kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Nur wenn es gar nicht anders geht.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sabine67, ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie in den Tagen eine gute Entscheidung treffen können. Leider können Sie davon ausgehen, dass Ihr Vater nicht in ein geschlossenes Heim aufgenommen werden kann, da ein Richter dies - nach den vorliegenden Informationen - kaum veranlassen wird.


    Insofern können Sie vielleicht an Ihren PlanB vor einigen Monaten anknüpfen und nach Alternativen in Ihrer Gegend suchen.


    Es ist gut möglich, dass Ihre Mutter dann auch auf Sie zukommt. Ist der Neurologe auch bei Ihrer Mutter tätig? Sie braucht eindeutig Hilfe.


    Bezüglich der Antidepressiva ist noch wichtig, dass diese (eigentlich) nur ein Baustein in der Behandlung einer Depression sind und die menschliche Beziehung und die Aushandlungsprozesse nicht ersetzen können. Natürlich sind sie auch kein Schutz, wenn ein Mitbewohner Ihren Vater über den Flur jagt...


    Wichtig sind die Klarheit und die Entscheidungsfreude der Menschen, die es gut mit dem depressiven Angehörigen meinen und deshalb an der Stelle ansetzen, an der die Depression den Antrieb und die kognitive Bewertung verzerrt oder wie ich es gern sage "boykottiert". Da brauchen sowohl Ihre Mutter wie Ihr Vater die Klarheit ihrer Tochter und nicht ein weiter-so in einem krankmachendem Beziehungsgeflecht...


    Alles Gute für die nächsten 10 Tage, in denen sicher sehr viel deutlich wird!

    Ihr Martin Hamborg

  • Liebe Sabine,

    ich wünsche dir erstmal eine schöne Zeit mit deinem Vater. Du hast dir so viele Gedanken gemacht in der letzten Zeit und deshalb hoffe ich für euch, ihr könnt gemeinsam etwas zur Ruhe kommen in den nächsten Tagen.

    Trotz all deinen Gedanken, wie es weitergehen könnte, hab ich immer noch deine ersten Zeilen mit der Demenz- WG im Kopf. Das schien mir schlüssig in viele Richtungen.

    Die Wünsche und Vorstellungen deines Vaters, die kürzere Entfernung zu dir könnten doch positiv wirken. Wenn ich mich richtig erinnere, war die Entfernung zu deiner Mutter 20km. Das fände ich kein Problem, es ist zu händeln. Du bist ein Organisationstalent!

    Weiterhin wäre die Betreuung und Pflege dort speziell auf Demenz ausgerichtet.

    Vielleicht kommt ihre beide nochmals darauf zurück in den nächsten Tagen.

    Das ist meine Meinung und mein Gefühl und ich wollte es dir gerne mitteilen.

    Eine schöne Zeit und alles Liebe ❤️

  • ach ihr seid so lieb. Eure Worte tun mir gut. Der Alltag ist sehr herausfordernd. Die schlechten Stimmungen für mich auch immer schwer auszuhalten. Nicht immer habe ich da die nötige Geduld. Der Vergiftungswahn ist ständig präsent. Das ist auch sehr belastend. Jede Tablette, jedes Stück Brot eine Herausforderung. Und ich glaube, die Ängste müssen noch mal im Krankenhaus begutachtet werden. Trotzdem bin ich total happy dass er hier ist und hier und da haben wir auch wirklich schöne Momente. Heute zusammen gekocht. An dem Ergebnis wurde ziemlich rumgemeckelt. Auch daran gewöhne ich mich.


    Durch diese viele Zeit alleine in dem Heim, hat er eine Art Hospitalismus entwickelt, führt Selbstgespräche. Das merkt er aber gar nicht... es ist ein lautes Denken und dann höre ich was er wirklich denkt. Auch das ist für mich sehr herausfordernd. Z.B sagt er mir, wie schön es hier ist. Wie sehr er meine Wohnung mag. Und dann steht er im Bad und putzt sich die Zähne und redet mich sich selber, dass er sich ganz unwohl fühlt und hier nicht bleiben möchte...


    Heute habe ich den Versuch gemacht, ihn in der Nachbarschaft in einer psychiatrischen Klinik mal noch mal untersuchen zu lassen. Da sind wir aber gescheitert. Weil er ja in der anderen Stadt wohnt, würde er jetzt hier nirgendwo aufgenommen.


    Jetzt schauen wir mal wie die nächsten Tage werden. Zum Glück hat mir meine Mutter endlich die Vollmacht übertragen. So dass ich selbständig agieren kann. Ich stimme das alles eng mit ihr ab und wir haben das Gefühl, dass es uns damit sehr viel besser geht. Als diese Streitereien noch nebenbei.


    Wir haben heute auch schon darüber gesprochen, das Heim auf jeden Fall zu kündigen. Es muss eine andere Lösung geben...


    Ermattete Grüße

    Sabine

  • Heute habe ich den Versuch gemacht, ihn in der Nachbarschaft in einer psychiatrischen Klinik mal noch mal untersuchen zu lassen. Da sind wir aber gescheitert. Weil er ja in der anderen Stadt wohnt, würde er jetzt hier nirgendwo aufgenommen.

    Es gibt eine regionale Versorgungsverpflichtung, die besagt, dass Psychiatrien die Patient*innen aus einem definierten Gebiet aufnehmen müssen. Das heißt aber nicht, dass sie nur Patient*innen aus diesem Gebiet aufnehmen dürfen.

  • Danke lieber Hinz für den Hinweis. Leider. Der Wohnort ist entscheidend. Und hier in meiner Stadt hat er nur Gaststatus. Ich könnte ihn aber problemlos ummelden. Als Option.... Ich schaue wie sich die Lage entwickelt...


    Krass wie überlastet die Psychiatrien sind...


    Liebe Grüße

    Sabine

  • Liebe Sabine,

    Das ist wirklich eine große Belastung für dich (und deinen Vater wegen der Symptome natürlich).

    Ich habe hier im Forum gelegentlich von "Vergiftungswahn" gelesen, das gibt es leider öfter und vllt meldet sich noch martinhamborg dazu, ob es eine bestimmte Form der Demenz betrifft mit spezieller Behandlung? Ich erinnere mich nicht , bin ja auch Laie..

    Kannst du einen Neurologen dazu befragen?

    Und ehrlich gesagt vermute ich auch, dass es nicht nur dem Heim geschuldet ist mit dieser Symptomatik. Trotzdem natürlich würde ich auch wollen, dass ihr eine akzeptablere Einrichtung findet.

    Zu Bedenken gebe ich allerdings auch, dass z.B.meine Mutter sich anfangs ziemlich gewehrt hat und nicht zu der Gruppe der Heimbewohner gehören wollte, obwohl das Heim gut geführt wird etc.

    Ich drücke euch die Daumen!!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sabine67, zunächst Glückwunsch, dass Sie nun endlich die Vollmacht von Ihrer Mutter bekommen haben, dies bestätigt noch mal, wie wichtig es (auch für Ihre Mutter) ist, dass Sie handeln und entscheiden!

    Respekt, wie Sie sich gerade um Ihren Vater kümmern und ihn in seiner Not noch einmal anders wahrnehmen.


    Bei einen Vergiftungswahn sprechen wir von einer irrealen und unbeeinflussbaren ablehnenden Haltung, eingebettet in ein stabiles Wahnsystem.

    Häufiger ist aber die Ablehnung durch die nicht unberechtigten Ängste z.B. vor Nebenwirkung und Kontrollverlust. Bei einem echten Wahn werden oft auch die gutmeinenden und geliebten Angehörigen in das Wahnsystem eingebaut, wenn sie die Wahngedanken nicht bestätigen.


    Oft helfen dann nur noch die sogenannten Neuroleptika, die den Wahndruck und die irrealen Ängste abmildern oder wie ich es gern sage in "Watte packen".

    Aber Medikamente können nur schwer das Vertrauen ersetzen, dass Ihr Vater in seine Tochter hat. Ich würde die negativen Selbstgespräche im Bad nicht überbewerten, sie entstehen vermutlich mehr aus seiner Depression, seiner Demenz und der Zeit im Heim, in der es viele Gründe gab, auch Hospitalismus-Symptome wie Selbstgespräche, Automatismen u.a. zu entwickeln. Wenn er seine Tochter gerade nicht sieht, kann er möglicherweise diese Symptomatik nicht mehr kontrollieren.


    So wie ich Sie kennengelernt habe, werden Sie Ihren Vater gut beobachten und so wertvolle Hinweise bekommen, die dann ein Psychiater für die passgenaue Medikation benötigt. Das ist vermutlich für Ihren Vater besser als eine geplante Einweisung.

    Alles Gute für die nächsten Tage und viel Glück für den PlanB.... Ihr Martin Hamborg

  • Lieber Herr Hamborg.

    Ihre Hinweise sind wieder einmal super hilfreich. Vielen Dank. Ich hatte ein langes Gespräch mit dem Neurologen, der meinen Vater schon lange behandelt. Er hat mir genau es mir genauso erklärt wie Sie. Es ist ein Austarieren zwischen den Wahnvorstellungen und den Nebenwirkungen. Der Neurologe hat mir auch von einer Einweisung abgeraten (es war für mich auch eher ein Akrt der Verzweiflung, weil ich das Gefühl hatte, ich schaffe es nicht...). Und er hat mir empfohlen, einige Antidepressiva wegzulassen und ein bisschen "auf Sicht zu fahren".


    Ich verstehe jetzt vieles besser und fühle mich sicherer in der Medikation. Jetzt kann ich je nach mentaler Verfassung "nachlegen" oder weglassen. Das fühlt sich für mich machbarer an...

    Aber dennoch ist es mehr als herausfordernd. Er ist nicht mehr in der Lage Zusammenhänge zu erfassen. Fragt 100mal am Tag wo er ist. Wenn es ihm ganz gut geht, fühlt er sich wie im alten Leben und denkt ich wäre seine Frau, auch wenn er immer meinen Namen weiß und sich mit kleinen Hinweisen sofort erinnert, dass ich seine Tochter bin.


    Seine Trauer über den Verlust der kognitiven Fähigkeiten ist schwer auszuhalten. Er weint auch hin und wieder. Aber er freut sich auch über einen Gang vor die Tür, obwohl es viele eher beschwerliche Stufen sind (Dachgeschoßwohnung). Einen gemeinsamen Einkauf im Supermarkt und ein schönes Essen...


    Nach Ostern habe ich dann hoffentlich relativ schnell Unterstützung durch einen mobilen Pflege-Dienst. Zwischenzeitlich überbrücke ich mit Freunden und Nachbarn. Auch das "Parken" am Telefon entlastet.


    Aber es geht nur für ein paar Wochen. Mehr schaffe ich nicht... Nach 4 Tagen 24 Std Pflege bin ich schon ziemlich am Ende. Großer Respekt für alle, die das länger machen. Aber ich liebe meine Arbeit und mein eigenes Leben. Und meine Wohnung ist so gar nicht auf den Grad der Pflegebedürftigkeit ausgerichtet (viele Treppen, Dusche in der Wanne usw. ).


    Dennoch fühlt es sich richtig an, ihn aus der schlechten Pflege zu holen. Und ich genieße trotz aller Anstrengung die gemeinsame Zeit. Diese Nähe und so viel Zeit am Stück werden wir ein letztes Mal miteinander haben... Die Demenz allein ist schon so bitter, zusammen mit den Wahnvorstellungen und der Schizophrenie ein sehr schlimmes Schicksal.


    Aber das darf nicht mein Leben zerstören. Darauf achte ich. Er darf ein paar Wochen hier bleiben. Wenn es danach keine gute Lösung gibt, muss ich eine mittelgute oder mittelschlechte akzeptieren. Das sehe ich ganz klar...


    Erschöpfte Grüße

    Sabine

  • Sabine67

    Hat den Titel des Themas von „Demenz im Pflegeheim“ zu „Demenz im“ geändert.

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