Demenz im Alltag

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  • Ich war mit meiner Mutter wählen.

    Wir waren auch zusammen wählen. Vor dem Wahllokal meinte mein Vater dann, er hätte sich doch noch gar nicht so richtig mit den Parteiprogrammen und deren Europapolitik auseinandergesetzt ;).


    Ich habe ihm "empfohlen", die Partei mit dem S vorne zu wählen. (da ist er schon lange Parteimitglied). Wahlberichterstattung haben wir zusammen geschaut und er kriegt es noch so weit hin, die Prozentpunkte der Parteien aus dem rechten und linken Spektrum zu addieren und zu vergleichen. Und ein Entsetzen über die Gewinne der Rechtsaußen... Komplexe Themen kann er nicht mehr überblicken, aber das Interesse an Politik gehörte halt immer dazu... Und ich freue mich, dass das immer noch so ist.


    Liebe Grüße

    Sabine

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sabine67, auch von meiner Seite einen herzlichen Glückwunsch für den WG-Platz.


    Es hört sich sehr gut an und als Mitglied des WG-Angehörigen-Vereins haben Sie viele Möglichkeiten mitzugestalten, auch bezüglich der Interessen Ihres Vaters.

    Vermutlich werden Sie die ersten Wochen engmaschig begleiten, bis er seinen Platz gefunden hat und vielleicht Aufgaben in der Gemeinschaft übernehmen kann. Da die Nächte in WG`s oft von Student*innen übernommen werden, findet Ihr Vater vielleicht Abends interessante Gespräche.


    Haben Sie einen Plan für die Telefonate mit seiner Frau?

    Ist es sinnvoll, diese erst einmal auszusetzen, bis er sich eingelebt hat?


    So wie Sie Ihren Vater bisher beschreiben, wird er auch Zeit zum Trauern brauchen und dazu gehören auch die Gedanken zurück zu Ihrer Mutter zu gehen. Wenn Sie dies als Zeichen der Trauer erkennen, können Sie vielleicht trösten und nicht zweifeln!

    Viel Glück, Ihr Martin Hamborg

  • Lieber martinhamborg.

    Noch ist es nicht "in trockenen Tüchern", aber ich bin sehr zuversichtlich und ich habe heute viel mit meinem Vater darüber gesprochen. Er ist absolut positiv demgegenüber. Ich habe ihm auch erklärt, dass die meisten einen wesentlich höheren Pflegebedarf haben als er. Er sieht auch das positiv. "Ist doch gut, kann ja von heute auf morgen sein, dass ich auch viel mehr Hilfe brauche und dann ist schon alles organisiert." Seine grundoptimistische Haltung geht wohl auch durch Demenz (vorerst) nicht verloren.


    Was meine Mutter angeht, haben wir wohl das Jammertal durchschritten und sind wieder auf dem Bergweg. Er akzeptiert ihre Distanziertheit und ist nicht mehr so traurig darüber. Auch das schöne Zuhause scheint nicht mehr so wichtig zu sein. Er sagt immer wieder, dass das alles hier das Beste ist, was ihm passieren konnte! Das ist für mich sehr schön.


    Zur Eingewöhnung lass ich mich dann beraten. Da eine WG ja durch ambulante Pflege Dienste betreut wird, bleibt mir die Möglichkeit der Familienpflegezeit mit Stundenreduzierung in der Arbeit erhalten. Ich werde dann, wenn alles so klappt, in den ersten Monaten nur halbtags arbeiten (meist im Homeoffice) und kann an den Nachmittage und Wochenenden für ihn da sein. Bis er mental angekommen ist. Dann kann ich schrittweise loslassen!


    In "unserer" WG ist es auch so, dass nachts Student*innen da sind. Da werde ich einfach schauen, wie die Abende sich ohne mich gestalten lassen.


    Wir sind schon ganz aufgeregt und freuen uns auf den gemeinsamen Besuch morgen in der WG!


    Liebe Grüße Sabine

  • Liebe Sabine,


    ich wünsche Euch einen guten Einstieg in das neue WG-Leben und finde es ganz toll, wie Dein Vater das alles meistert.

    Ohne Deine tätige Hilfe wäre er aber nicht so weit gekommen, den Verdienst darfst Du Dir ganz allein zuschreiben.


    Es ist (ich muss dieses alte Wort benutzen) herzerfrischend zu sehen, wie ein guter Übergang in eine Betreuung durch Fachkräfte gelingen kann.


    Ich hatte auf Einladung der Duisburger Alzheimer-Gesellschaft Anfang Mai an einer Fachtagung der Uni Duisburg teilgenommen. Das Thema war

    Demenz und Technik. Ein Pflegedienst, der sich auf die Betreuung dementiell veränderter Pflegebedürftiger spezialisiert hat, stellte sich vor.

    Sie führen in verschiedenen Städten in NRW auch Wohngruppen.

    Sie stellten ihr Konzept vor und ich war ganz fasziniert. Das wäre am Anfang auch noch eine Möglichkeit für meine Mutter gewesen.


    Ich hatte mir darunter nämlich immer so was wie Betreutes Wohnen vorgestellt. Aber die Bewohner können dort bis zum Ende bleiben.

    Gut, bis zu so einem Ende wie bei meiner Mutter wahrscheinlich nicht. Aber das soll hier nicht Thema sein.


    Ich freu mich aufrichtig für Euch!

  • ch hatte mir darunter nämlich immer so was wie Betreutes Wohnen vorgestellt. Aber die Bewohner können dort bis zum Ende bleiben.

    Liebe Sabine,

    PausE hat hier zwar in einem anderen Zusammenhang noch diesen wichtigen Punkt angesprochen. Die Frage, ob dein Vater dort in der WG auch bis zum „Ende“ verbleiben kann, solltest du unbedingt stellen.

    Auch meine Mutter lebt ja im betreuten Wohnen und ich habe das Problem vor Unterzeichnung des Mietvertrages abgeklärt. Es wurde mir durch den Vermieter, der gleichzeitig Leiter des Pflegedienstes ist, zugesichert, dass die Pflege bis zum Tode in der Wohnung sichergestellt wird. Der Mietvertrag selbst sagt aus, dass eine Kündigung seitens des Vermieters allein auf Grund von Mietrückstand möglich ist.


    Viel Glück heute, du hast sehr gute Voraussetzungen 🍀

  • Ich hatte mir darunter nämlich immer so was wie Betreutes Wohnen vorgestellt. Aber die Bewohner können dort bis zum Ende bleiben.

    Gut, bis zu so einem Ende wie bei meiner Mutter wahrscheinlich nicht. Aber das soll hier nicht Thema sein.

    Liebe Pause, liebe Stern,


    bei meiner Mutter ist es ein betreutes Wohnen mit integriertem Pflegedienst, das auch ein bisschen WG-Charakter hat.

    Man hat uns definitiv zugesichert, dass eine Pflege bis zum Tod gewährleistet ist und es bisher kaum Fälle gab, in denen das nicht möglich war. Ich konnte es angesichts mancher schwieriger Fälle kaum glauben, aber über die letzten Jahre hinweg beobachten: Es ist tatsächlich möglich gewesen. Wenn das also zugesichert wird, scheinen die Strukturen diese Möglichkeit zu erlauben.

  • Als ich damals diese Frage mit der Leiterin der Einrichtung besprochen habe, erhielt ich sogar die Antwort „alles andere als die Möglichkeit bis zum Tode hier zu wohnen, würde für uns keinen Sinn ergeben“. Dieser Satz hat mir Vertrauen gegeben. Zusätzlich hatten wir gleichzeitig noch den aktuellen Beweis, denn die Wohnung meiner Mutter wurde gerade frei, weil die frühere Bewohnerin gerade verstorben war.

  • Liebe Alle!

    Der Besuch in der WG war spannend für uns, aber mein Vater fand es wirklich schön dort. Es ist auch ein wirklich wunderschöner Ort umgeben von viel Grün. Auch das Zimmer gefiel ihm und wir können es schön für ihn einrichten. Tagsüber ist viel Personal anwesend und insgesamt machte es einen ruhigen, gemütlichen Eindruck.


    Es gibt eine Wohngruppen Leitung, die jeden Tag von 08.00 Uhr bis 16.00 Uhr vor Ort ist. Zusätzlich zwei Pfelgekräfte, Praktikant*innen, Ehrenamtler. Nachmittags kommen an drei Tagen zusätzlich Alltagsbegleiter für Spaziergängen, Musizieren, Basteln usw.


    Allerdings sind wirklich fast alle in einem eher fortgeschrittenen Demenz Stadium. 5 von 8 Personen sprechen kaum noch. Das ist natürlich schon eine spezielle Gruppe.


    Zu Hause kam dann doch etwas der Blues bei meinem Vater durch. Weil es eben hier bei mir und meiner vollen Aufmerksamkeit sehr schön für ihn ist. Gespräche mit meiner Mutter ziehen ihn weiter runter. Er berichtet von dem Besuch und dass wir jetzt einen Möbeltransport organisieren werden und Möbel aus der Wohnung holen. Meine Mutter reagiert mit "Ja. Okay. Könnt ihr machen mit den Möbeln" und erzählt dann von ihren Arztbesuchen usw. Es gab keinerlei Nachfrage zu dem Besuch. Als wären wir beim Kaffeeklatsch gewesen. Mein Vater hat sie mehrfach gebeten, fast angefleht, nach K. zu kommen und mal die WG anzusehen und ihn zur Einrichtung zu beraten. Sie sagt aber, es gehe ihr nicht gut und sie könne nicht kommen. Ohne Empathie oder eine Spur des Bedauerns...


    Das zieht uns beide immer so dermaßen runter, dass wir uns gar nicht über das neue Zimmer freuen konnten. Frage an martinhamborg, sollte ich meinen Vater zu einer Kontaktpause überreden? Ich bräuchte die auch für mich ganz dringend, weil ich das Leid, was sie bei meinem Vater anrichtet, nicht auffangen kann und will (und darüber immer richtig wütend werde).


    Aber trotzdem freue ich mich natürlich, dass mein Vater hier in der Nähe so einen schönen Platz hat. Und ab morgen stürzen wir uns in die Gestaltungspläne des neuen Zimmers.


    Liebe Grüße Sabine


    P. S. Ja, die WG ist ein Ort, an dem man üblicherweise nicht mehr auszieht und an dem auch ein friedliches Ende gefunden werden kann. Für mich auch tröstlich, denn ich werde nun Teil dieser Gemeinschaft und ich werde dann nicht allein sein, wenn es mal zu Ende geht, sondern dann hoffentlich unter vertrauten Menschen.

  • Herzlichen Glückwunsch zu der WG!


    Auch wenn JETZT so viele dort schon weiter in der Demenz sind, kanns ich das doch ständig ändern. Vielleicht zieht bei der nächsten Gelegenheit jemand ein, mit dem Dein Vater auf der selben Wellenlänge schwimmt.


    Zu Deiner Mutter. So lange ihr mit dem Umzug, Einrichtung etc. beschäftigt seit, würde ich den Kontakt meiden. Dieses immer wieder enttäuscht werden, empfinde ich als schlimmer als überhaupt keinen Kontakt.


    Ich wünsche Euch, dass Dein Vater sich schnell einleben kann und ihr beiden dann gemeinsam die Stadt mit der dicken Kirche unsicher machen könnt.


    Geht er denn weiter in die Tagespflege? Dann hat er doch zusätzlich Ablenkung. Spricht Dein Vater noch gerne über Architektur? Er ist doch Architekt? Vielleicht kann man einen Studenten oder eine Studentin finden, die sich nebenbei was verdienen möchte und 1 oder 2 Mal die Woche zu Deinem Vater kommt. In der Stadt der dicken Kirche gibt es doch bestimmt Gebäude, die für beide interessant wären.


    Wir hatten auch so einen schönen WG Platz damals für Schwiegermutter. Nur 18 Bewohner, alles sehr individuell, aber das hat uns die Ärztin im KH kaputt gemacht, indem sie Schwiegermutter eine "Wunderheilung" durch Reha eingeredet hat.

  • Liebe Schwiegertochter71.

    Vielen Dank für deine lieben Glückwünsche. Schön zu lesen, dass ihr es gut fandet mit dem Konzept WG. Bei "uns" sind es ja nur 8 Bewohner*innen. Und die Zusammensetzung wird sich ja auch ändern und ich habe dann als Angehörige auch Einfluss darauf.


    Beschäftigungsangebote gibt es dort auch und damit er sich dort schnell einlebt, würde ich ihn nicht noch zusätzlich die Tagespflege schicken. Samstags kommt sogar ein Rikscha-Fahrer! Wir werden sehen, wie es sich entwickelt. Wenn er erstmal wieder in seine schönen und vertrauten Möbel wohnt, fühlt er sich bestimmt wohl dort. Und für die erste Zeit bin ich jeden Tag nachmittags dort und er kann mich auch hier besuchen. Der Fußweg ist 400m.


    Ein Bewohner ist auch noch voll mobil und macht einen sehr netten Eindruck. Er kennt aber die Gegend nicht und dreht immer nur die Runden ums Haus. Ich kann ihn ja dann einfach oft zu Spaziergängen mitnehmen und die beiden Männer lernen sich schnell besser kennen. Vielleicht verstehen sie sich.


    Gestern Abend hatte ich noch einen Anflug von "das kann ich meinem Vater nicht antun zwischen so stark Dementen zu wohnen." Aber es hilft ja nichts. Und die unmittelbare Nähe zu mir, die wunderbare Umgebung mitten im Park und die Freundlichkeit der Pflegekräften sind echt ein Hauptgewinn. Perspektivisch wird er davon profitieren, wenn er selber auf viel mehr Hilfe angewiesen ist.


    Bis dahin machen wir das Beste daraus! Zum Glück kommt jetzt erstmal der Sommer. Hoffentlich bald!


    Liebe Grüße Sabine

  • Heute Zimmerabnahme. Nächste Woche Möbel Transport und dann am übernächsten Samstag Einzug. Mein Vater war nach dem heutigen Besuch sehr deprimiert. Die Vorstellung, dort zu leben, bedrückt ihn. Das Desinteresse meiner Mutter zusätzlich. So sitzen wir abends hier bei gedrückter Stimmung...


    Es hilft kaum, die Vorteile aufzuzählen und die noch schlechteren Alternativen vor Augen zu führen. Ich hoffe einfach, dass er es mit der Zeit akzeptieren kann. Das ist schon sehr belastend für mich. Aber viele von Euch werden es auch erlebt und ausgehalten haben. Mir hilft, mir selbst vor Augen zu führen, daß ich keine Schuld daran habe. Weder an der Krankheit noch an dem empathielosen Verhalten meiner Mutter. Und jetzt das beste rausgeholt habe, was möglich war. Ich kann nur trösten und Mut machen.


    In der Eingewöhnung werde ich ihn eng begleiten und dann möchte ich wieder ein bisschen normales Leben für mich. Ich selbst freue mich auf das Leben in dieser Gemeinschaft aus Bewohnern, Angehörigen und Pflegekräften und hoffe, dass mein Vater auch bald Positives darin finden wird.


    Liebe Grüße Sabine

  • Liebe Sabine67,


    ich kann mir so gut vorstellen, wie ihr da heute Abend saßt. Eigentlich ein guter Tag, und dann Trauer. Ich kann deinen Vater gut verstehen. Sein Leben löst sich auf, er spürt seine Krankheit, hätte gern alles wie früher. Einem geistig Gesunden mit einer körperlichen Erkrankung, die auf zunehmende Pflegebedürftigkeit hinausläuft - auch der wäre deprimiert. Weil er in seinem Alter unfreiwillig in eine fremde Umgebung muss. Nicht wissend, was ihn erwartet. Seine Frau ihn "nicht will". Desinteressiert, empathielos, wie auch immer.


    Rechne bitte damit, dass immer wieder etwas wie "es ist doch so schön hier mit dir in der Wohnung" oder "möchte doch lieber nach Hause" kommen wird.

    Auch nach einem Umzug


    Haltet durch. Die Einrichtung klingt wirklich gut. Nah bei dir. Hol dir mit deinem normalen Leben die Kraft zurück, deinem Vater weiter zu helfen.



    Chili

  • Liebe Sabine,

    eure bedrücke Stimmung verstehe ich sehr sehr gut und ich möchte das, was Chili schon geschrieben hat, nur bekräftigen.

    Du hast dir nun so lange den Kopf zerbrochen, viele Ideen gehabt und sie am nächsten Tag wieder verworfen und jetzt habt ihr endlich eine gute Lösung gefunden. Daran müsst ihr unbedingt festhalten und dafür wirst du deinem Vater wahrscheinlich noch sehr sehr oft die Vorteile der WG erklären müssen.

    Eine neue Phase und wieder musst du stark sein!

    Der Satz der Sätze „Ich will nach Hause“, ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon von meiner Mutter gehört habe. Aber genauso oft hat er mir schon so weh getan. Ich habe mittlerweile die Hoffnung aufgegeben, von meiner Mutter so etwas zu hören wie „ich finde es schön hier“ oder ähnliches. Ich denke fast, das wird sich erst geben, wenn die Demenz noch weiter fortgeschritten ist.

    Wir alle hier kennen ja diesen holprigen Weg, den wir mit der Demenz unserer Eltern gehen (müssen). Du hast schon so viele große Steine überschritten und das wirst du auch weiterhin schaffen!

    Bleib bitte so stark, wie wir dich hier kennen!


    Jetzt richtet ihr erstmal gemeinsam das Zimmer für deinen Vater schön ein, ganz so, wie es ihm gefällt, mit seinen schönen Möbeln. Freut euch darauf!


    Alles Liebe ♥️

  • Es hilft kaum, die Vorteile aufzuzählen und die noch schlechteren Alternativen vor Augen zu führen. Ich hoffe einfach, dass er es mit der Zeit akzeptieren kann. Das ist schon sehr belastend für mich. Aber viele von Euch werden es auch erlebt und ausgehalten haben. Mir hilft, mir selbst vor Augen zu führen, daß ich keine Schuld daran habe. Weder an der Krankheit noch an dem empathielosen Verhalten meiner Mutter. Und jetzt das beste rausgeholt habe, was möglich war. Ich kann nur trösten und Mut machen.

    Liebe Sabine, wie du auch schon weißt, ist euer beider (dein Vater und du) emotionales Verhalten in solch einer einschneidenden Phase des Lebens und in eurer speziellen Situation völlig normal. Es wäre fast erstaunlich, wenn es anders wäre.


    Die Abschiede werden mit zunehmendem Lebensalter bei jedem von uns immer endgültiger und schmerzhafter, denn die mit den Abschieden verbundenen Verluste können immer weniger aufgefangen werden durch spannendes Neues. Das spürt dein Vater (trotz Demenz) und es zeigt, dass die Demenz bei ihm noch nicht allumfassend ist.


    Dennoch ... So wie du die WG beschreibst, wird er noch einmal einen Neubeginn erleben und du hast alles dafür getan, dass dieser schön und gut werden kann. Vielleicht musst du bei der engmaschigen Betreuung auch ein, zwei Schritte zurücktreten und auch selbst schon ein bisschen mehr Abschied nehmen, damit dein Vater sich gut einleben kann? Das wirst du beobachten.


    Du kannst an den anderen Bewohnern sehen, dass die Demenz weiter fortschreiten wird, was sogar für das Empfinden deines Vaters positiv sein kann. Wir sehen ja von außen nur den Verlust, weil wir alles mit früher vergleichen. Aber die demente Person fühlt diesen Verlust schon bald gar nicht mehr, wenn wir sie nicht permanent darin festhalten.


    ((Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass diese sogenannte Biografiearbeit immer mit Vorsicht stattfinden sollte und stets mit Blick auf die Reaktionen der dementen Menschen. Man darf m.E. diese Erinnerungsarbeit nicht zum eigenen Zweck machen, sondern muss schauen, was der Person gut tut. Wir lassen meine Mutter komplett damit in Ruhe - sie vermisst nichts mehr und das ist für sie gut so. Für uns nicht, aber damit müssen wir fertig werden.))


    Aber so, wie du euer Verhältnis beschreibst, schaust du sehr genau darauf, was deinem Vater gut tut.

    Vielleicht gelingt es dir auch, den verständlichen Groll auf deine Mutter beiseite zu schieben - das tut dir nur weh und es tut gar nicht gut. Auch sie steht ja schon am Ende eines Weges / ihres Weges und nicht jeder hat so gelebt bzw. hat die Gabe, diese letzte schwere Wegstrecke sehr gut zu meistern. Gehen muss man den Weg trotzdem und sie geht ihn eben so, wie es ihr möglich ist.


    Super, dass du dich jetzt wieder mehr auf deine Interessen konzentrieren kannst, nachdem du alles (!!!!) für deinen Vater getan hast. Das ist sooo wichtig!


    Auf alle Fälle wird alles gut werden - davon bin ich überzeugt. Ich bin gespannt, was du berichtest. Ganz liebe Grüße

  • Liebe Sabine,

    ich kann es mir auch gerade so gut vorstellen, wie es für dich mit deinem Vater ist..

    Du kannst es nun nur auf dich/euch zukommen lassen, hast wirklich alles gegeben, außer dein Leben dauerhaft aufzugeben (UND deine Gesundheit nicht zu vergessen!). Mehr geht nicht und diese Phase gilt es nun irgendwie auszuhalten.

    Meine Mutter hat seit längerer Zeit das Gefühl, sie ist wieder im Ort ihrer Kindheit, ein anderes Mal im letzten Heimatort und da rede ich natürlich nicht dagegen. Das macht es einfacher.

    Und auch bei deinem Vater wird die Krankheit ja fortschreiten, die Mitbewohner werden sich gelegentlich auch vermutlich mal ändern und vllt sind neue "Freundschaften " möglich .. es muss nicht alles furchtbar werden 😉

    Liebe Grüße an dich und alle anderen Leser, ich sende euch ☀️ und Wärme aus der Ferne!

  • Ich glaube den Satz, den ich am meisten bisher in meinem Leben gehört habe, war: ich will wieder in meine Wohnung.


    Begleiten ist gut, lass aber Luft, damit er sich auf die Situation einlassen kann und sich einfindet. Vielleicht sind es auch die unguten Erinnerungen an das 1. Heim.


    Ich drücke Euch jedenfalls die Daumen.

  • Das hört sich doch toll an :)

    Klar gibt es wehmütige Momente. Und ich weiß, das können wir noch soviel reden und du selber noch soviel versuchen dich zusammen zu reißen, das passiert. Ist auch nicht schlimm, so lange man sich nicht auf Dauer herunterziehen lässt.

    Versuche dir immer auch die positiven Dinge vor Augen zu halten.


    Ich habe mal irgendwoher den Tipp bekommen, man soll sich täglich 3 schöne Dinge aufschreiben, die man erlebt hat. Und sei es nur sowas wie "das Mittagessen war lecker". Kleinigkeiten reichen. Ich fand die Idee toll, habe es auch eine Zeit gemacht und dann ist es leider wieder in Vergessenheit geraten.

    Evtl. ist das ja mal ein Tipp, insbesondere wenn die Stimmung negativ ist.

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